Die Zeit und andere Irr­tü­mer
Wie Rela­ti­vi­täts­theo­rie und Quan­ten­phy­sik auch heute noch unser Ver­ständ­nis erschüt­tern

Manch­mal besteht der ein­zige Schutz gegen unbe­queme Erkennt­nisse darin, dass wir sie ohne­hin nur schwer begrei­fen kön­nen. Dabei sind die For­schungs­er­geb­nisse der moder­nen Phy­sik über die Zeit längst nicht mehr neu. Sie könn­ten aber, wenn sie wirk­lich in unser Bewusst­sein durch­si­cker­ten, nicht nur unser Welt­ver­ständ­nis, son­dern auch die ethi­schen Richt­li­nien unse­res Han­delns revo­lu­tio­nie­ren: Licht besteht aus Wel­len und/oder Teil­chen. Abso­lute Zeit gibt es nicht.

Manch­mal besteht der ein­zige Schutz gegen unbe­queme Erkennt­nisse darin, dass wir sie ohne­hin nur schwer begrei­fen kön­nen. Dabei sind die For­schungs­er­geb­nisse der moder­nen Phy­sik über die Zeit längst nicht mehr neu. Sie könn­ten aber, wenn sie wirk­lich in unser Bewusst­sein durch­si­cker­ten, nicht nur unser Welt­ver­ständ­nis, son­dern auch die ethi­schen Richt­li­nien unse­res Han­delns revo­lu­tio­nie­ren: Licht besteht aus Wel­len und/oder Teil­chen. Abso­lute Zeit gibt es nicht. Raum und Zeit hän­gen von­ein­an­der ab. Was Rea­li­tät ist, bestimmt der­je­nige, der sie beob­ach­tet … West­li­che Logik ver­blasst ange­sichts einer sol­chen Fülle von Wider­sprü­chen. Haben etwa eher die indi­schen Wei­sen recht, deren Aus­sa­gen zur Welt­schöp­fung meist para­dox waren? »Weder war etwas noch war nichts«, sagen die indi­schen Veden über den Ursprung der Welt.
Also: Exis­tiert die Zeit nun oder exis­tiert sie nicht? Oder weder noch?

Wir Men­schen haben es gerne abso­lut. Ein Meter ist ein Meter, eine Stunde eine Stunde, oben ist oben, unten ist unten. Im All­tags­le­ben hilft uns eine solch beschränkte Sicht­weise unge­mein, aber dar­aus zu schlie­ßen, dass wir es in der Rea­li­tät wirk­lich mit lau­ter fes­ten Gege­ben­hei­ten zu tun haben, ist schlicht falsch.
In unse­rem klar umris­se­nen Welt­bild wer­den wir dann immer mal wie­der von Leu­ten auf­ge­stört, die offen­kun­dig unse­ren »gesun­den Men­schen­ver­stand« belei­di­gen. Koper­ni­kus war einer die­ser Stö­ren­friede. Bis zu ihm gab es ein abso­lu­tes Oben und Unten. Lange zögerte er, seine Erkennt­nisse zu ver­öf­fent­li­chen. Plötz­lich war nicht mehr die Erde im Mit­tel­punkt, son­dern die Sonne. Und wenn es kein Oben und Unten mehr gibt, wo soll man mit Him­mel und Hölle hin? Koper­ni­kus wusste, dass er sich gegen vie­les stellte, was der soge­nannte gesunde Men­schen­ver­stand nie bezwei­felt hatte. Heute ? nach einem hal­ben Jahr­tau­send, haben wir (mit Hilfe der Raum­fahrt) begrif­fen, dass »oben« davon abhängt, wo ich mich auf der Erde befinde. In Neu­see­land ist dort oben, wo für uns in Deutsch­land unten ist. Und in der Schwe­re­lo­sig­keit des Alls wer­den die einst­mals so kla­ren Vor­stel­lun­gen tota­ler Nonsens.Dann kam der Darwin-Schock, den Fun­da­men­ta­lis­ten aller Rich­tun­gen bis heute nicht ver­daut haben. Der Mensch ein Kind der Mut­ter Erde? Da schreien viele nach dem Vater. Immer­hin wird um die wahre Abstam­mung des Men­schen noch hef­tig gestrit­ten. In vie­len Bun­des­staa­ten der USA darf Dar­wins Evo­lu­ti­ons­lehre bis heute in den Schu­len nicht gelehrt wer­den.

