Das Kör­per­schema der Angst auf­lö­sen

Von einem 'Kör­per­schema der Angst' spricht man bei Kli­en­ten, deren Kör­per­struk­tur durch eine chro­ni­sche Kon­trak­tion der Beu­ge­mus­keln an der Vor­der­seite des Rump­fes, durch Rund­schul­tern und eine ein­ge­schränkte Atmung gekenn­zeich­net ist. In die­sem Arti­kel beschreibt Ber­tram Wohak, Kör­perthe­ra­peut und Aikido­leh­rer, wie die Arbeit mit dem Bok­ken – einem dem japa­ni­schen Katana nach­ge­bil­de­ten Übungs­schwert aus Holz – dabei hel­fen kann, die­ses 'Kör­per­schema der Angst' auf­zu­lö­sen.

Schwert­ar­beit als Empower­ment für Trau­ma­op­fer

Als Kör­perthe­ra­peut und Aikido­leh­rer arbeite ich immer wie­der mit Kli­en­tIn­nen und Schü­le­rIn­nen, deren Kör­per­struk­tur sich in einem Mus­ter ver­fes­tigt hat, das Moshé Fel­den­krais ein­mal als "Kör­per­schema der Angst" bezeich­nete: Eine chro­ni­sche Kon­trak­tion der Beu­ge­mus­keln an der Vor­der­seite des Rump­fes, ein abge­flach­ter Tho­rax und behin­derte Atmung. Es ist die chro­nisch gewor­dene Form des ent­wick­lungs­ge­schicht­lich sehr alten Schutz­re­fle­xes, beim Fal­len, bei Erschre­cken, Angst oder Bedro­hung unwill­kür­lich den Kör­per zu beu­gen und zusam­men­zu­zie­hen und den Atem anzu­hal­ten. Was ursprüng­lich dem Schutz des Orga­nis­mus die­nen und sich nach Been­di­gung der ver­ur­sa­chen­den Fak­to­ren wie­der auf­lö­sen sollte, hat sich als neu­ro­mus­ku­lä­res Kör­per­schema ver­selb­stän­digt und (nach Tho­mas Hanna) in Form einer "senso-motorischen Amne­sie" der wil­lent­li­chen Kon­trolle ent­zo­gen. In die­sem Arti­kel beschreibe ich, wie die Arbeit mit dem Bok­ken (einem dem japa­ni­schen Katana nach­ge­bil­de­ten Übungs­schwert aus Holz) für das Empower­ment von Trau­ma­op­fern ein­ge­setzt wer­den kann, um die­ses "Kör­per­schema der Angst" auf­zu­lö­sen.

Es waren zwei Beob­ach­tun­gen, die mich dazu brach­ten, die Arbeit mit dem Bok­ken nicht mehr aus­schließ­lich in dem Kampf­kunst­kon­text zu betrach­ten, in dem ich sie gelernt und lange Zeit prak­ti­ziert hatte:
Die eine betraf meine kör­perthe­ra­peu­ti­sche Arbeit mit Kli­en­tIn­nen, deren Kör­per­struk­tur durch eine chro­ni­sche Kon­trak­tion der Beu­ge­mus­keln an der Vor­der­seite des Rump­fes, durch Rund­schul­tern und eine ein­ge­schränkte Atem­ka­pa­zi­tät gekenn­zeich­net war. Bei vie­len Kli­en­tIn­nen war die­ses Kör­per­schema mit der Schwie­rig­keit ver­bun­den, sich in kri­ti­schen Situa­tio­nen ange­mes­sen zu behaup­ten und die eigene Ener­gie effek­tiv nach außen zu brin­gen. Selbst mit tie­fer struk­tu­rel­ler Kör­per­ar­beit gelang es sel­ten, die­ses Kör­per­schema auf­zu­lö­sen, und die beschränk­ten Ergeb­nisse, die wir in der Arbeit erziel­ten, waren zudem häu­fig nicht dau­er­haft.
Die zweite Beob­ach­tung machte ich wäh­rend ein­wö­chi­ger KI-Retreats, die ich seit eini­gen Jah­ren mit klei­nen Grup­pen durch­führe: Inner­halb weni­ger Tage inten­si­ver Arbeit mit dem Bok­ken stell­ten sich mehr­mals bei Teil­neh­me­rIn­nen, die auf die eine oder andere Weise das oben beschrie­bene Kör­per­schema auf­wie­sen, erstaun­li­che Ver­än­de­run­gen ein. Ihr gesam­ter Kör­per rich­tete sich auf und streckte sich, Atem und Stimme wur­den freier und tie­fer. Ihre Aus­strah­lung hatte sich völ­lig geän­dert. Offen­bar hatte ihnen das spie­le­ri­sche Umge­hen mit Situa­tio­nen, in denen sie sym­bo­lisch mit dem Schwert ange­grif­fen wor­den waren und in denen sie die Erfah­rung gemacht hat­ten, sich effek­tiv zur Wehr set­zen zu kön­nen, dabei gehol­fen, ihre Ener­gie zu erfah­ren und dadurch ihr Kör­per­schema der Angst auf­zu­lö­sen. Diese Beob­ach­tun­gen waren für mich der Aus­gangs­punkt dafür, die Arbeit mit dem Bok­ken genauer unter einem kör­perthe­ra­peu­ti­schen Blick­win­kel zu betrach­ten.

