Seid Vor­über­ge­hende!
Zen und christ­li­che Mys­tik

Obwohl eng mit dem Bud­dhis­mus ver­bun­den, ist Zen keine Reli­gion, son­dern ein prak­ti­scher Übungs­weg, der zur Ein­heits­er­fah­rung der nicht-dualen Wirk­lich­keit führt. Als christ­li­che Ordens­leute wie Hugo Enomiya-Lassalle und Wil­li­gis Jäger sich in den 1970er und 80er Jah­ren in Japan auf den Zen-Weg ein­lie­ßen, weck­ten sie im Wes­ten ein neues Ver­ständ­nis für und Inter­esse an Prak­ti­ken der christ­li­chen Mys­tik, wie z.B. Her­zens­ge­bet und Kon­tem­pla­tion.

Obwohl eng mit dem Bud­dhis­mus ver­bun­den, ist Zen keine Reli­gion, son­dern ein prak­ti­scher Übungs­weg, der zur Ein­heits­er­fah­rung der nicht-dualen Wirk­lich­keit führt. Als christ­li­che Ordens­leute wie Hugo Enomiya-Lassalle und Wil­li­gis Jäger sich in den 1970er und 80er Jah­ren in Japan auf den Zen-Weg ein­lie­ßen, weck­ten sie im Wes­ten ein neues Ver­ständ­nis für und Inter­esse an Prak­ti­ken der christ­li­chen Mys­tik, wie z.B. Her­zens­ge­bet und Kon­tem­pla­tion. Egmont Ein­of­ski beschreibt einige wesent­li­che Gemein­sam­kei­ten die­ser zwei spi­ri­tu­el­len Wege.

In unse­ren Tagen erlebt die von vie­len längst tot geglaubte Mys­tik eine Auf­er­ste­hung. Wäh­rend man sich in den sech­zi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts über­wie­gend mit den gesell­schaft­li­chen Pro­ble­men beschäf­tigte, begann die Jugend, der Poli­tik über­drüs­sig gewor­den, sich den The­men Spi­ri­tua­li­tät, Medi­ta­tion und Tran­szen­denz zuzu­wen­den.
In dem bereits 1976 bei Her­der erschie­ne­nen Taschen­buch "Die Suche nach dem ande­ren Zustand – Wie­der­kehr der Mys­tik?" schrieb der Her­aus­ge­ber Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ner: "West­li­che Intel­lek­tu­elle, aber auch nam­hafte Natur­wis­sen­schaft­ler und Management-Experten füh­len sich in zuneh­men­dem Maße von den Leh­ren des Bud­dhis­mus, Hin­du­is­mus und Tao­is­mus ange­zo­gen… Man­che Beob­ach­ter spre­chen ange­sichts die­ser und ähn­li­cher Vor­gänge bereits von einem ?Auf­bruch des reli­giö­sen Geis­tes?, der die noch vor kur­zem vor allem von Theo­lo­gen gehegte Erwar­tung eines ?reli­gi­ons­lo­sen Zeit­al­ters?, eines völ­li­gen Endes der Reli­gion, Lügen strafe. Aller­dings wird meis­tens hin­zu­ge­fügt, dass sich die­ser reli­giöse Auf­bruch unter mys­ti­schen Vor­zei­chen fast durch­weg außer­halb oder am Rande der eta­blier­ten christ­li­chen Kir­chen abspielt… Unüber­seh­bar ist der Ein­fluss nicht­christ­li­cher, vor allem fern­öst­li­cher Über­lie­fe­run­gen in die west­li­chen Gesell­schaf­ten – ein Ein­fluss, von dem Scho­pen­hauer, der als ers­ter Kant und Pla­ton mit Bud­dha zusam­men­brachte, kaum zu träu­men gewagt hat.?
Es muss wohl im Wesen der mys­ti­schen Erfah­rung lie­gen, dass Mys­ti­ker aller Zei­ten stets mit der eta­blier­ten Reli­gion in Kon­flikt kamen. Kal­ten­brun­ner schreibt: "In der Ver­ach­tung, die der kon­fu­zia­ni­sche Man­da­rin dem Tao­is­mus ent­ge­gen­bringt, in dem Miss­trauen der römi­schen Kir­che gegen­über den Leh­ren Meis­ter Eck­harts, in der Äch­tung des sufis­ti­schen Eksta­ti­kers Al-Halladsch durch die isla­mi­sche Ortho­do­xie, im Kampf des Gör­lit­zer Haupt­pas­tors Gre­go­rius Rich­ter gegen den eigen­wil­li­gen Schuster-Theosophen Jakob Böhme – in den ver­schie­dens­ten Epo­chen, Kul­tu­ren und Reli­gio­nen lässt sich jener Gegen­satz zwi­schen insti­tu­tio­na­li­sier­ter Lehre und frei­schwe­ben­der Mys­tik, zwi­schen dog­ma­ti­schem Gesetz und sub­jek­ti­ver Spi­ri­tua­li­tät, zwi­schen vor­ge­ge­be­nem Buch­sta­ben und visio­nä­rer Erleuch­tung, zwi­schen hier­ar­chi­scher Ord­nung und cha­ris­ma­ti­scher Anar­chie nach­wei­sen… Vie­len Theo­lo­gen erscheint Mys­tik gera­dezu als Teu­fels­ge­schenk. Sie war und ist häre­sie­ver­däch­tig".