Ein­stein ? das ver­drängte Genie
Um Ein­stein strei­tet heute nie­mand mehr. Oder noch nicht. Bis­her wer­den seine For­schungs­er­geb­nisse von der All­ge­mein­heit, tie­fen­psy­cho­lo­gisch gespro­chen, ver­drängt. Zu mäch­tig wären die Ver­än­de­run­gen in unse­rem Den­ken. Ein­stein hat unsere Dog­men noch mehr gekränkt, indem er behaup­tet (inzwi­schen expe­ri­men­tell bewie­sen),
- dass es im gan­zen Uni­ver­sum keine Gerade gibt, weil aller Raum gekrümmt ist
- weder ein abso­lu­ter Raum noch eine abso­lute Zeit exis­tie­ren
- dass Gleich­zei­tig­keit eine Illu­sion ist
- dass Raum und Zeit iden­tisch sind.
In der Nähe eines soge­nann­ten Schwar­zen Loches wird die Zeit extrem lang­sam, bis sie still­steht und sich der Raum so in sich selbst krümmt, dass er ver­schwin­det ? für einen Beob­ach­ter in siche­rer Ent­fer­nung. Würde die­ser ins Schwarze Loch stür­zen, ver­liefe die Zeit für ihn wie gewohnt. Er würde ster­ben, auch wenn ein zwei­ter Beob­ach­ter fest­stel­len müsste, dass er ewig lebt, weil die Zeit zum Ster­ben in aller Ewig­keit liegt. Hübsch, nicht?
Neben­bei hat Ein­stein noch gezeigt, dass zwi­schen Mate­rie und Ener­gie kein grund­le­gen­der Unter­schied besteht, so wenig wie zwi­schen Eis und Was­ser. 500 Meter über Hiro­shima wurde 1945 ein ein­zi­ges Gramm Mate­rie in reine Ener­gie ver­wan­delt ? die Wir­kun­gen sind bekannt. Hun­dert Jahre sind es, seit Ein­stein seine Rela­ti­vi­täts­theo­rie ver­öf­fent­lichte. Viel­leicht dau­ert es noch ein­mal vier­hun­dert, bis sie all­ge­mein begrif­fen ist. Jeden­falls wird unser Ver­ständ­nis von Zeit dann ein völ­lig ande­res sein.


"Zeit ist das, was ver­hin­dert, dass alles auf ein­mal pas­siert" John A. Whee­ler, US-Physiker

Der Quanten-Schock
Inzwi­schen hat die Quan­ten­phy­sik alles noch schlim­mer gemacht. Die Jahr­tau­sende alte Logik, die unser gan­zes bewuss­tes Den­ken steu­ert, stimmt nicht. Diese Logik geht auf Aris­to­te­les zurück, der z.B. sagt, dass etwas nicht zugleich sein und nicht sein kann. Die Phy­si­ker haben (teil­weise zu ihrem eige­nen Ent­set­zen) her­aus­ge­fun­den, dass sich kleinste Teil­chen völ­lig unlo­gisch ver­hal­ten. Niels Bohr schreibt: »Die­je­ni­gen, die bei der ers­ten Begeg­nung mit der Quan­ten­theo­rie kei­nen Schock erlei­den, haben sie nicht ver­stan­den.«
Das Licht besteht ent­we­der aus Wel­len oder Mini-Teilchen, den Pho­to­nen. Das hängt allein vom Beob­ach­ter ab. Das heißt, wir kon­sti­tu­ie­ren die Rea­li­tät durch unsere vorab geheg­ten Erwar­tun­gen. Und diese Pho­to­nen ver­hal­ten sich (wie andere Ele­men­tar­teil­chen) völ­lig unlo­gisch. Sie machen, jen­seits aller her­kömm­li­chen Logik, ein­fach was sie wol­len. Die­ses Chaos lässt sich para­do­xer­weise in exakte mathe­ma­ti­sche For­meln fas­sen. Am bes­ten könnte man das Ver­hal­ten der Ele­men­tar­teil­chen damit erklä­ren, dass sie eine Art von Bewusst­sein besit­zen. Aber dar­über spre­chen Wis­sen­schaft­ler höchs­tens hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand.
Die für unser Den­ken schwer­wie­gendste Fol­ge­rung ist jedoch, dass eine objek­tive Beob­ach­tung unmög­lich ist. Egal, was wir beob­ach­ten: wir sind immer Mit­spie­ler und bestim­men letzt­lich, was in der soge­nann­ten Rea­li­tät wirk­lich wird. Objek­ti­vi­tät ist nichts als eine Bewusst­seins­stö­rung.


