Die Rebirthing-Erfahrung: Das Weih­nachts­wun­der

Unsere Geburt ist das größte Aben­teuer und zugleich das gefähr­lichste Unter­neh­men unse­res Lebens. Wer die Geburt über­lebt hat, hat genü­gend Lebens­kraft, um auch das Leben zu beste­hen. Vor­aus­ge­setzt, er bekommt den ihm zuste­hen­den Emp­fang.

"Ja, sagte Hanna", "ich habe mit Jara schon öfter über das Rebirt­hing gespro­chen. Ich hatte mal mit ihr eine lange Dis­kus­sion dar­über, ob es denn not­wen­dig sei, diese alten unan­ge­neh­men Dinge wie­der ins Bewusst­sein zu holen, ob man nicht lie­ber die Hunde schla­fen las­sen sollte. Aber sie hat mich über­zeugt. Sie nannte die Rebirthing-Erfahrung "das Weih­nachts­wun­der". Ich erin­nere mich gut, wie sie das sagte:
Jedes Kind kommt schmut­zig und arm­se­lig auf die Welt, in einem Stall mit Tie­ren; und zugleich ist es der strah­lende Chris­tus, den die Könige anbe­ten. Das ist ein Arche­typ, eine der Seele mit­ge­ge­bene Erwar­tung an das Leben, ein imma­nen­tes Gefühl von Rich­tig­keit. Jede Tier­mut­ter begrüßt ihr Jun­ges mit die­sem Gefühl der Hin­gabe und der Ehr­er­bie­tung …
Jeder Mensch, wenn er gebo­ren wird, erwar­tet diese Art Emp­fang auf dem Pla­ne­ten Erde, und er hat ihn auch ver­dient. Ist doch die Geburt das größte Aben­teuer, das größte Opfer, das gefähr­lichste Unter­neh­men, das Schmerz­haf­teste und Bedroh­lichste sei­nes gan­zen Lebens. Wer die Geburt über­lebt hat, hat eigent­lich genü­gend Lebens­kraft, um auch das Leben zu beste­hen. Vor­aus­ge­setzt, er bekommt den ihm zuste­hen­den Emp­fang: Jeder Mensch ist ein wie­der­ge­bo­re­ner Chris­tus, weil jeder Mensch ein Kind Got­tes ist, weil jeder Mensch Gott ver­kör­pert. Es gibt Mär­chen aus aller Welt, die erzäh­len, wie immer, wenn ein Mensch gebo­ren wird, ein Stern zur Erde fällt, sein Stern. Der Stern von Beth­le­hem war der Stern Jesu. Jesus ist ein Bei­spiel für uns, wie wir ein­an­der als Got­tes Söhne und Töch­ter erken­nen sol­len, schon bei der Geburt.
Wenn die­ser Emp­fang bei der Geburt nicht statt­ge­fun­den hat, aus wel­chen Grün­den auch immer, und seien sie auch noch so ver­ständ­lich, wächst der Mensch heran mit dem Gefühl, nicht zu wis­sen, wer er eigent­lich ist, vol­ler Selbst­zwei­fel, vol­ler Got­tes­zwei­fel. Er fühlt sich zer­ris­sen zwi­schen sei­ner inne­ren Stimme, sei­ner Seele, die ja weiß, dass er ein gött­li­ches Wun­der ist, und der soge­nann­ten Rea­li­tät, die ihn beur­teilt, ver­ur­teilt, abwer­tet, viel­leicht sogar ablehnt. Dem Kind bleibt oft nur der Aus­weg, sein inne­res Wis­sen zu ver­gra­ben, tief, tief, und sich mit den Augen der ande­ren zu sehen, um nicht ver­rückt zu wer­den. Es bemüht sich dann, so zu wer­den, wie die ande­ren es haben wol­len, und ver­gisst sei­nen Ursprung.
Aber die Seele lässt sich das auf Dauer nicht gefal­len, irgend­wann kommt die Zeit, wo alles Fal­sche abfal­len muss. Meist ist dies ein schmerz­haf­ter Pro­zess, da er oft von Krank­hei­ten und Kri­sen ein­ge­lei­tet wird. Columbo, Ihr Erleb­nis ist bei­spiel­haft dafür, wie diese Erfah­run­gen trans­for­miert wer­den kön­nen, wie die wirk­li­che, gött­li­che See­len­wahr­heit doch noch ent­deckt und erfüllt wer­den kann, wie wir zurück­keh­ren ins Reich Got­tes. Es gibt keine grö­ßere Kraft im Uni­ver­sum als die Liebe. Die Liebe ist die alles trans­for­mie­rende Kraft. Für uns ist sie mit Licht asso­zi­iert, und mit die­ser Licht– und Lie­bes­schwin­gung arbei­tet echte Hei­lung, auch das Reiki-System, wenn es im hei­li­gen Geiste ange­wen­det wird."

