Liebes-Spiele für die Erleuch­tung? Oder: Das Ego im Tan­tra

Häu­fig wird die Frage gestellt, ob oder wie weit Tan­tra – ins­be­son­dere so wie es heute hier im Wes­ten gelehrt und prak­ti­ziert wird – über­haupt etwas mit ernst­haf­ter spi­ri­tu­el­ler Suche zu tun hat oder doch nur der Gra­ti­fi­ka­tion des Ego dient, dem Erz­feind aller spi­ri­tu­el­len Ent­wick­lung. Was hat es also auf sich mit dem Ego im Tan­tra?
Tantra-Paar

Die blu­mi­gen Titel unse­rer und ande­rer Tan­tra­kurse und ihre Ver­hei­ßun­gen sind viel­fäl­tig: ein Fest der Sinne; die Wie­der­ent­de­ckung der Unschuld, die span­nende Begeg­nung der Geschlech­ter; die Ver­bin­dung von Herz und Sex; die Hei­lung der Mann-Frau Bezie­hung; Feuer, Herz und Stille; die Befrei­ung von per­sön­li­chen und gesell­schaft­li­chen Zwän­gen; spi­ri­tu­elle Part­ner­schaft; das Ein­tau­chen in die abso­lute Liebe; die Ent­fal­tung des eksta­ti­schen Poten­ti­als; das Wun­der des Seins; der kos­mi­sche Orgas­mus… die Liste ist lang und ließe sich noch eine Weile fort­füh­ren. Man­chen macht diese Zusam­men­bal­lung von Lie­bespoe­sie miss­trau­isch, wenn nicht all­er­gisch. Durch­aus ver­ständ­lich, liegt doch unsere All­tags­rea­li­tät meis­tens weit weg von der­art Lie­bes­idylle. Den­noch, auch für Außen­ste­hende kein Geheim­nis: die Kurse lau­fen – ver­gli­chen mit der sonst oft rück­läu­fi­gen Zahl von Semin­ar­teil­neh­mern – eher gut. Das kann wohl nicht nur an den Titeln lie­gen. "Da muss doch was faul sein". Gerüchte und Ver­däch­ti­gun­gen gibt es viele: "die Leute gehen doch nur wegen dem Sex dort­hin", "das ist eine ver­kappte Part­ner­schafts­börse", "das hat mit dem tra­di­tio­nel­len Tan­tra gar nichts mehr zu tun" usw. usf. Die spi­ri­tu­ell ela­bo­rier­teste Vari­ante die­ser Ver­däch­ti­gun­gen ist die Frage, ob oder wie weit Tan­tra – ins­be­son­dere so wie es heute hier im Wes­ten gelehrt und prak­ti­ziert wird – über­haupt etwas mit ernst­haf­ter spi­ri­tu­el­ler Suche zu tun hat oder doch nur der Gra­ti­fi­ka­tion des Ego dient, dem Erz­feind aller spi­ri­tu­el­len Ent­wick­lung. Was hat es also auf sich mit dem Ego im Tan­tra?

Die Gründe, die Frauen und Män­ner in die Kurse füh­ren, sind viel­fäl­tig. Bei nähe­rem Hin­se­hen bekom­men wir aller­dings den Ein­druck, dass viele Moti­va­tio­nen nicht aus einer spi­ri­tu­el­len Suche ent­sprin­gen, son­dern dem Wunsch nach erfül­len­der Sexua­li­tät, nach lie­be­vol­ler Bezie­hung, nach einem glück­li­chen Leben in Lust und Liebe. Kaum eine Tan­tra­schule lässt sich jedoch gerne unter­stel­len, mit Spi­ri­tua­li­tät nichts am Hut zu haben, und schon ent­flammt die Debatte dar­über, was denn eigent­lich das rich­tige Tan­tra sei. Das Schwei­zer Maga­zin "Tan­tra" moniert, dass die klas­si­schen Texte zum Tan­tra in der hie­si­gen Szene weit­ge­hend unbe­kannt seien und emp­fiehlt Lite­ra­tur­stu­dium. Die Argu­mente in die­ser Debatte sind manch­mal nicht zim­per­lich, wer­den aller­dings sel­ten offen aus­ge­tra­gen, son­dern fin­den sich in ver­steck­ten Anspie­lun­gen oder gären in der Gerüch­te­kü­che der "spi­ri­tu­el­len Gemeinde".
