Wie kann der Mensch Frei­heit ver­wirk­li­chen?

Alle Men­schen wün­schen sich, glück­lich oder zumin­dest zufrie­den zu sein und gesunde Bezie­hun­gen zu ande­ren zu erle­ben. Warum aber gelingt uns dies oft nicht oder gestal­tet sich im All­tag so schwie­rig? Wie ist es mög­lich, mit uns selbst und mit ande­ren in Frie­den zu leben? Eine Ant­wort geben die Leh­ren Krish­na­mur­tis.

Frei­heit ist ein geis­ti­ger
Zustand – frei sein von Bil–
dern, Vor­stel­lun­gen, Kon–
ditio­nie­run­gen

Jiddu Krish­na­murti (1895 – 1986) gehörte zu den maß­ge­ben­den spi­ri­tu­el­len Per­sön­lich­kei­ten des 20. Jahr­hun­derts. Liebe und Frei­heit, Selbst­er­kennt­nis und Mit­ge­fühl – das sind die exis­ten­ti­el­len The­men des Mensch­seins, über die er immer wie­der sprach. Die zen­trale Frage, um die sein Den­ken kreiste, war die Frage: Wie kann der Mensch Frei­heit ver­wirk­li­chen, und zwar nicht die trü­ge­ri­sche "Frei­heit", zu tun, was einem beliebt, oder die par­ti­elle Frei­heit von die­sem oder jenem Zwang, dem einen oder ande­ren poli­ti­schen System, son­dern die voll­kom­mene innere Frei­heit, die das Lei­den des Men­schen an der Welt tran­szen­diert, die Zeit und Raum, Leben und Tod tran­szen­diert und in der allein wahre Liebe, wah­res Mit-Leiden und damit wahre Freude mög­lich ist.

Krish­na­murti hat vor allem Vor­träge gehal­ten, in denen er ver­suchte, den Men­schen deut­lich zu machen, dass und warum sie nicht frei sind. Krish­na­murti ver­steht unter Frei­heit voll­kom­mene Frei­heit des Geis­tes. "Frei­heit ist ein Zustand des Geis­tes – nicht die Frei­heit von etwas, son­dern das Gefühl der Frei­heit, der Frei­heit alles anzu­zwei­feln und in Frage zu stel­len, und zwar so inten­siv, aktiv und kraft­voll, dass sie jede Art von Abhän­gig­keit, Skla­ve­rei, Anpas­sung und Aner­ken­nung von sich wirft." Unser Geist ist jedoch nicht frei, weil unser Bewusst­sein kon­di­tio­niert ist. Wir alle sind kon­di­tio­niert: ob wir als Euro­päer, Inder, Chi­nese, Mos­lem oder Katho­lik usw. auf­ge­wach­sen sind – wir wer­den geformt durch Natio­na­li­tät, Tra­di­tion, Reli­gion, Spra­che, Erzie­hung, Gewohn­hei­ten, Kon­ven­tio­nen und Pro­pa­ganda jeder Art, und wir iden­ti­fi­zie­ren uns damit. Diese innere, geis­tige Unfrei­heit ist für uns im Gegen­satz zu äuße­rer Unfrei­heit nur sehr schwer zu erken­nen. Wenn wir statt in einem tat­säch­li­chen Gefäng­nis im Gefäng­nis unse­rer Gedan­ken und Kon­di­tio­nie­run­gen fest­sit­zen, dann ist das sehr schwer zu erken­nen, weil diese Art der Unfrei­heit ja von der Gesell­schaft in allen ihren Berei­chen – Reli­gion, Erzie­hung, Poli­tik, Wis­sen­schaft usw. – gepflegt und zemen­tiert wird.

