Ethik und Mys­tik – die unglei­chen Geschwis­ter

In Zei­ten, da so viel von Ethik die Rede ist, braucht es eine Klä­rung, was das über­haupt ist, und was sie leis­ten kann. Seit der grie­chi­schen Antike ver­steht man unter Ethik die Lehre vom rich­ti­gen Han­deln. Also vom Guten und Schlech­ten (oder vom Rich­ti­gen und Fal­schen) und von den Wer­ten und Zie­len des Men­schen. Ein Fach­ge­biet der Phi­lo­so­phie, das im Gegen­satz steht zur rein empi­ri­schen Wis­sen­schaft, die Wert­frei­heit bean­sprucht.

In Zei­ten, da so viel von Ethik die Rede ist, braucht es eine Klä­rung, was das über­haupt ist, und was sie leis­ten kann. Seit der grie­chi­schen Antike ver­steht man unter Ethik die Lehre vom rich­ti­gen Han­deln. Also vom Guten und Schlech­ten (oder vom Rich­ti­gen und Fal­schen) und von den Wer­ten und Zie­len des Men­schen. Ein Fach­ge­biet der Phi­lo­so­phie, das im Gegen­satz steht zur rein empi­ri­schen Wis­sen­schaft, die Wert­frei­heit bean­sprucht.

Wolf Schnei­der hat fast vier­zig Jahre lang dar­über nach­ge­dacht, was Ethik soll und was sie kann – und kam zu ein paar ver­blüf­fen­den Ergeb­nis­sen.

Als ich im Alter von 14 oder 15 selb­stän­dig zu den­ken begann, inter­es­sierte ein Thema mich bald mehr als alle ande­ren: Ethik. Meine Mit­schü­ler begeis­ter­ten sich für Fuß­ball, schnelle Maschi­nen oder dreh­ten vor Mäd­chen groß auf – für mich war Ethik das hei­ßeste aller The­men, aber auch das quä­lendste. Dabei war ich kein Bücher­mensch, im Gegen­teil, ich hielt Lesen eher für schäd­lich und ver­mied es so gut ich konnte. Ich war auch nicht prüde oder lebens­ab­ge­wandt und kein Gut­mensch, nur schüch­tern. Die Werte der Gesell­schaft, in der ich min­des­tens 13 Jahre lang geschult wer­den sollte, erschie­nen mir in kei­ner Weise als logisch oder men­schen­freund­lich, offen­bar taten sie nicht ein­mal ihren Erfin­dern Gutes. Das Gerede von Ethik, Moral, Wer­ten und Zie­len emp­fand ich als unend­lich absurd. Damals ent­stand meine Über­zeu­gung, dass Ethik der Bereich ist, in dem die Men­schen die größ­ten Dumm­hei­ten bege­hen. Gerade dort, in der Kunst des rich­ti­gen oder guten Ver­hal­tens, wo das größte, men­schen­mög­li­che Glück seine Basis hat, wer­den die größ­ten Dumm­hei­ten began­gen. Auf­grund von ethi­schen Dumm­hei­ten scha­den die Men­schen sich selbst, ein­an­der, der Natur und ver­nich­ten ihre eigene Zukunft. Und nicht das Böse ist der wirk­li­che Feind des Guten, son­dern die Dumm­heit, denn die Dumm­heit liegt an der Wur­zel der Bos­heit, Bos­heit lässt sich auf Dumm­heit zurück­füh­ren.

Die zwei Unend­lich­kei­ten
Ein­stein soll gesagt haben, es gäbe zwei Unend­lich­kei­ten im Uni­ver­sum: das Welt­all und die mensch­li­che Dumm­heit – und was das Welt­all anbe­langt, da sei er sich nicht so sicher. Das kann ich nach fast vier­zig Jah­ren der Erfor­schung die­ses The­mas nur bestä­ti­gen, meine eigene Dumm­heit mit ein­ge­schlos­sen.
Warum nur ist die Beschäf­ti­gung mit Ethik trotz der in ihr lie­gen­den gewal­ti­gen Chan­cen so unpo­pu­lär? Ich ver­mute, einer der Gründe dafür ist, dass Ethik und Moral oft mit­ein­an­der ver­wech­selt wer­den. Die gän­gi­gen ethi­schen Regeln der Natio­nal­staa­ten, Reli­gio­nen oder Fami­lien sind allzu oft von Mora­l­in­säure durch­tränkt und schei­nen Lebens­freude, Genuss, Erfül­lung, Liebe und ein lebens­wer­tes Leben eher zu behin­dern als zu för­dern. Wie dumm! Und wie leicht wäre das zu ändern – jeden­falls in der Theo­rie. Das ist der Grund, warum Ethik mich schon damals so bren­nend inter­es­sierte, wäh­rend mei­ner Schul­zeit und mehr noch wäh­rend mei­nes fol­gen­den Phi­lo­so­phie­stu­di­ums, und das ist bis heute so geblie­ben.

Liebe, Sex und Lust
Was einem Kind oder Her­an­wach­sen­den viel­leicht am meis­ten die Beschäf­ti­gung mit Ethik ver­gällt, ist ihre Beur­tei­lung von sexu­el­lem Ver­hal­ten und sexu­el­lem Genuss. Ethik als Lehre vom rich­ti­gen oder guten Ver­hal­ten müsste dem Men­schen doch Gutes tun (die ande­ren emp­fin­den­den Wesen lasse ich hier mal, um die Sache nicht zu ver­kom­pli­zie­ren, außer Acht). Was aber ist gut? Wie auch immer die ein­zel­nen Defi­ni­tio­nen des Guten aus­se­hen mögen, sexu­el­ler Genuss müsste dazu gehö­ren. Sex und Liebe gehö­ren zu den höchs­ten Genüs­sen und beide haben die Eigen­schaft, gerade dann am höchs­ten zu sein, wenn alle daran Betei­lig­ten Genuss oder Glück erle­ben. Das Erstre­ben von sexu­el­lem Genuss oder Lie­bes­glück, bei sich und ande­ren, sollte dem­nach gerade als unstrit­ti­ger Ide­al­fall für ethisch gutes Ver­hal­ten gel­ten. Jedes ethi­sche Regel­sys­tem, in wel­cher kul­tu­rel­len Umge­bung auch immer, müsste gerade dies anprei­sen und zu för­dern suchen. Die meis­ten tra­di­tio­nel­len Ver­hal­tens­leh­ren tun aber gerade das nicht, son­dern sie war­nen davor und viele ver­teu­feln die kör­per­li­che Liebe sogar und man­che auch die geis­tige. Wobei eine gesunde geis­tige Liebe in einer gesun­den kör­per­li­chen Liebe den bes­ten Nähr­bo­den hat. Nicht nur Wil­helm Reich hat die­sen Zusam­men­hang erforscht und gut bele­gen kön­nen.