Kör­perthe­ra­pie ist für mich Arbeit an Struk­tur, Funk­tion und Ener­gie unse­res Orga­nis­mus, um uns ins­ge­samt auf eine höhere Stufe der Anord­nung, Balance und Befrei­ung zu brin­gen. Struk­tu­rell betrach­tet sind bei einem gut orga­ni­sier­ten Kör­per die Haupt­seg­mente Kopf, Schul­tern, Brust­korb, Becken und Beine beim auf­rech­ten Stand senk­recht über­ein­an­der im Schwer­kraft­feld der Erde ange­ord­net. In der Sei­ten­an­sicht erkennt man eine gute Aus­rich­tung daran, dass Ohren, Schul­ter­ge­lenke, Hüft­ge­lenke, Knie­ge­lenke und Sprung­ge­lenke ent­lang einer lot­rech­ten Linie über­ein­an­der lie­gen. Rechte und linke Kör­per­hälfte sind sym­me­trisch, das Becken steht hori­zon­tal, die Wir­bel­säule ist nur wenig gekrümmt und der Kopf ruht frei und beweg­lich auf ihr statt, wie bei sehr vie­len Men­schen, nach vorne ver­scho­ben zu sein. Diese Kör­per­struk­tur erfor­dert nur mini­male Mus­kel­anspan­nung, um im Schwer­kraft­feld auf­recht erhal­ten zu wer­den und ermög­licht daher wei­test­mög­li­che Bewe­gungs­frei­heit. Ida Rolf, die Schöp­fe­rin der Struk­tu­rel­len Inte­gra­tion, ver­trat die Ansicht, dass ein Kör­per mit die­ser aus­ge­rich­te­ten Struk­tur durch die Gra­vi­ta­tion sogar ener­ge­ti­siert wird: "Ein sym­me­tri­sches, aus­ge­gli­che­nes Mus­ter in der Anord­nung der mate­ri­el­len Kör­per­seg­mente eines Men­schen erlaubt es sei­nem klei­ne­ren Ener­gie­feld, durch das grö­ßere Feld der Erde ver­stärkt zu wer­den." (Ida P. Rolf: Rol­fing, S. 30).

Nor­ma­ler­weise sind wir als Erwach­sene jedoch weit ent­fernt von die­sem Zustand der Aus– und Auf­rich­tung. Denn unsere per­sön­li­che Lebens­ge­schichte ist zwangs­läu­fig auch eine Geschichte kör­per­li­cher und see­li­scher Belas­tun­gen und Trau­mata, die in unse­rem Kör­per gespei­chert wur­den. Kom­pen­sa­ti­ons­me­cha­nis­men und unbe­wusste Gewohn­heits­mus­ter ver­fes­ti­gen dann diese Abwei­chun­gen und las­sen sie weit über den eigent­li­chen Anlass hin­aus dau­er­haft wer­den. Je län­ger dies währt, desto tie­fer kön­nen sich schä­di­gende Mus­ter in unsere sen­so­ri­schen und moto­ri­schen Funk­tio­nen ein­gra­ben. Schließ­lich wer­den sie nach außen sicht­bar, wenn unsere Kör­per­struk­tur aus dem Lot gera­ten und unsym­me­trisch und unaus­ge­gli­chen gewor­den ist. Chro­ni­sche Mus­kel­ver­span­nun­gen, ein­ge­schränkte Beweg­lich­keit und Schmer­zen sind fast immer die Folge.
Die the­ra­peu­ti­schen Ant­wor­ten, die die Schul­me­di­zin und ins­be­son­dere die Ortho­pä­die bei Stö­run­gen der Kör­per­struk­tur wie bei­spiels­weise Becken– und Schul­ter­schief­stand, Bein­län­gen­dif­fe­ren­zen und Sko­lio­sen und damit ver­bun­de­nen Sym­pto­men wie Rücken– und Schul­ter­schmer­zen, Lum­bal­gien, Ischi­al­gien und ein­ge­schränk­ter Gelenk­be­weg­lich­keit gibt, sind in den meis­ten Fäl­len äußerst unbe­frie­di­gend. Einem enorm kos­ten­in­ten­si­ven dia­gnos­ti­schen Hi-Tech-Aufwand wie z.B. der Kern­spin­to­mo­gra­phie, die bei immer mehr Beschwer­den des Bewe­gungs­ap­pa­ra­tes fast schon stan­dard­mä­ßig ver­ord­net wird, steht ein küm­mer­li­ches Spek­trum the­ra­peu­ti­scher Maß­nah­men gegen­über. Fast jeder, der schon ein­mal mit einer Lum­bal­gie oder Ischi­al­gie einen Ortho­pä­den auf­suchte, kann ein Lied davon sin­gen. Aber auch eine ganz­heit­lich ori­en­tierte struk­tu­relle Kör­perthe­ra­pie kann sel­ten dau­er­hafte Ver­bes­se­run­gen brin­gen, solange sie sich auf die Aus­rich­tung von Ske­lett­sys­tem, Mus­ku­la­tur und Bin­de­ge­webe beschränkt und die funk­tio­nel­len und ener­ge­ti­schen Kom­po­nen­ten des "Kör­per­sche­mas der Angst" über­sieht.

Bio­lo­gie: Der Schutz­re­flex Unsere Bewe­gungs– und Hal­tungs­mus­ter – auch die unan­ge­mes­se­nen und unef­fek­ti­ven – haben wir erlernt und unse­rem Ner­ven­sys­tem sozu­sa­gen ein­pro­gram­miert. Dabei sind unsere kör­per­li­chen Mus­ter mit bestimm­ten Gedan­ken und Gefüh­len untrenn­bar ver­bun­den. Bei Erschre­cken, Angst oder Bedro­hung rea­gie­ren wir unwill­kür­lich mit dem Schutz­re­flex, einer Kon­trak­tion der Beu­ge­mus­keln an der Vor­der­seite des Rump­fes. "Die­ses Schema der Beu­ger­kon­trak­tion stellt sich jedes Mal wie­der ein, wenn ein Mensch auf den pas­si­ven Selbst­schutz zurück­greift, sei´s, weil zum akti­ven Schutz ihm die Mit­tel feh­len, sei´s, weil er an sei­ner Kraft und Fähig­keit zwei­felt. Die Streck– und Auf­rich­tem­us­ku­la­tur ist dann not­wen­di­ger­weise par­ti­ell gehemmt. Mei­nen eige­nen Beob­ach­tun­gen zufolge haben Men­schen, die als 'intro­ver­tiert' gel­ten, einen gewohn­heits­mä­ßig ver­rin­ger­ten Stre­cker­to­nus." (Moshé Fel­den­krais: Die Ent­de­ckung des Selbst­ver­ständ­li­chen, S. 106)

