Hei­len durch Zere­mo­nien und Rituale

Die spe­zi­elle sym­bo­li­sche Spra­che von Ritua­len und Zere­mo­nien kann uns Zugang zu einer viel grö­ße­ren Welt ermög­li­chen und uns hel­fen, Hei­lung auf eine Art und Weise zu fin­den, die weit über unser heu­ti­ges Vor­stel­lungs­ver­mö­gen hin­aus­geht. Außer­dem üben Rituale eine beru­hi­gende Wir­kung auf uns aus und kön­nen uns hel­fen, durch Dinge hin­durch­zu­ge­hen, die wir nicht auf der Ver­stan­des­ebene bear­bei­ten kön­nen.

Über­set­zung bear­bei­tet von Leo­nie Wer­ner

Schon als ich jung war, habe ich an Ritua­len mei­ner Gemein­schaft teil­ge­nom­men, und durch die Augen eines Kin­des gese­hen kam mir damals alles magisch und geheim­nis­voll vor. Wir haben uns an einem Platz ver­sam­melt, der außer­halb des nor­ma­len All­tags­ge­sche­hens lag, und haben in einer spe­zi­el­len Spra­che gespro­chen, mit der wir eine Welt wür­dig­ten, die viel grö­ßer ist als die uns sonst ver­traute. Als ich älter wurde, begann ich lang­sam, die spe­zi­elle "Sym­bo­lik" der Spra­che der Rituale und Zere­mo­nien zu ver­ste­hen, und erkannte, wie wich­tig nicht nur die Spra­che war, son­dern auch das Wis­sen darum, wo wir als Men­schen in die­ser offen­bar so viel grö­ße­ren Welt unse­ren Platz haben.

Unter den Urein­woh­nern Nord­ame­ri­kas ist es so ziem­lich das Schlimmste, was man zu einer ande­ren Per­son sagen kann, wenn man fin­det, er oder sie "ver­halte sich, als hätte er/sie keine Ver­wand­ten". Gehen wir mit der Ein­stel­lung durch das Leben, als hät­ten wir "keine Ver­wand­ten", neh­men wir also nicht wahr, dass wir in Bezie­hung ste­hen zu dem, was uns umgibt, dann schlie­ßen wir uns selbst in einer sehr klei­nen Welt ein. Dann kann es uns so vor­kom­men, als hätte unser Tun keine Aus­wir­kun­gen auf irgend jeman­den oder irgend etwas um uns herum. Wir kön­nen dann leicht den Scha­den, den wir der Erde, den Pflan­zen, den Tie­ren und ande­ren Men­schen zufü­gen, über­se­hen, weil wir uns selbst nicht als Teil von etwas Grö­ße­rem wahr­neh­men. Mit dem Ver­lust der Bedeu­tung der Rituale und Zere­mo­nien in der west­li­chen Kul­tur ent­steht wahr­schein­lich ein Scha­den, der grö­ßer ist, als wir es im Augen­blick erken­nen kön­nen. Ich konnte im Laufe der Jahre beob­ach­ten, welch nega­ti­ven Effekt das Feh­len von Zere­mo­nien und Ritua­len auf unsere phy­si­sche, men­tale und spi­ri­tu­elle Gesund­heit hat.

