Neue Wege im All­tag

Ein Mensch in unse­rem Kul­tur­kreis – zumal in der Groß­stadt lebend – hetzt von früh bis spät durch sei­nen oft freud­lo­sen All­tag. Gibt es Alter­na­ti­ven zu unse­rem krank­ma­chen­den Lebens­stil? Was kön­nen wir von ande­ren Kul­tu­ren ler­nen?

Ein­sam und gehetzt …

Von geld­lo­sem Glück und ande­ren Lebens­wei­sen

6 Uhr 15: Der Wecker klin­gelt. Renate G. fährt hoch und dreht sich erschöpft noch mal auf die Seite. 6 Uhr 45: Jetzt wird es aber Zeit. Auf­ste­hen, duschen, anzie­hen. Früh­stü­cken ist heute mal wie­der nicht mehr drin, es reicht gerade noch für einen Kaf­fee im Ste­hen. Renate G. rennt zu ihrem Auto und steht bald dar­auf wie­der im all­mor­gend­li­chen Stau.
In der Firma ange­kom­men, sieht sich Renate G. einem schier unüber­wind­ba­ren Hau­fen Arbeit auf ihrem Schreib­tisch aus­ge­setzt. Ihre Kol­le­gin fehlt wegen Krank­heit, die ande­ren Mit­ar­bei­ter füh­len sich wie sie als "Räd­chen im Getriebe" allein gelas­sen und flüch­ten sich in Ein­zel­kämp­fer­tum. Der freud­lose Arbeits­tag wird nur durch den Gang in die Kan­tine unter­bro­chen. In das Stim­men­ge­wirr über den Tischen mischt sich von Zeit zu Zeit das leise "Pling" der Mikro­welle. Nach der Arbeit erle­digt Renate G. noch rasch einige Besor­gun­gen – immer mit dem Blick auf die Uhr und dem Gefühl, unter Zeit­druck zu ste­hen. Der Dau­er­lärm in der Groß­stadt und die Geruchs­be­läs­ti­gung durch Auto­ab­gase, Ziga­ret­ten­qualm und Indus­trie fal­len ihr kaum noch auf. Als sie zu Hause ankommt, fühlt sie sich zu erschöpft, um noch etwas ande­res zu tun als den Fern­se­her ein­zu­schal­ten. Nach der Spät­nach­rich­ten­sen­dung, deren Mel­dun­gen ein unan­ge­neh­mes Gefühl in ihrer Magen­grube hin­ter­las­sen haben, schleppt sie sich schließ­lich ins Bett. Vor dem Ein­schla­fen denkt sie noch: Eigent­lich kann es so nicht wei­ter­ge­hen. Das kann doch nicht alles gewe­sen sein …


… muss unser moder­nes
Leben so aus­se­hen?

