"Liebe ist die Lösung"

Auch bei sexu­el­lem Miss­brauch hel­fen Ver­söh­nung und Anneh­men mehr als Hass und Ent­rüs­tung





Mit dem Lebens­phi­lo­so­phen und Fami­li­en­stel­ler Dr. Wil­fried Nel­les sprach Roland Rot­ten­fußer


Miss­brauch von Eltern an ihren Kin­dern gehört zu den Hand­lun­gen, die in der Gesell­schaft am meis­ten Empö­rung und Ver­ach­tung für die Täter aus­lö­sen. Nicht umsonst, denn Kin­der und Jugend­li­che wer­den hier offen­kun­dig von ihren »Nächs­ten« ver­ra­ten, die ja zu ihrem Schutz und zur Für­sorge ver­pflich­tet sind. Die see­li­schen Lang­zeit­fol­gen des Miss­brauchs sind oft gra­vie­rend.
Wenn wir uns empö­ren, müs­sen wir uns aber nicht nur fra­gen, ob unsere Gefühle »gerecht« sind, son­dern auch, ob sie hel­fen – vor allem den Opfern. Wo viel­leicht Liebe war und die Chance auf Ver­söh­nung, ver­hin­dert ein auf­ge­peitsch­tes öffent­li­ches Klima oft, dass die Ver­let­zun­gen hei­len und die Betei­lig­ten Frie­den fin­den kön­nen. So schwer es bei die­sem Thema fällt, auch bei Miss­brauch lau­tet für den Hellinger-Schüler Wil­fried Nel­les das Motto: »Anneh­men, was (gewe­sen) ist«


Wel­che Rolle spielt Miss­brauch – spe­zi­ell sexu­el­ler Miss­brauch von Kin­dern durch ihre Eltern und ältere Ver­wandte – in dei­ner the­ra­peu­ti­schen Arbeit?
Ich kann keine quan­ti­ta­ti­ven Anga­ben machen. Einer­seits kommt es in allen Schich­ten und in allen neue­ren Kul­tu­ren vor, also in isla­mi­schen, bud­dhis­ti­schen, tao­is­ti­schen oder kon­fu­zia­ni­schen ebenso wie in christ­li­chen, ande­rer­seits ist es längst nicht so häu­fig, wie es einige Kreise dar­stel­len. Es gibt sehr oft ein ero­ti­sches Ele­ment in der Vater-Tochter-Beziehung, von dem aus fälsch­lich auf sexu­elle Hand­lun­gen geschlos­sen wird. Die­ses ero­ti­sche Ele­ment kann auch von der Toch­ter aus­ge­hen.
Ich hatte kürz­lich einen Kurs, wo in einer Auf­stel­lung sicht­bar wurde, dass es ein ero­ti­sches Klima zwi­schen Vater und Toch­ter gab und sich der Vater von der Toch­ter zurück­zog. Die Stell­ver­tre­te­rin der Toch­ter wirkte dar­über ent­täuscht. Da habe ich zu der Kli­en­tin gesagt: »Manch­mal sind die Töch­ter dem Vater über den nicht voll­zo­ge­nen Inzest genauso böse wie andere über den voll­zo­ge­nen.« Sie hat genickt und gesagt: »Das stimmt.«


Nach allem, was ich aus der Presse und aus kon­kre­ten Fäl­len dar­über weiß, sind die Spät­fol­gen von Miss­brauch sehr gra­vie­rend.
Selbst wenn es diese sexu­el­len Gefühle auch sei­tens der Töch­ter gele­gent­lich gibt, ist doch vom Vater zu erwar­ten, dass er sich in jedem Fall zurück­hält!?

