Macht Älter­wer­den Sinn? oder: Die Kunst älter zu wer­den

Wir wis­sen alle, dass der Tod unaus­weich­lich ist. Und nicht wenige von uns ver­ges­sen oder ver­drän­gen dies in der Hek­tik des All­tags. Doch da gibt es etwas vor dem Tod: unser Leben hier und heute, unser Leben als der Mensch, der wir sind. Es gibt ein Leben vor dem Tod – doch wie kön­nen wir unse­rem Älter­wer­den mehr Sinn geben?

Du bist so jung wie deine Zuver­sicht, so alt wie deine Zwei­fel,
so jung wie deine Hoff­nung, so alt wie deine Ver­zagt­heit.

(Albert Schweit­zer)

Wir wis­sen alle, dass der Tod unaus­weich­lich ist. Und nicht wenige von uns ver­ges­sen dies in der Hek­tik des All­tags, ihres Ehr­gei­zes und ihrer Sor­gen. Häu­fig ist es eher ein Ver­drän­gen die­ses Unaus­weich­li­chen. Denn es fehlt in unse­rer Kul­tur noch an einer per­sön­li­chen und geis­ti­gen Hal­tung zum Tod.
Und unser Leben nach dem Tod? Ja, die­ses eine Leben kann es wohl nicht gewe­sen sein. Doch da gibt es etwas vor dem Tod: unser Leben hier und heute, unser Leben als der Mensch, der wir sind. Es gibt ein Leben vor dem Tod – und davon soll hier die Rede sein. Und davon, ob oder bes­ser wie Älter­wer­den Sinn macht.
Viel­leicht den­ken Sie: Na klar, es muss ja wohl einen Sinn machen! Die Frage ist aber, wel­chen? Nun, gut – hier einige grund­sätz­li­che Gedan­ken eines Man­nes, der andere dabei unter­stützt, eigene Ant­wor­ten zu fin­den, und für sich selbst einige gefun­den hat.
Natür­lich ist es mir nicht mög­lich, umfas­send Ant­wor­ten zu geben. Wir befin­den uns in umfang­rei­chen trans­for­ma­to­ri­schen Pro­zes­sen. Wirt­schaft­li­che, infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­sche, inter­na­tio­nale, öko­lo­gi­sche und demo­gra­phi­sche Ent­wick­lun­gen erfor­dern qua­li­ta­tiv neue Ant­wor­ten für die Gestal­tung von Gemein­schaft und Leben – und das betrifft ins­ge­samt die Frage, wie Lebens­läufe und Älter­wer­den sinn­voll gestal­tet wer­den kön­nen. Von Sei­ten der Poli­tik sind keine Ant­wor­ten zu erwar­ten, zu sehr ist sie mit sich selbst beschäf­tigt, befin­det sich schon lange in einem Sinn­va­kuum – und braucht selbst eine qua­li­ta­tive Erneue­rung. Die Bezeich­nung unse­rer gesell­schaft­li­chen Gegen­wart als eine "ver­kalkte Repu­blik" (R. Pods­zun) bringt dies tref­fend zum Aus­druck. Hier nun meine sie­ben Ant­wor­ten:

  1. Wenn das gewohnte, bis­her vor­ge­ge­bene Lebenslauf-Modell zer­fällt, ist es höchste Zeit für etwas qua­li­ta­tiv Neues. Dies ist die his­to­ri­sche Chance zur Neu­ge­stal­tung unse­rer Gemein­schaft und zur per­sön­li­chen, geistig-seelischen Ent­wick­lung! Die Wur­zel die­ser Erneue­rung liegt im Geis­ti­gen, und diese grün­det in jedem ein­zel­nen. Jeder ein­zelne ist heute mehr denn je her­aus­ge­for­dert, in sei­nem Inne­ren nach krea­ti­ven Ant­wor­ten für sein Leben zu suchen und sie außen zu gestal­ten.
    Im wesent­li­chen geht es heute um eine Meta­noia unse­res (Berufs-)Lebens, das bedeu­tet, eine "innere Umkehr", eine Ände­rung der eige­nen Lebens­auf­fas­sung, damit eine andere, neue Sicht und Gestal­tung unse­res Lebens ent­ste­hen kann. Letzt­lich geht es um Ant­wor­ten auf die wesent­lichste aller Fra­gen: Wie kann Leben sinn­voll gestal­tet wer­den? Älter­wer­den macht nur Sinn, wenn wir das Warum und das Wie wis­sen. Dann kön­nen Mut und Moti­va­tion zum Leben ent­ste­hen; denn wer Angst vor dem Ster­ben hat, hat auch Angst vor dem Leben.
    Und das ist meine erste Ant­wort auf die hier gestellte Frage: Älter­wer­den macht dann Sinn, wenn wir uns dem Leben und ebenso sei­ner End­lich­keit öff­nen. Das ist es, unser Leben!
    Und der Sinn des Lebens? Letzt­lich geht es um Ent-Wicklung, darum, die/der zu wer­den, die/der frau/mann ist: Com­ing home! Es geht um einen fort­schrei­ten­den geis­ti­gen und per­sön­li­chen Rei­fungs­pro­zess, der in einen all­um­fas­sen­den Sinn­zu­sam­men­hang ein­ge­bet­tet ist. Der Wesens­kern eines Men­schen erschließt sich durch sein Wer­den, das sich in sei­nen inne­ren und äuße­ren Taten spie­gelt. Wach­sende Reife kann dann beim Älter­wer­den zu "sinn­vol­len" Fra­gen füh­ren wie: "Aber was ist mit unse­ren See­len? Kön­nen wir sicher sein, dass auch sie über­all ankom­men, wo wir schon sind? Oder fol­gen sie uns mit gro­ßem Abstand? Ist viel­leicht des­halb alles so kalt, so see­len­los gewor­den?" Wer diese Frage stellt, ist ein "altern­der" Musi­ker mit Herz und Ver­stand, ein "neuer Alter" im bes­ten Sinne, der im Jahr 2000 66 Jahre gewor­den ist: Udo Jür­gens.