Gott als unser urei­ge­nes Wesen erle­ben
In jeder Reli­gion gibt es auch Mys­tik. Aber die Mys­tik als innere Erfah­rung über­steigt die Reli­gion. Sie drückt das aus, was der Reli­gion zugrunde liegt, ihr inners­tes und urei­gent­li­ches Wesen. Letzt­lich sind die Aus­sa­gen Jesu, wie sie uns durch Johan­nes über­mit­telt wur­den, oder die des Pau­lus nur von einer tie­fen mys­ti­schen Erfah­rung her zu begrei­fen. Jesus machte Aus­sa­gen, die uns Heu­ti­gen zwar sehr ver­traut sind, aber für die Theo­lo­gen sei­ner Zeit unge­heu­er­lich und blas­phe­misch waren. So wenn er z.B. in Johan­nes 10,30 sagt: "Ich und der Vater sind eins." Oder in Johan­nes 14,9: "Wer mich gese­hen hat, der hat den Vater gese­hen." Und wenn Pau­lus in Römer 11,36 dar­auf hin­weist, dass aus Gott, durch ihn und in ihm das ganze All ist. Oder wenn er in sei­ner Rede auf dem Areo­pag in Athen sei­nen Hörern zuruft: "Ihr seid Göt­ter!" Alle diese Aus­sa­gen kann man nicht machen ohne die Erfah­rung der Unio mys­tica, bei der Gott nicht mehr als Gegen­über, son­dern als das urei­genste Wesen erlebt wird.
In der Früh­zeit des Chris­ten­tums gab es eine sehr große Anzahl von Men­schen, die mys­ti­sche Erfah­run­gen hat­ten. Man denke dabei nur an die gnos­ti­schen Chris­ten, die lange Zeit inner­halb der christ­li­chen Ekkle­sia ihren Platz hat­ten. All­mäh­lich jedoch wur­den all diese Mys­ti­ke­rin­nen und Mys­ti­ker aus der Kir­che her­aus­ge­drängt, und auf ver­schie­de­nen Syn­oden wurde der "recht­mä­ßige" ortho­doxe Glaube fest­ge­legt. Zum Bei­spiel wurde die früh­christ­li­che Lehre von der Prä­e­xis­tenz der Seele, also der Exis­tenz bereits vor der Geburt, die noch der bedeu­tende Kir­chen­leh­rer Orig­e­nes ver­trat, im Jahre 553 in Kon­stan­ti­no­pel ver­ur­teilt.