Ja, das ist zu erwar­ten. Der Erwach­sene trägt in jedem Fall die volle Ver­ant­wor­tung und Schuld. Hun­dert Pro­zent.
Aber wir spre­chen ja hier über Lösun­gen für Betrof­fene. Und da ist es so, dass die mora­li­sche Ent­rüs­tung über die Täter und die Tat denen nicht nur nicht hilft, son­dern scha­det. Wie soll das Kind den Vater da noch lie­ben kön­nen?
Und es ist ein Fakt, dass auch miss­brauchte Töch­ter ihre Väter lie­ben, oft sogar mehr als andere. Jede Auf­stel­lung, die ich gemacht habe, hat dies gezeigt – ohne Aus­nahme und völ­lig unab­hän­gig davon, wel­che Ein­stel­lung die Teil­neh­mer zu die­ser Frage vor­her hat­ten. Wenn aber alle um das Kind oder (spä­ter) die Frau herum sagen, welch ein Schwein der Vater ist, muss es diese Liebe ver­drän­gen. Die Folge ist dann, dass sie sich heim­lich einen Weg bahnt, zum Bei­spiel dadurch, dass das Kind selbst so wird wie der Vater – wenn es ein Junge ist, indem er auch seine Kin­der miss­braucht, wenn es ein Mäd­chen ist, indem sie sich in ihrer Sexua­li­tät wei­ter miss­brau­chen lässt und sich dazu die ent­spre­chen­den Part­ner sucht, die dann viel­leicht auch wie­der die Kin­der miss­brau­chen. Damit sagt das Kind durch sein Ver­hal­ten: »Ich bin nicht bes­ser als du« oder »Ich bin eine Schlampe«. Es legi­ti­miert damit quasi nach­träg­lich die Tat des Vaters (oder wer immer der Täter war) und drückt auf diese Weise seine innere Liebe zum Täter aus, die sich anders nicht zei­gen darf.


Kannst du uns etwas zur Psy­cho­dy­na­mik der Täter erzäh­len? Wie wird man »so jemand«?
Täter sind meist selbst Opfer gewe­sen. Psy­cho­lo­gisch sind sie ja beim Miss­brauch wie Kin­der – sie üben zwar Macht oder gar Gewalt aus, aber der Täter ist der Bedürf­tige, der Kleine, das Kind ist der oder die Gewäh­rende, die Große und Mäch­tige, die den Täter befrie­digt. Das ist wort­wört­lich per­vers in dem Sinne, dass alles ver­dreht ist: Er zwingt sie, aber sie ist zugleich mäch­tig, obwohl sie auf der Hand­lungs­ebene ohn­mäch­tig ist. Das Pen­deln oder gar Zer­ris­sen­sein zwi­schen Macht und Ohn­macht ist für viele Frauen, die Miss­brauch erlebt haben, cha­rak­te­ris­tisch. Sys­te­misch ver­bin­det sich ein Täter, der selbst Opfer war, mit dem­je­ni­gen, der ihn miss­braucht hat. Das ist eine klas­si­sche Fami­li­en­dy­na­mik: Täter, die abge­lehnt und aus­ge­grenzt wur­den, wer­den von ihren Kin­dern oder Enkeln wie­der ver­tre­ten, indem diese sich genauso ver­hal­ten. Darin kommt die heim­li­che Liebe inner­halb der Fami­lie zum Aus­druck, die eine Ver­ur­tei­lung der Täter nicht zulässt. Wenn ich also als The­ra­peut den Täter aus­grenze, wirke ich daran mit, dass sich die Miss­brauchs­dy­na­mik fort­setzt. Das Opfer selbst oder ein Sohn des Opfers wird wie­der zum Täter wer­den.