Erstaun­lich und auf den ers­ten Blick dazu im Wider­spruch zu ste­hen scheint die Tat­sa­che, dass sich die Tan­tri­ker in einem Punkt weit­ge­hend einig sind: es geht darum, das Leben nicht zu bewer­ten, nicht in gut und böse zu unter­schei­den, son­dern in allen sei­nen Aspek­ten zu erle­ben und anzu­neh­men und ins­be­son­dere uns selbst so sein zu las­sen, wie wir sind. Der Weg der tan­tri­schen Trans­for­ma­tion braucht keine aske­ti­schen Qua­len, kei­nen selbst­lo­sen Dienst an der Gemein­schaft, kei­nen Kampf gegen den inne­ren Schwei­ne­hund, son­dern alles darf so sein, wie es ist; wenn wir darin bewusst blei­ben, wird sich uns die gött­li­che Natur der Exis­tenz offen­ba­ren. Was würde sich als tro­ja­ni­sches Pferd in die Fes­tung der spi­ri­tu­el­len Suche bes­ser eig­nen als diese tan­tri­sche Grund­hal­tung? Haben wir das Pferd erst ein­mal hin­ein­ge­las­sen, sprin­gen die Krie­ger des Egos mit ihren selbst­süch­ti­gen Moti­ven hin­aus und trei­ben ihr zer­stö­re­ri­sches Werk an unse­rer spi­ri­tu­el­len Ent­wick­lung.

Was aus­sieht wie ein gro­ßer und fol­gen­schwe­rer Irr­tum hat im Tan­tra Methode. Die Debatte über das rich­tige Tan­tra, die skep­ti­sche Frage, ob das heute popu­läre Tan­tra nicht nur eine pseu­do­s­pi­ri­tu­elle Spiel­wiese ist, deu­tet auf die für mich größte Her­aus­for­de­rung auf dem tan­tri­schen Weg hin: der Weg führt mit­ten hin­ein in all die "nie­de­ren" Gefilde des Ego, das auf die Ver­bun­den­heit mit der gan­zen Exis­tenz pfeift und ein­fach nur auf die Siche­rung der indi­vi­du­el­len Exis­tenz, den per­sön­li­chen Vor­teil und den eige­nen Lust­ge­winn aus ist. Es ist tat­säch­lich leicht, sich darin zu ver­ges­sen und die spi­ri­tu­elle Sehn­sucht (oder ist es eine Sehn-Suche? ) aus den Augen und aus dem Sinn zu ver­lie­ren; umso mehr, als das Ego oft in täu­schen­der Ver­klei­dung daher kommt: als selbst­lo­ser Hel­fer (der doch nur den Dank ein­strei­chen möchte), als spi­ri­tu­el­ler Leh­rer (der sich von der ihm zuflie­ßen­den Auf­merk­sam­keit und Bewun­de­rung ernährt), als aske­ti­scher Mönch (hin­ter dem sich ein Per­fek­tio­nist zu ver­ber­gen weiß). Wenn wir uns – wie im Tan­tra – mit­ten ins Leben hin­ein­wa­gen, und beson­ders noch in das heikle Feld von Lust und Liebe, dann ist die Gefahr groß, dass das Ego mit uns sein Spiel treibt und uns dabei noch in der groß­ar­ti­gen Illu­sion belässt, auf einem spi­ri­tu­el­len Weg zu sein. Nicht ohne Grund galt Tan­tra im Bud­dhis­mus als der zwar schnellste, aber auch schwie­rigste Pfad zur Erleuch­tung.

