Schenke mit Herz!
Auch wenn die Gesell­schaft das Schen­ken per­ver­tiert hat – wir kön­nen uns ohne Mühe auf die wahre Idee dahin­ter besin­nen.

Weih­nach­ten rückt näher. Doch aus dem spi­ri­tu­el­len "Fest der Liebe" ist schon lange ein Jahr­markt gewor­den, und aus dem Akt des Schen­kens ein kal­ku­lier­ter Deal. Onkel Hans soll mir ja wohl geson­nen blei­ben… Wie aber fin­den wir wie­der zum wah­ren, selbst­lo­sen Schen­ken? Indem wir still wer­den, in uns hin­ein hören und unser Herz spre­chen las­sen.

Eine Bekannte erzählte mir fol­gende Geschichte: Ihre Freun­din Steffi bekam an Hei­lig Abend von ihrem Lebens­ge­fähr­ten Ste­fan eine Vogel­skulp­tur aus Holz geschenkt. Amazonas-Indianer hat­ten sie geschnitzt und mit präch­ti­gen Far­ben geschmückt. Steffi freute sich sehr über das unge­wöhn­li­che Geschenk. Wochen spä­ter kam die Ernüch­te­rung, als ihr eine Astro­lo­gin die wahre Bedeu­tung des Geschenks offen­barte. Vögel sind wun­der­schöne Geschöpfe – aber nicht wün­schens­wert, wenn man sie von einem Men­schen geschenkt bekommt, an den man sich bin­den will. Vögel sind ein Sym­bol der Frei­heit! Die Frau träumte von Hoch­zeit, der Mann jedoch teilte der Frau unter der Hand mit: "Ich brau­che meine Frei­heit". Mitt­ler­weile haben sich Steffi und Ste­fan getrennt.
Oder neh­men wir den Bau­un­ter­neh­mer F. Stein­hauer. Er wird sei­ner jun­gen Gat­tin zu Weih­nach­ten ein neues Bril­lant­col­lier schen­ken. Als Gegen­leis­tung erwar­tet er wie selbst­ver­ständ­lich, dass sie, wann immer er Lust hat, mit ihm ins Bett steigt. Abge­se­hen davon will er sich auf Geschäfts­emp­fän­gen mit ihrer Schön­heit schmü­cken.
Ein frü­he­rer Arbeits­kol­lege wie­derum, Bernd, sagte mir zu die­sem Thema lächelnd ins Gesicht: "Ich schenke mei­nen Nächs­ten und Ver­wand­ten, damit ich wie­der beschenkt werde".
Drei Bespiele, die offen­ba­ren, wozu "Schen­ken" heut­zu­tage in aller Regel dient: als raf­fi­nier­tes Mit­tel, um eine ver­steckte Bot­schaft zu trans­por­tie­ren, dann um den ande­ren an sich zu bin­den, das heißt ihn zu ver­pflich­ten – oder aber als blo­ßes, pro­fa­nes Tausch­ge­schäft…

Dem Münch­ner Psy­cho­the­ra­peu­ten F.-J. Feld­hege erscheint der­ar­ti­ges Tun frei­lich als unver­fro­re­ner Eti­ket­ten­schwin­del:

"Schen­ken – ver­knüpft mit Bedin­gun­gen – ist kein Schen­ken, son­dern ein Deal".

Umge­kehrt ehrt er rech­tes Schen­ken als "ein Geben mit dem Her­zen, an das kei­ner­lei Auf­la­gen gebun­den sind".
Ähn­lich sah das auch der indi­sche spi­ri­tu­elle Leh­rer Osho. Er hielt den Akt des übli­chen Schen­kens in unse­rer west­li­chen Kul­tur ledig­lich für einen Aus­druck eige­ner Bedürf­tig­kei­ten: "Men­schen schen­ken, aber in Wahr­heit wol­len sie beschenkt wer­den. So wie sie zuein­an­der sagen: Ich liebe dich, aber in ihrem Inners­ten wol­len sie geliebt wer­den".
Wie aber kön­nen wir wie­der schen­ken ler­nen ohne Absicht? Die Ant­wort ist denk­bar ein­fach: Dann, wenn wir von dem, was wir dem ande­ren schen­ken, mehr als genug und im Über­fluss haben. So dass wir uns nicht ärmer füh­len, wenn wir davon abge­ben, son­dern beglück­ter. Was aber habe ich mehr als genug? Was kann das sein, das ich geben kann, ohne dass mir danach etwas fehlt? Liebe. Schen­ken ohne Bedin­gun­gen heißt also: Ich schenke Liebe. Woran ich diese Liebe sym­bo­lisch knüpfe, ist ohne Bedeu­tung.

