Emo­tio­nale Intel­li­genz

Mit dem popu­lär gewor­de­nen Begriff 'Emo­tio­nale Intel­li­genz' wird eine Kom­bi­na­tion aus Selbst­wahr­neh­mung, Selbst­re­fle­xion und Selbst­steue­rung im Umgang mit sich selbst und ande­ren bezeich­net. Im Kern geht es um den acht­sa­men Umgang mit Gefüh­len. Der Arti­kel beschreibt, was emo­tio­nale Intel­li­genz ist, wie wir sie ent­wi­ckeln und unsere emo­tio­nale Kom­pe­tenz stei­gern kön­nen.

Die Koope­ra­tion von Herz und Hirn – Gefühle erken­nen und sinn­voll nut­zen

Das Wort sagt es schon: Emo­tio­nen brin­gen uns in Bewe­gung (Motion) – und damit aus der Ruhe. Oft genug las­sen wir uns unter dem Ein­fluss der Emo­tio­nen – zu deutsch: Gefühle – zu Wor­ten und Taten hin­rei­ßen, die wir spä­ter zutiefst bereuen. Aus Angst davor, von hef­ti­gen Gefüh­len erschüt­tert und über­wäl­tigt zu wer­den, fal­len viele ins andere Extrem und unter­drü­cken, ver­drän­gen ihre Gefühle. Doch sind sie immer noch da, denn Gefühle beglei­ten und fär­ben unser Den­ken und Han­deln wie die Wol­ken den Him­mel. So ist es sinn­vol­ler und berei­chern­der zu ler­nen, die eige­nen wie auch fremde Gefühle recht­zei­tig zu erken­nen, zu ver­ste­hen und kon­struk­tiv mit ihnen umzu­ge­hen, statt unsere fami­liä­ren und beruf­li­chen Bezie­hun­gen aus Angst vor Ver­let­zun­gen oder Ent­glei­sun­gen in Gefühls­kälte erstar­ren zu las­sen.
Genau diese Koope­ra­tion von Herz und Hirn ver­steht man unter dem popu­lär gewor­de­nen Begriff "Emo­tio­nale Intel­li­genz", abge­kürzt: EI. Es han­delt sich dabei um eine Kom­bi­na­tion von Selbst­wahr­neh­mung (meist inkor­rekt Selbst­be­wusst­heit genannt), Selbst­re­fle­xion und Selbst­steue­rung im Umgang mit sich selbst und ande­ren Men­schen, die eine ganze Reihe von sozia­len Kom­pe­ten­zen oder Fähig­kei­ten her­vor­bringt: Ein­füh­lungs­ver­mö­gen, Auf­merk­sam­keit, Mit­ge­fühl, Respekt, Takt, Höf­lich­keit, Rück­sicht­nahme, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit, Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz u.v.a. Unvoll­stän­dig wie diese Liste ist, sie lässt doch erken­nen, wie ent­schei­dend der acht­same Umgang mit Gefüh­len für den herr­schen­den Ton in allen Ein­hei­ten einer Gesell­schaft ist. Emo­tio­nale Intel­li­genz ist quasi das Schmier­mit­tel im sozia­len Getriebe.

Die Intel­li­genz des Her­zens Gefühle kön­nen uns zudem wich­tige Infor­ma­tion über uns selbst, unsere Mit­men­schen, eine Situa­tion geben, sofern wir uns ihnen ehr­lich stel­len und sie zu ergrün­den bereit sind. Wut mag uns auf Unge­rech­tig­keit auf­merk­sam machen und uns die Kraft geben, diese aus der Welt zu schaf­fen. Scham kann uns einen Feh­ler, eine Schwach­stelle zei­gen und Ansporn sein, uns zu bes­sern. Angst mahnt uns zu Umsicht und Zurück­hal­tung. Trau­rig­keit lehrt uns eini­ges über unsere Werte und das Geben und Neh­men. "Die wahre Intel­li­genz ist die des Her­zens", sagt die fran­zö­si­sche Psy­cho­the­ra­peu­tin Isa­belle Fil­liozat, die sich seit über 20 Jah­ren mit dem Thema Emo­tio­nen beschäf­tigt (Bücher: "Die Intel­li­genz der Gefühle ent­de­cken" und "Sei wie du fühlst. Mit Emo­tio­nen bes­ser leben").

