Tausch­kreise – ein Mus­ter­bei­spiel für Kul­tu­rell Krea­tive

Seit eini­ger Zeit ent­ste­hen im deutsch­spra­chi­gen Raum zahl­rei­che Tausch­ringe, in Öster­reich auch Tausch­kreise genannt. Wäh­rend es einige sehr erfolg­rei­che und grö­ßere Tausch­sys­teme gibt, haben viele die­ser Initia­ti­ven noch nicht die Größe erreicht, um län­ger­fris­tig erfolg­reich beste­hen zu kön­nen. Doch worin lie­gen die Unter­schiede, was macht den Erfolg von loka­len Tausch­sys­te­men aus? Ein Inter­view mit Ger­not Jochum-Müller, Vor­sit­zen­der des Tausch­krei­ses Vor­arl­berg, geführt von Wer­ner Heus­sin­ger.

Seit sechs bis acht Jah­ren ent­ste­hen im deutsch­spra­chi­gen Raum zahl­rei­che Tausch­ringe oder Tausch­kreise, wie sie in Öster­reich genannt wer­den. Wäh­rend es einige sehr erfolg­rei­che und grö­ßere Tausch­sys­teme gibt, hat die über­wie­gende Zahl die­ser Initia­ti­ven noch nicht die Größe erreicht, um län­ger­fris­tig erfolg­reich beste­hen zu kön­nen. Doch worin lie­gen die Unter­schiede, was macht den Erfolg von loka­len Tausch­sys­te­men aus? Der Talente-Tauschkreis Vor­arl­berg gilt in Öster­reich als einer der erfolg­rei­chen Tausch­kreise.
Ger­not Jochum-Müller – ursprüng­lich Hand­wer­ker, dann Dipl.-Sozialarbeiter – hat die letz­ten fünf Jahre als Orga­ni­sa­ti­ons­be­ra­ter bei einer renom­mier­ten öster­rei­chi­schen Unter­neh­mens­be­ra­tung gear­bei­tet und ist seit 2001 selb­stän­dig als Orga­ni­sa­ti­ons­be­ra­ter und Coach in der Bera­tung von Pro­fit– und Non-Profit-Organisationen. Er hat sich auch einen Namen als Bera­ter für Kom­ple­men­tär­wäh­rungs­sys­teme gemacht. Er ist Mit­grün­der des Talente-Tauschkreises Vor­arl­berg und seit etwa einem Jahr Ver­eins­ob­mann und Spre­cher.


Wer­ner H. Heus­sin­ger: Wie kamen Sie auf die Idee eines Tausch­krei­ses?

Ger­not Jochum-Müller: Vor etwa sechs Jah­ren ver­an­stal­tete die Gruppe "Kir­che sind wir alle" einen Abend zum The­men­ge­biet Geld, Zin­sen und Nach­hal­tig­keit. Damals ergriff der Lei­ter des Bil­dungs­hau­ses St. Arbo­gast die Initia­tive und ver­sam­melte einige Per­so­nen zwei Stun­den vor die­ser Ver­an­stal­tung. Es zeigte sich sehr schnell, dass alle die Idee des Tausch­krei­ses kann­ten und einige sich über­leg­ten, solch einen in ihrer Umge­bung zu grün­den. Es wurde an die­sem Abend beschlos­sen, eine Gruppe zu bil­den, die das Vor­ha­ben für das ganze Bun­des­land umsetzte. Für mich war damals klar, dass dies eine Sache ist, für die ich mich ein­set­zen möchte.

WHH: Wie fing dann alles an?

GJM: Am Anfang dau­erte es etwa ein hal­bes Jahr, bis diese Gruppe die wich­tigs­ten Infor­ma­tio­nen zusam­men­ge­tra­gen hatte und die Spiel­re­geln für das Talente-Experiment Vor­arl­berg – so nann­ten wir uns am Anfang – fixiert waren. Es gab in die­sem hal­ben Jahr viele lange Abende vol­ler Dis­kus­sion und wich­ti­ger Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Nach fünf Jah­ren Pra­xis kön­nen wir sagen, die damals getrof­fe­nen Ent­schei­dun­gen waren die rich­ti­gen und sind noch heute unsere Basis.
Beim Start ver­ein­bar­ten wir, wenn nach einem Jahr 30 Kon­ten eröff­net sind, machen wir wei­ter, sonst been­den wir das Expe­ri­ment. Nach der besag­ten Frist konn­ten wir stolze 90 Mit­glie­der­kon­ten auf­wei­sen, was uns ein gro­ßer Antrieb für die Wei­ter­ar­beit war.

WHH: Wel­che Schwie­rig­kei­ten gab es am Anfang?

GJM: Schon kurz nach dem Start wurde uns ein wich­ti­ger Feh­ler schmerz­haft bewusst. Die Grün­dungs­gruppe, wir nann­ten sie Kern­team, bestand aus Per­so­nen, die groß­teils klar dekla­rier­ten, dass sie sich nach einem erfolg­rei­chen Start zurück­zie­hen woll­ten. Gleich­zei­tig gab es eine Per­son, die bereit war, den Groß­teil der Arbeit aus­zu­füh­ren. Wir waren also eine Gruppe, in der viele mit­re­de­ten und beschlos­sen und in der nur wenige die tat­säch­li­che Arbeit gemacht haben. Dies führte zu Rich­tungs­dis­kus­sio­nen und Zer­würf­nis­sen. Schluss­end­lich trennte sich die Gruppe von der Per­son, wel­che bis dahin die meiste Arbeit machte auf­grund der inhalt­li­chen Dif­fe­ren­zen und begann die Arbei­ten auf viele Schul­tern zu ver­tei­len.
Etwa zur sel­ben Zeit began­nen wir das Bun­des­land in Regio­nen auf­zu­tei­len, damit tat­säch­lich das regio­nale Ele­ment betont und ein Wirt­schaf­ten im Nah­raum geför­dert wird. Kleine Leis­tun­gen oder Pro­dukte wer­den ja nicht auf Dis­tan­zen von 50 km oder mehr getauscht.
Anfangs hat­ten wir auch immer wie­der finan­zi­elle Pro­bleme. So finan­zierte ein Mit­glied aus dem Kern­team die Tausch­soft­ware aus sei­nem Ein­kom­men und ein ande­res gewährte ein grö­ße­res zins­lo­ses Dar­le­hen, damit wir in den ers­ten Jah­ren wirt­schaf­ten konn­ten. Durch eine Spon­so­ring­ak­tion konn­ten wir die gelie­he­nen Gel­der spä­ter zurück­be­zah­len. Heute bekom­men wir einen finan­zi­el­len Eng­pass, wenn wir neue Infra­struk­tur anschaf­fen müs­sen, z.B. einen neuen leis­tungs­fä­hi­gen PC für die Erstel­lung unse­rer Markt­zei­tung, die inzwi­schen ein pro­fes­sio­nel­les Lay­out hat.