Wo ist die Grenze zwi­schen einer »gesun­den« kör­per­li­chen Zärt­lich­keit zwi­schen Eltern und Kin­dern und Miss­brauch?
Es gibt sicher­lich eine Grenze, aber ich möchte die nicht defi­nie­ren. Im Grunde beginnt der Miss­brauch dort, wo ein Vater oder eine Mut­ter das Kind zur Befrie­di­gung eige­ner kind­li­cher Bedürf­nisse benutzt. Ob die nun sexu­ell sind oder »nur« emo­tio­nal, ist gar nicht so wich­tig. Wenn eine Mut­ter sich beim Sohn die Zärt­lich­keit nimmt, die sie beim Mann ver­misst, ist das genauso miss­bräuch­lich und für die Bezie­hungs­fä­hig­keit des Soh­nes genauso schäd­lich wie man­cher sexu­elle Kon­takt zwi­schen Vater und Toch­ter. Dass wir beim Miss­brauch so auf das Sexu­elle star­ren, zeigt, dass wir in der Tiefe immer noch sexu­al­feind­lich sind.


Hat der von Sig­mund Freud ent­deckte Ödi­pus– bzw. Elektra-Komplex für dich noch eine Aktua­li­tät bezüg­lich die­ses The­mas? Gibt es über­haupt so etwas wie »Mit­wir­kung«, »Dul­dung« oder »Zustim­mung« der Opfer – aus wel­chen Grün­den auch immer?
Die gibt es, auf ver­schie­de­nen Ebe­nen. Meis­tens unbe­wusst, manch­mal aber auch bewusst oder »halb-bewusst«. Eine Frau, Mut­ter von vier Kin­dern, hat mir gesagt, die sexu­elle Bezie­hung mit ihrem Vater sei die schönste ihres Lebens gewe­sen. So krass ist das sicher sel­ten, aber wenn man genau und ohne zu mora­li­sie­ren nach­fragt, sagen man­che Opfer, dass es auch schöne Sei­ten dabei gab. Man­che haben auch ein heim­li­ches Gefühl von Macht, das sie – zumin­dest unbe­wusst – genie­ßen. Die wich­tigste see­li­sche Mit­wir­kung liegt aber auf einer tie­fe­ren Ebene, die gänz­lich unbe­wusst ist. Wenn Kin­der ihre Eltern als unglück­lich wahr­neh­men, wol­len sie sie glück­lich machen, um fast jeden Preis. Dies ist ein ganz tie­fer Wunsch in der Seele des Kin­des, der auch beim Miss­brauch fast immer mit­schwingt. Die Hei­lung gelingt erst, wenn man die­sen Wunsch ans Licht bringt und ihn ernst nimmt.


Mit wel­chen Schwie­rig­kei­ten müs­sen die Part­ner miss­brauch­ter Men­schen rech­nen, und wie gehen sie am bes­ten damit um?
Ein Mann, des­sen Frau von ihrem Vater miss­braucht wurde, ist mit zwei Tat­sa­chen kon­fron­tiert: Ers­tens ist der Vater der erste Mann sei­ner Frau, ihr ers­ter »Lieb­ha­ber«. Der Miss­brauch wirkt wie eine feste Bin­dung zwi­schen Mann und Frau. Das muss er sehen, aus­hal­ten und aner­ken­nen. Genauer gesagt: Er muss dem gan­zen Gesche­hen zustim­men, wie es war. Zustim­men heißt nicht, dass er es gut­heißt. Es heißt, dass er dem Vor­gang jen­seits aller Beur­tei­lung zustimmt als einer Geschichte, die zu sei­ner Frau und ihrem Leben gehört und gehö­ren darf. Zwei­tes ist, wenn die bei­den Kin­der bekom­men, der Vater der Frau der Groß­va­ter der Kin­der. In ihnen fließt nicht nur sein Blut, in ihnen wirkt auch seine Geschichte, sein see­li­sches Ver­mächt­nis. Das ist unent­rinn­bar. Die Kin­der müs­sen die­sen Groß­va­ter haben, neh­men und lie­ben dür­fen. Auch dies wie­derum jen­seits aller Urteile über sein Leben, seine Taten, seine Schuld oder Ähn­li­ches.
Das ver­langt also eine große see­li­sche Leis­tung von Sei­ten des Man­nes. Diese kann gelin­gen, wenn er die Dinge so betrach­tet, wie sie sind, ohne Urteil. Dann sieht er zum Bei­spiel, dass der Vater sei­ner Frau nicht nur ein Täter ist, son­dern dass durch ihn die Frau, die er liebt, auch ins Leben gekom­men ist. Er ver­dankt die­sem Mann also auch seine Frau.


