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In Zeiten, da so viel von Ethik die Rede ist, braucht es eine Klärung, was das überhaupt ist, und was sie leisten kann. Seit der griechischen Antike versteht man unter Ethik die Lehre vom richtigen Handeln. Also vom Guten und Schlechten (oder vom Richtigen und Falschen) und von den Werten und Zielen des Menschen. Ein Fachgebiet der Philosophie, das im Gegensatz steht zur rein empirischen Wissenschaft, die Wertfreiheit beansprucht.
Wolf Schneider hat fast vierzig Jahre lang darüber nachgedacht, was Ethik soll und was sie kann – und kam zu ein paar verblüffenden Ergebnissen.
Als ich im Alter von 14 oder 15 selbständig zu denken begann, interessierte ein Thema mich bald mehr als alle anderen: Ethik. Meine Mitschüler begeisterten sich für Fußball, schnelle Maschinen oder drehten vor Mädchen groß auf – für mich war Ethik das heißeste aller Themen, aber auch das quälendste. Dabei war ich kein Büchermensch, im Gegenteil, ich hielt Lesen eher für schädlich und vermied es so gut ich konnte. Ich war auch nicht prüde oder lebensabgewandt und kein Gutmensch, nur schüchtern. Die Werte der Gesellschaft, in der ich mindestens 13 Jahre lang geschult werden sollte, erschienen mir in keiner Weise als logisch oder menschenfreundlich, offenbar taten sie nicht einmal ihren Erfindern Gutes. Das Gerede von Ethik, Moral, Werten und Zielen empfand ich als unendlich absurd. Damals entstand meine Überzeugung, dass Ethik der Bereich ist, in dem die Menschen die größten Dummheiten begehen. Gerade dort, in der Kunst des richtigen oder guten Verhaltens, wo das größte, menschenmögliche Glück seine Basis hat, werden die größten Dummheiten begangen. Aufgrund von ethischen Dummheiten schaden die Menschen sich selbst, einander, der Natur und vernichten ihre eigene Zukunft. Und nicht das Böse ist der wirkliche Feind des Guten, sondern die Dummheit, denn die Dummheit liegt an der Wurzel der Bosheit, Bosheit lässt sich auf Dummheit zurückführen.
Die zwei Unendlichkeiten Einstein soll gesagt haben, es gäbe zwei Unendlichkeiten im Universum: das Weltall und die menschliche Dummheit – und was das Weltall anbelangt, da sei er sich nicht so sicher. Das kann ich nach fast vierzig Jahren der Erforschung dieses Themas nur bestätigen, meine eigene Dummheit mit eingeschlossen. Warum nur ist die Beschäftigung mit Ethik trotz der in ihr liegenden gewaltigen Chancen so unpopulär? Ich vermute, einer der Gründe dafür ist, dass Ethik und Moral oft miteinander verwechselt werden. Die gängigen ethischen Regeln der Nationalstaaten, Religionen oder Familien sind allzu oft von Moralinsäure durchtränkt und scheinen Lebensfreude, Genuss, Erfüllung, Liebe und ein lebenswertes Leben eher zu behindern als zu fördern. Wie dumm! Und wie leicht wäre das zu ändern – jedenfalls in der Theorie. Das ist der Grund, warum Ethik mich schon damals so brennend interessierte, während meiner Schulzeit und mehr noch während meines folgenden Philosophiestudiums, und das ist bis heute so geblieben.
Liebe, Sex und Lust Was einem Kind oder Heranwachsenden vielleicht am meisten die Beschäftigung mit Ethik vergällt, ist ihre Beurteilung von sexuellem Verhalten und sexuellem Genuss. Ethik als Lehre vom richtigen oder guten Verhalten müsste dem Menschen doch Gutes tun (die anderen empfindenden Wesen lasse ich hier mal, um die Sache nicht zu verkomplizieren, außer Acht). Was aber ist gut? Wie auch immer die einzelnen Definitionen des Guten aussehen mögen, sexueller Genuss müsste dazu gehören. Sex und Liebe gehören zu den höchsten Genüssen und beide haben die Eigenschaft, gerade dann am höchsten zu sein, wenn alle daran Beteiligten Genuss oder Glück erleben. Das Erstreben von sexuellem Genuss oder Liebesglück, bei sich und anderen, sollte demnach gerade als unstrittiger Idealfall für ethisch gutes Verhalten gelten. Jedes ethische Regelsystem, in welcher kulturellen Umgebung auch immer, müsste gerade dies anpreisen und zu fördern suchen. Die meisten traditionellen Verhaltenslehren tun aber gerade das nicht, sondern sie warnen davor und viele verteufeln die körperliche Liebe sogar und manche auch die geistige. Wobei eine gesunde geistige Liebe in einer gesunden körperlichen Liebe den besten Nährboden hat. Nicht nur Wilhelm Reich hat diesen Zusammenhang erforscht und gut belegen können.