Leis­tungs­stress und feh­lende Kom­mu­ni­ka­tion Was wie eine triste Hor­ror­vi­sion klingt oder auf den ers­ten Blick nach gro­ber Schwarz­weiß­ma­le­rei aus­sieht, ist für erschre­ckend viele Men­schen längst all­täg­li­che Wirk­lich­keit gewor­den. Ein Durch­schnitts­bür­ger in unse­rer west­li­chen Indus­trie­ge­sell­schaft hetzt in sei­nem All­tag für gewöhn­lich durch die ver­schie­dens­ten Stress­si­tua­tio­nen. Die Ursa­chen für den Stress sind viel­fäl­tig: sie lie­gen in hohen Leis­tungs­an­for­de­run­gen (die wir nicht zuletzt selbst an uns stel­len) und beruf­li­cher Über­for­de­rung, in Ängs­ten, feh­len­der Ruhe und nicht aus­rei­chen­den Zei­ten der Rege­ne­ra­tion. Aber auch in der zuneh­men­den Iso­la­tion des ein­zel­nen und man­geln­den Kom­mu­ni­ka­tion, d.h. einer immer sel­te­ne­ren oder unge­nü­gen­den Ver­stän­di­gung und Begeg­nung mit den ande­ren. Kon­flikte in der Fami­lie oder mit Kol­le­gen wer­den oft nicht gelöst, son­dern ver­drängt. Neben der wach­sen­den Zahl von Men­schen, die immer mehr arbei­ten und immer weni­ger Zeit für ein ech­tes Mit­ein­an­der, für wahre Kom­mu­ni­ka­tion auf­brin­gen (oder auch ihre Fähig­keit dazu ver­lie­ren), wächst auf der ande­ren Seite die Zahl derer, die unter­be­schäf­tigt sind, die aus dem Arbeits­pro­zess her­aus­fal­len und das Gefühl haben, über­flüs­sig zu sein. Neben dem Arbeits­stress machen wir uns in der jün­ge­ren Zeit auch zuneh­mend Frei­zeitstress, d.h. unse­rem Glück, das wir wäh­rend des Arbeits­all­tags ver­mis­sen, mei­nen wir dann nach Fei­er­abend und am Wochen­ende nach­ja­gen zu müs­sen. Dabei pro­ji­zie­ren wir unsere Wün­sche und Sehn­süchte auf äußere, mate­ri­elle Dinge, und erken­nen meist erst sehr spät, dass uns auch der 27. Pull­over im Schrank oder der noch so aus­ge­fal­lene Frei­zeit­kick nicht glück­li­cher machen. Immer mehr Men­schen füh­len sich "aus­ge­brannt" und über­for­dert, ihnen wird alles (Äußere) zuviel.

Aus dem Gewohn­ten aus­stei­gen Müs­sen unsere Lebens­um­stände wirk­lich so sein? Sind wir hilf­lose Opfer oder gibt es Alter­na­ti­ven zu unse­rem belas­ten­den und krank­ma­chen­den Lebens­stil? Oft bedarf es ja nicht eines tota­len Umbruchs, son­dern nur klei­ner Ände­run­gen oder Ein­sich­ten, die im Ergeb­nis viel bewir­ken kön­nen. Ein Bei­spiel für jeman­den, der seine frü­here Lebens­weise radi­kal ver­än­dert hat, ist Hei­de­ma­rie Schwer­mer. Die ehe­ma­lige Leh­re­rin und Psy­cho­the­ra­peu­tin gab 1996 ihre Woh­nung und Pra­xis auf, ver­schenkte ihre Möbel und ihr Gespar­tes und kün­digte ihre Kran­ken­ver­si­che­rung. Was sie zum Leben braucht, das ertauscht sie sich. So wohnt sie seit­her in Häu­sern und Woh­nun­gen von Men­schen, die gerade ver­reist sind, und deren Domi­zile sie in die­ser Zeit "hütet". Als Gegen­leis­tung darf sie umsonst woh­nen und essen. Warum hat sie sich dafür ent­schie­den, aus den gewohn­ten Struk­tu­ren aus­zu­stei­gen und ohne Geld zu leben? Hei­de­ma­rie Schwer­mer will sich von fal­schen Wer­ten befreien: "Geld ist heute mehr als ein Tausch­mit­tel", sagt sie, "es defi­niert den Wert des Men­schen. Habe ich viel, bin ich auch viel wert." Ihrer Ansicht nach führt die­ser Ansatz aber zu Kon­kur­renz­druck und Sinn­ent­lee­rung. "Geld bedeu­tet oft auch eine Tren­nung zwi­schen Men­schen. Natür­lich ist es ange­nehm, mit Geld zu bezah­len, aber es iso­liert. Die Men­schen gehen los, holen sich alles für Geld und haben den gan­zen Tag keine Gesprä­che. Bei mir fängt es schon an, wenn ich nur mal mit der Stra­ßen­bahn fah­ren will. Ich habe die Num­mern von fünf Leu­ten, die über­trag­bare Tickets haben. Die rufe ich an, frage, ob ich es lei­hen kann. Ich hole es ab: Kon­takt. Ich bringe es zurück: Kon­takt."

