Der voll­kom­mene Zustand der Seele – Wesen und Wahr­heit der rei­nen Reli­gion

Die indi­sche Reli­gion des Vaishnava-Dharma lehrt den Weg der Liebe zu Göttin-Gott, die ewige Spiele der Liebe mit unbe­grenz­tem Wohl­ge­schmack aus­füh­ren. Jedes Lebe­we­sen ist eben­falls ewig und hat eine ursprüng­li­che lie­be­volle Bezie­hung zu dem gött­li­chen Paar. Diese Bezie­hung ist zwar zumeist in Ver­ges­sen­heit gera­ten, kann aber auf bestimmte Weise wie­der erweckt wer­den. Ron Engert befragt im Inter­view Aranya Maha­raja, der den indi­schen Weg des Bhakti-Yoga prak­ti­ziert, des Yoga der Liebe zu Gott.

Ronald Engert: Du prak­ti­zierst den indi­schen Weg des bhakti-yoga, der Yoga der Liebe zu Gott, der auch Vaishnava-Dharma genannt wird und in der Linie der Gau­diya Vaish­na­vas steht. Du hast San­nyas ange­nom­men, was in die­ser Tra­di­tion bedeu­tet, dass Du Dein gan­zes Leben der Wahr­heit gewid­met hast, allem welt­li­chen Besitz ent­sagt hast und im Zöli­bat lebst. Du bist in Eng­land gebo­ren. Wie kommt es, dass Du zu die­ser indi­schen Reli­gion gefun­den hast? Was ist deine innere Sehn­sucht, die dich dazu geführt hat?

Aranya Maha­raja: Diese Frage kann aus zwei Blick­win­keln beant­wor­tet wer­den – dem rela­ti­ven und dem abso­lu­ten Blick­win­kel. Der rela­tive Blick­win­kel ist meine eigene Erfah­rung und mein rela­tiv begrenz­tes Bewusst­sein, das sich lang­sam ent­wi­ckelt. In mei­ner Jugend hatte ich ein star­kes Inter­esse an Fra­gen nach der Wahr­heit und Gott. Ins­be­son­dere suchte ich nach einem reli­giö­sen System, das eine Methode der Medi­ta­tion zu bie­ten hätte, die eine direkte Erfah­rung der Seele und Got­tes ermög­li­chen würde. Auf natür­li­che Weise rich­tete sich des­halb meine Auf­merk­sam­keit in den Osten und die Yoga-Systeme des alten Indien. Unter den ver­schie­de­nen Yoga-Systemen und Phi­lo­so­phien des alten Indien fand ich die voll­stän­digste, umfas­sendste und kon­sis­ten­teste Erklä­rung der Rea­li­tät in den Veden, dem Vedanta, den Upa­nis­ha­den und den Erklä­run­gen der gro­ßen Wei­sen in der Vaishnava-Tradition. Unter den Wei­sen der Vaishnava-Tradition sind vier die wich­tigs­ten: Sri Rama­nuja Aca­rya, Madhva Aca­rya, Nim­baini­tya und Vishnu Swami. Obwohl es zwi­schen ihren Leh­ren gewisse Unter­schiede gibt, wur­den alle diese Anschau­un­gen von Sri Cai­tanya Mahaprabhu in eine voll­kom­mene und feh­ler­freie Syn­these gebracht.
Des­halb brachte mich meine Suche nach Wahr­heit und Erleuch­tung auf natür­li­che Weise zu Sri Cai­tanya Mahaprabhu. Das ist die rela­tive Ant­wort auf diese Frage.
Die abso­lute Ant­wort auf diese Frage ist fol­gende: Jede Seele durch­läuft viele, viele Leben. In jedem Leben durch­läuft sie bestimmte Leh­rer­fah­run­gen. Jedes ein­zelne Leben kann ver­stan­den wer­den wie ein Tag in der Schule. An jedem Tag in der Schule ler­nen wir eine wich­tige Lek­tion, die wir dann in den nächs­ten Tag mit­neh­men. In ähn­li­cher Weise wan­dert die Seele durch diese Welt, und in jedem Leben lernt sie eine wich­tige Lek­tion. Dann geht sie in das nächste Leben und bringt diese Lek­tion mit. Obwohl sie die Details ihres frü­he­ren Lebens ver­ges­sen hat, bleibt die Essenz ihrer Ent­wick­lung und die Dis­po­si­tion erhal­ten, so dass die Seele den Fort­schritt zur nächs­ten Stufe machen kann. Aus der Sicht des abso­lu­ten Stand­punkts gese­hen weiß ich, dass ich in mei­nen vor­an­ge­gan­ge­nen Leben gewisse Übun­gen und Prak­ti­ken des Vaish­na­vis­mus aus­ge­führt haben muss und so auf natür­li­che Weise schon in frü­hes­ter Jugend zum Vaishnava-Dharma hin­ge­zo­gen war, obwohl ich mir auf der Ebene mei­nes eige­nen Bewusst­seins die­ser Sache nicht bewusst war. Die Geschichte eines Lebe­we­sens im Sinne sei­ner Tätig­kei­ten aus frü­he­ren Leben und sein sukriti (die Ansamm­lung from­mer Taten) füh­ren es und len­ken es wie­der auf den Pfad, den es schon im vor­an­ge­gan­ge­nen Leben prak­ti­ziert hat.
In unse­ren eige­nen täg­li­chen Erfah­run­gen gibt es viele Ein­drü­cke, die sich tief in unser Bewusst­sein ein­ge­prägt haben und uns dazu bewe­gen, bestimmte Orte wie­der auf­zu­su­chen. Wir sind uns des­sen auf der ober­fläch­li­chen Ebene unse­res Bewusst­seins nicht bewusst.

RE: Du warst kürz­lich in Israel. Dort bist du auch sehr bewusst die Wege gegan­gen, die Jesus Chris­tus gegan­gen ist. Ich nehme an, Du hast dort die spe­zi­fi­sche Ener­gie von Jesus gespürt. Was war dein Ein­druck und was ist deine Bezie­hung zu Jesus?

AM: Schon in mei­ner Kind­heit habe ich die Bibel gele­sen und war sehr fas­zi­niert von der Berg­pre­digt. Ich las sie immer wie­der und fühlte, dass es sich hier um wirk­lich uni­ver­sale Prin­zi­pien han­delte. Die Prin­zi­pien, die dort gespro­chen wur­den, waren nicht das Eigen­tum einer bestimm­ten Reli­gion, Rasse oder Nation. Sie sind für alle Lebe­we­sen in jeder Hin­sicht von gro­ßer Bedeu­tung. Zufäl­li­ger­weise hatte ich eine Ver­ab­re­dung mit einem Pro­fes­sor für Indo­lo­gie, des­sen Haus direkt am See von Gene­za­reth lag. Ich hatte nicht geplant, dort hin­zu­ge­hen, aber Gott hatte es für mich so geplant. Als ich an die­sen Ort kam, war ich sehr inspi­riert, über die Leh­ren und Taten von Jesus zu medi­tie­ren. In die­sem Moment kamen wie von selbst ganz viele Gedan­ken aus ver­schie­dens­ten Rich­tun­gen in mein Herz. Ich fühlte sehr deut­lich, dass der Glaube in das, was jen­seits unse­rer Exis­tenz ist, in etwas, was höher ist als wir und unse­ren Dienst und unsere Ver­eh­rung ver­dient, ein sehr wich­ti­ger Aspekt per­sön­li­cher Ent­wick­lung dar­stellt. Die­sen Glau­ben wer­den wir dann eines Tages in tran­szen­den­tale Liebe ver­wan­deln. Die per­sön­li­chen Merk­male des höchs­ten Herrn wer­den dann für die Augen der Seele sicht­bar wer­den.
Es gibt so viele Dis­pute zwi­schen den Theo­lo­gen und Gelehr­ten, ob bestimmte Bege­ben­hei­ten im Leben von Jesus wahr sind oder nicht. Wenn jedoch ein Mensch einen bestimm­ten Ort besucht, der als Schau­platz eines Wun­ders gilt, und sich in die Leh­ren ver­tieft, wird sein Glaube berei­chert. Ob es also wahr oder falsch oder halb wahr ist, ist nicht so bedeu­tend. Diese Plätze und die Leh­ren erzeu­gen im Her­zen des Lebe­we­sens eine Nei­gung, Gott Dienst dar­zu­brin­gen. Und das ist die wert­volle Sache.