Tho­mas Hanna, der Begrün­der von "Hanna Soma­tics", cha­rak­te­ri­siert die­ses Mus­ter der Beu­ger­kon­trak­tion als soma­ti­sche Rück­zugs­re­ak­tion: "Das Phä­no­men der soma­ti­schen Rück­zugs­re­ak­tion ist ein sehr beson­de­res Ereig­nis. Um es zu cha­rak­te­ri­sie­ren ver­wende ich die Worte sich ducken und sich zusam­men­zie­hen. Genau diese neu­ro­mus­ku­lä­ren Funk­tio­nen sind die Ant­wort auf nicht tole­rier­ba­ren Stress. Bei der soma­ti­schen Rück­zugs­re­ak­tion wird der Kör­per von der Peri­phe­rie her zum Zen­trum nach innen gezo­gen und dadurch klei­ner. Nicht nur die Wir­bel­säule wird durch Mus­kel­kon­trak­tio­nen im Len­den– und Hals­be­reich ver­kürzt, auch die Arme und Beine, die Schul­ter– und Hüft­ge­lenke kon­tra­hie­ren, beu­gen sich nach innen und ver­rin­gern dadurch die Kör­per­breite. Es ist das­selbe Sich­du­cken und Zusam­men­zie­hen, das bei Tie­ren auf­tritt, wenn sie erschro­cken oder ver­ängs­tigt sind: Sie zie­hen sich in sich selbst zurück, wer­den klei­ner, ange­spann­ter und weni­ger sicht­bar, so als woll­ten sie sich dadurch schüt­zen, indem sie zu ver­schwin­den ver­su­chen." (Tho­mas Hanna: The Body of Life, S.35).
Die Rück­zugs­re­ak­tion oder der Schutz­re­flex wer­den durch den Hirn­stamm aus­ge­löst, das sind Gehirn­areale, die ent­wick­lungs­ge­schicht­lich älter und sehr viel schnel­ler sind als die Groß­hirn­rinde mit dem sen­so­ri­schen und moto­ri­schen Kor­tex, die für unsere will­kür­li­chen Bewe­gun­gen zustän­dig ist. Man bezeich­net den Hirn­stamm auch als Rep­ti­li­en­ge­hirn, da er im Rep­ti­li­en­or­ga­nis­mus die höchst­ent­wi­ckelte neu­ro­nale Struk­tur dar­stellt. Beim Schutz­re­flex han­delt es sich um einen zwar pri­mi­ti­ven, aber gleich­zei­tig sehr effek­ti­ven Schutz­me­cha­nis­mus, den man selbst bei nie­de­ren Orga­nis­men fin­den kann. Wird z.B. eine Schne­cke leicht berührt, zieht sie sich sofort zusam­men, und auch ein Regen­wurm mit sei­nem sehr ein­fa­chen Ner­ven­sys­tem zeigt bei Berüh­rung bereits die Rück­zugs­re­ak­tion. Selbst bei Säu­ge­tie­ren und beim kom­ple­xes­ten Ver­tre­ter die­ser Art, dem Men­schen, ist der Schutz­re­flex sehr schnell. Hören wir z.B. ein uner­war­te­tes sehr lau­tes Geräusch, so füh­ren vom Hirn­stamm aus­ge­hende Ner­ven­im­pulse dazu, dass inner­halb weni­ger Mil­li­se­kun­den der Tra­pe­zi­us­mus­kel kon­tra­hiert und die Schul­tern hoch­zieht, der Bauch­mus­kel anzieht und die Vor­der­seite von Brust­korb und Becken näher zusam­men­bringt und der Atem ange­hal­ten wird. Der Kör­per wird gebeugt und wie in einer embryo­na­len Schutz­hal­tung zusam­men­ge­zo­gen. "Um auf Bedro­hun­gen zu rea­gie­ren, kann der Orga­nis­mus kämp­fen, flie­hen oder erstar­ren. Diese Ver­hal­tens­wei­sen sind Bestand­teile eines Ver­tei­di­gungs­sys­tems. Wenn es unmög­lich ist, zu kämp­fen oder zu flie­hen, kon­tra­hiert der Orga­nis­mus instink­tiv und greift zu sei­ner letz­ten Mög­lich­keit, der Erstar­rung. Wäh­rend die­ses Sich­zu­sam­men­zie­hens wird die Ener­gie, die durch den Kampf oder durch die Flucht ver­braucht wor­den wäre, kom­pri­miert und im Ner­ven­sys­tem gebun­den." (Peter A. Levine: Trauma-Heilung, S.106)