  2. Wir brau­chen qua­li­ta­tiv neue Ant­wor­ten für eine sich neu for­mie­rende Gesell­schaft, eine zuneh­mende "Gesell­schaft der Älte­ren", in der die Lebens­er­war­tung wei­ter steigt. Ein Gene­ra­tio­nen­wan­del spie­gelt sich auch bei den Älte­ren wider. Man spricht von den "jun­gen", ja, von den "neuen Alten". Doch was bedeu­tet eigent­lich "Alter"? Wann sind denn Mann und Frau alt? Bemisst sich das wirk­lich nach den Lebens­jah­ren? Und warum mögen ältere Men­schen ungern als "Alte" bezeich­net wer­den?
    Letz­te­res ist schnell erklärt: Jeder Mensch will gebraucht wer­den, zu etwas "nütze" sein. Doch in einer Gesell­schaft, in der "Ältere" nicht mehr im Berufs­le­ben gebraucht wer­den, ja, ältere Men­schen gar in Alters­hei­men "abge­stellt" wer­den, erfolgt eine Ent-Wertung. Und hat man nicht sei­nen Selbst­wert im bis­he­ri­gen Leben erken­nen und schät­zen gelernt, ent­wer­tet man sich selbst. Die gene­ra­tio­nen­über­grei­fende Inte­gra­tion fin­det in unse­rer Gesell­schaft (noch) nicht statt.
    Wert­voll ist in einer mate­ri­ell ori­en­tier­ten Gesell­schaft nur, wer an der mate­ri­el­len Gewinn­schöp­fung mit­ar­bei­tet. Ältere Men­schen, vor allem die "50 Plus"-Generation, wer­den zwar jetzt mehr und mehr "an-erkannt", doch ledig­lich als neue Kon­su­men­ten­gruppe. Wie­der ist das Mate­ri­elle die Trieb­fe­der gesell­schaft­li­cher Gestal­tung. Bei allem Wohl­stand ist unsere Gesell­schaft geis­tig ver­armt.
    Ich weiß, diese Erkennt­nis ist nicht neu. Aber es besteht heute eine grö­ßere Chance, mehr "Geist", mehr "Spi­rit" in unser Leben hin­ein­zu­brin­gen, da eine neue Gene­ra­tion, die "jun­gen Alten", andere, qua­li­ta­tiv höhere Ansprü­che zu stel­len gelernt haben. Und dies nicht nur in mate­ri­el­ler Hin­sicht. Zudem: die Gren­zen zwi­schen jung und alt ver­wi­schen mehr und mehr. Die Musi­ker der kuba­ni­schen Band "Buena Vista Social Club" etwa – sind diese alt? Da kenne ich viele "Jün­gere", denen das "jugend­li­che Feuer" der "Älte­ren" fehlt …
    Albert Schweit­zer gibt uns eine gute Beschrei­bung von "Jugend" und "Alter": "Jugend ist nicht ein Lebens­ab­schnitt, sie ist ein Geis­tes­zu­stand. Sie ist Schwung des Wil­lens, Reg­sam­keit der Phan­ta­sie, Stärke der Gefühle, Sieg des Mutes über die Feig­heit, Tri­umph der Aben­teu­er­lust über die Träg­heit.
    Nie­mand wird alt, weil er eine Anzahl Jahre hin­ter sich gebracht hat. Man wird nur alt, wenn man sei­nen Idea­len Lebe­wohl sagt. Mit den Jah­ren run­zelt die Haut, mit dem Ver­zicht auf die Begeis­te­rung aber run­zelt die Seele. Sor­gen, Zwei­fel, Man­gel an Selbst­ver­trauen, Angst und Hoff­nungs­lo­sig­keit – das sind die lan­gen, lan­gen Jahre, die das Haupt zur Erde zie­hen und den auf­rech­ten Geist in den Staub beu­gen."
    Und das ist meine zweite Ant­wort: Älter­wer­den macht dann Sinn, wenn wir die zuneh­men­den Lebens­jahre nicht als Beschrän­kung erle­ben, son­dern als Zuge­winn in Form von geistig-seelischer Erkennt­nis und per­sön­li­cher Ein­sicht in unser Leben. Älter­wer­den ist nicht pri­mär als Zunahme von Lebens­jah­ren zu ver­ste­hen, son­dern als Her­aus­for­de­rung im Hin­blick auf Lebens­ein­stel­lung und Lebens­ge­stal­tung.
    Alles hat und braucht seine Zeit – und auch seine lebens­pha­sen­spe­zi­fi­schen Fra­gen und Auf­ga­ben. Mit unse­rem per­sön­li­chen Wachs­tum ent­wi­ckeln wir gemäß unse­rem Rei­festa­dium unter­schied­li­che Erleb­nis– und Wahr­neh­mungs­qua­li­tä­ten. Jeder sam­melt in sich Erfah­rungs­schätze, die er/sie mit ande­ren tei­len darf, und manch einer hat die­sen Schatz im "Sil­ber­see" ver­steckt, da die "moderne" Gesell­schaft die­sen nicht aner­kennt, nicht schätzt. Hier ist künf­tig noch viel "Ber­gungs­ar­beit" zu leis­ten!

  3. Für unser Älter­wer­den brau­chen wir eine Richt­schnur, einen Kurs, der uns näher zu uns selbst führt. Jeder von uns ist mit einer bestimm­ten Auf­gabe in die­ses Leben gekom­men – und es ist der Sinn, diese her­aus­zu­fin­den. Wenn ich ein Lebens­ziel habe, wenn ich weiß, was mich in die­ses Leben geru­fen hat, kenne ich das Leit­mo­tiv mei­nes Lebens, meine Beru­fung. Unsere Beru­fung erschließt sich auf unse­rem Lebens­weg, wenn wir acht­sam sind und unsere "innere Stimme" hören. Acht­sam sind wir dann, wenn wir ganz hier, in der Gegen­wart sind. Dann kön­nen wir unsere innere Stimme selbst hören.
    Und das ist meine dritte Ant­wort: Älter­wer­den macht dann Sinn, wenn ich Acht­sam­keit übe, mich auf den eige­nen Weg mache, nach innen höre und meine Beru­fung, mein Leit­mo­tiv im Leben her­aus­finde.
    Zwi­schen­ruf: Natür­lich hat jede/r die Frei­heit, zu ent­schei­den, ob und wie sie/er der "inne­ren Stimme" fol­gen will. Aller­dings, frei nach Käs­t­ner: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es". Ein jeder weiß: wir ern­ten, was wir säen. Und Sinn ist nicht etwas, das uns vor­ge­ge­ben wer­den sollte, son­dern das wir uns selbst durch unsere geistig-seelische und all­täg­li­che Arbeit erschaf­fen. Wir müs­sen nichts tun, doch haben wir immer die Kon­se­quen­zen zu tra­gen. Selbst­ver­ant­wor­tung ist in unse­rer Kul­tur – Gott sei Dank – ein hoher Wert (freie Ent­schei­dung), und wir müs­sen einen hohen Preis zah­len, wenn wir diese nicht wahr­neh­men!