Eine Neu­ge­burt Es waren nicht mehr sehr viele Leute in der Bar. Ein Drei-Mann-Orchester spielte leise geho­bene Unter­hal­tungs­mu­sik, es war die Stim­mung, die er eigent­lich mochte. Er setzte sich an die Bar und bestellte sei­nen Wein. Er beob­ach­tete die Leute im Raum. Die Gesprä­che schie­nen etwas müde und schlep­pend, an einem Tisch wurde laut und über­dreht gelacht. Es war ihm unan­ge­nehm. Er fühlte sich selt­sam, anders als sonst, irgend­wie fremd in der ihm sonst so ver­trau­ten Atmo­sphäre. Er trank noch ein zwei­tes Glas Wein, aber davon wurde es nicht bes­ser, er fühlte sich trau­rig und ein­sam, der Wein bekam ihm nicht. Er ließ den Rest ste­hen und ging hin­aus. Es fiel ihm auf, dass er das leichte, sonst kaum merk­li­che Schwan­ken und Vibrie­ren des rie­si­gen Schiffs­lei­bes als unan­ge­nehm emp­fand und schob es auf den Wein. Er brauchte fri­sche Luft. Er ging noch mal nach oben auf das obere Deck, ging etwas hin und her, aber das Schwan­ken des Schif­fes wurde nicht bes­ser. An der Reling sah er Jara ste­hen, neben ihr stand Joa­quin. Sie spra­chen nicht mehr mit­ein­an­der, schau­ten beide ins dunkle Meer hin­aus. Und doch schien es Columbo, daß sie im Schwei­gen ein­an­der mehr zu sagen hat­ten, als alle die Leute in der Bar, die er beob­ach­tet hatte. Er fühlte Sehn­sucht, so etwas wie Neid, drängte das Gefühl aber gleich wie­der weg, "albern, eifer­süch­tig", schoss es ihm durch den Kopf. Er ging an die andere Seite des Schif­fes und schaute dort ins Was­ser. Es war sehr dun­kel, der Mond war hin­ter dich­ten Wol­ken ver­schwun­den, das Was­ser war mehr zu ahnen als zu sehen. Das Dun­kel zog ihn an, er starrte hin­un­ter, bis er ein leich­tes Gefühl von Übel­keit spürte.
Frös­telnd zog er sich die Jacke enger um den Kör­per und löste sich von der Reling. Er ging auf die Treppe zu. Jara hatte sich umge­dreht und schaute ihn an. "Geht´s Dir nicht so gut?", fragte sie freund­lich. "Ach, es geht schon wie­der", log er, "Gute Nacht!" Er ergriff das Trep­pen­ge­län­der wie ein Ret­tungs­seil und ging hin­un­ter in seine Kabine. Er legte sich sofort aufs Bett. So hatte er sich gefühlt, damals, als seine Frau ihm gesagt hatte, dass sie erst jetzt, mit dem ande­ren, erfah­ren habe, was Liebe sei. Er stöhnte, er wollte nicht daran den­ken; er fühlte sich immer schlech­ter. Das ver­fluchte Schwan­ken … ihm wurde schwin­de­lig, sein Magen krampfte sich zusam­men … er kam gerade noch ans Wasch­be­cken, um sich zu erbre­chen. Er lag wie­der auf sei­nem Bett, benom­men, ster­bense­lend.