Patho­lo­gie: Wie aus dem Schutz­re­flex das "Kör­per­schema der Angst" wer­den kann Der Schutz­re­flex erfolgt schnell und ohne unser bewuss­tes Zutun. Er ist so etwas wie unser pri­mi­ti­ver Beschüt­zer, aus­ge­löst durch die Anteile unse­res Ner­ven­sys­tems, die wir mit vie­len nicht­mensch­li­chen Lebe­we­sen die­ses Pla­ne­ten gemein­sam haben. Was führt aber dazu, dass aus einem für das Über­le­ben offen­sicht­lich wich­ti­gen Reflex bei uns Men­schen im Unter­schied zu Tie­ren so leicht ein chro­ni­fi­zier­tes Kör­per­schema wird?
Wenn Tiere einer bedroh­li­chen Situa­tion ent­kom­men, dann bauen sie die auf­ge­baute Mus­kel­span­nung nach einer kur­zen Immo­bi­li­täts­phase meist in kraft­vol­len Flucht– oder Kampf­re­ak­tio­nen ab und kön­nen so die im Orga­nis­mus gespei­cherte Ener­gie wie­der ent­la­den. Die­sel­ben nie­de­ren Gehirn­areale, die zuvor den Schutz­re­flex aus­ge­löst hat­ten, brin­gen die­sen instink­ti­ven Reak­ti­ons­zy­klus wie­der zum Abschluss. Frei­le­bende Tiere keh­ren daher rela­tiv schnell nach dem Ende einer Bedro­hung zur nor­ma­len Funk­ti­ons­weise zurück. Es ent­wi­ckelt sich bei ihnen kein chro­ni­fi­zier­tes "Kör­per­schema der Angst", da keine gebun­dene Ener­gie in ihrem Orga­nis­mus zurück­bleibt.
Es sieht so aus, als sei bei uns Men­schen der am höchs­ten ent­wi­ckelte, der "mensch­lichste" Teil unse­res Zen­tral­ner­ven­sys­tems ursäch­lich für die Her­aus­bil­dung des "Kör­per­sche­mas der Angst". Die Groß­hirn­rinde und in unse­rem Zusam­men­hang vor allem ihr sen­so­ri­scher und moto­ri­scher Anteil über­la­gert mit ihren Funk­tio­nen die engen Reiz-Reaktionschemata des Hirn­stamms, denen Tiere mehr oder weni­ger unter­wor­fen sind. Wir haben im Ver­gleich mit Tie­ren zwar nahezu unbe­grenzte Frei­hei­ten, neue senso-motorische Ver­hal­tens­wei­sen zu erwer­ben. Doch diese Frei­heit trägt in sich die Gefahr zu patho­lo­gi­scher Ent­wick­lung. Der Trau­ma­for­scher Peter Levine dazu: "Warum kön­nen sich Men­schen nicht ebenso selbst­ver­ständ­lich in diese unter­schied­li­chen Reak­ti­ons­wei­sen hin­ein­be­ge­ben und sich wie­der dar­aus lösen wie Tiere? Eine Ursa­che dafür ist unser hoch­ent­wi­ckel­ter Neo­kor­tex (der ratio­nale Teil unse­res Gehirns), der, moti­viert durch Angst und ein star­kes Kon­troll­be­dürf­nis, die instink­ti­ven Impulse und Reak­tio­nen des Rep­ti­li­en­ge­hirns beein­träch­ti­gen kann … Bei Men­schen ent­ste­hen Trau­mata, weil ein instink­ti­ver Reak­ti­ons­zy­klus zwar initi­iert wird, aber nicht zum Abschluss kommt." (Peter A. Levine: Trauma-Heilung, S. 107)

Die Grenze zwi­schen phy­si­schen und emo­tio­na­len Trau­mata ist dabei flie­ßend. Wird ein Kind z.B. häu­fig geschla­gen, so wird es sich durch ein Zusam­men­zie­hen des Kör­pers zu schüt­zen suchen. Es wird den Kopf ducken, die Schul­tern nach vorne zie­hen und den Atem in Erwar­tung der Schläge anhal­ten. Da die Mög­lich­keit zur Flucht oder zum Kampf gewöhn­lich nicht besteht, bleibt ihm nur die Kon­trak­tion. Ist dies nicht Aus­nahme son­dern die Regel, dann bil­det sich ein trau­ma­ti­sches Kör­per­schema. Oder ein jun­ges Mäd­chen ist über­durch­schnitt­lich groß oder früh­reif und ent­wi­ckelt lange vor sei­nen Alters­ge­nos­sin­nen große Brüste. Die Wahr­schein­lich­keit ist hoch, dass es die damit ver­bun­de­nen emo­tio­na­len Unsi­cher­hei­ten zu ver­rin­gern ver­su­chen wird, indem es sich klei­ner macht, die Brust ein­zieht und die Schul­tern nach vorne nimmt und damit ein ähn­li­ches Kör­per­schema ent­wi­ckelt wie das Kind, das häu­fig geschla­gen wurde.
Eine beson­ders gra­vie­rende Form der Trau­ma­ti­sie­rung stellt der Miss­brauch von Kin­dern durch Erwach­sene dar. Die­ses Pro­blem ist viel ver­brei­te­ter als all­ge­mein ange­nom­men wird und taucht erst all­mäh­lich im öffent­li­chen Bewusst­sein auf. Die Fol­gen für die betrof­fe­nen Kin­der sind meist lebens­läng­lich ver­hee­rend. "Wenn ein Kind kör­per­lich, sexu­ell oder gefühlsmäßig/verbal miss­braucht wird, dann erfährt es, dass es zu macht­los ist, um sei­nen Kör­per und seine Lebens­um­stände zu schüt­zen. Die­ses Gefühl der Macht­lo­sig­keit wird zu einem wesent­li­chen Bestand­teil der Iden­ti­tät der Miss­brauchs­op­fer, und viele Trau­masym­ptome wie Dis­so­zia­tion, Dro­gen­miss­brauch, Gefühl­lo­sig­keit für den Kör­per oder auf­fäl­li­ges Ver­hal­ten sind Aus­druck ihrer Über­zeu­gung, dass sie für sich keine Sicher­heit schaf­fen kön­nen." (Paul Lin­den: Gewin­nen heilt, S.2).
In einem ent­schei­den­den Punkt bil­den Miss­brauchs­op­fer eine spe­zi­elle Form des "Kör­per­sche­mas der Angst" aus: Die Erfah­rung der Ohn­macht des Kin­des gegen­über dem Miss­brauch durch den meist aus dem Fami­li­en­um­feld stam­men­den Täter/die Täte­rin bei gleich­zei­ti­ger emo­tio­na­ler und exis­ten­zi­el­ler Abhän­gig­keit von der betref­fen­den Per­son führt zu einer alle Lebens­be­rei­che durch­drin­gen­den Stö­rung im Ver­hält­nis zur eige­nen Kraft und Ener­gie. In mei­ner Pra­xis habe ich öfters erfah­ren, dass Erwach­sene, die als Kin­der miss­braucht wur­den, enorme Schwie­rig­kei­ten haben, sich ange­mes­sen abzu­gren­zen und die Inte­gri­tät ihrer eige­nen Dimen­sion wirk­sam zu schüt­zen. Die­ser Unfä­hig­keit zum ange­mes­se­nen Selbst­schutz liegt eine durch die Miss­brauchser­fah­rung aus­ge­löste Stö­rung im Ver­hält­nis zur eige­nen Kraft zu Grunde. Kraft bzw. Macht wurde von dem Kind in einer so tief­ge­hen­den Weise als miss­bräuch­lich erlebt, dass es spä­ter als Erwachsene/r fast nur die Alter­na­tive sieht, selbst zum Täter zu wer­den oder aber die eigene Ener­gie zu unter­drü­cken, um der Gefahr zu ent­ge­hen, selbst zu miss­brau­chen. Die eigene Ener­gie kann nicht mehr als etwas lebens­be­ja­hen­des und posi­ti­ves emp­fun­den wer­den.
Erwach­sene mit die­sem Mus­ter haben meis­tens Schwie­rig­kei­ten, in mei­nen Kur­sen ihre Part­ner "rich­tig" anzu­grei­fen und ihre Ener­gie unge­hin­dert und freud­voll nach außen zu brin­gen. Die natür­li­che und lebens­be­ja­hende Fähig­keit zur "gesun­den Aggres­sion" ist gestört, blo­ckiert durch die tief­sit­zende Annahme, Kraft sei per se miss­bräuch­lich. Dies führt zu einer sehr schwer­wie­gen­den Form des "Kör­per­sche­mas der Angst".