"Die­je­ni­gen, die bei der ers­ten Begeg­nung mit der Quan­ten­theo­rie kei­nen Schock erlei­den, haben sie nicht ver­stan­den." Niels Bohr, Begrün­der der Quan­ten­phy­sik

Die rela­tive Zeit
Eine grund­le­gende Schwie­rig­keit besteht schon darin, dass Raum und Zeit nicht getrennt sind. Ein­stein spricht immer von »Raum­zeit«. Vor dem Urknall gab es weder Raum noch Zeit, den­noch spre­chen wir von einem »vor­her«, das es im Grunde gar nicht gab. Es gab nicht ein­mal das Nichts. Der Zusam­men­hang von Raum und Zeit ist für unse­ren All­tags­ver­stand nicht fass­bar. Also las­sen wir den Raum erst mal weg und spre­chen von der Zeit.
Machen wir eine Phan­ta­sie­reise als Raum­fah­rer. Die Rakete fliegt sofort mit 99,9 Pro­zent Licht­ge­schwin­dig­keit von unse­rem Stand­punkt los. Unser Dou­ble von der Erde kann mit sei­nen Instru­men­ten sehen, dass im Raum­schiff alle Uhren unend­lich lang­sam gehen und sich alles in Super-Super-Zeitlupe bewegt. Dort steht ? von hier aus gese­hen ? die Zeit fast still. In der Rakete merkt man nichts davon ? alles geht sei­nen nor­ma­len Gang. Die Rakete wen­det nach eine Stunde und heizt zurück. Nach wei­te­ren 60 Minu­ten lan­det sie. Für die Raum­fah­rer sind genau zwei Stun­den ver­gan­gen. Für den Dop­pel­gän­ger auf der Erde knapp zwei Tage.

Jen­seits unse­res Vor­stel­lungs­ver­mö­gens
In unse­rer Phan­ta­sie könn­ten wir die Geschwin­dig­keit noch wei­ter stei­gern, so dass in den zwei Raumschiff-Stunden auf der Erde 1000 Jahre oder noch mehr ver­gan­gen sind. Rei­sen in die Zukunft steht also nur die bis­her nicht ent­wi­ckelte Tech­nik im Wege. Die Ver­gan­gen­heit dage­gen ist für Ein­stein uner­reich­bar und unab­än­der­lich, so dass eine Rück­kehr unmög­lich wäre.
Er fand her­aus: die Zeit ist rela­tiv, sie hängt ab von der (rela­ti­ven) Geschwin­dig­keit des­sen, der sie misst. Eine abso­lute Geschwin­dig­keit ist undenk­bar. Dass die Zeit auch noch von der Gra­vi­ta­tion, also der Schwer­kraft, beein­flusst wird, macht das Ganze nicht ein­fa­cher. In der abso­lu­ten Gra­vi­ta­tion eines Schwar­zen Loches steht die Zeit (rela­tiv) still. Das über­steigt unser all­täg­li­ches Vor­stel­lungs­ver­mö­gen. Mei­nes auch.

Erleuch­tung ? voll­kom­mene Gegen­wart
Der Phi­lo­soph Lud­wig Witt­gen­stein schreibt: »Wenn man unter Ewig­keit nicht unend­li­che Zeit­dauer, son­dern Unzeit­lich­keit ver­steht, dann lebt der ewig, der in der Gegen­wart lebt.«
Wir erle­ben die Zeit als abso­lut und haben das Gefühl, wir kön­nen die­ser uner­bitt­li­chen Macht nicht ent­rin­nen. Ande­rer­seits haben wir uns diese abso­lute Zeit erschaf­fen, weil wir nicht wol­len, dass alles in die­sem einen Augen­blick pas­siert. Wir wol­len die Klänge eines Musik­stücks schön hin­ter­ein­an­der hören. Viele brau­chen die Ver­gan­gen­heit, um sich in ihr vor der Gegen­wart zu ver­ste­cken. Andere leben in der Zukunft und bauen ihre Luft­schlös­ser. Vor der Gegen­wart fürch­ten wir uns mehr als vor dem Tod. Man könnte auch sagen, vor der Erleuch­tung, in der der Irr­tum der Zeit ent­larvt wird. Diese Furcht hat Fol­gen. Eine davon ist Fun­da­men­ta­lis­mus. Fun­da­men­ta­lis­mus bedeu­tet, dass etwas für abso­lut gehal­ten wird. Jeder Anhän­ger des Abso­lu­ten behaup­tet von sich, die abso­lute Wahr­heit zu besit­zen. Und da es nun mal ver­schie­dene sol­cher Wahr­hei­ten gibt, kämp­fen sie gegen­ein­an­der. Wir wis­sen, was die christ­li­chen, isla­mi­schen, hin­du­is­ti­schen usw. Wahr­heits­be­sit­zer tun. Es ist längst nicht mehr der Kampf zwi­schen Arm und Reich, der da tobt. Es ist der Krieg der abso­lu­ten Über­zeu­gun­gen gegen­ein­an­der, von Nord­ir­land bis Viet­nam. Hit­ler, Sta­lin und Pol Pot waren im Besitz je einer »abso­lu­ten Wahr­heit«. Fast alle haben wir innere Über­zeu­gun­gen, von denen wir nicht las­sen ? auch wenn wir des­halb ande­ren nicht gleich ande­ren die Köpfe ein­schla­gen. Vor allem die eher­nen Bil­der, die wir von uns selbst haben, füh­ren zu Angst und Leid.