Was ist die Ursa­che unse­rer Ver­stri­ckung und die Ursa­che unse­rer Unwis­sen­heit? In Sans­krit wird es bhoga-vritti genannt, die Ten­denz, in einem ego­is­ti­schen Geist zu genie­ßen. Das Gegen­teil die­ses selbsti­schen Geis­tes ist der Geist des Opfers, der Hin­gabe und des Diens­tes zum höchs­ten Wesen. Des­halb ist der Glaube an das höchste Wesen, was eine Hal­tung des Diens­tes vor­aus­setzt, das All­heil­mit­tel gegen das mate­ri­elle Bewusst­sein und seine Unwis­sen­heit, das uns in der end­lo­sen Kette von Geburt und Tod fest­hält. Die his­to­ri­schen Details sind im Grunde unwich­tig, wenn man sie mit den Erfah­run­gen ver­gleicht, die das Herz einer Per­son trans­for­mie­ren und sie von einem Ego-zentrierten Bewusst­sein zu einem Gott-zentrierten Bewusst­sein bringt. Das ist das Wich­tige. Als ich nun an die­sem Ort war und über diese Dinge kon­tem­plierte, kam ein Vers der Bhagavad-gita in mei­nen Sinn. Hier sagt Krishna in Vers 7.21:
yo yo yam yam tanum bhak­tah
srad­dha­yar­ci­tum icchati
tasya tasya­ca­lam srad­dham
tam eva vidad­hamy aham
"Wenn jemand den Wunsch hat, ein gött­li­ches Wesen zu ver­eh­ren, dann kräf­tigt Krishna, der die abso­lute Wahr­heit ist, den Glau­ben die­ses Lebe­we­sens in diese Gott­heit, was immer sein Kon­zept von einem gött­li­chen Wesen sein mag."
Das ist sehr bedeut­sam. Wenn z.B. ein natur­re­li­giö­ser Stamm im Wald die Auf­fas­sung ver­tritt, dass ein Berg Gott ist, und jemand ande­res in einer ande­ren Gegend hat eine andere Kon­zep­tion von Gott und so wei­ter, so wer­den alle diese Glau­bens­for­men bekräf­tigt, und zwar von wem? Von Gott, der höchs­ten abso­lu­ten Wahr­heit selbst. Diese Stel­lung­nahme wird in der Bhagavad-gita gemacht. Warum? Weil es in den frü­hen Sta­dien des spi­ri­tu­el­len Erwa­chens nicht so sehr auf die Details ankommt. Die bedeu­tende Sache ist die Ten­denz, das selbst­zen­trierte Bewusst­sein auf­zu­ge­ben und sich der Hin­gabe zu Gott zuzu­wen­den. Wenn also ein klei­ner Funke die­ser Stim­mung der Hin­gabe im Lebe­we­sen erscheint, facht Gott die­sen Fun­ken an, damit er wach­sen und eines Tages ein alles ver­schlin­gen­des Feuer wer­den möge.

Wir kön­nen also sehen, dass in die­ser Welt ver­schie­dene Men­schen ver­schie­dene Ten­den­zen haben. Ein Kon­zept von Gott mag viel­leicht nicht für jeden pas­sen, des­we­gen sehen wir eine Viel­falt von reli­giö­sen Glau­bens­for­men, die je nach Sta­dium ihrer reli­giö­sen Ent­wick­lung für unter­schied­li­che Men­schen mehr oder weni­ger attrak­tiv sind. Auf der einen Seite kann jemand eine kri­ti­sche Hal­tung ein­neh­men und sagen, es gibt so viele ver­schie­dene reli­giöse Bil­der und das ist ein Grund für so viele Pro­bleme. Wenn jedoch jemand den Pan­ora­ma­blick der Ewig­keit hat und die vie­len, vie­len Inkar­na­tio­nen der Lebe­we­sen über­blickt, wird er erken­nen, dass es die Güte Got­tes ist, in die­ser Welt eine Viel­falt von reli­giö­sen Kon­zep­ten zu mani­fes­tie­ren, um die See­len zu errei­chen, die unter­schied­li­che Ten­den­zen haben und zu ver­schie­de­nen majes­tä­ti­schen Merk­ma­len des höchs­ten Wesens hin­ge­zo­gen sind. Wenn wir die­ses Fak­tum ver­ste­hen, wer­den die schein­ba­ren Wider­sprü­che der ver­schie­de­nen Kon­zepte sehr unbe­deu­tend. Dann erken­nen wir das Prin­zip des Mit­ge­fühls hin­ter die­ser Viel­ge­stal­tig­keit der Glau­bens­for­men.
Auf den nied­rigs­ten Stu­fen reli­giö­sen Glau­ben kämp­fen die Men­schen gegen­ein­an­der. So schlimm wie diese Kämpfe sind, lässt sich doch fest­stel­len, dass diese Men­schen im Kampf für ihre reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen einen sehr star­ken Glau­ben haben. Wenn sie dann in die­sem Kampf ster­ben, den­ken sie in der Sekunde ihres Todes an Gott. Im nächs­ten Leben haben sie dadurch die Chance, vor­an­zu­schrei­ten. In die­sem Leben sind sie so ver­un­rei­nigt von den nied­ri­gen Erschei­nungs­wei­sen der Natur, wie Wut, Aggres­sion, Neid, Gier und Unwis­sen­heit sowie sehr hef­ti­gen kar­mi­sche Reak­tio­nen. Um sie zu rei­ni­gen, ist der Tod des mate­ri­el­len Kör­pers hilf­reich. Im nächs­ten Leben sind sie dann von vie­len nied­ri­gen kar­mi­schen Reak­tio­nen gerei­nigt und kön­nen sich wei­ter ent­wi­ckeln. Dies ist die Logik des Dor­nes, der benutzt wird, um einen ande­ren Dorn zu ent­fer­nen. Wenn du einen Dorn im Fuß hast, wie willst du ihn ent­fer­nen? Diese Lebe­we­sen sind in einem sehr nied­ri­gen Sta­dium der spi­ri­tu­el­len Ent­wick­lung. Manch­mal ent­fer­nen sie sich gegen­sei­tig und gehen dann zur nächs­ten Stufe.
Es ist sehr schwer, sich mit die­ser Sicht anzu­freun­den, wenn wir eine starke Anhaf­tung an die phy­si­sche Auf­fas­sung des Kör­pers haben. Dies ist nur mög­lich, wenn wir die Ent­wick­lung der Seele betrach­ten und einen star­ken Glau­ben an die Güte Got­tes sowie an die Gesetze des Kar­mas haben, denen zufolge nie­mand einen Trop­fen mehr oder weni­ger Leid erfah­ren kann, als er auf seine eigene Ver­ant­wor­tung hin durch die Män­gel sei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen Taten ver­dient hat. Wenn wir die­ses Sicht haben, kön­nen wir uns mit die­sen vie­len dra­ma­ti­schen und furcht­ba­ren Effek­ten der Reli­gio­nen ver­söh­nen.

RE: Siehst du hier einen Unter­schied zwi­schen ver­schie­de­nen For­men von Anhaf­tung? Du sprachst von die­ser star­ken Anhaf­tung an die spe­zi­fi­schen Vari­an­ten ver­schie­de­ner reli­giö­ser Kon­zepte, deret­we­gen reli­giöse Kon­flikte auf­tre­ten. Auf der ande­ren Seite haben wir die Infor­ma­tion, dass die Anhaf­tung an Gott sehr wün­schens­wert ist, um spi­ri­tu­el­len Fort­schritt zu machen. Ich ver­mute, dass dies ver­schie­dene For­men von Anhaf­tung sind. Was ist also der Unter­schied und warum kämp­fen Men­schen für ihre reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen?

