Hei­lung durch Stille

Die Ruhe heilt. Wil­li­gis Jäger über ein alt­be­währ­tes 'Anti-Stress-Programm'.

Sich Zeit für die Stille
neh­men – z.B. Stille in der Natur erfah­ren

In die­sen Tagen fiel mir wie­der ein­mal das Gedicht von Rilke in die Hände. Wir ken­nen es wohl alle und haben es schon oft gele­sen. Manch­mal tref­fen einen alt­be­kannte Texte ganz neu. So ging es mir mit die­sem Gedicht aus dem Stun­den­buch:

"Wenn es nur ein­mal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufäl­lige und Unge­fähre
Ver­stummte und das nach­bar­li­che Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr ver­hin­derte am Wachen – …"

"Wir bauen Bil­der vor dir auf wie Wände."
(Rai­ner Maria Rilke)

Eine Kli­nik, in der mit Medi­ta­tion geheilt wird? In den USA kennt man das schon lange. Dort soll es inzwi­schen an die 300 Kli­ni­ken geben. Genaue medi­zi­ni­sche Unter­su­chun­gen ja, aber keine Medi­ka­mente. Wer geht in diese Kli­ni­ken? Men­schen mit ganz ver­schie­de­nen Krank­heits­sym­pto­men: Panik­at­ta­cken, Depres­sio­nen, Blut­hoch­druck, Magen-Darm-Schwierigkeiten, Herz-Kreislauf-Problemen, Schup­pen­flechte, vor allem aber Stress, der die Men­schen von heute plagt. Er ist zur her­aus­ra­gen­den Krank­heit unse­rer Tage gewor­den. Jon Kabat-Zinn, Verhaltens-Mediziner, ist der Begrün­der die­ser Kli­ni­ken. Er baut auf den Jahr­hun­derte alten Prak­ti­ken der spi­ri­tu­el­len Wege des Ostens auf. In China gibt es sol­che Kli­ni­ken seit eh und je. Man heilt dort mit den ein­fa­chen, ganz bewusst geführ­ten, ruhi­gen Kör­per­be­we­gun­gen des Qi Gong. Ruhe heilt. Stille heilt. Medi­ta­tion heilt. Medi­ta­tion ist "in", sie ist ein ural­tes "Anti-Stress-Programm".

Die Grund­übung nennt sich Acht­sam­keit. Acht­sam­keit auf den Atem, den Schritt, die momen­tane Bewe­gung. Aber auch Acht­sam­keit auf einen Schmerz, die Trauer, die Angst, die Panik oder Ver­zweif­lung. Man unter­bricht den Gedan­ken­gang, den Emo­ti­ons­schub und sucht die Stille hin­ter die­sen Abläu­fen, ohne zu wer­ten. Man sam­melt sein Bewusst­sein am Atem oder auch an irgend­ei­nem Kör­per­teil. An die­sem Fokus bleibt man, und wenn man abge­schweift ist, kehrt man wie­der dort­hin zurück. Am Anfang ist das sehr schwer. Man braucht Geduld und Aus­dauer. Aber wer sich der Medi­ta­tion hin­gibt, wird bald die Hilfe spü­ren, die in Form von Ruhe auf­kommt. Die Ruhe heilt.

Alle Reli­gio­nen ken­nen diese Übun­gen. Sie sind nicht nur hei­lend für Kör­per und Psy­che, sie füh­ren auch in einen tie­fe­ren Kon­takt mit dem, was wir Abend­län­der Gott nen­nen. Medi­ta­tion kann so zum Gebet wer­den. Die Anbin­dung an die Tran­szen­denz hat noch eine zusätz­li­che Wir­kung. Von dort her kommt Sinn­deu­tung, Zuver­sicht, Gelas­sen­heit, Ruhe und Kraft. Medi­ta­tion wird so zum Gebet. Gebet in die­ser Form ist ein ganz­heit­li­ches Phä­no­men. Es ist eine Erho­lung für Seele und Leib. Immer mehr Men­schen machen diese Form des Betens zur Lebens­quelle. Medi­ta­ti­ves Gebet wird zum Gewinn an Lebens­qua­li­tät.

Zuerst erfährt man, was krank macht. Man erkennt die Fak­to­ren des Stres­ses, der Über­be­las­tung, der Schlaf­lo­sig­keit, ja selbst einer phy­si­schen Krank­heit. Man lernt Wege, die in die Ruhe füh­ren. Man erkennt die Bedeu­tung von Stille im Tages­ab­lauf. Man lernt, nur da zu sein, nur zu schauen, nur zu hören, ohne zu wer­ten und zu urtei­len, zu spü­ren und zu lau­schen. Ich prak­ti­ziere das unter­tags, immer wie­der ein­mal fünf Minu­ten lang. Nur auf den Atem ach­ten, da sein, die Stille hören! Bis man in der Stille arbei­ten kann, spre­chen kann, bis die Ruhe der Hin­ter­grund gewor­den ist, auf dem sich das Leben abspielt. Gehen in der Stille, arbei­ten in der Stille, war­ten in der Stille, am Bus, in der Ein­kaufs­schlange, beim Arzt, im Lärm des Ver­kehrs.

Die Stille heilt. Sie ist das ein­zige wirk­li­che Mit­tel gegen Stress. Die Ruhe macht etwas mit uns. Unge­ahnte Kräfte lie­gen in der Ruhe, ord­nende, hei­lende Kräfte. Sagt uns nicht schon die Astro­phy­sik, dass in den lee­ren Räu­men des Uni­ver­sums die stärks­ten Ener­gien zuhause sind?
Wenn Weih­nach­ten vor der Türe steht, dann tönt es "Stille Nacht …" aus den Laut­spre­chern. Die Lit­ur­gie sagt: "Als die Nacht die Mitte erreicht hatte …". Als alles still war, da wurde Jesus gebo­ren. Gott wird in der Stille gebo­ren, in der Stille der Nacht, in der Wüste, in der Ein­sam­keit, in den fünf Minu­ten, die wir uns in der Stille gön­nen. Dort spricht er zu uns. Nur dort kann er zu uns spre­chen. Wie könn­ten wir ihn im Lärm unse­rer Gedan­ken, Ter­mine und Sor­gen sonst hören.
Ril­kes Gedicht wird zum Erleb­nis: "Wenn es nur ein­mal so ganz stille wäre …". Die Stille wird zum Ort der Begeg­nung mit Gott und zum hei­len­den Segen für Leib und Seele.

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