Der Sozia­lis­mus
Als Schü­ler und Stu­dent der 60er und 70er Jahre in Deutsch­land begeg­nete ich neben dem tra­di­tio­nell sexu­al­feind­li­chen Chris­ten­tum auch dem Sozia­lis­mus, der sich als Gegen­ent­wurf zum herr­schen­den Kapi­ta­lis­mus ver­stand. Die Sozia­lis­ten schie­nen den Men­schen Gutes tun zu wol­len, indem sie Unge­rech­tig­keit besei­ti­gen und den Mas­sen der Armen und Aus­ge­beu­te­ten zu Wohl­stand und Glück ver­hel­fen woll­ten: Ah, end­lich eine ver­nünf­tige, humane Ethik! War aber nicht, denn die Theo­rie besagte: Der Sozia­lis­mus (bzw. Kom­mu­nis­mus) kommt unaus­weich­lich, mit his­to­ri­scher Not­wen­dig­keit, vor­aus­sag­bar wie ein Natur­ge­setz. Ja, wenn diese gute, glück­brin­gende Epo­che so sicher kommt wie nach dem Win­ter der Früh­ling, wozu brau­chen wir dann noch eine Ethik? Dann ist es doch egal, wie wir uns jetzt ver­hal­ten, gut oder schlecht, das Zeit­al­ter des Glücks kommt sowieso.
Das ganze 19. Jahr­hun­dert war fas­zi­niert von den Erfol­gen der Natur­wis­sen­schaft. Phi­los­phie und Poli­tik sind in 2.500 Jah­ren kaum voran gekom­men, die Wis­sen­schaft aber hat Fort­schritte erzielt. Wie ist ihr das gelun­gen? Sie hat eine Methode, in der nicht bloß Mei­nung gegen Mei­nung steht, und der Mäch­ti­gere oder vom Zeit­geist »Ange­sag­tere« redet sei­nen Geg­ner klein, son­dern man macht dort Vor­aus­sa­gen oder Expe­ri­mente und lässt dann die Tat­sa­chen für sich spre­chen. So glaub­ten auch die Geis­tes– und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, nicht min­der bemüht um welt­an­schau­li­che Neu­tra­li­tät und Wert­frei­heit, »Vor­aus­sa­gen« machen zu kön­nen und wisch­ten damit teil­weise die ganze Ethik hin­weg. Am kras­ses­ten taten dies wohl die Jün­ger von Marx und Lenin. Was schließ­lich zu so bru­ta­len ver­meint­li­chen Voll­stre­ckern geschicht­li­cher Not­wen­dig­kei­ten führte wie Sta­lin, Mao und Pol Pot, die anschei­nend bar jeder huma­nen Ethik han­del­ten. Das Erstre­ben von mensch­li­chem Glück oder das Ver­mei­den von Schmerz und Unglück schien ihnen jeden­falls kaum etwas zu bedeu­ten.

Erst die Chris­ten, die sagen, ihre Reli­gion sei eine Reli­gion der Liebe – und dann stellt sich her­aus, dass sexu­el­ler Genuss für sie etwas Teuf­li­sches ist. Dann die Sozia­lis­ten, die mit ihrem rie­sen­gro­ßen Herz auch für die Armen und Benach­tei­lig­ten doch alles bes­ser machen woll­ten, dabei aber jeg­li­cher Ethik absag­ten, mit so bizar­ren Fol­gen wie in Kam­bo­dscha, Nord­ko­rea oder Alba­nien. Was ist da nur los? Einer­seits flo­gen die Men­schen mit einer Raum­kap­sel zum Mond, mit einer so aus­ge­fuchs­ten Tech­nik und Logik, die man nur bewun­dern kann. Ande­rer­seits erwie­sen sie sich im ethi­schen Bereich als so unend­lich dumm und pri­mi­tiv, dass ich als Jugend­li­cher nicht mehr wusste wo mir der Kopf stand, und ich ver­mute, es ging und geht Mil­lio­nen ande­ren ebenso.

