Die Liebe aus der mate­ri­el­len Fes­sel befreien
Inter­view mit Saci­n­andana Swami,
geführt von Ronald Engert

Die indi­sche Spi­ri­tua­li­tät ist der Ursprung sowohl des Tan­tra als auch der stren­gen Askese. Dazwi­schen gibt es auch in Indien man­nig­fal­tige Abstu­fun­gen und Spiel­ar­ten des spi­ri­tu­el­len Lebens. Saci­n­andana Swami zum Thema 'Spi­ri­tua­li­tät und Sexua­li­tät'.

Die Transzendentale Bootsfahrt Krishnas mit den Gopis, den Kuhhirtenmädchen Ronald Engert: Wir sind hier zusam­men­ge­kom­men, um das Thema Tan­tra zu bespre­chen. Vor mir sitzt. Saci­n­andana Swami ist, ein Mönch des Krishna-BewußtseinsVaishnava-Bhaktiyoga, auch bekannt als Krishna-Bewußtsein. Ich möchte zunächst einige bio­gra­fi­sche Eck­punkte klä­ren. Du bist ein ein­wei­hen­der spi­ri­tu­el­ler Meis­ter der Inter­na­tio­na­len Bewe­gung für Krishna-Bewußtsein (ISKCON) und ein San­nya­sin. Seit wann bist Du in der ISKCON und seit wann bist Du San­nya­sin?
Saci­n­andana Swami: In der Insti­tu­tion der Inter­na­tio­na­len Bewe­gung für Krishna-Bewußtsein bin ich seit 1970, die Weihe ins San­nyas–Leben habe ich 1987 bekom­men. Aber ich denke, daß mein spi­ri­tu­el­les Leben mit Krishna im Mit­tel­punkt schon viel frü­her begon­nen hat, viel­leicht sogar in einem ande­ren Leben.
Sacinandana Swami, seit 30 Jahren Mönch des Bhakti-Yoga RE: Der Begriff des San­nya­sin ist ja durch die Osho-Jünger in Europa bekannt gewor­den. Jetzt habt ihr aber ein ganz ande­res Ver­ständ­nis von einem San­nya­sin als Osho. Was bedeu­tet denn San­nya­sin im Krishna-Bewußtsein?
SS: Der tra­di­tio­nelle San­nya­sin wird zum Bei­spiel in der Bhagavad-gita beschrie­ben. Sam heißt "alles" und nyas heißt "nie­der­le­gen". Der San­nya­sin ist jemand, der alles nie­der­legt, was ihm bei der Selbst– und Got­tes­ver­wirk­li­chung im Wege steht. Krishna defi­niert den San­nya­sin jedoch auch aus den Tätig­kei­ten her­aus, nicht nur aus dem Lebens­stand des ordi­nier­ten Mön­ches. Nach Krish­nas Defi­ni­tion kann jeder ein San­nya­sin sein, der seine Tätig­kei­ten, seine Gedan­ken und seine Spra­che in den Dienst Got­tes stellt. Der ordi­nierte San­nya­sin oder Mönch bekommt einen Danda, das sind drei Bam­bus­stäbe, die von einem safr­an­far­be­nen Tuch umwi­ckelt sind. Diese Bam­bus­stäbe ste­hen für den Kör­per, den Geist und die Worte, und diese soll­ten im Dienst Got­tes beschäf­tigt wer­den, nicht im Dienst von mate­ri­el­len Wün­schen. Das ist die tra­di­tio­nelle Defi­ni­tion der Vaishnava-Sannyasins, der Tra­di­tion, der ich ange­höre.
RE: San­nya­sin bedeu­tet der Lebens­stand der Ent­sa­gung und auch den Ver­zicht auf eine Part­ner­schaft. Seit wann bist Du denn Sin­gle?
SS: Ich bin Sin­gle gewor­den, als ich in den Tem­pel ein­zog (1970). Meine Freun­din, mit der ich quasi ver­lobt war, d. h. wir hat­ten dies­be­züg­lich eine Abspra­che, kam zu die­sem Zeit­punkt zum Tem­pel und fragte mich, wel­che Kon­se­quen­zen mein Schritt für unsere Bezie­hung hätte, und ich ant­wor­tete mit einem Satz von Nietz­sche: "Oh ich liebe Sie, Frau Ewig­keit." Damit wollte ich sagen, daß unsere welt­li­che Bezie­hung in die­sem Sinne nicht wei­ter­ge­führt wer­den könnte, da ich mich dem Zöli­bat zuge­wandt hatte.
RE: Bist Du glück­lich damit?
SS: Ja. Ich muß aber sagen, daß das Zöli­bat erst in dem Augen­blick funk­tio­niert, wo man eine spi­ri­tu­elle Ver­bin­dung mit Gott ein­geht. Ohne das ist es etwas, was einem Men­schen Schwie­rig­kei­ten machen kann, und sogar zu Kau­zig­keit und ande­ren psy­cho­lo­gi­schen "Spe­zia­li­tä­ten" füh­ren kann. Ich habe die These, jeder muß sich ver­bin­den oder ver­mäh­len. Ent­we­der mit Gott oder mit der Welt.
RE: Du bist also ein Devo­tee von Krishna. Deine Bezie­hung zu Gott ist die Bezie­hung zu Krishna. Wer ist Krishna? Was ist ein Devo­tee? Worum geht es im Krishna-Bewußtsein?
SS: Krishna wird von uns als die Höchste Per­sön­lich­keit Got­tes ver­ehrt. Sein Name bedeu­tet "der All­an­zie­hende". Er ist der Gott des rasas (tran­szen­den­ta­ler Geschmack), d.h. man kann eine Bezie­hung mit ihm ent­wi­ckeln, und in dem Aus­tausch, der in die­ser Bezie­hung statt­fin­det, einen ganz spe­zi­fi­schen tran­szen­den­ta­len Wohl­ge­schmack erfah­ren. Ein Poet hat es ein­mal so aus­ge­drückt: Im Ver­gleich zu dem Wohl­ge­schmack, der in einer Bezie­hung zu Krishna erfah­ren wird, erschei­nen selbst die größ­ten mate­ri­el­len Freu­den wie die Sexua­li­tät wie ein Trop­fen im Ver­gleich zum Ozean.
Ein Devo­tee ist jemand, der sich Krishna hin­gibt und durch diese Hin­gabe in den Ein­fluß­be­reich der antaranga-shakti, Got­tes eige­ner inne­rer Kraft, kommt. Seine Tätig­kei­ten sind nicht mehr aus dem fal­schen Ego moti­viert, son­dern er wird zu einem Instru­ment in den Hän­den des Höchs­ten.
Im Krishna-Bewußtsein geht es um die Befrei­ung der Liebe. Wir ste­hen in einer Bhakti–Tra­di­tion. Bhakti wird über­setzt als Liebe, Devo­tion, Hin­gabe. Bhakti hat jedoch auch eine aktive Kom­po­nente, und zwar das lie­be­volle Die­nen zu Krishna. Diese Befrei­ung der Liebe kann erst im Pro­zeß des Die­nens statt­fin­den. Solange die Liebe von selbsti­schen Moti­ven bestimmt ist, ist sie eine gefes­selte Liebe.