Als ich anfing zu unter­rich­ten, führte ich meine Schü­ler durch viele Zere­mo­nien und Rituale. Für viele von ihnen war das wirk­lich eine Her­aus­for­de­rung, ganz beson­ders dann, wenn sie einige Jahre in Uni­ver­si­täts– oder ande­ren Schul­sys­te­men stu­diert hat­ten, in denen die Welt haupt­säch­lich durch Lesen und Den­ken erfah­ren wurde. Obwohl die Zere­mo­nien ihre Per­spek­tive erwei­ter­ten und die Begren­zun­gen des Ver­stan­des her­aus­for­der­ten, stell­ten sie mir immer zwei Fra­gen: "Warum arbei­ten wir in Zere­mo­nien oder Ritua­len?" und "Kön­nen wir nicht ein­fach dadurch ler­nen, dass wir über die Infor­ma­tion spre­chen?" Die Ant­wor­ten dar­auf sind natür­lich je nach Anlass ver­schie­den. Wir ler­nen zwar durch unse­ren Ver­stand, indem wir eine bestimmte Menge an Infor­ma­tio­nen auf­neh­men und diese ver­ar­bei­ten. Aber es gibt einen Punkt, ab dem unser Ver­stand nicht län­ger das beste Hilfs­mit­tel ist. Kurz gesagt – es gibt Ebe­nen, zu denen unser Ver­stand nicht vor­drin­gen kann; es gibt Dinge, die wir nicht in Wor­ten aus­drü­cken und die wir uns nicht ein­mal vor­stel­len kön­nen. Aber zum Glück kön­nen wir sie erle­ben. Hier kann uns nun die spe­zi­elle sym­bo­li­sche Spra­che der Rituale den Zugang zu einer viel grö­ße­ren Welt ermög­li­chen und uns hel­fen, Hei­lung auf eine Art und Weise zu fin­den, die weit über unser heu­ti­ges Vor­stel­lungs­ver­mö­gen hin­aus­geht. Außer­dem üben Rituale eine beru­hi­gende Wir­kung auf uns aus und kön­nen uns hel­fen, durch Dinge hin­durch­zu­ge­hen, die wir nicht auf der Ver­stan­des­ebene bear­bei­ten kön­nen.

Bevor wir wei­ter­ge­hen, sollte uns der Unter­schied zwi­schen Ritua­len und Zere­mo­nien klar sein. Ver­ein­facht dar­ge­stellt, kann eine Zere­mo­nie für einen ganz spe­zi­el­len ein­ma­li­gen Zweck kre­iert wer­den. Sie muss bestimmte Ele­mente beinhal­ten, auf die wir gleich noch näher ein­ge­hen wer­den. Rituale mögen sehr ähn­lich wie Zere­mo­nien aus­se­hen, aber ihr Ablauf wird immer wie­der und wie­der über Hun­derte oder sogar Tau­sende von Jah­ren unver­än­dert wie­der­holt. Das Ritual sieht ober­fläch­lich betrach­tet immer gleich aus, aber der Inhalt ver­än­dert sich jedes Mal, wenn es durch­ge­führt wird. Grund­sätz­lich gibt es drei Arten von Ritua­len und Zere­mo­nien: die für Ein­zel­per­so­nen, die für die Fami­lie und den "Clan" und die für die Gemein­schaf­ten. Sie haben alle einige Ele­mente gemein­sam.

Als ers­tes füh­ren sie uns aus unse­rem täg­li­chen Leben her­aus, indem wir einen "hei­li­gen Platz" schaf­fen, der abseits unse­res All­tags­ge­sche­hens liegt. Zere­mo­nien und Rituale erlau­ben uns, durch eine mythi­sche Hand­lung zu gehen und so sym­bo­lisch unsere Pro­bleme und Schmer­zen oder auch unsere Freude und Dank­bar­keit dar­zu­stel­len. Wenn wir als ers­tes die sym­bo­li­sche Dimen­sion unse­rer Situa­tion erken­nen, kön­nen wir diese dann durch unsere Ideen, Gedan­ken und unsere Absicht in eine Hand­lung umset­zen und somit in Bewe­gung brin­gen. So kann die ritu­elle Hand­lung letzt­end­lich eine sym­bo­li­sche Auf­lö­sung unse­rer Pro­bleme und Lebens­si­tua­tio­nen dar­stel­len.

Das Erler­nen der Spra­che von Ritual und Hei­lung ver­langt eine neue Sicht von uns selbst und von der Welt, in der wir leben. Wir müs­sen hier wie­der in Sym­bo­len den­ken und uns über­le­gen, was wir mit unse­ren Hand­lun­gen im All­tag aus­sa­gen. Unser Kör­per spricht in Sym­bo­len zu uns; ein gutes Bei­spiel dafür ist der Schmerz. Schmerz hat meist eine Bedeu­tung, denn oft ist er der ein­zige Weg für einen Teil unse­res Kör­pers, mit uns Kon­takt auf­zu­neh­men. Wenn wir ler­nen, sym­bo­lisch zu den­ken, kön­nen wir dar­über mit die­sem Teil von uns Ver­bin­dung auf­neh­men. Wir kön­nen dann eine ein­fa­che Zere­mo­nie oder Hand­lung auf­bauen, die den Anstoß zu unse­rer Hei­lung gibt. Dabei dür­fen wir nicht ver­ges­sen, dass Hei­lung sich nicht nur auf den phy­si­schen Kör­per bezieht. Zere­mo­nien spre­chen zu unse­rem Geist und der Seele; sie geben uns die Mög­lich­keit, uns auf eine Art und Weise aus­zu­drü­cken, zu der wir sonst nicht fähig sind. Sie hel­fen uns dabei, uns wie­der mit der Natur und dem Kos­mos zu ver­bin­den und unse­ren Platz in der Welt wie­der­zu­fin­den.