"Wenn jetzt …, Jara … sie könnte mir viel­leicht hel­fen", er dachte an den Vor­trag. Es klopfte an sei­ner Tür. Er stöhnte und brum­melte etwas. Die Tür öff­nete sich behut­sam und her­ein schlüpfte Jara, leicht, strah­lend, freund­lich. "Ich hatte das Gefühl, es geht Ihnen wirk­lich nicht gut, drum wollte ich noch mal nach Ihnen schauen." sagte sie ruhig. Sie holte den Eimer und die Plas­tik­beu­tel aus dem Bad, die dort für sol­che Zwe­cke bereit stan­den. Dann setzte sie sich zu ihm aufs Bett. "So, ruhig atmen, ein und aus in gleich­mä­ßi­gem Flie­ßen", befahl sie ihm. Sie legte eine Hand auf seine Magen­grube, die andere etwas tie­fer auf sei­nen Bauch. Sie tat dies so selbst­ver­ständ­lich, dass er nicht zu wider­spre­chen wagte, ja eigent­lich war er auch nicht ein­mal auf die Idee gekom­men, zu wider­spre­chen. Er fand das selt­sam. Er hatte keine Zeit, dar­über nach­zu­den­ken, die Übel­keit machte ihm das Den­ken schwer. Dank­bar spürte er die Wärme, die den Hän­den der Frau ent­strahlte, und die lang­sam sei­nen gan­zen Leib füllte. "Wie Rot­licht", schoss es ihm durch den Kopf. "Atmen Sie", hörte er sie sagen. Er schloss die Augen und gab sich den Hän­den hin, die ruhig und leicht auf sei­nem Leib lagen. Er atmete, wie ihn die sanfte Stimme anwies. Ein und aus ohne Pause in ruhi­gem Flie­ßen. Das Wür­gen kam wie­der, stär­ker, irgend­et­was krampfte ihm das Herz zusam­men. Die war­men Hände lagen jetzt auf sei­nem Her­zen, gol­de­nes, war­mes Licht schien aus ihnen zu drin­gen, tief hin­ein in sein Inne­res, und dies wühlte ihn noch mehr auf als die sanfte Schiffs­be­we­gung. "Lass den Schmerz zu, lass all die Kon­trolle los, schau was in dir ist" sagte die freund­li­che Stimme weich und ruhig. Er hatte längst Ver­trauen gefasst, wie, war ihm ein Rät­sel, aber er fragte jetzt nicht, er ließ sich sin­ken, tief hin­ein in sein auf­ge­wühl­tes Inne­res. Noch­mals musste er sich erbre­chen, Jara half ihm dabei. Er stellte ver­wun­dert fest, dass er sich gar nicht schämte vor ihr. Auf­seuf­zend legte er sich wie­der zurück, begann wie­der zu atmen, wie ihm Jara sagte, die Hand drang wie­der in sein Inne­res vor . Wie­der krampfte sich etwas zusam­men, er wollte schreien, konnte aber nicht, dann war ihm, als würde diese Hand in sein Herz grei­fen und etwas her­aus­ho­len, was dort ver­bor­gen lag, schon immer, uralt, uner­kannt, schreck­lich. Er wollte nicht hin­schauen. "Schau, was da ist", hörte er sie sagen. Er zwang sich hin­zu­schauen. Eine Welle von Ekel und Abscheu über­kam ihn. Sie ließ ihn erbre­chen, hieß ihn aber den inne­ren Blick nicht abzu­wen­den von dem schlei­mi­gen, dunk­len, ekli­gen klei­nen Ding. Das gol­dene, warme Licht drang noch immer aus ihren Hän­den und beleuch­tete unbarm­her­zig das "Ding", es roch nach Blut, nach Kot… Da plötz­lich erkannte er: Das war er selbst, unmit­tel­bar nach sei­ner Geburt, und er hörte jeman­den sagen: "Wie ekel­haft". Es war die Stimme sei­ner Mut­ter. Sei­ner schö­nen, unnah­ba­ren, immer gepfleg­ten Mut­ter, die er immer sehn­süch­tig ver­ehrt hatte, weil sie so schön war, viel zu schön für einen klei­nen Jun­gen mit Rotz­nase und dre­cki­gen Schu­hen. So viel Mühe hatte er sich immer um sie gege­ben. Er begann zu wei­nen aus Sehn­sucht nach ihr, er erkannte, dass er ihr nie, nie, nie nahe hatte kom­men kön­nen, und er erkannte auch, dass es die­ser erste Moment sei­nes Lebens war, der die Nähe ver­hin­dert hatte. "Atme wei­ter!", das war Jaras Stimme, und da war auch wie­der die Hand mit den gol­de­nen Strah­len auf sei­nem Her­zen, und er sah wie­der zu dem dre­cki­gen Bün­del hin. Mit­leid über­kam ihn mit die­sem Neu­ge­bo­re­nen. Er blickte auf die zar­ten Glie­der, die Samt­haare, die nass und kleb­rig auf dem Köpf­chen pelz­ten. Er spürte die gol­dene Wärme jetzt aus sei­nem Her­zen kom­men und das Neu­ge­bo­rene über­flu­ten mit unend­li­cher Liebe. Er schaute zu, wie sich das Wesen ent­fal­tete, wie es anfing zu lächeln, dank­bar, glück­lich, gött­lich. Er erkannte sich als der, der er war: Chris­tus. Der in die Liebe und aus der Liebe gebo­rene Got­tes­sohn, ver­bor­gen in jedem Men­schen auf Erden. Das Weih­nachts­wun­der, er erfuhr es am eige­nen Leibe. Er weinte wie­der, dies­mal vor Glück. Jara summte eine leise, wei­che Melo­die, das Schiff schau­kelte sanft wie eine Wiege, er fühlte sich glück­lich, gebor­gen, unend­lich dank­bar und vol­ler Mit­ge­fühl für alle Müt­ter und Kin­der die­ser Erde …

Jara war gegan­gen, der Sturm in sei­nem Inne­ren hatte sich gelegt.

