Ende der Unschuld – Der alte Mann und das Meer der öko­no­mi­schen Lügen

John Ken­neth Galbraith, ein Nes­tor des west­li­chen Kapi­ta­lis­mus und wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­ches Schwer­ge­wicht, nimmt in einer 2004 als Buch erschie­nen Streit­schrift die Fun­da­mente sei­nes Fachs aus­ein­an­der, wie man es von »so einem« nicht gewohnt ist. Mit 96 Jah­ren viel­fach geehrt und wahr­lich ein »Ältes­ter«, spricht er nun ohne fal­sche Rück­sicht aus, was er denkt.

John Ken­neth Galbraith, ein Nes­tor des west­li­chen Kapi­ta­lis­mus und wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­ches Schwer­ge­wicht, nimmt in einer 2004 als Buch erschie­nen Streit­schrift die Fun­da­mente sei­nes Fachs aus­ein­an­der, wie man es von »so einem« nicht gewohnt ist. Mit 96 Jah­ren viel­fach geehrt und wahr­lich ein »Ältes­ter«, spricht er nun ohne fal­sche Rück­sicht aus, was er denkt.

Es ist nicht viel, was Galbraith uns zu sagen hat; denn der 111-Seiten-Umfang sei­nes Essays beträgt netto eigent­lich gerade mal 70 Sei­ten, die durch groß­zü­gi­ges Lay­out gestreckt wur­den. Und selbst auf die­ser Kurz­stre­cke schafft es Galbraith (und das Lek­to­rat lässt es durch­ge­hen), sich des öfte­ren (»wie bereits erwähnt«) zu wie­der­ho­len. Trotz­dem wie­gen die weni­gen Worte, zu denen sich Galbraith im hohen Alter von 96 Jah­ren noch ein­mal her­aus­ge­for­dert sieht, schwer. Nicht nur was er sagt, ist von Bedeu­tung, son­dern wie er es sagt. Doch vor allem zählt, wer hier das Wort ergreift: Galbraith ist ein wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­ches Schwer­ge­wicht, eine Insti­tu­tion. Er lehrte an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten, schrieb über 30 Bücher und trug zu Ent­schei­dun­gen ame­ri­ka­ni­scher Prä­si­den­ten (Roo­se­velt, Ken­nedy, John­son) bei. Des­halb kön­nen seine Aus­sa­gen über den Kapi­ta­lis­mus von unse­ren neo­li­be­ra­len Vor­den­kern, die noch nicht ein­mal durch den Ver­brauch von Win­deln zum Brut­to­in­lands­pro­dukt (BIP) bei­tru­gen, als Galbraith schon Wirt­schafts­ge­schichte schrieb, weder als unqua­li­fi­ziert noch als ideo­lo­gisch ver­zerrt weg­ge­wischt wer­den, wie es der Fall ist, wenn die glei­chen Argu­mente von so genann­ten »Glo­ba­li­sie­rungs­geg­nern« kom­men.

Wahr­heit und Inter­esse
Galbraith über­schaut aus eige­ner Erfah­rung den Zeit­raum der letz­ten 70 Jahre. Aus ihm spricht Abge­klärt­heit, wenn er Sätze for­mu­liert wie: »Die Kern­these die­ses Essays lau­tet, dass die Volks­wirt­schafts­lehre, aber auch Wirt­schafts– und poli­ti­sche Sys­teme im All­ge­mei­nen, aus finan­zi­el­len und poli­ti­schen Inter­es­sen und auf­grund kurz­le­bi­ger Mode­trends ihre eigene Ver­sion der Wahr­heit kul­ti­vie­ren. Diese hat nicht unbe­dingt etwas mit der Wirk­lich­keit zu tun. … Das, was mäch­ti­gen öko­no­mi­schen, poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Inter­es­sen dient oder ihnen zumin­dest nicht ent­ge­gen­steht, gilt als die Wahr­heit«. Zack – wusch!!! Im Sport­fern­se­hen wür­den sie jetzt min­des­tens fünf Zeit­lu­pen aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven zei­gen, damit der Zuschauer nach­voll­zie­hen kann, wie ele­gant der Geg­ner auf die Matte geschickt wurde. Im Buch über­nimmt Galbraith diese Auf­gabe in den ein­zel­nen Kapi­teln selbst, indem er seine Kern­these mit Bei­spie­len belegt.
Zunächst aber erklärt er, was er unter »unschul­di­gem Betrug« ver­steht: »Einzel-, aber auch Grup­pen­in­ter­es­sen« wer­den als Gemein­wohl defi­niert, eigene volks­wirt­schaft­li­che Lehr­mei­nun­gen zu all­ge­mein gül­ti­gen »Wahr­hei­ten« über­höht. Dem Betrug geht meist ein Selbst­be­trug vor­aus.