Diese "Intel­li­genz des Her­zens", die lange Jahre für uner­heb­lich gehal­ten und als typi­sche Frau­en­do­mäne abge­wer­tet wurde, wird heute zuneh­mend beach­tet und aner­kannt. Mit sei­ner Behaup­tung, dass die logisch-rationale Intel­li­genz, die mit dem IQ gemes­sen wird, ent­ge­gen der land­läu­fi­gen Annahme nur etwa 20% zum Erfolg im Beruf und im Leben bei­steu­ert, wurde der ame­ri­ka­ni­sche Psy­cho­loge und Jour­na­list Dan Gole­man 1995 schlag­ar­tig berühmt. Min­des­tens ebenso wich­tig wie der Intelligenz-Quotient seien so genannte "wei­che" Fähig­kei­ten – Empa­thie (die Fähig­keit des Mit­emp­fin­dens), Gefühls­wahr­neh­mung, Kon­flikt­fä­hig­keit, Selbst­mo­ti­va­tion und Eigen­schaf­ten wie Opti­mis­mus, Krea­ti­vi­tät, Aus­dauer und Fle­xi­bi­li­tät. So neu war diese Erkennt­nis gar nicht, erfor­schen US-Psychologen doch schon seit den 50er Jah­ren inten­siv das Zusam­men­wir­ken von Emo­tio­nen und Intel­li­genz. Aber Gole­mans Ver­dienst besteht darin, einige mar­kante Ergeb­nisse in sei­nem inter­na­tio­na­len Best­sel­ler "Emo­tio­nale Intel­li­genz" popu­lär­wis­sen­schaft­lich (lei­der auch ver­ein­fa­chend) auf­be­rei­tet zu haben und damit ein gro­ßes Inter­esse an der Bedeu­tung der Emo­tio­nen für das indi­vi­du­elle Vor­an­kom­men und Wohl­be­fin­den zu wecken.
Neben den bereits erwähn­ten Fähig­kei­ten schätzt Gole­man das Erken­nen der Gefühle ande­rer hoch ein: "Unter 1.011 getes­te­ten Kin­dern waren die­je­ni­gen, die non­ver­bal Gefühle zu deu­ten ver­stan­den, die belieb­tes­ten in ihrer Klasse und die emo­tio­nal sta­bils­ten. Sie waren auch in der Schule erfolg­rei­cher, obwohl ihr IQ im Durch­schnitt nicht höher war als der von Kin­dern, die im Deu­ten non­ver­ba­ler Mit­tei­lun­gen weni­ger gut waren … Nach einer Faust­re­gel der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­scher ist eine emo­tio­nale Mit­tei­lung zu 90 oder mehr Pro­zent non­ver­bal." (s. S. 128) Neu­ro­lo­gen haben fest­ge­stellt, dass es im Seh­zen­trum des mensch­li­chen Gehirns Fel­der gibt, die dar­auf aus­ge­rich­tet sind, die Emo­tio­nen ande­rer zu deu­ten. Das Trai­ning die­ser Hirn­areale in der Kind­heit könne, so Gole­man, die emo­tio­nale und soziale Kom­pe­tenz eines Men­schen beträcht­lich stei­gern.