Abso­lute »Wahr­hei­ten« im Clinch
Der Osten ging einen ande­ren Weg. Unter den Anhän­gern von Bud­dhis­mus, Hin­du­is­mus und Tao­is­mus mag es auch Fun­da­men­ta­lis­ten geben, aber der Kern die­ser Welt­an­schau­un­gen besteht in der mys­ti­schen Ein­sicht, dass alle Phä­no­mene ihre Grund­lage in einer ein­zi­gen Iden­ti­tät haben. Raum und Zeit, Sein und Nicht­sein, Ursa­che und Wir­kung, Wahr­heit und Unwahr­heit so wie alle ande­ren Gegen­sätze sind Illu­sio­nen, die unser Geist unter der Hyp­nose des »Maya« (Welt des Rela­ti­ven, der Dua­li­tät, des Scheins) pro­du­ziert. Die­ses uralte Wis­sen wird mehr und mehr durch die moderne Phy­sik bestä­tigt, auch wenn es den Wis­sen­schaft­lern dabei immer wie­der mul­mig wird. Die Kos­mo­lo­gen gehen inzwi­schen in der soge­nann­ten String-Theorie sogar davon aus, dass neben unse­rer Rea­li­tät unend­lich viele andere exis­tie­ren. Scha­ma­nen ken­nen einen Teil davon aus eige­ner Erfah­rung.
Wir könn­ten begin­nen, unsere eige­nen abso­lu­ten und viel­ge­lieb­ten Über­zeu­gun­gen zu rela­ti­vie­ren. Sie sind genau so rela­tiv wie die Raum­zeit und wer­den ? völ­lig zu recht ? von ver­schie­de­nen Beob­ach­tern ver­schie­den wahr­ge­nom­men. Wir könn­ten uns selbst mal von außen betrach­ten und ver­schie­dene Stand­punkte ein­neh­men. Das I Ging, das berühmte phi­lo­so­phi­sche Ora­kel­sys­tem der Chi­ne­sen, sagt, dass Selbst­er­kennt­nis nicht im Schauen auf mich selbst besteht, son­dern darin, dass ich die Wir­kun­gen beob­achte, die von mir aus­ge­hen. So könn­ten wir ler­nen, dass es keine abso­lute Wahr­heit gibt, son­dern viele rela­tive. Das hieße aber auch, sichere Gefäng­nisse zu ver­las­sen. Die abso­lute Zeit ist unser Trost: etwas, woran wir nicht zu zwei­feln brau­chen. Die Angst vor Zwei­feln aber hält uns in der Dau­er­starre. Wir könn­ten viel­leicht sogar begin­nen, unsere Zwei­fel zu lie­ben. Sie ent­spre­chen der leben­di­gen Rea­li­tät bes­ser als alle Dog­men.

Autor: Peter Lutz, Jg. 1937, in ver­schie­de­nen Beru­fen tätig: Rechts­pfle­ger, kath. Pries­ter, jetzt Ober­stu­di­en­rat a.D., Vater und Opa. Er malt (www.peter-lutz-art.de) und schreibt. Er ist seit über 20 Jah­ren als Scha­mane tätig und gibt Semi­nare in scha­ma­ni­schem Rei­sen und Hei­len.

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