Das Strau­cheln im Gestrüpp der eige­nen Moti­va­tio­nen erlebe ich oft auch in unse­ren Semi­na­ren und Trai­nings. Auch zu uns kom­men Frauen und Män­ner aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den, viele davon sicher erst ein­mal mit Hoff­nun­gen wie "freier mit der eige­nen Sinn­lich­keit und Sexua­li­tät umge­hen ler­nen", "das Herz für eine neue Lie­bes­be­zie­hung öff­nen" oder "ein erfüll­te­res und glück­li­che­res Leben füh­ren". Wir kön­nen und wol­len die Motive unse­rer Teil­neh­mer weder prü­fen noch über­haupt bewer­ten. Man­che kom­men mit einem sehr per­sön­li­chen – aus spi­ri­tu­el­ler Sicht viel­leicht ego­is­ti­schen – Motiv, fin­den, was sie suchen (oder auch nicht), und gehen wie­der. Ist das ehren­rüh­rig für mich als Tan­tral­eh­rer? Wenn ja, so ist das sicher mein Ego, was sich gekränkt fühlt.
Die Schwie­rig­keit sehe ich auf einer ganze ande­ren Ebene. Wenn wir fixiert sind auf die Erfül­lung unse­rer indi­vi­du­el­len Wün­sche, dann kre­ie­ren wir uns frü­her oder spä­ter unser eige­nes Lei­den. Wenn also unsere Wün­sche nicht in Erfül­lung gehen und wir haben kein spi­ri­tu­el­les Ver­ständ­nis und keine Bereit­schaft, den damit ver­bun­de­nen Gefüh­len zu begeg­nen und dar­aus zu ler­nen, dann lau­fen wir wahr­schein­lich davor weg und suchen woan­ders unser Glück (oder wir resi­gnie­ren). In die­sem Kreis­lauf sind wir dann gefan­gen wie ein Hams­ter im Lauf­rad, oder in Sam­sara, wie es die Bud­dhis­ten nen­nen.
Obwohl wir in jeder unse­rer Grup­pen aus­drück­lich dar­auf hin­wei­sen, wie wich­tig das Dablei­ben ist – vor allem dann, wenn es inner­lich schwie­rig wird – kommt es doch hin und wie­der vor, dass Leute mit­ten im Pro­zess abbre­chen. Für mich per­sön­lich ist das immer schmerz­haft, und es kränkt auch meine All­machts­phan­ta­sien und berührt die Kehr­seite davon, meine Ohn­machts­ge­fühle. Bei nähe­rem Hin­se­hen fällt mir dann jedoch auf, dass in den meis­ten sol­chen Fäl­len eine drin­gende per­sön­li­che Hoff­nung oder Erwar­tung nicht erfüllt wurde oder eine Ver­let­zung berührt wurde, die zu füh­len und anzu­schauen die Per­son nicht bereit war. Bei­des ist im Kern das Glei­che, denn unsere per­sön­li­chen Wün­sche sind dann so drin­gend, wenn wir in die­sem Bereich ver­letzt sind. Von außen betrach­tet, und zur Ret­tung mei­ner Ehre, könnte ich sagen, dass diese Per­so­nen von vorn­her­ein keine spi­ri­tu­elle Moti­va­tion für Tan­tra hat­ten, und des­we­gen auf­ge­ben, wenn es nicht wunsch­ge­mäß läuft. "Sie haben es doch gar nicht bes­ser ver­dient!!!" Einige Bei­spiele von "Aus­stei­gern":

  • Eine Frau begeg­nete ihrem Bezie­hungs­mus­ter: die Män­ner, die sie will, begeh­ren sie nicht, und die Män­ner, die sie begeh­ren, die will sie nicht. Sie hatte gehofft, dass es im Tan­tra anders wäre, aber es war zunächst mal genauso wie in ihrem Leben.
  • Ein Mann, der zu Beginn des Tan­tra­trai­nings sehr aufs Flir­ten aus war, ließ sich zwi­schen­zeit­lich auf eine feste Part­ner­schaft ein. Fortan konnte er die gesamte rest­li­che Gruppe nur noch so wahr­neh­men, als seien alle nur auf Flirts aus und er habe da nichts mehr zu suchen.