Emo­tio­nale Intel­li­genz in Bil­dung und Wirt­schaft Die Vor­teile einer ver­bes­ser­ten Wahr­neh­mung von Gefüh­len und eines kom­pe­ten­te­ren Umgangs damit sind weit­ge­fä­chert: EI kommt zunächst der kör­per­li­chen und psy­chi­schen Gesund­heit zugute, sie ist aber auch als wirk­sa­mes Gegen­mit­tel für die zuneh­mende Gewalt­be­reit­schaft unter Kin­dern und Jugend­li­chen erkannt wor­den. Dank­bar grif­fen US-Pädagogen und Schul­psy­cho­lo­gen die The­sen Gole­mans auf und führ­ten ab 1996 Pro­gramme zur Ent­wick­lung von Emo­tio­na­ler Intel­li­genz an einer Viel­zahl von ame­ri­ka­ni­schen Schu­len ein. Etwa das Megaskills-Trainingsprogramm der Erzie­hungs­wis­sen­schaft­le­rin Doro­thy Rich, das inzwi­schen in 48 US-Bundesstaaten an über 3.000 Schu­len ange­wandt wird. Rich unter­streicht die Wich­tig­keit von EI für die Her­aus­bil­dung der elf "Mega­s­kills" (skill = Fähig­keit), die ins­be­son­dere für die soziale Kom­pe­tenz ent­schei­dend seien: Ver­trauen, Moti­va­tion, Dis­zi­plin, Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl, Initia­tive, Aus­dauer, Mit­ge­fühl, Team-Geist, gesun­der Men­schen­ver­stand, pro­blem­lö­sen­des Den­ken und Kon­zen­tra­tion. Diese elf Fähig­kei­ten gelte es in Vor­be­rei­tung auf die Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft zu ent­wi­ckeln.

Auch die Six Seconds EI Net­work von Jos­hua Freed­man enga­giert sich für das Bil­dungs­ziel Emo­tio­nale Intel­li­genz in Schu­len und lehrt in Orga­ni­sa­tio­nen und Gemein­den rund um die Welt den respekt­vol­len, erfolg­rei­chen Umgang mit Emo­tio­nen. "Der Zweck von Bil­dung ist nicht die Anhäu­fung von Wis­sen, son­dern die Ent­fal­tung von Weis­heit und Begeis­te­rung", erklärt Freed­man. "Gefühle zäh­len; sie sind ein wert­vol­ler Teil von uns, von unse­ren Bezie­hun­gen und wesent­lich für krea­ti­ves pro­blem­lö­sen­des und kri­ti­sches Den­ken."

"Wie hoch ist dein EQ?" Stär­ker noch als im Bil­dungs­we­sen setz­ten sich Gole­mans The­sen im Bereich der Unter­neh­mens­füh­rung durch, denn Gole­man hatte von Anfang an das Geheim­nis des "Erfol­ges in Beruf und Leben" in den Mit­tel­punkt sei­ner Unter­su­chun­gen gestellt. Heute berät seine Firma "Emo­tio­nal Intel­li­gence Ser­vices" inter­na­tio­nal tätige Unter­neh­men, und EI-Seminare für Mana­ger, Per­so­nal­chefs und lei­tende Ange­stellte boo­men – auch in Europa. Denn wer wollte nicht seine Füh­rungs­qua­li­tä­ten ver­voll­komm­nen und sei­nen wirt­schaft­li­chen Erfolg durch ein gutes Bezie­hungs– und Kon­flikt­ma­nage­ment opti­mie­ren? Inzwi­schen wird die ein­sei­tig öko­no­mi­sche Sicht­weise von EI und ihren Ein­satz­mög­lich­kei­ten, die über­trie­bene, ver­ein­fa­chende Dar­stel­lung und irre­füh­rende Wer­bung für EI-Trainings immer ver­nehm­ba­rer kri­ti­siert.