Der Sozialismus Als Schüler und Student der 60er und 70er Jahre in Deutschland begegnete ich neben dem traditionell sexualfeindlichen Christentum auch dem Sozialismus, der sich als Gegenentwurf zum herrschenden Kapitalismus verstand. Die Sozialisten schienen den Menschen Gutes tun zu wollen, indem sie Ungerechtigkeit beseitigen und den Massen der Armen und Ausgebeuteten zu Wohlstand und Glück verhelfen wollten: Ah, endlich eine vernünftige, humane Ethik! War aber nicht, denn die Theorie besagte: Der Sozialismus (bzw. Kommunismus) kommt unausweichlich, mit historischer Notwendigkeit, voraussagbar wie ein Naturgesetz. Ja, wenn diese gute, glückbringende Epoche so sicher kommt wie nach dem Winter der Frühling, wozu brauchen wir dann noch eine Ethik? Dann ist es doch egal, wie wir uns jetzt verhalten, gut oder schlecht, das Zeitalter des Glücks kommt sowieso. Das ganze 19. Jahrhundert war fasziniert von den Erfolgen der Naturwissenschaft. Philosphie und Politik sind in 2.500 Jahren kaum voran gekommen, die Wissenschaft aber hat Fortschritte erzielt. Wie ist ihr das gelungen? Sie hat eine Methode, in der nicht bloß Meinung gegen Meinung steht, und der Mächtigere oder vom Zeitgeist »Angesagtere« redet seinen Gegner klein, sondern man macht dort Voraussagen oder Experimente und lässt dann die Tatsachen für sich sprechen. So glaubten auch die Geistes- und Sozialwissenschaften, nicht minder bemüht um weltanschauliche Neutralität und Wertfreiheit, »Voraussagen« machen zu können und wischten damit teilweise die ganze Ethik hinweg. Am krassesten taten dies wohl die Jünger von Marx und Lenin. Was schließlich zu so brutalen vermeintlichen Vollstreckern geschichtlicher Notwendigkeiten führte wie Stalin, Mao und Pol Pot, die anscheinend bar jeder humanen Ethik handelten. Das Erstreben von menschlichem Glück oder das Vermeiden von Schmerz und Unglück schien ihnen jedenfalls kaum etwas zu bedeuten.
Erst die Christen, die sagen, ihre Religion sei eine Religion der Liebe – und dann stellt sich heraus, dass sexueller Genuss für sie etwas Teuflisches ist. Dann die Sozialisten, die mit ihrem riesengroßen Herz auch für die Armen und Benachteiligten doch alles besser machen wollten, dabei aber jeglicher Ethik absagten, mit so bizarren Folgen wie in Kambodscha, Nordkorea oder Albanien. Was ist da nur los? Einerseits flogen die Menschen mit einer Raumkapsel zum Mond, mit einer so ausgefuchsten Technik und Logik, die man nur bewundern kann. Andererseits erwiesen sie sich im ethischen Bereich als so unendlich dumm und primitiv, dass ich als Jugendlicher nicht mehr wusste wo mir der Kopf stand, und ich vermute, es ging und geht Millionen anderen ebenso.