WHH: Im Talente-Tauschkreis Vor­arl­berg gibt es ein gro­ßes Team, woher kom­men die Per­so­nen, die mit­ar­bei­ten?

GJM: Wir hat­ten nun neben dem Kern­team ein Ser­vice­team gegrün­det. Im Ser­vice­team soll­ten sich jene tref­fen, die lau­fend mit den Mit­glie­dern (haupt­säch­lich die Regio­nal­an­sprech­part­ne­rin­nen) zu tun hat­ten, um ihre Anlie­gen, Fra­gen und Pro­bleme zu bear­bei­ten.
Wir haben alle Mit­glie­der zu einer Ver­samm­lung ein­ge­la­den und vor­ge­stellt, wel­che Funk­tio­nen zu beset­zen sind. Wir nah­men jene Per­so­nen, die sich mel­de­ten, in unsere Runde auf und haben meist sehr posi­tive Erfah­run­gen mit die­ser Vor­ge­hens­weise gemacht. Einige davon arbei­ten auch heute noch sehr maß­geb­lich in unse­rem Ver­ein mit.
Es ist natür­lich ein Wag­nis, sich auf unbe­kannte Per­so­nen ein­zu­las­sen. Du weißt nicht, ob die Per­son ins Team passt oder ob sie die Auf­ga­ben bewäl­ti­gen wird. Wir sind aber sehr gut damit gefah­ren.

WHH: Gibt es heute auch noch das Kern– und das Ser­vice­team?

GJM: Nein, inzwi­schen haben wir zwei wich­tige Schritte in der Orga­ni­sa­tion voll­zo­gen. Wir haben einen Ver­ein gegrün­det und das Kern­team ist nicht mehr vor­han­den. Heute gibt es ein star­kes Ser­vice­team von etwa 20 Per­so­nen, die auf zwei Jahre gewählt wer­den. Die­ses Team ist mit unter­schied­li­chen Funk­tio­nen besetzt und ent­schei­det gemein­sam nach demo­kra­ti­schen Regeln. Wir tref­fen uns etwa monat­lich und zie­hen uns ein­mal im Jahr auf eine Klau­sur zurück.
Heute haben wir in unse­rem klei­nen Land sechs Regio­nen mit eige­nen Ansprech­part­ne­rin­nen und kön­nen diese Regio­nen bei Bedarf – sprich stei­gen­der Mit­glieds­zah­len – jeder­zeit wei­ter tei­len.

WHH: Wenn so viele Per­so­nen mit­ein­an­der arbei­ten, kommt es auch zu unter­schied­li­chen Mei­nun­gen. Wie gehen Sie damit um?

GJM: Wir ver­stän­di­gen uns immer wie­der auf die gemein­sa­men Grund­la­gen. Viele Details wer­den nicht aus­dis­ku­tiert, da wir das den Zustän­di­gen über­las­sen. Jede Per­son hat für ihre Funk­tio­nen einen bestimm­ten Rah­men. Solange der ein­ge­hal­ten wird, passt es. Also z.B. bei der Zei­tungs­er­stel­lung: Wich­tig ist, das alle ihre Bei­träge machen und die Zei­tung ter­min­ge­recht in den Druck geht. Da gibt es zwei Per­so­nen, die die Zei­tung vor dem Druck inhalt­lich kor­rek­tur­le­sen. Dies ist der Rou­ti­ne­vor­gang. Ob die jeweils Zustän­di­gen die Arti­kel selbst schrei­ben oder von einem Mit­glied schrei­ben las­sen, ist dabei unwich­tig. Ein ande­res Bei­spiel: Der Mit­glieds­bei­trag. Ob eine Regio­nal­an­sprech­per­son den Mit­glieds­bei­trag per­sön­lich ein­hebt oder einen Zahl­schein aus­sen­det, ist völ­lig egal. Wich­tig ist, dass er bezahlt wird und dass der Kon­takt zu den Mit­glie­dern stim­mig ist.

WHH: Auf was sollte man bei der Grün­dung eines Tausch­krei­ses ach­ten?