Wäh­rend die popu­lä­ren Defi­ni­tio­nen von Emo­tio­na­ler Intel­li­genz ledig­lich – wie oben – Auf­lis­tun­gen von wün­schens­wer­ten Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten und Fähig­kei­ten sind, kon­zen­trie­ren sich die wis­sen­schaft­li­chen Defi­ni­tio­nen der Psy­cho­lo­gen und Neu­ro­wis­sen­schaft­ler auf spe­zi­fi­sche, über­prüf­bare men­tale Fähig­kei­ten und geben Ein­blick, wie Gefühle am Erkennt­nis­vor­gang betei­ligt sind. Ein schwie­ri­ges Gebiet, und obwohl der so genannte EQ oder Emotions-Quotient heute viel beschwo­ren wird – ein dem unan­fecht­ba­ren IQ-Testverfahren ver­gleich­ba­res Mess­ver­fah­ren zur Fest­stel­lung der Emo­tio­na­len Intel­li­genz gibt es bis heute nicht. EQ ade!
Die bis­her umfas­sendste Methode zur Erfas­sung der indi­vi­du­el­len EI ist die "EQ-Map" von Esther Orioli, eine "Land­karte" der emo­tio­na­len und sozia­len Inter­ak­ti­ons­fä­hig­keit, die auf fünf Para­me­tern beruht, dar­un­ter "Werte und Über­zeu­gun­gen" und der gegen­wär­tige Stand­ort im Leben. Im übri­gen geht der geläu­fige Aus­druck "EQ" nicht etwa auf Daniel Gole­man zurück, son­dern auf die Jour­na­lis­ten des TIME-Magazins: Auf dem Cover der Aus­gabe vom 2. Okto­ber 1995, zeit­gleich mit dem Erschei­nen sei­nes ers­ten EI-Buches, stand als Auf­ma­cher in rie­si­gen Let­tern: "What is your EQ?" – Wie hoch ist dein EQ?
Selbst der Aus­druck "emo­tio­nale Intel­li­genz" wurde nicht von Gole­man geprägt, son­dern vor ihm von den renom­mier­ten Gefühls­for­schern Peter Salovey und John Mayer, und die Bezeich­nung "emo­tio­nal liter­acy" (dt. emo­tio­nale Kom­pe­tenz) für die Fähig­keit, Gefühle zu "lesen", d.h. zu ver­ste­hen und adäquat aus­zu­drü­cken, stammt von Claude Stei­ner.

Emo­tio­nale Kom­pe­tenz ler­nen Den Pro­ble­men mit der Unwis­sen­schaft­lich­keit zum Trotz haben sich eine Reihe von Ansät­zen und Metho­den zur sys­te­ma­ti­schen För­de­rung von emo­tio­na­ler Intel­li­genz bewährt. Vor allem ist Claude Stei­ner, ein Schü­ler von Eric Berne, dem Begrün­der der Trans­ak­ti­ons­ana­lyse, und sein Buch "Emo­tio­nale Kom­pe­tenz" (1996), ein prak­ti­sches Trai­nings­pro­gramm in 12 Schrit­ten, her­vor­zu­he­ben.
Emo­tio­nale Kom­pe­tenz, wie oben defi­niert, ist nach Stei­ner nicht iden­tisch mit emo­tio­na­ler Intel­li­genz, son­dern nur ein Ele­ment davon. Sei­nem her­zens­zen­trier­ten Ansatz zufolge hängt die Ent­wick­lung vom emo­tio­na­ler Kom­pe­tenz (EK) mit der Ent­wick­lung von so genann­ten Her­zens­qua­li­tä­ten zusam­men; dar­un­ter sind vor­nehm­lich Mit­mensch­lich­keit, Herz­lich­keit, Wärme sowie das groß­zü­gige Geben und Anneh­men von Zuwen­dung und posi­ti­ver Aner­ken­nung ("Strei­chel­ein­hei­ten") zu ver­ste­hen. Stei­ner fasst den Erwerb von EK in fünf Haupt­fä­hig­kei­ten zusam­men:

1. Gefühle erken­nen
Schauen Sie ehr­lich hin und erken­nen Sie ihre wah­ren Gefühle, auch die unan­ge­neh­men (Scham, Furcht, Zwei­fel etc.). Benen­nen Sie das Gefühl so zutref­fend wie mög­lich; erwei­tern Sie Ihren Gefühls-Wortschatz und dif­fe­ren­zie­ren Sie Nuan­cen, z.B. zwi­schen "ärger­lich" und "zor­nig". Unter­su­chen Sie den Aus­lö­ser (Grund) für das Gefühl. Ler­nen Sie die Abstu­fun­gen in der Inten­si­tät Ihrer Gefühle unter­schei­den: über­wäl­ti­gend, stark, schwach oder unter­schwel­lig.