Als Columbo am nächs­ten Tag auf Deck trat, fühlte er sich so gut, frisch und jung wie schon lange nicht mehr. Ein leich­ter Wind strich ihm übers Gesicht und wühlte in sei­nem grauen Haar, er fühlte das leichte Schwan­ken des Schif­fes und das Vibrie­ren des Motors, hörte die Möwen schreien und das Was­ser am Bug gisch­ten. Der Salz­ge­ruch drang in seine Nase zusam­men mit den Gerü­chen des Schif­fes: ein wenig Die­sel, Küchen­ge­rü­che… die Far­ben leuch­te­ten mit einer Inten­si­tät, die ihn fast scho­ckierte. Er glaubte, noch nie in sei­nem Leben ein so strah­len­des Blau gese­hen zu haben. Dies sagte er Jara, die mit wehen­dem Haar an der Reling lehnte und ins Was­ser sah. "Ja, so ist das, wenn man wie­der­ge­bo­ren wurde!" sagte sie lachend. "Sag mir, was ges­tern mit mir gesche­hen ist!" fragte er sie, und merkte erst dann, daß er ein­fach Du gesagt hatte. Ihr schien das ganz natür­lich zu sein, so war er auch nicht wei­ter ver­le­gen und beschloss, es dabei zu las­sen. "Weißt Du", sagte sie, – der Du-Vertrag war also geschlos­sen, ohne For­ma­li­tä­ten oder Worte – was du erlebt hast, war eine tiefe Erin­ne­rung, die aus dei­nem Kör­per auf­ge­stie­gen ist, wo sie, wie alle Erin­ne­run­gen in den Zel­len gespei­chert lag und war­tete, bis der Zeit­punkt zu ihrer Trans­for­ma­tion gekom­men ist. Diese frü­hen Erfah­run­gen prä­gen unser Leben auf eine unbe­wusste, aber – oder eher des­halb? – sehr mäch­tige Art. Sie sind wie eine Schiene, auf die der Zug unse­res Lebens gestellt wird, und in die­sen Schie­nen fah­ren wir, bis wir bereit sind, neue Wege zu gehen, die Wei­chen umzu­stel­len." "Dann hät­ten also alle spä­te­ren Erfah­run­gen in mei­nem Leben damit zu tun?" – "Ja, sagte sie. Denk ein­mal nach; wel­ches waren die ers­ten Worte, die du gehört hast?" – "Meine Mut­ter war wohl etwas abge­sto­ßen von mir. Ich meine, sie sagte so etwas wie: Wie ekel­haft." gab Columbo zögernd zu. "Ist es denn mög­lich, dass ich mich wirk­lich daran erin­nern konnte?" -
"Du hast doch die Erfah­rung ges­tern selbst gemacht, warum zwei­felst Du an Dei­ner eige­nen Erin­ne­rung," lachte Jara. – "Na ja", er war etwas ver­le­gen, "das schon. Ich habe nur noch nie davon gehört, dass sich jemand so weit zurück erin­nern kann." "Oh ja", gab sie zurück, "noch viel wei­ter. Unser Kör­per braucht nicht immer das Gehirn, um sich zu erin­nern. Im Gehirn sind die Erin­ne­run­gen erst ab unse­rer ver­ba­len Zeit ver­füg­bar. Aber unsere Zel­len, unsere Gene haben ihre eigene Erin­ne­rung, die bis vor unsere Geburt zurück­geht, bis in frü­here Leben, in die arche­ty­pi­schen Erin­ne­run­gen der gan­zen Mensch­heit, und noch mehr. Auf die­ser Ebene haben wir Zugang zu allem, was lebt, zur gan­zen Schöp­fung, auf die­ser Ebene wirkt der Atem, wirkt die Ener­gie, die du ges­tern aus mei­nen Hän­den kom­men spür­test. Es ist die Ebene Got­tes. Da, wo wir alle Gott sind, wo wir alle ver­wandt sind, Teil eines ein­zi­gen, rie­si­gen Kör­pers, wie die Zel­len alle Teil unse­res klei­nen Kör­pers sind. Alles ist mit allem ver­bun­den, wie schon der berühmte Häupt­ling Seat­tle sagte. – Aber erzähl mir noch ein biss­chen mehr von Dir, magst du?" fragte sie. "Was ist denn deine bis­her frü­heste Erin­ne­rung?" -"Oh", lachte er, "eine ganz pein­li­che Geschichte! Ich war gerade in der