RE: Die Liebe zu Krishna unter­liegt nicht den mate­ri­el­len Gesetz­mä­ßig­kei­ten, sie ist eine spi­ri­tu­elle Liebe. Was ist der Unter­schied zwi­schen spi­ri­tu­el­ler Liebe und mate­ri­el­ler Liebe?
SS: Der Unter­schied zwi­schen spi­ri­tu­el­ler Liebe und mate­ri­el­ler Liebe ist wie der Unter­schied zwi­schen Gold und Eisen. Es liegt eine Ähn­lich­keit vor, aber in der Wer­tung sind sie ver­schie­den. Die mate­ri­elle Liebe hat immer ein Spur von Eigen­nut­zen in sich. Man könnte das unter das Motto stel­len: Mein Wille geschehe. Die spi­ri­tu­elle Liebe ist völ­lig frei von Eigen­nut­zen und könnte sich zusam­men­fas­sen las­sen mit den Wor­ten: Dein Wille geschehe.
RE: Unser Thema ist heute Tan­tra und die Frage, was Sexua­li­tät mit Spi­ri­tua­li­tät zu tun hat. Tan­tra gibt es im Hin­du­is­mus und im Bud­dhis­mus. Der hin­du­is­ti­sche, indi­sche Tan­tra, wie er im all­ge­mei­nen ver­stan­den wird, ist näher bestimmt als shi­vai­ti­scher Tan­tris­mus oder Shak­tis­mus und ver­ehrt Shiva und Shakti, wobei Shiva und Shakti nicht außer­halb des Yogis exis­tie­ren son­dern im Her­zen. Sie ver­eh­ren also Gott im Innern. Im Sri­mad Bha­ga­va­tam, einer alten vedi­schen Sanskrit-Schrift, wird die­ser innere Aspekt Got­tes als para­matma bezeich­net. Gemäß dem Sri­mad Bha­ga­va­tam und ande­rer vedi­scher Schrif­ten gibt es jedoch drei Aspekte. Könn­test Du bitte kurz diese drei Aspekte dar­stel­len und die ver­schie­de­nen Arten von Tan­tra die­sen Aspek­ten zuord­nen.
SS: Der erste Aspekt ist brah­man, die unper­sön­li­che gött­li­che Ener­gie, die inner­halb der mate­ri­el­len Welt exis­tiert als das, was alles durch­dringt. Der zweite Aspekt ist para­matma, der loka­li­sierte Aspekt Got­tes oder die Über­seele, die im Her­zen eines jeden hier in der mate­ri­el­len Welt exis­tiert, aber sich auch in jedem Atom befin­det und dafür sorgt, daß die Gesetze der mate­ri­el­len Natur ablau­fen. Der dritte Aspekt – bha­ga­van – ist Gott als Per­son, die Höchste Per­sön­lich­keit Got­tes, die in der spi­ri­tu­el­len Welt als die Ursa­che aller Ursa­chen auch der mate­ri­el­len Welt exis­tiert.
Im Sri­mad Bha­ga­va­tam fin­det sich der Vers: vad­anti tat tattva-vidas / tatt­vam yaj jnanam adva­yam / brah­meti para­mat­meti / bha­ga­van iti sab­dyate: Gelehrte Tran­szen­den­ta­lis­ten, die die Abso­lute Wahr­heit ken­nen, bezeich­nen diese nicht­dua­lis­ti­sche Sub­stanz als brah­man, para­matma und bha­ga­van (Vers 1.2.11.).
Die Vedas geben einen schö­nen Ver­gleich, um diese drei Aspekte zu ver­bild­li­chen. Die Höchste Per­sön­lich­keit Got­tes ist die Ursa­che aller Ursa­chen, so wie die Sonne die Ursa­che des Lichts und auch des Son­nen­er­leb­nis­ses des Beob­ach­ters ist. Das brah­man wäre das Licht, und das Son­nen­er­leb­nis, das Erschei­nen der Sonne vor den Augen der Beob­ach­ter, wäre der para­matma, die Über­seele, die in jedem Her­zen wahr­ge­nom­men wer­den kann. Diese bei­den Aspekte, brah­man und para­matma, sind unter­schied­li­che Reprä­sen­ta­tio­nen bha­ga­vans in die­ser Welt.
Der Tan­tra ist eine Erleb­nis­weg, in dem ver­schie­dene Regeln und Regu­lie­run­gen gege­ben wer­den sowie Prak­ti­ken und Anwen­dun­gen, um einen Men­schen zur Got­teser­kennt­nis hin­zu­füh­ren. Es gibt tan­tri­sche Schrif­ten, die uns zu einer brah­man–Erkennt­nis hin­füh­ren, tan­tri­schen Schrif­ten, die uns zu einer para­matma–Erkennt­nis füh­ren und tan­tri­sche Schrif­ten, die uns die bha­ga­van–Erkennt­nis ermög­li­chen. Ich selbst prak­ti­ziere den Vaishnava-Tantra, eine Samm­lung von spi­ri­tu­el­len Vor­schrif­ten und Anwen­dun­gen, die zur bha­ga­van–Erkennt­nis füh­ren sol­len.
Krishna, der Alleinerziehende, höchster Gott der Vaishnavas RE: Worum geht es genau beim Vaishnava-Tantra?
SS: Der Vaishnava-Tantra geht davon aus, daß es jen­seits der mate­ri­el­len Welt eine spi­ri­tu­elle Welt gibt, die zugleich unsere Hei­mat ist. Obwohl wir zu die­ser spi­ri­tu­el­len Wirk­lich­keit kei­nen direk­ten Zugang haben, solange wir stark mate­ri­ell beein­flußt sind, wirkt sie doch über­all inner­halb und außer­halb von uns. Wir müs­sen nur unsere Amne­sie hei­len. Dies geschieht in ers­ter Linie dadurch, daß wir in uns unsere spi­ri­tu­elle Iden­ti­tät und das spi­ri­tu­elle Leben erwe­cken. Der Kno­ten des fal­schen Egos wird gelöst durch das Erken­nen der eige­nen spi­ri­tu­el­len Iden­ti­tät und der Höchs­ten Per­sön­lich­keit Got­tes.
Der Vaishnava-Tantra beruht dar­auf, die ursprüng­li­che Anzie­hung zu Krishna zu erwe­cken. Dies kann man tun, indem man Krishna in den ver­schie­de­nen Aspekte trifft, in denen er in die­ser Welt gegen­wär­tig ist. Zunächst ist er in sei­nen hei­li­gen Namen gegen­wär­tig, die nicht von ihm ver­schie­den sind, dann in der Gemein­schaft mit sad­hus, ech­ten Devo­tees, die in Krishna leben. In die­ser Gemein­schaft springt der spi­ri­tu­elle Funke über und erweckt uns zu spi­ri­tu­el­lem Leben. Außer­dem gelan­gen wir zu die­ser Anzie­hung durch das Lesen in den hei­li­gen Schrif­ten der vedi­schen Lite­ra­tur wie dem Sri­mad Bha­ga­va­tam und der Bhagavad-gita, dann durch das Ver­eh­ren der vie­len For­men Krish­nas in die­ser Welt, und schließ­lich durch das Auf­su­chen von hei­li­gen Orten, in die Krishna unbe­grenzte spi­ri­tu­elle Kraft hin­ein­ge­legt hat, und zwar die taraka-shakti, die Befrei­ung vom mate­ri­el­len Leben gibt, und die paraka-shakti, die uns zu ihm hin­zieht.