Innere Kon­di­tio­nie­run­gen Krish­na­murti weist uns auf drei fun­da­men­tale innere Kon­di­tio­nie­run­gen hin, die so tief in unse­rem Bewusst­sein ver­wur­zelt sind, dass wir nicht ein­mal erken­nen kön­nen, dass und wie sie uns bestim­men: das Den­ken, die Zeit und das Ego.
Unser Den­ken ist kon­di­tio­niert, weil es ohne Erfah­run­gen und Erin­ne­run­gen nicht statt­fin­den kann. Das Den­ken wie­derum kon­di­tio­niert das Bewusst­sein. Die ver­gan­ge­nen Emp­fin­dun­gen, die Schmerz oder Freude in mir erzeugt haben, möchte ich ent­we­der ver­mei­den oder wie­der­ho­len. So pro­ji­ziert das Den­ken z.B. ein glück­li­ches Erleb­nis auf einen zukünf­ti­gen Zeit­punkt ("nächste Woche möchte ich wie­der xy erle­ben"). Unser Den­ken bewegt sich also stän­dig ent­we­der in der Ver­gan­gen­heit (= Erin­ne­rung) oder in der Zukunft (= Pro­jek­tion), dadurch ver­pas­sen wir den gegen­wär­ti­gen Augen­blick.
Das Ego ent­steht, wenn ich mich mit einer Vor­stel­lung iden­ti­fi­ziere bzw. wenn ich an meine Wahr­neh­mun­gen denke und ver­su­che, sie zu ver­mei­den oder wie­der zu erle­ben. Unser Ego steht für uns im Zen­trum des Bewusst­seins. Alle Erfah­run­gen, die ich als Indi­vi­duum mache, krei­sen um mein Ego. Es wird Trä­ger all mei­ner Kon­di­tio­nie­run­gen. Haben wir die­ses ein­mal erkannt – nicht abs­trakt und theo­re­tisch, son­dern unmit­tel­bar – ist ganz­heit­li­ches Sein mög­lich.

Frei­heit ist jen­seits vom Den­ken Wenn aber unser Den­ken nicht frei, son­dern kon­di­tio­niert ist, wie kön­nen wir dann wahre Frei­heit fin­den? Krish­na­mur­tis Ant­wort ist unmiss­ver­ständ­lich: Wahre (innere) Frei­heit kön­nen wir nur jen­seits von Den­ken fin­den. Wege dahin sind z.B. stän­dige Wach­sam­keit und Selbst­be­ob­ach­tung (unse­rer Gedan­ken), Medi­ta­tion. So kön­nen wir damit begin­nen, wach­sam zu sein bezüg­lich der Art und Weise, wie wir mit unse­rem täg­li­chen Leben umge­hen. Eine wei­tere Mög­lich­keit ist zu beob­ach­ten, wie wir die Welt um uns herum betrach­ten, was sich in unse­rem Geist (Den­ken) fort­wäh­rend abspielt: "Ein­fach beob­ach­ten was ist, ohne zu benen­nen, zu ver­ur­tei­len oder zu recht­fer­ti­gen." Denn: "Wenn wir ver­ur­tei­len oder recht­fer­ti­gen, kön­nen wir nicht klar sehen, wir kön­nen es auch nicht, wenn unser Geist unauf­hör­lich schwatzt. Dann sehen wir nicht, was ist. Wir haben nur die Pro­jek­tio­nen vor Augen, die wir von uns selbst geschaf­fen haben. Wir alle haben ein Bild von dem, was wir zu sein glau­ben oder was wir unse­rer Mei­nung nach sein soll­ten, und die­ses Leit­bild, diese Vor­stel­lung hin­dert uns ganz und gar daran, uns so zu sehen, wie wir tat­säch­lich sind." Es ist jedoch wich­tig, sich selbst ken­nen zu ler­nen, "zu ler­nen, was wir tat­säch­lich sind", denn: "Wenn man sich selbst nicht kennt, ist man unreif. Sich selbst zu ver­ste­hen, ist der Anfang der Weis­heit."

Die Pro­jek­tio­nen auf­ge­ben Auch in unse­ren gegen­sei­ti­gen Bezie­hun­gen macht sich jeder ein Bild vom ande­ren. Diese Bil­der tre­ten dann zuein­an­der in Bezie­hung, nicht aber die Men­schen selbst. Der Ehe­mann hat ein Vor­stel­lungs­bild von sei­ner Ehe­frau und umge­kehrt. Wir haben ein geis­ti­ges Bild, eine Vor­stel­lung von unse­ren Freun­den, vom Nach­barn, von der Gesell­schaft, vom Bäcker an der Ecke und von uns selbst, und stän­dig fügen wir die­sen Bil­dern noch neue hinzu. Es sind diese Bil­der, die in Bezie­hung zuein­an­der tre­ten. Krish­na­murti sagt dazu: "Eine Bezie­hung, die auf die­sen Bil­dern basiert, kann offen­bar nie­mals die Grund­lage für fried­volle Ver­hält­nisse zwi­schen den Men­schen sein, weil diese Leit­bil­der unwirk­lich sind. Man kann nicht in einer Abs­trak­tion leben. Und doch leben wir alle nach Ideen, Theo­rien und Sym­bo­len, nach Leit­bil­dern, die wir uns von uns selbst und von ande­ren gemacht haben und die ohne jede Rea­li­tät sind. Unsere sämt­li­chen Bezie­hun­gen, ob zum Besitz, zu Ideen oder zu Men­schen, basie­ren im wesent­li­chen auf die­sen Bild­sche­men, und dar­aus ent­ste­hen stän­dig Kon­flikte."