Ein rei­che­res Leben ohne Geld Ursprüng­lich war ihr Ent­schluss, auf Geld zu ver­zich­ten, als Expe­ri­ment für ein Jahr geplant, doch dann merkte Hei­de­ma­rie Schwer­mer, dass ihr Leben durch die vie­len und inten­si­ven Kon­takte zu ande­ren Men­schen viel rei­cher gewor­den war, und die­sen Reich­tum wollte sie nicht mehr mis­sen. Mit der Grün­dung der "Gib-und-Nimm-Zentrale" im Jahr 1994, einem Tausch­ring in Dort­mund, ver­än­derte sich ihr Leben zunächst schritt­weise. "Ich brauchte durch das Tau­schen und Tei­len immer weni­ger Geld zum Leben und lernte viele inter­es­sante Men­schen ken­nen. Mein Leben wurde bun­ter und aben­teu­er­li­cher. Die hier­ar­chi­sche Struk­tur der unter­schied­li­chen Berufs­zweige löste sich für mich auf, weil jede Tätig­keit gleich­wer­tig neben­ein­an­der steht."
Im geld­lo­sen Tausch wird zum Bei­spiel eine Fahr­karte, eine Mahl­zeit oder Kino­karte gegen Zuhö­ren, den Rasen mähen oder Baby­sit­ten ein­ge­tauscht. In Hei­de­ma­rie Schwer­m­ers Sicht­weise der Welt sind alle Arbei­ten gleich­wer­tig, eine ärzt­li­che Leis­tung könnte pro­blem­los mit Gar­ten­ar­beit ver­gü­tet wer­den.
Es geht ihr jedoch nicht darum, ihre Lebens­weise als all­ge­mein­taug­li­ches Modell für alle zu pro­pa­gie­ren oder gar zu mis­sio­nie­ren: "Nein, jeder muss sei­nen eige­nen Weg fin­den", sagt sie. Sie möchte eher Impulse set­zen und die Leute zum Nach­den­ken anre­gen dar­über, was sie in ihrem Leben wirk­lich für wich­tig erach­ten – unab­hän­gig davon, wel­che Mei­nung das Mas­sen­be­wusst­sein ver­tritt. So regt sie an, dass jeder sich vor einem Ein­kauf fra­gen möge: Brau­che ich das wirk­lich? Ganz schnell würde man mer­ken, "dass man sich sehr viel Über­flüs­si­ges kauft, viel mehr Klei­der zum Bei­spiel als man tat­säch­lich bräuchte."

Mehr Lebens­qua­li­tät durch geld­lo­sen Tausch Für Hei­de­ma­rie Schwer­mer umfasst das "Stern­ta­ler­ex­pe­ri­ment", wie sie ihr Leben ohne Geld bezeich­net, vier ver­schie­dene Aspekte. Sie ist über­zeugt, dass jeder Mensch eine bes­sere Lebens­qua­li­tät erlan­gen kann, wenn er diese vier Aspekte in sein Leben ein­be­zieht:
Ers­tens den poli­ti­schen Aspekt: Die Grün­dung des Tausch­rings war für sie ein poli­ti­scher Akt. Sie möchte mit dem Tausch­ring die Kluft zwi­schen Arm und Reich ver­klei­nern hel­fen, denn die finan­zi­ell schlecht Gestell­ten erhal­ten die Mög­lich­keit, sich Dinge zu leis­ten, die sie statt mit Geld mit ihrer Tätig­keit bezah­len. Für Men­schen ohne fes­ten Arbeits­platz eröff­nen sich neue Mög­lich­kei­ten des Tuns. Durch die Nach­bar­schafts­hilfe ent­fal­len lange Anfahrts­wege, was zu einer Ent­las­tung der Umwelt(verschmutzung) bei­trägt. In der gegen­wär­ti­gen Weg­werf­ge­sell­schaft ent­ste­hen Anreize, ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ter zu han­deln und mit­zu­den­ken, wenn jeder sich fragt, was er wirk­lich braucht, Über­flüs­si­ges wei­ter­gibt und für ande­res ein­tauscht. Außer­dem wird die Iso­la­tion der Men­schen auf­ge­bro­chen, weil Tausch­ringe auto­ma­tisch Kon­takte und Kom­mu­ni­ka­tion för­dern.