Leer­wer­den mit Beharr­lich­keit
Es hat immer wie­der in der Geschichte des Chris­ten­tums Men­schen gege­ben, die mys­ti­sche Erfah­run­gen hat­ten und die auch dar­über berich­te­ten. Ein syri­scher Mys­ti­ker des 5./6. Jahr­hun­derts ver­öf­fent­lichte unter dem Pseud­onym Dio­ny­sius Areo­p­a­gita ver­schie­dene mys­ti­sche Bücher in grie­chi­scher Spra­che. In einer sei­ner Schrif­ten, der "Mys­ti­schen Theo­lo­gie", schreibt Dio­ny­sius an sei­nen Schü­ler:
"Du aber, lie­ber Timo­theus, lass nicht ab, dich den geheim­nis­vol­len Betrach­tun­gen hin­zu­ge­ben. Den Sin­nes­wahr­neh­mun­gen gib (auf diese Weise) ebenso den Abschied wie den Regun­gen dei­nes Ver­stan­des; was die Sinne emp­fin­den, dem ent­sage ebenso wie dem, was das Den­ken erfasst, dem Nicht­sei­en­den ebenso wie dem Sei­en­den. Statt des­sen spanne dich auf nicht-erkenntnismäßigem Wege, soweit es irgend mög­lich ist, zur Einung mit dem­je­ni­gen hin­auf, der alles Sein und Erken­nen über­steigt. Denn nur wenn du dich bedin­gungs­los und unein­ge­schränkt dei­ner selbst wie aller Dinge ent­äu­ßerst, wirst du in Rein­heit zum über­sei­en­den Strahl des gött­li­chen Dun­kels empor getra­gen, alles los­las­send und von allem los­ge­löst."
Dies klingt sehr stark an das an, was uns von den gro­ßen fern­öst­li­chen Meis­tern des Zen über­lie­fert wurde. So heißt es in einem Brief des chi­ne­si­schen Zen-Meisters Yüan-wu (12. Jh.): "Es gibt die­sen einen Weg, der offen und ohne Hin­der­nis durch und durch führt, und du kannst ihn betre­ten, wenn du alles hin­gibst – dei­nen Leib, dein Leben und alles, was zu dei­nem geheims­ten Selbst gehört. So gewinnst du den Frie­den, die Wonne, das Nicht-Handeln und unbe­schreib­li­ches Glück."