Was kann ein Opfer selbst tun, um mit dem Trauma zu leben?Dem Gesche­hen zustim­men als etwas, was war und gewe­sen sein darf, und es ver­ges­sen.

Ver­sagt hier nicht, wenn es zu sche­ma­tisch ange­wandt wird, Hel­lin­gers Dik­tum »Anneh­men was ist«? Wie um Him­mels wil­len sol­len die Opfer denn ver­ges­sen? Das ist nach mei­ner Ein­schät­zung nicht nur unmög­lich, es kann auch gefähr­lich sein, denn gerade das Ver­ges­sen­wol­len liegt oft auf dem Grund des psy­chi­schen Lei­dens, und der Mut, sich zu erin­nern, ist der Beginn der Hei­lung.
Ich habe nicht ein­fach gesagt: Sie sol­len es ver­ges­sen, und ich meine erst recht nicht, sie sol­len es ver­drän­gen. Ich sage: Man muss dem Gesche­hen zustim­men als etwas, das war und gewe­sen sein darf. Das ist das Erste und Wich­tigste. Alles, was war, bringt sich so lange in Erin­ne­rung, bis wir ihm zustim­men als etwas, was gewe­sen sein darf! Das ist der Sinn und die hei­lende Wir­kung von Erin­ne­rung – sie wirkt hei­lend, wenn sie dazu führt, dass die Ereig­nisse, die gesche­hen sind, und die Men­schen, die daran betei­ligt waren, ihren rich­ti­gen Platz bekom­men.


Du arbei­test ja auch mit der Hellinger-Methode. Bert Hel­lin­ger hat viel Unver­ständ­nis und Empö­rung für den fast schon legen­dä­ren Satz »Mutti, ich habe es für dich getan« geern­tet, den er der Stell­ver­tre­te­rin einer miss­brauch­ten Toch­ter bei einer Auf­stel­lung in den Mund gelegt haben soll. Wie stehst du dazu?
Diese Sätze sind ohne den gan­zen Kon­text kaum zu ver­ste­hen. Wenn ein Kind – das sind fast immer unbe­wusste Vor­gänge – inner­lich merkt, dass die Mut­ter mit dem Vater nicht mehr schla­fen will, ent­steht eine Art Sog, der es in diese Lücke hin­ein­zieht. Es kann damit bei­den Eltern schein­bar etwas Gutes tun: Indem es sich selbst anstelle der Mut­ter zur Ver­fü­gung stellt, erlöst es sie sozu­sa­gen, da sie dann nicht mehr mit ihm schla­fen muss, und es befrie­digt auch noch die Bedürf­tig­keit des Vaters. Das Kind wird so zum Ret­ter der Fami­lie. Das ist eine völ­lig unbe­wusste see­li­sche Dyna­mik, also nicht etwas, das sich das Kind aus­denkt.
Wenn man die spä­tere erwach­sene Frau dann sol­che Sätze sagen lässt – und zwar pro­be­weise durch eine Stell­ver­tre­te­rin, wie bei einem Expe­ri­ment – und schaut: Wie wirkt die­ser Satz?, dann kommt diese Dyna­mik häu­fig ans Licht. Dann sagen die Betrof­fe­nen: »Ja, das ist es, das stimmt«, und alle wir­ken befreit. So ist Hel­lin­ger auf diese unbe­wuss­ten Dyna­mi­ken gesto­ßen. Die Wir­kung in der Seele der Toch­ter ist, dass sie mit einem sol­chen Satz nicht mehr nur Opfer ist, son­dern sieht, dass sie einen eige­nen Bei­trag geleis­tet hat – aus Liebe. Der Satz heißt übri­gens »Ich habe es GERN für dich getan.« Das ist erschüt­ternd – auch weil man dann plötz­lich sieht, dass diese kind­li­che Liebe, die hel­fen und ret­ten wollte, in Wirk­lich­keit ohn­mäch­tig ist. Zugleich aber heilt es – weil es wahr ist.