GJM: Das Wich­tigste ist vor­ne­weg eine Ziel­de­fi­ni­tion. Will eine Per­son oder eine Gruppe ein alter­na­ti­ves Wirt­schafts­sys­tem ent­wi­ckeln oder einen Tausch­ring für Maschi­nen, damit diese öfter genutzt wer­den?
Ein Tausch­kreis ist ein Orga­nis­mus, der einige wenige Kri­te­rien erfüllt. Es gibt eine eigene Wäh­rung, eine Admi­nis­tra­tion dazu und Zins­frei­heit. In den meis­ten Fäl­len, soweit ich die Tausch­kreise im deutsch­spra­chi­gen Raum kenne, geht es um die Erhö­hung der Lebens­qua­li­tät oder um alter­na­ti­ves Wirt­schaf­ten ohne Zin­sen. Meis­tens um bei­des. Da wer­den oft öko­lo­gi­sche Aspekte – wie Nah­ver­sor­gung, kurze Wege oder öko­lo­gi­sche Land­wirt­schaft, aber auch soziale Aspekte wie zum Bei­spiel mehr Bezie­hun­gen, Gleich­ge­sinnte tref­fen sich, man fühlt sich gegen­sei­tig ver­pflich­tet – mit­ein­an­der ver­knüpft. Etwas zynisch for­mu­liert ist für jeden etwas dabei. Genau die­ser Aspekt ist die Chance und das Risiko zugleich.
Ein Risiko des­halb, weil es viele Per­so­nen zu Beginn anspricht und nicht bei allen die Erwar­tun­gen erfüllt wer­den kön­nen. Die Chance, weil es viele unter­schied­li­che Per­so­nen anspricht und sich doch viele so gegen­sei­tig ergän­zen kön­nen. Manch­mal habe ich den Ein­druck, es han­delt sich um ein öko-soziales Puz­zle­spiel.
Wenn die Ziele klar sind, geht es darum, die der­zeit pas­sende Struk­tur zu defi­nie­ren und eine Gruppe zu fin­den, die sich mit­ein­an­der auf den Weg macht, um das Vor­ha­ben umzu­set­zen. Eine Gruppe ist des­halb so wich­tig, weil die Orga­ni­sa­tion ja meist irgend­wie neben­her gehen muss. Da gibt es noch den Beruf, die Fami­lie, den Freun­des­kreis und andere Inter­es­sen. Da kann den Orga­ni­sa­to­ren schon ein­mal die Luft aus­ge­hen, oder es wird not­we­nig, eine Zeit lang zu pau­sie­ren. Wenn in sol­chen Situa­tio­nen alles an ein oder zwei Per­so­nen hängt, ist der Erfolg des Tausch­krei­ses oft gefähr­det.
Als drit­ter Fak­tor gehört eine große Por­tion Grup­pen­fä­hig­keit dazu. Ent­we­der ich kann den ande­ren ein­fach so sein las­sen, wie er ist, oder ich muss mich dem stel­len, was per­sön­lich in mir pas­siert. Viele Grup­pen zer­bre­chen an den per­sön­li­chen Span­nun­gen – und hier ist Reflexions-, Kon­flikt­fä­hig­keit und guter Wille gefragt.
Und vier­tens sind klar ver­teilte Auf­ga­ben, die auch klar beschrie­ben sind, not­wen­dig. Im Ide­al­fall macht jede Per­son genau das, was sie am bes­ten kann und sehr gerne tut. Wie es im Tausch­kreis ja auch der Fall sein soll. Kurz gesagt, die Prin­zi­pien des Tausch­krei­ses auch in die Orga­ni­sa­tion auf­neh­men und diese dort leben. Das geht nicht immer, ist aber abso­lut erstre­bens­wert.

WHH: Wie sehen Sie die vie­len Dis­kus­sio­nen um Basis­de­mo­kra­tie oder Hier­ar­chie beim Thema Orga­ni­sa­tion?

GJM: Hier nehme ich eine deut­lich andere Posi­tion ein, als die meis­ten Tausch­kreis­or­ga­ni­sa­to­ren. Die meis­ten Per­so­nen, die Tausch­kreise orga­ni­sie­ren, sind auch in die­sem Punkt, ohne hier zu nahe tre­ten zu wol­len, sehr idea­lis­tisch moti­viert. Das ist wich­tig, aber oft nicht hilf­reich. Die Suche nach ande­ren Orga­ni­sa­ti­ons­mo­del­len als den klas­sisch hier­ar­chi­schen führt auf dem kur­zen Weg zur Basis­de­mo­kra­tie. Jetzt pas­siert es oft, dass diese Orga­ni­sa­ti­ons­form dazu führt, dass alles auf der Ebene des Kon­sens beschlos­sen wer­den muss. Das ist für ein Tausch­sys­tem gefähr­lich, will es z.B. meh­rere hun­dert Per­so­nen "behei­ma­ten". Eine zuver­läs­sige Admi­nis­tra­tion kann dann teil­weise nicht mehr gewähr­leis­tet wer­den.
Allzu oft ste­hen hier Orga­ni­sa­ti­ons­form und Ziel­set­zung im Wider­spruch. Es wird ver­sucht, alles mög­li­che an idea­lis­ti­schen Zie­len mit einem Auf­wasch unter­zu­brin­gen. Der Tausch­kreis wird dann zum idea­lis­ti­schen Woll­milch­schwein. Ein Bei­spiel: Ein Tausch­kreis ent­schei­det sich dafür, öko­lo­gisch wirt­schaf­tende Betriebe mit eben­sol­chen inter­es­sier­ten Men­schen zusam­men­zu­brin­gen. Es soll in einer länd­li­chen Region ein zins­freies Tausch­netz­werk ent­ste­hen. Nach ein paar Mona­ten strei­ten sich die Betrei­ber die­ses sehr erfolg­reich ange­lau­fe­nen Pro­jek­tes über die Orga­ni­sa­ti­ons­form, da es ja nicht einige Orga­ni­sa­to­ren geben soll, son­dern die Mit­glie­der alle mit­be­stim­men sol­len. Soweit so gut. Doch wo wird hier der Rah­men gezo­gen? Ich denke, einige Mit­glie­der wer­den auf Ver­an­stal­tun­gen gerne mit­ge­stal­ten wol­len, andere eben nicht. Die Gefahr liegt darin, die Mit­glie­der zu über­for­dern. Ich glaube, es ist Anspruch genug, dass die Men­schen sich auf ein ver­än­dern­des System ein­las­sen, hier neue Erfah­run­gen machen, sich in ihrem Ver­hal­ten reflek­tie­ren und viel­leicht noch Kon­se­quen­zen für ihr Leben dar­aus zie­hen. Viele Men­schen sind ein­fach damit über­for­dert, stän­dig bei Orga­ni­sa­ti­ons­fra­gen, Abläu­fen oder immer neuen Inhal­ten mit­zu­den­ken oder mit­zu­ge­stal­ten. Der Anspruch der Tausch­kreis­be­trei­ber an die Sys­tem­nut­zer neben den Inhal­ten auch noch eine neue bes­sere Orga­ni­sa­ti­ons­form zu fin­den, resul­tiert teil­weise auch daher, dass zu wenig bewusst ist, wel­che Dyna­mik von unse­rem her­kömm­li­chen Geld­sys­tem aus­geht und wie wenig wir uns damit befas­sen.
Ein deut­li­ches Plä­do­yer also für eine an die Men­schen ange­passte Orga­ni­sa­ti­ons­form und nicht umge­kehrt. Eine Struk­tur ist immer nur ein Mit­tel und kein Zweck!