Zur Erkennt­nis des Einen erwa­chen
Einer der bedeu­tends­ten christ­li­chen Mys­ti­ker war Meis­ter Eck­hart, der im 13./14. Jahr­hun­derts lebte. In einer sei­ner zahl­rei­chen Pre­dig­ten sagte er:
"Wie sind wir denn ?Söhne Got­tes?? Dadurch, dass wir ein Sein mit ihm haben. Damit wir dies nun aber auch ver­ste­hen, dass wir der Sohn Got­tes sind, dazu muss man äuße­res und inne­res Erken­nen unter­schei­den. Das innere Erken­nen ist das­je­nige, das sich als ver­nunft­ge­mäß im Sein unse­rer Seele fun­diert. Es ist sel­ber nicht das Sein der Seele, viel­mehr wur­zelt es darin und ist etwas von ihrem Leben. Wir sagen, die­ses Erken­nen sei etwas vom Leben der Seele, und mei­nen damit ver­nünf­ti­ges Leben, und in die­sem Leben wird der Mensch als Got­tes Sohn und zum ewi­gen Leben gebo­ren. Und die­ses Erken­nen ist ohne Zeit, ohne Raum, ohne Hier und Jetzt. In die­sem Leben sind alle Dinge eins und alle Dinge mit­ein­an­der alles in allem und alles in allem geeint."
Auch bei die­sen Wor­ten wer­den wir an einen der bedeu­tends­ten Zen-Meister, Huang-po (9. Jh.), erin­nert, der Fol­gen­des sagte: "Es exis­tiert nur der Eine Geist und kein Teil­chen von irgend­et­was ande­rem, an das man sich klam­mern könnte. Denn die­ser Geist ist Bud­dha. Wenn ihr Schü­ler auf dem Weg nicht zu die­ser Geist­sub­stanz erwacht, wer­det ihr den Geist mit begriff­li­chem Den­ken über­la­gern, den Bud­dha außer­halb von euch suchen und gebun­den blei­ben an For­men, fromme Übun­gen und ande­res, was schäd­lich und kei­nes­wegs der Weg der höchs­ten Erkennt­nis ist."
In einem der frü­hes­ten Zeug­nisse des Chris­ten­tums, dem Thomas-Evangelium, fin­det sich die wohl kür­zeste Aus­sage Jesu über­haupt. Sie lau­tet: "Wer­det Vor­über­ge­hende!" Und an einem Tor­bo­gen in Nord­in­dien fand man die Worte Jesu: "Diese Welt ist eine Brü­cke. Gehet hin­über, aber bleibt nicht auf ihr ste­hen!" Dies bedeu­tet, nicht an die­ser Welt und all ihren Gütern anzu­haf­ten. Man kann die Dinge die­ser Welt haben, aber sich gleich­zei­tig ihrer Ver­gäng­lich­keit bewusst sein und auf diese Weise nicht an ihnen haf­ten.
Das­selbe meint auch Zen-Meister Huang-po, wenn er sagt: "Schon der lei­seste Wunsch, an die­sem oder jenem fest­zu­hal­ten, schafft gedank­li­che Sym­bole, die euch in viel­fäl­tige Wie­der­ge­bur­ten zurück­füh­ren. Darum sei eure sym­bo­li­sche Vor­stel­lung die der Leere; dann wird sich euch die wort­lose Lehre des Zen offen­ba­ren."

Durch das Tor der Stille ein­tre­ten
Spä­tes­tens bei die­sem Satz wird mir bewusst, wel­che Schwie­rig­keit es berei­tet, über sol­che Dinge etwas schrei­ben zu wol­len. Man kann es letzt­lich nur selbst in sei­nem inners­ten Wesen erfah­ren. Mensch­li­che Worte ver­mö­gen es nicht aus­zu­drü­cken, was Pau­lus im 1. Korin­ther­brief 2,9 so aus­drückt: "Was kein Auge gese­hen und kein Ohr gehört hat, was kei­nem Men­schen in den Sinn gekom­men ist: Das Große, das Gott denen berei­tet hat, die ihn lie­ben." Auch unser Zen-Meister Huang-Po weist in die glei­che Rich­tung, wenn er sagt:
"Vol­les Begrei­fen kann nur durch ein unaus­drück­ba­res Mys­te­rium kom­men. Der Zugang zu ihm heißt das Tor zur Stille jen­seits aller Tätig­keit. Willst du dies ver­ste­hen, dann wisse, dass ein plötz­li­ches Begrei­fen auf­blitzt, wenn der Geist vom Gestrüpp der gedank­li­chen und unter­schei­den­den Denk­tä­tig­keit gerei­nigt ist. Wer die Wahr­heit mit Hilfe des Intel­lekts und von Gelehr­sam­keit sucht, wird sich nur immer wei­ter von ihr ent­fer­nen."
Hier ist es nun sehr hilf­reich, was ein bedeu­ten­der Zen-Meister unse­rer Zeit, Zen­sho W. Kopp, in sei­nem Werk "Zen und die Wie­der­ge­burt der christ­li­chen Mys­tik" (siehe Lese-Tipps) dazu aus­führt:
"Wir dür­fen jetzt diese Worte Huang-pos aber nicht dahin­ge­hend miss­ver­ste­hen, dass man über­haupt nicht mehr den­ken soll. Es besteht nicht die geringste Not­wen­dig­keit, unsere intel­lek­tu­el­len Mög­lich­kei­ten zu unter­drü­cken oder das freie Flie­ßen unse­rer Gedan­ken mit der Fähig­keit ver­nunft­ge­mä­ßer Betrach­tung zu unter­bin­den. Man sollte sich nur der Gren­zen allen begriff­li­chen Den­kens bewusst wer­den. Wir unter­lie­gen einem ver­häng­nis­vol­len Irr­tum, wenn wir – wie es heute lei­der bei vie­len west­li­chen Ver­tre­tern des Zen üblich gewor­den ist – glau­ben, unse­ren Intel­lekt negie­ren zu müs­sen. Viele sind allen Erns­tes der Ansicht, man bräuchte nur den ?bösen Intel­lekt? zu unter­drü­cken, und schon würde sich das heiß­er­sehnte Nir­vana offen­ba­ren. Bezeich­nen­der­weise ist es so, dass die Erfah­rung lehrt, dass gerade die­je­ni­gen, die nie­mals einen beson­ders aus­ge­präg­ten Intel­lekt hat­ten, am schnells­ten bereit sind, ihn weg­zu­wer­fen. Es kann aber nicht nach­drück­lich genug dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, dass dies mit wirk­li­cher Zen-Praxis nicht das Geringste zu tun hat."

