Der uni­ver­sale Sufis­mus – tra­di­ti­ons­rei­che Weis­heits­lehre und indi­vi­du­el­ler Ent­wick­lungs­weg

Der Sufis­mus beruht auf den unmit­tel­ba­ren Got­teser­fah­run­gen der Mys­ti­ker. Man kann ihn als eine Art reli­giöse Phi­lo­so­phie bezeich­nen, die sich aber nicht nur an den Ver­stand, son­dern auch an das Herz wen­det; vor allem ist er ein indi­vi­du­el­ler Übungs­weg zu geis­ti­gem Wachs­tum und inne­rer Frei­heit.

Der Sufis­mus beruht auf den unmit­tel­ba­ren Got­teser­fah­run­gen der Mys­ti­ker. Man kann ihn als eine Art reli­giöse Phi­lo­so­phie bezeich­nen, die sich aber nicht nur an den Ver­stand, son­dern auch an das Herz wen­det; vor allem ist er ein indi­vi­du­el­ler Übungs­weg zu geis­ti­gem Wachs­tum und inne­rer Frei­heit. Sein Wesens­kern ist die Vor­stel­lung von der Ein­heit alles Sei­en­den, d. h. von einem ein­zi­gen sowohl tran­szen­den­ten wie imma­nen­ten Gött­li­chen, das sich in allem, was es in der Welt gibt, mani­fes­tiert und sich gleich­zei­tig dahin­ter ver­birgt. Der Sufis­mus bil­dete sich schon im Alter­tum her­aus, es gab u.a. Ein­flüsse der grie­chi­schen Phi­lo­so­phie und voris­la­mi­scher Reli­gio­nen. Im Mit­tel­al­ter haben sich die ori­en­ta­li­schen Mys­ti­ker, die man Sufis oder Der­wi­sche nannte, ins­bes. am Koran, an der Lehre Moham­meds, ori­en­tiert, stan­den aber oft im Gegen­satz zur herr­schen­den isla­mi­schen Ortho­do­xie und muss­ten dafür nicht sel­ten ihr Leben hin­ge­ben. Wäh­rend sich im 19. Jh. der Begriff Sufis­mus auf die isla­mi­sche Mys­tik beschränkte, lehrte seit 1910 der bedeu­tende indi­sche Musi­ker und Sufi Haz­rat Ina­yat Khan in Europa und Ame­rika einen nicht mehr spe­zi­ell isla­mi­schen, son­dern über­kon­fes­sio­nel­len, inter­re­li­giö­sen Sufis­mus, den sein Sohn und Nach­fol­ger, der Phi­lo­soph, Psy­cho­loge und Musi­ker Pir Vila­yat Ina­yat Khan (geb. 1916), krea­tiv wei­ter­ent­wi­ckelt. Das Fol­gende bezieht sich vor allem auf die­sen soge­nann­ten uni­ver­sa­len Sufis­mus.

Der uni­ver­sale Sufis­mus betont den gemein­sa­men Ursprung und die ein­heit­li­che Essenz der Reli­gio­nen, womit die Ach­tung aller ihrer Meis­ter, Hei­li­gen und Pro­phe­ten und ihrer hei­li­gen Schrif­ten ver­bun­den ist. Ganz im Sinne von Les­sings Ring­pa­ra­bel wird nicht dar­über geur­teilt, wel­che die­ser Leh­ren die rich­ti­gere sei, viel­mehr wer­den die Aus­sa­gen des Hin­du­is­mus, des Juden­tums, des Bud­dha, Zara­thus­tra, Moses, Jesus oder Moham­med alle als die von Zeit zu Zeit erneue­rungs­be­dürf­tige Bot­schaft des einen Got­tes ver­stan­den. Des­halb ist der Sufis­mus mit ihnen allen ver­träg­lich, und die meis­ten sei­ner Anhän­ger kom­men aus einer der gro­ßen Reli­gio­nen, die sie nicht auf­ge­ge­ben, son­dern bes­ser ver­ste­hen gelernt haben. Und des­halb ist im Sufis­mus die "Öku­mene" in einem sehr wei­ten Sinne voll­kom­men ver­wirk­licht, wes­we­gen ein Sufi nie­mals Fana­ti­ker oder Fun­da­men­ta­list sein kann. Er ist, wenn es um Nächs­ten­liebe geht, ein wah­rer Christ, und viele Worte Jesu Christi sind für ihn ganz wich­tig. Er ist ein Brah­mane inso­fern, als er wie die­ser von der advaita – d. h. Nicht-Zweiheit -, also von Gott als dem ein­zi­gen Sein über­zeugt ist. Der Sufi ist auch ein Yogi, denn auch er ist sich eines lan­gen, stu­fen­rei­chen Pfa­des zum geis­ti­gen Fort­schritt bewusst, und in den Übun­gen bei­der gibt es Ähn­lich­kei­ten. Er fühlt sich zum Jai­nis­mus hin­ge­zo­gen, weil in die­ser Reli­gion das Ahimsa-Bewusstsein, also die Gewalt­lo­sig­keit, beson­ders aus­ge­prägt ist. Ebenso las­sen sich, neben isla­mi­schen Wur­zeln, auch Gemein­sam­kei­ten des Sufis­mus mit dem Juden­tum, dem Tao­is­mus, dem Bud­dhis­mus und der Reli­gion des Zara­thus­tra auf­zei­gen.