WHH: Was ent­steht beim Tau­schen als Neben– oder Hauptef­fekt?

GJM: Der pri­märe Effekt ist, dass Waren oder Dienst­leis­tun­gen getauscht wer­den. Dies würde ich län­ger­fris­tig auch als den zen­tra­len Erfolgs­in­di­ka­tor sehen. Wich­tige Effekte erge­ben sich aus der wei­te­ren Ziel­set­zung des Tausch­krei­ses. Uns sind Werte wie Nach­bar­schafts­hilfe, öko­lo­gi­sches Han­deln, Wege ver­kür­zen und sozia­les Han­deln wich­tig. Diese Werte las­sen sich nur schwer mes­sen. Den­noch sind sie zen­tral. Wenn ich z.B. drin­gend jemand brau­che, der mich zur Auto­werk­statt fährt, und es nicht gelingt, dies im Tausch­kreis zu orga­ni­sie­ren, stimmt etwas noch nicht.
Die Neben­ef­fekte sind zahl­reich, es ent­ste­hen neue Bezie­hun­gen und Treff­punkte, Poten­tiale von ein­zel­nen wer­den ent­deckt, obwohl die Per­son diese gar nicht ange­bo­ten hat. Bei Ver­an­stal­tun­gen ent­ste­hen immer mehr Fahr­ge­mein­schaf­ten, zahl­rei­che Dis­kus­sio­nen über Werte und Hal­tun­gen fin­den auf unse­ren Ver­an­stal­tun­gen statt, viele fin­den einen Platz, ihre Krea­ti­vi­tät ein­zu­brin­gen usw. usw.

WHH: Inwie­weit hilft ein Tausch­kreis, das Regio­nale zu stär­ken?

GJM: Hierzu gibt es eine inter­es­sante neue Unter­su­chung von Robert Musil aus Wien. Robert Musil hat sich in sei­ner Diplom­ar­beit mit der Frage beschäf­tigt, inwie­weit bzw. ob Tausch­kreise ein Instru­ment für die endo­gene Regio­nal­ent­wick­lung sind. Die Unter­su­chung beruht einer­seits auf einer Befra­gung der Tausch­krei­sin­itia­to­ren in Öster­reich und ande­rer­seits auf einer Mit­glie­der­be­fra­gung der Tausch­kreis­mit­glie­der von Vor­arl­berg und den drei Wie­ner Tausch­krei­sen. Der Autor kommt dabei zum Schluss, dass Tausch­kreise eine ange­mes­sene und wir­kungs­volle Vari­ante der endo­ge­nen Regio­nal­ent­wick­lung sind.

WHH: Gibt es Wider­stand oder Unter­stüt­zung aus Poli­tik und Wirt­schaft?

GJM: Der­zeit habe ich den Ein­druck, dass die Tausch­sys­teme eher wohl­wol­lend beob­ach­tet und nicht beein­träch­tigt wer­den. Dies war vor allem in Deutsch­land nicht immer so. Auf EU Ebene wur­den ja auch vier Pro­jekte wie z.B. Amsel­net oder Sokks in der letz­ten För­der­pe­riode unter­stützt. In Vor­arl­berg haben wir seit eini­gen Mona­ten eine gute und kon­struk­tive Zusam­men­ar­beit mit dem Büro für Zukunfts­fra­gen des Lan­des. Diese Ein­rich­tung ist dem Lan­des­haupt­mann direkt unter­stellt und beschäf­tigt sich nun auch mit den Kom­ple­men­tär­wäh­run­gen.
In der Wirt­schaft habe ich den Ein­druck, dass es unter­schied­li­che Ansätze gibt, die Tausch­kreis­idee zuneh­mend zu kom­mer­zia­li­sie­ren. Die Bar­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen sind nur ein Aspekt dabei, aber die gan­zen Bonus­sys­teme und Rabatt­mar­ken zie­len immer öfter auf den Stel­len­wert eige­ner Wäh­run­gen ab.
Ein aktu­el­les Pro­jekt bei uns in Vor­arl­berg beschäf­tigt sich mit dem Zusam­men­wir­ken von Tausch­krei­sen und Tou­ris­mus­be­trie­ben. Viel­leicht kön­nen Sie schon bald um Talente in Vor­arl­berg näch­ti­gen und essen.

WHH: Was bedeu­tet der Begriff "Kul­tu­rell Krea­tive" für einen Tausch­kreis?