Das Den­ken nicht ver­drän­gen, son­dern über­stei­gen
Zen­sho W. Kopp gelangt zu der abschlie­ßen­den Fest­stel­lung:
"Es geht nie­mals darum, das Den­ken zu ver­drän­gen, son­dern darum, das Den­ken zu über­stei­gen. Denn nur wer in sei­nem geis­ti­gen Rin­gen bis an die Gren­zen des Den­kens gelangt ist, wird hierzu fähig sein und den Sprung in die ?Große Leere? wagen. Es ist der Sprung in den uner­mess­li­chen Urgrund des gött­li­chen Seins. Wenn wir uns des begriff­li­chen Den­kens in die­ser Weise ent­le­di­gen, dann wird sich unser wah­res Selbst in sei­ner gan­zen Herr­lich­keit offen­ba­ren, und wir sind zur Quelle allen Seins zurück­ge­kehrt."
Es kommt also nicht dar­auf an, unser Den­ken aus­zu­schal­ten, son­dern alle unsere Vor­stel­lun­gen, alle unsere Kon­di­tio­nie­run­gen, zu über­stei­gen. Die christ­li­chen Mys­ti­ker drü­cken es mit den Wor­ten aus: "Freund, steig höher hin­auf" oder: "Du musst von einem Licht fort in das andre gehn!" Sie alle wuss­ten darum, von welch gro­ßer Bedeu­tung ein immer­wäh­ren­des Umden­ken ist. Den­ken wir an Jesus, der sei­nen Weg mit den Wor­ten begann: "Den­ket um, denn das König­reich Got­tes ist nahe her­bei­ge­kom­men!"
Die­ses geis­tige König­reich ist kein Ort, den man irgendwo loka­li­sie­ren kann; es ist ein geis­ti­ger Bewusst­seins­zu­stand. Im Thomas-Evangelium sagt Jesus: "Wenn eure Anfüh­rer euch sagen: Seht, das König­reich ist im Him­mel, dann wer­den die Vögel des Him­mels euch zuvor­kom­men. Wenn sie sagen: Es ist im Meere, wer­den die Fische euch zuvor­kom­men. Aber das König­reich ist inwen­dig in euch und außer­halb von euch. Wenn ihr euch erkennt, dann wer­det ihr erkannt wer­den, und ihr wer­det wis­sen, dass ihr die Söhne (und Töch­ter) des leben­di­gen Vaters seid. Wenn ihr euch aber nicht erken­nen wer­det, dann seid ihr in Armut, und ihr seid die Armut."