Begeg­nun­gen als Spie­gel Zwei­tens den psy­cho­lo­gi­schen Aspekt: Dadurch, dass in den Tausch­rin­gen sehr unter­schied­li­che Men­schen auf­ein­an­der tref­fen, erge­ben sich Kon­flikte. Diese sind nach Hei­de­ma­rie Schwer­m­ers Erfah­rung zu lösen, "wenn das Indi­vi­duum bereit ist, an sich zu arbei­ten". Sie erläu­tert: "Die Begeg­nung mit einem ande­ren Men­schen, bei der ich einen Kon­flikt (Ärger, Neid, Eifer­sucht, Ableh­nung) in mir wahr­nehme, dient mir als Spie­gel. Ich fühle mich gestört, weil der andere mir Dinge zeigt, die ich an mir sel­ber nicht akzep­tie­ren kann. Durch das Ver­hal­ten des ande­ren wer­den diese Anteile für mich sicht­bar, und ich kann sie in mir besei­ti­gen. Auch wenn der andere nun sein Ver­hal­ten mir gegen­über nicht ändert, muss ich mich dadurch nicht mehr gestört füh­len." Riva­li­tät mün­det somit in einen evo­lu­tio­nä­ren Pro­zess.

Jeder kann das Leben füh­ren, das er möchte Drit­tens sieht Hei­de­ma­rie Schwer­mer einen phi­lo­so­phi­schen Aspekt: Die Teil­nahme am Tausch­ring för­dert das Erfor­schen der Hin­ter­gründe unse­rer gesell­schaft­li­chen Gege­ben­hei­ten. Der ein­zelne über­nimmt nicht unre­flek­tiert Alt­her­ge­brach­tes, son­dern über­prüft Vor­ge­ge­be­nes auf sei­nen Sinn und Unsinn. Dar­aus folgt die Erkennt­nis: "Jeder Mensch kann das Leben füh­ren, das er möchte, und zwar ohne andere zu schä­di­gen. Er muss nur klare Ziele haben, die er Schritt für Schritt ver­wirk­licht."
Hei­de­ma­rie Schwer­mer ist über­zeugt, dass jeder Mensch ein­zig­ar­tig ist und eine bestimmte Auf­gabe hat, die er her­aus­fin­den muss. Dies ist der spi­ri­tu­elle Aspekt, des­sen Ein­be­zie­hung sie eben­falls für wich­tig erach­tet. Hat ein Mensch seine Auf­gabe gefun­den, "ist er in sei­nem Wert­ge­fühl, kann er jeg­li­che Art von Kon­kur­renz auf­ge­ben und zum Wohl des Gan­zen bei­tra­gen".

Ein­ge­fah­rene Struk­tu­ren ver­än­dern Leicht war ihr Weg nicht immer. Beson­ders der Anfang war schwie­rig, sie stieß häu­fig auf Unver­ständ­nis oder war mit nega­ti­ven Reak­tio­nen kon­fron­tiert. Inzwi­schen haben sich ihre für die meis­ten Men­schen wohl revo­lu­tio­nä­ren Lebens­struk­tu­ren aber ein­ge­spielt.
Ein­tau­schen möchte sie ihr "neues" Leben nicht mehr gegen das alte. Ihr Fazit: "Ich ver­lasse ein­ge­fah­rene, zwang­hafte Mus­ter und übe mich in neuer Frei­heit. Ich lebe ganz im Hier und Jetzt und bin wesent­li­cher als in der Zeit, in der ich mich anpas­sen musste, um aner­kannt zu wer­den. Meine äußere Besitz­lo­sig­keit führt mich in grö­ße­ren inne­ren Reich­tum."