  • Ein Paar, das enorme Pro­bleme mit Eifer­sucht hatte, stieg aus einem Trai­ning aus in den irri­gen Annahme, alle ande­ren erwar­te­ten von ihnen, dass sie ihre Part­ner­schaft öff­nen und wech­selnde sexu­elle Kon­takte leben.

In die­sen Bei­pi­e­len war das Bedürf­nis nach dem Schutz des Egos grö­ßer als die Bereit­schaft, sich umzu­dre­hen und den eige­nen Schat­ten zu besich­ti­gen. Es wäre zu unbe­quem oder schmerz­haft gewe­sen, der Wahr­heit ins Auge zu bli­cken: der gna­den­lo­sen Kri­ti­ke­rin, die Män­ner in begeh­rens­werte und abscheu­li­che Objekte unter­teilt, dem Heuch­ler, der die eigene Flirt­sucht selbst­ge­recht nach außen pro­ji­ziert, den Ängst­li­chen, die sich in eine Opfer­rolle hin­ein­ma­nö­vrie­ren, um den eige­nen ver­steck­ten Wün­schen oder Phan­ta­sien nicht begeg­nen zu müs­sen, die ihre Bezie­hung womög­lich bedro­hen wür­den. Was würde es hel­fen, diese Aus­weich­ma­nö­ver als Flucht vor dem eige­nen Schat­ten zu brand­mar­ken und eine genuine spi­ri­tu­elle Suche abzu­spre­chen? Mei­ner Selbst­ge­rech­tig­keit viel, den Betref­fen­den aber wahr­schein­lich wenig.
Wenn ich mich selbst ehr­lich frage, warum ich zum Tan­tra gekom­men bin, dann fal­len mir auch als ers­tes Motive ein wie Wün­sche nach eksta­ti­scher Sexua­li­tät, die Sehn­sucht nach einer Part­ne­rin, mit der ich Lust und Liebe inten­siv tei­len kann, die Jagd nach auf­re­gen­den Erfah­run­gen, die mich den manch­mal tris­ten All­tag ver­ges­sen las­sen: alles Motive, die mehr mit mei­nem Ego zu tun haben als mit spi­ri­tu­el­ler Suche. Was ich dann im Tan­tra erfah­ren habe war, dass nicht sel­ten Wün­sche wie die obi­gen auf tief­ge­hende Weise erfüllt wur­den, dass aber die Abstürze und Ent­täu­schun­gen im Kon­trast dazu auch immer inten­si­ver wur­den. Auch stand ich einige Male kurz davor abzu­hauen, in der Hoff­nung, dem Schmerz zu ent­kom­men. Ein­mal habe ich es getan, bin aus einer halb­of­fe­nen Gruppe davon­ge­lau­fen, ohne mich zu ver­ab­schie­den. Schon auf dem Weg zum Bahn­hof bemerkte ich unter all der Ver­zweif­lung und dem Schmerz ein trot­zi­ges "Das haben sie jetzt davon, dass sie mich so gemein behan­delt haben!" und "Das ist ihre gerechte Strafe, dass ich jetzt abhaue!"
Mit etwas Abstand konnte ich wie­der sehen, dass ein­fach meine Erwar­tun­gen nicht erfüllt wor­den waren, und spü­ren, dass das weh tat. Tan­tra ist für mich wie ein Rei­ten auf den Wel­len des Ego. Die Wel­len (meine Wün­sche) wur­den immer grö­ßer, die Abstürze und der anschlie­ßende Schleu­der­gang im Stru­del der Bran­dung immer hef­ti­ger. Gleich­zei­tig – durch das bewusste Dablei­ben, was auch immer geschieht – wurde eine Ahnung in mir stär­ker: das Leben besteht nicht nur aus Wel­len, son­dern der ganze Ozean der Exis­tenz umfasst und umspült alles Leben. Es kann enorm befrei­end und beglü­ckend sein, dem gan­zen Getose in mir und um mich herum zuzu­schauen und dabei inner­lich still zu wer­den.