Hin­gabe und der beglü­ckende Durch­bruch
Immer wie­der lesen wir im Neuen Tes­ta­ment von der Freude, und nicht ohne Grund bedeu­tet das Wort "Evan­ge­lium" ja "frohe Bot­schaft." Lei­der hat die Kir­che oft aus die­ser Froh­bot­schaft eine Droh­bot­schaft gemacht. Dies ist jedoch unver­ein­bar mit dem Den­ken der Urchris­ten­heit. Pau­lus weist immer wie­der dar­auf hin, wie wich­tig es ist, dass wir uns immer­dar freuen. In Phil­ip­per 4,4 for­dert er uns dazu auf: "Freuet euch in dem Herrn immer­dar. Wie­derum will ich sagen: Freuet euch!" Zen-Meister Zen­sho W. Kopp schreibt: "Eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung zur Erkennt­nis der Wahr­heit ist die ruhige, ver­traute Hei­ter­keit der Seele. Denn um zur Erkennt­nis zu gelan­gen, muss die Seele, die unru­hig und ver­wirrt gewe­sen ist – weil sie voll war von reli­giö­sen For­meln und gehirna­kro­ba­ti­schen Spe­ku­la­tio­nen -, rein und hei­ter wer­den."
Der Weg zur Befrei­ung führt über die Hin­gabe an die gött­li­che Wirk­lich­keit. Dies fin­den wir in allen Hoch­re­li­gio­nen. Um zu die­ser abso­lu­ten Hin­gabe fähig zu wer­den, ist es jedoch not­wen­dig, dass wir unse­rem alten Wesen abster­ben. In der christ­li­chen Mys­tik wird dies der mys­ti­sche Tod genannt. Zen-Meister Hakuin (18. Jh.) schreibt dar­über: "Der Übende kommt dahin, dass sein Geist wie tot, sein Wille wie erlo­schen ist; weite Leere über einem stei­len Abgrund, kein Halt für Hände und Füße. Alle Gedan­ken schwin­den, in der Brust steigt heiß die Angst auf. Da plötz­lich zer­bricht zugleich Geist und Leib. Die­ser heißt der Augen­blick des Los­las­sens über dem Abgrund. Die große Freude wallt auf. Dies heißt Wie­der­ge­burt im Rei­nen Land, dies heißt Schauen der eige­nen Natur."
Dazu Zen-Meister Zen­sho W. Kopp: "Beim Hören von die­sem dem Erleuch­tungs­er­leb­nis stets vor­aus­ge­hen­den Zustand des gro­ßen Zwei­fels, mag manch einem das Gefühl von geis­ti­gem Unbe­ha­gen und Furcht über­kom­men. Doch ist zu bemer­ken, dass es nichts Beglü­cken­de­res geben kann als das Hin­durch­bre­chen durch die Wahn­vor­stel­lung einer raum-zeitlichen, viel­heit­li­chen Welt in die gren­zen­lose Weite des Einen Geis­tes." Der Gör­lit­zer Mys­ti­ker Jakob Böhme schil­dert, wie sein Geist nach har­tem Sturme durch­ge­bro­chen sei durch die Pfor­ten der Hölle bis in den inners­ten Grund der Gott­heit: "Was aber für ein Tri­um­phie­ren im Geist gewe­sen, kann ich nicht schrei­ben oder reden. Es lässt sich auch mit nichts ver­glei­chen als nur mit dem, wo mit­ten im Tod das Leben gebo­ren wird und ver­gleicht sich der Auf­er­ste­hung von den Toten… In die­sem Licht hat mein Geist als­o­bald durch alles gese­hen und an allen Krea­tu­ren, sowohl an Kraut und Gras Got­tes erkannt, wer der sei, und was sein Wille sei."

