Jen­seits der Matrix
– Kino­filme fra­gen nach dem Wesen unse­rer Rea­li­tät und wei­sen Wege zum Erwa­chen

Ist es Wirk­lich­keit oder spielt es auf dem Holo­deck? Diese Frage ken­nen Lieb­ha­ber der Star-Trek-Serien. Eine com­pu­ter­ge­ne­rierte Schein­welt erlaubt es der Besat­zung von »Raum­schiff Voya­ger« durch Pro­gram­mie­ren von Daten belie­bige Wirk­lich­kei­ten drei­di­men­sio­nal (holo­gra­fisch) zu simu­lie­ren.

Ist es Wirk­lich­keit oder spielt es auf dem Holo­deck? Diese Frage ken­nen Lieb­ha­ber der Star-Trek-Serien. Eine com­pu­ter­ge­ne­rierte Schein­welt erlaubt es der Besat­zung von »Raum­schiff Voya­ger« durch Pro­gram­mie­ren von Daten belie­bige Wirk­lich­kei­ten drei­di­men­sio­nal (holo­gra­fisch) zu simu­lie­ren. Gene­rell eig­nen sich Geschich­ten im Grenz­be­reich von Fan­ta­sie, Traum und Rea­li­tät beson­ders gut für die fil­mi­sche Dar­stel­lung, weil Film­bil­der den Zuschauer durch ihre Viel­deu­tig­keit geschickt über den Rea­li­täts­grad des Dar­ge­stell­ten täu­schen kön­nen. Zu die­ser Ver­wir­rung kommt hinzu, dass das, was im Film Wirk­lich­keit ist, aus Sicht des Zuschau­ers eben nur Film (also eine Schein­welt) ist. Wer schaut uns zu, wäh­rend wir Fil­men zuschauen? Von wel­cher Ebene aus gese­hen ist die Wirk­lich­keit des Zuschau­er­raums auch nur ein »Holo­deck« oder eine »Matrix?

»Du siehst aus wie ein Mensch, der das, was er sieht, hin­nimmt, weil er damit rech­net, dass er wie­der auf­wacht«, sagt der Meis­ter und lugt hin­ter sei­ner schwarz getön­ten Son­nen­brille her­vor. Und er fügt hinzu: »Iro­ni­scher­weise ist das nahe an der Wahr­heit.« Was der Meis­ter sei­nem Schü­ler nun mit­zu­tei­len hatte, ist aufs Höchste beun­ru­hi­gend. Es spricht ein Lebens­ge­fühl an, das viel­leicht auch vie­len von uns bekannt vor­kommt: »Ich will dir sagen, wieso du hier bist. Du bist hier, weil du etwas weißt, etwas, was du nicht erklä­ren kannst. Aber du fühlst es. Du fühlst es schon dein gan­zes Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Du weißt nicht was, aber es ist da. Wie ein Split­ter in dei­nem Kopf, der dich ver­rückt macht.«
Die Szene mutet an wie die Beschrei­bung einer spi­ri­tu­el­len Suche, die kon­se­quen­ter­weise in ein Erwa­chen mün­det. Der Schü­ler in die­ser Geschichte hat sei­nen Leh­rer jah­re­lang gesucht, getrie­ben von einem dif­fu­sen Unbe­ha­gen an der Wirk­lich­keit. Irgend­et­was an der Welt, die ihn umgibt, erscheint ihm nicht echt. Die Fas­sa­den­haf­tig­keit der Räume, die pup­pen­haft funk­tio­nie­ren­den Mit­men­schen, die im Rah­men vor­ge­ge­be­ner Rol­len ihren Part in einem teil­weise ziem­lich bana­len Drama spie­len. Kann die­ses selt­sam höl­zerne, oft unwirk­lich erschei­nende Spiel denn tat­säch­lich alles sein, was exis­tiert?