ers­ten Klasse, und ich erin­nere mich, wie ich mit nas­sen Hosen vor der gan­zen Klasse stand und mich furcht­bar schämte. Die Leh­re­rin schimpfte mit mir…" – "Was sagte sie denn?" – "Sie sagte: "Wie ekel­haft." Er erschrak, als er diese Worte aus­sprach, zu deut­lich war noch die Erin­ne­rung an das gest­rige Erleb­nis, die ers­ten Worte sei­ner Mut­ter. Es gelang ihm nicht, seine Betrof­fen­heit zu ver­ber­gen, Jara legte ihm die Hand auf die Schul­ter. – Er sprach leise wei­ter: "Damals schwor ich mir, dass mich nie, nie mehr irgend jemand aus­la­chen wird." – Er schaute sie unsi­cher an, noch nie hatte er so viel von sich preis­ge­ge­ben, wie würde sie rea­gie­ren? Sie nickte leicht und sagte: "Und dann hast du dir eine dicke Rüs­tung zuge­legt mit geschlos­se­nem Visier, hast allen nur noch deine Maske gezeigt. Anstren­gend, nicht?" – Sie strahlte ihn an, nein, es war kein Aus­la­chen, es war ein­fach nur Ver­ständ­nis und eine Prise Humor, so dass er lachen musste. "Ja, du hast recht. Eigent­lich hat mich nie in mei­nem gan­zen Leben ein Mensch wirk­lich gekannt." – "Schade", meinte sie, und ihre Augen zwin­ker­ten wie­der. Dann wurde sie ernst, und mit wei­cher, ein­dring­li­cher Stimme sagte sie: "Schau doch noch mal auf die­sen klei­nen Jun­gen, der da vor der Klasse steht und beschimpft und aus­ge­lacht wird. Schau auf ihn mit der Erfah­rung von ges­tern und gib ihm, was immer er braucht, um mit der Situa­tion bes­ser zurecht zu kom­men." – "Atme", sagte sie ganz leise. Er tat ein paar tiefe Atem­züge, er spürte, wie wie­der das über­wäl­ti­gende Mit­ge­fühl über ihn kam, gemischt mit Wut und Zorn auf diese herz­lose Leh­re­rin. Er wen­dete sich ab, schaute auf das Was­ser, damit Jara seine Trä­nen nicht sehen sollte. "Die ande­ren Pas­sa­giere sind alle beim Früh­stück," beru­higte sie ihn. "Atme wei­ter." Er tat es. Er spürte, wie sein Herz sich ver­krampfte, eng wurde, schmerzte. Doch Jara beru­higte ihn. Die Hand mit den gol­de­nen Strah­len lag wie­der auf sei­nem Her­zen, löste den Kno­ten, er konnte durch­at­men, und da sah er auf ein­mal in das Herz der alten Leh­re­rin, sah ihre Ein­sam­keit und Härte, sah ihre Not und ihre Unwis­sen­heit, er sah seine Mut­ter mit ihrer Angst vor Kör­pern , sah sie plötz­lich an ihrem Biedermeier-Sekretär sit­zen, ver­träumt ein dün­nes, kost­bar gebun­de­nes Buch auf dem Schoß. Er sah, wie er den Titel ent­zif­ferte, Buch­stabe für Buch­stabe :"D e r T o r u n d d e r T o d". "Was steht da drin, Mut­ter?" wollte er wis­sen. "Ach, seufzte sie, es ist ein Buch über die Schön­heit."
Und jetzt ver­stand er sie, alle ver­stand er, und aus dem Ver­ste­hen kam Liebe und Ein­ver­stan­den­sein mit allem. "Was beschließt dein klei­ner Junge jetzt?" fragte Jara. "Dass er ohne Rüs­tung leben will, und dass die Liebe stär­ker ist", ant­wor­tete Columbo so prompt, dass es ihn selbst erstaunte. Er strahlte, beide lach­ten, sie nahm ihn bei der Hand, "Komm früh­stü­cken!", sie rann­ten über­mü­tig übers Deck, lach­ten, lach­ten, und dann aßen sie mit gro­ßem Appe­tit von dem köst­li­chen Früh­stücks­buf­fet Früchte, Säfte, Getrei­de­flo­cken, herr­li­ches fri­sches Brot mit But­ter, damp­fen­den Kaf­fee, alles schmeckte ihm, es schmeckte nach Leben. Er war glück­lich.

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