Trotz des reli­giö­sen Grund­zugs ist der Sufis­mus also keine Reli­gion und noch weni­ger eine Sekte. Wäh­rend jene ja im all­ge­mei­nen ein gewis­ses Auto­ri­täts­sys­tem, Dog­men und ver­schie­dene Vor­schrif­ten haben, kennt der Sufis­mus weder Auto­ri­täts­glau­ben, Dog­men noch Moral­vor­schrif­ten – aller­dings wird vom Gebrauch har­ter Dro­gen abge­ra­ten, weil sich gezeigt hat, dass sie die geis­tige Ent­wick­lung behin­dern. Er ist aber auch kein Gemenge ver­schie­den­ar­ti­ger Leh­ren, son­dern hat ganz klare eigene Vor­stel­lun­gen. Zum Bei­spiel spie­len die im Hin­du­is­mus so wesent­li­chen Begriffe von Reinkar­na­tion und Karma im Sufis­mus keine Rolle, viel­mehr lehrt der Sufis­mus, dass man sich von Belas­tun­gen aus sei­ner Ver­gan­gen­heit weit­ge­hend frei machen und mit jedem Tag ein neues Leben begin­nen kann. Ande­rer­seits ent­spricht der neo­hin­du­is­ti­sche Impuls des Rama­krishna, die Reli­gio­si­tät mit dem All­tag zu ver­bin­den, wie­derum genau den Inten­tio­nen des Sufis­mus. In der von Pir Vila­yat Ina­yat Khan gelei­te­ten Gemein­schaft haben die Bemü­hun­gen um inter­re­li­giöse Kon­takte und Zusam­men­ar­beit einen beson­ders hohen Stel­len­wert. Es gibt auch eine Bezie­hung zur inter­na­tio­na­len Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion "amnesty inter­na­tio­nal".

Der Anhän­ger des Sufis­mus sieht in jedem Geschöpf etwas Gött­li­ches, des­halb ent­wi­ckelt er ein enges und ehr­fürch­ti­ges, behut­sa­mes Ver­hält­nis zur Natur. Dies bezieht sich in mehr­fa­cher Hin­sicht auch auf den Men­schen, denn der Sufis­mus ver­kün­det die gött­li­che Bestim­mung der Mensch­heit, die Gött­lich­keit jeder mensch­li­chen Seele, die Ein­ma­lig­keit und den Wert jedes ein­zel­nen Men­schen­le­bens. Daher ist der Sufi zum einen bestrebt, seine eige­nen Qua­li­tä­ten, die er mit den ver­schie­de­nen Attri­bu­ten des Gött­li­chen in Bezie­hung bringt, har­mo­nisch zu ent­wi­ckeln, wofür es hilf­rei­che Übun­gen gibt. Zum ande­ren will er in jedem Mit­men­schen eine reine, unver­dor­bene Seele sehen, wenn sie auch durch raue Scha­len ver­deckt sein mag. Dar­aus fol­gen Offen­heit und Hilfs­be­reit­schaft, und viele Anhän­ger des Sufis­mus sind in medi­zi­ni­schen, päd­ago­gi­schen und the­ra­peu­ti­schen Beru­fen oder in der Sozi­al­ar­beit tätig.

