Höre – so lebt deine Seele

Der Weg des Hörens ist ein Weg des Lau­schens auf den Lebens­fluss, den Atem. Der Atem kommt und geht in sei­ner unver­fälsch­ten, unbe­wuss­ten Funk­tion, aber dadurch, dass ich Auf­merk­sam­keit auf das richte, was in mir geschieht, nehme ich die­sen Pro­zess wahr und greife den­noch nicht in ihn ein. Ich nehme wahr, das heißt, ich lau­sche auf das Innerste. Auf diese Weise öff­net sich ein Zugang nicht nur zum Kör­per, son­dern zum Geist und zur Seele. Kör­per, Geist und Seele wer­den ganz­heit­lich erfah­ren.

Hör– und Klang­ar­beit nach Joachim-Ernst Berendt

Der mensch­li­che Embryo ist noch kei­nen Zen­ti­me­ter groß, da sind bereits mikro­sko­pisch kleine Ansätze zur Bil­dung von Ohren an ihm erkenn­bar. Und dann wach­sen diese Ansätze unver­hält­nis­mä­ßig schnell, und vier­ein­halb Monate nach der Befruch­tung ist unser eigent­li­ches Hör­or­gan, das so genannte Laby­rinth mit der Coch­lea, kom­plett fer­tig. Noch erstaun­li­cher ist, dass es gleich in sei­ner end­gül­ti­gen Größe fer­tig ist. – In allem ist der Embryo von der Mut­ter abhän­gig, nur eines will er unbe­dingt selbst – so schnell wie mög­lich: hören!

Was will er hören? Als ers­tes ist die Ant­wort: Er will die Mut­ter hören! Den Herz­schlag der Mut­ter. Will hören, dass er ange­nom­men und erwar­tet wird, will­kom­men ist. Er will Liebe hören.
Eine wei­tere Ant­wort kommt von Alfred Toma­tis, dem bedeu­ten­den fran­zö­si­schen Hör­for­scher, der sagt, der Embryo habe so ein fei­nes Gehör, dass er das "Rau­schen der Zel­len" hört. Er inter­pre­tiert die­ses Rau­schen als den "Klang des Seins" und den "Klang des Lebens". Der Embryo höre auf diese Weise sein eige­nes Leben, er höre: Ich lebe, ich bin.
Unser Hör­sinn hat sich – wie alle unsere Sinne – vom Der­ben zum Fei­ne­ren, also vom Lau­ten zum Lei­sen ent­wi­ckelt. Doch hier hört das Hören nicht auf. Die Evo­lu­tion führt den hören­den Men­schen weit über das lei­seste Hören hin­aus – bis an jene äußerste Schwelle zum Schwei­gen und zur Stille, wo, wie Rilke sagt, "das Schwei­gen nis­tet".

Hin­aus­füh­ren ist ein ande­res Wort für "tran­szen­die­ren"
In der Spra­che des japa­ni­schen Zen gibt es den Begriff: Wabi Shabi. Man kann jedes die­ser Worte für sich über­set­zen. Dann bedeu­tet Wabi die Liebe zum Ein­fa­chen, auch Ein­sam­keit, Shabi meint Ruhe, alter­tüm­li­ches Aus­se­hen. Stär­ker als auf diese bei­den Worte kommt es auf den "Zwi­schen­raum" darin an, so wie auf den Raum zwi­schen dem Klang der Tem­pel­glo­cken auf die Stille zwi­schen den Glo­cken­schlä­gen als auf diese selbst. "Zwi­schen­raum" ist in die­sem Zusam­men­hang nur ein ande­res Wort für "Stille".
Jeg­li­cher Ton, auch wenn er bis zum For­tis­simo anschwillt, ver­klingt und "löst sich in der Stille auf". Jedes Geräusch ist schön, wenn es ver­klingt, jedes, auch das häss­lichste!

Könnte es sein, dass die Schön­heit in der Stille liegt?
Der kana­di­sche Kom­po­nist und Klang­for­scher Mur­ray Scha­fer sagt: "So wie der Mensch nach Voll­kom­men­heit strebt, zielt jeder Laut­zu­stand auf die Stille hin, zum ewi­gen Leben der Sphären-Musik."