RE: In wel­chen Schrif­ten wird der Vaishnava-Tantra beschrie­ben?
SS: Da gibt es zunächst die Pan­ca­ra­trika–Schrif­ten, wo genau beschrie­ben wird, wie Krishna ver­ehrt wird, und zwar in der arca-vigraha, einer Form aus Mate­rie, die mit unse­ren mate­ri­el­len Sin­nen wahr­ge­nom­men wer­den kann. Hier fixiert sich der Ver­eh­rende auf diese Deity-Form, und im Pro­zeß tran­szen­diert er die Begren­zun­gen der mate­ri­el­len Sinne und begeg­net Krishna, der mit ihm in einen Aus­tausch tritt. Es gibt dort die wun­der­bars­ten Beschrei­bun­gen, wie Krishna plötz­lich in dem Deity anfängt zu spre­chen und voll und ganz gegen­wär­tig ist und den Devo­tee aus sei­ner mate­ri­el­len Bedingt­heit auf die spi­ri­tu­elle Ebene führt. Es gibt dann noch den Narada-Pancaratra, ebenso wird von man­chen Phi­lo­so­phen das Sri­mad Bha­ga­va­tam als der Vaishnava-Tantra bezeich­net. Das Sri­mad Bha­ga­va­tam besteht aus zwölf Bän­den, soge­nann­ten Can­tos, mit jeweils meh­re­ren Hun­dert Ver­sen. Dort wer­den The­men behan­delt wie die mate­ri­elle Welt und der Ein­fluß der mate­ri­el­len Welt auf die bedingte Seele (sambhanda), dann der Vor­gang der Befrei­ung (abi­deya), und schließ­lich das höchste Ziel, die reine Liebe zu Gott (prayo­jana).
RE: Es geht in Dei­ner Lehre um Krishna. Im bereits erwähn­ten Tan­tra geht es um Shiva und Shakti. Die­ser Tan­tra ist eine matri­ar­chal geprägte Reli­gi­ons­form, in der das Weib­li­che und die Göt­tin sehr stark betont wer­den. Wel­che Bedeu­tung hat das Weib­li­che, die Göt­tin im Krishna-Bewußtsein?
SS: Ein sehr wich­tige. Der Begriff devi, oder Göt­tin, wird sehr häu­fig gebraucht. Devi ist Sri­mati Rad­ha­rani (Radha), der spi­ri­tu­elle Inbe­griff des Weib­li­chen. Von Rad­ha­rani kom­men dann unend­lich viele Erwei­te­run­gen, wie zum Bei­spiel Lak­shmi­devi, Gang­a­devi u.a., die sich immer wei­ter erwei­tern, bis in die mate­ri­elle Welt hin­ein, wo sie als Durga und Kali auf­tre­ten.
In der ursprüng­li­chen spi­ri­tu­el­len Ana­lyse sind wir Men­schen alle pra­kriti, oder weib­lich, und es gibt nur ein männ­li­ches Prin­zip, und das ist Gott selbst. Um mit ihm in Ver­bin­dung zu tre­ten, brau­chen wir die devi, Rad­ha­rani, die diese ursprüng­li­che Ver­bin­dung wie­der her­stellt. Des­halb sagen die Vaish­na­vas immer Radha-Krishna, sie nen­nen zuerst die sakti und dann den shakt­i­man, den Genie­ßer der shakti. Der Vor­gang, zu ihm zu kom­men, der Vaishnava-Tantra, ist völ­lig kon­trol­liert von Bhakt­i­devi, der Göt­tin der bhakti, näm­lich Rad­ha­rani.
RE: Das ursprüng­li­che Ver­hält­nis zwi­schen Mann und Frau ist im Ver­hält­nis zwi­schen Krishna und Radha dar­ge­stellt. Ist das das Grund­prin­zip, der Arche­ty­pus, oder geht das noch wei­ter zurück zu einer geschlechts­lo­sen oder andro­gy­nen Ener­gie­struk­tur?
SS: An die­ser Stelle ist unser Den­ken her­aus­ge­for­dert. Wir müs­sen mit unse­rem Den­kap­pa­rat in zeit­li­chen Bezü­gen den­ken. Wenn wir fra­gen, ob noch etwas vor Radha und Krishna war, legen wir unsere Bedin­gun­gen des Den­kens an die höchs­ten spi­ri­tu­el­len Prin­zi­pien an, und das ist pro­ble­ma­tisch. Die abso­lute Wahr­heit mani­fes­tiert sich als Radha und Krishna, so daß der lie­be­volle Aus­tausch, der immer zwei braucht, sich auf diese Weise mani­fes­tie­ren kann. Aller­dings heißt das nicht, daß vor Radha und Krishna eine abso­lute Wahr­heit bestand, aus der Radha und Krishna dann her­vor­ge­gan­gen sind. Radha und Krishna sind die abso­lute Wahr­heit und auf ewig ver­bun­den in der abso­lu­ten Wahr­heit.
Jag­ada­n­anda Pan­dit sagt: "Hier kommt eine wich­tige Über­le­gung, die von empi­ri­schen Phi­lo­so­phen selbst nach Tau­sen­den und Mil­lio­nen von Jah­ren des Nach­grü­belns nicht ver­stan­den wer­den kann. Nur wer die Barm­her­zig­keit Krish­nas erlangt hat, wird diese The­men begrei­fen. Die Spiele der Liebe zwi­schen Radha und Krishna sind tran­szen­den­tale Mani­fes­ta­tio­nen der hladini-shakti, der Freu­de­n­en­er­gie des Herrn. Die Essenz die­ses lie­be­vol­len Aus­tau­sches ist Ekstase, die ihre Her­zen vor Liebe ver­rückt macht. Sobald Krishna zu zwei getrenn­ten Iden­ti­tä­ten wird, beginnt die­ser Aus­tausch, und die hladini-shakti trans­for­miert sich in ver­schie­dene Spiele der Liebe. Diese lilas (Spiele) exis­tie­ren jedoch ewig, da sie von tran­szen­den­ta­ler Natur sind. Sie lie­gen jedoch in unma­ni­fes­tier­ter Form vor, solange die eine abso­lute Wahr­heit nicht getrennt als Radha und Krishna erscheint."
(Prema-vivarta, S. XIV)
RE: Gerade die Tan­tri­kas oder die Advaita–Phi­lo­so­phen (Monis­ten) sagen doch, daß die Ver­schmel­zung, das Eins­sein die höchste Wahr­heit ist, und daß eine Bezie­hung, in der ja noch ein Zwei­heit besteht, so eine Art Vor­stufe dazu ist. Hier ist es nun anders defi­niert ?
