Träu­men wie ein Scha­mane

Scha­ma­nen ver­ste­hen die hohe Kunst des Träu­mens nicht wie die moderne Psy­cho­lo­gie als Bot­schafts­über­mitt­lung aus dem Unter­be­wusst­sein. Für sie ist es eine Mög­lich­keit, den ver­bor­ge­nen Kräf­ten des Uni­ver­sums nach­zu­spü­ren. Carlo Zum­stein ver­mit­telt diese Tech­nik in sei­nen Semi­na­ren.

Scha­ma­nen ver­ste­hen die hohe Kunst des Träu­mens nicht wie die moderne Psy­cho­lo­gie als Bot­schafts­über­mitt­lung aus dem Unter­be­wusst­sein. Für sie ist es eine Mög­lich­keit, den ver­bor­ge­nen Kräf­ten des Uni­ver­sums nach­zu­spü­ren. Carlo Zum­stein ver­mit­telt diese Tech­nik in sei­nen Semi­na­ren.

Scha­ma­nen sind die Mitt­ler zwi­schen den Wel­ten. Für sie sind Rei­sen auf ver­schie­dene Bewusst­seins­ebe­nen ein natür­li­cher Pro­zess, der ihnen die Mög­lich­keit gibt, mit der alles ver­bin­den­den uni­ver­sel­len Kraft in Kon­takt zu tre­ten und sie zu nut­zen. Das bewusste Über­tre­ten der Schwelle zum Schlaf in die Traum­welt ist nur eine von vie­len Tech­ni­ken, die ein Scha­mane beherrscht. Der Psy­cho­the­ra­peut und Schamanismus-Experte Carlo Zum­stein hat die Träume vom Bal­last der Deu­tung durch die moderne Psy­cho­lo­gie befreit und prak­ti­ziert seit Jah­ren die scha­ma­ni­sche Vari­ante, die er auch auf Semi­na­ren wei­ter­gibt und nun in einem neuen Buch "Der scha­ma­ni­sche Weg des Träu­mens" einem grö­ße­ren Publi­kum zugäng­lich macht.

Träu­men ist Erle­ben
Den Begriff "Traum­ar­beit" möchte der Schwei­zer Carlo Zum­stein lie­ber durch "Wach­traum" erset­zen. Zu sehr sei das Wort mit dem gän­gi­gen Ver­ständ­nis des Träu­mens bzw. der Deu­tung und Ana­lyse der Träume ver­bun­den.
Wesent­li­cher Bestand­teil der scha­ma­ni­schen Pra­xis ist das so genannte Rei­sen auf eine andere – nicht all­täg­li­che – Bewusst­seins­ebene, auf die sich der Scha­mane durch Trom­meln ver­setzt. Diese Tech­nik wird bei­spiels­weise bei der See­len­rück­füh­rung ein­ge­setzt, wie sie von San­dra Inger­man prak­ti­ziert wird, um Trau­mata zu ergrün­den und zu hei­len. (Siehe hierzu Inter­view mit San­dra Inger­man in Visio­nen 5/04.)
Laut Carlo Zum­stein ist das scha­ma­ni­sche Träu­men der scha­ma­ni­schen (Visions-)Reise nicht unähn­lich. "Die Wirk­lich­keit am Ziel der Reise gleicht in vie­lem unse­rer Traum­welt", so Zum­stein in sei­nem aktu­el­len Buch zum Thema (siehe Buch­tipps). Wäh­rend wir uns aus der All­tags­wirk­lich­keit zurück­zie­hen müss­ten, um den Bewusst­seins­zu­stand zu ver­än­dern (z. B. um zu träu­men), könn­ten Scha­ma­nen diese Ebene errei­chen, ohne dazu in "bewusst­lo­sen Schlaf sin­ken" zu müs­sen, erklärt Zum­stein. "Sie indu­zie­ren den scha­ma­ni­schen Bewusst­seins­zu­stand absicht­lich und behal­ten diese Absicht wäh­rend der Reise bei. Im Unter­schied zu unse­rer Art des Träu­mens gelingt es ihnen, ihrem Ziel zu fol­gen." Und die­ses Ziel sei die uni­ver­selle Kraft, die in allem wirke und die Welt zusam­men­halte.