Der Bud­dhis­mus
Auf der Suche nach einer Phi­lo­so­phie, die mir hel­fen sollte, sol­che Fra­gen zu beant­wor­te­ten, begeg­nete ich, nach eini­gen Jah­ren der vor­sich­ti­gen Annä­he­rung, 1976 dem Bud­dhis­mus. Mit sei­ner Devise »Schau selbst!« und Mönchs­re­geln, die nicht ein Kate­chis­mus des Gut­men­schen­tums sein woll­ten, son­dern Trai­nings­an­wei­sun­gen, um eigene Erfah­run­gen zu machen, trat ich in Thai­land 1976 in ein bud­dhis­ti­sches Klos­ter ein. Der Bud­dhis­mus hat eine ein­fa­che, viel leich­ter nach­voll­zieh­bare Ethik als die west­li­chen Reli­gio­nen (Juden­tum, Chris­ten­tum und Islam), fand ich. Außer … das mit dem Lei­den: »Alles Leben ist Lei­den«, heißt es dort, und nur die Erleuch­tung befreie einen dar­aus. Solange man noch wünscht und begehrt, lei­det man. Ich ahnte, dass da was dran war, so rich­tig über­zeu­gen aber konnte mich das noch nicht. Was ist mit der Lust und der Freude, mei­ner eige­nen und der über das Glück der ande­ren? Immer­hin begrüsst der Bud­dhis­mus die Mit­freude und hat sogar ein eige­nes Wort dafür: Mudita – wäh­rend die Chris­ten sich vor allem im Mit­leid suh­len; sie haben sich ja auch einen Gemar­ter­ten als Sym­bol aus­ge­sucht.
Der Maha­yana Bud­dhis­mus löst das Pro­blem, dass es Gutes und Schlech­tes gibt und irgend­wie doch alles nichts ist, durch die Unter­schei­dung zwi­schen dem Rela­ti­ven und dem Abso­lu­ten. Trotz­dem bleibt die Ethik auch im Bud­dhis­mus eine, die zwar Tugen­den wie Weis­heit, Güte und Fried­fer­tig­keit fei­ert, aber nicht abs­trakt genug ist, etwa poli­ti­sche Pro­gramme beur­tei­len zu kön­nen.


Gesucht: eine Methode der Beur­tei­lung
Hätte Prä­si­dent Tru­man über Hiro­shima eine Atom­bombe abwer­fen dür­fen? Wie sollte ein Welt­ge­mein­schaft mit einem unnach­gie­bi­gen Sad­dam Hus­sein umge­hen? Wie sieht eine »gute« UNO aus? Ist die neo­li­be­rale Welt­wirt­schafts­ord­nung ein »gutes« System? Gar nicht so leicht zu beur­tei­len. Wenn wir wenigs­tens eine brauch­bare Ethik an der Hand hät­ten, die Metho­den lie­fert, sol­che schwie­ri­gen Fra­gen zu beant­wor­ten, dann wären wir schon ein Stück wei­ter.
Ich will im Fol­gen­den den Vor­schlag einer sol­chen Methode machen, die prin­zi­pi­ell auf jede Ent­schei­dungs­si­tua­tion anwend­bar ist, auch wenn sie dabei oft (und genau genom­men immer) auf prak­ti­sche Schwie­rig­kei­ten trifft. Aber auch die Natur­wis­sen­schaf­ten haben ja eine Menge prak­ti­scher Pro­bleme, wäh­rend die Grund­la­gen doch klar sind und sehr weit­ge­hend Kon­sens erzie­len: Es wer­den The­sen auf­ge­stellt, die an der Wirk­lich­keit über­prüft wer­den. Wider­spre­chen die Tat­sa­chen dann der These, wird diese ver­wor­fen. Expe­ri­mente sind Prü­fun­gen sol­cher The­sen, sie müs­sen wie­der­hol­bar sein. Die Mathe­ma­tik ist dabei das Hilfs­mit­tel; sie prüft die Kom­pa­ti­bi­li­tät von The­sen unter­ein­an­der; mit der Wirk­lich­keit hat sie inso­fern nichts zu tun, als sie auf alle Arten von Wirk­lich­kei­ten anwend­bar ist.


Ethik und Poli­tik haben Werte und Ziele
Wenn ich eine Methode hätte, mit der ich in einer Ent­schei­dungs­si­tua­tion zwi­schen A und B die rich­tige, »gute« Ent­schei­dung tref­fen könnte, dann wäre sich schon ein Stück wei­ter. Das würde eine Hilfe bei (mei­nen) pri­va­ten ethi­schen Ent­schei­dun­gen ebenso wie bei wirt­schaft­li­chen und polit­schen Ent­schei­dun­gen und bei der Beur­tei­lung der ent­spre­chen­den Pro­gramme umfas­sen – das ist schon­mal eine ganze Menge. Ethik, Wirt­schaft und Poli­tik ordne ich hier zusam­men in ein ein­zi­ges Wis­sens– und For­schungs­ge­biet. Von den Natur­wis­sen­schaf­ten ist die­ses Wis­sens­ge­biet inso­fern prin­zi­pi­ell ver­schie­den, als die Natur­wis­sen­schaf­ten (jeden­falls vom Anspruch her) nur beob­ach­ten und Tat­sa­chen fest­stel­len; sie set­zen keine Ziele und bewer­ten nicht. Genau das tun wir aber im pri­va­ten und poli­ti­schen Leben stän­dig, wir bewer­ten und set­zen Ziele, und das ist auch gut so.


Mys­tik und Wis­sen­schaft: die Wert­freien
Die Natur­wis­sen­schaf­ten sind so stolz dar­auf »wert­frei« zu sein und schlicht zu beob­ach­ten, was ist. Genau das bean­spru­chen auch die Mys­tik und mit ihr große Teile der Neuen Reli­giö­sen Bewe­gun­gen: »Wir sind tole­rant, wir wer­ten nicht, wir sehen nur was ist; es ist, wie es ist; lerne, das zu akzep­tie­ren, dann bist du weise.« Des­halb ordne ich hier Mys­tik und Wis­sen­schaft zusam­men ins Fach der »Wert­freien«. Mys­ti­ker und Wis­sen­schaft­ler wol­len nur fest­stel­len, was ist. Ziele set­zen und bewer­ten, das wol­len sie nicht, das über­las­sen sie der Poli­tik und der pri­va­ten ethi­schen Ent­schei­dung.
An einem wich­ti­gen Punkt aber unter­schei­den sich Mys­tik und Wis­sen­schaft (die strenge, klas­si­sche Natur­wis­sen­schaft jeden­falls): Die Wis­sen­schaft ist nur dann imstande, ein Wis­sens­ge­biet wider­spruchs­frei zu beschrei­ben, wenn Objekt­be­reich und Sub­jekt­be­reich sich nicht über­schnei­den. Men­gen­theo­re­tisch gespro­chen: Der Bereich, der abge­bil­det wird, darf mit dem, auf den abge­bil­det wird, keine Schnitt­menge haben. Andern­falls gibt es unüber­wind­li­che Wider­sprü­che, die soge­nann­ten logi­schen Anti­no­mien (siehe Can­tor, Frege, Bertrand Rus­sels Typen­theo­rie und die Fol­gen).
Der Bar­bier im Dorf, der alle Män­ner (und nur die) rasiert, die sich nicht selbst rasie­ren, das ist eine sol­che logi­sche Anti­no­mie. Es kann ihn nicht geben, die­sen Bar­bier, denn wenn er sich selbst rasie­ren würde, dann würde er ja zu den gehö­ren, die sich selbst rasie­ren; er rasiert aber nur die, die sich nicht selbst rasie­ren. Rasiert er sich aber nicht, lässt er einen aus dem Dorf aus (näm­lich sich selbst), von denen, die sich nicht rasie­ren, erfüllt die Prä­misse also eben­falls nicht. So geht es mit allem, wo ein Selbst­be­zug vor­liegt: Es gibt Wider­sprü­che. Und wo es Wider­sprü­che gibt, da ist die Wis­sen­schaft am Ende, weil man eine Behaup­tung bewei­sen kann und zugleich ihr Gegen­teil.