AM: Zunächst möchte ich noch mal den Punkt klar machen, dass ich auf kei­nen Fall Gewalt befür­worte. Die Vaish­na­vas fol­gen der Phi­lo­so­phie von Sri Cai­tanya Mahaprabhu: Sei demü­ti­ger als das Gras und tole­ran­ter als der Baum. Tole­riere alle Schwie­rig­kei­ten, wie der Baum, der jeg­li­che For­men des Miss­brauchs tole­riert und zugleich Schat­ten und Nah­rung spen­det. Respek­tiere jeden, und for­dere kei­nen Respekt für dich selbst. Ver­an­kere diese Hal­tung fest in dei­nem Her­zen und widme Dich der Medi­ta­tion über Gott, in dem Du die Man­tren, die Namen Got­tes rezi­tiert ist (z.B. "Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare").
Auf Grund der Natur die­ser Welt ist es unver­meid­lich, dass reli­giöse Gewalt statt­fin­det. Es gibt drei Erschei­nungs­wei­sen der mate­ri­el­len Natur (guna): Tugend (sattva), Lei­den­schaft (rajas) und Unwis­sen­heit (tamas). Die Erschei­nungs­weise der Tugend bewahrt die Balance und Friede. Die Erschei­nungs­weise der Lei­den­schaft bezieht sich auf den Antrieb der Schöp­fung und die Krea­ti­vi­tät im all­ge­mei­nen, auf die Mani­fes­ta­tion neuer Dinge auf der mate­ri­el­len Ebene, neue Zivi­li­sa­tio­nen, neue Impe­rien, neue Phi­lo­so­phien, Reich­tum, Künste. Die Erschei­nungs­weise der Unwis­sen­heit ist das Motiv der Zer­stö­rung. Da die mate­ri­elle Welt eine Inter­ak­tion oder Mischung aus die­sen drei Erschei­nungs­wei­sen dar­stellt, ist es unver­meid­lich, dass wir mit die­sen ver­schie­de­nen Phä­no­me­nen kon­fron­tiert wer­den: Sta­bi­li­tät und Frie­den, lei­den­schaft­li­che Krea­ti­vi­tät, Unwis­sen­heit und Gewalt. Die Welt ist aus die­sen Din­gen zusam­men­ge­setzt. Der Kampf der See­len auf der Suche nach Gott wird, obwohl die Seele rein ist, durch den Fil­ter die­ser drei Erschei­nungs­wei­sen der mate­ri­el­len Natur über­setzt. Des­halb kön­nen wir manch­mal beob­ach­ten, dass sich Reli­gion in der Erschei­nungs­weise der Unwis­sen­heit auf zer­stö­re­ri­sche Weise mani­fes­tiert. In ande­ren Fäl­len zeigt sie sich in der Erschei­nungs­weise der Lei­den­schaft in krea­ti­ver Weise, oder sie zeigt sich in der Erschei­nungs­weise der Tugend in einer fried­vol­len und sta­bi­len Weise.
Das Vaishnava-Dharma ist tran­szen­den­tal zu die­sen Erschei­nungs­wei­sen der mate­ri­el­len Natur, das heißt es mani­fes­tiert sich nicht in Tugend, Lei­den­schaft oder Unwis­sen­heit. Es wird im Sans­krit vishuddha-sattva genannt, ewig, rein und tran­szen­den­tal, unver­än­der­lich und sub­lim. Das ist die Natur des Vaishnava-Dharma.
Reli­gion, dharma, ist im Grunde genom­men eins. Wenn wir zum Bei­spiel von Was­ser spre­chen, mei­nen wir rei­nes, kla­res Was­ser, wir mei­nen nicht ver­schmutz­tes oder mit ande­ren Sub­stan­zen ver­misch­tes Was­ser. In glei­cher Weise bedeu­tet Reli­gion eigent­lich nur eine Sache – tran­szen­den­ta­len, lie­be­vol­len Dienst zur Höchs­ten Per­sön­lich­keit Got­tes. Die­ses dharma wird sva-bhava, die Natur der Seele, genannt. Es ist nicht etwas, das die Seele ler­nen oder üben oder von einer ande­ren Quelle erlan­gen muss. Tat­säch­lich ist es die Natur der Seele. Aber wenn sich die Seele in einer der drei Erschei­nungs­wei­sen befin­det, äußert sich ihren Natur auf eine ver­zerrte Weise (atma-guna-vikara). Die inne­ren Qua­li­tä­ten der Seele wer­den dadurch ver­än­dert. Wenn diese Ver­zer­rung auf Grund des Kon­tak­tes mit der mate­ri­el­len Ener­gie statt­fin­det, wird die ursprüng­li­che Nei­gung der Seele, eine lie­be­volle Bezie­hung zu Gott zu erfah­ren, abge­lenkt. Sie rich­tet sich dann auf andere Phä­no­mene und äußert sich in karma, jnana und yoga. Karma bedeu­tet die selbsti­sche Ten­denz, für den eige­nen Vor­teil und Genuss zu arbei­ten. Jnana bedeu­tet die Kul­ti­vie­rung von Wis­sen mit dem Ziel, Frei­heit von Leid bzw. Eman­zi­pa­tion und Erlö­sung zu errei­chen. Yoga bedeu­tet die Ten­denz, den Geist und die Sinne zu kon­trol­lie­ren, um mys­ti­sche Kräfte zu erlan­gen. Wenn wir die Theo­lo­gie und die Pra­xis aller Reli­gio­nen die­ser Welt genau unter­su­chen, kom­men wir zu der Erkennt­nis, dass der ursprüng­li­che, tran­szen­den­tale Sinn der Reli­gio­nen, Liebe zu Gott (bhakti), durch den Ein­fluss von karma, jnana und yoga ver­zerrt wurde – dem Wunsch nach mate­ri­el­len Vor­tei­len, nach Frei­heit oder nach mys­ti­schen Kräf­ten. In der gegen­wär­ti­gen Zeit kön­nen wir beob­ach­ten, dass in den eso­te­ri­schen Strö­mun­gen die Bemü­hung um hei­le­ri­sche Kräfte neben der Sehn­sucht nach Befrei­ung (jnana) das her­vor­ste­chende Merk­mal ist. Hei­le­ri­sche Kräfte sind die aktu­elle Vari­ante des Stre­bens nach mys­ti­schen Fähig­kei­ten (yoga), um die mate­ri­el­len Ele­mente zu beherr­schen und per­sön­li­che Motive zu befrie­di­gen (karma). Alle diese Kon­zepte sind in ihrem jewei­li­gen Grade nur auf das Eigen­in­ter­esse der beding­ten Seele aus­ge­rich­tet.
Wenn wir nun diese drei ablen­ken­den Ein­flüsse aus dem Kon­zept der Reli­gion ent­fer­nen, bleibt die reine Reli­gion übrig. Das ist das reine Was­ser, die reine Reli­gion. Diese Reli­gion ist die ursprüng­li­che Natur der Seele (sva-bhava), die erwacht, wenn sich die Seele auf der Ebene der rei­nen Tran­szen­denz unbe­rührt von den drei Erschei­nungs­wei­sen der mate­ri­el­len Natur befin­det.

Nun lässt sich fol­gen­der schein­ba­rer Wider­spruch beob­ach­ten: Indem Du mich gerade über Vaishnava-Dharma befragst, lernst Du dar­über. Durch Ler­nen und Üben kommst du auf diese Ebene der Tran­szen­denz. Vaishnava-Dharma ist also etwas, was du lernst und übst. Dies steht im Wider­spruch dazu, was ich dar­über sagte, dass diese Art von Reli­gion die Natur der Seele ist und nicht gelernt, geübt oder von einer ande­ren Quelle erhal­ten wird. Wie kann ich diese bei­den schein­bar wider­sprüch­li­chen Aus­sa­gen in Ein­klang brin­gen? Durch Deine Bemü­hun­gen, über Vaishnava-Dharma zu ler­nen, wird Deine Gemein­schaft mit den nie­de­ren drei Erschei­nungs­wei­sen Schritt für Schritt redu­ziert. Wenn Du nun auf die Ebene von vishudda-sattva, der rei­nen Exis­tenz, gelangst, mani­fes­tiert sich die­ses Vaishnava-Dharma, das durch unwi­der­steh­li­che, spon­tane Liebe für die per­sön­li­chen Eigen­schaf­ten der abso­lu­ten Wahr­heit, Sri Krishna, cha­rak­te­ri­siert ist. Dann ist das nicht etwas, was Du durch eine absicht­li­che Anwen­dung Dei­nes Wil­lens oder Dei­ner Intel­li­genz prak­ti­zie­ren oder her­bei­füh­ren musst, son­dern Du wirst hilf­los, hoff­nungs­los, Hals über Kopf in die Liebe zu Krishna hin­ein­ge­zo­gen, und Du kannst es nicht begrei­fen, selbst wenn Du es ver­suchst, denn es ist Deine Natur.
Diese Natur bricht aus Dir her­vor, denn es ist die ursprüng­li­che Kon­sti­tu­tion der Seele. Wenn Du einen Ball auf eine schiefe Ebene legst, wird er rol­len, weil die Schwer­kraft ihn anzieht. Ein Wür­fel wird nicht rol­len. Aber der Ball rollt, weil es seine Kon­sti­tu­tion ist. In glei­cher Weise hat die Seele von ihrer Kon­sti­tu­tion her eine Form und eine Per­sön­lich­keit und ist von Natur aus mit so vie­len künst­le­ri­schen Fähig­kei­ten wie Gesang, Tanz, Male­rei und Poe­sie durch­drun­gen, die alle dar­auf gerich­tet sind, dem Reser­voir von aller Freude und Liebe im Her­zen, Sri Krishna, Zufrie­den­heit und Ver­gnü­gen zu berei­ten.

RE: Dies ist eine wun­der­volle Beschrei­bung der Seele. Aus Dei­nen Äuße­run­gen geht her­vor, dass die Seele Form, Indi­vi­dua­li­tät und Eigen­schaf­ten besitzt. Wie ver­hält es sich damit?