Der Sufis­mus ist ganz holis­tisch (ganz­heit­lich): Er lehrt, dass die Welt viel reich­hal­ti­ger ist und dass es in der Viel­falt der Erschei­nun­gen viel mehr Zusam­men­hänge gibt, als wir es gewöhn­lich wahr­neh­men. Dabei ist wich­tig, alles aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven betrach­ten zu ler­nen und die Ein­heit der Gegen­sätze zu erken­nen. Es geht um die Erfah­rung der Ein­heit, um die Erfah­rung des Hei­li­gen oder, wie es der Sufi-Mystiker Ibn Arabi in Anleh­nung an den Phi­lo­so­phen Plo­tin for­mu­lierte, darum, zu erken­nen, "was durch­scheint durch das, was erscheint". Wenn wir eine ganz­heit­li­che und kos­mi­sche Denk­weise erwer­ben, in stän­di­ger Gegen­wart Got­tes leben und uns unse­rer gött­li­chen Erb­schaft bewusst wer­den, d.h. das in uns schlum­mernde Poten­tial an Qua­li­tä­ten und Fähig­kei­ten ent­de­cken und för­dern, dann kön­nen wir die eigene Per­sön­lich­keit wie ein Kunst­werk gestal­ten, uns inner­lich weit­ge­hend von unse­ren Lebens­um­stän­den, Begier­den und Ängs­ten befreien, unsere indi­vi­du­el­len Pro­bleme rela­ti­vie­ren ler­nen und auch in schwe­ren Zei­ten dank­bar sein für die Schön­hei­ten der Schöp­fung. Der Sufip­fad ver­hilft zur "Erwe­ckung in das Leben", vom mit­tel­mä­ßi­gen Den­ken zu einem erwei­ter­ten Bewusst­sein hin, und somit dazu, sich selbst und das Leben bes­ser zu ver­ste­hen und zu meis­tern, Ver­ant­wor­tung und mehr Lie­bes­fä­hig­keit für andere Men­schen und die Natur, d.h. auch für unse­ren ver­letz­ten Pla­ne­ten, zu ent­wi­ckeln.

Die Mit­tel hier­für sind u.a. das Bekannt­wer­den mit der in den gro­ßen Reli­gio­nen über­lie­fer­ten Weis­heit, das Ein­tau­chen in die innere Welt der Mys­ti­ker (auch der christ­li­chen), ver­schie­dene Atem­übun­gen, Gebete, vor allem aber ein rei­cher Schatz an (teil­weise indi­vi­du­ell gege­be­nen) Medi­ta­ti­ons­for­men, wozu auch der in viel­fäl­ti­ger Weise prak­ti­zierte dhikr gehört: das gemein­same Geden­ken des ein­zi­gen und all­um­fas­sen­den Got­tes. Eine wich­tige Rolle spielt die geist­li­che Musik vie­ler Tra­di­tio­nen, vor allem die Musik Johann Sebas­tian Bachs. Haz­rat Ina­yat Khan ver­dan­ken wir die Feier des uni­ver­sel­len Got­tes­diens­tes, in der u.a. aus den hei­li­gen Schrif­ten der Welt­re­li­gio­nen vor­ge­le­sen wird (mit Kom­men­ta­ren und jeweils spe­zi­fi­scher Musik), wobei auch die weib­li­chen Aspekte des Gött­li­chen Berück­sich­ti­gung fin­den. Inter­es­sante und nicht unwe­sent­li­che Hil­fen sind moderne Phy­sik, moderne Natur­phi­lo­so­phie und Jung­sche Psy­cho­lo­gie, die Pir Vila­yat gern zur Ver­an­schau­li­chung sufi­scher Ein­sich­ten her­an­zieht. Inner­halb der Sufi-Gemeinschaft bie­tet der Heil­or­den spi­ri­tu­elle Unter­stüt­zung beim Hei­lungs­pro­zess an, wei­ter gibt es eine Gebets­ge­mein­schaft und einen ver­tie­fen­den Zweig mit natur­be­zo­ge­nen Ritua­len und Sym­bo­lik aus Natur und Land­wirt­schaft (ziraat); einen Platz haben auch die Tänze des uni­ver­sel­len Frie­dens: es sind spi­ri­tu­elle Gemein­schafts­tänze mit Wort– und Lied­gut aus vie­len reli­giö­sen Tra­di­tio­nen. Seit lan­gem wer­den auch meh­rere huma­ni­täre Hilfs­pro­jekte unter­hal­ten.