Selbst­er­kennt­nis
Damit fällt der gesamte Bereich der mensch­li­chen Selbst­er­kennt­nis aus der Wis­sen­schaft raus, denn hier sind der Beob­ach­ter und das Beob­ach­tete das­selbe. Die Selbst­be­ob­ach­tung führt in die Mys­tik, die Fremd­be­ob­ach­tung ist Sache der Wis­sen­schaft. Bei­des zusam­men aber fällt in den kogni­ti­ven Bereich: Hier geht es um Erkennt­nis, um das Abbil­den und Ver­ste­hen der Wirk­lich­keit, wäh­rend es in Ethik, Poli­tik und Wirt­schaft um das rich­tige Han­deln geht.
Das »Ich« ist für die Tren­nung zwi­schen Wis­sen­schaft und Mys­tik das zen­trale Unter­schei­dungs­kri­te­rium. Es ist der Punkt der Rück­kop­pe­lung und der, an dem Dar­stel­lung und Dar­ge­stell­tes sich über­schnei­den. Es ist Mün­chen, wenn ein Münch­ner sagt, dass alle Münch­ner lügen (was, so wie im Bei­spiel des Bar­biers, zugleich wahr und falsch ist), denn hätte ein Augs­bur­ger das gesagt, wäre diese Aus­sage nicht wider­sprüch­lich, also eine akzep­ta­ble wis­sen­schaft­li­che These.
Dies ist übri­gens auch der Kern­ge­danke des Bud­dhis­mus: Es gibt kein Ich, kein Nicht-Zusammengesetzes. Die Rück­kopp­lung führt ins Unend­li­che und nicht mehr Dar­stell­bare, ins Nir­vana.


Das Para­do­xon der Wil­lens­frei­heit
Wie frei sind wir in unse­ren Ent­schei­dun­gen? Die Wer­be­psy­cho­lo­gie hält unge­fähr so viel von unse­rer Ent­schei­dungs­frei­heit wie die Ver­hal­tens­bio­lo­gie von der Frei­heit der Mäuse oder Rat­ten im Test­la­bor, die ange­bo­te­nen Köder anzu­neh­men oder abzu­leh­nen. Ein Blick von außen auf eine Situa­tion erlaubt gewisse Vor­aus­sa­gen, je genauer man eine Situa­tion kennt, umso genauere. Die Deter­mi­nis­ten unter den Natur­wis­sen­schaft­lern sagen: Bei idea­ler Kennt­nis einer Situa­tion lässt sich immer eine exakte Vor­aus­sage machen. Wie kann dann ein Teil­neh­mer einer sol­chen Situa­tion frei sein? Wenn ein Jagd­hund vor sich einen Hasen sieht, wird er ihm nach­ja­gen, so sind Jagd­hunde eben.
Wenn ich an einer Weg­ga­be­lung stehe und mich zu ent­schei­den habe, ob ich den rech­ten oder den lin­ken Weg gehe (das kann man auch als Meta­pher für Lebens­ent­schei­dun­gen neh­men), dann habe ich tat­säch­lich diese Option. Man könnte das Frei­heit nen­nen. Jeden­falls unter­schei­det sich diese Option von der Situa­tion auf einem Weg zu sein, der über­haupt keine Gabe­lun­gen hat (so wie wenn ich an der Auto­bahn, die rich­tige Aus­fahrt ver­passt habe), und die man ent­spre­chend Unfrei­heit nen­nen könnte. Ein Beob­ach­ter, der mich bes­ser kennt als ich mich selbst, kann viel­leicht vor­aus­sa­gen, wel­chen Weg ich gehen werde und des­halb glau­ben, ich hätte keine »Wil­lens­frei­heit«, mein Ver­hal­ten sei doch vor­aus­seh­bar. Kann sein, dass es vor­aus­seh­bar ist, aber das negiert die Tat­sa­che nicht, dass ich mich hier ent­schei­den kann und sogar muss.
Nur Wesen, die Ent­schei­dun­gen zu tref­fen haben, sind mit Emp­fin­dun­gen wie Lust oder Schmerz aus­ge­stat­tet – deren bio­lo­gi­scher Sinn ist es ja, die Ent­schei­dun­gen zu steu­ern.
Auch hier liegt eine »Rück­kop­pe­lung« vor, eine Über­schnei­dung von Sub­jekt– und Objekt­be­reich – das war ja eben das Unter­schei­dungs­kri­te­rium zwi­schen Mys­tik und Wis­sen­schaft. Die Pro­gnose, was gesche­hen wird, wenn ich den lin­ken Weg wähle, ist keine Vor­aus­sage, wie in der objek­ti­ven Wis­sen­schaft, son­dern wird zum Sub­jekt rück­ge­kop­pelt, zu mir, und beein­flusst oder bestimmt meine Ent­schei­dung.