AM: Wenn die Veden davon spre­chen, dass die Wahr­heit keine Eigen­schaf­ten hat (nir­guna), dann bedeu­tet das, dass sie nicht von mate­ri­el­len Eigen­schaf­ten beein­flusst ist, das heißt von den Erschei­nungs­wei­sen der mate­ri­el­len Natur (guna). Die Erschei­nungs­wei­sen der mate­ri­el­len Natur berüh­ren die Seele im befrei­ten Zustand nicht. Selbst Patan­jali räumt am Ende sei­ner Yoga-sutras ein (Vers IV.34), purus­ar­tha sun­nya­nam, gun­anam pra­ti­pra­sa­vah, kai­va­lyam sva­rupa pra­tis­tha, va citti shak­tir iti: Im Zustand der Voll­kom­men­heit ist die Seele nicht mit purus­harta ver­bun­den (die vier mate­ri­el­len Tätig­kei­ten des Lebe­we­sens: dharma – Reli­giö­si­tät; artha – öko­no­mi­sche Ent­wick­lung; kama – die Suche nach Sin­nen­ge­nuss; mok­sha – Befrei­ung). Wenn die Seele den voll­kom­me­nen Zustand erreicht hat, hat sie also auch nicht mehr das Ziel der Befrei­ung. Gun­anam pra­ti­pra­sa­vah: die Seele ist nicht mehr von den Erschei­nungs­wei­sen der mate­ri­el­len Natur (guna) berührt. Und was pas­siert, wenn sie die­sen Zustand erreicht hat? Kai­va­lyam sva­rupa pra­tis­tha: Sie nimmt ihre eigene Form (sva­rupa) an. Va citti shak­tir: die spi­ri­tu­elle Kraft; die abso­lute Wahr­heit besitzt Kraft (shakti), und diese Kräfte haben Funk­tio­nen. Die spi­ri­tu­elle Seele, die von den mate­ri­el­len Erschei­nungs­wei­sen befreit ist, hat eine Form, und diese Form führt Akti­vi­tä­ten aus. Diese Akti­vi­tä­ten sind bhakti oder hin­ge­bungs­vol­ler, lie­ben­der Dienst zu Gott. Kai­va­lya, Eins­sein, bezieht sich auf Eins­sein mit der Natur Got­tes. In den Veden wird viel­fach von die­sem Eins­sein gespro­chen (ekatva oder kai­va­lya). Auf Grund der Unwis­sen­heit des heu­ti­gen Zeit­al­ters wird die­ser Begriff des Eins­seins heute jedoch fälsch­li­cher­weise als die Abwe­sen­heit von jeg­li­cher Viel­falt und Gestalt inter­pre­tiert. Dies wir vastu-kaivalya, Eins­sein der Sub­stanz genannt. Aber Eins­sein bedeu­tet nicht immer Eins­sein in der Sub­stanz. Z.B. mag in einem Gefäß nur Öl sein, oben, unten und in der Mitte ist eine homo­gene Sub­stanz, vastu. Hier kann man von Eins­sein spre­chen. Es gibt aber noch eine andere Form des Eins­seins, Eins­sein in der Natur (dharma-kaivalya). In die­ser mate­ri­el­len Welt gibt es keine Ein­heit der Natur, son­dern die Natur tritt in den ver­schie­de­nen Erschei­nungs­wei­sen auf. Aber auf der tran­szen­den­ta­len Ebene gibt es die­ses Eins­sein der Natur. Alles ist rein, unver­fälscht und voll­kom­men, wie das reine Was­ser ohne Bei­mi­schun­gen. Das ist auch Eins­sein, aber ein Eins­sein, das Viel­falt nicht negiert. In den Upa­nis­ha­den (Iso­pa­nis­had, Anru­fung) wird gesagt: om pur­nam adah pur­nam idam, pur­nat pur­nam uda­cyate, purn­asya pur­nam adaya, pur­nam eva­va­si­syate. »Die abso­lute Wahr­heit ist voll­kom­men und voll­stän­dig. Alles, was von der abso­lu­ten Wahr­heit aus­geht, ist voll­kom­men und voll­stän­dig. Und obwohl es unzäh­lige Ema­na­tio­nen der abso­lu­ten Wahr­heit gibt, bleibt sie voll­kom­men und voll­stän­dig.« Hier wird also das Eins­sein in Form von vastu-kaivalya nicht bestä­tigt, denn es gibt Ema­na­tio­nen von die­ser voll­stän­di­gen Wahr­heit. Purna bedeu­tet voll­stän­dig und bezieht sich auf die Wahr­heit, die nicht leer ist.

Weil nun unser Ver­stand und unsere Intel­li­genz durch unsere mate­ri­el­len Erfah­run­gen begrenzt sind, stel­len wir uns etwas Form­lo­ses, Unper­sön­li­ches ohne Viel­falt vor, wenn wir an das Spi­ri­tu­elle den­ken. Aber die Veden berich­ten uns, dass die abso­lute Wahr­heit nicht ohne Gestalt und ohne etwas ist. Es ist mehr von allem und ver­voll­stän­digt alles. Es muss also mehr Form, mehr Viel­falt und mehr Per­sön­lich­keit geben. Es kann nicht weni­ger sein als auf unse­rer rela­ti­ven Ebene. Man­che Men­schen den­ken, dass das Kon­zept einer form­haf­ten Wahr­heit Göt­zen­ver­eh­rung sei. Aber tat­säch­lich ist das form­lose Kon­zept der Wahr­heit die Göt­zen­ver­eh­rung. Warum? In der mate­ri­el­len Welt gibt es ver­schie­dene Ele­mente, Erde, Was­ser, Luft, Feuer und Äther. Von die­sen Ele­men­ten haben die Erde, Was­ser und Feuer eine Form. Luft und Äther (Raum) hin­ge­gen haben keine Form. Des­halb ist das Kon­zept, dass mate­ri­elle Dinge Form haben und spi­ri­tu­elle Dinge keine Form haben, falsch. Es gibt mate­ri­elle Dinge, die keine Form haben, näm­lich Luft und Raum. Form­lo­sig­keit ist also eben­falls eine mate­ri­elle Kon­zep­tion. Wenn wir nun über die abso­lute Wahr­heit kon­tem­plie­ren, mag sich eine unwis­sende Per­son etwas Form­lo­ses vor­stel­len. Der Geist oder Ver­stand ist eben­falls ein mate­ri­el­les Ele­ment. Gemäß der vedi­schen Phi­lo­so­phie gibt es neben den fünf grob­stoff­li­chen Ele­men­ten noch drei fein­stoff­li­che: Geist, Intel­li­genz und fal­sches Ego. Eine Per­son, die die Vaish­na­vas dafür kri­ti­siert, dass sie eine Bild­ge­stalt ver­eh­ren, unter­liegt dem sel­ben Vor­wurf, den sie den Vaish­na­vas macht. Denn diese Per­son kre­iert in ihrer Vor­stel­lung eben­falls eine Gestalt, ein Form, und zwar nach dem Vor­bild ihres Geis­tes. Ihre Vor­stel­lung kor­re­spon­diert also mit ihren Erfah­run­gen aus der mate­ri­el­len Welt von etwas Äthe­ri­schem. Dies ver­ehrt sie dann und nennt es die Wahr­heit. Sie schafft somit eine Bild­ge­stalt aus den men­ta­len Ele­men­ten ihrer mate­ri­el­len Wirk­lich­keit. Dies ist Göt­zen­ver­eh­rung. Eine pri­mi­tive Per­son, die eine Bild­ge­stalt aus Stein her­stellt, z.B. in der Form einer Katze, und diese ver­ehrt, ist im Prin­zip nicht weni­ger weit fort­ge­schrit­ten als die soge­nann­ten gelehr­ten Unper­sön­lich­keits­phi­lo­so­phen, denn beide haben das Glei­che getan. Der eine tat es auf der Ebene der grob­stoff­li­chen mate­ri­el­len Ele­mente, und der andere tat es auf der Ebene der fein­stoff­li­chen mate­ri­el­len Ele­mente. Man kann sogar sagen, dass der pri­mi­tive Ver­eh­rer wei­ter fort­ge­schrit­ten ist, denn das Objekt der Ver­eh­rung des Unper­sön­lich­keits­phi­lo­so­phen hat weni­ger Qua­li­tä­ten als diese Katze, die aus Ton oder Stein gemacht wurde. Damit kommt der Ver­eh­rer der Katze der abso­lu­ten Wahr­heit näher.