Eine dabei äußerst dien­li­che Tech­nik ist die Ver­wen­dung ver­schlei­ern­der Begriffe. Auch wenn der Kapi­ta­lis­mus als System nie abge­schafft wurde, so ver­schwand in den kapi­ta­lis­ti­schen Volks­wirt­schaf­ten zumin­dest der Begriff und wurde durch »freies Unter­neh­mer­tum« oder »Markt­wirt­schaft« ersetzt. Galbraith dazu: »Es wäre schwie­rig gewe­sen, einen noch nichts­sa­gen­de­ren Aus­druck zu fin­den«.
Die Kom­pli­zen­schaft der Öko­no­men (also sei­ner eige­nen Zunft!) besteht darin, dass sie rea­li­täts­ferne Modelle in ihre Lehr­bü­cher schrei­ben und dar­aus Glau­bens­sätze erar­bei­ten – wie den der »Kon­su­men­ten­sou­ve­rä­ni­tät«, den Galbraith für »eine der am wei­tes­ten ver­brei­te­ten For­men der Täu­schung« hält. »Wer würde es schon wagen, ohne gezielte Beein­flus­sung der Ver­brau­cher Waren auf den Markt zu brin­gen«, kon­sta­tiert er lapi­dar.


Der Kult des BIP-Zuwachses und andere wirt­schaft­li­che Sün­den
Ein ande­rer – »wahr­lich kein klei­ner« – Betrug ist nach Galbraith die Mes­sung des »gesell­schaft­li­chen Fort­schritts fast aus­schließ­lich am Wert der Güter­pro­duk­tion, dem BIP-Zuwachs«. Nicht das Bil­dungs­ni­veau oder sonst ein kul­tu­rel­ler Wert, son­dern die »Zahl der pro­du­zier­ten Auto­mo­bile« bestimmt das Ran­king einer Gesell­schaft.
Wei­tere Unge­reimt­hei­ten ent­deckt Galbraith in der Arbeits­welt. Dort hat man sich an vie­ler­lei Para­doxa gewöhnt; z. B. daran, dass die­je­ni­gen bes­ser bezahlt wer­den, denen ihre Arbeit den meis­ten Spaß macht, wäh­rend es für »mono­tone, öde, beschwer­li­che Arbei­ten … ledig­lich Nied­rig­löhne« gibt. Oder dass »der Müßig­gang für die Betuch­ten als eine ehren­werte Alter­na­tive gilt, wäh­rend er sich für die Armen nicht ziemt«.
Anschlie­ßend knüpft sich Galbraith die Unter­neh­men vor. »Der Glaube, dass das Manage­ment von Kon­zer­nen kein büro­kra­ti­scher Appa­rat sei, ist unsere raf­fi­nier­teste und in jüngs­ter Ver­gan­gen­heit eine unse­rer offen­kun­digs­ten For­men von Betrug«. Die Zustände in den Kon­zer­nen sieht Galbraith als skan­da­lös an: Er beklagt die »Mög­lich­keit der Selbst­be­die­nung« bei der Ver­gü­tung (»die manch­mal an Dieb­stahl grenzt«) und die Art der Aktio­närs­ver­samm­lun­gen, die oft »einem bap­tis­ti­schen Got­tes­dienst« glei­chen.