Der Buddhismus Auf der Suche nach einer Philosophie, die mir helfen sollte, solche Fragen zu beantworteten, begegnete ich, nach einigen Jahren der vorsichtigen Annäherung, 1976 dem Buddhismus. Mit seiner Devise »Schau selbst!« und Mönchsregeln, die nicht ein Katechismus des Gutmenschentums sein wollten, sondern Trainingsanweisungen, um eigene Erfahrungen zu machen, trat ich in Thailand 1976 in ein buddhistisches Kloster ein. Der Buddhismus hat eine einfache, viel leichter nachvollziehbare Ethik als die westlichen Religionen (Judentum, Christentum und Islam), fand ich. Außer ... das mit dem Leiden: »Alles Leben ist Leiden«, heißt es dort, und nur die Erleuchtung befreie einen daraus. Solange man noch wünscht und begehrt, leidet man. Ich ahnte, dass da was dran war, so richtig überzeugen aber konnte mich das noch nicht. Was ist mit der Lust und der Freude, meiner eigenen und der über das Glück der anderen? Immerhin begrüsst der Buddhismus die Mitfreude und hat sogar ein eigenes Wort dafür: Mudita – während die Christen sich vor allem im Mitleid suhlen; sie haben sich ja auch einen Gemarterten als Symbol ausgesucht. Der Mahayana Buddhismus löst das Problem, dass es Gutes und Schlechtes gibt und irgendwie doch alles nichts ist, durch die Unterscheidung zwischen dem Relativen und dem Absoluten. Trotzdem bleibt die Ethik auch im Buddhismus eine, die zwar Tugenden wie Weisheit, Güte und Friedfertigkeit feiert, aber nicht abstrakt genug ist, etwa politische Programme beurteilen zu können.
Gesucht: eine Methode der Beurteilung Hätte Präsident Truman über Hiroshima eine Atombombe abwerfen dürfen? Wie sollte ein Weltgemeinschaft mit einem unnachgiebigen Saddam Hussein umgehen? Wie sieht eine »gute« UNO aus? Ist die neoliberale Weltwirtschaftsordnung ein »gutes« System? Gar nicht so leicht zu beurteilen. Wenn wir wenigstens eine brauchbare Ethik an der Hand hätten, die Methoden liefert, solche schwierigen Fragen zu beantworten, dann wären wir schon ein Stück weiter. Ich will im Folgenden den Vorschlag einer solchen Methode machen, die prinzipiell auf jede Entscheidungssituation anwendbar ist, auch wenn sie dabei oft (und genau genommen immer) auf praktische Schwierigkeiten trifft. Aber auch die Naturwissenschaften haben ja eine Menge praktischer Probleme, während die Grundlagen doch klar sind und sehr weitgehend Konsens erzielen: Es werden Thesen aufgestellt, die an der Wirklichkeit überprüft werden. Widersprechen die Tatsachen dann der These, wird diese verworfen. Experimente sind Prüfungen solcher Thesen, sie müssen wiederholbar sein. Die Mathematik ist dabei das Hilfsmittel; sie prüft die Kompatibilität von Thesen untereinander; mit der Wirklichkeit hat sie insofern nichts zu tun, als sie auf alle Arten von Wirklichkeiten anwendbar ist.
Ethik und Politik haben Werte und Ziele Wenn ich eine Methode hätte, mit der ich in einer Entscheidungssituation zwischen A und B die richtige, »gute« Entscheidung treffen könnte, dann wäre sich schon ein Stück weiter. Das würde eine Hilfe bei (meinen) privaten ethischen Entscheidungen ebenso wie bei wirtschaftlichen und politschen Entscheidungen und bei der Beurteilung der entsprechenden Programme umfassen – das ist schonmal eine ganze Menge. Ethik, Wirtschaft und Politik ordne ich hier zusammen in ein einziges Wissens- und Forschungsgebiet. Von den Naturwissenschaften ist dieses Wissensgebiet insofern prinzipiell verschieden, als die Naturwissenschaften (jedenfalls vom Anspruch her) nur beobachten und Tatsachen feststellen; sie setzen keine Ziele und bewerten nicht. Genau das tun wir aber im privaten und politischen Leben ständig, wir bewerten und setzen Ziele, und das ist auch gut so.