Sub­jek­tiv sind wir frei zu ent­schei­den
Wer sich mit der Ver­hal­tens­for­schung oder Etho­lo­gie beschäf­tigt hat, einem Zweig der Bio­lo­gie, weiß, dass sich das Ver­hal­ten der Men­schen von dem der Tiere nicht prin­zi­pi­ell unter­schei­det. Das mensch­li­che Ver­hal­ten ist kom­ple­xer als das der Tiere, vor allem, was die Ver­wen­dung von Werk­zeu­gen, Spra­che und Vor­aus­schau anbe­langt, aber alles das ist bei Tie­ren auch schon vor­han­den. Die Motive unse­res Han­delns sind ebenso wie das der Tiere evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch ent­stan­den: Nah­rungs­er­werb, Abwehr von Fein­den, Fort­pflan­zung, sol­che und ähn­li­che Motive bestim­men unser Ver­hal­ten. Haben wir die Frei­heit, eine vor uns lie­gende Nah­rung oder Gele­gen­heit zur Fort­pflan­zung nicht zu nut­zen oder einen Feind nicht abzu­weh­ren, der uns ver­nich­ten will? Die sub­jek­tiv emp­fun­dene Frei­heit ist die Frei­heit zwi­schen Ver­hal­tens­op­tio­nen zu wäh­len. Wel­che Option gewählt wird, kann das Sub­jekt nicht vor­aus­sa­gen, weil es ja rück­kop­pelt.
Oft aber kann man auch von außen nicht vor­aus­sa­gen, wie ein Sub­jekt sich ver­hält, das ist das Span­nende an bio­lo­gi­schen Vor­gän­gen, wie etwa die Cha­os­theo­rie sie zu beschrei­ben ver­sucht. Sie beschreibt selbst­re­fe­ren­ti­elle Vor­gänge, das sind Vor­gänge mit Rück­kop­pe­lung. Die ganze Evo­lu­tion ist vol­ler sol­cher Vor­gänge, auch jede Anpas­sung eines Orga­nis­mus an seine Umwelt ist ein sol­cher. Ebenso in der Wirt­schaft: Wenn die Besit­zen­den mit­krie­gen, dass die Klasse der Besitz­lo­sen sich orga­ni­siert, um sie zu stür­zen, dann wer­den sie dem nicht taten­los zuse­hen – auch das ist ein Rück­kop­pe­lungs­vor­gang, und einer der die soza­lis­ti­schen Pro­gno­sen von wegen »der Kom­mu­nis­mus kommt wie ein Natur­ge­setz« durch Tat­sa­chen wider­legt.
»Gibt es Ent­schei­dungs­frei­heit?« als objek­tive Frage ist so absurd wie die, ob es nachts käl­ter ist als drau­ßen. Wenn man Worte so ver­wen­det, dann erge­ben sie kei­nen Sinn. Für das (rück­kop­pelnde) Sub­jekt gibt es die Frei­heit, für den Beob­ach­ter von außen nur sein Unwis­sen über das Sub­jekt oder die Fähig­keit (wie etwa bei den Mäu­sen im Labor oder in der Wer­be­psy­cho­lo­gie) eine Vor­aus­sage über die Ent­schei­dung des beob­ach­te­ten Sub­jekts zu tref­fen.


»Gut gegen Böse« – der Stoff für Dra­men
Men­schen tun das, von dem sie mei­nen, dass es am bes­ten für sie ist und für die Wesen (v.a. Mit­men­schen), deren Ziele sie sonst noch ver­fol­gen. Ihre Motive und Ziele sind bio­lo­gisch und kul­tu­rell bestimmt. Die Frage nach Gut und Böse ist eine dar­über gelegte kul­tu­relle Kon­struk­tion. Wenn ein Mensch meint, ein Mord täte ihm oder sei­ner Fami­lie oder sei­nem Stamm oder sei­ner Nation gut, und er ist imstande ihn durch­zu­füh­ren, dann mor­det er. Ob das böse ist oder eine Hel­den­tat bestimmt die dar­über berich­tende Kul­tur. Die innere oder äußere Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Gut und Böse, wie sie Thema der Dra­men der Mensch­heit ist, bis hin­ein in die heu­ti­gen Sei­fen­opern, ist nicht so prin­zi­pi­ell wie sie scheint. Beide Ver­hal­tens­wei­sen, die gute wie die böse, las­sen sich auf einen indi­vi­du­el­len oder bio­lo­gi­schen Nut­zen zurück­füh­ren. Manch­mal ist der fried­li­che Weg der nütz­li­chere, manch­mal der aggres­sive.


Altru­is­mus und Ego­is­mus
Für den den­ken­den Men­schen ist der Unter­schied zwi­schen Altru­is­mus (etwas tun, das für andere gut ist) und Ego­is­mus (etwas tun, das vor allem für mich gut ist), die­sen bei­den gro­ßen Kon­tra­hen­ten in der Ethik, auch nur ein ober­fläch­li­cher, denn »ich und und die ande­ren«, das hängt eng zusam­men. Wenn ich (altru­is­tisch) für andere etwas Gutes tue, habe ich im typi­schen Falle selbst davon den größ­ten Nut­zen, in Form von Aner­ken­nung, Freund­schaft, Dank­bar­keit, erwi­der­ter Hilfe oder ein­fach der Mit­freude am Glück der ande­ren. Wenn ich ande­rer­seits (ego­is­tisch) für mich etwas Gutes tue, zum Bei­spiel, indem ich bei mei­nen Geschäf­ten einen Gewinn erstrebe, dann kann ich mich unter Umstän­den gerade dadurch für die Gemein­schaft als am nütz­lichs­ten erwei­sen, auf die­ser These basiert ja die Markt­wirt­schaft (auch wenn das lei­der nicht immer so funk­tio­niert).


