Ter­ror­an­schläge in Ame­rika: Ver­gel­tung wird nicht zu sta­bi­ler Sicher­heit und anhal­ten­dem Frie­den füh­ren

'Gewalt­freie Kom­mu­ni­ka­tion' will Men­schen dabei hel­fen zu ler­nen, die Bedürf­nisse und Anlie­gen eines ande­ren Men­schen zu ver­ste­hen, und zu sehen, dass die "andere" Seite nur mensch­li­che Wesen sind, die ver­su­chen, sich zu schüt­zen und ihre Bedürf­nisse zu erfül­len. Es geht darum, nach Lösun­gen suchen, die die Bedürf­nisse aller Betei­lig­ten zufrie­den stel­len.

Der inter­na­tio­nale Media­tor Dr. Mar­shall Rosen­berg kom­men­tiert die aktu­el­len Ereig­nisse:
(Über­set­zung aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von Ingrid Hol­ler)

Nach den Anschlä­gen auf das World Trade Cen­ter und das Pen­ta­gon emp­fin­den Mil­lio­nen von Men­schen auf der gan­zen Welt tiefe Trauer und Schmerz. Sie füh­len sich scho­ckiert, erschreckt, macht­los – und sehr ver­letz­lich. Viele von ihnen haben ein star­kes Bedürf­nis, sich wie­der sicher zu füh­len. Sie sehen sich nach einer Welt, in der sie in Frie­den leben kön­nen. Andere haben einen gro­ßen Wunsch nach aus­glei­chen­der Gerech­tig­keit. Sie seh­nen sich nach Rache und Ver­gel­tung.

Der­zeit haben die USA ent­schie­den, dass sie han­deln müs­sen, und andere Staa­ten haben ent­schie­den, sich ihnen anzu­schlie­ßen. Man­che wol­len, dass das Ziel die­ser Hand­lun­gen Frie­den und Sicher­heit ist; andere wol­len, dass sich diese Hand­lun­gen auf Ver­gel­tung und Bestra­fung kon­zen­trie­ren.

Dar­aus ent­steht ein ech­tes Pro­blem: Wenn unsere füh­ren­den Kräfte ihre Aktio­nen auf Ver­gel­tung und Bestra­fung auf­bauen, dann glaube ich, dass sie das Ziel von anhal­ten­dem Frie­den und Sicher­heit in der Welt nicht errei­chen kön­nen.

Warum sage ich das? In den letz­ten 35 Jah­ren habe ich gemein­sam mit mei­nen Part­ne­rin­nen und Part­nern daran gear­bei­tet, auf der gan­zen Welt Kon­flikte zwi­schen sich bekrie­gen­den Ban­den, eth­ni­schen Grup­pen, Völ­kern und Staa­ten zu lösen.

Immer wie­der haben wir beob­ach­tet, dass Hand­lun­gen, die ihren Ursprung in dem Wunsch nach Bestra­fung haben, auf der Gegen­seite Ver­gel­tung her­vor­ru­fen, und dass Hand­lun­gen, die durch ein Bedürf­nis nach Frie­den moti­viert sind, auf der Gegen­seite zu fried­li­chen Hand­lun­gen füh­ren. In bei­den Fäl­len lösen die Hand­lun­gen Reak­ti­ons­zy­klen aus, die Jahre andau­ern kön­nen – Gene­ra­tio­nen – Jahr­hun­derte.

Das Team in mei­ner Orga­ni­sa­tion und ich haben mit Men­schen aus den Kriegs­par­teien in Ruanda, Burundi, Sierra Leone, Nige­ria, Süd­afrika, Ser­bien, Kroa­tien, Israel und Paläs­tina gear­bei­tet. Unsere Erfah­rung hat uns gelehrt, dass echte Sicher­heit und ech­ter Friede, trotz gewal­ti­ger Unter­schied­lich­kei­ten erreicht wer­den kön­nen – jedoch nur dann, wenn die Betei­lig­ten in der Lage sind, die Mensch­lich­keit der­je­ni­gen zu erken­nen, von denen sie ange­grif­fen wer­den. Das erfor­dert etwas viel schwie­ri­ge­res als nur die andere Wange hin­zu­hal­ten: es erfor­dert, sich in die Ängste, Ver­let­zun­gen, in die Wut und in die uner­füll­ten mensch­li­chen Bedürf­nisse hin­ein­zu­ver­set­zen, die hin­ter den Angrif­fen ste­hen.