Mystik und Wissenschaft: die Wertfreien Die Naturwissenschaften sind so stolz darauf »wertfrei« zu sein und schlicht zu beobachten, was ist. Genau das beanspruchen auch die Mystik und mit ihr große Teile der Neuen Religiösen Bewegungen: »Wir sind tolerant, wir werten nicht, wir sehen nur was ist; es ist, wie es ist; lerne, das zu akzeptieren, dann bist du weise.« Deshalb ordne ich hier Mystik und Wissenschaft zusammen ins Fach der »Wertfreien«. Mystiker und Wissenschaftler wollen nur feststellen, was ist. Ziele setzen und bewerten, das wollen sie nicht, das überlassen sie der Politik und der privaten ethischen Entscheidung. An einem wichtigen Punkt aber unterscheiden sich Mystik und Wissenschaft (die strenge, klassische Naturwissenschaft jedenfalls): Die Wissenschaft ist nur dann imstande, ein Wissensgebiet widerspruchsfrei zu beschreiben, wenn Objektbereich und Subjektbereich sich nicht überschneiden. Mengentheoretisch gesprochen: Der Bereich, der abgebildet wird, darf mit dem, auf den abgebildet wird, keine Schnittmenge haben. Andernfalls gibt es unüberwindliche Widersprüche, die sogenannten logischen Antinomien (siehe Cantor, Frege, Bertrand Russels Typentheorie und die Folgen). Der Barbier im Dorf, der alle Männer (und nur die) rasiert, die sich nicht selbst rasieren, das ist eine solche logische Antinomie. Es kann ihn nicht geben, diesen Barbier, denn wenn er sich selbst rasieren würde, dann würde er ja zu den gehören, die sich selbst rasieren; er rasiert aber nur die, die sich nicht selbst rasieren. Rasiert er sich aber nicht, lässt er einen aus dem Dorf aus (nämlich sich selbst), von denen, die sich nicht rasieren, erfüllt die Prämisse also ebenfalls nicht. So geht es mit allem, wo ein Selbstbezug vorliegt: Es gibt Widersprüche. Und wo es Widersprüche gibt, da ist die Wissenschaft am Ende, weil man eine Behauptung beweisen kann und zugleich ihr Gegenteil.
Selbsterkenntnis Damit fällt der gesamte Bereich der menschlichen Selbsterkenntnis aus der Wissenschaft raus, denn hier sind der Beobachter und das Beobachtete dasselbe. Die Selbstbeobachtung führt in die Mystik, die Fremdbeobachtung ist Sache der Wissenschaft. Beides zusammen aber fällt in den kognitiven Bereich: Hier geht es um Erkenntnis, um das Abbilden und Verstehen der Wirklichkeit, während es in Ethik, Politik und Wirtschaft um das richtige Handeln geht. Das »Ich« ist für die Trennung zwischen Wissenschaft und Mystik das zentrale Unterscheidungskriterium. Es ist der Punkt der Rückkoppelung und der, an dem Darstellung und Dargestelltes sich überschneiden. Es ist München, wenn ein Münchner sagt, dass alle Münchner lügen (was, so wie im Beispiel des Barbiers, zugleich wahr und falsch ist), denn hätte ein Augsburger das gesagt, wäre diese Aussage nicht widersprüchlich, also eine akzeptable wissenschaftliche These. Dies ist übrigens auch der Kerngedanke des Buddhismus: Es gibt kein Ich, kein Nicht-Zusammengesetzes. Die Rückkopplung führt ins Unendliche und nicht mehr Darstellbare, ins Nirvana.
Das Paradoxon der Willensfreiheit Wie frei sind wir in unseren Entscheidungen? Die Werbepsychologie hält ungefähr so viel von unserer Entscheidungsfreiheit wie die Verhaltensbiologie von der Freiheit der Mäuse oder Ratten im Testlabor, die angebotenen Köder anzunehmen oder abzulehnen. Ein Blick von außen auf eine Situation erlaubt gewisse Voraussagen, je genauer man eine Situation kennt, umso genauere. Die Deterministen unter den Naturwissenschaftlern sagen: Bei idealer Kenntnis einer Situation lässt sich immer eine exakte Voraussage machen. Wie kann dann ein Teilnehmer einer solchen Situation frei sein? Wenn ein Jagdhund vor sich einen Hasen sieht, wird er ihm nachjagen, so sind Jagdhunde eben. Wenn ich an einer Weggabelung stehe und mich zu entscheiden habe, ob ich den rechten oder den linken Weg gehe (das kann man auch als Metapher für Lebensentscheidungen nehmen), dann habe ich tatsächlich diese Option. Man könnte das Freiheit nennen. Jedenfalls unterscheidet sich diese Option von der Situation auf einem Weg zu sein, der überhaupt keine Gabelungen hat (so wie wenn ich an der Autobahn, die richtige Ausfahrt verpasst habe), und die man entsprechend Unfreiheit nennen könnte. Ein Beobachter, der mich besser kennt als ich mich selbst, kann vielleicht voraussagen, welchen Weg ich gehen werde und deshalb glauben, ich hätte keine »Willensfreiheit«, mein Verhalten sei doch voraussehbar. Kann sein, dass es voraussehbar ist, aber das negiert die Tatsache nicht, dass ich mich hier entscheiden kann und sogar muss. Nur Wesen, die Entscheidungen zu treffen haben, sind mit Empfindungen wie Lust oder Schmerz ausgestattet – deren biologischer Sinn ist es ja, die Entscheidungen zu steuern. Auch hier liegt eine »Rückkoppelung« vor, eine Überschneidung von Subjekt- und Objektbereich – das war ja eben das Unterscheidungskriterium zwischen Mystik und Wissenschaft. Die Prognose, was geschehen wird, wenn ich den linken Weg wähle, ist keine Voraussage, wie in der objektiven Wissenschaft, sondern wird zum Subjekt rückgekoppelt, zu mir, und beeinflusst oder bestimmt meine Entscheidung.