Tan­tra spielt mit allen Aspek­ten der Exis­tenz, so auch mit den Wel­len des Ego. Man­che spi­ri­tu­elle Leh­rer benut­zen das Bild von einer Welle, die sich nicht mehr mit dem Ozean ver­bun­den weiß, als Bild für die Ver­blen­dung des Ego. Diese Ver­blen­dung kre­iert Angst, denn spä­tes­tens an der Küste droht die Ver­nich­tung. Wenn wir in die­ser Ver­nich­tung, dem Zer­schel­len unse­rer Wün­sche und Erwar­tun­gen, inner­lich anwe­send blei­ben, ent­de­cken wir, dass wir frü­her oder spä­ter wie­der ins Was­ser, in den Ozean zurück­flie­ßen, aus dem dann wie­der neue Wel­len auf­stei­gen. Warum soll­ten wir also nicht sexu­el­les Glück, traum­hafte Part­ner­schaf­ten und sons­tige Gra­ti­fi­ka­tio­nen des Ego im Tan­tra suchen? Man­che Tan­tral­eh­rer gehen tat­säch­lich schon längst so weit, die sexu­elle Ekstase als magi­schen Zustand zur Mani­fes­ta­tion von allen mög­li­chen mate­ri­el­len Gütern ein­zu­set­zen: Geld im Über­fluss, ein Traum­haus auf dem Land, eine hoch­do­tierte Kar­riere… alles, was das Ego begehrt. "Da haben wir´s! Jetzt zeigt das Neo-Tantra sein eigent­li­ches, häss­li­ches Gesicht!" rufen die Ver­tre­ter der ernst­haf­ten spi­ri­tu­el­len Suche. Woher der Auf­re­gung? Nei­disch? Zwei­fel, ob die spi­ri­tu­el­len Früchte des Ver­zichts nicht doch auch im Gar­ten Eden der Sin­nen­freude und des Genus­ses wach­sen? Oder ein­fach nur die Besorg­nis über die ver­lo­re­nen Schafe auf Got­tes gro­ßer Weide?
Ich wün­sche mir, dass wir Tan­tri­ker mit unse­rer Hal­tung des Nicht-Wertens, des Anneh­mens, was ist, auch vor dem Ego nicht halt machen. Das Ego ist nicht Alles, das stimmt. Aber das haben wir doch längst her­aus­ge­fun­den, wenn wir einige Male damit auf die Nase gefal­len sind! Oder nicht? Viel­leicht auch nicht. Das Ego kann unse­rem wirk­li­chen Glück und unse­rer tiefs­ten Erfül­lung ziem­lich genau im Wege ste­hen, auch das ist meine Erfah­rung. Das gilt aber nur so lange, bis wir das Ego nicht als unser klei­nes begrenz­tes Ich erkannt haben, son­dern unse­ren Mikro­kos­mos mit dem gesam­ten All ver­wech­seln. Solange ist es tat­säch­lich ein Gefäng­nis. Wenn ich nicht merke, dass das Leben mehr zu bie­ten hat, als dass ich das bekomme, was ich will; wenn ich nicht merke, dass die tiefs­ten Glücks­mo­mente dann gesche­hen, wenn die Zeit ste­hen bleibt und nie­mand etwas will: dann befinde ich mich im Hams­ter­rad, und zwar genau so lange, bis ich es merke. Wenn ich es merke, dann kann ich aus­stei­gen – oder wei­ter Karus­sell fah­ren, ein­fach aus Spaß am Fah­ren.