GJM: Auf den Begriff bin ich erst vor etwa andert­halb Jah­ren in den Büchern von Ber­nard Lietaer gesto­ßen. Seit­her begeg­net mir die­ser Begriff immer wie­der. Grund­sätz­lich glaube ich inzwi­schen, dass die Tausch­kreise eine Ansamm­lung Kul­tu­rell Krea­ti­ver sind. Hier tref­fen sich genau jene Per­so­nen wie­der, auf wel­che die Beschrei­bun­gen der Kul­tu­rell Krea­ti­ven zutref­fen.
Umge­kehrt scheint es mir auch mög­lich zu sein, die Kul­tu­rell Krea­ti­ven über die Ein­rich­tung von Kom­ple­men­tär­wäh­rungs­sys­te­men, wie Tausch­kreise ja eines sind, zu ver­net­zen. Es könn­ten sich zwi­schen dem "Instru­ment Tausch­kreis" und der Bewe­gung der Kul­tu­rell Krea­ti­ven folg­lich große Syn­er­gien erge­ben. Bei­den geht es ja schluss­end­lich um eine Trans­for­ma­tion. Um mehr Lebens­qua­li­tät, Schutz der Umwelt, Gleich­be­rech­ti­gung …

WHH: Wer macht bei einem Tausch­kreis mit, wer sind die trei­ben­den Kräfte?

GJM: Nut­ze­rIn­nen der Tausch­kreise sind alles andere als eine homo­gene Gruppe. Eine per­sön­li­che – aber noch nicht über­prüfte – Hypo­these ist, dass drei Grup­pen unter­schie­den wer­den kön­nen. Jene, die aus ideo­lo­gi­schen Grün­den mit­ma­chen – "… die Idee ist so gut, aber ich habe keine Zeit". Jene, die es ver­ste­hen, sich sehr aktiv ein­zu­brin­gen, und die einen wenn auch klei­nen Teil des Haus­halts­bud­gets im Tausch­kreis erwirt­schaf­ten, und jene, die dabei sind, weil, nun ja, das wis­sen sie meist selbst nicht so genau. Bei der drit­ten Gruppe sam­meln sich jene, die bestimmte Erwar­tun­gen hat­ten, z.B. ein bestimm­tes Pro­dukt mit ande­ren zu tau­schen. In der Zwi­schen­zeit hat sich her­aus­ge­stellt, dass die­ses Pro­dukt keine Abneh­mer fin­det. Erge­ben sich für diese Per­so­nen keine ande­ren Anknüp­fungs­punkte, tre­ten sie des­halb noch nicht aus, blei­ben aber inak­tiv. Oder diese Per­so­nen wer­den Mit­glied im Tausch­kreis, weil eine andere Per­son das toll fin­det. Diese Unter­gruppe ist meist auch nicht sehr aktiv, und ich unter­stelle ihnen, sie haben keine Eigen­mo­ti­va­tion für ein Enga­ge­ment im Tausch­kreis, da ihnen das Ziel fehlt, wes­halb sie dabei sind.
Gründe, sich an einem Tausch­kreis zu betei­li­gen, sind meist ideo­lo­gi­sche, wirt­schaft­li­che und soziale Gründe – auch die Mög­lich­keit, Bezie­hun­gen zu knüp­fen. Soziale Aspekte wer­den von den Mit­glie­dern häu­fi­ger als wirt­schaft­li­chen Gründe genannt.

WHH: Gibt es so etwas wie eine kri­ti­sche Größe?

GJM: Ja, die kri­ti­sche Größe gibt es. Ich erlebe es so, dass in einem eher klei­nen Umfeld von ein paar Tau­send Ein­woh­nern etwa 50 bis 80 Per­so­nen mit­ein­an­der tau­schen soll­ten. Ideal ist es sicher inner­halb einer Gemeinde oder eines Stadt­teils. Wenn die Gruppe viel klei­ner ist, bleibt der Nut­zen für die ein­zel­nen zu klein. Eine unsere Ansprech­per­so­nen for­mu­lierte das so: Nach einem Jahr ist der eine Schrank voll mit Senf vom Johann und der andere Schrank voll mit Mar­me­lade von Inge. Was soll ich also noch kau­fen.
Ande­rer­seits soll die Gruppe auch nicht zu groß sein. Eine Koor­di­na­ti­ons­per­son sollte im Ide­al­fall noch alle Mit­glie­der per­sön­lich ken­nen kön­nen, und das ist bis ca. 150 Per­so­nen mög­lich.
Eine andere kri­ti­sche Größe ist die Ver­tei­lung der drei oben genann­ten Grup­pen. Bil­det die Gruppe, die nicht so genau weiß, wes­halb sie beim Tausch­kreis ist, mit den Ideo­lo­gen die Mehr­heit der Mit­glie­der, ist ein kri­ti­scher Wert erreicht. Die Anzahl jener, die Tausch­ge­schäfte abwi­ckeln, sollte in einem Tausch­kreis stets grö­ßer sein als jene, die aus ideo­lo­gi­schen Grün­den dabei sind.

WHH: Wann ist denn ein Tausch­kreis groß?

GJM: Die Größe spielt natür­lich auch in den Ver­glei­chen zwi­schen Tausch­sys­te­men immer wie­der eine Rolle. Unser Tausch­kreis wird als einer der grö­ße­ren betrach­tet. Dies hat einer­seits damit zu tun, dass wir ver­su­chen, im gan­zen Bun­des­land aktiv zu sein und nicht, wie es oft üblich ist, in einer ein­zel­nen Gemeinde oder Stadt. Ande­rer­seits sind wir vom Mit­glie­der­stand und den Umsät­zen her ein akti­ver Tausch­kreis. Den­noch bewe­gen wir uns bei einem jähr­li­chen durch­schnitt­li­chen Stun­den­um­satz von etwa 35 bis 36 Stun­den je Mit­glieds­konto. Das ist volks­wirt­schaft­lich eigent­lich zu ver­nach­läs­si­gen.
Der größte Tausch­kreis im deutsch­spra­chi­gen Raum dürfte jener in Mün­chen sein. Dort sind etwa 1.500 Mit­glie­der regis­triert. Wie aktiv die­ser Tausch­kreis ist, kann ich nicht ein­schät­zen. Ich habe gehört, dass es dort der­zeit zu mas­si­ven Span­nun­gen und Kon­flik­ten bei den Orga­ni­sa­to­ren kommt.