Ich möchte an die­ser Stelle drei ein­fa­che Rituale vor­stel­len, die hel­fen kön­nen, sym­bo­lisch zu den­ken und zu arbei­ten.

  1. Die Sonne begrü­ßen und Dank­bar­keit aus­drü­cken. Die­ses Mor­gen­ri­tual kommt von den Nava­jos, und ich habe für die Men­schen im Wes­ten noch einen Teil am Ende des Ritu­als hin­zu­ge­fügt. Wenn du mor­gens auf­wachst, wende dich nach Osten (es ist schön, wenn du das drau­ßen tun kannst, aber es ist keine Bedin­gung) und streue eine Prise Mais­mehl oder Mais­pol­len in Rich­tung Sonne. Jetzt kannst du deine Gebete für den Tag spre­chen und um die Hilfe bit­ten, die du viel­leicht brauchst – beson­ders dann, wenn du einen Tag mit vie­len Her­aus­for­de­run­gen vor dir hast. Viel­leicht möch­test du auch einige Momente lang Gebete der Dank­bar­keit spre­chen für alles, was du hast und für alles, was in dei­nem Leben gut läuft. Die­ses Ritual erin­nert uns nicht nur daran, dass wir Teil einer grö­ße­ren Welt sind. Es hilft uns auch dabei, uns am Anfang des Tages an all das zu erin­nern, was wir bereits haben. So begin­nen wir den Tag nicht mit einer Auf­zäh­lung all des­sen, was uns noch fehlt und was wir noch errei­chen wol­len.
  2. Einen Sacred Space – einen hei­li­gen Platz – zu Hause schaf­fen: Der beste Weg, um die Bedeu­tung des Sacred Space zu ver­ste­hen, ist, sich einen zu schaf­fen und mit ihm zu arbei­ten. Wenn du kannst, dann richte dir einen Platz abseits des tag­täg­li­chen Gesche­hens ein. Einen Bereich, in dem du medi­tie­ren, dein Tage­buch schrei­ben, träu­men und mit dei­nen Werk­zeu­gen arbei­ten kannst. Das muss kein sehr gro­ßer Bereich, kein gan­zes Zim­mer sein. Du kannst auch ein­fach in dem Zim­mer, in dem du schläfst, eine Decke oder einen klei­nen Tep­pich auf den Boden legen und die­sen somit zu dem Bereich machen, in dem du arbei­test. Für Men­schen, die nur sehr wenig Platz haben, gibt es auch die Mög­lich­keit, eine "Mesa" als Sacred Space ein­zu­rich­ten. Dies ist ein spe­zi­el­ler Platz, an dem du all deine Werk­zeuge, Traum-Tagebücher und andere Dinge, die für dich und deine eigene Hei­lung spe­zi­elle Bedeu­tung und Sym­bo­lik haben, auf­be­wah­ren kannst.
  3. Ein Tabak­bün­del zusam­men­stel­len und es dem Feuer über­ge­ben: Es kann sehr hilf­reich für uns sein, sym­bo­lisch den Abschluss einer Situa­tion dar­zu­stel­len und Über­gangs­pha­sen in unse­rem Leben zu wür­di­gen. Du kannst dies ganz ein­fach tun, indem du eine Prise Tabak in ein klei­nes Stück roten Stoff ein­wi­ckelst und dar­aus ein klei­nes Bün­del machst. In die­ses Bün­del kannst du nun deine Gebete hin­ein­ge­ben, die Dinge, die du jetzt gehen las­sen möch­test oder auch die Dinge, deren Abschluss du nun aner­ken­nen und ehren willst und die du aus dei­nem Leben ver­ab­schie­den möch­test. Du kannst das Bün­del dann den Ele­men­ten über­ge­ben. Wir über­ge­ben es gerne dem Feuer mit der Bitte, dass der auf­stei­gende Rauch die Gebete zu Great Spi­rit tra­gen möge.
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