Ich glaube, es braucht keine mora­li­sche Instanz, die uns das Ego madig macht, schon gar nicht im Tan­tra: bewusst da blei­ben (und das ist etwas ande­res als erstar­ren und aus­hal­ten!) reicht aus um zu ent­de­cken, was wir uns mit unse­rem Ego zuwei­len antun, und dass unsere wirk­li­che Sehn­sucht weit dar­über hin­aus geht. Das Da-Bleiben ist aller­dings zen­tral. Falls wir jedes­mal davon­lau­fen, wenn wir nicht das bekom­men, was wir wol­len, dann neh­men wir uns selbst die But­ter vom Brot. Das ist gelinde gesagt, denn oft genug sind das die schmerz­haf­tes­ten Ver­let­zun­gen, die sich Frauen und Män­ner im Tan­tra selbst zufü­gen: sie bre­chen das Sur­fen ab, wenn die Welle sich zu über­schla­gen droht, ver­pas­sen dabei das natür­li­che Ende eines jeden Wun­sches (die Erfül­lung oder das Los­las­sen), und blei­ben auf ihren Wün­schen sit­zen, um beim nächs­ten Mal mit noch mehr Angst auf das Surf­brett zu stei­gen. So lernt nie­mand Wel­len­rei­ten. Die Ver­nich­tung der Wün­sche in der wil­den, schäu­men­dem Bran­dung und das anschlie­ßende Wie­der­er­ste­hen wie Pho­enix aus der Asche ist nicht im ent­fern­tes­ten so gefähr­lich wie das Abbre­chen kurz vor der Stunde der Wahr­heit. Es liegt viel Weis­heit und Mit­ge­fühl in der Hal­tung der Tantra-Meisterin Devi (in Daniel Odiers Buch "Tan­tra"), die nur als Schü­ler auf­nimmt, wer sich von vor­ne­her­ein ver­pflich­tet, den gan­zen Weg zu gehen.
Wenn wir also das Ego im Tan­tra aner­ken­nen und da sein las­sen, gilt das nur für Tan­tra­schü­ler oder auch für den Tantra-Lehrer, die Leh­re­rin? Soll­ten die all die Tur­bu­len­zen bereits hin­ter sich gelas­sen haben? "Wer würde über Erfolg in Geld­an­ge­le­gen­hei­ten bei einem Kurs­lei­ter ein Semi­nar buchen, der sich noch nicht ein­mal die Fahrt zum Tagungs­ort leis­ten kann?" hörte ich den spi­ri­tu­el­len Leh­rer Paul Lowe auf einem Vor­trag in Frei­burg fra­gen. Wer sollte also – so seine impli­zite Aus­sage – ein spi­ri­tu­el­les Semi­nar bei jeman­den besu­chen, der nicht selbst erleuch­tet und befreit von allen Ego­ver­haf­tun­gen ist? Der Markt und die Gerüch­te­kü­che um all die Neu-Erleuchteten, Fast-Erleuchteten, Wohl-doch-nicht-Erleuchteten, Nie-und-nimmer-Erleuchteten, Jenseits-von-jedem-Zweifel-Erleuchteten, blüht und bro­delt. Das Per­fide daran: wer mag sich schon die Blöße geben und einen ech­ten Erleuch­te­ten ver­ken­nen? Das würde einen ja nur selbst dis­qua­li­fi­zie­ren. Also muss man sich ganz klar auf eine Seite schla­gen: die Erleuch­tung zwei­fels­frei dia­gnos­ti­zie­ren ("Wer das nicht mit­voll­zieht, ist eben noch nicht so weit!") oder sie ohne wenn und aber aber­ken­nen ("Fällst du etwa auf die­sen Schar­la­tan her­ein? Der hat doch einen rie­si­gen Ego­trip lau­fen!"), oder lie­ber demü­tig und beschei­den schwei­gen. Ich bin manch­mal über­rascht, wie­viel Anklang die­ses spi­ri­tu­elle Gesell­schafts­spiel mit­un­ter fin­det, aber wer möchte schon einem spi­ri­tu­el­len fal­schen Fuff­zi­ger auf den Leim gehen?

In der Tan­tra­szene wird diese Suppe nicht ganz so heiß gekocht wie in der Satsang-Gemeinde. Tan­tral­eh­rer haben ja in ihren Semi­na­ren auch noch etwas ande­res anzu­bie­ten als nur ihre eigene Erleuch­tung, aber eine ähn­li­che Dyna­mik ist auch manch­mal zu beob­ach­ten: Wer hat es wirk­lich drauf? Wer ver­mit­telt ech­tes, authen­ti­sches Tan­tra? Wer schreibt Tan­tra drauf, obwohl nur Selbst­er­fah­rung mit Liebe und Sexua­li­tät drin ist? Da hat es mich gera­dezu naiv und doch sehr sym­pa­thisch gedünkt, als ich neu­lich das öffent­li­che Bekennt­nis von einem Tantra-Couple las, dass sich ihre Kurse zum Thema Bezie­hung erst ver­kau­fen, seit sie sie Tan­tra nen­nen.