SS: In unse­rer Defi­ni­tion exis­tiert in der abso­lu­ten Wahr­heit ewig­lich das lila, der Aus­tausch und hat dafür ewig­lich die For­men Radha und Krishna. Das sind ewige Dinge, die schwie­rig zu ver­ste­hen sind. Des­we­gen sagt der Autor hier: "Nicht nach Tau­sen­den und Mil­lio­nen von Jah­ren kann dies durch Nach­grü­beln ver­stan­den wer­den."
RE: Ich wollte jetzt zum Unter­schied von Kör­per (shar­ira), Geist (manas) und Seele (atman) kom­men. Die Unter­schei­dung von mate­ri­ell und spi­ri­tu­ell steht im Zusam­men­hang mit dem Unter­schied von Kör­per, Geist und Seele. Könn­test Du bitte eine kurze Defi­ni­tion die­ser drei Ebe­nen der Exis­tenz geben?
SS: Der Kör­per als shar­ira wird unter­schie­den in den grob­stoff­li­chen Kör­per (stula-sharira) und den fein­stoff­li­chen Kör­per (linga-sharira). Der grob­stoff­li­che, phy­si­sche Kör­per besteht aus fünf mate­ri­el­len Ele­men­ten: Erde, Was­ser, Feuer, Luft und Raum. Der fein­stoff­li­che Kör­per besteht aus Geist (manas), zu dem der Ver­stand und der emo­tio­nale Bereich zäh­len, Intel­li­genz (bud­dhi) und fal­schem Ego (ahan­kara). Die spi­ri­tu­elle Seele, der atman, hat drei Eigen­schaf­ten: sat, cit, ananda, ewig, vol­ler Wis­sen, und vol­ler Glück­se­lig­keit. Der atman ist in die­ser Welt der Trä­ger von fein­stoff­li­chem und grob­stoff­li­chem Kör­per, ähn­lich wie ein Mensch ein Unter­hemd und einen Pull­over tra­gen mag. Der atman exis­tiert ursprüng­lich und letzt­end­lich in sei­ner befrei­ten Form, in der er nicht mehr an die Kette von Aktion und Reak­tion gebun­den ist, in sei­ner ewi­gen spi­ri­tu­el­len Glück­se­lig­keit.
RE: Ich möchte nun zum Thema der Ent­halt­sam­keit und den damit ver­bun­de­nen Gebo­ten und Ver­bo­ten kom­men. Bestimmte Dränge des Kör­pers und des Gemüts wie z.B. sexu­elle Hand­lun­gen sol­len also ver­mie­den wer­den. Dies kann natür­lich auch in einer Art Unter­drü­ckung mün­den, und nun weiß man ja in der Psy­cho­lo­gie, daß sol­che Ver­drän­gun­gen sehr viel Ener­gie kos­ten und zu Neu­ro­sen, Pan­ze­run­gen, Krank­hei­ten, Depres­sio­nen und Antriebs­schwä­che füh­ren kön­nen. Wie geht der Vaishnava-Pfad mit die­sem Pro­blem um, daß die Ent­halt­sam­keit zu einer Unter­drü­ckung oder Ver­drän­gung wer­den kann und sich dadurch eine Neu­rose ent­wi­ckelt?
SS: Durch das Höher­lei­ten die­ser Ener­gie. Das Wort Zöli­bat oder sexu­elle Ent­halt­sam­keit taucht in den Vedas in einer völ­lig ande­ren Sinn­ge­bung auf. Hier heißt es brah­ma­ca­ria. Brah­ma­ca­ria ist der Lebens­stand der sexu­el­len Ent­halt­sam­keit. Das Sanskrit-Wort hat jedoch nichts mit Sex oder Non-Sex zu tun. Brahma heißt die spi­ri­tu­elle Ener­gie, und caria ist der­je­nige, der han­delt. Ein brah­ma­ca­ria sollte jemand sein, der in der spi­ri­tu­el­len Ener­gie Got­tes steht und han­delt. Er tut das mit spi­ri­tu­el­len Übun­gen, die einen Zugang zur hladini-shakti, der freu­den­spen­den­den Ener­gie, geben. Die Refle­xion die­ser hladini-shakti in der mate­ri­el­len Welt ist die mate­ri­elle Ener­gie, deren höchs­ter Inbe­griff der Freude die Sexua­li­tät ist. Wenn du jedoch den Apfel essen kannst, warum soll­test du dich dann an der Spie­ge­lung des Apfels im Was­ser erfreuen, die nicht den glei­chen Geschmack gibt, son­dern nur ein ähn­li­ches Äuße­res hat?
Wenn nun ein sexu­ell ent­halt­sa­mer Mensch oder ein brah­ma­ca­ria nicht in der spi­ri­tu­el­len Ener­gie ver­an­kert ist, set­zen die star­ken emo­tio­na­len Reak­tio­nen ein, die bei Ver­drän­gun­gen wir­ken. Dies kann auch bei einem spi­ri­tu­el­len Men­schen gesche­hen, und wenn dies der Fall ist, sollte die­ser Mensch ehr­lich sein und bes­ser einen ande­ren Lebens­stand anneh­men, in dem er die Mög­lich­keit hat, auch mit Sexua­li­tät umzu­ge­hen. Die­ser Lebens­stand ist der des gri­ha­stas (Haus­häl­ter mit Fami­lie).
Paramatma, die Überseele, weilt im Herzen eines jeden RE: Im Tan­tra wird gesagt, man solle die­sen Din­gen wie Sexua­li­tät nach­ge­ben, aller­dings ohne Anhaf­tung und könne dadurch erho­ben wer­den und zur Tran­szen­denz gelan­gen. Glaubst Du, daß man den diver­sen mate­ri­el­len Bedürf­nis­sen ohne Anhaf­tung nach­ge­hen kann und sie dadurch tran­szen­die­ren kann?
SS: Man kann die­sen Bedürf­nis­sen nur dann nach­ge­hen, wenn man dies mit spi­ri­tu­el­len Zusät­zen beglei­tet. Damit meine ich zum Bei­spiel die spi­ri­tu­el­len Schrif­ten von Hei­li­gen, die auf die­ser Stufe der Ver­wirk­li­chung gestan­den haben, oder spi­ri­tu­elle Schrif­ten, die Got­tes Offen­ba­rung sind. Da fin­det man diese spi­ri­tu­el­len Zusätze, deren Anwen­dung uns auf die spi­ri­tu­elle Ebene hebt.
Ich denke, es ist völ­lig unmög­lich, mate­ri­elle Anhaf­tun­gen auf­zu­ge­ben, indem man sie ein­fach bis zum Über­druß prak­ti­ziert. Es gibt ein Gesetz bei dem Nach­ge­ben von mate­ri­el­len Anhaf­tun­gen: Wäh­rend man es tut, wird im Her­zen der Keim eines Wun­sches gelegt, die Tätig­keit aufs neue aus­zu­füh­ren und zwar inten­si­ver. Die Vedas beschrei­ben die­ses Legen von einem Keim, und ich denke, daß jeder Mensch schon die Erfah­rung davon die­sem Keim gemacht hat.