Pro­gram­mierte Schein­welt
Nun, da er sei­nem Meis­ter end­lich gegen­über­steht, ist die bren­nendste Frage des Schü­lers die nach der Beschaf­fen­heit die­ser Wirk­lich­keit. »Hat­test du schon ein­mal einen Traum, Neo, der dir voll­kom­men real schien?«, fragt ihn die­ser. Was wäre, wenn du aus die­sem Traum nicht mehr auf­wachst? Woher wür­dest du wis­sen, was Traum ist und was Rea­li­tät?«
Auf­merk­same Kino­gän­ger haben natür­lich längst erkannt, wo wir uns befin­den. Nicht in einer ver­zwick­ten Zen-Geschichte, einer Legende über das spi­ri­tu­elle Erwa­chen eines Suchen­den, son­dern es ist ein Dia­log aus dem ers­ten Teil der Kino-Trilogie »The Matrix«, einem moder­nen Klas­si­ker, der auf radi­kale Weise die Frage nach der Beschaf­fen­heit unse­rer Rea­li­tät stellt. Was aber ist die berühmte »Matrix«? »Die Matrix ist all­ge­gen­wär­tig«, sagt Mor­pheus, der moderne Guru mit der Son­nen­brille, der mit coo­len Sprü­chen und kräf­ti­gen Hand­kan­ten­schlä­gen selbst der action­ver­lieb­ten Handy-Generation anspruchs­volle phi­lo­so­phi­sche Weis­hei­ten ver­mit­telt. »Es ist eine Schein­welt, die man dir vor­gau­kelt, um dich von der Wahr­heit abzu­len­ken.« – »Wel­che Wahr­heit?«, fragt Neo. »Dass du ein Sklave bist«, ant­wor­tet Mor­pheus. »Du wur­dest in die Skla­ve­rei gebo­ren. Ein Gefäng­nis, das du weder anfas­sen noch rie­chen kannst. Ein Gefäng­nis für dei­nen Ver­stand.«
In den »Matrix«-Filmen ist die Welt, die wir Rea­li­tät nen­nen eine com­pu­ter­ge­ne­rierte Traum­welt, geschaf­fen von see­len­lo­sen Robo­tern, um die Men­schen unter ihrer Kon­trolle zu hal­ten. Die »wirk­li­che Wirk­lich­keit« sieht ganz anders aus als unsere glat­ten Hoch­glanz­städte und ste­ri­len Büro­räume. In einer von Atom­krieg zer­stör­ten Welt die­nen mensch­li­che Kör­per den Maschi­nen als Ener­gie­lie­fe­ran­ten. Men­schen ver­däm­mern ihr gan­zes Leben in Wan­nen mit einer Art Nähr­flüs­sig­keit, die »Matrix« als Ablen­kungs­pro­gramm wird in ihre Gehirne ein­ge­speist und hin­dert die Gefan­ge­nen daran, sich ihrer wah­ren Situa­tion bewusst zu wer­den. Die Welt, wie wir sie ken­nen, lau­tet die pro­vo­kante These des Films, IST die Matrix, ist Schein, nicht wesen­haft.

Phi­lo­so­phen als Fil­me­ma­cher
Die radi­kale Her­aus­for­de­rung des »Gurus« Mor­pheus an sei­nen Schü­ler Neo lau­tet nun: Willst du hin­ter die Fas­sa­den die­ser Schein­welt bli­cken? Willst du die Wahr­heit erfah­ren, so unbe­quem, ja scho­ckie­rend sie dir auch erschei­nen mag? Neo schluckt die berühmte rote Kap­sel, die ihm Mor­pheus dar­reicht und die für ihn das Tor zur Wahr­heit dar­stellt. Und er erwacht. Mor­pheus ist der Hüter der Schwelle, der See­len­füh­rer, der den Suchen­den aus der siche­ren, aber begrenz­ten und begren­zen­den Welt, aus der er kommt, hin­aus führt in das Aben­teuer der Erkennt­nis, der geis­ti­gen Weite, die aller­dings neue, unge­ahnte Her­aus­for­de­run­gen an ihn stellt.
Wer die Kino­land­schaft der letz­ten Jahre auf­merk­sam beob­ach­tet, stellt fest, dass die Macher von Fil­men – Pro­du­zen­ten, Dreh­buch­au­to­ren und Regis­seure – sich ver­stärkt The­men von hohem phi­lo­so­phi­schem Gewicht vor­neh­men und sie in eine mas­sen­taug­li­che Wort– und Bild­spra­che über­set­zen. Es scheint, als ob eine gewisse päd­ago­gi­sche Absicht, die zuvor im Medium Lite­ra­tur oder Thea­ter zum Tra­gen kam, nun ver­stärkt über das moderne Medium Film trans­por­tiert würde. Es lohnt sich, Filme ernst zu neh­men – trotz dem manch­mal ner­vi­gen Gebal­ler und Gekloppe, mit dem sie gar­niert sind, um die hohen Pro­duk­ti­ons­kos­ten ein­zu­spie­len. Die Frage nach der Schein­haf­tig­keit der Rea­li­tät, die die Brü­der Wachow­sky, Regis­seure und Dreh­buch­au­to­ren der Matrix-Trilogie, stel­len, ist eigent­lich eine uralte, die vor allem im Hin­du­is­mus und Bud­dhis­mus zuhause ist. »Maya« nen­nen die Wei­sen Indi­ens diese flir­rende Schein­welt der tau­send For­men, und sie beto­nen, dass es Auf­gabe des spi­ri­tu­el­len Suchers ist, die Schein­haf­tig­keit die­ser Welt zu durch­schauen und durch Erkennt­nis und Medi­ta­tion zur »Wahr­heit« durch­zu­drin­gen.