  4. Aller­dings: häu­fig fehlt einem die Ener­gie dazu. Die Last des All­tags und/oder unsere Lebens­ge­schichte blo­ckiert das von uns selbst Gewünschte, Erhoffte. Sinn zu schaf­fen setzt auch vor­aus, dass wir mit unse­rer Lebens­en­er­gie umge­hen kön­nen. Lebens­en­er­gie schöp­fen wir, indem wir am "Strom des Lebens" teil­neh­men. Wir brau­chen hierzu die für uns geeig­nete geis­tige und see­li­sche Nah­rung – und "Anten­nen". Eine zen­trale Ener­gie­quelle ist unsere Lebens­freude, die mit unse­rer Lebens­ein­stel­lung, unse­rer Hal­tung dem Leben gegen­über eng ver­bun­den ist.
    Und das ist meine vierte Ant­wort: Älter­wer­den macht dann Sinn, wenn wir ler­nen, uns mehr und mehr dem Fluss des Lebens hin­zu­ge­ben, und unsere Lebens­en­er­gie­ströme ken­nen ler­nen. Das bedeu­tet zugleich, dass wir uns unse­rer Hal­tung dem Leben gegen­über bewusst sind und ler­nen, immer mehr los­zu­las­sen, was wir nicht mehr brau­chen und was uns nicht gut tut.

  5. Älter wer­den wir in Pha­sen, in Lebens­ab­schnit­ten. Doch im Gegen­satz zu so genann­ten "unter­ent­wi­ckel­ten" Gesell­schaf­ten fehlt es in unse­rer "moder­nen" Gesell­schaft an Ritua­len, die den Über­gang in Lebens­pha­sen beglei­ten und bewusst machen. Rituale geben Halt und stel­len den Sinn und die Auf­ga­ben der jewei­li­gen Lebens­phase her­aus und lei­ten diese ein. Mit Ritua­len wird das jetzt neu Begin­nende durch das gemein­schaft­li­che Fest begrüßt und gewür­digt.
    Und das ist meine fünfte Ant­wort: Älter­wer­den macht dann Sinn, wenn die soziale Gemein­schaft die ver­schie­de­nen Lebens­pha­sen gleich­wer­tig aner­kennt und durch Rituale bewusst fei­ert und ein­lei­tet. Hierin liegt noch ein gro­ßes und schö­nes Gestal­tungs­feld für uns alle!

  6. Wir sind nicht zum Allein­sein gebo­ren. Dem wider­spre­chen nicht per­sön­li­che Pha­sen der Zurück­ge­zo­gen­heit. Zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen geben uns die Mög­lich­keit, von­ein­an­der zu ler­nen, zu wach­sen und unser Poten­zial, unsere Talente zu ent­fal­ten. Bezie­hun­gen sind jedoch bewusste Gestal­tungs­pro­zesse. Älter­wer­den ist für nicht wenige mit zuneh­men­der Ver­ein­sa­mung ver­bun­den. Dies macht wirk­lich kei­nen Sinn. Ver­ein­sa­mung ist das Ergeb­nis einer anony­mi­sie­ren­den Gesell­schaft und unter­ent­wi­ckel­ter per­sön­li­cher Bezie­hungs­fä­hig­keit. Leben­dige Bezie­hun­gen hän­gen unmit­tel­bar damit zusam­men, wel­che Bezie­hung wir zu uns selbst auf­ge­baut haben. Auch wenn es sich viel­leicht ego­is­tisch anhö­ren mag: die wich­tigste Bezie­hung in unse­rem Leben ist die zu uns selbst! "Liebe dei­nen Nächs­ten wie dich selbst!"
    Und das ist meine sechste Ant­wort: Älter­wer­den macht dann Sinn, wenn wir die Liebe zu uns selbst ent­wi­ckeln und diese mit ande­ren tei­len. Freun­des­kreise und leben­dige Bezie­hun­gen sind wah­rer Luxus, und den brau­chen wir mit zuneh­men­dem Alter reich­lich!