Subjektiv sind wir frei zu entscheiden Wer sich mit der Verhaltensforschung oder Ethologie beschäftigt hat, einem Zweig der Biologie, weiß, dass sich das Verhalten der Menschen von dem der Tiere nicht prinzipiell unterscheidet. Das menschliche Verhalten ist komplexer als das der Tiere, vor allem, was die Verwendung von Werkzeugen, Sprache und Vorausschau anbelangt, aber alles das ist bei Tieren auch schon vorhanden. Die Motive unseres Handelns sind ebenso wie das der Tiere evolutionsbiologisch entstanden: Nahrungserwerb, Abwehr von Feinden, Fortpflanzung, solche und ähnliche Motive bestimmen unser Verhalten. Haben wir die Freiheit, eine vor uns liegende Nahrung oder Gelegenheit zur Fortpflanzung nicht zu nutzen oder einen Feind nicht abzuwehren, der uns vernichten will? Die subjektiv empfundene Freiheit ist die Freiheit zwischen Verhaltensoptionen zu wählen. Welche Option gewählt wird, kann das Subjekt nicht voraussagen, weil es ja rückkoppelt. Oft aber kann man auch von außen nicht voraussagen, wie ein Subjekt sich verhält, das ist das Spannende an biologischen Vorgängen, wie etwa die Chaostheorie sie zu beschreiben versucht. Sie beschreibt selbstreferentielle Vorgänge, das sind Vorgänge mit Rückkoppelung. Die ganze Evolution ist voller solcher Vorgänge, auch jede Anpassung eines Organismus an seine Umwelt ist ein solcher. Ebenso in der Wirtschaft: Wenn die Besitzenden mitkriegen, dass die Klasse der Besitzlosen sich organisiert, um sie zu stürzen, dann werden sie dem nicht tatenlos zusehen – auch das ist ein Rückkoppelungsvorgang, und einer der die sozalistischen Prognosen von wegen »der Kommunismus kommt wie ein Naturgesetz« durch Tatsachen widerlegt. »Gibt es Entscheidungsfreiheit?« als objektive Frage ist so absurd wie die, ob es nachts kälter ist als draußen. Wenn man Worte so verwendet, dann ergeben sie keinen Sinn. Für das (rückkoppelnde) Subjekt gibt es die Freiheit, für den Beobachter von außen nur sein Unwissen über das Subjekt oder die Fähigkeit (wie etwa bei den Mäusen im Labor oder in der Werbepsychologie) eine Voraussage über die Entscheidung des beobachteten Subjekts zu treffen.
»Gut gegen Böse« – der Stoff für Dramen Menschen tun das, von dem sie meinen, dass es am besten für sie ist und für die Wesen (v.a. Mitmenschen), deren Ziele sie sonst noch verfolgen. Ihre Motive und Ziele sind biologisch und kulturell bestimmt. Die Frage nach Gut und Böse ist eine darüber gelegte kulturelle Konstruktion. Wenn ein Mensch meint, ein Mord täte ihm oder seiner Familie oder seinem Stamm oder seiner Nation gut, und er ist imstande ihn durchzuführen, dann mordet er. Ob das böse ist oder eine Heldentat bestimmt die darüber berichtende Kultur. Die innere oder äußere Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse, wie sie Thema der Dramen der Menschheit ist, bis hinein in die heutigen Seifenopern, ist nicht so prinzipiell wie sie scheint. Beide Verhaltensweisen, die gute wie die böse, lassen sich auf einen individuellen oder biologischen Nutzen zurückführen. Manchmal ist der friedliche Weg der nützlichere, manchmal der aggressive.