Him­mel und Hölle
Was nun ist eine intel­li­gente Ethik, jen­seits der Pseu­do­kon­tro­verse zwi­schen Altru­is­mus und Ego­is­mus und den Dra­men von Gut und Böse? Eine intel­li­gente Ethik ist eine, die die ganz nor­ma­len Impulse, Bedürf­nisse, Wün­sche und Motive von uns tierisch-menschlichen Wesen als zu befrie­di­gende Bedürf­nisse oder zu errei­chende Ziele ernst nimmt und als Werte ver­tritt und die dabei davon aus­geht, dass Men­schen sich gegen­sei­tig unter­stüt­zen kön­nen, diese Ziele zu errei­chen, wie etwa die fol­gende alte Geschichte zeigt:
Ein Mensch wurde nach sei­nem Tod in ver­schie­dene Zwi­schen­rei­che geführt. Im ers­ten saßen hung­rige Gäste mit grim­mi­gen Gesich­tern an einer lan­gen, reich gedeck­ten Tafel, von der aber kei­ner essen konnte, weil nie­mand imstande war, die Arme abzu­win­keln, um die begehr­ten Spei­sen zum Mund zu füh­ren – die Hölle. Im zwei­ten Raum, gleich dane­ben, saßen die­sel­ben Gäste an der­sel­ben Tafel, fröh­lich lachend, mit glück­li­chen Gesich­tern. Sie hat­ten ent­deckt, dass sie sich gegen­sei­tig füt­tern konn­ten – der Him­mel.


Die all­ge­meine Methode
Und was ist eine Methode, mit der man etwa zwei poli­ti­sche Pro­gramme (oder auch unter­neh­me­ri­sche Optio­nen) danach beur­tei­len kann, welche/s von bei­den das oder die bes­sere ist? Finde her­aus, wel­che der bei­den Optio­nen das grö­ßere Glück bewirkt bei den davon Betrof­fe­nen. Wobei hier jede Art von posi­ti­vem Gefühl oder Emp­fin­den als »Glück« zäh­len soll und auf­ge­wo­gen wird nur durch ein ent­spre­chen­des Leid oder Unglück, das eine wird addiert, das andere sub­tra­hiert, und für die Ent­schei­dung wird die Summe gebil­det. (Wers noch genauer mathe­ma­tisch dar­ge­stellt haben will, kann dafür die Inte­gral­rech­nung als Vor­bild neh­men, mit der Zeit als Koor­di­nate, dem Aus­maß des Glücks oder Unglücks als Ampli­tude). Dabei sol­len alle Men­schen mit­zäh­len und der gesamte über­schau­bare oder von der Aktion berührte Zeit­raum. Eine Stunde Glück eines Rei­chen und Mäch­ti­gen zählt dabei nicht mehr als die eines Armen, Unge­bil­de­ten, der gar nicht die Fähig­keit hat, sei­nen Wün­schen Gehör zu ver­schaf­fen oder gar für seine Ziele zu kämp­fen.
Und da in der glo­ba­li­sier­ten Welt von heute kein Land mehr iso­liert ist, muss die Wir­kung eines poli­ti­schen Pro­gramms genau genom­men auf die ganze Welt­be­völ­ke­rung berück­sich­tigt wer­den und so weit in die Zukunft wie eben vor­aus­seh­bar. In der Entscheidungs»praxis« zählt natür­lich noch vie­les andere auch: das Tempo, in dem ent­schie­den wer­den kann; die Ver­nach­läs­sig­bar­keit sehr vie­ler der Wir­kun­gen; die Ein­fach­heit oder Schwie­rig­keit der Infor­ma­ti­ons­ge­win­nung; die Ver­gleich­bar­keit von Glück und Unglück, gro­ßem und klei­nem Glück, dem Nut­zen des einen und dem Scha­den des ande­ren; und vie­les andere mehr.


Die ver­flix­ten Ein­zel­fälle
Würde ich für ein gro­ßes, aber kur­zes Glück ein lan­ges, aber klei­nes Unglück in Kauf neh­men? Was, wenn ich einen Men­schen mit einer Maß­nahme sehr glück­lich machen kann, dafür zwei oder fünf Men­schen ein biss­chen unglück­lich? Was, wenn ein erwar­te­tes Glück nicht sicher ist, das Leid (der Auf­wand), mit dem es erzielt wird, hin­ge­gen sicher? Wie ver­gleicht sich ein geis­ti­ges Glück (Freude) mit einem kör­per­li­chen (Lust)? Wie ist Gerech­tig­keit zu bewer­ten – ist es gleich gut, zwei Men­schen ein biss­chen glück­lich zu machen ver­gli­chen mit der Option einen sehr glück­lich zu machen und den ande­ren gar nicht?
Im Ein­zel­fall und in der Pra­xis sind diese Fra­gen fast immer ziem­lich schwie­rig zu beant­wor­ten und fast nur intui­tiv – für den Intel­lekt sind sie meis­tens zu kom­plex. Die eben skiz­zierte »Glücks­ethik« aber stellt eine Methode zur Ver­fü­gung, mit der diese Fra­gen einem zumin­dest schon mal in der Theo­rie klar wer­den, und das ist auf einem so kom­ple­xen und in vie­ler Hin­sicht so ver­flix­ten Gebiet wie der Ethik schon eini­ges wert.
Jeden­falls braucht eine sol­che Ethik kei­nen mora­li­schen Zei­ge­fin­ger, son­dern nur den Appell an die Intel­li­genz. Der Vor­teil für den ein­zel­nen, an den apel­liert wird, darf gerne im Vor­der­grund ste­hen und – intel­li­gent ver­stan­den – sogar das höchste Ziel sein. Es geht für den Ethi­ker oder Poli­ti­ker oder Unter­neh­mer oder (sons­ti­gen) Pre­di­ger eines »guten Pro­jek­tes« darum, die Zusam­men­hänge zu erklä­ren. Das ver­langt von dem jewei­li­gen Ver­kün­der des Guten eine gewisse kom­mu­ni­ka­tive Leis­tung, es braucht dabei aber keine Dro­hung mit der Hölle und kei­nen Auf­ruf zu einem »Kampf gegen das Böse«, wie die heu­tige Pol­tik ihn etwa im Anti­ter­ro­ris­mus führt, der vor allem das Gegen­teil von dem för­dert, was er bean­sprucht.