  7. Das Älter­wer­den als natür­li­cher Lebens­weg wird von vie­len auch des­we­gen ver­drängt, weil es als zwangs­läu­fig gilt, dass mit zuneh­men­dem Alter Vita­li­tät, Attrak­ti­vi­tät und Schön­heit ver­ge­hen. Macht Älter­wer­den in die­ser Hin­sicht Sinn? Wenn ich an dem vor­herr­schen­den jugend­li­chen Schön­heits­ideal fest­halte, werde ich mich beim Älter­wer­den wohl kaum in mei­ner Haut wohl füh­len kön­nen. Vita­li­tät ist eine Frage der Bereit­schaft, am Fluss des Lebens aktiv teil­zu­neh­men – und dies ist bis ins hohe Alter hin­ein mög­lich. Und Schön­heit und Attrak­ti­vi­tät? Wer defi­niert das? Was macht wirk­lich schön? Woher kommt Schön­heit? Gesell­schaft­li­che Schön­heits­scha­blo­nen, die nur glatte, straffe und fri­sche Haut als "schön" aner­ken­nen, machen es älte­ren Men­schen schwer, sich selbst als schön zu emp­fin­den. Wie­der ist es in unse­rer mate­ri­ell ori­en­tier­ten Gesell­schaft nur das Äußere, der Kör­per, das Gesicht, dem der höchste Stel­len­wert beige­mes­sen wird. Coco Cha­nel soll geäu­ßert haben: "Das Gesicht einer Zwan­zig­jäh­ri­gen hat die Natur geschaf­fen, das Gesicht einer Drei­ßig­jäh­ri­gen das Leben, aber mit fünf­zig hat man das Gesicht, das man ver­dient." Wir ern­ten, was wir säen.
    Schön­heit ist nicht wirk­lich äußer­lich, son­dern das Ergeb­nis eines inne­ren Gesche­hens, das auch nach außen aus­strahlt. Auch die Haut spie­gelt unser Innen­le­ben. Aber in unse­rer jugend­ver­herr­li­chen­den Kul­tur fehlt es an einer "Ästhe­tik des Alters", die jeden mit fort­schrei­ten­dem Alter auch moti­viert, seine innere Schön­heit zu ent­wi­ckeln und diese nach außen zu tra­gen. Denn was ich innen erspüre oder ent­wickle wird auch äußer­lich sicht­bar sein – und gegen kos­me­ti­sche Hil­fen zum per­sön­li­chen Wohl­füh­len ist nichts zu sagen. Es wird höchste Zeit, das Alter "attrak­tiv", ja "sinn­lich" wer­den zu las­sen!
    Und das ist meine siebte Ant­wort: Älter­wer­den macht dann Sinn, wenn wir auch der Ent­wick­lung unse­rer inne­ren Schön­heit eine grö­ßere Beach­tung schen­ken und diese zum Aus­druck brin­gen. Älter­wer­den wird dann auch eine ästhe­ti­sche Her­aus­for­de­rung, wird mit einem neuen Ver­ständ­nis von Schön­heit unsere Gesell­schaft berei­chern. Das Feuer der Jugend wan­delt sich dann zum Licht­vol­len, zum Glanz.