Altruismus und Egoismus Für den denkenden Menschen ist der Unterschied zwischen Altruismus (etwas tun, das für andere gut ist) und Egoismus (etwas tun, das vor allem für mich gut ist), diesen beiden großen Kontrahenten in der Ethik, auch nur ein oberflächlicher, denn »ich und und die anderen«, das hängt eng zusammen. Wenn ich (altruistisch) für andere etwas Gutes tue, habe ich im typischen Falle selbst davon den größten Nutzen, in Form von Anerkennung, Freundschaft, Dankbarkeit, erwiderter Hilfe oder einfach der Mitfreude am Glück der anderen. Wenn ich andererseits (egoistisch) für mich etwas Gutes tue, zum Beispiel, indem ich bei meinen Geschäften einen Gewinn erstrebe, dann kann ich mich unter Umständen gerade dadurch für die Gemeinschaft als am nützlichsten erweisen, auf dieser These basiert ja die Marktwirtschaft (auch wenn das leider nicht immer so funktioniert).
Himmel und Hölle Was nun ist eine intelligente Ethik, jenseits der Pseudokontroverse zwischen Altruismus und Egoismus und den Dramen von Gut und Böse? Eine intelligente Ethik ist eine, die die ganz normalen Impulse, Bedürfnisse, Wünsche und Motive von uns tierisch-menschlichen Wesen als zu befriedigende Bedürfnisse oder zu erreichende Ziele ernst nimmt und als Werte vertritt und die dabei davon ausgeht, dass Menschen sich gegenseitig unterstützen können, diese Ziele zu erreichen, wie etwa die folgende alte Geschichte zeigt: Ein Mensch wurde nach seinem Tod in verschiedene Zwischenreiche geführt. Im ersten saßen hungrige Gäste mit grimmigen Gesichtern an einer langen, reich gedeckten Tafel, von der aber keiner essen konnte, weil niemand imstande war, die Arme abzuwinkeln, um die begehrten Speisen zum Mund zu führen – die Hölle. Im zweiten Raum, gleich daneben, saßen dieselben Gäste an derselben Tafel, fröhlich lachend, mit glücklichen Gesichtern. Sie hatten entdeckt, dass sie sich gegenseitig füttern konnten – der Himmel.
Die allgemeine Methode Und was ist eine Methode, mit der man etwa zwei politische Programme (oder auch unternehmerische Optionen) danach beurteilen kann, welche/s von beiden das oder die bessere ist? Finde heraus, welche der beiden Optionen das größere Glück bewirkt bei den davon Betroffenen. Wobei hier jede Art von positivem Gefühl oder Empfinden als »Glück« zählen soll und aufgewogen wird nur durch ein entsprechendes Leid oder Unglück, das eine wird addiert, das andere subtrahiert, und für die Entscheidung wird die Summe gebildet. (Wers noch genauer mathematisch dargestellt haben will, kann dafür die Integralrechnung als Vorbild nehmen, mit der Zeit als Koordinate, dem Ausmaß des Glücks oder Unglücks als Amplitude). Dabei sollen alle Menschen mitzählen und der gesamte überschaubare oder von der Aktion berührte Zeitraum. Eine Stunde Glück eines Reichen und Mächtigen zählt dabei nicht mehr als die eines Armen, Ungebildeten, der gar nicht die Fähigkeit hat, seinen Wünschen Gehör zu verschaffen oder gar für seine Ziele zu kämpfen. Und da in der globalisierten Welt von heute kein Land mehr isoliert ist, muss die Wirkung eines politischen Programms genau genommen auf die ganze Weltbevölkerung berücksichtigt werden und so weit in die Zukunft wie eben voraussehbar. In der Entscheidungs»praxis« zählt natürlich noch vieles andere auch: das Tempo, in dem entschieden werden kann; die Vernachlässigbarkeit sehr vieler der Wirkungen; die Einfachheit oder Schwierigkeit der Informationsgewinnung; die Vergleichbarkeit von Glück und Unglück, großem und kleinem Glück, dem Nutzen des einen und dem Schaden des anderen; und vieles andere mehr.
