Vom Ende der Monokulturen und dem Charme der Vielfalt

Wolf Schneider

Seit 20 Jahren berichtet connection über alternative spirituelle und medizinische Wege.
Nun werden wir noch 'ganzheitlicher' und befassen uns in connection Spirit auch mit Wirtschaft und Politik. Die Heilung des Körpers war das Monopol der Schulmedizin. Den alleinigen Heilsweg der Seele zu kennen beanspruchte selbstherrlich das Christentum. Und ausgerechnet dort, wo man auf die progressiven Kräfte des Marktes setzt, in
der Wirtschaft, herrscht auch heute noch ein Monopol...

Seit 20 Jahren berichtet connection über alternative spirituelle und medizinische Wege. Nun werden wir noch "ganzheitlicher" und befassen uns in connection Spirit auch mit Wirtschaft und Politik. Die Heilung des Körpers war das Monopol der Schulmedizin. Den alleinigen Heilsweg der Seele zu kennen beanspruchte selbstherrlich das Christentum. Und ausgerechnet dort, wo man auf die progressiven Kräfte des Marktes setzt, in der Wirtschaft, herrscht auch heute noch ein Monopol: das System des Neoliberalismus.
Der Hunger nach natur- und menschenfreundlicheren Alternativen jedoch ist groß. Nur noch Fanatiker glauben an "die eine Wahrheit". Auch die nationalen Demokratien, der Neokapitalismus und das zinsgetriebene Währungssystem rufen nach Alternativen ...

Wir kommen aus einer Welt, in der alles sehr einfach war. Auf medizinische, religiöse, philosophische Fragen gab es einfache Antworten, und sie kamen meist von einer einzigen Stelle: einem Menschen, einer Gruppe von Menschen oder einer Institution. Die Familie, der Clan, der Pfarrer, Rabbi oder Imam, die zuständige Behörde wusste eine Antwort. Kaum einer hatte Zweifel an ihrer Kompetenz, meist schon deshalb, weil es keine Alternative gab.
Heute haben wir Alternativen und zwar so viele, dass wir nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht. Die vielen Menschen, Stellen und Bücher oder Webseiten, an die wir uns wenden können, geben sehr viele verschiedene, oft einander widersprechende Antworten.

Integer sein und integriert
Die Zeit der Monokulturen ist vorbei. Es gibt sie zwar noch, die Vertreter der alten Monopole, die ihre überkommenen Vorteile zu wahren suchen, aber ihre Tage sind gezählt. Die heutige Wirklichkeit ist das globale Dorf. Globalisierung? Ja, klar, sie lässt sich nicht vermeiden. Die Frage ist nicht ob, sondern wie. Wie soll die globale Wirklichkeit denn aussehen? Dabei geht es um die Herrschaft der organisierenden und wertebestimmenden Systeme, in der Medizin und der Religion ebenso wie in Wirtschaft und Politik.
Ich mag Vielfalt. Ich schätze die Freiheit wählen zu können, die Einfalt nicht bietet. Ja, ich weiß: Freiheit kann Angst machen, sie kann einen überfordern, und doch fordert sie uns heraus wie nichts anderes. Die alten Ideale von Bildung, Reifung, Erkenntnis, menschlicher Entwicklung und Entfaltung, alles das kulminiert in einer Integration der Vielfalt, wie gegensätzlich auch immer die Teile sein oder scheinen mögen. So waren die Stätten höchster kultureller Leistung immer Stätten und Städte der Vielfalt: das antike Athen, Rom, Alexandria, im Mittelalter Bagdad, Palermo, Prag, Byzanz/Istanbul, später London, Singapur, New York. Solche Stätten können zu Schmelztiegeln werden oder sie bleiben Museen der Vielfalt, jedenfalls sind es Orte der Tolerenz. Hier herrschen keine Monokulturen, sondern eine Vielfalt von Kulturen, die einander befruchten.