Welt aus »Trau­ma­to­men«
Was aber ist »Wahr­heit«? Die Frage des Pon­tius Pila­tus an Jesus stellt sich heute drän­gen­der denn je. Die Quan­ten­phy­sik hat her­aus­ge­fun­den, dass auf dem Grunde unse­rer Mate­rie keine stoff­li­che Fes­tig­keit mehr zu fin­den ist. In den kleins­ten, sub­ato­ma­ren Dimen­sio­nen ver­schwimmt die Mate­rie zu einem Nebel aus nicht mehr vor­her­sag­ba­ren Bewe­gun­gen von Ele­men­tar­teil­chen, von denen nur noch eine Auf­ent­halts­wahr­schein­lich­keit ange­ge­ben wer­den kann. In einer ande­ren Betrach­tungs­weise besteht die Mate­rie aus Schwin­gun­gen, aus Ener­gie – Eso­te­ri­ker haben dar­aus viel­leicht vor­schnell geschlos­sen: aus Geist.
Para­ma­hansa Yoga­n­anda, der in sei­ner Auto­bio­gra­fie zahl­rei­che soge­nannte Wun­der der Yogis und spi­ri­tu­el­len Meis­ter beschreibt, spricht von »Trau­ma­to­men«, aus denen unsere Wirk­lich­keit zusam­men­ge­setzt ist. Der Wis­sende, der sich der Traum­be­schaf­fen­heit unse­rer Welt bewusst ist, kann diese Atome mit der Kraft sei­nes Geis­tes neu ord­nen, er kann die Natur­ge­setze mani­pu­lie­ren, Dinge mate­ria­li­sie­ren und dema­te­ri­al­sie­ren und auch sonst aller­lei »Wun­der« voll­brin­gen. Diese »über­mensch­li­chen Kräfte« wer­den im Sans­krit auch »Sid­dhis« genannt. Genau dies gelingt auch Neo in den »Matrix«-Filmen. Als er erkennt, dass seine Rea­li­tät aus einer unend­li­chen Anein­an­der­rei­hung von Zah­len­codes (visu­ell dar­ge­stellt durch grün­li­che Zah­len­rei­hen) besteht, ist er in der Lage diese Schein­welt belie­big zu mani­pu­lie­ren. Er kann Kugeln in der Luft auf­fan­gen, den Raum, der ihn umgibt, ver­bie­gen und durch die Luft flie­gen. Wie das geht, erklärt der offen­bar auch in Neu­ro­phy­sio­lo­gie bewan­derte Mor­pheus: »Wie defi­niert man Wirk­lich­keit? Wenn du dar­un­ter ver­stehst, was du fühlst, was du rie­chen, schme­cken oder sehen kannst, dann ist Wirk­lich­keit nichts wei­ter als elek­tri­sche Signale, inter­pre­tiert von dei­nem Ver­stand.«