RE: Ich möchte nun einige Zitate von Tan­tri­kas vor­le­sen und bitte dich um dei­nen Kom­men­tar.
"Wenn du etwas wirk­lich berührt hast, brauchst du nicht mehr los­zu­las­sen, es geschieht ganz von selbst." (Odier: Tan­tra, Ber­gisch Glad­bach 1997, S. 70)
SS: Wenn du etwas wirk­lich berührt hast, ent­steht in dei­nem Her­zen der Wunsch, es noch ein­mal zu berüh­ren, und zwar inten­si­ver, damit die nächste Berüh­rung die vorige über­trifft und nicht lang­wei­lig wird. Die­ser Aus­spruch würde dann funk­tio­nie­ren, wenn die Mate­rie nicht eine eigene Ener­gie hätte, wenn sie neu­tral wäre. Es ist jedoch lei­der die Erfah­rung, daß hier eine eigene Ener­gie wirkt. Ich möchte hier einen ande­ren Tan­tri­ker zitie­ren, der ein­mal sagte: "Rau­chen ist nicht gut, und Rau­chen ist nicht schlecht. Deine Ein­stel­lung macht es gut oder schlecht." Oder wie sagt doch die Wer­bung: "Ich rau­che gern." Diese Leute bekom­men trotz­dem ihren Lun­gen­krebs. Natür­lich kann es sein, daß ein depres­si­ver Mensch schnel­ler den Lun­gen­krebs bekommt, aber auch die posi­tiv Den­ken­den müs­sen sich der Kraft der Mate­rie beu­gen.
Der materielle Körper besteht aus Erde, Wasser, Feuer und Luft RE: Nächs­tes Zitat: "Der Tan­tris­mus ver­wirft nichts, alle kör­per­li­chen und geis­ti­gen Vor­gänge sind das Holz, daß wir in das große Feuer legen, das das Ich ver­zehrt und uns unmit­tel­bar ins Abso­lute führt." (Odier, S. 84)
SS: Das ist eine sehr gute Hoff­nung, die lei­der nur ganz sel­ten ein­trifft – dann näm­lich, wenn das Tan­tra mit den spi­ri­tu­el­len Zusät­zen der Tra­di­tion ver­knüpft ist. Im Wes­ten jedoch wird Tan­tra meis­tens von den über­aus kom­pli­zier­ten Regeln und Regu­lie­run­gen der Schrif­ten getrennt. Ich habe natür­lich viele west­li­che Tan­tri­ker getrof­fen und hatte den Ein­druck, daß es ihnen in ers­ter Linie um ein schuld­freies Genie­ßen des mate­ri­el­len Daseins geht und sie dann in die­sen Genuß sehr fromme Hoff­nun­gen auf eine irgend­wann ein­mal statt­fin­dende Erlö­sung hin­ein pro­ji­zie­ren. Ich möchte diese Tan­tri­ker inspi­rie­ren zu prü­fen, ob diese Los­lö­sung bei ihnen schon statt­ge­fun­den hat, oder ob die Anhaf­tun­gen, denen sie nach­gin­gen, zu wei­te­ren Anhaf­tun­gen geführt haben.
RE: "Es geht darum, eine Befrei­ung des in Gut und Schlecht geteil­ten Men­schen zu errei­chen." (Andro: Tan­tra, Tattva Viveka 13, S. 14–19)
SS: Sicher ist es das Anlie­gen eines spi­ri­tu­el­len Pfa­des, die mate­ri­elle Welt, die sich in einem Dua­lis­mus von Gut und Schlecht, von Tag und Nacht, ange­nehm und unan­ge­nehm usw. dar­stellt, zu über­win­den. Doch wenn es funk­tio­nie­ren soll, ins Zen­trum des Zyklons zu gehen und dadurch aus dem Zyklon her­aus­zu­kom­men, ist es ganz wich­tig, diese spi­ri­tu­el­len Zusätze zu haben und nicht mit hem­mungs­lo­ser Sinn­lich­keit das zu prak­ti­zie­ren, was jeder deut­sche Fuß­ball­fan nach dem Sport­stu­dio zu Hause macht.
Indien, das Land der Mystik und der Gotteserkenntnis Tan­tra ist ein alter und ehr­wür­di­ger Pro­zeß, der in sich Gege­ben­hei­ten und Regeln hat, wie unge­fähr das Bogen­schie­ßen beim Zen-Buddhismus. Es gab ein­mal einen ame­ri­ka­ni­schen Stu­den­ten, der gerne das Satori (Erleuch­tung) durch das Bogen­schie­ßen errei­chen wollte. Er hatte gehört, daß bei einem Erleuch­te­ten die Bogen­sehne auf eine ganz bestimmte Art und Weise klingt. Nach­dem er ver­schie­dene Ton­band­auf­nah­men gemacht hatte, konnte er auf sei­nem Bogen die­sen Klang erzeu­gen. Meinte er zumin­dest. Er hatte sich nicht um die spi­ri­tu­el­len Tech­ni­ken geküm­mert, wie das Ego abzu­le­gen, die Kon­zen­tra­tion des Geis­tes, die Atem­tech­nik, die Vipas­sana–Medi­ta­tion usw. Er ging zu einer Demons­tra­tion zu einem Roshi (Meis­ter). Die­ser war so der­ma­ßen von ihm ent­täuscht, daß er mit einer lächeln­den Miene vor ihm aus­spuckte und davon ging.
Es geht mir mit die­ser Geschichte darum zu zei­gen, daß wir nicht ein­fach die äuße­ren Aspekte einer Übung imi­tie­ren soll­ten, ohne die eigent­li­che Phi­lo­so­phie zu neh­men. Heute sagen die Men­schen, wir müs­sen Tan­tra von dem reli­giö­sen Bal­last befreien, doch die inne­ren Aspekte des Tan­tra sind nicht ein­fach nur reli­giö­ser Bal­last, auch wenn die Regeln manch­mal unan­ge­nehm für den hem­mungs­los sinn­lich ori­en­tier­ten Men­schen erschei­nen.
RE: Die Tan­tri­ker sagen durch­aus, daß es nicht darum geht, dem Sin­nes­ge­nuß zu fröh­nen. Es geht nicht um Sex, es geht um eine Art von Erleuch­tung, um eine Prä­senz in der Wirk­lich­keit, eine Art Los­lö­sung von den Drän­gen des Kör­pers.
SS: Ich bin mir dar­über bewußt, aber ich sehe hier eine große Gefahr, vor der auch die alte Tantra-Lehre warnt. Es gibt zum Bei­spiel auf dem Pfad des mys­ti­schen Yoga acht mys­ti­sche Voll­kom­men­hei­ten, die der Yogi erlan­gen kann. Dazu gehört etwa die Mög­lich­keit, sich alles zu beschaf­fen, was man möchte und unter Umstän­den Gegen­stände zu mate­ria­li­sie­ren. Sie kön­nen außer­dem jede Form anneh­men, und von man­chen Yogis wird berich­tet, daß sie Sexua­li­tät in tie­ri­schen Lebens­for­men erfah­ren möch­ten, um nicht als Mensch den ver­schie­de­nen Aus­wir­kun­gen davon aus­ge­setzt zu sein. Sie neh­men dann die Form eines Tie­res an, in der sie die Sexua­li­tät in gro­ßer Inten­si­tät prak­ti­zie­ren kön­nen. Eine dritte Fähig­keit ist z. B. das Flie­gen. Aber am Ende die­ser Unter­wei­sun­gen wird gesagt, "Yogi nimm dich in Acht, daß du nicht von die­sen Din­gen ange­zo­gen wirst. Wenn das der Fall ist, ist es nicht mög­lich, die Befrei­ung zu erlan­gen."