Die Brahmanen Europas
Wer von einer Herrschaft Vorteile hat, gibt sie jedoch nicht so leicht auf. In Europa herrschten jahrhundertelang die Ärzte über das Wissen vom Körper und das Recht, es heilerisch anzuwenden. Frauen und Andersgläubige wurden nicht zugelassen, ähnlich wie bei den Brahmanen in Indien. Das Wissen von der Seele und vom Jenseits hingegen wurde von den Priestern verwahrt. Auch dieses war Frauen und Andersgläubigen verwehrt, erst recht seine Anwendung in der Praxis der Seelsorge und den Ritualen des Lebenszyklus.
Eine erste Invasion in dieses Territorium kam von den Freudschen Psychoanalytikern, weitere folgten. Viele dieser Invasoren hielten jedoch die Grenzen zum Ressort der Kollegen vom Körper, den Ärzten, aufrecht. Teile und herrsche - so profitierte 'man' einst davon, dass Körper und Seele gespalten waren in zwei Berufsfelder und 'man' verwendete jahrhundertelang auch dieselbe Geheimsprache, das Latein.
Kein Wunder, dass die Vertreter dieser Monokulturen nicht so ohne weiteres ihr Feld einer Vielfalt von anderen überlassen wollten: Homöpathie, TCM, Ayurveda, schamanische Medizin und so weiter empfinden noch immer viele Schulmediziner (und Psychologen) als Bedrohung, Kundschaft zu verlieren. Ebenso verunsichern Islam, Buddhismus, Atheismus, Pantheismus und naturreligiöse Philosophien die Vertreter der etablierten christlichen Kirchen.
Die herkömmlichen Versorger der Seele und des Körpers, sie haben beide etwas zu verlieren, und nur die intelligenteren unter ihnen öffnen sich der neuen Zeit. Manchmal nur, um das Alte zu retten, etwa wenn die Kirchen aus Opportunismus Meditation und Kreistänze ins Veranstaltungsprogramm der Pfarrgemeinde aufnehmen oder überzeugte Schulmediziner sich ein Schild mit "Naturheilverfahren" an den Praxiseingang hängen. Bei anderen ist die Öffnung für einen transkulturellen Gott- und Naturbezug ernst gemeint, auch wenn sie sich - falls ihr Arbeitgeber eine der großen Kirchen ist - meist noch verstecken müssen.

Zauberwort "trans"
Genau hier liegt die Chance zur Versöhnung und Integration: im "trans". Nur wenn wir unseren Egoismus überwinden und ins Transpersonale aufbrechen, haben wir eine Chance, das zu erreichen, was das Ego eigentlich will: Glück. Nur wenn wir aus den religiösen Lagern ins Transreligiöse aufbrechen, haben wir eine Chance, das zu erreichen, was Religion eigentlich will: den Raum hinter den Formen, Gott, Nirvana, die Zeitlosigkeit. Und auch die Heilungswege des Körpers, die so viel mit denen der Seele zu tun haben, brauchen ein transkulturelles, transmethodisches Verständnis.
"Trans" sollte zum Zauberwort der globalen Gesellschaft werden, so wie "Inter"national längst Fluchtpunkt und Zauberwort der national Befangenen ist. Heimat zu finden in einer weniger komplexen Identität mag dafür sogar Vorraussetzung sein: als Deutscher international gesinnt sein, als Europäer Asien erkunden, als christlich Erzogener in der Meditation einen transpersonalen Gott erleben oder als Naturwissenschaftler das Paradoxe entdecken. Es gibt so viele Wege zu dem Einen, der Integration, dem Frieden.

