Ver­stand, Iden­ti­fi­ka­tion und Lei­den

Die meiste Ener­gie ver­schwen­det unser Ver­stand mit sinn­lo­sem Den­ken, Grü­beln und Zwei­feln, das heißt mit der Beschäf­ti­gung mit Ver­gan­gen­heit und Zukunft. Wenn wir uns mit die­sem den­ken­den Teil unse­res Ver­stan­des iden­ti­fi­zie­ren, machen wir uns von ihm abhän­gig und er bestimmt unser Ver­hal­ten. Wenn wir unse­rem Ver­stand jedoch nicht län­ger Macht über uns geben und uns nicht mehr mit ihm und sei­nen illu­sio­nä­ren Inhal­ten iden­ti­fi­zie­ren, stellt sich das Glück von ganz alleine ein.

Unser Ver­stand, in dem alles abge­spei­chert ist, was wir je in unse­rem Leben wahr­ge­nom­men und erfah­ren haben, sollte als der Teil in uns die­nen, der uns hilft, unser Leben leich­ter und mühe­lo­ser zu gestal­ten. Hierzu ein Bei­spiel: Wenn wir einen Nagel in die Wand schla­gen wol­len, so kann der Ver­stand uns aus sei­nem Spei­cher­re­ser­voir die nöti­gen Infor­ma­tio­nen in unser Bewusst­sein brin­gen, die uns mit­tei­len, wo wir Ham­mer und Nagel fin­den und wie wir unse­ren Kör­per zu bewe­gen haben, damit wir den Nagel rich­tig tref­fen etc. Ich spre­che hier im Augen­blick von unse­rem arbei­ten­den Ver­stand, der uns unter­stützt und in unse­rem täg­li­chen Han­deln dient.
Die meiste Ener­gie ver­schwen­det unser Ver­stand jedoch mit sinn­lo­sem Den­ken, Grü­beln und Zwei­feln, das heißt mit der Beschäf­ti­gung mit Ver­gan­gen­heit und Zukunft. Wenn wir uns mit die­sem den­ken­den Teil unse­res Ver­stan­des iden­ti­fi­zie­ren, also mit unse­ren Gedan­ken, Gefüh­len und dazu­ge­hö­ri­gen Erfah­run­gen, machen wir uns von ihm abhän­gig und er bestimmt unser Ver­hal­ten. Wir sind so nicht län­ger Nutz­nie­ßer unse­res Ver­stan­des, son­dern wer­den zu sei­nem Skla­ven. Dann gebrau­chen nicht mehr wir unse­ren Ver­stand, son­dern unser Ver­stand gebraucht uns. Gedan­ken wie: "Ich bin wert­los, ich werde abge­lehnt, ich schaffe es nicht" usw. wer­den dadurch zu unver­rück­ba­ren Tat­sa­chen. Wir haben immer Recht, egal wovon wir über­zeugt sind, nicht wahr? Es geht uns gewis­ser­ma­ßen so in Fleisch und Blut über, dass wir gar nicht mehr mer­ken, dass wir nicht unsere Gedan­ken, Gefühle, ja sogar unsere Erfah­run­gen und Ver­gan­gen­heit sind. All dies sind ledig­lich ver­gäng­li­che For­men, die kom­men und gehen. Die Wahr­heit, die per Defi­ni­tion unver­gäng­lich, unab­hän­gig, unver­än­der­bar und unbe­grenzt sein muss (denn sonst wäre sie nicht die Wahr­heit), hat nichts mit jed­we­der Form zu tun. Man könnte sagen: alle For­men sind ledig­lich Aus­druck des Lebens, nicht aber das Leben selbst. Wenn wir also den Feh­ler machen – wenn uns sozu­sa­gen die Bewusst­heit fehlt – zu erken­nen, dass wir weder dies noch das noch ein Teil davon sind, erschaf­fen wir uns Dra­men in unse­rem Leben. Bud­dha lehrte: "Alles Lei­den ist die Folge von Iden­ti­fi­ka­tion mit Illu­sio­nen." Jedes besitz­an­zei­gende Für­wort (meine Über­zeu­gung, meine Arbeit, mein Haus, meine Frau, meine Sor­gen …) weist uns auf diese Iden­ti­fi­ka­tion hin. Und was, mei­nen Sie, pas­siert, wenn man Ihre Über­zeu­gun­gen, Ihre Arbeit, Ihre Frau, ja sogar Ihre Sor­gen angreift? Sie wer­den Ihren "Besitz" ver­tei­di­gen, weil Sie den­ken, Sie wären Ihr Besitz. Und Sie müs­sen sich doch ver­tei­di­gen, oder? Und schon befin­den Sie sich in einem Zustand von Drama. Sie füh­len sich ange­grif­fen, obwohl gar nicht Sie, son­dern nur Ihr Besitz ange­grif­fen wird. Und Ihr Besitz exis­tiert allein in Ihren Vor­stel­lun­gen, die durch Ihren Ver­stand erschaf­fen wur­den. Alles, was wir zu besit­zen glau­ben, wird uns frü­her oder spä­ter genom­men wer­den, denn es han­delt sich immer um Ver­gäng­li­ches, nicht um Wesent­li­ches – eben um Illu­sio­nen! Warum nun hal­ten wir am Besitz fest? Weil wir an den illu­sio­nä­ren Über­zeu­gun­gen fest­hal­ten, dass wir z.B. nur glück­lich, frei, in Frie­den und Har­mo­nie wären, wenn wir die­ses oder jenes besit­zen wür­den. Wie viele Män­ner mögen den­ken: "Wenn ich doch nur einen Fer­rari hätte, dann wür­den mir die Frauen hin­ter­her­lau­fen und dann wäre ich glück­lich?" Frauen den­ken viel­leicht: "Wenn ich nur einen ande­ren Busen hätte …" usw. Illu­sio­nen über Illu­sio­nen, die, von uns fest­ge­hal­ten, immer neues Leid – Bud­dha würde sagen: neues Karma – erschaf­fen.