RE: Ich glaube, die Unper­sön­lich­keits­phi­lo­so­phen haben das Kon­zept, dass die mate­ri­elle Exis­tenz unvoll­kom­men ist, dass es da Ego­is­mus usw. gibt, und dar­aus zie­hen sie die Schluss­fol­ge­rung, dass die spi­ri­tu­elle Wahr­heit etwas ande­res sein muss, was davon ver­schie­den ist. Des­halb haben sie die­ses neti neti, was so viel bedeu­tet wie "nicht dies, nicht das". Das, was wir in der mate­ri­el­len Exis­tenz erfah­ren, kann es also nicht sein. Wie kommt es aber dann, dass sie nicht die posi­tive Wahr­heit hin­ter dem neti-neti fin­den?

AM: Neti-neti bedeu­tet die schritt­weise Nega­tion der mate­ri­el­len Erfah­run­gen, um den Men­schen auf die spi­ri­tu­elle Ebene zu brin­gen. Dies ist aber quasi unmög­lich. Dies ist wie mit dem armen Mann, der in einem ver­fal­le­nen Haus wohnt. Seine Klei­der sind alt und zer­schlis­sen. Seine Möbel sind zer­bro­chen. Mit der Logik des neti-neti käme man dann zu fol­gen­den Schluss­fol­ge­run­gen: Ein rei­cher Mann hat kein ver­fal­le­nes Haus, also ent­le­dige dich die­ses Hau­ses. Ein rei­cher Mann hat keine zer­schlis­se­nen Klei­der, also ent­le­dige die die­ser Klei­der. Ein rei­cher Mann hat keine zer­bro­che­nen Möbeln, also ent­le­dige dich die­ser Möbel. Wird der arme Mann dadurch ein rei­cher Mann? Er hat seine mate­ri­elle Erfah­rung der Armut negiert. Aber jetzt hat er nichts mehr. Auf jeden Fall ist er kein rei­cher Mann gewor­den. Nur die mate­ri­elle Erfah­rung zu negie­ren, bringt noch nicht den Reich­tum der spi­ri­tu­el­len Erfah­rung.
Wir mögen es zu den­ken, dass wir nach der Wahr­heit suchen. Wir füh­ren die­ses Leben, um her­aus­zu­fin­den, was wahr ist. Wir sind bewusste Wesen, die die Exis­tenz wahr­neh­men. Wir ver­su­chen, sie in voll­kom­me­ner Weise zu sehen. Aber wir soll­ten ver­ste­hen, dass die­ses Kon­zept das ego­is­ti­sche Kon­zept ist. Das Kon­zept von "Ich", dass ich exis­tiere, ist nicht illu­sio­när, es ist eine wahre Erfah­rung. Die Illu­sion ist nur die zu den­ken, dass ich im Zen­trum der Exis­tenz bin, dass ich der Seher und der Han­delnde bin. Das ist die Illu­sion, nicht die Indi­vi­dua­li­tät. Wenn ich also ver­stehe, dass ich nicht der Seher bin, son­dern der, der gese­hen wird, ist das wahre Erkennt­nis. Die Welt ist nicht unter mei­nem Mikro­skop, son­dern ich bin die Mikrobe, die von dem Auge im Him­mel beob­ach­tet wird. Wenn wir rea­li­sie­ren, dass die Welt nicht das Objekt unse­rer Unter­su­chung ist, son­dern wir das Objekt der Unter­su­chung von Gott sind, wird sich unsere Bewe­gung zur Erleuch­tung dra­ma­tisch ver­än­dern. Dies bedeu­tet, dass wir nach innen schauen soll­ten um her­aus­zu­fin­den, was unsere Moti­va­tion für diese Suche nach der Wahr­heit ist. Die­je­ni­gen, die auf dem Pfad von neti-neti sind, haben die Moti­va­tion: "Ich will frei wer­den vom Leid". Unter dem Vor­wand, von Ego frei zu wer­den, ist die dar­un­ter lie­gende Moti­va­tion ego­is­tisch.
Des­halb kommt die bhakti-Schule zu fol­gen­der Schluss­fol­ge­rung: Werde frei vom fal­schen Ego, aber akzep­tiere das rich­tige Ego. Wenn deine Suche nach Erleuch­tung auf der Platt­form der Selbst­lo­sig­keit fun­diert ist und Du die Ein­stel­lung fin­den kannst, dass Du nach der Wahr­heit suchst, um die­ser Wahr­heit Freude zu berei­ten, dann ist die­ses Suchen nach Erleuch­tung die wirk­li­che Auf­gabe des Ego. Dein Ich sucht nach der Wahr­heit, aber nicht zum eige­nen Wohl, son­dern zum Wohle der Wahr­heit. Ich bin nicht das Zen­trum der Rea­li­tät, son­dern ein unbe­deu­ten­der Teil des gan­zen Sys­tems mit der Pflicht, in voll­stän­di­ger Har­mo­nie mit der Quelle mei­ner Exis­tenz zum Wohle von allen zu leben. Das ist das rich­tige Ego.

RE: Ich glaube, das ist ein sehr wich­ti­ges Kon­zept, denn der monis­ti­sche Stand­punkt kommt zu der Schluss­fol­ge­rung: "Ich bin Gott." Dies kommt daher, dass sie Ver­schie­den­heit weder sehen wol­len noch kön­nen. Ihre Logik lässt auch den Gedan­ken nicht zu, dass es mehr als eine indi­vi­du­elle Seele geben mag.

AM: Lasse mich bitte erklä­ren, wie es dazu kommt. Wir wis­sen, dass die spi­ri­tu­elle Welt aus spi­ri­tu­el­len Kräf­ten zusam­men­ge­setzt ist. Eine davon ist die svarupa-shakti, die in Sri Radha ver­kör­pert ist, die ewige Geliebte von Krishna. Auf ihre Akti­vi­tät ist die Mani­fes­ta­tion des spi­ri­tu­el­len Bereichs zurück­zu­füh­ren. Diese Kraft hat drei Ten­den­zen (vritti): Eine davon ist die ewige Exis­tenz (sand­hini), von der alle spi­ri­tu­elle For­men aus­ge­hen. Die nächste ist die bewusste Erfah­rung (sam­vit), Wis­sen, Wahr­neh­mung. Die dritte ist die Freu­den­kraft (hla­dini), sie mani­fes­tiert Freude und Glück­se­lig­keit (ananda). San­dini, sam­vit und hla­dini wer­den in den Veden auch sat-cit-ananda genannt, das ist der spi­ri­tu­el­len Nek­tar. Wenn die spi­ri­tu­elle Natur aus dem tran­szen­den­ta­len System her­vor­kommt, trans­for­miert sich diese svarupa-shakti und wird zur tatastha-shakti, der Ener­gie der Lebe­we­sen. Alle die Lebe­we­sen in der mate­ri­el­len Welt sind, wir auch, die frag­men­ta­ri­schen Mani­fes­ta­tio­nen der tatastha-shakti. Da nun diese Ener­gie der Lebe­we­sen aus der spi­ri­tu­el­len Ener­gie her­vor­ge­gan­gen ist, sind diese drei Ten­den­zen in der Ener­gie der Lebe­we­sen in einer trans­for­mier­ten Weise gegen­wär­tig. Die sandhini-vritti, die Exis­tenz­kraft, ist im Lebe­we­sen in der Form der ewi­gen Exis­tenz der Seele gegen­wär­tig, was auch seine tran­szen­den­tale Form beinhal­tet. Die samvit-vritti, die Wis­sens­kraft, ist dem Lebe­we­sen als tran­szen­den­ta­les Wis­sen gegen­wär­tig, das aller­dings jeg­li­cher spi­ri­tu­el­len Viel­falt ent­behrt (brahma-jnana). Die hladini-vritti, die Freu­den­kraft, mani­fes­tiert sich im Lebe­we­sen als die Glück­se­lig­keit der Befrei­ung oder das Gefühl des Eins­sein mit brah­man (brahma-ananda). Des­halb hat die spi­ri­tu­elle Seele in die­ser Welt ihre indi­vi­du­el­len Exis­tenz, die von sand­hini kommt. Aber ihr Wis­sen und ihre Freude mani­fes­tiert sich nur bis zu dem Punkt von brahma-jnana und brahma-ananda, also dem form­lo­sen und unper­sön­li­chen Zustand der Ein­heit. Jedes Lebe­we­sen in die­ser Welt gelangt auf sei­ner Suche nach Wahr­heit unwei­ger­lich zu die­sem Punkt, denn das ist seine Kon­sti­tu­tion.