Leben im Ein­klang mit der Natur: Ein Dorf in Baro/
Gui­nea mit den typi­schen Lehmziegel-Rundhütten

Von ande­ren Kul­tu­ren ler­nen Zum Erstau­nen vie­ler gibt es noch Men­schen auf die­ser Erde, die mit der Zivi­li­sa­tion kei­nen oder noch kaum Kon­takt haben. Zwar wer­den jedes Jahr 10 bis 20 Natur­völ­ker aus­ge­löscht. Groß­kon­zerne beu­ten z.B. welt­weit die Res­sour­cen des Regen­wal­des aus. Der natür­li­che Lebens­raum gan­zer Natur­völ­ker wird dadurch ver­nich­tet. Die über­le­ben­den Stam­mes­mit­glie­der müs­sen sich von ihrer bis­he­ri­gen Lebens­weise ver­ab­schie­den. Spra­chen wer­den ver­ges­sen, Tra­di­tio­nen, Sit­ten und Gebräu­che sowie wert­vol­les altes Wis­sen gehen ver­lo­ren, Men­schen und Kul­tu­ren ster­ben aus. Die heute noch ver­blie­be­nen Natur­völ­ker leben in unwirt­li­chen, abge­le­ge­nen und damit für die Zivi­li­sa­tion unbe­deu­ten­den Gebie­ten: in der Ark­tis, den tro­pi­schen Regen­wäl­dern, in Wüs­ten und Savan­nen. Mate­ri­el­len Besitz ken­nen sie nicht. Zu ihnen zäh­len die Tua­reg in den Sahara-Staaten, Berg­völ­ker in Ban­gla­desh und Burma, Ainu in Japan, sibi­ri­sche Völ­ker in Russ­land, Maori in Neu­see­land, Abori­gi­nes in Aus­tra­lien und Inuit in Alaska, Kanada, Grön­land und der GUS. Dane­ben gibt es noch etwa 200 indi­gene Natur­völ­ker, die welt­weit in den Regen­wäl­dern leben. Sie unter­schei­den sich in ihrer Kul­tur, ihrem Sozi­al­ver­hal­ten und der Land­nut­zung oft erheb­lich von­ein­an­der. Was die ver­schie­de­nen Natur­völ­ker jedoch alle mit­ein­an­der ver­bin­det, ist ihr hier­ar­chiefreies Leben in Stam­mes­ver­bän­den und ihre Fähig­keit, mit ihrer natür­li­chen Umge­bung im Ein­klang zu leben.

Scho­nen­der Umgang mit der Natur So las­sen sich die meis­ten Regen­wald­völ­ker nicht an einem fes­ten Ort nie­der, wo sie sess­haft wer­den, son­dern zie­hen regel­mä­ßig (alle ein bis zwei Jahre) wei­ter. Um die Ein­griffe in die Natur mög­lichst gering zu hal­ten, roden sie nur kleinste Flä­chen zur land­wirt­schaft­li­chen Nut­zung. Die­ser sog. Wan­der­feld­bau macht es dem Regen­wald mög­lich, sich wie­der zu rege­ne­rie­ren.
Eines die­ser Natur­völ­ker sind die Penan, die in Sara­wak, dem zu Malay­sia gehö­ren­den Teil Bor­neos leben. Sie ernäh­ren sich von dem, was der Wald ihnen bie­tet: Wild, Kräu­ter, Nüsse und Früchte. In den Jah­ren 1984 – 1990 hat der Schwei­zer Bruno Man­ser bei den Penan gelebt. Er berich­tet von einem fried­fer­ti­gen Volk, das noch immer nach den alten Tra­di­tio­nen der Vor­fah­ren lebt. So erzählt er, in den sechs Jah­ren des Zusam­men­le­bens mit den Penan kein ein­zi­ges Mal erlebt zu haben, dass sich die Penan unter­ein­an­der ange­schrien oder gestrit­ten hät­ten. Auch kenn­ten die Penan kei­nen per­sön­li­chen Besitz. Für sie sei es selbst­ver­ständ­lich, alles unter­ein­an­der zu tei­len.