WHH: Wie steht es mit der Zusam­men­ar­beit zwi­schen ver­schie­de­nen Tausch­krei­sen?

GJM: Wenn ein Tausch­kreis wie wir in Regio­nen auf­ge­teilt ist, soll­ten zuerst ein­mal diese gut zusam­men­ar­bei­ten. Wenn dies gewähr­leis­tet ist, bie­tet sich eine Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Tausch­krei­sen an. Wir unter­stüt­zen auf Anfrage gerne andere Tausch­kreise in der Umge­bung beim Auf­bau und der Ent­wick­lung. Den direk­ten Tausch suchen wir vor allem mit den Tausch­krei­sen um Vor­arl­berg herum, den Tiro­lern und noch öfter mit dem Tausch­kreis Lindau-Wangen. Die Ver­net­zung auf der Bun­des­ebene finde ich auch sehr wich­tig. Lei­der ist es so wie auch in Deutsch­land und der Schweiz auf der Bun­des­ebene nicht ganz ein­fach. Hier gibt es meis­tens sehr viele Fel­der, die bestellt wer­den soll­ten, aber die Per­so­nen, die sich dafür ein­set­zen, sind ja schon in der Orga­ni­sa­tion von regio­na­len Tausch­sys­te­men ein­ge­bun­den und oft dort schon sehr belas­tet. Den­noch glaube ich, dass die Bun­des­ver­net­zung für die Wei­ter­ent­wick­lung der Tausch­kreise eine ganz wich­tige Sache ist. Oft arbei­ten z.B. drei, vier Per­so­nen an den sel­ben Rechts­fra­gen, hier kön­nen Infor­ma­tio­nen ein­fach aus­ge­tauscht und für andere zugäng­lich gemacht wer­den.
Einen ent­schei­den­den Schub für das Zusam­men­wir­ken der ver­schie­de­nen Tausch­sys­teme wird das Pro­jekt Com­ple­men­tary (or com­mu­nity) cur­rency clea­ring house (CCCH) brin­gen. Mit dem CCCH ent­steht eine inter­net­ba­sierte Ver­re­chungs­stelle für die ver­schie­dens­ten kom­ple­men­tä­ren Wäh­run­gen. Es wird mit die­sem System mög­lich, die meis­ten regio­na­len Wäh­run­gen mit­ein­an­der zu ver­rech­nen. Das bedeu­tet, dass Wolf­gang aus Müns­ter seine "Ver­rech­nungs­ein­hei­ten" ganz bequem und sicher in Wien oder auch in Washing­ton aus­ge­ben kann. In die­sem System wird den natio­na­len Ver­net­zungs­or­ga­ni­sa­tio­nen eine wich­tige Rolle zukom­men. Der­zeit lau­fen die Pro­gram­mie­run­gen und das Spon­so­ring für die­ses Pro­jekt auf Hoch­tou­ren. Einige Ver­tre­ter unter­schied­li­cher Sys­teme haben ihre Mit­ar­beit am Steue­rungs­gre­mium für das CCCH zuge­sagt. Die Regeln für die Hand­ha­bung die­ses Sys­tems wer­den in die­sem inter­na­tio­nal besetz­ten Gre­mium gemein­sam ver­ein­bart.

WHH: Wel­che Leis­tun­gen wer­den am meis­ten ange­bo­ten und nach­ge­fragt?

GJM: Hand­fes­tes! Bei uns wer­den am meis­ten Lebens­mit­tel roh oder ver­ar­bei­tet, Hand­werks­leis­tun­gen oder Geräte getauscht. Viel inse­riert wird der gesamte Eso­te­rik– und Psycho­be­reich, aber hier fin­den sehr wenig Tausch­trans­ak­tio­nen statt.

WHH: Mode­er­schei­nung oder Beginn einer Revo­lu­tion "von unten" – wie sieht die Zukunft von Tausch­krei­sen aus?