In zahl­rei­chen deut­schen Orten kann man an regel­mä­ßig ver­an­stal­te­ten Sufi-Abenden teil­neh­men; zu Ostern, am Jah­res­ende und zu ande­ren Zei­ten fin­den Semi­nare statt, und im Som­mer gibt es das mehr­wö­chige inter­na­tio­nale Camp in der Schweiz mit viel­sei­ti­gem, sehr umfang­rei­chem Pro­gramm, im all­ge­mei­nen mit Betei­li­gung von Reprä­sen­tan­ten der gro­ßen Reli­gio­nen. Diese Zusam­men­künfte in unse­rer Gemein­schaft sind fast immer zugleich Medi­ta­tion, kon­tem­pla­ti­ves Gott­ge­den­ken, ein Ken­nen­ler­nen der reich­hal­ti­gen Sufi-Weisheit und Anre­gung zu häus­li­chen Übun­gen und Refle­xio­nen.


Anhang: Einige der vie­len Facet­ten des Sufis­mus tra­ten bei man­chen bedeu­ten­den Sufis in beson­de­rem Maße in Erschei­nung, was fol­gende kleine Aus­wahl andeu­ten möge: Die Sufi-Heilige Rabia (gest. 801 n. Chr.) trat ent­schlos­sen der Schein­fröm­mig­keit ent­ge­gen, al-Harith al-Muhasibi (gest. 857) lehrte die stän­dige Gewis­sens­prü­fung, Dhu'n-Nun (gest. 859) besang das Gött­li­che in der Natur und erkannte im Leid eine Mög­lich­keit zur see­li­schen Ent­wick­lung, al-Hallaj (hin­ge­rich­tet 922 wegen sei­ner spi­ri­tu­el­len Über­zeu­gung) rich­tete seine Reli­gio­si­tät ganz auf per­sön­li­che Got­teser­fah­rung aus, Hujwiri (gest. um 1071) betonte die Bedeu­tung des eige­nen Ent­schlus­ses anstelle der Prä­gung eines Men­schen durch die Ver­gan­gen­heit. Abu Hamid al-Ghazzali (gest. 1111) ermun­terte den Men­schen zu einer durch Got­tes– und Nächs­ten­liebe gehei­lig­ten Lebens­weise, des­sen Bru­der Ahmad Ghaz­zali (gest. 1126) sprach von Gott und Mensch, die wie Spie­gel für­ein­an­der sind. Sanai (gest. ca. 1131) ermahnte die Mensch­heit, auf­zu­wa­chen und die Lebens­zeit zu nut­zen, bei Fari­dud­din Attar (gest. um 1220) begeg­net uns die Erkennt­nis des­sen, dass wir das, wonach sich unsere Seele sehnt, im Grunde in uns selbst tra­gen. Ibn 'Arabi (gest. 1240) lehrte die Mög­lich­keit der Erkennt­nis Got­tes, indem wir aus sei­nen Zei­chen im Ver­gäng­li­chen das erken­nen, "was durch­scheint durch das, was erscheint". Mu'inuddin Chishti (gest. 1236) ver­langte von sei­nen Schü­lern "Groß­mut wie der Ozean, Milde wie die Sonne und Beschei­den­heit wie die Erde"; er grün­dete in Indien einen wegen sei­ner Tole­ranz und Musik­pflege von Hin­dus und Mos­lems glei­cher­ma­ßen hoch­ge­schätz­ten Orden. Eine andere, beson­ders durch den Der­wisch­tanz bekannte Bru­der­schaft geht auf Jel­a­lud­din Rumi (gest. 1273) zurück, der – lange vor Dar­win – in der Evo­lu­tion eine grund­le­gende Eigen­schaft des Uni­ver­sums erkannte. Über­haupt fin­det sich eine ganze Reihe moder­ner wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nisse bereits im über­lie­fer­ten Sufis­mus. Haz­rat Ina­yat Khan und Pir Vila­yat haben ihm neue Form und Kraft ver­lie­hen, wodurch der moderne Sufis­mus als "befreite Spi­ri­tua­li­tät" eine ein­zig­ar­tige reli­gi­ons­ver­bin­dende Bot­schaft von Liebe, Har­mo­nie und Schön­heit gewor­den ist, die sich an alle Men­schen rich­tet.

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