Der Sinn von ethi­schen Grund­re­geln
Warum singe ich hier nicht eine Hymne auf die gemein­sa­men ethi­schen Regeln aller Kul­tu­ren, wie etwa Küngs Pro­jekt Welt-Ethos sie pro­pa­giert? Du sollst nicht töten, nicht lügen, nicht frem­den Besitz dir aneig­nen, das sind doch trans­kul­tu­relle Regeln, die fast alle ethi­schen Sys­teme der Welt sie ent­hal­ten! Weil die oben beschrie­bene, die Glücks­summe maxi­mie­rende Methode, über­all und immer anwend­bar ist – immer­hin in der Theo­rie. Für die täg­li­che Pra­xis aller­dings brau­chen wir sol­che Regeln wie etwa: »Töte nicht!« Im Falle des Tyran­nen­mords hin­ge­gen (z.B. Stauf­fen­berg am 20. Juli 1944) ist sie nicht mehr anwend­bar, son­dern braucht eine grö­ßere, umfas­sen­dere Maxime. Ebenso gibt es Fälle, in denen es gut ist, zu lügen.
Und wenn es etwa darum geht, wie eine ethi­sche Maxime, etwa die For­de­rung nach Gerech­tig­keit oder Treue oder Auf­rich­tig­keit »gewich­tet« wird im Ver­gleich zu ande­ren Maxi­men, dann brau­chen wir eine Methode für eine sol­che »metae­thi­sche« Beur­tei­lung; auch dar­auf ist die Methode der Maxi­mie­rung der Glücks­summe anwend­bar.


Einer für alle – der Para­me­ter
In dem Spiel­film »Schind­lers Liste« von Ste­ven Spiel­berg wird die his­to­ri­sche Figur des deut­schen Unter­neh­mers Schind­ler gezeigt, der gegen Ende des zwei­ten Welt­kriegs mit sei­ner Muni­ti­ons­fa­brik durch einen geschick­ten Umgang mit den Behör­den 1100 Juden vor Ausch­witz ret­tete. Eine Szene im Film zeigt, wie er sich Vor­würfe macht, dass er nicht mehr ret­ten konnte als diese 1100. Sein Buch­hal­ter Isaac Stern ver­suchte ihn zu trös­ten indem er sagte: Wer ein Leben ret­tet, der ret­tet die ganze Welt!
Eine Frage, der wir täg­lich begeg­nen, auch wenn wir gerade nicht einen Unschul­di­gen vor der Ermor­dung ret­ten kön­nen, son­dern wenn es zum Bei­spiel darum geht, mei­nem Kind eine wär­mere Win­ter­ja­cke zu kau­fen, anstatt das Geld für Afrika zu spen­den, wo wir doch damit viel­leicht zwan­zig Kin­der vor dem Hun­ger­tod ret­ten oder einem eine Schul­bil­dung ver­schaf­fen könn­ten – es ist die Frage nach dem Para­me­ter, dem Stell­ver­tre­ter. Wenn ich schreibe E=mc2, dann gilt das für alle Arten der Ener­gie­um­wand­lung. Wenn ich einem Men­schen meine Liebe gebe, habe ich sie dann allen gege­ben? Schwer zu beur­tei­len, finde ich. Unge­fähr so schwer wie die Balance zwi­schen Kopf und Herz zu fin­den. Das Herz sagt: Der Mensch dir gegen­über ist der wich­tigste und der ein­zige! Der Kopf sagt: Du ver­nach­läs­sigst all die ande­ren da drau­ßen in der Welt. Aber es geht doch bei­des. Man kann einen Kreis von Bevor­zug­ten um sich haben, Fami­lie, Freunde, Ver­wandte – sowas braucht der Mensch, auch »der Gute« – und trotz­dem etwas tun für die Welt.


Die Balance zwi­schen Ethik und Mys­tik
In der spi­ri­tu­el­len Szene ist das Nicht-Werten hoch ange­se­hen. Dabei wird oft über­se­hen, dass eben das eine starke Bewer­tung ist (nicht zu bewer­ten ist gut; wer bewer­tet ist schlecht), und dass ein Leben ohne Bewer­tun­gen schlicht unmög­lich ist und auch kei­nes­falls wün­schens­wert. Wer immer nur bewer­tet und ohne die Brille sei­ner Bewer­tun­gen nichts mehr sehen kann, der aller­dings ist zu bedau­ern, inso­fern hat diese Sze­ne­binse auch eine gewisse Berech­ti­gung, oder wenigs­tens einen ver­ständ­li­chen Ursprung.
Die wirk­li­che Kunst aber liegt nicht darin, ent­we­der etwas wert­frei betrach­ten zu kön­nen oder, wo nötig, gute, sach­ge­rechte Bewer­tun­gen abzu­ge­ben, son­dern ein Gespür dafür zu gewin­nen, wann das eine und wann das andere ange­bracht ist. Wie es fol­gen­des Gebet so wun­der­schön aus­spricht: »Gib mir die Geduld, das hin­zu­neh­men, was ich nicht ändern kann, den Mut, das zu ändern, was ich ändern kann und die Weis­heit, das eine vom ande­ren zu unter­schei­den!«
Vor allem an die­ser Weis­heit man­gelt es oft, und dabei kommt es doch gerade dar­auf an. So vie­les könn­ten wir ändern, wenn wir nur den Mut dazu hät­ten und das Ver­trauen, dass wir es kön­nen! So vie­les müs­sen wir – oder »dür­fen« wir – hin­neh­men, und es ist nicht nur Geduld, die uns dazu befä­higt, son­dern Liebe. Eine Liebe die nicht defi­niert oder kri­ti­siert, son­dern sagt »Es ist, wie es ist«, und so wie es ist, ist es gut.