Monokultur Neoliberalismus
Nach diesem Vergleich zwischen Problemen der Heilswege des Körpers und der Seele, möchte ich noch einen Ausflug machen ins Terrain von Wirtschaft und Politik, auf dem eine Monokultur noch viel selbstherrlicher herrscht als in Medizin und Religion. Der Neoliberalismus oder Neokapitalismus beherrscht die heutige Welt fast unangefochten. Andere Formen, das menschliche Leben zu organisieren, werden nur so lange geduldet wie sie einigermaßen irrelevant sind. Sobald ein sozialistisches, geldreformerisches oder ökologisch nachhaltiges Projekt mal Chancen auf Massenwirkung hat, wird es unterdrückt oder behindert.
Das Gegenteil sollte der Fall sein: Solche Projekte sollten gefördert werden, denn die jetzige Wirtschaftsform kann sich nicht halten. Ein menschenwürdiges Leben auf der Erde kann es nur geben, wenn aus dieser Wirtschaftsform, deren Monopol heute noch verteidigt wird, Organisationsformen hervorgehen, die sie überleben. Der Neoliberalismus muss aus sich heraus ein System gebären, das lebensfähig ist, das heißt, das ökologisch und sozial nachhaltig ist und für die Menschen lebenswert. Und das ist es nur, wenn es die seelische Dimension des Menschen einbezieht. Dazu muss es die Vielfalt integrieren und nicht das alte Monopol durch ein neues ersetzen. Wir brauchen Alternativen zum Neoliberalismus, und wir brauchen sie jetzt.

Die Natur lebt in Zyklen
Diese Zeitschrift hat sich die Verteidigung der Vielfalt auf die Fahnen geschrieben und ein Plädoyer für hoffnungsvolle Alternativen. In den noch existierenden Monopolen in Medizin, Religion und Wirtschaft sehen wir Herrschaftssysteme, deren Öffnung überfällig ist. Sie werden Alternativen integrieren müssen, ja, zum Teil sogar fördern müssen, oder sie werden sterben. Vor dem Hintergrund eines Bewusstseins des Wandels kann diese Drohung des Untergangs Mut zum Aufbruch erzeugen: Werden und Vergehen, Wachsen und Schrumpfen, Tod und Neuananfang, die Natur lebt in Zyklen. Zu glauben, ohne Ende wachsen zu können, ist idiotisch. Und auch in der Wirtschaft gilt: Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, und die Blumen des Neuen können durchaus auf dem Morast oder Humus des Alten erblühen.
Wir wollen in dieser Zeitschrift von dem berichten, was es außerhalb der genannten Monopole sonst noch gibt: alternative Wege zu Gesundheit, Glück und Wohlstand. Es gibt eben mehr zwischen Himmel und Erde als die Schulmeinung zu wissen duldet.

Do you feel connected?
Es ist mir egal, ob einer sein Nirvana im Gebet findet oder seinen Gott beim Vipassana (der buddhistischen Einsichtsmeditation). Es ist mir auch egal, ob einer Atheist ist, Agnostiker oder Pantheist - alles eine Sache der Definition. Animismus, Astrologie, Seelenwanderung ... es kommt immer auf den Bezug zu sich selbst an, zu den anderen, zur Natur, und der kann ein religiöser sein oder ein areligiöser. Im areligiösen Fall hält sich der Mensch für isoliert, eigenständig, im religiösen sieht er sich als Teil des Ganzen, das ist der Unterschied. Do you feel connected? Fühlst du dich eingebunden, geborgen, aufgehoben im Universum? Bist du hier zuhause und ein bewusster Teil dieses oikos (griech. für Haus, Wohnung, hieraus -> Ökologie)? Dann bis du religiös, auch wenn du es vielleicht nicht so nennst.
Einstein wurde gefragt, warum er ein Hufeisen über seiner Tür hängen habe, heißt es, obwohl er doch nicht daran glaube. "Ja, das stimmt", sagte er, "aber ich habe gehört, es soll auch helfen, wenn man nicht daran glaubt".
Wenn Humor die Antwort ist oder es dem Geist gelingt, im Paradoxen zu Verweilen, dann erübrigt sich die Gretchenfrage nach der Religion. Dann darf man auch als Ungläubiger ein Hufeisen über der Tür haben.

Autor: Wolf Schneider, Jg. 52, Studium der Naturwissenschaften und Philosophie, ausgedehnte Reisen in Europa und Asien. Hrsg. von connection seit 1985.
Weblog: www.schreibkunst.com


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