Die West­ler müs­sen sich schon sagen las­sen, meis­tens sehr äußer­lich ori­en­tiert zu sein, und in der Beteue­rung der moder­nen west­li­chen Tan­tri­ker, es gehe ihnen um spi­ri­tu­elle Dinge, habe ich in mei­nen Erfah­run­gen mit die­sen Men­schen sehr oft einen gut gemein­ten Selbst­be­trug gese­hen. Dies ist ähn­lich, wie ich es in den Kampf­kunst­schu­len im Wes­ten gese­hen habe. Da sagt der Meis­ter auch, es ist keine Ver­prü­gel­tech­nik, aber wenn man sich die Leute anschaut, die dort hin­ge­hen und das ler­nen, dann wer­den sehr bald die Motive klar.
Es geht mir nicht darum, einen ande­ren Pfad grund­los zu kri­ti­sie­ren. Es geht mir darum zu sagen, daß jeder Pfad exakt aus­ge­übt wer­den muß, um zu dem gewünsch­ten Ergeb­nis zu füh­ren.
Devotees, Gottgeweihte Krishnas

RE: Ich möchte noch zwei Zitate vor­le­sen:
"Nie­mand kommt auf die­sem Weg voran, der sei­nen Lei­den­schaf­ten unter­wor­fen ist, oder das Opfer sei­ner ego­is­ti­schen, mani­pu­lie­ren­den, macht­be­ses­se­nen oder unter­drück­ten Sexua­li­tät ist." (Odier, S. 134)
Weder eine macht­be­ses­sene oder Über­hand neh­mende Sexua­li­tät noch eine unter­drückte Sexua­li­tät sind hier von Vor­teil. Er sagt auch, daß alles Nicht-Erfüllte dem Gött­li­chen ent­ge­gen steht (S. 158).
SS: Ich kenne nun nicht alles, was der Autor sagt, aber wenn er tat­säch­lich den tra­di­tio­nel­len Pfad ver­stan­den hat und lehrt, dann wird er seine Wir­kung sicher nicht ver­feh­len. Jdann muß jeder, der den einen sol­chen Pfad beschrei­tet, sollte selbst sehen, wie weit er kommt. Eins steht fest, es gibt den Tan­tra auf die­sen unter­schied­li­chen Ebe­nen, und es ist ein tra­di­tio­nel­ler Pfad, der zur Erhe­bung führt.
RE: Auch Andro: "Das Tan­tra geht nicht zusam­men mit einem unbe­wuß­ten, hedo­nis­ti­schen, nur an Bequem­lich­keit ori­en­tier­ten Leben." (TV 13, S. 14–19)
SS: Zum ech­ten Tan­tra nehme ich eine wohl­wol­lende Hal­tung ein, ich möchte aber auch die Schwach­stel­len und lei­der oft beob­ach­te­ten Gefah­ren ins Blick­feld rücken.
Gemäß dem alten Wis­sen der Vedas gibt es drei Arten von Tan­tras für ver­schie­dene Arten von Men­schen, die unter­schied­li­che Bedürf­nisse haben. Ich sehe die beson­dere Stärke der Vedas darin, daß sie für die jewei­li­gen Men­schen­ty­pen bestimmte Vor­schrif­ten und Inspi­ra­tio­nen geben, wie sie Got­tes­be­wußt­sein oder Selbst­er­kennt­nis erlan­gen kön­nen. Nicht jeder ist auf der glei­chen Ebene, des­halb mag nicht für jeden das Glei­che rich­tig sein.
Die vedi­schen Schrif­ten tei­len die Men­schen in drei Grund­ty­pen (gunas) ein:

  1. tamas,
  2. rajas,
  3. sattva.

Der tamas–Typ ist ein Mensch, der sich von sei­ner Kon­sti­tu­tion her von Sexua­li­tät, Berau­schung, Fleisch­ge­nuß ange­zo­gen fühlt, und der mehr erd­ge­bun­den und kör­per­ori­en­tiert ist. Der rajas–Typ neigt zu aus­ge­spro­che­ner Akti­vi­tät, zum Erwer­ben von Gütern, und fühlt sich zu sexu­el­len und inten­si­ven roman­ti­schen Erleb­nis­sen hin­ge­zo­gen. Der sattva–Typ ist ein Mensch, dem es mehr um Erkennt­nis geht, der Zurück­hal­tung von den mate­ri­el­len Trie­ben und Zwän­gen übt, und zu einer Ver­wirk­li­chung Got­tes in einem sei­ner drei Aspekte kom­men möchte.
Da diese Men­schen psy­cho­lo­gisch und auch kör­per­lich anders ver­an­lagt sind, wer­den ihnen auch unter­schied­li­che Tan­tras, d.h. Vor­gänge ange­bo­ten, mit denen sie letzt­lich zum glei­chen Ziel kom­men sol­len, wenn sie diese Vor­gänge auch rich­tig aus­üben.
Der Tan­tra, der im Wes­ten auf­ge­kom­men ist, also der mehr kör­per­lich ori­en­tierte Weg, wird in den Veden haupt­säch­lich dem tamas–Typ emp­foh­len. Der sattva–Typ würde sich dazu nicht hin­ge­zo­gen füh­len. Des­halb sind für die­sen auch andere Schrif­ten und andere Tan­tras vor­ge­se­hen, ins­be­son­dere der Vaishnava-Tantra.

Radha-Krishna, das transzendentale Liebespaar RE: Der heute im Wes­ten vor­herr­schende Tan­tra ist also der shi­vai­ti­sche oder tamas–ori­en­tierte Tan­tra. In die­sem Tan­tra ist das erklärte Ziel die Befrei­ung. Befrei­ung von Angst, von men­ta­len Vor­stel­lun­gen, von Abhän­gig­kei­ten. Im Krishna-Bewußtsein nun ist es so, daß sich der Gott­ge­weihte wünscht, seine Anhaf­tung an die Befrei­ung zu ver­lie­ren, weil er die Hin­gabe zu Krishna erle­ben möchte.
Dies kor­re­spon­diert auch mit dem tan­tri­schen Motiv der Leere. Leere bedeu­tet die völ­lige Abwe­sen­heit von Begrif­fen, Urtei­len usw. und führt zu Befrei­ung. Krishna-Bewußtsein geht hier wei­ter und es gibt zahl­rei­che Bei­spiele von mys­ti­schen Yogis, die dem unper­sön­li­chen brah­man bzw. der para­matma–Erkennt­nis anhin­gen und sofort Geschmack an der Liebe zu Krishna gefun­den haben, als sie mit ihm in Kon­takt kamen. Wie geht es also wei­ter nach der brah­man–Ver­wirk­li­chung und wie geht es wei­ter nach der Befrei­ung?