Träume haben eigene Wirk­lich­keit
Doch im Gegen­satz zur moder­nen Psy­cho­lo­gie, die diese Kraft im Inne­ren des Men­schen ver­bor­gen glaubt, die nur dar­auf warte, ent­deckt zu wer­den, sieht sie Carlo Zum­stein außer­halb der See­len in ande­ren Sphä­ren.
Zur Ver­an­schau­li­chung beschreibt der Schwei­zer den Alb­traum einer Kli­en­tin, die sich, von Frat­zen ver­folgt, auf einen Abgrund zu ren­nen sieht. Kurz vor Errei­chen die­ses Abgrunds wacht sie jedes Mal auf. Die Psy­cho­lo­gie würde diese Sym­bole deu­ten wol­len, um in der Lebens­ge­schichte der Kli­en­tin nach ver­bor­ge­nen Trau­mata, ver­dräng­ten Wün­schen oder unge­leb­ten Bedürf­nis­sen zu suchen. Denn die Pio­niere der Traum­for­schung, wie Sig­mund Freud oder Carl Gus­tav Jung, gin­gen davon aus, dass Träume aus einer Ver­mi­schung von Erin­ne­run­gen und aktu­el­lem Erle­ben bzw. Ver­ar­bei­ten von Ereig­nis­sen her­vor­ge­hen, die im Schlaf vom Gehirn auf­ge­ar­bei­tet wer­den. Dabei spre­chen sie den Träu­men eine eigene Wirk­lich­keit ab.
Dazu Carlo Zum­stein: Die Psy­cho­lo­gie "stellt als Ersatz die mate­ri­elle Wirk­lich­keit des Hirn­raums und den vir­tu­el­len Innen­raum des Unbe­wuss­ten sowie Kräfte aus der Ebene der Instinkte, Affekte und Emo­tio­nen zur Ver­fü­gung." Um der tie­fe­ren Bedeu­tung der Träume auf die Spur zu kom­men, wer­den in der Psy­cho­lo­gie Sym­bole ver­wen­det, die für bestimmte Eigen­schaf­ten, Hand­lun­gen oder Gefühle ste­hen.

Deu­tung blo­ckiert
Doch eine Deu­tung blo­ckiere nur die Kraft, die man aus sei­nen Träu­men schöp­fen kann, meint Zum­stein. "Obwohl wir wis­sen, dass unser waches All­tags­le­ben unser nächt­li­ches Träu­men sehr beein­flusst, neh­men wir an, das Träu­men geschähe ein­fach mit uns. Wir nut­zen die Mög­lich­keit der Traumin­ku­ba­tion nicht", fin­det der Psy­cho­the­ra­peut.
Der scha­ma­ni­sche Weg der "Traum­ar­beit" sähe dem­zu­folge etwas anders aus. Zunächst ein­mal han­dele es sich nicht um Sym­bole, die dem Träu­men­den erschei­nen, son­dern viel­mehr um Meta­phern (Bil­der). Die­ser Unter­schied ist wich­tig, denn: "In der Wach­welt wei­sen Sym­bole stell­ver­tre­tend auf etwas anders hin, wäh­rend Meta­phern immer für sich selbst ste­hen." Soll hei­ßen, dass eine im Traum auf­tau­chende Land­schaft nicht stell­ver­tre­tend für etwas zu ver­ste­hen ist, son­dern als Abbild einer urwüch­si­gen Kraft. Des­halb, meint Carlo Zum­stein, seien Meta­phern wie "Land­kar­ten der Kraft", die das Über­schrei­ten der Schwelle zwi­schen "logi­scher Sprach­welt und der rei­nen Erleb­nis­welt" mög­lich mach­ten.
Natür­lich sei es ver­lo­ckend, seine Träume zu deu­ten, gibt er unum­wun­den zu. Es kann durch­aus Situa­tio­nen geben, da das sogar erfor­der­lich sein kann, um Ursa­chen für Ängste oder andere Emo­tio­nen auf den Grund zu gehen. Beim scha­ma­ni­schen Träu­men müsse man aller­dings dem Wunsch nach Deu­tung wider­ste­hen. Denn den Traum als "Erleb­nis­welt" könne man eben nur wirk­lich voll genie­ßen und nut­zen ohne den Druck der Deu­tung. Hilf­reich sei, den Über­gang von der Wach– in die Traum­welt gleich­sam als Über­gang von der ratio­na­len und logi­schen auf die mytho­lo­gi­sche und schließ­lich magi­sche Erleb­nis­ebene zu ver­ste­hen.