Viele spi­ri­tu­elle Leh­rer und Semi­nar­lei­ter zei­gen sich nicht mit ihren Schwä­chen und Feh­lern, und dazu trägt natür­lich die Kon­kur­renz und die Markt­ge­setz­mä­ßig­keit im gan­zen Psy­cho– und Eso­te­rikbe­reich ent­schei­dend bei. Wenn über­haupt, dann spre­chen sie von eige­nen Ego­ver­stri­ckun­gen nur in der Ver­gan­gen­heits­form, wenn es hoch kommt noch in zwar aktu­el­len, aber doch ver­all­ge­mei­nern­den State­ments wie "Jeder lehrt natür­lich immer das, was er selbst am meis­ten zu ler­nen hat." Für einen Tan­tral­eh­rer soll­ten eksta­ti­sche Fun­ken­re­gen vor dem drit­ten Auge, Ganzkörper-Atemorgasmen und eine erfüllte Part­ner­schaft doch wohl kein Pro­blem sein… Wenn ein Tantra-Couple sich trennt, heißt es: "Was, die bei­den haben sich getrennt? Ich wusste schon immer, dass da der Wurm drin war!"
Die Frage, ob und wie weit ich mich als Tan­tral­eh­rer mit mei­nen Macken so zei­gen sollte, wie ich bin, ist aller­dings enorm hei­kel, und lässt sich nicht leicht beant­wor­ten:

  • wenn ich glaube, meine Feh­ler und Kon­flikte nicht zei­gen zu dür­fen, weil ich dann mei­nen oder der Teilnehmer/innen Ansprü­che nicht genüge, sitze ich in der Falle: ich ermu­tige alle ande­ren, sich selbst sein las­sen, und lasse mich selbst nicht so sein, wie ich bin.
  • wenn ich mich als den gro­ßen spi­ri­tu­el­len Zam­pano hin­stelle, dann kom­men – zumin­dest wenn ich es geschickt anstelle – die Fans gelau­fen, aber ich halte sie auch in je grö­ße­rer Abhän­gig­keit, je grö­ßer ich die Kluft zwi­schen ihnen und mir gestalte.
  • wenn ich alle Unter­schiede zwi­schen mir als Lei­ter und den Teil­neh­mern ver­wi­sche und meine beson­dere Rolle und die dazu­ge­hö­rige Dis­tanz nicht annehme, nach dem Motto "wir ler­nen alle", ver­hin­dere ich den Pro­zess der Idea­li­sie­rung (und spä­te­rer Ent­täu­schung), der bis zu einem gewis­sen Grad sehr hilf­reich ist, um sich dem wah­ren Kern zu nähern. Anfangs wer­den Ideale auf uns als Lei­ter pro­ji­ziert, mehr und mehr kön­nen sie jedoch als innere Wahr­heit in Besitz genom­men wer­den: "Was ich in ihm sehe, ist auch in mir!"
  • wenn ich meine inne­ren Kämpfe und Abstürze zeit­weise trans­pa­rent mache, ohne meine Rolle als Lei­ter in Frage zu stel­len, ermu­tige ich die Teilnehmer/innen, sich auch selbst ihre Schwie­rig­kei­ten anzu­schauen und sich damit zu zei­gen, ohne zu kol­la­bie­ren.
  • wenn ich die Kon­se­quen­zen mei­ner Rolle, z.B. die Eltern­pro­jek­tio­nen auf mich und die ent­spre­chende Zuwei­sung von Macht, igno­riere, und mich auf pri­vate Bezie­hun­gen mit Teilnehmer/innen ein­lasse, ist die Gefahr groß, die Bezie­hung zu miss­brau­chen und das Macht­ge­fälle für meine per­sön­li­chen Bedürf­nisse und zur Kom­pen­sa­tion mei­ner Defi­zite zu miss­brau­chen.

