»Die Tra­di­tion des Lei­dens muss enden!«
Waris Dirie – ihr muti­ger Kampf gegen weib­li­che Geni­tal­ver­stüm­me­lung

Frauen müs­sen kämp­fen, über­all auf der Welt. Unter­schiede beste­hen jedoch darin, worum gerun­gen wird und wie­viel Ein­satz gefor­dert wird. In den west­li­chen Indus­trie­län­dern strei­ten die Frauen z.B. für die Gleich­be­hand­lung bei der Bezah­lung für geleis­tete Arbeit und um die Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie. In ande­ren Tei­len die­ser Welt kämp­fen Frauen dage­gen um das Über­le­ben und ihr Recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit.

Frauen müs­sen kämp­fen, über­all auf der Welt. Unter­schiede beste­hen jedoch darin, worum gerun­gen wird und wie­viel Ein­satz gefor­dert wird. In den west­li­chen Indus­trie­län­dern strei­ten die Frauen z.B. für die Gleich­be­hand­lung bei der Bezah­lung für geleis­tete Arbeit und um die Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie. In ande­ren Tei­len die­ser Welt kämp­fen Frauen dage­gen um das Über­le­ben und ihr Recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit. So schätzt die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) die Zahl der Frauen, die Opfer einer geni­ta­len Ver­stüm­me­lung wur­den, allein für Afrika auf 130 Mil­lio­nen. Die betrof­fe­nen Frauen rea­gie­ren unter­schied­lich. Viele lei­den leise und schwei­gen aus Angst vor wei­te­ren Repres­sa­lien. Andere bemü­hen sich, zumin­dest ihre Töch­ter vor dem glei­chen Schick­sal zu bewah­ren. Einige wenige wer­den zu Rebel­lin­nen. Waris Dirie ist eine von ihnen

»Wenn man in Soma­lia auf­wächst, kennt man das Gefühl, auf­zu­ste­hen und zu gehen, obwohl man keine Kraft hat.« Diese Aus­sage aus ihrem Buch »Noma­den­toch­ter« ist bezeich­nend für das Leben von Waris Dirie. Sie wächst als eines von zwölf Kin­dern einer Hir­ten­fa­mi­lie aus Ost-Afrika auf. Alle ihre Vor­fah­ren und auch ihre Eltern leb­ten als Noma­den ohne Kalen­der und ohne Uhr. Immer wenn die Zie­gen und Kamele der Fami­lie am jewei­li­gen Lager­platz das Gras abge­fres­sen hat­ten, brach ihr Vater mit­ten in der Nacht auf, damit sie an Was­ser und fri­sches Gras gelan­gen konn­ten, bevor andere Noma­den ihnen zuvor kamen. Die kleine Waris mochte diese Umzüge nicht. Jedes­mal hatte sie Angst, von der Fami­lie ver­ges­sen zu wer­den. Die Kind­heit in Soma­lia hatte aber auch schöne Sei­ten. Sie lernte durch diese Lebens­weise im Ein­klang mit der Natur zu leben und ein­fa­che Dinge wie Was­ser wirk­lich zu schät­zen. Daher sagt sie in ihren Büchern »Wüs­ten­blume« und »Noma­den­toch­ter«, dass sie die schönste Kind­heit am schöns­ten Ort gehabt habe, den man sich für ein Kind nur wün­schen kann.