Traum­pfade: ein akti­ves spi­ri­tu­el­les Leben ent­wi­ckeln
Carlo Zum­stein hält regel­mä­ßig scha­ma­ni­sche Traum­se­mi­nare ab. Darin stellt er den Teil­neh­mern drei so genannte Traum­pfade und Traum-Manöver vor. Die Traum-Manöver haben ihre Wur­zeln im Scha­ma­nis­mus. Er nenne sie so, erklärt Zum­stein, "weil sie dar­auf abzie­len, das Träu­men zu einem akti­ven spi­ri­tu­el­len Leben zu ent­wi­ckeln, wäh­rend der Kör­per schla­fend und sich erho­lend im Bett liegt."

1. Traum­pfad
Die ers­ten Übun­gen haben das Ziel, das bewusste Über­glei­ten von der Wach– in die Traum­welt zu för­dern und auf diese Weise eine Kon­ti­nui­tät zu schaf­fen. Außer­dem soll die Trau­mer­in­ne­rung durch Ver­an­ke­rung der Traum­er­leb­nisse in Ver­bin­dung mit der täg­li­chen Rou­tine gestärkt wer­den. Jeder kennt das Phä­no­men, dass man nach dem Erwa­chen noch sehr viel über den gerade erleb­ten Traum sagen kann. Doch schon wenige Minu­ten spä­ter schwin­den die Details. Durch Zum­steins Methode kann jeder dem Ver­ges­sen ent­ge­gen­wir­ken und auf diese Art den Traum auch im Laufe des fol­gen­den Tages wie­der abru­fen. Das ist wich­tig, um ihn mög­li­cher­weise zu einem spä­te­ren Zeit­punkt fort­set­zen oder zu Ende träu­men zu kön­nen.
Zum Gesamt­pa­ket des ers­ten Traum­pfa­des gehört fer­ner die Stär­kung des Traum­be­wusst­seins, um "den Träu­men die ver­lo­rene Wirk­lich­keit zurück­zu­ge­ben. Ich meine damit wirk­lich einen Ort in der wachen All­tags­wirk­lich­keit", so Zum­stein. Zur Ver­an­schau­li­chung gibt er ein Bei­spiel: "Aus dem Urlaub brin­gen wir Sou­ve­nirs zurück, die wir in unse­ren Lebens­räu­men auf­stel­len. So blei­ben wir mit der Kraft und Freude unse­rer Urlaubs­er­leb­nisse ver­bun­den. Nie aber brin­gen wir Kraft­ob­jekte als Anker unse­rer Traum­er­leb­nisse mit – obwohl das Träu­men unser zwei­tes Leben ist."
Doch bevor es soweit ist, bedarf es noch eini­ger Vor­be­rei­tun­gen:

  • Man sollte sich einen Platz suchen, an dem man bequem und unge­stört sei­nen Wach­träu­men nach­ge­hen kann.
  • Der nächste Ort, der gebraucht wird, soll zur Ver­an­ke­rung der Träume die­nen. Gemeint ist, den Traum zu einem guten Ende zu brin­gen. Das kann im Bad oder am Früh­stücks­tisch sein. Wich­tig ist, dass der Ort immer gleich bleibt.
  • An einem drit­ten Ort soll man sich auf das Träu­men ein­stim­men. Die­ser Platz kann mit dem Ver­an­ke­rungs– oder Wach­traum­platz iden­tisch sein. Wich­tig ist auch hier, dass es zur abend­li­chen Rou­tine wird.
  • Zur Ein­stim­mung bzw. als Über­gang zum Träu­men braucht man noch ein so genann­tes Traum-Labyrinth. Das kann "ein Weg­stück in der Natur" sein, das einem beson­ders gut gefällt und das man sich gut vor­stel­len kann. Denn es soll zukünf­tig als Über­gang von der rea­len in die Traum­welt die­nen.
  • Schließ­lich kon­zen­triert man sich auf einen bestimm­ten Traum­wunsch. Den nennt Zum­stein "Traum-Inkubation". Diese Fest­le­gung auf ein bestimm­tes Ziel kann­ten schon die alten Ägyp­ter und auch im anti­ken Grie­chen­land wurde so ver­fah­ren

Wäh­rend die­ses Traum-Manövers lernt der Träu­mende auch den Hüter des Tores zu sei­nen Träu­men ken­nen, sowie ver­schie­dene ima­gi­näre Plätze (Dia­log­platz, Bild-, Tanz-, und schließ­lich Traum­platz), die ihm dabei hel­fen sol­len, den All­tag und des­sen Schwin­gun­gen abzu­schüt­teln. Kli­en­ten berich­te­ten dem Psy­cho­the­ra­peu­ten, dass sie häu­fig beson­ders lange auf dem Dia­log­platz ver­wei­len wür­den, um ihre innere Zwie­spra­che zu hal­ten. Es kann sogar vor­kom­men, dass sie erst ein­mal nicht wei­ter gehen kön­nen, weil zu viel mit ihnen an die­sem Ort geschieht.
Von die­ser ers­ten Reise bringt der Träu­mende nicht nur ein Traumkraft-Zeichen als Sou­ve­nir mit, er hat auch Bekannt­schaft mit sei­nen Geis­t­hel­fern gemacht. "In allen scha­ma­ni­schen Tra­di­tio­nen wird die Begeg­nung mit den Geis­t­hel­fern als Initia­tion gefei­ert", erklärt Carlo Zum­stein.