Dem Fami­li­en­stel­len wird oft vor­ge­wor­fen, dass es die Unter­schiede zwi­schen Tätern und Opfern ver­schwim­men lässt. So rät Bert Hel­lin­ger, dass miss­brau­chende Väter geehrt wer­den, nur weil sie Väter sind und dass man so zu einer ver­söhn­li­chen inne­ren Hal­tung gelangt. Wäre es nicht u.U. bes­ser, sich Wut oder gar Hass auf den Vater zuzu­ge­ste­hen und sich radi­kal von ihm abzu­wen­den?
Beim Fami­li­en­stel­len wird nur auf Tat­sa­chen geschaut. Es ist eine Tat­sa­che, dass der Vater der Vater ist und die Toch­ter durch ihn das Leben bekom­men hat. Dies ändert sich auch durch den Miss­brauch nicht. Übri­gens ändert sich auch die kind­li­che Liebe zum Vater durch den Miss­brauch nicht, sie wird nur schmerz­haf­ter – und viel­leicht sogar noch tie­fer. Dies anzu­er­ken­nen ist unum­gäng­lich, wenn es eine Lösung geben soll. Das Ehren des Vaters, von dem Hel­lin­ger spricht, hat also mit dem Miss­brauch nichts zu tun. Es ist völ­lig unab­hän­gig davon, was der Vater für ein Mensch war oder ist.
Was nun Wut oder Hass betrifft: Wenn sie da sind, sind sie da, und sie dür­fen genauso da sein wie alles andere. Aber dar­un­ter ist immer auch Liebe. Wut hat die Funk­tion, diese Liebe nicht füh­len zu müs­sen, weil sie über­aus schmerz­lich ist. Wenn die Liebe ans Licht kommt, bricht die Wut in sich zusam­men. Und das ist not­wen­dig, denn Wut und Hass lösen nie etwas, sie bin­den nur. Hass ist nie eine Lösung, das Her­aus­las­sen der Wut ist nie eine Lösung. Nur Liebe führt zur Lösung, genauer gesagt: Liebe ist die Lösung.


Ein Plä­do­yer für die Liebe kommt immer sym­pa­thisch rüber, könnte aber doch an der psy­chi­schen Rea­li­tät vor­bei gehen. Natür­lich soll jemand nicht im Hass ste­cken blei­ben und von ihm beherrscht wer­den, aber wäre der rich­tige Weg nicht: den Vater mit sei­ner Wut kon­fron­tie­ren, ihm klar machen, wel­chen Scha­den er mit sei­ner Tat ange­rich­tet hat und dann – erst wenn die Zeit wirk­lich reif dafür ist – ver­ge­ben?
Die Liebe IST die psy­chi­sche Rea­li­tät. Wut ist nur der Ver­such, der schmerz­haf­ten Begeg­nung mit die­ser Rea­li­tät zu ent­ge­hen. Des­halb führt der Aus­druck der Wut nur zur Ent­la­dung, nicht zur Lösung. Das ist wie sexu­elle Selbst­be­frie­di­gung – sie kann für einen Moment ent­span­nen, bleibt aber unfrucht­bar.
Zwei­tens: Ob der Vater tat­säch­lich »Scha­den ange­rich­tet« hat, wie du sagst, ist zumin­dest sehr frag­lich. Das ist eine anma­ßende Idee und Beur­tei­lung von außen. Es ist eine äußerst schmerz­hafte und auch sehr prä­gende Erfah­rung, die Aus­wir­kun­gen auf das ganze Leben die­ses Kin­des hat. Aber das erlaubt uns kein Urteil dar­über, ob sie scha­det. Hin­ter sol­chen Urtei­len steht eine sehr gefähr­li­che Idee, näm­lich die Idee, dass es im Leben eines Men­schen, oder zumin­dest im Leben eines Kin­des, keine schwe­ren und schmerz­haf­ten Erfah­run­gen geben dürfte. Dass sol­che Erfah­run­gen schäd­lich seien. Diese Idee ist gefähr­lich, weil sie lebens­feind­lich ist.
Drit­tens schließ­lich: Ver­ge­bung ist völ­lig fehl am Platz. Ver­ge­ben kann der liebe Gott, wenn es ihn gibt. Die Toch­ter, die dem Vater ver­gibt, ist immer noch die Große, der Vater immer noch der Bedürf­tige, das Kind. Das hilft weder ihr noch ihm. Es gibt nichts zu ver­ge­ben, was gesche­hen ist, ist gesche­hen, und beide müs­sen auf ihre Weise damit klar kom­men.