Die Grau­sam­keit der Beschnei­dung
Ihre Unbe­schwert­heit fin­det ein jähes Ende, als an ihr im Alter von fünf Jah­ren eine soge­nannte »pha­rao­ni­sche Beschnei­dung« vor­ge­nom­men wird. Dabei wird die Kli­to­ris ent­fernt, und auch die klei­nen Scham­lip­pen wer­den voll­stän­dig oder teil­weise weg­ge­schnit­ten, um anschlie­ßend mit Dor­nen zusam­men­ge­hef­tet oder zusam­men­ge­näht zu wer­den. Oft ver­bleibt nur ein streich­holz­kopf­gro­ßes Loch zum Aus­tritt von Urin und Mens­trua­ti­ons­blut. Die Mäd­chen wer­den vor­her über das, was bei die­sem Ein­griff geschieht, im Unkla­ren gelas­sen. So hatte die kleine Waris ihre Mut­ter sogar um die Beschnei­dung gebe­ten, weil alle vor­her behaup­tet hat­ten, die­ser Ein­griff würde sie sau­ber und rein machen. »Ich war noch nicht viel grö­ßer als eine Ziege, als meine Mut­ter mich fest­hielt, wäh­rend eine alte Frau meine Kli­to­ris und die inne­ren Scham­lip­pen abschnitt und die Wunde zunähte«, beschreibt sie die Pro­ze­dur. Ihre Mut­ter hat ihr anschlie­ßend gera­ten, sie solle nicht so viel Was­ser trin­ken, damit die Öff­nung klein bleibe. Außer­dem solle sie auf dem Rücken schla­fen, damit die Wunde flach und glatt ver­heile. Ihrer Schwes­ter Halimo haben diese Rat­schläge nicht gehol­fen. Sie starb an den Fol­gen der Beschnei­dung.
Diese grau­sa­men Erfah­run­gen tei­len Waris und ihre Schwes­ter mit unzäh­li­gen ande­ren Frauen. Welt­weit sind über 130 Mil­lio­nen Frauen und Mäd­chen von der Geni­tal­ver­stüm­me­lung betrof­fen. Jähr­lich kom­men 2 Mil­lio­nen neue Opfer hinzu, was einer Zahl von etwa 6.000 pro Tag ent­spricht. Die Ver­stüm­me­lung wird zumeist bei zwi­schen vier und acht Jahre alten Mäd­chen vor­ge­nom­men, geschieht aber auch im Säug­lings­al­ter und bei jun­gen Frauen. Meist fun­gie­ren ältere Frauen oder Heb­am­men als Beschnei­de­rin­nen, wie über­haupt die Beschnei­dung in die Domäne der Frauen fällt. Die Män­ner bezah­len zwar für den Ein­griff, hal­ten sich aber ansons­ten aus der Affäre her­aus. Als Beschnei­dungs­in­stru­mente die­nen alle schar­fen, mehr oder weni­ger geeig­ne­ten Gegen­stände – wie Rasier­klin­gen, kleine Mes­ser aus Stahl oder Stein, Sche­ren, Glas­scher­ben oder Deckel von Kon­ser­ven­do­sen.

Das Leben mit dem Trauma
Die Motive für den Ein­griff sind viel­fäl­tig. Waris Dirie berich­tet, dass ihre eigene Mut­ter die Beschnei­dung ihrer Toch­ter befür­wor­tet habe, weil in der soma­li­schen Gesell­schaft nur ein beschnit­te­nes Mäd­chen Aus­sicht auf eine Hei­rat habe. Ihre Eltern seien Opfer einer Tra­di­tion, die seit tau­sen­den von Jah­ren unver­än­dert prak­ti­ziert wird. Außer­dem wer­den ver­meint­lich medi­zi­ni­sche Gründe für den Ein­griff ange­führt. So gel­ten in eini­gen Län­der die weib­li­chen Geni­ta­lien als unrein. Eine weit ver­brei­tete Ansicht ist auch, dass eine beschnit­tene Frau für den Mann sexu­ell attrak­ti­ver sei.
Die kör­per­li­chen und see­li­schen Fol­gen der Geni­tal­ver­stüm­me­lung sind immens. Viele Frauen ster­ben bereits unmit­tel­bar nach der Ope­ra­tion – so wie die Schwes­ter von Waris Dirie – an Blut­ver­gif­tung oder Teta­nus. Außer­dem kommt es häu­fig zu Spät­fol­gen in Form von Ent­zün­dun­gen, Abzes­sen und Tumo­ren. Viele Frauen haben nach dem Ein­griff für den Rest ihres Lebens starke Schmer­zen. Es ist ihnen auf­grund der Ver­wach­sun­gen im geni­ta­len Bereich unmög­lich, auf nor­ma­lem Weg Kin­der zur Welt zu brin­gen. So glaubt man z.B. in Sierra Leone, dass der Tod des erst­ge­bo­re­nen Kin­des »nor­mal« sei, da das auf­grund der Beschnei­dung ent­stan­dene Nar­ben­ge­webe bei der Geburt nicht nach­gibt.
Die psy­chi­schen Fol­gen der Ver­stüm­me­lung wur­den noch nicht aus­rei­chend erforscht. Nach Anga­ben der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) rei­chen sie von Ängs­ten über Depres­sio­nen bis zu Psy­cho­sen. Viele Frauen sind durch den Ein­griff so trau­ma­ti­siert, dass sie über­haupt nicht mehr in der Lage sind, ihre Gefühle und Ängste aus­zu­drü­cken.