Unsere Arbeit will Men­schen dabei hel­fen zu ler­nen, die Bedürf­nisse und Anlie­gen eines ande­ren Men­schen zu ver­ste­hen, und zu sehen, dass die "andere" Seite nur mensch­li­che Wesen sind, die ver­su­chen, sich zu schüt­zen und ihre Bedürf­nisse zu erfül­len. Wir haben mit­er­lebt, wie sich Hass und der Wunsch nach Bestra­fung in Hoff­nung ver­wan­del­ten – wenn die Betei­lig­ten Empa­thie beka­men von denen, die ihre Fami­lien umge­bracht hat­ten. Wir haben erlebt, wie die­je­ni­gen, die die Gewalt­ta­ten began­gen haben aus tiefs­tem Her­zen bedau­ern – wenn sie Empa­thie beka­men von denen, die durch ihre Hand­lun­gen ver­letzt wur­den. Wir haben erlebt, wie Men­schen auf bei­den Sei­ten ihren Wunsch, die ande­ren zu bestra­fen, fal­len lie­ßen – und wie sie dann gemein­sam daran gear­bei­tet haben, die Bedürf­nisse aller zufrie­den zu stel­len. Wir haben erlebt, wie frü­here Feinde gemein­sam Pro­gramme auf­ge­stellt haben, um die Ver­let­zun­gen und Schä­den aus ihren Hand­lun­gen wie­der gut zuma­chen, und um die Sicher­heit zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen zu gewähr­leis­ten.

Die Regie­rung der USA hat ihre Absicht erklärt, diese Welt sicher zu machen vor Gewalt­ak­ten – wie die in New York und Washing­ton – und vor den­je­ni­gen, die sie bege­hen. Andere Natio­nen haben sich ihnen ange­schlos­sen. Wenn das Ziel der Natio­nen, die diese Koali­tion bil­den, darin besteht Ver­gel­tung zu üben und zu bestra­fen, dann wird jede ihrer Hand­lun­gen von der Ant­wort auf die fol­gende Frage bestimmt: "Wird uns diese Maß­nahme der Bestra­fung derer näher brin­gen, die für den Schmerz ver­ant­wort­lich sind, den wir erlit­ten haben?" Wenn ihr Ziel jedoch Friede und Sicher­heit auf der Welt ist, dann wer­den ihre Hand­lun­gen von der Ant­wort auf eine andere Frage bestimmt: "Wird uns diese Maß­nahme einem andau­ern­den Frie­den und Sicher­heit auf der Welt näher brin­gen?"

Um kurz­fris­tige Sicher­heit her­zu­stel­len, ist es unbe­dingt not­wen­dig, dass wir uns vor wei­te­rer Bedro­hung schüt­zen. Dazu kön­nen Aktio­nen aus einer – wie ich es nenne – "beschüt­zen­den Anwen­dung von Macht" her­aus gehö­ren. Wir müs­sen die Gewalt­tä­ter mög­li­cher­weise ding­fest machen und inhaf­tie­ren, damit sie uns nicht wie­der angrei­fen kön­nen. Und wir müs­sen viel­leicht sogar man­che von ihnen töten, wenn wir sie von ihren Gewalt­ta­ten nicht anders abhal­ten kön­nen.

Aber lang­fris­tig betrach­tet ist es ebenso unbe­dingt not­wen­dig, dass wir anfan­gen, anhal­ten­den Frie­den und Sicher­heit in der Welt auf­zu­bauen. Es ist not­wen­dig, dass unsere füh­ren­den Kräfte Bezie­hun­gen auf­bauen, aus denen her­aus sich eine echte und bestän­dige Koope­ra­tion zwi­schen den Natio­nen ent­wi­ckeln kann. Es ist not­wen­dig, dass sie jetzt damit begin­nen, die Umstände zu ver­än­dern, die gewalt­tä­ti­gem Ver­hal­ten Vor­schub leis­ten. Es ist not­wen­dig, dass die wohl­ha­ben­den Län­der auf die­ser Welt zusam­men­ar­bei­ten, um eine Welt zu schaf­fen, in der alle Men­schen Zugang haben zu den grund­le­gen­den, lebens­spen­den­den Res­sour­cen und zu einem Schutz ihrer Men­schen­rechte – eine Welt, in der alle Men­schen sicher und frei leben kön­nen und die Chance haben, sich ein erfül­len­des Leben auf­zu­bauen.