Nach-Wort zu mei­nen sie­ben Ant­wor­ten: Um nicht falsch ver­stan­den zu wer­den: Nein, es geht mir hier nicht um eine Idea­li­sie­rung des Alters - sozu­sa­gen statt Jugend­kult jetzt Alters­kult! Viel­mehr geht es um die bewusste Aner­ken­nung des mensch­li­chen Alte­rungs­pro­zes­ses als Lebens­wirk­lich­keit und Beach­tung der sinn­vol­len lebens­pha­sen­spe­zi­fi­schen Ent­wick­lungs­chan­cen. Alles hat und braucht seine Zeit. Älter­wer­den muss noch in unse­rer Gesell­schaft und in unser aller Bewusst­sein als ein beja­hen­des, sinn­vol­les Gesche­hen "ver­an­kert" und der Alte­rungs­pro­zess ent­spre­chend kul­tu­rell gestal­tet wer­den.
Macht Älter­wer­den also Sinn? Die Ant­wort ist: ja, wenn wir selbst unse­rem Leben und des­sen Pha­sen Sinn ver­lei­hen. Ein­fach ist das nicht. Es geht um die Wahr­neh­mung unse­rer Selbst­ver­ant­wor­tung. Doch warum soll das leicht sein? Dia­man­ten müs­sen auch erst geschlif­fen wer­den, um rein zu wer­den und uns mit ihrem Glanz zu erfreuen. Wenn wir unse­ren inne­ren Dia­man­ten auf unse­rem Lebens­weg immer mehr Glanz ver­lei­hen, wer­den wir keine Furcht mehr vor dem Älter­wer­den haben, son­dern dies als Chance begrü­ßen, uns selbst zu ent­wi­ckeln – und uns zu lie­ben. Dann ist Älter­wer­den sinn­voll und wird zur Kunst. Wir selbst wer­den dann zum Kunst­werk "Mensch". Das Feuer der Jugend wird zum Licht. Lebe dein Leben – vor dem Tod! Schön, dass es Sie heute gibt!
Eine abschlie­ßende Anre­gung: Wie wäre es, wenn Sie sich fol­gende drei Fra­gen, die Sie in der letz­ten Stunde Ihres irdi­schen Lebens beant­wor­ten soll­ten, jetzt schon stel­len:

  • Habe ich – erfüllt – gelebt?
  • Habe ich los­ge­las­sen?
  • Habe ich geliebt?

Buch-Empfehlungen:

  • Die­ter Mueller-Harju/Hajo Noll: Beruf und Lebens­sinn in Ein­klang brin­gen. Zwei Wege zum Umden­ken. (Kösel, 1997)
    Ein dop­pelt ange­leg­tes Ent­wick­lungs­pro­gramm zur Ent­de­ckung der eige­nen Lebens­auf­gabe – auch nach den Jah­ren der Erwerbs­ar­beit.
  • Robert Polt: Doch das Herz wird nicht alt. Tipps und gol­dene Regeln. (Her­der spek­trum, 2000)
    Eine fri­sche, lebens­prak­ti­sche "Alters­phi­lo­so­phie" zur rea­lis­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Pro­zess des Älter­wer­dens.
  • Alfons Auer: Geglück­tes Altern. Eine theologisch-ethische Ermu­ti­gung. (Her­der, 1995)
    "Die Chan­cen nut­zen, die Zumu­tun­gen anneh­men, die Erfül­lun­gen aus­kos­ten" – Der Autor hilft, die spä­ten Lebens­jahre als authen­ti­schen Lebens­ab­schnitt mit all sei­nen Beson­der­hei­ten zu beja­hen.
  • The­re­sia Hau­ser: Zeit inne­ren Wachs­tums. Die spä­te­ren Jahre. (Kösel, 1997)
    Ein sen­si­bles Buch, das die Zumu­tun­gen und Begren­zun­gen des Alters als Anstoß zur inne­ren Wand­lung und Erneue­rung ver­ständ­lich macht.
  • Karl Heinz Schmitt/Peter Ney­s­ters: Jeder Tag voll Leben, Das Buch fürs Älter­wer­den. (Kösel, 1996)
    Ein Lese– und Arbeits­buch mit unge­wöhn­li­chen Per­spek­ti­ven und vie­len prak­ti­schen Tipps für den lebens­wer­ten All­tag.
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