Frei sein – in Frie­den leben Doch wie ist es mög­lich, mit sich selbst und mit ande­ren völ­lig in Frie­den zu leben? Ist es uns über­haupt mög­lich?
"Viele von uns erle­ben Kon­flikte und Ver­wir­run­gen mit ande­ren, weil wir das­selbe nicht auf die­selbe Weise sehen oder sehen wol­len. Und so geht viel mensch­li­ches Leben und Ener­gie in schmerz­haf­ten und destruk­ti­ven Rei­be­reien ver­lo­ren, sei es in per­sön­li­chen Bezie­hun­gen oder im Ver­hält­nis der Natio­nen."
Wenn wir uns und unsere Bezie­hun­gen zur Gesell­schaft genau beob­ach­ten, wer­den wir erken­nen, dass es auf allen Ebe­nen unse­res Seins Kon­flikte gibt, und Kon­flikte bedeu­ten Wider­spruch, Spal­tung, Tren­nung, Dua­li­tät. Längst haben wir Kon­flikte als "natur­be­ding­ten Teil des täg­li­chen Lebens" hin­ge­nom­men. Wir sind von den Grund­ele­men­ten der Gesell­schaft, von Gier, Neid, Ärger, Hass, Eifer­sucht, Unruhe etc. geprägt und ange­füllt. Ist es mög­lich, sich vom inne­ren Gefüge der Gesell­schaft, also vom Kern des Kon­flikts zu befreien? Ist es uns mög­lich, in einer voll­kom­me­nen inne­ren und daher auch äuße­ren Ruhe zu leben?
Wie­der lau­tet die Ant­wort: Wir kön­nen nur frei wer­den, wenn wir die ganze Struk­tur durch­schauen. Wenn wir die­sen Pro­zess, in dem wir leben, ganz durch­schauen, wird unser Geist frei. Das Ganze kön­nen wir jedoch nur sehen, wenn sich unser (kon­di­tio­nier­tes) Den­ken nicht ein­mischt. Dann erst sehen wir wirk­lich, was ist, "ohne jede Nei­gung oder Abnei­gung". Wir beob­ach­ten, was ist, ohne es zu benen­nen, zu be– und ver­ur­tei­len, und durch eine sol­che Betrach­tung jen­seits von Den­ken sehen wir das ganze Bild, nicht nur ein Bruch­stück davon, "und wenn der Mensch das ganze Bild sieht, ist er frei". Wir kön­nen zwar unsere Kon­di­tio­nie­rung nicht able­gen, aber wir kön­nen uns dies­be­züg­lich immer wie­der prü­fen im Wege von Selbst­be­ob­ach­tung und Intro­spek­tion.

In öffent­li­chen Vor­trä­gen, Gesprä­chen und Dis­kus­sio­nen for­derte Krish­na­murti seine Zuhö­rer immer wie­der auf, die Ant­wor­ten auf ihre Fra­gen nicht von irgend­ei­ner schein­ba­ren "Auto­ri­tät" zu erwar­ten, son­dern sie in sich selbst zu fin­den. Er lei­tete dazu an, alle Ant­wor­ten zu hin­ter­fra­gen – auch die, die er selbst gab – so lange, bis sämt­li­che im Laufe unse­rer Sozia­li­sa­tion unge­prüft über­nom­me­nen Mei­nun­gen und Über­zeu­gun­gen sich auf­lö­sen und der direk­ten Wahr­neh­mung des­sen, "was ist", Platz machen.


"Wir wur­den nicht gebo­ren, um über ein­an­der zu urtei­len, wir wur­den gebo­ren, um uns ken­nen­zu­ler­nen." (Yogi Bha­jan)

Enveda.de hat für Lieferung, Warenqualität und Kundenservice die Note "Sehr gut" (4.86 von 5.00) durch 20 Trusted Shops-Bewertungen erhalten.