Ein Leben ohne Scha­blo­nen ohne Fes­seln
Ich möchte noch bemer­ken, dass wir "West­ler" vom Zen sehr viel ler­nen kön­nen, uns selbst zu erken­nen und unser eige­nes Wesen bes­ser zu ver­ste­hen. Dazu müs­sen wir auf kei­nen Fall Bud­dhis­ten wer­den. Zen ist keine Reli­gion, son­dern im Zen geht es um die per­sön­li­che Erfah­rung, ebenso wie in der ech­ten christ­li­chen Mys­tik. Ich erwähne absicht­lich die echte christ­li­che Mys­tik, denn es gab im Raum der Kir­che auch sehr viel irre­ge­lei­tete Mys­tik, die die Men­schen nicht zu wah­rer inne­rer Befrei­ung führte. Des­halb meint van der Leeuw: "Die Mys­tik der Kir­che ist eine gehemmte Mys­tik." Wir müs­sen wie­der zum Ursprung des christ­li­chen Glau­bens gelan­gen, und auf die­sem Wege kann uns Zen eine ent­schei­dende Hilfe sein.
Zum Abschluss die­ses Arti­kels möchte ich noch­mals Zen-Meister Zen­sho W. Kopp zu Wort kom­men las­sen: "Im Zen liegt nichts Beson­de­res oder Geheim­nis­vol­les, es offen­bart sich gerade in den aller­ge­wöhn­lichs­ten Din­gen des All­tags. Es ist stets gegen­wär­tig – gerade in die­sem Augen­blick. Im Trin­ken eines Gla­ses Was­ser oder beim Bin­den mei­ner Schnür­sen­kel – liegt das ganze Geheim­nis und Wun­der des Zen. Ein alter Zen-Spruch lau­tet: ?Wun­der­volle Taten und Hand­lun­gen vol­ler Wun­der! Ich schöpfe Was­ser und trage Brenn­holz.? Dies ist aber nur für den­je­ni­gen erfahr­bar, der aus dem Augen­blick her­aus die Dinge erlebt. Des­halb heißt es im Zen: Erfasse den Augen­blick, und sei jetzt-hier! Mit ande­ren Wor­ten: Erkenne alles so wie es ist, und halte dich nicht an der Scha­blone dei­ner dua­lis­ti­schen und ein­gren­zen­den Betrach­tungs­weise fest! Zen ist ein Leben ohne Fes­seln, ein Leben in Frei­heit und ist die Frei­heit selbst. Las­sen wir unsere selbst geschaf­fe­nen Ket­ten des anhaf­ten­den, klei­nen Ichs zer­bre­chen, und das wahre Selbst erstrahlt in sei­ner gan­zen Herr­lich­keit – all­um­fas­send und alles durch­drin­gend. Unser ursprüng­li­ches wah­res Wesen ist voll­kom­men frei und ohne die geringste Unter­schei­dung und Gegen­sätz­lich­keit. Es ist all­ge­gen­wär­tig, still und rein und äußert sich als geheim­nis­volle, fried­volle Freude. Es ist das, was wir in jedem Augen­blick unse­res Lebens vor uns haben, in der gan­zen Voll­kom­men­heit des gött­li­chen Seins, ohne dass wir uns des­sen bewusst sind."

Autor: Egmont Ein­of­ski

Egmont Ein­of­ski lei­tet den Gnosis-Verlag (mit Sitz in Wies­ba­den), in dem die Bücher des Mys­ti­kers und Gnosis-Forschers Ewald Nörr (1905–1972 erschei­nen. Her­aus­gabe der Zeit­schrift GNO­SIS. Web­site: www.gnosis-verlag.de

Zen­sho W. Kopp ist der direkte Dharma-Nachfolger des 1977 ver­stor­be­nen Zen-Meisters Soji-Enku. Er hat bereits meh­rere Bücher über Befrei­ung auf dem Zen-Weg ver­fasst und unter­weist als Lei­ter des Zen-Zentrums Tao Chan in Wies­ba­den eine große Gemein­schaft von Schü­lern. Kon­takt: Tao Chan Zen­trum, Yorck­str. 6, D-65195 Wies­ba­den, www.tao-chan.de


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