»Gut­ach­ter« und Lie­ben­der
Gut urtei­len zu kön­nen ist eine wich­tige mensch­li­che Fähig­keit. Ein »Gut­ach­ter« sein kön­nen, so heißt das in tech­ni­schen und ande­ren pro­fes­sio­nel­len Berei­chen, was für ein schö­nes Wort! Auch in pri­va­ten und poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen ist diese Fähig­keit wich­tig. Wer aller­dings nur das kann, ist im prak­ti­schen Leben hilf­los und wahr­schein­lich lie­bes– und bezie­hungs­un­fä­hig, von dem hohen Anspruch einer spi­ri­tu­el­len Intel­li­genz mal abge­se­hen, denn alles das braucht die Fähig­keit, wert­frei wahr­neh­men zu kön­nen: etwas sehen kön­nen »wie es ist«, bevor man es beur­teilt und nach­dem man es beur­teilt hat. Das ist die Fähig­keit in der ewi­gen Gegen­wart zu ver­wei­len, im Hier&Jetzt. Die Fähig­keit »wahr«zunehmen, vor­ur­teils­los wahr­zu­neh­men.


Dies­seits und Jen­seits
Wer das kann, ist reli­giös und kann lie­ben. Die Fähig­keit, bewer­ten und beur­tei­len zu kön­nen, dür­fen wir dabei aber nicht ver­lie­ren. Des­halb besteht zum Bei­spiel der Bud­dhis­mus dar­auf, ethi­sche Regeln ein­zu­hal­ten und bean­sprucht diese Kon­for­mi­tät auch von denen, deren Weis­heit sie längst in den Bereich »jen­seits von Gut und Böse« geführt hat. Man hat die­sen Bereich ja nicht ein für alle mal erreicht, son­dern eher: Er ist schon da, war schon immer da und will immer beach­tet blei­ben. Ebenso das Dies­seits: der Bereich von Ursa­che und Wir­kung, von Schuld und Karma, Zeit, Geld und Macht. Wir kön­nen ihm nicht ent­kom­men, wie spi­ri­tu­ell auch immer wir uns gebär­den. So wie im Sym­bol des Kreu­zes zwei Linien sich begeg­nen, so braucht ein Mensch bei­des: das Mys­ti­sche, Lie­bende »Es ist, wie es ist« (die Ver­ti­kale) ebenso wie die ethi­sche Urteils­fä­hig­keit (die Hori­zon­tale).


Ein­fa­che Ant­wor­ten auf große Fra­gen
Beim noch­ma­li­gen Über­prü­fen die­ses Tex­tes vor der Ver­öf­fent­li­chung denke ich: Ganz schön anspruchs­voll, die­ser Kerl, oho! Da will er auf die­sen paar Sei­ten ein paar der gro­ßen alten Fra­gen der Mensch­heit gelöst haben; macht er sich das nicht ein biss­chen zu leicht? Kann schon sein – kaum denkt man mal ein paar Jahr­zehnte gründ­lich über ein Thema nach, schon hat man Ergeb­nisse … Ich bleibe dabei aber in prü­fen­dem Zwei­fel und meine, dass hier eher nur ein For­schungs­ge­biet ange­ris­sen wurde, die Ergeb­nisse finde ich noch ziem­lich dürf­tig. Aber irgend­wer, irgend­wann muss ja mal damit anfan­gen, und viel­leicht am bes­ten mit ein paar The­sen. E=mc2, ist das nicht ein biss­chen zu ein­fach? Ich denke, mit der Ener­gie und der Masse ist es wirk­lich so ein­fach. Und in der Ethik? Wer weiß. Aber ich ahne, dass auch hier die gro­ßen Ant­wor­ten auf die alten Fra­gen ziem­lich ein­fach sind, wenn sie denn mal raus sind.


Wis­sen, was ist – und dann das Rich­tige tun
Hier noch­mal die Kern­ge­dan­ken: Ethik, Poli­tik und Wirt­schaft gehö­ren zusam­men in ein Wis­sens– und For­schungs­ge­biet. In die­sem geht es um Werte und Ziele und das gute bzw. rich­tige Han­deln. Die Kern­frage ist: Wie kann man die Glücks­summe maxi­mie­ren – für mich als ein­ge­bun­de­nes Wesen, d.h. für alle. Diese Frage ist keine mora­li­sche oder reli­giöse. Theo­re­tisch ist sie mit kla­rem Den­ken lös­bar, und prak­tisch mit Intui­tion und Weis­heit.
Die andere Seite ist die kogni­tive, dort geht es darum, was ist (Witt­gen­stein: »Die Welt ist alles, was der Fall ist«). Hier ste­hen Wis­sen­schaft und Mys­tik neben­ein­an­der. Vor­aus­set­zung für die Wis­sen­schaft ist ein abge­trenn­ter Objekt­be­reich. Wenn der nicht gege­ben ist, wird es wider­sprüch­lich, para­dox, und »im Gan­zen gese­hen« mys­tisch.
Und die Reli­gion, wo hat die ihren Platz? Sie lässt sich im Kern auf Mys­tik redu­zie­ren; der Rest ist sozia­les Han­deln, das gut daran tut, sich von einer auf­ge­klär­ten Ethik lei­ten zu las­sen.


von Wolf Schnei­der

Lite­ra­tur
Zum Thema Ethik und Mys­tik s.a. das Blog www.schreibkunst.com, dort die Ein­träge vom 17. April 05, vom 1. u. 8. Juni 05, und viele andere
Betrand Rus­sel, Phi­lo­so­phie des Abend­lan­des (ein Klas­si­ker), Piper Ver­lag
Wolf Schnei­der, Auf der Suche nach dem Wesent­li­chen (über Mys­tik), Königs­furt 2003
Niklaus Brant­schen, Vom Vor­teil, gut zu sein – mehr Tugend, weni­ger Moral, Kösel 2005

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