Wenn wir nun zum Bei­spiel Holz anschauen, dann ist in die­sem Holz das Poten­zial des Feu­ers ent­hal­ten. Warum? Weil der Baum wuchs, in dem er die Hitze der Sonne absor­biert hat. Des­halb ist die Hitze der Sonne nun als eine Kraft in dem Holz gespei­chert. Die­ses Holz stand nie unter Feuer, aber durch die Berüh­rung mit Feuer bricht diese latent im Holz lie­gende Kraft her­vor. Die Flam­men, die aus dem Holz her­vor­ge­hen, lie­gen als Poten­zial in die­sem Holz ver­bor­gen, auch wenn ihr Aus­bre­chen erst durch den Kon­takt mit Feuer her­vor­ge­ru­fen wird. In ähn­li­cher Weise wird der Kon­takt der spi­ri­tu­el­len Seele mit dem spi­ri­tu­el­len Ursprung das Poten­zial frei legen, dass in einer posi­ti­ven spi­ri­tu­el­len Erfah­rung besteht. Die Lebens­en­er­gie (tatastha-shakti) ist eine Trans­for­ma­tion der ursprüng­li­chen spi­ri­tu­el­len Ener­gien (svarupa-shakti), näm­lich der freud­vol­len, lie­ben­den und viel­fäl­ti­gen Ener­gien der spi­ri­tu­el­len Welt. Obwohl die See­len nie­mals die spi­ri­tu­elle Viel­falt erfah­ren haben und durch ihre eige­nen Bemü­hun­gen auf der Suche nach Wahr­heit auch nicht erlan­gen kön­nen, ist es ihnen durch den Kon­takt mit dem Feuer, das bedeu­tet den akti­ven Prin­zi­pien der tran­szen­den­ta­len Ebene, mög­lich, ihr Poten­zial zu ent­fa­chen. Sie gelan­gen zum Wis­sen über ihre Bezie­hung mit Gott (Krishna), der Freude der spi­ri­tu­el­len Liebe (prema-ananda). In ande­ren Wor­ten, bis die Seele, die in der mate­ri­el­len Welt durch die Zyklen der Gebur­ten und Tode wan­dert, in Kon­takt kommt mit einer erleuch­te­ten Seele, die in ihrem Her­zen die akti­ven Prin­zi­pien der spi­ri­tu­el­len Liebe und Viel­falt ver­wirk­licht hat, ist sie dazu ver­ur­teilt, den Weg des tro­cke­nen Imper­so­na­lis­mus zu gehen.
Des­halb geben die Veden die Schluss­fol­ge­rung, dass das Lebe­we­sen, das Geburt für Geburt durch diese Welt wan­dert, dann sein Glück fin­det, wenn es einer hei­li­gen Per­son (sadhu) begeg­net, einem Vaish­nava, der völ­lig erleuch­tet ist über die viel­fäl­tig aus­ge­stal­tete spi­ri­tu­elle Rea­li­tät. Wenn wir die­sen Hei­li­gen begeg­nen, ist das wie die Berüh­rung mit dem Feuer. Es bringt das ver­bor­gene Poten­zial dazu, sich zu mani­fes­tie­ren. Dann ver­steht die Seele, dass das per­sön­li­che Wesen Got­tes die abso­lute Wahr­heit ist. Obwohl Gott eine Form hat, die vol­ler Viel­falt ist, ist er den­noch nicht-dual. Gott ist eins und ich bin sein ewi­ger Die­ner. Auf der Stufe der Voll­kom­men­heit werde ich eine sehr intime Bezie­hung zu ihm haben, eins zu eins, die mit Gesang, Tanz und Kunst gefüllt ist, und die die unbe­grenz­ten dyna­mi­schen Stim­mun­gen (rasa) einer Lie­bes­be­zie­hung ent­hält. Es ist ein Erstau­nen, dass immer frisch ist und sich unaus­ge­setzt bewegt wie die Wel­len im Ozean.
Die jedoch, die keine Gemein­schaft mit den rei­nen Vaishnava-Heiligen haben, kön­nen diese Stim­mun­gen nicht erfah­ren.
Die Veden haben diese Schluss­fol­ge­rung gege­ben: bhakti stu bha­ga­vat bhakta san­gena pari­ja­yate: Die Ten­denz des Lebe­we­sens, Liebe und Hin­gabe zur per­sön­li­chen Gestalt Got­tes zu emp­fin­den, kann nur durch die Gemein­schaft mit die­sen spi­ri­tu­ell fort­ge­schrit­te­nen Per­so­nen erweckt wer­den (sat-sanga). Sat-sanga labite pumbe sukrita pur­va­sam jitay: Diese Gemein­schaft kann nur durch die Ansamm­lung von from­men Hand­lun­gen erreicht wer­den, gra­du­elle Hand­lun­gen der Hin­gabe, die bewusst oder unbe­wusst in Bezie­hung zu Gott, zu hei­li­gen Orten oder Gott­ge­weih­ten aus­ge­führt wer­den. Die Ansamm­lung die­ser hei­li­gen Hand­lun­gen der Hin­gabe führt dazu, dass wir mit die­sen gro­ßen See­len zusam­men­tref­fen. Die gro­ßen See­len kön­nen unser Herz rei­ni­gen, schmel­zen und ver­än­dern und diese Erleuch­tung in uns erwe­cken, die weit über den unper­sön­li­chen Aspekt hin­aus­geht.

RE: Dies bedeu­tet dann aber, dass es nicht gut ist, gegen­über unper­sön­li­chen Tran­szen­den­ta­lis­ten Vor­ur­teile zu haben oder gegen sie zu argu­men­tie­ren, denn sie sind auf einer natür­li­chen Ebene der Ent­wick­lung, die eine unver­meid­li­che Stufe auf dem Weg zur Ver­wirk­li­chung der per­sön­li­chen Form Got­tes ist?

AM: Die­je­ni­gen, die erleuch­tete See­len sind, sehen über­all Har­mo­nie. Sie kön­nen alle schein­ba­ren Wider­sprü­che auf­lö­sen. Sie sehen die Ein­heit in der Ver­schie­den­heit und die Ver­schie­den­heit in der Ein­heit: acintya-bheda-abheda-tattva – die unver­steh­bare gleich­zei­tige Ein­heit und Ver­schie­den­heit aller Dinge, wie sie von Cai­tanya Mahaprabhu gelehrt wurde. Cai­tanya hat die Syn­these aus der gesam­ten Geschichte der vedi­schen Phi­lo­so­phie begrün­det. Des­halb möchte ich deine Aus­sage, wir soll­ten keine Argu­mente gegen die unper­sön­li­che Kon­zep­tion der Wahr­heit anbrin­gen, nicht unter­stüt­zen. Aber wir soll­ten nicht der Feind von irgend jemand sein, und des­halb soll­ten wir auch nicht der Feind der Anhän­ger der unper­sön­li­chen Wahr­heit sein. Wir soll­ten sehen, dass dies eine Stufe in der natür­li­chen Ent­wick­lung ist und mit Sym­pa­thie und Zunei­gung für sie ver­su­chen, ihnen die Eigen­schaf­ten ihrer Kon­zep­tion zu erklä­ren, die sicher­lich auch ihre Ver­dienste hat, um dann die Defi­zite die­ser Kon­zep­tion auf­zu­zei­gen und sie in die­ser Weise dazu anzu­zie­hen, die per­fekte, holis­ti­sche und kon­sis­tente Kon­zep­tion des per­sön­li­chen Got­tes anzu­er­ken­nen, die in der vijay-dara, dem Fluss der Vaishnava-Erkenntnisse zum Aus­druck kommt. Die Vaishnava-Idee ist nicht das Ergeb­nis eines Zusam­men­fü­gen von vie­len evi­den­ten logi­schen Argu­men­ten, son­dern die Erfah­rung, die sich auto­ma­tisch im Her­zen ein­stellt, wenn es vis­hud­dha ist – voll­stän­dig gerei­nigt von allen mate­ri­el­len Erfah­run­gen, die das Leben­we­sen gemacht hat, bevor es von dem Raum berührt wurde, der jen­seits von brah­man ist.