In Bezug auf die Atmung fin­det man bei die­sen Men­schen typi­scher­weise Ausa­tem­stö­run­gen. Die Aus­at­mung ist meist signi­fi­kan­ter gestört als die Ein­at­mung. Die Ausa­tem­phase ent­spricht der Abgabe von Ener­gie, und das ist genau das, was sich Miss­brauchs­op­fer nicht erlau­ben. Miss­brauchs­op­fer atmen meist stoß­weise, ange­strengt, ruck­ar­tig, müh­sam und unvoll­stän­dig aus. Diese Atem­stö­rung kann sich im Zustand ener­ge­ti­scher Auf­la­dung des Kör­pers sogar noch ver­stär­ken, da die anwach­sende Ener­gie als bedroh­lich emp­fun­den wird und Angst macht und ihre Abgabe nach außen durch Blo­ckade der Aus­at­mung unter­bun­den wer­den soll.
Die Reak­ti­ons­wei­sen ent­spre­chend die­sem "Kör­per­schema der Angst" erfol­gen nicht will­kür­lich, son­dern quasi vege­ta­tiv, unbe­wusst und auf einer vor­wie­gend ener­ge­ti­schen Ebene. Die the­ra­peu­ti­sche Arbeit mit Men­schen mit die­sen Stö­run­gen sollte daher neben der bewuss­ten Auf­ar­bei­tung vor allem auf die­ser ener­ge­ti­schen Ebene selbst anset­zen: Wenn die Betrof­fe­nen ler­nen, ihre Ener­gie wie­der unge­hin­dert nach außen aus­zu­drü­cken und dies als lebens­be­ja­hend und posi­tiv erfah­ren, kön­nen ihre trau­ma­ti­schen Ver­let­zun­gen grund­le­gend hei­len.

The­ra­pie: Empower­ment heilt Das Schlüs­sel­kon­zept hin­ter dem the­ra­peu­ti­schen Ein­satz mei­ner Bok­ken­ar­beit heißt Empower­ment. Das der Kon­trak­tion und Blo­ckie­rung zu Grunde lie­gende Gefühl von Ohn­macht kann sich auf­lö­sen, wenn die Betrof­fe­nen ler­nen, sich wie­der mit den Quel­len ihrer Kraft zu ver­bin­den und sie die Erfah­rung machen, dass sie zu erfolg­rei­chem Selbst­schutz in der Lage sind. So kann sich das "Kör­per­schema der Angst" mit all sei­nen kör­per­li­chen, psy­chi­schen und sozia­len Sym­pto­men auf­lö­sen und die Men­schen kön­nen kör­per­lich und see­lisch hei­len. Dafür ist es not­wen­dig, schritt­weise die erfor­der­li­chen Res­sour­cen im Kör­per und im Selbst­bild auf­zu­bauen und zu ler­nen, die im "Kör­per­schema der Angst" kom­pri­mierte und gebun­dene Ener­gie auf eine freu­dige Weise expan­siv nach außen zu befreien.
Dazu sagt mein Freund und Kol­lege, der ame­ri­ka­ni­sche Kör­perthe­ra­peut und Aikido­meis­ter Paul Lin­den: "Damit Hei­lung sehr tief statt­fin­den kann, braucht absichts­vol­les und wirk­sa­mes Ver­hal­ten ein soli­des Fun­da­ment in einem aus­ge­rich­te­ten Kör­per, rich­ti­ger Atmung und aus­strah­len­den Absich­ten. Um ein kla­res Ziel anzu­stre­ben und um die­ses Ziel wirk­sam zu ver­fol­gen ist der rich­tige Gebrauch des Kör­pers erfor­der­lich. Jeman­den ein­fach nur weg­zu­schub­sen, dabei die Zähne zu ble­cken, den Atem anzu­hal­ten und die Schul­tern anzu­zie­hen wird nicht son­der­lich heil­sam sein. Hei­lung ent­steht, wenn Freude als Grund­lage von Kraft wie­der­ge­won­nen wird, und Freude ist sozu­sa­gen ein Abfall­pro­dukt rich­ti­gen Kör­per­ge­brauchs." (Paul Lin­den: Gewin­nen heilt, S. 16). Dafür hat sich die Arbeit mit dem Bok­ken als idea­les Mit­tel erwie­sen.