»Leer ist die Welt«
Für Bud­dhis­ten, die die Phi­los­phie ihres Meis­ters gut ken­nen, mögen diese »auf­re­gen­den« Erkennt­nisse des Matrix-Drehbuchs viel­leicht ein alter Hut sein. Sie wis­sen längst, dass das Wesen unse­rer Wirk­lich­keit »Leere« ist. Leere ist nicht nur die Grund­be­schaf­fen­heit des Tisches, auf dem ich die­sen Text schreibe oder die Beschaf­fen­heit der Hände auf der Tas­ta­tur, leer ist sogar mein Inners­tes, die Seele. Ihr kommt gemäß der radi­ka­len bud­dhis­ti­schen Phi­los­phie keine Wirk­lich­keit zu. Im Pali-Kanon sagt Bud­dha: »Weil die Welt leer ist von einer Seele und leer von allem See­len­haf­ten, darum heißt es: Leer ist die Welt.« Eine hei­lige Schrift des Bud­dhis­mus mit dem schö­nen Namen Astasahasrika-Prajnaparamita-Sutra ver­kün­det sogar: »Traum und Wesen sind eins, nicht zwei­er­lei. Alle Dinge sind wie Schein, wie ein Traum.« Das Wort für »Schein«, das in die­sem Text gebraucht wird, heißt im Ori­gi­nal »Maya«. Ist unsere Welt also tat­säch­lich eine Matrix?
Mit dem Begriff der »Maya« wurde ich schon als Jugend­li­cher erst­mals durch ein Buch Her­mann Hes­ses, »Das Glas­per­len­spiel«, ver­traut gemacht. In der Geschichte »Indi­scher Lebens­lauf« begeg­net der Jüng­ling Dasa einem als Ere­mit im Wald leben­den Yogi und berich­tet ihm von sei­nem bis­he­ri­gen, von Lie­bes­lust, Kämp­fen und Lei­den geschüt­tel­ten Leben. Der Mund des Yogis ver­zieht sich dar­auf­hin zu einem Lächeln, er schüt­telt den Kopf und sagt nur zwei Worte: »Maya! Maya!« Her­mann Hesse beschreibt die Maya im Fol­gen­den: »Dasas Leben und aller Men­schen Leben, alles war in die­ses alten Yogin Augen Maya, war etwas wie eine Kin­de­rei, ein Schau­spiel, ein Thea­ter, eine Ein­bil­dung, ein Nichts in bun­ter Haut, eine Sei­fen­blase, war etwas, wor­über man mit einem gewis­sen Ent­zü­cken lachen und was man zugleich ver­ach­ten, kei­nes­falls aber ernst neh­men konnte.«
Dasa bit­tet den Meis­ter dar­auf­hin, ihm mehr über Maya zu leh­ren (nicht unähn­lich der Frage Neos an Mor­pheus, was die Matrix sei). Der Yogi ver­setzt ihn dar­auf­hin in einen Schlaf, und unter dem Blick des Lesers, der die Gescheh­nisse zunächst für real hält, zieht an Dasa der Rest sei­nes (mög­li­chen) Lebens vor­bei: Seine geliebte Par­vati, stell­ver­tre­tend für die Ver­lo­ckun­gen der Lust, der »Anhaf­tung« an welt­li­che Dinge, zieht ihn zurück in das welt­li­che Leben. Er wird reich, gewinnt Macht, wird ange­fein­det, in Kriege ver­wi­ckelt, stürzt vom Thron und gerät in Gefan­gen­schaft. Als er erwacht, bemerkt er, dass sein gan­zes »Leben« in der Wirk­lich­keit des Yogis nur einen Augen­blick gedau­ert hat. Die­ses Leben war »Maya«, eine men­tale Pro­jek­tion, die ihm der Weise ermög­licht hat, damit er sich der Nich­tig­keit jeder welt­li­chen Exis­tenz bewusst wer­den konnte. Dasa bleibt für immer bei dem alten Mann im Wald, er kehrt nie wie­der in die mate­ri­elle Welt zurück. Dasas Lebens­be­schrei­bung, so könnte man auch sagen, ist ein Film gewe­sen – sein Lebens­film. Erst am Ende erkennt er dies. Erst im Erwa­chen weiß man, dass man geschla­fen hat.