Die Sym­bo­lik des Schen­kens erschließt sich tie­fer, wenn wir dem Wort ethy­mo­lo­gisch ein wenig nach­spü­ren. Der Begriff lei­tet sich ab aus dem alt­hoch­deut­schen scen­ken (altengl. scen­can)*.

Eigent­li­che Grund­be­deu­tung des Verbs "schen­ken" ist "schief hal­ten";

es ent­stammt der indo­ger­ma­ni­schen Wur­zel (s)keng: schief, schräg, krumm. Ursprüng­lich war damit gemeint, jeman­dem "zu trin­ken geben", indem man zum Bei­spiel Wan­de­rern Was­ser aus einem Becher dar­reichte. Spä­ter ent­wi­ckelte sich dar­aus die Bedeu­tung "unent­gelt­lich geben". Ablei­tun­gen des Wor­tes fin­den wir in den Begrif­fen "ein­schen­ken" und "aus­schen­ken" und schließ­lich auch im "Aus­schank" und in der "Schänke".
Was geschieht hier also im über­tra­ge­nen Sinn? Ich schenke aus einer grö­ße­ren Fülle einen Teil davon ein in einen Becher, und ich gebe die­sen Teil wei­ter, indem ich ihn dem ande­ren aus­schenke. Mit ande­ren Wor­ten: So, wie aus dem vol­len Fass Wein der Becher gefüllt wird und dem ande­ren aus­ge­schenkt wird, so schöp­fen wir, wenn wir wahr­haft schen­ken, aus dem Unaus­ge­schöpf­ten, dem uner­mess­li­chen Vol­len, unser Geschenk an den Ein­zel­nen. Wer mit Sym­bo­lik ver­traut ist, sieht dahin­ter das Prin­zip Fische/Neptun, aus dem Ura­nus Was­ser schöpft und mit einem Gefäß wie­der aus­gießt (siehe die Bil­der von Joh­fra). Da wir Men­schen an diese Uner­mess­lich­keit ange­schlos­sen sind und ein Teil von ihr sind, kön­nen wir auch unbe­grenzt geben. Dazu brau­chen wir kein Geld. In einer sol­chen Hal­tung, ver­bun­den mit der uni­ver­sel­len Liebe, wird jede innige Umar­mung zum gött­li­chen Geschenk. Oder ein Kuss, oder auch nur eine sanfte Berüh­rung, ein Blick… oder viel­leicht eine Blume, die wir in vol­lem Bewusst­sein gepflückt haben und sym­bo­lisch in wacher Samm­lung wei­ter­rei­chen…

Selbst wenn wir also keine mate­ri­el­len Werte besit­zen, die wir tei­len kön­nen – wir kön­nen Auf­merk­sam­keit, Liebe und Acht­sam­keit tei­len.

Ein wun­der­ba­res Geschenk könnte zum Bei­spiel sein: Setze dich vor dei­nen Part­ner, nimm seine Hände in deine Hände und sag ihm/ihr: Ich schenke dir von jetzt an einen Tag lang meine volle Auf­merk­sam­keit. Und du wirst sehen: Es geschieht ein Wun­der.
Wie kön­nen wir erspü­ren, wel­ches Geschenk das "rich­tige" für einen bestimm­ten Men­schen ist? Indem wir in die Stille, in die Medi­ta­tion gehen. Dar­aus wird die Idee geschöpft, uns also geschenkt, und wir kön­nen sie Wirk­lich­keit wer­den las­sen und in eine krea­tive Hand­lung bin­den, die aus dem Her­zen kommt und Liebe ver­strömt. So geben wir wei­ter, was wir emp­fan­gen haben. Schenke (teile) also das, was aus der Stille und dir selbst gebo­ren wird, und nicht das, was dei­nem Ver­stand ent­springt!
In die­sem Sinne beschen­ken wir, wenn wir in Liebe geben, stets auch uns selbst. Weil wir ein Teil des Gan­zen sind, und der andere ist es ebenso. Plötz­lich emp­fin­den wir Dank­bar­keit dafür, dass wir schen­ken dür­fen. Und dem Beschenk­ten sind wir dank­bar, dass es ihn gibt und er unser Geschenk anneh­men kann…
Und noch eine wei­tere Ein­sicht gewin­nen wir in die­sem Zusam­men­hang: Schen­ken im wah­ren Sinn beinhal­tet geben und neh­men glei­cher­ma­ßen und berührt damit die Grund­po­la­ri­tät des Lebens zwi­schen "männ­lich" (geben) und "weib­lich" (neh­men), zwi­schen Yin und Yang. Geschieht die­ses Schen­ken ohne Bedin­gun­gen und in hoher Acht­sam­keit, so spü­ren wir, wie wir mit­schwin­gen in die­sem archai­schen Aus­tausch des Lebens. Mit­schwin­gen heißt hier: Wir geben von Her­zen, und wir neh­men von Her­zen. In bei­der­sei­ti­ger Dank­bar­keit. Darum geht es.
Wir sind also, wenn wir herz­lich schen­ken wol­len, immer wie­der auf­ge­for­dert, still zu wer­den, und uns, so gesam­melt, die drei wesent­li­chen Schenk-Fragen zu stel­len:
· Warum schenke ich? (die Frage nach dem Motiv)
· Was schenke ich? Habe ich ein Ja aus mei­nem tiefs­ten Her­zen? För­dert es den ande­ren in sei­nem Wachs­tum?
· Wie schenke ich? Achte auf den pas­sen­den Rah­men, auf deine Hal­tung und Acht­sam­keit.
Spüre nach, wie es wäre, wenn du das, was du schen­ken willst, selbst geschenkt bekom­men wür­dest. Das kann ein gutes Regu­la­tiv sein, dass dich noch ein­mal inne­hal­ten lässt, bevor du tat­säch­lich schenkst. Denn du musst wis­sen: Mit einem fa lschen Geschenk kannst du mehr zer­stö­ren, als du ahnst.
* Quelle: Duden, Bd. 7, Her­kunfts­wör­ter­buch