SS: Es geht wei­ter, indem man zum Ursprung der brah­man–Ener­gie vor­stößt. Der bhakti–Mys­ti­ker Sana­tana Gos­wami beschreibt in sei­nem Werk Bbri­had Bbha­ga­va­t­am­ri­tam, wie eine Seele die mate­ri­elle Welt ver­läßt. Als sie aus der mate­ri­el­len Welt her­aus­tritt, kommt sie in ein unglaub­lich hel­les Licht, was sich aber nicht mit einem Licht in der mate­ri­el­len Erfah­rung ver­glei­chen läßt. Er kommt hin­ein und merkt, wie er plötz­lich auf­hört, jeg­li­che Art von Iden­ti­tät zu besit­zen. Da er ein bhakta ist, der sich den Aus­tausch mit Gott wünscht und erfah­ren hat, daß zu die­sem Aus­tausch eben zwei nötig sind, betet er in die­sem Augen­blick, vor der spi­ri­tu­el­len Aus­lö­schung sei­ner indi­vi­du­el­len Per­sön­lich­keit bewahrt zu blei­ben, und erlebt dann, wie er hin­ter die­sem Licht das wun­der­volle Ant­litz Krish­nas wahr­nimmt. Es gibt in die­sem Zusam­men­hang ein Gebet in der Iso­pa­nis­had: hiran­mayena patrena saty­asya­pi­hi­tam muk­ham tat tvam pusann apavrnu satya-dharmanya drstaye: "O mein Herr, Erhal­ter allen Lebens, Dein wirk­li­ches Gesicht ist durch Deine leuch­tende Aus­strah­lung ver­hüllt. Ent­ferne güti­ger­weise diese Ver­hül­lung und offen­bare Dich dem­je­ni­gen, der Dir bedin­gungs­los sein Leben geweiht hat."
Der Devo­tee ver­steht das unper­sön­li­che brah­man als die Ener­gie Got­tes, und ihm ist der Ener­gieur­sprung wich­ti­ger als die Aus­wir­kung.
RE: Könnte man sagen, daß ein Devo­tee des­halb keine Inter­esse an Befrei­ung hat, weil er durch sei­nen Anschluß an die hladini-shakti und den lie­be­vol­len Aus­tausch mit Gott ohne­hin befreit ist?
SS: Ab einer gewis­sen Stufe trifft das zu. Er ist in dem Ein­fluß­be­reich Got­tes von der mate­ri­el­len Ener­gie befreit und des­halb nicht mehr an unper­sön­li­cher Befrei­ung inter­es­siert. Er hat das schon mit inte­griert. Es heißt, daß mukti, die Befrei­ung, dem bhakta dient wie eine Die­ne­rin, die an der Tür steht. Aber er ruft nicht nach ihr, da er ihre Dienste nicht mehr benö­tigt.
RE: Die Befrei­ung kor­re­spon­diert auch mit dem Kon­zept von neti-neti (nicht dies, nicht das). Es soll keine Begriffe, kei­nen Glau­ben, keine Vor­stel­lun­gen etc. mehr geben, so die Aus­sage der Tan­tri­kas. Wie defi­nie­ren die Vaish­na­vas das Kon­zept von neti-neti und warum ist die­ses Kon­zept unzu­rei­chend, um die Wahr­heit zu erklä­ren?
SS: Neti-neti ist der Ver­such, sich durch den Pro­zeß der Negie­rung und des Aus­schlie­ßens zum Kern der Wahr­heit vor­zu­ar­bei­ten. Ähn­lich viel­leicht wie jemand durch das Abschä­len einer Zwie­bel zum Zwie­bel­kern vor­drin­gen möchte. Nicht dies ist Wahr­heit, nicht das ist Wahr­heit.
Das Pro­blem ist, daß die­ser Pro­zeß der Negie­rung immer noch im mate­ri­el­len Den­ken statt­fin­det. Wenn man nun als Hilfs­mit­tel nur den noch mate­ri­ell gefüll­ten Geist hat, kann man nicht zu spi­ri­tu­el­len Erkennt­nis­sen kom­men. Man muß in ein ande­res Geviert über­wech­seln, um aus dem mate­ri­el­len Kreis her­aus in die spi­ri­tu­elle Erkennt­nis zu kom­men. Mit neti-neti ver­läßt man die­sen Kreis nicht, weil das Hilfs­mit­tel der Negie­rung, der Geist, immer noch mate­ri­ell ist.
RE: Das scheint mir über­haupt eine inter­es­sante Frage zu sein, inwie­weit Tan­tra über­haupt die mate­ri­elle Sphäre ver­läßt, oder ob sich der Tan­trika nicht viel­leicht inner­halb der mate­ri­el­len Sphäre bewegt und ver­sucht, da mög­lichst gut durch­zu­kom­men.
SS: Ja, nach mei­ner Sicht wird Tan­tra, auch der Vaishnava-Tantra, den ich aus­übe, erst dadurch spi­ri­tu­ell, daß sich der Mensch zu den spi­ri­tu­el­len Unter­wei­sun­gen hin­ge­zo­gen fühlt. Im Tan­tra haben wir jetzt zum Bei­spiel eine spi­ri­tu­elle Unter­wei­sung gehört, näm­lich daß man lang­sam und all­mäh­lich die Anhaf­tung an die ego­is­ti­schen und mani­pu­la­ti­ven Ten­den­zen auf­ge­ben sollte. Das ist, wor­auf es ange­kommt, und das geschieht nur durch rein spi­ri­tu­elle Übun­gen. Bei uns im Vaishnava-Tantra ist das auch so. Es gibt viele Regeln und Regu­lie­run­gen, und ver­steckt tritt dann auf, daß es das Wich­tigste ist, sich immer an Krishna zu erin­nern, ihn nie zu ver­ges­sen und Liebe zu ihm zu ent­wi­ckeln. Diese Liebe zu Krishna ist die spi­ri­tu­elle Kom­po­nente, die alles erfolg­reich macht.
Shiva, der Gott der Tantrikas

Wir sehen also, daß inner­halb der Regel­werke die eigent­li­che Medi­zin ver­steckt ist. So ist das mit allen Tan­tras. Sie sind wie Zucker­wür­fel, die in sich den Trop­fen Medi­zin tra­gen. Viele Men­schen wol­len jedoch nur den Zucker ohne die Medi­zin.
Die Vedas sind enorm viel­fäl­tig. Sie beinhal­ten zum Bei­spiel auch den karma-kanda–Teil. Dies sind Unter­wei­sun­gen, die hel­fen, in der Welt mate­ri­el­len Erfolg zu haben. Es gibt des­wei­te­ren den jnana-kanda–Teil, der uns zu Wis­sen über die mate­ri­elle Welt führt. Über neun­zig Pro­zent der Vedas behan­deln nur diese The­men. Nur zehn Pro­zent behan­deln die Hin­gabe zu Krishna.