2. Empa­thie ent­wi­ckeln
Empa­thie, auch Ein­füh­lung genannt, ist das Ver­mö­gen, sich in die Lage ande­rer zu ver­set­zen und ihre Gefühle in Reso­nanz nach– bzw. mit­zu­emp­fin­den. Erspü­ren Sie die Gefühle ihrer Mit­men­schen, als wären es die eige­nen. Und ver­ste­hen Sie, warum sie sich so füh­len.

3. Mit Gefüh­len umge­hen
Haben Sie die Kon­trolle über Ihre Gefühle? Kön­nen Sie mit ihnen umge­hen? Beim Gefühls­ma­nage­ment geht es um adäqua­ten Aus­druck: Wir müs­sen wis­sen, wie der Aus­druck von Gefüh­len auf andere Leute wirkt und wann und in wel­cher Form er ange­bracht ist. Es gilt fer­ner, a) posi­tive Gefühle wie Freude und Liebe zu behaup­ten; b) nega­tive Gefühle (wie Zorn, Schuld und Furcht) auf nicht ver­let­zende und kon­struk­tive Weise aus­zu­drü­cken, und c) den rich­ti­gen Zeit­punkt für den Aus­druck von Emo­tio­nen zu erken­nen.

4. Ver­ant­wor­tung über­neh­men
Eigene emo­tio­nal bedingte Feh­ler, durch die man andere ver­letzt hat, ein­zu­ge­ste­hen und wie­der gut­zu­ma­chen ist die schwie­rigste Kom­po­nente von EK. Statt einen Fehl­tritt unter den Tep­pich zu keh­ren, gilt es, die Ver­ant­wor­tung dafür zu über­neh­men, um Ver­zei­hung oder Ver­ge­bung zu bit­ten und aktiv den Scha­den zu repa­rie­ren.

5. Den Kon­takt unfall­frei gestal­ten
Alle Aspekte zusam­men­brin­gen: Um in emo­tio­nal rei­bungs­freiem Aus­tausch mit ande­ren zu ste­hen, spü­ren Sie die Gefühle ande­rer, erken­nen und ver­ste­hen deren Zustand und kön­nen effek­tiv und ohne Gefühls­ver­let­zung und –mani­pu­la­tion den Kon­takt mit ande­ren pfle­gen.
Allen Metho­den des Gefühls­ma­nage­ments liegt eine Hal­tung zugrunde: der/die Ein­zelne über­nimmt die Ver­ant­wor­tung für die Fol­gen sei­nes Füh­lens, Den­kens und Han­delns. Gefühle kann nie­mand steu­ern, wohl aber das Ver­hal­ten, das dar­auf folgt. Wie Vik­tor E. Frankl, der Begrün­der der Logo­the­ra­pie, unter­strich: Wir kön­nen nicht bestim­men, was auf uns zukommt, aber wir kön­nen wäh­len, wie wir dar­auf rea­gie­ren.

Die Gefühle in der Medi­ta­tion Gole­man zufolge ist die Fähig­keit zur Impuls­kon­trolle ein beson­ders wich­ti­ger Indi­ka­tor für den Erfolg im Leben. Das bedeu­tet: recht­zei­tig inne­hal­ten, tief durch­at­men, Zeit gewin­nen, sich selbst spü­ren, über­le­gen und dann erst spre­chen oder han­deln. Dabei wird die Auf­merk­sam­keit ver­la­gert vom äuße­ren Gesche­hen auf die Vor­gänge im eige­nen Bewusst­sein. Indem man den Schal­ter von außen nach innen umlegt, unter­bricht man den Impuls zur Reak­tion. Wer medi­tiert, dem ist die­ser "Kame­ra­schwenk" ver­traut, denn in der Medi­ta­ti­ons­pra­xis übt man zual­ler­erst, die Auf­merk­sam­keit von der Sin­nes­wahr­neh­mung abzu­zie­hen und wil­lent­lich zu len­ken. Mit der Übung gelingt dies immer bes­ser und schnel­ler.