Wie kann der Täter – ein­mal ange­nom­men, er bereut sei­nen Feh­ler – am bes­ten mit sei­ner Tat umge­hen? Wie sollte er sich gegen­über sei­nem Opfer ver­hal­ten?
Indem er zustimmt und ver­gisst und sich als Vater ver­hält.


Damit wäre dem Vater aber doch jeg­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­ner Tat erspart. Ver­ges­sen und ein­fach wie­der ein »nor­ma­ler Vater« sein, das wäre für den Betref­fen­den sicher bequem; abge­se­hen von grund­sätz­li­chen ethi­schen Beden­ken hätte er aber dann auch nicht die Mög­lich­keit, sein eige­nes Pro­blem zur Hei­lung zu füh­ren (viel­leicht ist er ja selbst gekränkt, miss­braucht wor­den).
Du hast gesagt: »Ange­nom­men, er bereut«. Das heißt also, dass es bereits eine Aus­ein­an­der­set­zung gege­ben hat oder gibt. Davon bin ich jetzt aus­ge­gan­gen. Viel­leicht ist der Begriff »zustim­men« aber auch etwas miss­ver­ständ­lich. Zustim­men heißt, dass er sich der Tat­sa­che aus­setzt, dass er sein Kind zur Lust­be­frie­di­gung benutzt hat. Das heißt für mich nicht »sich recht­fer­ti­gen«. Ich meine damit: Er setzt sich dem gan­zen Gesche­hen aus, ohne jede Aus­rede. Dann wird er Schuld und Scham emp­fin­den. Schuld und Scham sind aber noch nicht die Lösung, weil darin der Wunsch mit­schwingt, es möge anders gewe­sen sein. Erst wenn er die­sen Wunsch auch noch hin­ter sich lässt, wenn er zustimmt, dass der Inzest, die sexu­elle Benut­zung oder gar Schän­dung sei­nes Kin­des (je nach­dem, wie der Vor­gang im Ein­zel­fall war) Teil sei­nes Lebens ist, gibt es auch für ihn eine Lösung. Das ist alles andere als bequem.

Die­ser Arti­kel ist erschie­nen in der connection-Ausgabe 5/2004: www.connection.de

Dr. phil Wil­fried Nel­les, Jg. 1948, Stu­dium der Polit­wis­sen­schaft, Psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie, zwölf Jahre in lei­ten­der Posi­tion in der sozi­al­wi­sen­schaft­li­chen For­schung und Lehre, Wei­ter­bil­dung in Metho­den der huma­nis­ti­schen Psy­cho­lo­gie, Lei­ter wachs­tums­ori­en­tier­ter Selbst­er­fah­rungs­grup­pen. Seit 1996 (Begeg­nung mit Bert Hel­lin­ger) Arbeit mit Fami­lien– und Orga­ni­sa­ti­ons­auf­stel­lun­gen. Er ist ver­hei­ra­tet und hat zwei Söhne.
Kon­takt: www.wilfried-nelles.de
Sein neu­es­tes Buch: "In guten wie in schlech­ten Zei­ten" Gold­mann, 2003

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