Tru­mans Durch­bruch
Wahr­heit, so scheint es, ist in vie­len Geschich­ten der höchste Wert, der auch unter größ­ten Opfern erstrit­ten wer­den muss. Die Fähig­keit, die Wahr­heit zu ertra­gen, ist mit der See­len­qua­li­tät des Muts ver­bun­den. Viele heu­tige Filme wie etwa »Vanilla Sky« von Tom Cruise haben in die­sem Sinn eine auf­klä­rende, eman­zi­pa­to­ri­sche Bot­schaft. Sie rufen zu einem »Erwa­chen« auf, das sich aus jeder been­gen­den, nur vor­ge­gau­kel­ten Schein­rea­li­tät befreit.
Ein sol­cher moder­ner Held ist auch Jim Car­rey in Peter Weirs bahn­bre­chen­dem Film »Tru­man Show«. Als eine sati­risch über­spitzte Ver­sion der Kult-Dödel in ein­schlä­gi­gen Reality-Shows wird Tru­man sein gan­zes Leben lang von Kame­ras über­wacht. Sein Leben läuft seit Jahr­zehn­ten in allen Wohn­zim­mern des Lan­des – rund um die Uhr. Das Inter­es­sante daran: Er weiß nicht, dass er in der Show ist, weil er schon seit sei­ner Geburt in eine per­fekt durch­ge­styl­ten Welt lebt, in der alle – außer ihm selbst – bezahlte Schau­spie­ler sind. Chris­toph, der Regis­seur und Erfin­der der Show ist der »Gott« von Tru­mans Welt. Er lässt es (aus Wetter-Maschinen) reg­nen oder die Sonne schei­nen, er teilt sei­nem Geschöpf eine Lebens­part­ne­rin zu und ent­zieht sie ihm wie­der – alles zur Unter­hal­tung des Publi­kums.
Doch in dem dümmlich-unbedarften Tru­man erwacht so etwas wie eine Seele, etwas was nicht mani­pu­lier­bar und mit kei­ner Kamera zu erfas­sen ist und dar­auf drängt, die Wahr­heit über seine Exis­tenz ans Licht zu brin­gen. Er bricht aus sei­nem Gefäng­nis, einer von Meer umschlos­se­nen bie­de­ren ame­ri­ka­ni­schen Klein­stadt, aus und flieht über das Was­ser, bis er an die »Kup­pel« stößt, den äußers­ten Rand der ihm von Chris­toph zuge­dach­ten Welt. Das »Dahin­ter« lockt Tru­man, und es macht ihm zugleich Angst. Er muss – wie Neo in »Matrix« zwi­schen der blauen Kap­sel (dem Wei­ter­träu­men) und der roten Kap­sel (dem Erwa­chen) wäh­len. Noch ein­mal ver­sucht ihn »Gott« zur Umkehr zu bewe­gen und spricht als Stimme aus dem Off zu ihm: »Ich bin der Schöp­fer der Fern­seh­sen­dung, die Mil­lio­nen Hoff­nung und Freude berei­tet.« – »Und wer bin ich?«, fragt Tru­man. – »Du bist der Star.« – »War gar nichts echt?« – »Du warst echt. Des­halb hat man dir so gern zuge­se­hen. Da drau­ßen fin­dest du nicht mehr Wahr­heit als in der Welt, die ich für dich geschaf­fen habe. Die­sel­ben Lügen, der­selbe Betrug, aber in mei­ner Welt gibt es nichts zu befürch­ten. Du hast Angst. Des­halb kannst du nicht weg­ge­hen.«
Und den­noch geht Tru­man in einer bewe­gen­den Szene am Ende durch die Tür nach drau­ßen – in die Frei­heit, in die Weite, in die Wahr­heit. Wir wis­sen nicht, was ihn dort erwar­tet, denn den Film endet an die­ser Stelle.