Die Basis schaf­fen: Rich­tig ste­hen und rich­tig gehen
Wenn ich Bok­ken­ar­beit in kör­perthe­ra­peu­ti­schem Kon­text unter­richte, fange ich meis­tens mit den Füßen an. Die Kli­en­tIn­nen sol­len erst ein­mal ein mög­lichst leben­di­ges Gefühl für ihre Füße ent­wi­ckeln. Denn für uns kopf­las­tige Men­schen der ers­ten Welt sind unsere Füße so etwas wie ein Dritt­welt­land, eine unter­ent­wi­ckelte und im Bewusst­sein unter­re­prä­sen­tierte Kör­per­re­gion, kaum mehr wahr­ge­nom­men als die Rei­fen unse­rer Autos. Men­schen, die das "Kör­per­schema der Angst" auf­wei­sen, haben meist einen unsi­che­ren Gang und kein Bewusst­sein davon, wie sie gehen. Übun­gen zum Ste­hen und Gehen spie­len in mei­nen Kur­sen und Retre­ats des­halb eine wich­tige Rolle, wobei beson­dere Auf­merk­sam­keit dar­auf ver­wen­det wird, das Gefühl für den "einen Punkt" zu ent­wi­ckeln. Mit dem "einen Punkt" bezeich­net mein Aikido­meis­ter Nobuyuki Watan­abe Shi­han (8. Dan) vom Hombu-Dojo in Tokio eine Hal­tung, bei der der Kör­per mög­lichst opti­mal um seine senk­rechte Achse herum orga­ni­siert ist und dadurch seine maxi­male Größe und freie Bewe­gungs­mög­lich­kei­ten in alle Rich­tun­gen erreicht. Dies gilt nicht nur für das Ste­hen, auch beim Gehen wird mit jedem Schritt die­ser eine Punkt bewusst pas­siert. Durch inten­si­ves Geh­trai­ning (vor­wärts, rück­wärts, jeder für sich, syn­chron mit einem Part­ner, mit geschlos­se­nen Augen geführt und unge­führt etc.) wird zunächst das Ver­trauen in die eigene sta­bile Grün­dung in Stand und Bewe­gung als wich­tige Res­source für die Über­win­dung des "Kör­per­sche­mas der Angst" auf­ge­baut. Ist der untere Pol durch ein inten­si­ves Gefühl für Erdung ent­wi­ckelt, dann hilft das mei­nen Kli­en­tIn­nen dabei, beim Auf­zie­hen des Bok­ken nicht "abzu­he­ben" und ihre Kör­per in bei­den Rich­tun­gen zu stre­cken, sowohl nach oben wie auch (unge­wohn­ter­weise) nach unten.

Sich ener­ge­tisch laden: Die Atmung Das Atmen ist der her­aus­ra­gende Kör­per­pro­zess, der sowohl unbe­wusst vege­ta­tiv vom Kör­per wie auch bewusst und will­kür­lich vom Geist gesteu­ert wer­den kann. Atmen ist ein kör­per­li­cher und geis­ti­ger, mate­ri­el­ler und nicht­ma­te­ri­el­ler, unbe­wuss­ter und bewuss­ter Pro­zess zugleich. Den meis­ten Men­schen mit dem "Kör­per­schema der Angst" ist ihre beschränkte Atem­ka­pa­zi­tät nicht bewusst. Sie dabei anzu­lei­ten, wie­der bewuss­ter und tie­fer zu atmen, hilft ihnen dabei, ihren Kör­per wie­der mehr zu bewoh­nen und ihre Ener­gie zu ent­wi­ckeln.
Es gibt eine Viel­zahl von Atem­übun­gen und Atem­tech­ni­ken, bei mei­ner Bok­ken­ar­beit unter­richte ich aber beson­ders eine Art zu atmen, die ich von mei­nem Aikido­meis­ter gelernt habe und die außer in den Budo­küns­ten auch im tra­di­tio­nel­len japa­ni­schen Noh-Theater prak­ti­ziert wird. Ihr Prin­zip besteht darin, den Atem im rech­ten Moment im Unter­bauch zu hal­ten und mit die­sem Gefühl einer prall gefüll­ten Ener­gie­sphäre im Bereich des Kör­per­schwer­punk­tes kraft­volle Hand­lun­gen aus­zu­füh­ren ohne dabei aus­zu­at­men. "Eine der gehei­men Tech­ni­ken des Noh-Theaters besteht darin, zu wis­sen, wann du den Atem anhal­ten musst. Wenn du zum Bei­spiel von einer sit­zen­den in eine ste­hende Posi­tion wech­selst, atmest du ein, wäh­rend du noch sitzt, hältst dann den Atem an und stehst auf, ohne aus­zu­at­men." (Yoshi Oida, mit Lorna Mar­shall: Der unsicht­bare Schau­spie­ler, S. 137)
Auch Eugen Her­ri­gel beschreibt in sei­nem Klas­si­ker "Zen in der Kunst des Bogen­schie­ßens" diese Art der Atmung: "Drü­cken Sie nach dem Ein­at­men den Atem sachte her­un­ter, so dass sich die Bauch­wand mäßig spannt und hal­ten Sie ihn da für eine Weile fest. Dann atmen Sie mög­lichst lang­sam und gleich­mä­ßig aus, um nach einer kur­zen Pause mit einem raschen Zug wie­der Luft zu schöp­fen ? in einem Aus und Ein fortan, des­sen Rhyth­mus sich all­mäh­lich selbst bestim­men wird. […] Das Ein­at­men … bin­det und ver­bin­det, im Fest­hal­ten des Atems geschieht alles Rechte, und das Aus­at­men löst und voll­en­det, indem es alle Beschrän­kung über­win­det."