GJM: Das hängt von zahl­rei­chen Fak­to­ren ab. Die letz­ten Jahre haben gezeigt, dass die Ent­wick­lun­gen ein­zel­ner Tausch­sys­teme sehr unter­schied­lich ver­lau­fen. Finan­zi­elle Pro­jekt­för­de­run­gen sind eben­so­we­nig ein Indi­ka­tor für den Erfolg wie hohes Enga­ge­ment ein­zel­ner Per­so­nen. Die Frage ist also nicht so leicht zu beant­wor­ten. In Län­dern Mit­tel– und Süd­ame­ri­kas hat die Tau­schi­dee eine sehr hohe Brei­ten­wir­kung. Dies ist sicher auf eine mas­sive Aus­wei­tung von Armut zurück­zu­füh­ren, die ihre Ursa­che zu einem nicht unwe­sent­li­chen Teil in der Dol­la­ri­sie­rung die­ser Län­der hat – wie zum Bei­spiel in Ecua­dor oder Argen­ti­nien.
Durch eine Betei­li­gung von Gemein­den an Tausch­sys­te­men wäre sicher auch bei uns eine Brei­ten­wir­kung zu erzie­len. Schluss­end­lich wird vie­les davon abhän­gen, wel­che Per­so­nen und Insti­tu­tio­nen sich an den Tausch­sys­te­men betei­li­gen bzw. sel­ber wel­che instal­lie­ren. Hier zei­gen sich aus mei­ner Sicht zwei Haupt-Trampelpfade, Wege sind es noch nicht.
Einer­seits gibt es ein kom­mer­zi­el­les Inter­esse an der Idee. Grö­ßere Unter­neh­men beschäf­ti­gen sich schon län­gere Zeit mit dem Thema der Kom­ple­men­tär­wäh­run­gen. Der andere Tram­pel­pfad sind staat­li­che Initia­ti­ven wie z.B. die in Japan instal­lier­ten Test­pro­jekte oder die japa­ni­schen Pfle­ge­wäh­run­gen, die Auf­schluss über Wir­kungs­weise und Chan­cen geben sol­len. Es bleibt neben der Initia­tive an den Gras­wur­zeln ein Abwar­ten, wer die gestal­ten­den Akteure der nächs­ten 10 Jahre sein wer­den.
Ein wich­ti­ger Fak­tor ist der Umgang staat­li­cher Stel­len mit den beste­hen­den Initia­ti­ven. Es gibt noch immer unter­schied­li­che Inter­pre­ta­tio­nen, wie wel­che Beträge zu ver­steu­ern sind und ob die Ein­kom­men in Tau­schein­hei­ten auf Arbeits­lo­sen­geld oder Sozi­al­hilfe anzu­rech­nen sind. In Deutsch­land gibt es dazu im Teil­be­reich der Sozi­al­hilfe eine Stel­lung­nahme des Lei­ters des Sozi­al­am­tes der Stadt Mün­chen. In die­ser Stel­lung­nahme ist zu lesen, das es zwar immer vom Ein­zel­fall abhängt, ob die "Ein­nah­men aus den Tauschringaktivitäten"(1) als Ein­kom­men gerech­net wer­den. "In der Pra­xis des Sozi­al­am­tes der Stadt Mün­chen wer­den diese Leis­tun­gen in der Regel nicht als Ein­kom­men betrach­tet. … Der Arbeits­kreis "Sozi­al­hil­fe­recht" des Deut­schen Ver­eins hat sich in sei­ner Sit­zung … der Auf­fas­sung der Stadt Mün­chen angeschlossen."(2)
Doch zurück zur Frage der Revo­lu­tion. Der­zeit wer­den die Tausch­kreise meis­tens ehren­amt­lich und in der spär­li­chen Frei­zeit oder vor allem von Frauen neben dem Haus­halt und der Kin­der­er­zie­hung orga­ni­siert. Es muss also meis­tens neben­her gehen. Zahl­rei­che Abend– und Nacht­stun­den wer­den auf­ge­wen­det. Solange dies so ist, wird sicher keine Revo­lu­tion statt­fin­den. Ganz abge­se­hen davon ist aus mei­ner Sicht eine Evo­lu­tion auch viel erstre­bens­wer­ter. Auch wenn ich mir oft mehr zeit­li­che und per­so­nelle Kapa­zi­tä­ten wün­schen würde.

WHH: Wel­che Rolle spie­len die neuen Tech­no­lo­gien wie zum Bei­spiel das Inter­net für einen Tausch­kreis?

GJM: Die neuen Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gien sind ein wah­rer Segen für die Tausch­kreise. Wir haben z.B. alle Mit­glie­der des Ser­vice­teams mit Modems aus­ge­stat­tet. Einen PC hat­ten fast alle. Wir brau­chen so viel weni­ger Zeit für Aus­tausch und sind im Umgang mit Infor­ma­tio­nen viel exak­ter gewor­den.
Ande­rer­seits wis­sen wir, dass max. ein Drit­tel der Mit­glie­der von Tausch­krei­sen einen PC zuhause hat, und von denen haben nicht alle einen Inter­net­zu­gang. Die per­sön­li­chen Treff­punkte und ana­lo­gen Wege wie Zei­tun­gen neh­men also nach wie vor eine hohe Prio­ri­tät ein.
Für die natio­nale und inter­na­tio­nale Ver­net­zung stel­len die neuen Medien eine rie­sige Chance dar. Ein klei­nes Bei­spiel: Wir unter­stüt­zen den Auf­bau von Tausch­sys­te­men in Ecua­dor. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­schiene zwi­schen Vor­arl­berg und Quito ist das E-Mail. In Karls­ruhe wohnt jene Frau, die einige der Texte vom Eng­li­schen ins Deut­sche über­setzt. In Salz­burg sitzt der Herr, der die Texte dann Online stellt. Alles geht nur über Mail. Ohne die­ses Medium könn­ten sol­che Aktio­nen von mir nicht mehr koor­di­niert wer­den.
Auch die erwähnte Clea­ring­stelle ist ein Bei­spiel für die wich­tige Rolle, die den neuen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dien und Tech­no­lo­gien zukommt.

WHH: Wel­che Rolle neh­men die Kir­chen in der Ent­wick­lung der Tausch­sys­teme ein?

