Empower­ment für Trau­ma­op­fer – Das Kör­per­schema der Angst auf­lö­sen

Von einem 'Kör­per­schema der Angst' spricht man bei Men­schen, die zumeist infolge einer Trau­ma­ti­sie­rung eine bestimmte Kör­per­struk­tur auf­wei­sen. Ber­tram Wohak, Kör­perthe­ra­peut und Aikido­leh­rer, schil­dert im Inter­view, wie die Arbeit mit dem Bok­ken – einem dem japa­ni­schen Katana nach­ge­bil­de­ten Übungs­schwert aus Holz – dabei hel­fen kann, die­ses 'Kör­per­schema der Angst' auf­zu­lö­sen. Er bezeich­net die Schwert­ar­beit als 'Empower­ment für Trau­ma­op­fer'.

Übun­gen mit dem Holz–
schwert: Bok­ken­ar­beit
hilft, Trau­mata zu über–
win­den

Herr Wohak, was ver­ste­hen Sie unter dem "Kör­per­schema der Angst"?
Ber­tram Wohak: Die­ser Begriff wurde mei­nes Wis­sens erst­mals von Moshé Fel­den­krais in die­sem Zusam­men­hang ver­wen­det. Ich ver­stehe dar­un­ter kurz gesagt ein chro­nisch gewor­de­nes Ein­sin­ken der Brust, Rund­schul­tern und eine ein­ge­schränkte Tho­ra­x­at­mung. Zu einem "Kör­per­schema" wird diese Hal­tung als eine unbe­wusste dau­er­hafte For­mie­rung des Kör­pers als Ant­wort auf Lebens­um­stände, die in der Regel Angst machen. Ich denke jeder von uns kennt das: In einer Situa­tion, in der wir uns gegen eine Bedro­hung oder Demü­ti­gung nicht anders schüt­zen konn­ten, duck­ten wir uns, zogen den Kopf ein und hiel­ten den Atem an. Das ist durch­aus ein natür­li­cher Schutz­re­flex, auch Tiere haben ihn. Wäh­rend aber zumin­dest frei-lebende Tiere nach dem Ende einer Bedro­hung rela­tiv schnell zur nor­ma­len Funk­ti­ons­weise zurück­keh­ren, kann sich bei uns Men­schen als Folge einer Trau­ma­ti­sie­rung ein chro­ni­fi­zier­tes "Kör­per­schema der Angst" bil­den.

Wie kann es zu einer Ver­fes­ti­gung einer sol­chen Kör­per­struk­tur kom­men?
Ber­tram Wohak: Da gibt es unter Trau­ma­the­ra­peu­ten ver­schie­dene Ansich­ten. Mein Freund und Kol­lege, der ame­ri­ka­ni­sche Kör­perthe­ra­peut Paul Lin­den hält diese Ver­fes­ti­gung vor allem für die Folge eines unbe­wusst abge­lau­fe­nen Lern­pro­zes­ses. Der Trau­ma­for­scher Peter Levine geht dage­gen davon aus, dass es sich um gebun­dene Ener­gie han­delt, die der Orga­nis­mus ange­sichts einer Bedro­hung für Kampf oder Flucht mobi­li­siert hatte, die er dann aber nicht auf­lö­sen konnte. Aus mei­ner Arbeit mit Kli­en­ten glaube ich, dass beide Ansich­ten zutref­fen.
Die Grenze zwi­schen phy­si­schen und emo­tio­na­len Trau­mata ist dabei flie­ßend. Wird ein Kind z.B. häu­fig geschla­gen, so wird es sich durch ein Zusam­men­zie­hen des Kör­pers zu schüt­zen suchen. Es wird den Kopf ducken, die Schul­tern nach vorne zie­hen und den Atem in Erwar­tung der Schläge anhal­ten. Da die Mög­lich­keit zur Flucht oder zum Kampf gewöhn­lich nicht besteht, bleibt ihm nur die Kon­trak­tion. Ist dies nicht Aus­nahme son­dern die Regel, dann bil­det sich ein trau­ma­ti­sches Kör­per­schema.
Eine beson­ders gra­vie­rende Form der Trau­ma­ti­sie­rung stellt der Miss­brauch von Kin­dern durch Erwach­sene dar. Die­ses Pro­blem ist viel ver­brei­te­ter als all­ge­mein ange­nom­men wird und taucht erst all­mäh­lich im öffent­li­chen Bewusst­sein auf. Die Fol­gen für die betrof­fe­nen Kin­der sind meist lebens­läng­lich ver­hee­rend. In einem ent­schei­den­den Punkt bil­den Miss­brauchs­op­fer eine spe­zi­elle Form des "Kör­per­sche­mas der Angst" aus: Die Erfah­rung der Ohn­macht des Kin­des gegen­über dem Miss­brauch führt zu einer alle Lebens­be­rei­che durch­drin­gen­den Stö­rung im Ver­hält­nis zur eige­nen Kraft und Ener­gie. Erwach­sene, die als Kin­der miss­braucht wur­den, haben meist enorme Schwie­rig­kei­ten, sich ange­mes­sen abzu­gren­zen und die Inte­gri­tät ihrer eige­nen Dimen­sion wirk­sam zu schüt­zen. Die natür­li­che und lebens­be­ja­hende Fähig­keit zur gesun­den Aggres­sion ist gestört, blo­ckiert durch die tief­sit­zende Annahme, Kraft sei per se miss­bräuch­lich. Dies führt zu einer sehr schwer­wie­gen­den Form des Kör­per­sche­mas der Angst.