Wenn es eine Ant­wort gibt auf die gewal­ti­gen Pro­bleme, die vor uns lie­gen, dann heißt sie: nach Lösun­gen suchen, die die Bedürf­nisse aller Betei­lig­ten zufrie­den stel­len. Das ist kein uto­pi­scher Idea­lis­mus. Ich habe erlebt, wie sol­che Lösun­gen geschaf­fen wur­den – immer und immer wie­der – auf der gan­zen Welt.


Gewalt­freie Kom­mu­ni­ka­tion (GFK) in der Pra­xis

  • Im Nor­den Nige­rias, in Kaduna, hat Mar­shall Rosen­berg im Krieg zwi­schen einem christ­li­chen und einem mos­le­mi­schen Stamm ver­mit­telt, d.h. eine Media­tion durch­ge­führt. Ein Jahr zuvor waren ein­hun­dert der vier­hun­dert Men­schen in die­sem Dorf getö­tet wor­den. Mit­ten in der Media­tion stand einer der Häupt­linge auf und sagte sehr ergrif­fen: "Wenn wir selbst so mit­ein­an­der umge­hen kön­nen, wie du es uns hier zeigst, dann brau­chen wir ein­an­der nicht mehr umzu­brin­gen. Ich möchte gerne einer von denen sein, die trai­niert wer­den." Bevor Dr. Rosen­berg nach die­sem Tag wie­der weg­fuhr, woll­ten Leute aus bei­den Lagern unbe­dingt trai­niert wer­den. In der Folge des Trai­nings ließ die Gewalt unter den Stäm­men merk­lich nach.
  • Zu Beginn eines frie­dens­in­iti­ie­ren­den Trai­nings in den Fähig­kei­ten der Gewalt­freien Kom­mu­ni­ka­tion, schrieen Ser­ben und Kroa­ten ein­an­der wütend an. Als sie nach sie­ben Tagen wie­der aus­ein­an­der gin­gen, san­gen sie die Lie­der der ande­ren und tanz­ten ihre Tänze. Und dann fin­gen sie an, ein Aus­bil­dungs­pro­jekt auf­zu­bauen, das bis jetzt 30.000 Kin­der und 3.000 Lehrer/innen und Erzieher/innen in eben die­sen Fähig­kei­ten aus­ge­bil­det hat.
  • Als Mar­shall Rosen­berg in ein paläs­ti­nen­si­sches Flücht­lings­la­ger kam, fing ein Mann an zu schreien, "Mör­der!" Sofort fiel ein Dut­zend wei­tere in einen Chor mit ihm ein, "Atten­tä­ter!" "Kin­der­kil­ler!" "Mör­der!" Am Ende die­ses Abends lud der­selbe Mann M. Rosen­berg zu einem Ramadan-Essen zu sich nach Hause ein. Seit­dem sind über 400 Schu­len und Kin­der­gär­ten mit der Gewalt­freien Kom­mu­ni­ka­tion in Form von Vor­füh­run­gen bekannt gemacht wor­den. Etwa 24 Schu­len und mehr als 100 Kin­der­gär­ten sind in einem inten­si­ven Trai­nings­pro­gramm aus­ge­bil­det wor­den. Die GFK-Trainerin Miri Shapira ist zur "Natio­na­len Trai­ne­rin des Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums zustän­dig für die Ver­hin­de­rung von Gewalt" ernannt wor­den.
  • 1999 hat das israe­li­sche Bil­dungs­mi­nis­te­rium die GFK als Unter­richts­pro­gramm für Kin­der­gär­ten und Schu­len offi­zi­ell geneh­migt und emp­foh­len.
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