Die verflixten Einzelfälle Würde ich für ein großes, aber kurzes Glück ein langes, aber kleines Unglück in Kauf nehmen? Was, wenn ich einen Menschen mit einer Maßnahme sehr glücklich machen kann, dafür zwei oder fünf Menschen ein bisschen unglücklich? Was, wenn ein erwartetes Glück nicht sicher ist, das Leid (der Aufwand), mit dem es erzielt wird, hingegen sicher? Wie vergleicht sich ein geistiges Glück (Freude) mit einem körperlichen (Lust)? Wie ist Gerechtigkeit zu bewerten – ist es gleich gut, zwei Menschen ein bisschen glücklich zu machen verglichen mit der Option einen sehr glücklich zu machen und den anderen gar nicht? Im Einzelfall und in der Praxis sind diese Fragen fast immer ziemlich schwierig zu beantworten und fast nur intuitiv – für den Intellekt sind sie meistens zu komplex. Die eben skizzierte »Glücksethik« aber stellt eine Methode zur Verfügung, mit der diese Fragen einem zumindest schon mal in der Theorie klar werden, und das ist auf einem so komplexen und in vieler Hinsicht so verflixten Gebiet wie der Ethik schon einiges wert. Jedenfalls braucht eine solche Ethik keinen moralischen Zeigefinger, sondern nur den Appell an die Intelligenz. Der Vorteil für den einzelnen, an den apelliert wird, darf gerne im Vordergrund stehen und – intelligent verstanden – sogar das höchste Ziel sein. Es geht für den Ethiker oder Politiker oder Unternehmer oder (sonstigen) Prediger eines »guten Projektes« darum, die Zusammenhänge zu erklären. Das verlangt von dem jeweiligen Verkünder des Guten eine gewisse kommunikative Leistung, es braucht dabei aber keine Drohung mit der Hölle und keinen Aufruf zu einem »Kampf gegen das Böse«, wie die heutige Poltik ihn etwa im Antiterrorismus führt, der vor allem das Gegenteil von dem fördert, was er beansprucht.
Der Sinn von ethischen Grundregeln Warum singe ich hier nicht eine Hymne auf die gemeinsamen ethischen Regeln aller Kulturen, wie etwa Küngs Projekt Welt-Ethos sie propagiert? Du sollst nicht töten, nicht lügen, nicht fremden Besitz dir aneignen, das sind doch transkulturelle Regeln, die fast alle ethischen Systeme der Welt sie enthalten! Weil die oben beschriebene, die Glückssumme maximierende Methode, überall und immer anwendbar ist – immerhin in der Theorie. Für die tägliche Praxis allerdings brauchen wir solche Regeln wie etwa: »Töte nicht!« Im Falle des Tyrannenmords hingegen (z.B. Stauffenberg am 20. Juli 1944) ist sie nicht mehr anwendbar, sondern braucht eine größere, umfassendere Maxime. Ebenso gibt es Fälle, in denen es gut ist, zu lügen. Und wenn es etwa darum geht, wie eine ethische Maxime, etwa die Forderung nach Gerechtigkeit oder Treue oder Aufrichtigkeit »gewichtet« wird im Vergleich zu anderen Maximen, dann brauchen wir eine Methode für eine solche »metaethische« Beurteilung; auch darauf ist die Methode der Maximierung der Glückssumme anwendbar.
Einer für alle - der Parameter In dem Spielfilm »Schindlers Liste« von Steven Spielberg wird die historische Figur des deutschen Unternehmers Schindler gezeigt, der gegen Ende des zweiten Weltkriegs mit seiner Munitionsfabrik durch einen geschickten Umgang mit den Behörden 1100 Juden vor Auschwitz rettete. Eine Szene im Film zeigt, wie er sich Vorwürfe macht, dass er nicht mehr retten konnte als diese 1100. Sein Buchhalter Isaac Stern versuchte ihn zu trösten indem er sagte: Wer ein Leben rettet, der rettet die ganze Welt! Eine Frage, der wir täglich begegnen, auch wenn wir gerade nicht einen Unschuldigen vor der Ermordung retten können, sondern wenn es zum Beispiel darum geht, meinem Kind eine wärmere Winterjacke zu kaufen, anstatt das Geld für Afrika zu spenden, wo wir doch damit vielleicht zwanzig Kinder vor dem Hungertod retten oder einem eine Schulbildung verschaffen könnten – es ist die Frage nach dem Parameter, dem Stellvertreter. Wenn ich schreibe E=mc2, dann gilt das für alle Arten der Energieumwandlung. Wenn ich einem Menschen meine Liebe gebe, habe ich sie dann allen gegeben? Schwer zu beurteilen, finde ich. Ungefähr so schwer wie die Balance zwischen Kopf und Herz zu finden. Das Herz sagt: Der Mensch dir gegenüber ist der wichtigste und der einzige! Der Kopf sagt: Du vernachlässigst all die anderen da draußen in der Welt. Aber es geht doch beides. Man kann einen Kreis von Bevorzugten um sich haben, Familie, Freunde, Verwandte – sowas braucht der Mensch, auch »der Gute« – und trotzdem etwas tun für die Welt.