Sie nen­nen das Schlüs­sel­kon­zept Ihres The­ra­pie­an­sat­zes Empower­ment. Wo setzt Ihre Arbeit mit dem Schwert an?
Ber­tram Wohak: Das wird deut­lich, wenn man sich die Schlüs­sel­ele­mente klar­macht, die zum "Kör­per­schema der Angst" füh­ren. Ers­tens lag eine mas­sive Grenz­ver­let­zung (ein trau­ma­ti­sie­ren­des Ereig­nis bzw. eine Abfolge davon) vor. Zwei­tens die Erfah­rung der Ohn­macht gegen­über die­ser Grenz­ver­let­zung. Und drit­tens der instink­tive Wie­der­ho­lungs­zwang, mit Kör­per­zu­sam­men­zie­hung und Atem­ver­halt immer wie­der in einer sich selbst beschä­di­gen­den Weise auf Situa­tio­nen zu rea­gie­ren, die ent­we­der gar nicht bedroh­lich sind oder gegen­über denen man sich als Erwach­se­ner viel effek­ti­ver ver­hal­ten kann. Die­ser Wie­der­ho­lungs­zwang erzeugt bei den betrof­fe­nen Men­schen meist viel Lei­den und kann ihr Leben tief­grei­fend stö­ren.
Da das "Kör­per­schema der Angst" selbst Aus­druck von Ohn­macht ist, brau­chen die betrof­fe­nen Men­schen eine mög­lichst kon­krete gegen­tei­lige Erfah­rung: Dass sie in Ord­nung sind, dass sie ein Recht haben, ihre eige­nen Gren­zen zu schüt­zen und vor allem dass sie auch die Fähig­kei­ten erwer­ben kön­nen, das in ange­mes­se­ner Weise zu tun. Das ist "Empower­ment". Dafür ist die Arbeit mit dem Bok­ken (einem höl­zer­nen Übungs­schwert) sehr geeig­net, aber sie ist natür­lich nur ein Teil mei­ner kör­per­ori­en­tier­ten Trau­maar­beit.

Wie sieht die prak­ti­sche Vor­ge­hens­weise bei der Bok­ken­ar­beit aus?
Ber­tram Wohak: Wenn ich Bok­ken­ar­beit in kör­perthe­ra­peu­ti­schem Kon­text unter­richte, fange ich meis­tens mit den Füßen an. Die Kli­en­tIn­nen sol­len erst ein­mal ein mög­lichst leben­di­ges Gefühl für ihre Füße ent­wi­ckeln. Denn für uns kopf­las­tige Men­schen der ers­ten Welt sind unsere Füße so etwas wie ein Dritt­welt­land, eine unter­ent­wi­ckelte und im Bewusst­sein unter­re­prä­sen­tierte Kör­per­re­gion, kaum mehr wahr­ge­nom­men als die Rei­fen unse­rer Autos. Men­schen, die das "Kör­per­schema der Angst" auf­wei­sen, haben meist einen unsi­che­ren Gang und kein Bewusst­sein davon, wie sie gehen. Übun­gen zum Ste­hen und Gehen spie­len in mei­nen Kur­sen und Retre­ats des­halb eine wich­tige Rolle.
Der nächste ent­schei­dende Punkt ist das Atmen. Den meis­ten Men­schen mit dem "Kör­per­schema der Angst" ist ihre beschränkte Atem­ka­pa­zi­tät nicht bewusst. Sie dabei anzu­lei­ten, wie­der bewuss­ter und tie­fer zu atmen, hilft ihnen dabei, ihren Kör­per wie­der mehr zu bewoh­nen und ihre Ener­gie zu ent­wi­ckeln. Dazu ver­wende ich Atem­tech­ni­ken aus dem Aikido und dem Ki-Training.
Erst dann fange ich die eigent­li­che Schwert­ar­beit an. Der Bok­ken ist ein Modell für das japa­ni­sche Lang­schwert (Katana) und das Schwert selbst ist in vie­len Kul­tu­ren ein arche­ty­pi­sches Sym­bol für das aktive, männ­li­che Prin­zip. Es steht für eine auf­rechte und auf­rich­tige äußere und innere Hal­tung, es hat etwas Kla­res, Ent­schie­de­nes, Schnei­den­des, Unter­schei­den­des, Tren­nen­des, Wehr­haf­tes. Es hilft sich abzu­gren­zen und auf eine effek­tive Weise Gren­zen zu zie­hen – bis hier­her und nicht wei­ter! Mit dem Bok­ken zu arbei­ten bedeu­tet, sich mit die­sem Prin­zip auf eine erfah­rungs­be­zo­gene Weise zu ver­bin­den, und das ist genau das, was Kli­en­tIn­nen mit dem "Kör­per­schema der Angst" brau­chen. Bereits das indi­vi­du­elle Bok­ken­schla­gen ist eine wun­der­bare Übung, um den gesam­ten Kör­per zu öff­nen, den Tho­rax mit der Inter­kost­al­mus­ku­la­tur wie­der leben­dig zu machen, Brust– und Zwerch­fell­at­mung zu ver­tie­fen, fest­ge­hal­tene Span­nung aus dem Schul­ter­gür­tel zu lösen und ein ver­fei­ner­tes Gefühl für die senk­rechte Kör­pe­r­achse zu ent­wi­ckeln. In der Part­ner­ar­beit kann dann mit Situa­tio­nen expe­ri­men­tiert wer­den, die zumin­dest modell­haft einen Bedro­hungs­cha­rak­ter haben. Dies gilt sowohl aktiv wie pas­siv. Es ist inter­es­sant, dass fast alle Teil­neh­mer an mei­nen Kur­sen, die das "Kör­per­schema der Angst" auf­wei­sen, anfangs Schwie­rig­kei­ten haben, ihre Übungs­part­ner authen­tisch mit dem Bok­ken anzu­grei­fen und ihre Ener­gie dabei nicht zu stop­pen. Wird man dage­gen mit dem Bok­ken ange­grif­fen, dann wirkt sich diese Bedro­hung meist sofort auf Atmung und Kör­per­hal­tung aus. Der Schutz­re­flex und seine Unef­fek­ti­vi­tät in die­ser Situa­tion wird so erfahr­bar gemacht. Dann geht es darum, durch eine Viel­zahl von Übun­gen auch in die­ser modell­haf­ten Situa­tion von Bedro­hung mehr und mehr ein Gefühl von Sou­ve­rä­ni­tät, Sicher­heit und Hand­lungs­frei­heit zu ent­wi­ckeln. Diese Erfah­rung gilt es dann in andere Lebens­be­rei­che zu über­tra­gen.