Der Grund, wes­we­gen das so gestal­tet ist, ist die Ein­sicht, daß die meis­ten Men­schen Mate­ria­lis­ten sind. Sonst wären wir nicht hier in der mate­ri­el­len Welt. Um diese Men­schen zu errei­chen, wer­den erst ein­mal diese mate­ri­el­len Inter­es­sen abge­deckt, in der Hoff­nung, das irgend­wann der Mensch über die spi­ri­tu­el­len Infor­ma­tio­nen stol­pert und sie auf­greift. Im karma-kanda–Teil der Veden gibt es zum Bei­spiel Emp­feh­lun­gen, hei­lige Orte auf­zu­su­chen und dort wohl­tä­tige Hand­lun­gen aus­zu­füh­ren. Denn, so die Logik, gute Taten, die an hei­li­gen Orten aus­ge­führt wer­den, brin­gen das Zehn­fa­che an Ergeb­nis­sen zurück. Die spi­ri­tu­elle Logik dahin­ter jedoch ist, die Men­schen erst ein­mal zu den hei­li­gen Orten zu füh­ren, damit sie dort von der unglaub­li­chen spi­ri­tu­el­len Kraft die­ser Orte erreicht wer­den. Viel­leicht tref­fen sie dort die gro­ßen Wei­sen und bekom­men von ihnen den Keim der Anzie­hung zu Krishna.
Der shi­vai­ti­sche Tan­tra und karma-kanda sind sozu­sa­gen dieer erste Kon­takt­auf­nahme Got­tes zu den Men­schen der mate­ri­el­len Welt mit der Absicht, sie letzt­end­lich zu spi­ri­tu­el­len Din­gen hin­zu­füh­ren.
RE: Ein Mensch, der nur an Sexua­li­tät als höchs­ter mate­ri­el­ler Freude inter­es­siert ist und keine hei­li­gen Dinge in sei­nem Leben kennt, ist also mög­li­cher­weise zum ers­ten Kon­takt mit der spi­ri­tu­el­len Sphäre zu brin­gen, indem er seine Sexua­li­tät hei­ligt.
RE: Im Krishna-Bewußtsein wird das mensch­li­che Leben bis­wei­len als eine Art Strafe ver­stan­den. Dies ist die in reli­giö­sen Leh­ren weit ver­brei­tete Kör­per– und Lebens­feind­lich­keit. Warum gilt das Leben als Strafe und warum steht man dem Kör­per ableh­nend gegen­über?
SS: Mit die­sen nega­ti­ven Beschrei­bun­gen ist eine ganz bestimmte Art des mensch­li­chen Lebens gemeint, näm­lich das dahin vege­tie­rende und nur auf die sinn­li­chen Impulse rea­gie­rende Leben.
Das mensch­li­che Leben ist das größte Geschenk Got­tes an die Seele. Im elf­ten Canto des Sri­mad Bha­ga­va­tam heißt es, daß Krishna, nach­dem alles geschaf­fen war, noch nicht zufrie­den war, weil die Lebens­for­men, die er geschaf­fen hatte, nur den Instink­ten der Sinne fol­gen konn­ten. Da besann er sich und schuf den Men­schen, der die Mög­lich­keit hat, über das, was kurz­fris­tig von Wohl erscheint, das zu set­zen, was dem eigent­li­chen spi­ri­tu­el­len Wohl folgt. Diese mensch­li­che Lebens­form wird beschrie­ben als ein wert­vol­les Boot, um den Ozean der Unwis­sen­heit zu über­que­ren. Die Nega­tiv­be­schrei­bun­gen bezie­hen sich auf ein nicht genutz­tes Boot, was auf den Boden des Oze­ans sinkt.
RE: Inwie­fern arbei­tet das Krishna-Bewußtsein oder andere sexu­ell ent­halt­same Glau­bens­rich­tun­gen mit einer Ver­teu­fe­lung der Sexua­li­tät, was dann zu Schuld führt und zu Angst, den spi­ri­tu­el­len Fort­schritt zu ver­lie­ren?
SS: Wenn das geschieht, dann ist die Lehre sicher­lich nicht rich­tig erklärt wor­den. Es gibt eine inter­es­sante Pra­xis, die den zöli­ba­tä­ren Mön­chen und Non­nen emp­foh­len wird. Zuerst soll­ten sie das andere Geschlecht wie eine Kobra fürch­ten, damit ist gemeint, sie soll­ten Abstand hal­ten wie vor einer Kobra. Doch man weiß genau, daß jemand, der etwas negiert, sich immer noch damit beschäf­tigt. Des­halb ist die zweite Stufe, daß man Respekt vor allen Wesen hat, z.B. wird dem Mönch emp­foh­len, alle Frauen wie seine Mut­ter zu respek­tie­ren, also nicht mehr zu ver­ab­scheuen. Aber die letzte Stufe, die es im brah­ma­ca­ria–Leben anzu­stre­ben gilt, ist, das man alle Lebe­we­sen als spi­ri­tu­elle See­len und als Teile Got­tes ansieht. Erst dann kann man rich­tig brah­ma­ca­ria prak­ti­zie­ren. Sonst hält man sich in den belas­ten­den Negativ-Bezeichnungen auf und ist genau so arm dran wie der Mate­ria­list.
In die­sem Zusam­men­hang möchte ich eine kleine Geschichte erzäh­len, die unser spi­ri­tu­el­ler Meis­ter, Srila Prab­hu­pada, uns berich­tete.
Es gab ein­mal zwei brah­ma­ni­sche Mön­che, die auf einer Reise zu einem Fluß kamen. Am Fluß – es war schon Son­nen­un­ter­gang – stand eine wun­der­schöne Frau, die über den Fluß über­quer­set­zen wollte, aber sich nicht traute, ihr lan­ges Kleid hoch­zu­zie­hen und durch das Was­ser zu waten, weil so viele ihr unbe­kannte Män­ner in der Gegend waren. So bat sie dann die Mön­che, von denen sie ein kul­ti­vier­tes Bewußt­sein erwar­tete, sie über den Fluß zu tra­gen.
Der alte Mönch tat so, als würde er sie über­haupt nicht sehen. Für ihn war es klar, Frauen sind die Ver­su­chung schlecht­hin. Der junge Mönch jedoch nahm sie hucke­pack und trug sie über den Fluß. Am ande­ren Ufer setzte er die Frau ab und ging dann schwei­gend neben dem alten Mönch wei­ter. Für fünf Stun­den schwie­gen sie, was bei brah­ma­ni­schen Mön­chen nicht wei­ter ver­wun­der­lich ist, bis es schließ­lich aus dem Alten her­vor­brach: "Du Schand­fleck unse­res mön­chi­schen Ordens, du hast eine Frau Haut zu Haut gehabt. Du hast sie getra­gen!" "Ja", sagte der junge Mönch, "für fünf Minu­ten. Aber du trägst sie nun schon fünf Stun­den."

Die unge­kürzte Ver­sion des Arti­kel steht auf unse­rer Home­page im Inter­net bereit: www.syntropia.de

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