Sai Baba erzählte ein­mal die Geschichte eines Affen, der am Strand saß und in einer Fla­sche eine Menge Nüsse sah, die er unbe­dingt haben wollte. So griff er in die Fla­sche, aber als er nun seine mit Nüs­sen gefüllte Hand her­aus­zie­hen wollte, war diese zu groß gewor­den und konnte den Fla­schen­hals nicht mehr pas­sie­ren. Ver­zwei­felt, trä­nen­über­strömt kämpfte er nun stun­den­lang darum, diese Nüsse doch noch irgend­wie zu bekom­men. Natür­lich gelang es ihm nicht. Aber der Affe hätte ja nur seine Hände zu öff­nen brau­chen, und schon wäre er frei gewe­sen. Außer­dem hatte er in sei­nem Wahn die viel erle­se­ne­ren Nüsse, die direkt neben ihm lagen, völ­lig über­se­hen. So ergeht es auch uns immer wie­der, wenn wir unbe­dingt etwas besit­zen oder haben wol­len.

Erst wenn wir diese unbe­wuss­ten Mecha­nis­men erken­nen, wer­den wir errei­chen, was wir uns im Tiefs­ten immer gewünscht haben, doch durch unsere Ver­skla­vung dem Ver­stand gegen­über unfä­hig waren zu sehen. Denn genau genom­men war es immer da. Wie heißt es so schön: Wir kön­nen nicht glück­lich wer­den, wir kön­nen nur glück­lich sein. Wir kön­nen nicht reich wer­den, wir kön­nen nur reich sein. Ein Mann sagte ein­mal zu sei­ner Frau: "Irgend­wann wer­den wir reich sein, dann bezie­hen wir ein schö­nes Haus und wer­den glück­lich sein." Dar­auf erwi­derte sie: "Mein Lie­ber, wir sind schon reich, denn wir haben ein­an­der, viel­leicht haben wir irgend­wann ein Haus." Wenn wir unse­rem Ver­stand nicht län­ger die Macht über uns geben und uns nicht län­ger mit ihm und sei­nen illu­sio­nä­ren Inhal­ten iden­ti­fi­zie­ren, stellt sich das Glück, die Liebe, die Har­mo­nie, ja sogar der Reich­tum von ganz alleine ein. Dies ist ein Mys­te­rium, und wenn Sie aus die­sem Wis­sen leben, hat das Lei­den ein Ende.

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