Im Sri­mad Bha­ga­va­tam wird gesagt: Jene, die den Pfad des Imper­so­na­lis­mus beschrei­ten, kön­nen sich von dem Kon­takt mit den mate­ri­el­len Erschei­nungs­wei­sen der Natur rei­ni­gen, in dem sie sehr harte Ent­sa­gun­gen auf sich neh­men. Sie errei­chen dadurch eine tran­szen­den­tale Posi­tion. Sie müs­sen dazu ihre Sinne von den Sin­nes­ob­jek­ten zurück­zie­hen. Sie glau­ben dann, befreit zu sein. Sie sind zwar befreit, aber nicht im höchs­ten Sinne. Sie sind aus dem Kon­takt mit der mate­ri­el­len Ener­gie her­aus­ge­kom­men und befin­den sich nun an einem neu­tra­len Punkt zwi­schen der mate­ri­el­len und der spi­ri­tu­el­len Ener­gie. Ihr Bewusst­sein ist gerei­nigt von ego­is­ti­schen Kon­zep­ten, aber es feh­len noch die posi­ti­ven Inhalte, die spi­ri­tu­elle Viel­falt (visuddha-sattva). Des­halb ist das Bewusst­sein noch nicht im höchs­ten Sinne befreit. Es besteht die Ten­denz, von die­ser Stufe wie­der her­un­ter zu fal­len, denn sie haben es unter­las­sen, den Lotus­fü­ßen Got­tes die Ehre zu erwei­sen. Weil sie nicht der Die­ner der per­sön­li­chen Erschei­nung Got­tes wur­den, fal­len sie wie­der her­un­ter und wen­den sich wie­der mate­ri­el­len Tätig­kei­ten zu. Die Anhän­ger des Imper­so­na­lis­mus stre­ben nach Befrei­ung (mukti), aber sie errei­chen nicht die höchste – weil voll­stän­dig ver­wirk­lichte – Befrei­ung (vimukti). Sie kom­men auf die tran­szen­den­tale Ebene der rei­nen Exis­tenz (suddha-sattva), aber nicht in ihre posi­tive spi­ri­tu­elle Iden­ti­tät (visuddha-sattva).
In der mate­ri­el­len Welt befin­den wir uns auf einer Ebene, die aus einer Mischung der mate­ri­el­len Erschei­nungs­wei­sen besteht. Wir kön­nen dies über­stei­gen, und auf die Ebene der rei­nen Exis­tenz gelan­gen. Das ist die Qua­li­tät der Lebe­we­sen. Um aber von der Ebene der rei­nen Exis­tenz in die spi­ri­tu­elle Welt ein­zu­tre­ten, braucht das Lebe­we­sen die Gemein­schaft mit einer gro­ßen Seele, die sich bereits in die­sem spi­ri­tu­el­len Sein befin­det. Diese große Seele kann mit ihrer Barm­her­zig­keit die kon­sti­tu­tio­nelle Exis­tenz des beding­ten Lebe­we­sens trans­for­mie­ren. Mukti hin­vanyeta rupam sva­ru­pena vya­va­s­titi: Wahre Befrei­ung bedeu­tet, die zeit­wei­li­gen For­men (rupa) der Exis­tenz auf­zu­ge­ben und die ewige Form der Seele (sva­rupa) anzu­neh­men. Dies ist die tiefste Schluss­fol­ge­rung des vedi­schen Wis­sen.
Der Vor­gang der Erleuch­tung ist bhakti, Hin­gabe. Diese Hin­gabe kann nicht gelernt wer­den, son­dern wird erlangt durch die Läu­te­rung und Ver­fei­ne­rung der Ten­den­zen der Seele, die sich aus der Gemein­schaft mit den Hei­li­gen ergibt. Des­halb beginnt das spi­ri­tu­elle Leben mit guru­pada ashraya, der Zuflucht­nahme beim spi­ri­tu­el­len Meis­ter. Hier beginnt der Vor­gang der Hin­gabe.

RE: Was hier nun auch zum Aus­druck kommt, ist die emi­nente Bedeu­tung von Bezie­hun­gen. Dies ist mei­nes Erach­tens der Haupt­punkt in der bhakti-Konzeption, die Ver­bin­dung zwi­schen zwei See­len, z.B. zwi­schen Schü­ler und Leh­rer oder zwi­schen der Seele und Krishna. Ich habe schon oft gedacht, man kann auch die Bewe­gun­gen in der mate­ri­el­len Welt zwi­schen den Lebe­we­sen von die­sem Gesichts­punkt aus sehen. Das, was alle bewegt, sind die Bezie­hun­gen. Das ist eine Wahr­heit. Siehst du das auch so?

AM: Wir soll­ten ver­ste­hen, dass die spi­ri­tu­elle Natur und die mate­ri­elle Natur ziem­lich ver­schie­den sind. Der Imper­so­na­lis­mus denkt, weil die bedingte Rea­li­tät aus Viel­falt und Ver­schie­den­heit besteht, müsse die spi­ri­tu­elle Rea­li­tät, die das Gegen­teil davon ist, ohne Viel­falt und ohne Ver­schie­den­heit, ohne Farbe, Geschmack und Bezie­hun­gen sein. Aber wir kön­nen auch in die­ser beding­ten Rea­li­tät ein Leben füh­ren, dass jeg­li­cher Bezie­hun­gen ent­behrt, ohne Liebe zu jeman­den. Des­halb ist das Feh­len von Gefühl und Anhaf­tung kein Zei­chen für Spi­ri­tua­li­tät. Es ist viel­mehr ein Zei­chen von Ego­is­mus und emo­tio­na­len Stö­run­gen.
Was ist also das Gegen­teil der mate­ri­el­len Viel­falt und Bezie­hun­gen? Das Gegen­teil ist Fol­gen­des: die mate­ri­el­len Bezie­hun­gen und die mate­ri­elle Viel­falt sind zeit­wei­lig, wohin­ge­gen die spi­ri­tu­el­len Bezie­hun­gen und Man­nig­fal­tig­kei­ten ewig sind. Die beding­ten, mate­ri­el­len Bezie­hun­gen sind vol­ler Unwis­sen­heit. Man mag zum Bei­spiel den­ken, ich bin der Vater die­ses Kin­des, ich bin die­ses Kind oder ich bin diese Mut­ter, aber diese Bezie­hun­gen sind nicht wahr. Die Seele hat einen Kör­per ange­nom­men, und die­ser Kör­per hat einen ande­ren Kör­per als Neben­pro­dukt her­vor­ge­bracht. Dies bedeu­tet nicht, dass die Seele in dem zwei­ten Kör­per eine Bezie­hung als Bru­der, Kind oder Vater zu der ers­ten Seele hat. Die kör­per­li­che Ver­bin­dung sagt nichts über die see­li­schen Bezie­hun­gen aus. Die kör­per­li­che Ver­bin­dung wird zum Zeit­punkt des Todes unter­bro­chen, sie ist somit zeit­wei­lig. Sie exis­tierte nicht vor der Geburt, und wird nicht wei­ter exis­tie­ren nach dem Tod. In den drei Pha­sen der Zeit, Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft, kann diese Bezie­hung nicht als dau­er­haft bezeich­net wer­den. Des­halb wird sie nicht als Bestand­teil der abso­lu­ten Wahr­heit ange­se­hen. Jemand, der diese kör­per­li­chen Bezie­hun­gen als Rea­li­tät annimmt, ist in Unwis­sen­heit. In unse­rer beding­ten Welt wer­den des­halb Bezie­hun­gen und Viel­falt im Zustand der Unwis­sen­heit wahr­ge­nom­men. In der spi­ri­tu­el­len Welt jedoch sind die Bezie­hun­gen ewig, all­glück­se­lig und vol­ler Wis­sen. Die Bezie­hun­gen in der mate­ri­el­len Welt sind mit Leid und Feh­lern behaf­tet. Die Bezie­hun­gen in der spi­ri­tu­el­len Welt sind voll­kom­men und vol­ler unbe­grenzt wach­sen­der Freude. Das Gegen­teil der mate­ri­el­len Erfah­rung ist des­halb nicht das Nichts. Der Unter­schied besteht darin, dass die Bezie­hun­gen hier vol­ler Unwis­sen­heit und dort vol­ler Wis­sen sind, hier vol­ler Leid und dort vol­ler Glück, hier zeit­wei­lig und dort bestän­dig. Das ist das echte Gegen­teil. In unse­rer beding­ten Welt sind alle Bezie­hun­gen durch Ego­is­mus und selbsti­sche Motive gekenn­zeich­net. Doch eine echte Bezie­hung ist aus­schließ­lich auf selbst­lo­ser Liebe gegrün­det.

RE: Gibt es in der spi­ri­tu­el­len Welt auch Bezie­hun­gen zwi­schen den ein­zel­nen spi­ri­tu­el­len See­len, oder hat die Seele dort aus­schließ­lich eine Bezie­hung zu Krishna in der einen oder ande­ren Weise?