Abb. 1 und 2

Bei mei­nen Kur­sen hat es sich als sinn­voll erwie­sen, diese Art zu atmen zunächst ohne Bok­ken beim Ste­hen und Gehen zu üben. Wäh­rend die Arme geho­ben wer­den und der Kör­per sich streckt, wird nach oben aus­ge­at­met. Im Zustand der maxi­ma­len Stre­ckung ist der Kör­per leer. Nun wird kurz und tief bis in den Unter­bauch ein­ge­at­met. Es ist wie ein Essen von Luft, es fühlt sich an, als ströme die Luft durch die Hand­flä­chen ein und falle ent­lang einer senk­rech­ten Linie hin­un­ter bis in den Unter­bauch, um das gesamte Kör­per­zen­trum mit einem kom­pak­ten und sta­bi­len Gefühl zu fül­len. Bei gehal­te­nem Atem wer­den mit die­sem Gefühl die Arme fal­len gelas­sen, wobei die Ellen­bo­gen die Bewe­gung füh­ren. Die Arme wer­den mit ent­spann­ten Schul­tern fal­len gelas­sen, es wird keine beson­dere Beto­nung auf ein Schla­gen oder Schnei­den gelegt. Die Ener­gie soll dabei nach vorne expan­diert wer­den, das ver­brei­tete "Holz­ha­cken" nach unten würde den Kör­per eher kom­pri­mie­ren statt öff­nen. Wird diese Bewe­gung anfangs ohne Bok­ken aus­ge­führt, so fällt es den meis­ten Teil­neh­mern leich­ter, Atmung und Bewe­gung zu koor­di­nie­ren und ihre Ener­gie mehr nach vorne und außen statt nach unten zu brin­gen. Die Zei­ge­fin­ger wer­den dabei nach vorne gestreckt als seien sie Laser­poin­ter, mit denen man an der gegen­über­lie­gen­den Wand Licht­punkte malt (Abb. 2).
Mit dem erneu­ten Anhe­ben der Arme wird dann wie­der aus­ge­at­met und der Bewe­gungs­ab­lauf kann im Ste­hen und dann im Gehen wie­der­holt wer­den.
Ist diese Art der Atmung für viele anfangs noch unge­wohnt, so erfah­ren sie doch bald ihre ener­ge­ti­sie­rende Wir­kung. Auf diese Art durch den Raum zu gehen und mit der eige­nen nach vorne pro­ji­zier­ten Ener­gie zu spie­len hilft dabei, das eigene Bild von Aggres­sion zu ver­än­dern. Vor allem Trau­ma­op­fer und die­je­ni­gen, die ihre eige­nen Gren­zen oft nicht schüt­zen konn­ten, haben Schwie­rig­kei­ten damit, auf eine gesunde Art ihre Ener­gie nach außen zu brin­gen und auf natür­li­che Weise "aggres­siv" zu sein.



Abb. 3 und 4

Res­sour­cen ent­wi­ckeln: Indi­vi­du­elle Arbeit mit dem Bok­ken Der Bok­ken ist ein Modell für das japa­ni­sche Lang­schwert (Katana) und das Schwert selbst ist in vie­len Kul­tu­ren ein arche­ty­pi­sches Sym­bol für das aktive, männ­li­che Prin­zip. Es steht für eine auf­rechte und auf­rich­tige äußere und innere Hal­tung, es hat etwas Kla­res, Ent­schie­de­nes, Schnei­den­des, Unter­schei­den­des, Tren­nen­des, Wehr­haf­tes. Es hilft sich abzu­gren­zen und auf eine effek­tive Weise Gren­zen zu zie­hen ? bis hier­her und nicht wei­ter! Mit dem Bok­ken zu arbei­ten bedeu­tet, sich mit die­sem Prin­zip auf eine erfah­rungs­be­zo­gene Weise zu ver­bin­den, und das ist genau das, was Kli­en­tIn­nen mit dem "Kör­per­schema der Angst" brau­chen.
Die Grund­be­we­gun­gen des Auf­zie­hens, des Schnei­dens und die damit ver­bun­dene Atmung sind bereits aus den Übun­gen ohne Bok­ken ver­traut. Ein Pro­blem taucht dabei jedoch immer wie­der auf: Ist es den meis­ten ohne Bok­ken gut gelun­gen, das Fal­len­las­sen der Arme nicht zu einer for­cier­ten Abwärts­be­we­gung zu machen und die Expan­sion ihrer Ener­gie nach vorne und außen zu beto­nen, so löst allein die Hand­ha­bung des Bok­ken häu­fig wie­der den "Hack­im­puls" nach unten und die damit ver­bun­dene Kon­trak­tion der Rumpf­vor­der­seite aus. Hier hilft stän­di­ges Bewusst­ma­chen und Üben.
Für die Dekon­di­tio­nie­rung der reflex­haf­ten Beu­ger­kon­trak­tion ist es bereits eine wich­tige Ver­än­de­rung, die Phase des Auf­zie­hens und der damit ver­bun­de­nen Kör­per­stre­ckung (Abb. 3) zu beto­nen und nicht nur (wie meist üblich) als not­wen­dige Hilfs­be­we­gung für die nach­fol­gende Schnei­de­phase (Abb. 4) zu betrach­ten. Mein Aikido­meis­ter sagt dazu sinn­ge­mäß: "Bringt eure Ener­gie in das Auf­zie­hen, dazu müsst ihr euren Kör­per stre­cken und Arme und Bok­ken gegen die Schwer­kraft nach oben brin­gen. Beim Schnei­den müsst ihr nichts tun, ihr müsst nur die Arme mit dem Bok­ken fal­len las­sen, dabei hilft euch die Schwer­kraft." Wird es so prak­ti­ziert, dann ist bereits das indi­vi­du­elle Bok­ken­schla­gen eine wun­der­bare Übung, um den gesam­ten Kör­per zu öff­nen, den Tho­rax mit der Inter­kost­al­mus­ku­la­tur wie­der leben­dig zu machen, Brust– und Zwerch­fell­at­mung zu ver­tie­fen, fest­ge­hal­tene Span­nung aus dem Schul­ter­gür­tel zu lösen und ein ver­fei­ner­tes Gefühl für die senk­rechte Kör­pe­r­achse zu ent­wi­ckeln. Falls man häu­fig mit dem Bok­ken in die­ser Weise schlägt, sollte abwech­selnd mit der rech­ten und lin­ken Hand vorne gear­bei­tet wer­den, um eine asym­me­tri­sche Ent­wick­lung der Schul­tern und Arme zu ver­mei­den.

Res­sour­cen anwen­den: Part­ner­ar­beit mit dem Bok­ken In der Part­ner­ar­beit kann nun mit Situa­tio­nen expe­ri­men­tiert wer­den, die zumin­dest modell­haft einen Bedro­hungs­cha­rak­ter haben. Dies gilt sowohl aktiv wie pas­siv. Es ist inter­es­sant, dass fast alle Teil­neh­mer an mei­nen Kur­sen, die das Kör­per­schema der Angst auf­wei­sen, anfangs Schwie­rig­kei­ten haben, ihre Übungs­part­ner authen­tisch mit dem Bok­ken anzu­grei­fen und ihre Ener­gie dabei nicht zu stop­pen. Hier ist es wich­tig, gerade für Anfän­ger Sicher­heits­re­geln ein­zu­füh­ren, lang­sam zu begin­nen und dann erst ent­spre­chend den bereits auf­ge­bau­ten Res­sour­cen das Tempo zu erhö­hen.
Aus der Viel­zahl von Part­ner­übun­gen sol­len hier nur zwei dar­ge­stellt wer­den. Bei bei­den Übun­gen hat nur Part­ner B ein Bok­ken, der andere (A) nicht.