Zusam­men­ge­hö­rig­keit und Gemein­schaft Auch in Bra­si­lien leben in den Gebie­ten des Regen­wal­des rund um den Rio Negro und den Ama­zo­nas noch viele Natur­völ­ker. Zu den größ­ten der ver­schie­de­nen Indio­stämme zäh­len die Stam­mes­ge­mein­schaf­ten der Mataruca-, Tukano-, Yano­mami– und Yagua-Indianer. Die Lebens­ge­mein­schaf­ten die­ser Indio­stämme sind sehr eng und fami­liär geknüpft. Jagen, Fischen, das Sam­meln von Pflan­zen und der Früch­te­an­bau – prak­tisch alles wird gemein­sam bewäl­tigt. Das stärkt den Zusam­men­halt und das Gemein­schafts­ge­fühl. Jeder ist nütz­lich und erfüllt seine Rolle inner­halb der Gemein­schaft. Ein sozia­les Abseits ist nicht mög­lich. Die Medi­zin­män­ner der Indios ver­fü­gen über gro­ßes spi­ri­tu­el­les Wis­sen. Sie ken­nen durch die Über­lie­fe­rung der Vor­fah­ren alle Heil­pflan­zen im Regen­wald und nut­zen des­sen natür­li­che "Medi­zin".
Geld als ent­frem­de­tes Tausch­mit­tel ist unter man­chen India­ner­stäm­men zwar schon bekannt, aber Ver­dienst­mög­lich­kei­ten sind für die Indios prak­tisch nicht vor­han­den. Der Besitz von mate­ri­el­lem Eigen­tum oder gar Land exis­tiert in ihrer Vor­stel­lungs­welt bis­lang nicht.
Die Men­ta­li­tät der Urein­woh­ner im Ama­zo­nas­ge­biet wird als ruhig, gelas­sen und Frem­den gegen­über freundlich-distanziert beschrie­ben. Zeit spielt für sie keine Rolle.

Weis­heit und Spi­ri­tua­li­tät Für die Indios und andere Natur­völ­ker kommt alle Weis­heit von der Erde und aus der Natur. Der Erhalt ihrer natür­li­chen Umwelt ist für sie etwas "Hei­li­ges". Natur­völ­ker emp­fin­den sich als Teil der Bio­di­ver­si­tät ihres Öko­sys­tems, das es unbe­dingt zu bewah­ren gilt, da sie ja selbst ein Teil davon sind. Auch zeich­nen sie sich durch eine Spi­ri­tua­li­tät aus, die sie im Kern wie folgt aus­drü­cken: "Die Welt, in der wir leben, ist nur eine Illu­sion. Die Rea­li­tät liegt jen­seits mensch­li­chen Begrei­fens."

Nicht mehr im Ein­klang mit der Natur Wir Men­schen der zivi­li­sier­ten Welt leben nicht mehr im Ein­klang mit der Natur. Zu sehr haben wir in unse­ren natür­li­chen Lebens­raum ein­ge­grif­fen und ihn zu unser aller Nach­teil ver­än­dert oder zer­stört. Wo einst Wäl­der und Wie­sen waren, brei­ten sich rie­sige, immer wei­ter wach­sende Städte und Bal­lungs­zen­tren aus. Soziale und vor allem ver­wandt­schaft­li­che Bin­dun­gen spie­len bei uns im Gegen­satz zu den Natur­völ­kern keine große Rolle mehr. Indi­vi­du­el­les Den­ken und Han­deln wird über­be­tont. Ursprüng­li­che Struk­tu­ren von Zusam­men­ge­hö­rig­keit und Gemein­schaft zer­fal­len immer mehr. Auch unsere Nah­rung ist nicht mehr natür­lich. Sie wird indus­tri­ell gefer­tigt oder stammt weit­ge­hend aus Gebie­ten, die nicht zur unmit­tel­ba­ren Umge­bung gehö­ren und die auch nicht mehr natür­lich sind.

Den­noch lebt in uns noch viel von unse­rer Ver­gan­gen­heit, unse­ren Wur­zeln. Viele Men­schen füh­len sich in den Groß­städ­ten nicht wirk­lich zuhause. Viel­leicht kön­nen wir von denen, die wir mit unse­rer Zivi­li­sa­tion (und Pro­fit­gier) ver­trei­ben und aus­rot­ten, ja noch ler­nen. Viel­leicht gelingt es uns ja, uns wie­der stär­ker auf Gemein­schaft und ein ande­res Mit­ein­an­der zu besin­nen und auf unsere ursprüng­li­che Ver­bun­den­heit mit der Natur – ohne diese wei­ter nach­hal­tig zu schä­di­gen und zu zer­stö­ren …

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