GJM: Das ist eine gute Frage. Im Grunde glaube ich, dass die Christ­li­chen Kir­chen quasi einen Auf­trag vom Evan­ge­lium her hät­ten, sich mehr mit der Geld­the­ma­tik zu beschäf­ti­gen. Die Aus­sa­gen der Kir­che zum Thema Zins z.B. haben sich im Laufe der Jahr­hun­derte ja deut­lich gewan­delt. Heute tre­ten einige Kir­chen­or­ga­ni­sa­tio­nen für die Ent­schul­dung von Län­dern auf der süd­li­chen Halb­ku­gel unse­rer Erde ein. Aus­sa­gen über unser Geld und Zins­sys­tem sind über das hin­aus eher spär­lich.
Die ent­schei­dende Frage ist viel­leicht noch, wer mit Kir­che gemeint ist. Das Kir­chen­volk, zu dem alle zuge­hö­rig sind, die sich nicht aus­ge­nom­men haben, oder die Amts­kir­che?
Ich selbst würde mir Kir­che als Gan­zes näher an den Fra­gen der Zeit wün­schen. Doch das hängt wie so oft von den gestal­ten­den Per­so­nen ab. Man­che beto­nen mehr das Pas­to­rale, andere wol­len dar­über hin­aus tätig wer­den und sich mehr den Fra­gen und Pro­ble­men der Men­schen anneh­men.
Teil­weise gibt es dau­er­hafte Unter­stüt­zun­gen für nach­bar­schaft­lich ori­en­tierte Tausch­sys­teme von den Kir­chen. Wir erhal­ten z.B. einen Druck­kos­ten­zu­schuss und kön­nen unsere Zei­tung in der Diö­ze­san­dru­cke­rei dru­cken las­sen, was uns einen finan­zi­el­len Spiel­raum gibt.
Bei unse­ren Mit­glie­dern ver­hält es sich oft so, dass diese nichts mit der Amts­kir­che zu tun haben, viele auch nichts mit ihr zu tun haben wol­len. Wenn es hier, wie in unse­rem Fall, zu einer akti­ven Mit­glied­schaft und Unter­stüt­zung eines Kath. Bil­dungs­hau­ses kommt, stößt das viele Dis­kus­sio­nen an. Wes­halb sind wir hier in die­sem Haus, was will die Kir­che von uns …?
Ich erlebe im Mit­ein­an­der von Bil­dungs­haus und Tausch­kreis sehr unter­schied­li­che Reak­tio­nen. Ich weiß, dass sich Mit­glie­der wegen die­sem Mit­ein­an­der von uns ver­ab­schie­det haben. Ande­rer­seits gibt es auch Annä­he­run­gen, die ein Mit­glied so for­mu­lierte: "Ich bin aus­ge­tre­ten aus der Kir­che und will nichts mit ihr zu tun haben, aber ich finde es den­noch toll, das der Tausch­kreis hier ein schö­nes Ambi­ente zur Ver­fü­gung hat, das ich auch sehr gerne nutze." Und natür­lich gibt es Per­so­nen, die zum Tausch­kreis kom­men, weil sie über das Bil­dungs­haus von uns erfah­ren haben. In die­sem Bil­dungs­haus – St. Arbo­gast in Göt­zis – ist es mög­lich, die meis­ten Kurse in Talen­ten zu bezah­len. Einige Tausch­kreis­mit­glie­der brin­gen sich im Gegen­zug mit ihren Fähig­kei­ten im Bil­dungs­haus ein. Die­selbe Mög­lich­keit haben natür­lich auch alle Betriebe in Vor­arl­berg, nur wird diese Mög­lich­keit sel­ten genutzt.

WHH: Wel­chen Stel­len­wert haben die Betriebe?

GJM: Im Unter­schied zu ande­ren Tausch­sys­te­men ver­tre­ten wir die Auf­fas­sung, dass Betriebe Mit­glied im Tausch­kreis sein soll­ten. Es gibt in ande­ren Bun­des­län­dern den Ansatz, dass sich im Tausch­kreis die Pri­vat­per­so­nen orga­ni­sie­ren und in einem eige­nen System die Betriebe. Ist dann bei­des orga­ni­siert, wer­den dort die Tausch­sys­teme mit­ein­an­der ver­bun­den.
Ganz deut­lich wird die Bedeu­tung der Betriebe, wenn z.B. ein Tausch­sys­tem mit Zweck der Unter­stüt­zung der Nah­ver­sor­gung in einer bestimm­ten Region gegrün­det wird. Spe­zi­ell dort ist es sehr wich­tig, die Betriebe wie den Bäcker, die Schlos­se­rei, den Metz­ger etc. ein­zu­bin­den. Sie kön­nen im System für viele Teil­neh­me­rIn­nen einen hohen Nut­zen stif­ten, da der Erwerb von Waren in Kom­ple­men­tär­wäh­rung dann so ein­fach ist wie sonst im All­tag. Es wird dann mög­lich, zum Bäcker zu gehen und die Bröt­chen in Talen­ten oder was auch immer zu bezah­len.
Gelingt es in die­sem Fall nicht, den Bäcker oder das Gast­haus vom Ort in das Tausch­sys­tem ein­zu­bin­den, kann das Ziel, die Unter­stüt­zung der Nah­ver­sor­gung, nicht erreicht wer­den. Der Auf­wand, sich das Brot oder andere All­tags­ge­brauchs­gü­ter pri­vat zu orga­ni­sie­ren, wird zumin­dest län­ger­fris­tig zu auf­wen­dig. Was de facto ein Schei­tern des Vor­ha­bens bedeu­tet.
Zielt ein Tausch­sys­tem aus­schließ­lich auf Nach­bar­schafts­hilfe ab, ist zu über­le­gen, wie der Anreiz für die Mit­glie­der zustande kommt sich dort zu enga­gie­ren. Nach­bar­schafts­hilfe gegen Nach­bar­schafts­hilfe ist eine Mög­lich­keit. Oft ist es aber so, dass Per­so­nen in der Nach­bar­schafts­hilfe aktiv wer­den, um sich Dinge leis­ten zu kön­nen, die für sie sonst nicht erschwing­lich sind. Z.B. sich regel­mä­ßig mas­sie­ren zu las­sen, ein Semi­nar zu besu­chen etc. Hier stellt es einen Anreiz dar, wenn der Mas­seur im Ort beim Tausch­sys­tem ist und ich zumin­dest die Hälfte der Kos­ten in kom­ple­men­tä­rer Wäh­rung bezah­len kann. Oder wenn es die Mög­lich­keit gibt, mit der gan­zen Fami­lie am Sonn­tag essen zu gehen und im Gast­haus 40% der Summe in Kom­ple­men­tär­wäh­rung bezahlt wer­den kann. So macht ein Tausch­kreis Sinn.


Fuß­no­ten:
(1) Tausch­sys­tem Nach­rich­ten, Lets Netz, Num­mer 14/2001, Seite 6; Die Gegen­leis­tung bei Tausch­rin­gen, ein Ein­kom­men im Sinne des BSHG? Rei­ner Knäusl, Lei­ter des Sozi­al­am­tes der Stadt Mün­chen
(2) a.a.O.

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