Abb. 5
Bei der ers­ten Übung ste­hen sich A und B so gegen­über, dass sich die Spitze des aus­ge­streck­ten Bok­kens gerade so dicht vor dem Gesicht von A befin­det, wie für ihn erträg­lich ist. Diese Bedro­hung wirkt sich meist sofort auf Atmung und Kör­per­hal­tung von A aus. Der Schutz­re­flex wird so erfahr­bar gemacht. Dann zieht B auf und schnei­det mit einem gleich­zei­ti­gen Schritt nach vorne, wäh­rend A einen Schritt zurück macht und dadurch den ursprüng­li­chen Abstand wie­der­her­stellt. A ach­tet dabei auf die zuvor geübte Art der Atmung und Kör­per­stre­ckung. Ent­schei­dend ist, dass A auch in die­ser Situa­tion von Bedro­hung ein Gefühl von Sou­ve­rä­ni­tät, Sicher­heit und Hand­lungs­frei­heit ent­wi­ckelt. Dann lässt sich die Bewe­gungs­rich­tung umkeh­ren und A treibt B vor sich her, indem er seine Ener­gie nach vorne pro­ji­ziert.

Abb. 6

Bei der zwei­ten Übung kann der Abstand anfangs grö­ßer sein. B geht mit nach vorne gestreck­tem Bok­ken auf A zu und zieht im rich­ti­gen Abstand auf, um zu schnei­den. Statt zu kol­la­bie­ren wird A grö­ßer, atmet tief in den Unter­bauch, macht einen Schritt zur Seite und tritt mit sei­ner Ener­gie in den Angriff von B ein. Dabei kann auch die zuvor beschrie­bene Art der Hand– und Fin­ger­hal­tung ange­wen­det wer­den (Abb.6). Am Anfang wird es mehr ein Zur­sei­te­tre­ten als ein Ein­tre­ten sein, has­tig ange­sichts des Angrif­fes, zu früh und zu weit. Meine Erfah­rung mit vie­len Nicht-Aikido-Praktizierenden zeigt aber, dass fast jeder in der Lage ist, bei all­mäh­li­cher Stei­ge­rung des Tem­pos seine Reflexe zu beein­flus­sen und ein neues Gefühl von Kraft und Inte­gri­tät ange­sichts von Bedro­hun­gen auf­zu­bauen.
Dann gibt es noch eine Viel­zahl von Übun­gen in mei­nen Kur­sen, bei denen beide Part­ner ein Bok­ken haben, ihre Beschrei­bung würde aber den Umfang die­ses Arti­kels spren­gen.

Auch der Ein­satz der Stimme ist ein wich­ti­ges Mit­tel, um das "Kör­per­schema der Angst" auf­zu­lö­sen. Stimme ist in die­sem Kon­text Trä­ger von Ener­gie, und nicht von Bedeu­tung. Ein kon­tra­hier­ter Kör­per kann keine tiefe Atmung und damit kei­nen freien Stimm­aus­druck haben. Gewöhn­lich nehme ich mir in mei­nen Grup­pen meh­rere Stun­den Zeit, um den Stimm­aus­druck zu befreien. Mit der Rich­tungs­qua­li­tät der Vokale A-E-I-O-U zu expe­ri­men­tie­ren und in der Bok­ken­ar­beit voll mit ihrer Stimme her­aus­zu­kom­men, ist für die meis­ten Teil­neh­me­rIn­nen eine anfangs nicht leichte, dann aber als sehr befrei­end emp­fun­dene Erfah­rung. Wie sagte mein Aikido­meis­ter? "Beim Kiai soll­tet ihr euer Gesicht zer­stö­ren, dann seid ihr auch wie­der schön."
Ist es nicht wun­der­bar, dass Metho­den aus den Kampf­küns­ten uns dabei hel­fen kön­nen, die tief in unse­ren Kör­pern und unse­ren Refle­xen ver­an­ker­ten Mus­ter der Angst auf­zu­lö­sen, um wirk­lich und authen­tisch leben­dig zu sein?

Lite­ra­tur:
(1) Moshé Fel­den­krais: Die Ent­de­ckung des Selbst­ver­ständ­li­chen, Suhr­kamp Ver­lag 1981
(2) Tho­mas Hanna: Beweg­lich sein ? ein Leben lang, Kösel Ver­lag 1998
(3) Tho­mas Hanna: The Body of Life, Crea­ting New Pathways for Sen­sory Awa­ren­ess and Fluid Move­ment, Hea­ling Arts Press 1993
(4) Richard S. Heck­ler: The Ana­tomy of Change, A Way to move Through Life´s Tran­si­ti­ons, North Atlan­tic Books 1993
(5) Eugen Her­ri­gel: Zen in der Kunst des Bogen­schies­sens, Otto Wil­helm Barth Ver­lag 1982,
(6) Deane Juhan: Job´s Body, A Hand­book for Body­work, Sta­tion Hill 1998
(7) Peter A. Levine: Trauma-Heilung: Das Erwa­chen des Tigers. Unsere Fähig­keit, trau­ma­ti­sche Erfah­run­gen zu trans­for­mie­ren, Syn­the­sis 1998
(8) Paul Lin­den: Gewin­nen heilt, Kör­per­ge­wahr­sein und Empower­ment für Miss­brauchs­op­fer, Über­set­zung eines Papers zur 2002 Con­fe­rence of the United Sta­tes Asso­cia­tion for Body Psy­cho­the­rapy
(9) Yoshi Oida mit Lorna Mar­shall: Der unsicht­bare Schau­spie­ler, Alex­an­der Ver­lag 2001
(10) Ida P. Rolf: Rol­fing, Hea­ling Arts Press 1989


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