Der »unschul­dige Betrug« der neo­li­be­ra­len Wirt­schaft: Ein­zel– und Grup­pen­in­ter­es­sen wer­den als Gemein­wohl defi­niert


Die Pri­vat­wirt­schaft, der Staat und die Rüs­tungs­in­dus­trie
Ein »in sei­ner gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Dimen­sion … alles andere als ein unschul­di­ger Betrug« ist für Galbraith »der Mythos von den bei­den Sek­to­ren«, näm­lich der Pri­vat­wirt­schaft, die »als leuch­ten­des Bei­spiel ver­klärt« und des Staa­tes, der »als not­wen­di­ges Übel ver­un­glimpft« wird. Auch hier­bei »obsiegt die Rhe­to­rik ein­mal mehr über die Wirk­lich­keit. Denn ein wesent­li­cher und grö­ßer wer­den­der Teil des so genann­ten staat­li­chen Sek­tors gehört eigent­lich längst zum pri­va­ten Sek­tor«: So »wurde 2003 fast die Hälfte der frei ver­füg­ba­ren Staats­aus­ga­ben … in den USA für mili­tä­ri­sche Zwe­cke ver­wen­det«. Die Rüs­tungs­in­dus­trie leis­tet her­vor­ra­gende Lob­by­ar­beit, bie­tet »gut dotierte Pos­ten für Quer­ein­stei­ger aus der Poli­tik« und »revan­chiert sich … mit groß­zü­gi­gen Spen­den an Poli­ti­ker«. »Mehr noch: Die Rüs­tungs­lobby beein­flusst sogar die Außen­po­li­tik und … Ent­schei­dun­gen über Krieg und Frie­den«. Und dann noch ein Sei­ten­hieb auf die­je­ni­gen, die diese Fak­ten wenigs­tens bekannt machen könn­ten: »Die Medien haben sich mit die­ser Ent­wick­lung abge­fun­den. … Das All­täg­li­che ist keine Schlag­zeile wert.«



Die Finanz­welt: falsch, aber plau­si­bel
Das nächste Feld, auf dem Betrug und Selbst­be­trug ein frucht­ba­res Mit­ein­an­der pfle­gen, ist »die Finanz­welt«. Diese »unter­hält eine große, umtrie­bige und hoch dotierte Gruppe von Exper­ten, die not­wen­di­ger­weise fal­sche, aber schein­bar hoch­ana­ly­ti­sche, plau­si­ble Infor­ma­tio­nen lie­fern.« In ihren Pro­gno­sen »wird die Wirk­lich­keit durch Hoff­nun­gen und Wunsch­den­ken ver­schlei­ert«. »Aller­dings haben die meis­ten keine Ahnung von ihrer Ahnungs­lo­sig­keit« – und unter­mau­ern »durch zur Schau getra­ge­nes Selbst­be­wusst­sein ihren sehe­ri­schen Weit­blick«. Viel­fach wird das pro­gnos­ti­ziert, »was den Inter­es­sen der Auf­trag­ge­ber der Stu­dien am för­der­lichs­ten« ist, und auch der Eigen­nutz spielt keine kleine Rolle: Man setzt »jede Menge Pro­gno­sen in Umlauf, die dem per­sön­li­chen Akti­en­porte­feuille zuträg­lich« sind. Das ist dann kein »unschul­di­ger Betrug« mehr.
Die Krone für Rea­li­täts­flucht gebührt laut Galbraith der US-Zentralbank, »auch lie­be­voll `Fed´ genannt«. Ihre Bedeu­tung basiert auf dem Glau­ben an Abläufe und Zusam­men­hänge, die »nur in der schö­nen Welt der öko­no­mi­schen Lehr­bü­cher, nicht aber in der Wirk­lich­keit exis­tie­ren«. Das Dre­hen an der Zins­schraube war für Galbraith »seit der Grün­dung der US-Zentralbank im Jahr 1913 … von nach­hal­ti­ger Wir­kungs­lo­sig­keit«.