Medi­ta­tion – sofern sie wirk­lich Medi­ta­tion ist und nicht gedank­li­che Refle­xion oder ima­gi­nie­rende Visua­li­sie­rung – ist keine Flucht vor sich selbst und den Pro­ble­men des Lebens, son­dern die radi­kalste Form der Selbst­be­geg­nung über­haupt. In allen ernst­zu­neh­men­den Medi­ta­ti­ons­prak­ti­ken, wie z.B. Zen, Vipas­sana, Yoga oder christ­li­che Kon­tem­pla­tion, ist es das Ziel, in der Stille des Bewusst­seins sei­ner selbst gewahr zu wer­den – und zu blei­ben. Zunächst stei­gen wäh­rend der Medi­ta­tion alle mög­li­chen Bewusst­seinsin­halte – Gefühle, Gedan­ken, Erin­ne­run­gen, Phan­ta­sien, Hoff­nun­gen etc. – auf, doch lernt man sie ohne Iden­ti­fi­ka­tion, ohne Abwehr und ohne Beur­tei­lung anzu­schauen und "ste­hen zu las­sen". Das ist alles andere als Ver­drän­gung.

Aller­dings kön­nen die Gefühle und Gedan­ken mit­un­ter so erschre­ckend, so beschä­mend, so absto­ßend sein, dass man am liebs­ten flie­hen und die Pra­xis abbre­chen möchte. Doch erfah­rene Medi­ta­ti­ons­leh­rer raten dazu, sie mit einer Hal­tung von offe­ner Akzep­tanz aus­zu­hal­ten, bei der Übung zu "blei­ben" und Stand­haf­tig­keit zu ent­wi­ckeln. Denn durch das Wahr­neh­men und "Ste­hen­las­sen" lösen sich die Gefühle und Gedan­ken auf, mit dem Ergeb­nis, dass sie immer lang­sa­mer flie­ßen und zwi­schen­durch der Trä­ger die­ser Bewusst­seinsin­halte deut­lich erfah­ren wird: das Bewusst­sein, das wir selbst (und alle ande­ren Lebe­we­sen) sind, kehrt zu sich selbst zurück. Erst dann durch­schaut man die Gefühle: Sie sind nicht ein Teil von unse­rem wah­ren Selbst, denn sie ver­ge­hen, wir aber nicht.

Pema Chö­drön, Leh­re­rin in der Nach­folge von Chö­g­yam Trungpa, schreibt in ihrem neu­es­ten Buch "Geh an die Orte, die du fürch­test" (Arbor 2002) über den Umgang mit Gefüh­len in der Medi­ta­tion: "Wir üben Medi­ta­tion, um mit Mai­tri (Mit­ge­fühl) und bedin­gungs­lo­ser Offen­heit in Kon­takt zu kom­men. Indem wir nichts absicht­lich abblo­cken, indem wir unsere Gedan­ken in dem Bewusst­sein, dass sie nicht der Rede wert sind, direkt berüh­ren und sie dann gehen las­sen, kön­nen wir ent­de­cken, dass unsere grund­le­gende Ener­gie zart, gesund und frisch ist."
Je häu­fi­ger diese beglü­ckende Selbst-Erfahrung in der Medi­ta­tion gemacht wird, desto fes­ter wird unser Stand in unse­rer Mitte und desto gerin­ger die Wahr­schein­lich­keit, dass wir wie vom Tsu­nami nach einem See­be­ben bei Unan­nehm­lich­kei­ten von unse­ren Gefüh­len über­wäl­tigt wer­den. Wer auf die beschrie­bene Weise medi­tiert, des­sen Gemüt wird klar und fried­lich, seine E-Motionen brin­gen ihn nicht mehr aus der Ruhe, und er wird – ohne sei­nen Kopf erst ein­zu­schal­ten – der ein­fühl­sa­men, unei­gen­nüt­zi­gen Zuwen­dung zum Nächs­ten fähig.

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