Aiki­do­trai­ning kann von
jedem gesun­den und
nor­mal beweg­li­chen
Men­schen unab­hän­gig
von Alter und Geschlecht begon­nen wer­den

Neben Ihrer kör­perthe­ra­peu­ti­schen Arbeit sind Sie Aikido-Lehrer. Was kön­nen wir aus die­ser Kampf­kunst Ihrer Erfah­rung nach vor allem ler­nen?
Ber­tram Wohak: Wer sich von die­ser Kampf­kunst ange­spro­chen fühlt und die­sen Weg geht, kann davon unglaub­lich pro­fi­tie­ren – kör­per­lich, gesund­heit­lich, see­lisch und natür­lich auch im sozia­len Ver­hal­ten. Es war eine revo­lu­tio­näre Leis­tung des Grün­ders von Aikido, O Sen­sei Mori­hei Ues­hiba, ehe­mals töd­li­che Kampf­künste zu einem mensch­li­chen Ent­wick­lungs­weg wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, bei dem es letzt­lich nicht mehr darum geht, einen Geg­ner zu besie­gen, son­dern um die Wie­der­her­stel­lung gestör­ter Har­mo­nie. Man lernt ganz hand­greif­lich und kon­kret, die eigene Dimen­sion bei einem Angriff auf eine Weise zu schüt­zen, durch die der Angriff neu­tra­li­siert, aber der Angrei­fer respek­tiert und nicht beschä­digt wird. Dazu ist natür­lich ein lan­ger Weg des Übens nötig, aber das ist, was die Welt heute braucht – drin­gen­der denn je.


Anhang:
Was ist Aikido?
Aikido ist eine rela­tiv junge Kampf­kunst, die in der ers­ten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts von dem Japa­ner Mori­hei Ues­hiba (1883 – 1969) ent­wi­ckelt wurde. Nach lan­gem Stu­dium tra­di­tio­nel­ler Kampf­künste gelangte Meis­ter Ues­hiba zu der Ein­sicht, dass es letzt­lich nicht darum geht, einen Geg­ner zu besie­gen, son­dern um die Wie­der­her­stel­lung gestör­ter Har­mo­nie. Dem­ent­spre­chend ler­nen Aikido-Praktizierende, einen Angriff nicht abzu­blo­cken, son­dern als "Ener­gie­ge­schenk" wahr­zu­neh­men. Damit wird es mög­lich, sich mit der Angriffs­en­er­gie zu ver­bin­den, um sie zu neu­tra­li­sie­ren, ohne dabei den Angrei­fer zu ver­let­zen. Aiki­do­tech­ni­ken sehen daher oft spie­le­risch, fast tän­ze­risch aus, sind gleich­zei­tig aber bei ent­spre­chen­dem Trai­nings­stand hoch­ef­fek­tiv.

Enveda.de hat für Lieferung, Warenqualität und Kundenservice die Note "Sehr gut" (4.86 von 5.00) durch 20 Trusted Shops-Bewertungen erhalten.