AW: Ent­spre­chend der Phi­lo­so­phie der rasas, der tran­szen­den­ta­len Stim­mun­gen, ist die Grund­lage aller spi­ri­tu­el­len Emo­tio­nen stayi-bhava, per­ma­nente Gefühls­re­gung. Diese per­ma­nente Gefühls­re­gung kann von fünf Arten sein: 1. santa-rasa, 2. dasya-rasa, 3. sakya-rasa, 4. vatsalya-rasa und 5. madhurya-rasa, Anhaf­tung in der Art einer 1. pas­si­ven Bewun­de­rung, 2. Die­ner­schaft, 3. Freund­schaft, 4. elter­li­che Liebe oder 5. die Stim­mung der Ver­lieb­ten. Dies sind die fünf Varia­tio­nen. Diese fünf Arten der Anhaf­tung sind alle auf Krishna gerich­tet, es sind die fünf Arten der Bezie­hung zu Gott. Inner­halb der spi­ri­tu­el­len Welt gibt es nun aber eine unbe­grenzte Anzahl spi­ri­tu­el­ler Lebe­we­sen. Alle ihre Gefühls­re­gun­gen sind auf Krishna gerich­tet. Auf der Basis der per­ma­nen­ten Gefühls­re­gun­gen, stayi-bhava, kom­men dann andere Regun­gen hinzu, die diese stayi-bhava sti­mu­lie­ren. Eine davon wird vib­hava genannt: das, was die Stim­mung von jeman­dem inten­si­viert. Die ande­ren Lebe­we­sen in der spi­ri­tu­el­len Welt han­deln des­halb in der Kraft von vib­hava. Wenn wir sehen, in welch inten­si­ver Liebe zu Krishna diese Lebe­we­sen han­deln, inten­si­viert das unsere Liebe zu Krishna. Des­halb emp­fin­den wir auch für sie Anhaf­tung. Den­noch ist die dar­un­ter lie­gende Anhaf­tung die zu Krishna.

RE: Was ist denn nun die Rolle von Radha, der Gelieb­ten von Krishna? Mir ist es nicht ganz klar. Ist sie eine Ema­na­tio­nen von Krishna oder ist sie eine eigene, völ­lig unab­hän­gige, aus sich selbst exis­tie­rende Per­son? Sind sie ewig zwei? Gott und Göt­tin?

AW: Wenn in unse­rer dies­sei­ti­gen Welt etwas eine Form hat, iden­ti­fi­zie­ren wir es als eine Indi­vi­dua­li­tät oder als indi­vi­du­el­les Objekt. Wenn wir zwei For­men sehen, kal­ku­lie­ren wir mit unse­rem mecha­nis­ti­schen Ver­stand, dass es sich um zwei Objekte han­delt. Aber Radha und Krishna sind ein Objekt, das wir als zwei For­men erfah­ren. Der mecha­nis­ti­sche Ver­stand kann also die Rea­li­tät, die Radha und Krishna dar­stel­len, nicht ver­ste­hen. Wenn du ver­sucht, dies durch deine intel­lek­tu­el­len Fähig­kei­ten zu ver­ste­hen, wird dein Gehirn schmel­zen und aus den Ohren her­aus lau­fen. Deine Siche­run­gen wer­den durch­bren­nen. Des­halb ist die ein­zige Mög­lich­keit, dies zu ver­wirk­li­chen, die Rezi­ta­tion der Man­tras. Wenn das Bewusst­sein sich über die bedingte Ebene in die Trance erho­ben hat, kann man ver­ste­hen, wie ein Objekt zwei For­men haben kann, Radha und Krishna. Die zwei For­men Radha und Krishna han­deln in ver­schie­de­nen Moda­li­tä­ten. Krishna ist der Held und Radha ist die Hel­din. Krishna ist der Genie­ßer der Liebe von allen Lebe­we­sen, und Radha ist seine größte Liebe. Von ihr geht ursprüng­lich alle Zunei­gung aus, die in allen Lebe­we­sen exis­tiert. Hier sto­ßen wir natür­lich auf ein klei­nes Manko in der Spra­che, denn wenn wir von Ursprung spre­chen, impli­ziert das einen Anfang. Wie wir aber bereits aus­ge­führt haben, befin­det sich die spi­ri­tu­elle Rea­li­tät jen­seits der Zeit. Es gibt hier also kei­nen Anfang. Die Kon­zep­tion von Ursprung impli­ziert in der spi­ri­tu­el­len Welt ledig­lich die Frage der Abhän­gig­kei­ten, inwie­fern die Exis­tenz von einer Sache von der Exis­tenz einer ande­ren Sache abhängt. In die­ser Weise wird unsere Zunei­gung als eine Mani­fes­ta­tion der ursprüng­li­chen Zunei­gung Radhas betrach­tet.

Wenn wir also ver­su­chen zu ver­ste­hen, wie die spi­ri­tu­elle Rea­li­tät aus­sieht, wer­den immer die einen oder ande­ren Defi­zite in die Beschrei­bung gelan­gen. Und nur die­je­ni­gen, die der Beschrei­bung lau­schen, die durch ihre eigene Medi­ta­tion auch eine eigene Erfah­rung davon im Hin­ter­grund haben, kön­nen die Essenz und wahre Bedeu­tung der Beschrei­bung ver­ste­hen und deren Unzu­läng­lich­kei­ten aus­fil­tern, die durch die Bedingt­heit der Worte ent­steht.
Rad­ha­rani und Krishna sind eins. Aber wir sehen sie in zwei For­men. Rad­ha­rani ist purna-shakti, Krish­nas voll­stän­dige Ener­gie. Alle ande­ren Ener­gien hän­gen von ihr ab. Und obwohl alle Ener­gien Krishna die­nen, kann nur die voll­stän­dige Ener­gie ihn voll­stän­dig zufrie­den stel­len. Alle Vaish­na­vas, die Gott in sei­ner per­sön­li­chen Form als Vishnu/Krishna als ihren Meis­ter (dasya-rasa), ihren Freund (sakya-rasa), als seine Eltern (vatsalya-rasa) oder als ihren Gelieb­ten (madurya-rasa) ver­eh­ren, sind in gewis­ser Weise nicht fähig, ihn voll­stän­dig zufrie­den zu stel­len. Warum? Nur die voll­stän­dige Ener­gie, purna-shakti, kann den shakt­i­man, die mit allen Ener­gien ver­se­hene Per­son, zufrie­den­stel­len. Nie­mand außer Rad­ha­rani ist kom­pe­tent dazu. Des­halb hat Sri Cai­tanya Mahaprabhu gelehrt, dass die höchste Hin­gabe und die höchste Phi­lo­so­phie des Vaishnava-Dharma darin besteht, die Die­ne­rin von Rad­ha­rani zu wer­den. Das wird manjari-bhava genannt. Warum ist dies die höchste Hin­gabe? Wenn Du indi­vi­du­ell ver­suchst Krishna zu die­nen, ist deine Kapa­zi­tät nicht aus­rei­chend, um ihn in höchs­ter Weise zufrie­den zu stel­len, wie das Rad­ha­rani, seine voll­stän­dige Ener­gie, ver­mag. Wenn du aber sei­ner voll­stän­di­gen Ener­gie dienst, indem du eine Die­ne­rin von Rad­ha­rani wirst, leis­test Du den höchs­ten Bei­trag zur Freude des höchs­ten Wesens, der mög­lich ist. Du bist dann mit der purna-shakti ver­bun­den. Da die Freude, die man dem höchs­ten Wesen gibt, in glei­cher Weise wie­der zu dem Lebe­we­sen zurück­fließt, fin­det sich die höchste Freude in dem Dienst zu Rad­ha­rani.

Wir Gott­ge­weih­ten füh­len einen gro­ßen Stolz, die Nach­fol­ger von Sri Cai­tanya Mahaprabhu zu sein. Wir sind nicht stolz auf uns selbst son­dern auf Sri Cai­tanya Mahaprabhu. Er gab uns in sei­ner unbe­grenz­ten Barm­her­zig­keit diese höchs­ten Lehre. Wenn man sich über die bedingte Ebene erhebt in die Tran­szen­denz, dann von der unper­sön­li­chen zur per­sön­li­chen Wahr­heit fort­schrei­tet, von dort zu der Bedeu­tung der Bezie­hun­gen, und inner­halb der Bezie­hun­gen zu den ver­schie­de­nen Gefühls­stim­mun­gen der Liebe gelangt, so wird man unwei­ger­lich zu dem gelan­gen, was uns Sri Cai­tanya Mahaprabhu gezeigt hat. Und nie­mand hätte diese geheime Lehre geben kön­nen außer Krishna und Radha selbst. Um uns den Beweis zu lie­fern, dass sie, obwohl zwei For­men, doch eine Per­son sind, erschie­nen sie in der Form von Cai­tanya Mahaprabhu.
Du frag­test, ob Radha und Krishna eins oder zwei sind. Wenn die Liebe von Radha und Krishna zu ihre höchs­ten Stufe gelangt, pas­siert etwas, was in unse­rer Tra­di­tion prema-vilasa-vivartha genannt wird, ein Zustand, in dem beide so ver­wirrt sind, dass Krishna denkt, er sei Rad­ha­rani, und Rad­ha­rani denkt, sie sei Krishna. Das ist die höchste Stufe der Liebe und die direkte Mani­fes­ta­tion von acintya-bheda-abheda-tattva, gleich­zei­ti­gem eins und ver­schie­den sein.

Enveda.de hat für Lieferung, Warenqualität und Kundenservice die Note "Sehr gut" (4.77 von 5.00) durch 22 Trusted Shops-Bewertungen erhalten.