Der Weg aus dem Schwei­gen
Waris Dirie hat eben­falls unter star­ken kör­per­li­chen und see­li­schen Schmer­zen gelit­ten. Sie war jedoch stark genug, um zu über­le­ben und setzt sich heute für die vie­len ande­ren Frauen und Mäd­chen ein, die das glei­che Schick­sal erlit­ten haben wie sie selbst. Einen ers­ten, muti­gen Schritt zu ihrer Befrei­ung machte sie mit 13 Jah­ren, als sie ihrer Fami­lie davon lief, um einer arran­gier­ten Hei­rat mit einem alten Mann zu ent­ge­hen. Sie floh zu Ver­wand­ten nach Moga­di­schu. Ein Jahr spä­ter ver­ließ sie Afrika und arbei­tete bei einem Onkel in Lon­don als Haus­mäd­chen. Spä­ter wurde sie als Foto­mo­dell ent­deckt und machte eine inter­na­tio­nale Kar­riere. Lange konnte sie mit nie­man­dem dar­über spre­chen, was ihr in ihrer Kind­heit gesche­hen war, doch nach und nach wurde sie immer ent­schlos­se­ner, die Öffent­lich­keit über das durch die Beschnei­dun­gen ver­ur­sachte Lei­den zu infor­mie­ren. 1996 gibt sie ein ers­tes Inter­view in einer deut­schen Zeit­schrift. Dadurch wird eine Lawine aus­ge­löst.
Mitt­ler­weile konnte Waris Dirie welt­weit mit ihren Büchern tau­sende von Men­schen auf das Thema auf­merk­sam machen. Immer noch spricht sie über ihre Erfah­run­gen mit gemisch­ten Gefüh­len. Einer­seits ist es zu ihrem Lebens­in­halt gewor­den, Frauen zu hel­fen, die diese schmerz­hafte Erfah­rung gemacht haben. Ande­rer­seits ist es in ihrer Hei­mat Soma­lia ver­bo­ten, über diese Dinge zu spre­chen. Sie denun­ziert dadurch ihre Fami­lie und eine Tra­di­tion die ihnen sehr viel bedeu­tet. Es fällt ihr daher leich­ter, im Aus­land über ihre Erleb­nisse und ihre Arbeit zu spre­chen, als in Afrika. Den­noch ist sie als UNO-Sonderbotschafterin und für ihre Stif­tung »Waris-Dirie-Foundation« uner­müd­lich im Ein­satz und ris­kiert dabei auch per­sön­li­che Anfein­dun­gen. Bei ihrem ers­ten Besuch in Soma­lia nach mehr als zwan­zig Jah­ren wurde ihr gera­ten, sich nur mit einer bewaff­ne­ten Eskorte und in einem gepan­zer­ten Fahr­zeug zu bewe­gen.
Beson­ders wich­tig ist ihr im Rah­men ihrer Arbeit die Auf­klä­rung. Waris Dirie weiß, dass es sehr schwie­rig ist, eine so alte und weit ver­brei­tete Tra­di­tion wie die der weib­li­chen Beschnei­dung zu ver­än­dern. Es sei jedoch auch gelun­gen zu ver­mit­teln, dass man mit Imp­fun­gen Krank­hei­ten ver­mei­den und dadurch dem Tod ent­rin­nen kann, sagt sie. »Wir wis­sen, dass Frauen keine brünf­ti­gen Tiere sind und ihre Bin­dung an die Fami­lie mit Zunei­gung erwor­ben wer­den muss und nicht durch bar­ba­ri­sche Riten. Es ist an der Zeit, mit der Tra­di­tion des Lei­dens zu bre­chen.«


Beschnei­dung in Deutsch­land
In Deutsch­land leben nach Aus­kunft der Frau­en­schutz­or­ga­ni­sa­tion »Ter­res des Femmes« etwa 24.000 beschnit­tene Migran­tin­nen und etwa 6.000 gefähr­dete Mäd­chen. Die­sen Mäd­chen kann bei einem Auf­ent­halt in ihrem Hei­mat­land die geni­tale Ver­stüm­me­lung dro­hen. Es wurde aber auch in Deutsch­land bereits gegen Ärzte ermit­telt, die den blu­ti­gen Ein­griff für teil­weise hohe Geld­be­träge vor­ge­nom­men haben sol­len. Beson­dere straf­recht­li­che Rege­lun­gen zur weib­li­chen Geni­tal­ver­stüm­me­lung gibt es in Deutsch­land bis­her nicht – in Groß­bri­tan­nien, Frank­reich, Bel­gien, Schwe­den und Öster­reich ist das anders. Nach einem Urteil des Bun­des­ge­richts­ho­fes (BGH) vom Januar 2005 darf jedoch das Sor­ge­recht der Eltern ein­ge­schränkt wer­den, falls es Anhalts­punkte für eine dro­hende Geni­tal­ver­stüm­me­lung eines Mäd­chens im Aus­land oder in Deutsch­land gibt.

Lite­ra­tur
Waris Dirie: Wüs­ten­blume, Ull­stein Ver­lag
Waris Dirie: Noma­den­toch­ter, Ull­stein Ver­lag

Auto­rin: Dr. Clau­dia Rinke
claudia_rinke@yahoo.de

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