Kann man Stille hören?
Ja, wenn wir unser Bewusst­sein in das Uni­ver­sum und die Ewig­keit aus­wei­ten, dann hören wir Stille. Wenn der indi­sche Yogi einen Zustand der Befrei­ung erreicht, dann hört er das Anahata, den nicht ange­schla­ge­nen Ton. Dann erreicht er Voll­kom­men­heit.
Im "Buch der Könige" heißt es, dass Gott nicht sprach in furcht­ba­rem Sturm, nicht im Erd­be­ben und nicht im Feuer, das alles ver­brennt. "Dann aber kam Stille. Und im Rau­schen der Stille – da sprach Gott."
Nicht alle nen­nen es Gott. Für die Inder ist es das Atman. Zen nennt es Buddha-Geist. Die christ­li­che Mys­tik nannte es "Chris­tus in dir". Für die Trans­per­so­nale Psy­cho­lo­gie ist es das Höhere Selbst, für andere der Beob­ach­ter, der Zeuge. Gibt es des­halb so viele Namen dafür, weil in allen Kul­tu­ren und Zeit­al­tern Men­schen diese Stimme gehört und erfah­ren haben? Auch heute?
"Was will er (der Embryo) hören", war unsere Frage. Könnte es sein, dass das Ziel allen Hörens das Lau­schen in Stille und Schwei­gen, Lau­schen auf die Innere Stimme ist? Lau­schen auf das Höhere Selbst? Auf Gott in Dir?

Die Ant­wort kann nur immer der/die Befragte, der/diejenige geben, der/die sich auf den Weg des Hörens begibt.
Der Weg des Hörens ist ein Weg des Lau­schens auf den Lebens­fluss, den Atem. Der Atem kommt aus die­ser unend­li­chen Stille, geht in diese Unend­lich­keit und wir war­ten, bis der Atem wie­der von selbst kommt. Er kommt und geht in sei­ner unver­fälsch­ten, unbe­wuss­ten Funk­tion, aber dadurch, dass ich mei­ner bewusst werde und Auf­merk­sam­keit auf das richte, was in mir geschieht, nehme ich die­sen Pro­zess wahr und greife den­noch nicht in ihn ein. Es geschieht in mir – ich bin die­ses Gesche­hen und zugleich der Zeuge des­sen, was geschieht. Ich nehme wahr, das heißt, ich lau­sche auf das Innerste. Auf diese Weise öff­net sich ein Zugang nicht nur zum Kör­per, son­dern zum Geist und zur Seele. Kör­per, Geist und Seele wer­den ganz­heit­lich erfah­ren. Im Erlau­schen des Atems nehme ich wahr, dass er auch Bewe­gung ist. Die­ser Bewe­gung folge ich, bis ein Tanz, "mein Tanz" ent­steht. Der Tanz mit dem gan­zen, von Atem und Tönen (Musik) durch­puls­ten Kör­per. Es dür­fen Erfah­run­gen gemacht wer­den, die ursprüng­lich und ganz­heit­lich sind, so dass sie die Selbst­hei­lungs­kräfte in uns ganz von alleine anspre­chen. Die Aus­wir­kung kann unter­schied­lich erfah­ren wer­den.
Die Tiefe wird erreicht, wenn ich die Qua­li­tät "Ich lau­sche auf mei­nen Atem" erfahre; ich bin die­ses Lau­schen; ich bin die­ser Atem; ich bin die­ses Gesche­hen; ich bin Sein. Ich bin. Punk­tum.
In die­ser Tiefe, wo der Atem das Atman ist, sind Freude, Frei­heit, Glück­se­lig­keit und Liebe. Hier ent­ste­hen Krea­ti­vi­tät und Akti­vi­tät. Ich bin Zeuge und nehme wahr, was geschieht. Ich lau­sche nach innen und akti­viere das "Dritte" Ohr. Aber dann lasse ich auch den Zeu­gen los und erfahre: Jetzt. Sein. Essenz.
Das Ganz­heit­li­che an die­ser Atem-, Hör– und Klang-Arbeit ist die "emp­fan­gende Qua­li­tät" des Atems, des Lau­schens nach innen, das Weib­li­che. Das Aus­at­men hin­ge­gen, das Sin­gen, Tan­zen, das aktive "Spen­dende", das Männ­li­che, ist ein Aus­druck nach außen, in die Welt, in die Viel­falt. Die wich­tige, oft über­se­hene Phase in die­sem Dreier-Rhythmus ist die Ruhe nach dem Aus­at­men, nach der Aktion. Sie ent­hebt uns der Pola­ri­tät zwi­schen dem Männ­li­chen und dem Weib­li­chen. Sie lässt uns in jenen Kern "hin­ein­fal­len", der bei­den Geschlech­tern und allem Leben­di­gen gemein­sam ist: das Selbst.


Buch­emp­feh­lun­gen:

  • Alfred A. Toma­tis: Der Klang des Lebens: Vor­ge­burt­li­che Kom­mu­ni­ka­tion – die Anfänge der see­li­schen Ent­wick­lung
    (rororo Sach­buch)
  • Joa­chim Ernst Berendt: Ich höre – also bin ich – Hör-Übungen – Hör-Gedanken
    (Gold­mann Taschen­buch)
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