Ich habe ziem­lich früh her­aus­ge­fun­den, wie leicht es als Grup­pen­lei­ter ist, die Bewun­de­rung und ero­ti­sche Anzie­hung von teil­neh­men­den Frauen zu gewin­nen: Ich muss mich hin und wie­der ver­letz­lich zei­gen, gleich­zei­tig aber das Heft klar in der Hand behal­ten. Das trifft genau in das Defi­zit vie­ler Frauen, die sich einen Vater gewünscht hät­ten, der stark und ver­letz­lich, kom­pe­tent und erreich­bar zugleich ist. Andere Grup­pen­lei­ter haben sicher andere Tricks her­aus­ge­fun­den: Psy­cho­pa­then set­zen ihren macht­vol­len Charme ein, rigide Cha­rak­ter die Anmut ihrer Kraft, schi­zo­ide ihr Eremiten-Image, Maso­chis­ten ihre Gemüt­lich­keit (in der Tan­tra­szene eher sel­ten!). Die Ver­füh­rung für den Grup­pen­lei­ter ist enorm groß, die Attrak­ti­vi­tät in der Rolle des Grup­pen­lei­ters als per­sön­li­ches Attri­but miss­zu­ver­ste­hen. Der Schritt zum Miss­brauch ist dann nicht mehr weit (und er beginnt nicht erst beim sexu­el­len Kon­takt). Ich wage zu behaup­ten, dass es dafür viele Bei­spiele in der Szene gibt.
Umge­kehrt mag ich mich jedoch auch nicht an der Hexen­jagd der Recht­schaf­fe­nen betei­li­gen, die jeden pri­va­ten Kon­takt von Leiter(in) und Teilnehmer(in) für eine Tod­sünde erklä­ren und damit doch nur der eige­nen und ande­rer Heu­che­lei Vor­schub leis­ten. Miss­brauch hat viele Gesich­ter.
Auch Tan­tral­eh­rer und über­haupt spi­ri­tu­elle Leh­rer und Grup­pen­lei­ter wer­den zuwei­len von ego­is­ti­schen Moti­ven getrie­ben – ich jeden­falls ganz bestimmt und nicht zu knapp. Manch­mal zeige ich mich damit und manch­mal nicht, und auch das durch­aus nicht immer aus altru­is­ti­schen Moti­ven. Manch­mal hadere ich damit, manch­mal fühle ich mich in Frie­den und bin glück­lich, so viele Men­schen auf dem Weg beglei­ten zu dür­fen und dabei zu ler­nen, mich selbst zu beglei­ten und sein zu las­sen – und dabei noch Geld zu ver­die­nen. Ist das ein Wider­spruch? Viel­leicht ja, aber der Wider­spruch ist zutiefst tan­trisch.
Wir stür­zen uns mit­ten hin­ein in das Aben­teuer des Lebens, der Lust und der Liebe. Wir wol­len alles, und zwar jetzt – oder auch spä­ter. Wir wol­len jedes nur erdenk­li­che Glück für uns selbst – und fal­len dabei kläg­lich auf die Nase, wenn wir glau­ben, dass unser Glück von dem Glück der ande­ren getrennt wäre. Wir fal­len auf die Spie­ge­lun­gen des Egos her­ein, wie sie uns in den Tantra-Prospekten blu­mig und ver­füh­re­risch schmack­haft gemacht wer­den, und blei­ben da, wenn sich die Illu­sio­nen wie Sei­fen­bla­sen in der Luft auf­lö­sen. Dann kann etwas viel Wert­vol­le­res zum Vor­schein kom­men: unser inners­ter Kern, das Gött­li­che in uns, die all­um­fas­sende Liebe, rei­nes Bewusst­sein, Frie­den. Wir lösen uns darin auf, bis irgend­eine miese kleine Ratte in uns sich wie­der daran macht, diese Erfah­rung aus­zu­schlach­ten: wäre doch gelacht, wenn sich diese WAHN­SINN­S­ER­FAH­RUNG nicht in klin­gende Münze, Bewun­de­rung oder eine ero­ti­sche Eska­pade ver­wan­deln ließe. Ich hasse diese Ratte – und ich liebe sie.

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