2. Traum­pfad
Im zwei­ten Übungs­block macht der Träu­mende Bekannt­schaft mit sei­nem Traum­kör­per. Ein wei­te­rer wich­ti­ger Bestand­teil des zwei­ten Traum­pfa­des ist die Reka­pi­tu­la­tion. Sie soll dazu die­nen, "die im Wach­le­ben blo­ckierte Lebens­kraft zu befreien und dem Traum­kör­per zuzu­füh­ren". In Ereig­nis­sen aus der Ver­gan­gen­heit, die uns beschäf­ti­gen kön­nen, steckt immer auch ein Quänt­chen See­len­kraft. Je mehr man sich mit den ver­gan­ge­nen Erleb­nis­sen beschäf­tigt, desto mehr See­len­kraft wird dafür ver­braucht. Die Reka­pi­tu­la­tion soll nun dabei hel­fen, diese See­len­teile wie­der zurück­zu­ho­len.

3. Traum­pfad
Beim drit­ten Traum­pfad ste­hen das Erträu­men der Seele, die Traum­wirk­lich­keit, die erträumte Wach­wirk­lich­keit und das gemein­same Träu­men im Mit­tel­punkt.
Bei allen Semi­na­ren, die Carlo Zum­stein zum Thema gibt, neh­men die Gesprä­che über das Erlebte einen wich­ti­gen Platz ein. Sie sol­len hel­fen, die Erleb­nisse zu ver­ste­hen, sie ein­zu­ord­nen und zu ver­ar­bei­ten.

Traum­buch – das Traum­er­leb­nis knapp for­mu­lie­ren
Vom Auf­schrei­ben der Träume rät Carlo Zum­stein ab. Zum einen, weil man es nicht lange durch­hält und der Druck, Buch füh­ren zu müs­sen, die Reka­pi­tu­la­tion des Erträum­ten irgend­wann über­de­cken wird. Zum ande­ren könn­ten Worte dem Erleb­ten kaum gerecht wer­den, und man fühle sich außer­dem zur Deu­tung genö­tigt. Emp­feh­len kann der Psy­cho­the­ra­peut hin­ge­gen, nach der mor­gend­li­chen Traum-Verankerung das Traum­er­leb­nis kurz und prä­gnant in einem oder zwei Sät­zen zu for­mu­lie­ren. Ergän­zen kann man diese durch die Traum-Absicht und die Traum-Vorhersage. So lasse sich spä­ter über die Auf­zeich­nun­gen zum Bei­spiel medi­tie­ren, mit oft über­ra­schen­den Ergeb­nis­sen.
Übung macht bekannt­lich den Meis­ter, und es wird nicht allen gleich gelin­gen, die Manö­ver ohne Pro­bleme durch­zu­füh­ren. Wahr­schein­lich wird man sogar anfangs regel­mä­ßig ein­schla­fen. Carlo Zum­stein rät in sol­chen Fäl­len, nicht ärger­lich zu sein, auch nicht wenn es nicht sofort klap­pen will, ein vor­ge­fass­tes Ziel zu errei­chen oder den Traum zu Ende zu träu­men. In jedem Fall, und das beru­higt den Träu­mer, füh­len sich alle, die sich der scha­ma­ni­schen Methode bedie­nen, erholt, wenn sie auf­wa­chen. Davon berich­te­ten Zum­stein viele sei­ner Kli­en­ten, und auch er selbst kann aus Erfah­rung bestä­ti­gen, dass dem so ist.
Ziel des Träu­mers, der sich der scha­ma­ni­schen Methode bedient, ist die See­len­stär­kung. In den Träu­men wird er den uni­ver­sel­len Lebens­kräf­ten begeg­nen, deren Poten­zial er auf die Wach­ebene hin­über­ho­len und im All­tag nut­zen kann.

Auto­rin: Clau­dia Höt­zen­dor­fer


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