Raus aus der Käst­chen­welt
Inter­es­san­ter­weise kön­nen die Bot­schaf­ten sol­cher Filme wie »Matrix« und »Tru­man Show« sowohl spi­ri­tu­ell als auch poli­tisch gedeu­tet wer­den. Poli­tisch geht es um die Befrei­ung von Mäch­ten, die uns mani­pu­lie­ren wol­len, weil wir ihnen in irgend­ei­ner Form nütz­lich sind. (Die Maschi­nen, die Men­schen als Bat­te­rien miss­brau­chen. Der Fern­seh­sen­der, der sich durch Tru­man hohe Ein­schalt­quo­ten erhofft.) Spi­ri­tu­ell betrach­tet geht es um Befrei­ung aus der »Käst­chen­welt«, deren schein­bar selbst­ver­ständ­li­che Exis­tenz uns zugleich schützt und begrenzt, um den muti­gen Durch­bruch zu einer höhe­ren Ein­sicht des­sen, was Wirk­lich­keit ist.
Soll­ten wir die »Rea­li­tät«, die uns täg­lich umgibt, etwa has­sen und als Maya belä­cheln? Soll­ten wir sie gar durch Medi­ta­ti­ons­tech­ni­ken schnellst­mög­lich zu über­win­den ver­su­chen? Da eben liegt der Knack­punkt. Die indi­sche Phi­lo­so­phie kennt neben dem (eher abwer­ten­den) Begriff der »Maya« auch den posi­ti­ve­ren der »Lila«, des gött­li­chen Spiels. Die Schöp­fung hat alle diese wun­der­sa­men Gau­kel­spiele erfun­den, damit sich die Wesen an ihnen erfreuen kön­nen – oder eben lei­den und ban­gen, was dem »Lebens­film« seine Span­nung und berüh­rende Dra­ma­tik ver­leiht. Wür­den wir – um ein Wort von Wil­li­gis Jäger zu vari­ie­ren – beim Tan­zen ver­su­chen, mög­lichst schnell ans Ende der Tanz­flä­che zu gelan­gen? Oder wür­den wir ein­fach den Tanz wei­ter genie­ßen, hin­ter dem sich viel­leicht kein ande­rer »tie­fe­rer Sinn« ver­birgt als die pure Lust an der Bewe­gung – unge­ach­tet der Schweiß­per­len und der Müdig­keit der Glie­der?

Kal­ku­lier­ter Wie­der­ein­stieg
In einem der schöns­ten Lie­bes­filme der letz­ten Jahre, »Ver­giss mein nicht«, sind Kate Wins­let und der viel beschäf­tigte Jim Car­rey ein Lie­bes­paar, das nach der Tren­nung ver­sucht, den jeweils ande­ren mit Hilfe futu­ris­ti­scher Metho­den der Gehirn­ma­ni­pu­la­tion aus ihrem Gedächt­nis zu löschen. Natür­lich klappt das nur bedingt, die bei­den ver­lie­ben sich aufs Neue, ohne sich zu erken­nen. Als sie ent­de­cken, dass sie sich vor Zei­ten schon ein­mal geliebt haben, dass ihre Liebe an unüber­brück­ba­ren Cha­rak­ter­ge­gen­sät­zen unter Trä­nen und bösen Wor­ten geschei­tert ist, ste­hen sie vor der Wahl, ob sie quasi sehen­den Auges noch ein­mal in das Drama die­ses Lie­bes­films ein­stei­gen wol­len. An einem bestimm­ten Punkt erken­nen die Lie­ben­den die Kost­bar­keit all die­ser lust– und schmerz­vol­len Momente und ent­schei­den sich, sich noch ein­mal zu lie­ben, ent­schei­den sich quasi für eine Illu­sion, die sie längst als Illu­sion erkannt haben, für die »Maya«, für die Rück­kehr in die »Matrix«.
So ergibt auch der viel geschol­tene Schluss der Matrix-Trilogie (»Revo­lu­ti­ons«) einen Sinn, in dem die Men­schen mit den sie aus­beu­ten­den Maschi­nen Frie­den schlie­ßen. Wir Men­schen kön­nen uns ent­schei­den, ob wir aus dem »Film« aus­stei­gen wol­len (was wahr­haf­ti­ger ist) oder ob wir wei­ter mit­spie­len wol­len (was sich unter Umstän­den bun­ter und span­nen­der gestal­tet). Eine Kom­pro­miss­lö­sung bestünde darin, dass wir uns an den Spie­len der Matrix erfreuen, dabei aber stets das volle Bewusst­sein des­sen besit­zen, dass alles nur ein Spiel ist – viel­leicht ja auch nur so lange, wie die Kräfte rei­chen, bis sich unsere See­len müde getanzt haben. Eine sol­che Hal­tung des kal­ku­lier­ten Wie­der­ein­tau­chens in die Illu­sion würde man dann viel­leicht ein »erwach­tes Leben« nen­nen. Wir wären, um wie­der Mor­pheus zu zitie­ren, Men­schen, die das, was sie sehen, hin­neh­men, weil sie damit rech­nen, dass sie wie­der auf­wa­chen.


von Roland Rot­ten­fußer


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