Kürz­lich stieß ich auf eine kleine Geschichte über Rai­ner Maria Rilke – aus der Zeit sei­nes ers­ten Pari­ser Auf­ent­hal­tes. Wer sie nie­der­ge­schrie­ben hat, weiß ich nicht mehr. Aber wer es auch war, er möge es mir nach­se­hen, wenn ich die Bege­ben­heit in sei­nen Wor­ten wie­der­gebe.

Das Geschenk
Die Geschichte geht so: Gemein­sam mit einer jun­gen Fran­zö­sin kam Rilke um die Mit­tags­zeit an einem Platz vor­bei, an dem eine Bett­le­rin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgend­ei­nem Geber je auf­zu­se­hen, ohne ein ande­res Zei­chen des Bit­tens oder Dan­kens zu äußern, als nur immer die Hand aus­zu­stre­cken, saß die Frau immer am glei­chen Ort.
Rilke gab nie etwas, seine Beglei­te­rin gab häu­fig ein Geld­stück. Eines Tages fragte die Fran­zö­sin ver­wun­dert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zur Ant­wort: "Wir müss­ten ihrem Her­zen schen­ken, nicht ihrer Hand."
Wenige Tage spä­ter brachte Rilke eine eben auf­ge­blühte, weiße Rose mit, legte sie in die offene, abge­zehrte Hand der Bett­le­rin und wollte wei­ter­ge­hen. Da geschah das Uner­war­tete: Die Bett­le­rin blickte auf, sah den Geber, erhob sich müh­sam von der Erde, tas­tete nach der Hand des frem­den Man­nes, küsste sie und ging mit der Rose davon.
Eine Woche lang war die alte Frau ver­schwun­den, der Platz, an dem sie vor­her gebet­telt hatte, blieb leer. Ver­geb­lich suchte die Beglei­te­rin Ril­kes eine Ant­wort dar­auf, wer wohl jetzt der Alten ein Almo­sen gebe.
Nach acht Tagen saß die Bett­le­rin plötz­lich wie­der wie frü­her am gewohn­ten Platz. Sie war stumm wie damals, wie­derum nur ihre Bedürf­tig­keit zei­gend durch die aus­ge­streckte Hand. "Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?" frage die Fran­zö­sin. Rilke ant­wor­tete: "Von der Rose…"


Fried­rich Maier
Dipl.-Volkswirt und Jour­na­list, lei­tet das Insti­tut für Sys­te­mi­sche Astro­lo­gie (SYA­s­tro) in Mün­chen; er ist aus­ge­bil­de­ter Astro­loge mit eige­ner Bera­tungs­pra­xis; er war Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift "mer­Cur – Trends aus Astro­lo­gie, Psy­cho­lo­gie und Gesund­heit"; lang­jäh­rige Erfah­run­gen in Fami­li­en­auf­stel­lun­gen nach Bert Hel­lin­ger und auf vie­len Gebie­ten der Huma­nis­ti­schen Psy­cho­lo­gie.
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