Markt­wirt­schaft?
»Es wäre schwie­rig gewe­sen, einen noch nichts­sa­gen­de­ren Aus­druck zu fin­den«
J. K. Galbraith


Steu­er­er­leich­te­run­gen
Andere wirt­schafts­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen zei­ti­gen aus Galbraith? Sicht gar gegen­tei­lige Ergeb­nisse; so zieht er die Steu­er­leich­te­run­gen, durch die »das sowieso schon üppige Ein­kom­men von Top­ma­na­gern und Groß­ak­tio­nä­ren … wei­ter erhöht« wird, mas­siv in Frage: »Den Bedürf­ti­gen ver­sagt man das Geld, wel­ches sie mit Sicher­heit aus­ge­ben wür­den, und den Begü­ter­ten wirft man das Geld nach, wel­ches sie mit Sicher­heit auf die hohe Kante legen wer­den.«
Nicht nach­voll­zie­hen kann ich aller­dings Galbraith Ver­tei­di­gung des Sys­tems der Akti­en­ge­sell­schaf­ten, die er als »Eck­pfei­ler des moder­nen Wirt­schafts­le­bens« sieht. Diese Eck­pfei­ler brö­ckeln zwar unter einer »Men­ta­li­tät des Absah­nens und Betrü­gens«, doch Galbraith meint, durch bes­sere Über­wa­chung und »ver­schärfte straf­recht­li­che Sank­tio­nen« sei noch etwas zu ret­ten.


»Bril­lante Sym­ptom­be­schrei­bung«
Zusam­men­fas­send warnt Galbraith noch ein­mal vor den Über­grif­fen der Wirt­schaft in staat­li­che Auf­ga­ben­be­rei­che, die beson­ders bei ver­tei­di­gungs– und umwelt­po­li­ti­schen Belan­gen »in bedenk­li­cher Weise vor­an­ge­schrit­ten« seien, und er weist auf die Fehl­ent­wick­lung hin, dass »die Kon­zerne das gesell­schaft­li­che Wer­te­sys­tem ent­spre­chend ihren Bedürf­nis­sen und Inter­es­sen umfor­men.
Seine ein­dring­lichste War­nung gilt aller­dings der Tat­sa­che, dass wir unsere größ­ten Fort­schritte bei der »Ent­wick­lung von Waf­fen« gemacht haben: »Die Fähig­keit zur Mas­sen­ver­nich­tung wurde zur höchs­ten zivi­li­sa­to­ri­schen Errun­gen­schaft«. »Der Krieg ist und bleibt das schlimmste Ver­sa­gen der Mensch­heit«, lau­tet sein Schluss­satz.
Fazit: Auch wenn Galbraith wie so viele, die heute vor den Aus­wir­kun­gen des Kapi­ta­lis­mus war­nen, nicht bis zu den Gesetz­mä­ßig­kei­ten vor­dringt, die die­ses System so tod­brin­gend effek­tiv machen, so ist seine Sym­ptom­be­schrei­bung doch ein bril­lan­ter Ein­spruch gegen alle Auf­for­de­run­gen, wir müss­ten auf dem ein­ge­schla­ge­nen Weg nur noch schnel­ler vor­an­schrei­ten.



Buch­tipp:
John Ken­neth Galbraith:
Die Öko­no­mie des unschul­di­gen Betrugs. Vom Rea­li­täts­ver­lust der heu­ti­gen Wirt­schaft.
Sied­ler Ver­lag, Mün­chen 2004,
111 Sei­ten,


von Vol­ker Frey­s­tedt,
Jg. 50, Dipl.-Sozialpädagoge, ist 2. Vor­sit­zen­der des Equi­li­b­ris­mus e.V.; im März 2005 erschien von ihm, zs. mit Eric Bihl, im Signum Ver­lag Mün­chen »Equi­li­b­ris­mus – Neue Kon­zepte statt Refor­men für eine Welt im Gleich­ge­wicht".


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