Die Balance zwischen Ethik und Mystik In der spirituellen Szene ist das Nicht-Werten hoch angesehen. Dabei wird oft übersehen, dass eben das eine starke Bewertung ist (nicht zu bewerten ist gut; wer bewertet ist schlecht), und dass ein Leben ohne Bewertungen schlicht unmöglich ist und auch keinesfalls wünschenswert. Wer immer nur bewertet und ohne die Brille seiner Bewertungen nichts mehr sehen kann, der allerdings ist zu bedauern, insofern hat diese Szenebinse auch eine gewisse Berechtigung, oder wenigstens einen verständlichen Ursprung. Die wirkliche Kunst aber liegt nicht darin, entweder etwas wertfrei betrachten zu können oder, wo nötig, gute, sachgerechte Bewertungen abzugeben, sondern ein Gespür dafür zu gewinnen, wann das eine und wann das andere angebracht ist. Wie es folgendes Gebet so wunderschön ausspricht: »Gib mir die Geduld, das hinzunehmen, was ich nicht ändern kann, den Mut, das zu ändern, was ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!« Vor allem an dieser Weisheit mangelt es oft, und dabei kommt es doch gerade darauf an. So vieles könnten wir ändern, wenn wir nur den Mut dazu hätten und das Vertrauen, dass wir es können! So vieles müssen wir – oder »dürfen« wir – hinnehmen, und es ist nicht nur Geduld, die uns dazu befähigt, sondern Liebe. Eine Liebe die nicht definiert oder kritisiert, sondern sagt »Es ist, wie es ist«, und so wie es ist, ist es gut.
»Gutachter« und Liebender Gut urteilen zu können ist eine wichtige menschliche Fähigkeit. Ein »Gutachter« sein können, so heißt das in technischen und anderen professionellen Bereichen, was für ein schönes Wort! Auch in privaten und politischen Entscheidungen ist diese Fähigkeit wichtig. Wer allerdings nur das kann, ist im praktischen Leben hilflos und wahrscheinlich liebes- und beziehungsunfähig, von dem hohen Anspruch einer spirituellen Intelligenz mal abgesehen, denn alles das braucht die Fähigkeit, wertfrei wahrnehmen zu können: etwas sehen können »wie es ist«, bevor man es beurteilt und nachdem man es beurteilt hat. Das ist die Fähigkeit in der ewigen Gegenwart zu verweilen, im Hier&Jetzt. Die Fähigkeit »wahr«zunehmen, vorurteilslos wahrzunehmen.
Diesseits und Jenseits Wer das kann, ist religiös und kann lieben. Die Fähigkeit, bewerten und beurteilen zu können, dürfen wir dabei aber nicht verlieren. Deshalb besteht zum Beispiel der Buddhismus darauf, ethische Regeln einzuhalten und beansprucht diese Konformität auch von denen, deren Weisheit sie längst in den Bereich »jenseits von Gut und Böse« geführt hat. Man hat diesen Bereich ja nicht ein für alle mal erreicht, sondern eher: Er ist schon da, war schon immer da und will immer beachtet bleiben. Ebenso das Diesseits: der Bereich von Ursache und Wirkung, von Schuld und Karma, Zeit, Geld und Macht. Wir können ihm nicht entkommen, wie spirituell auch immer wir uns gebärden. So wie im Symbol des Kreuzes zwei Linien sich begegnen, so braucht ein Mensch beides: das Mystische, Liebende »Es ist, wie es ist« (die Vertikale) ebenso wie die ethische Urteilsfähigkeit (die Horizontale).
Einfache Antworten auf große Fragen Beim nochmaligen Überprüfen dieses Textes vor der Veröffentlichung denke ich: Ganz schön anspruchsvoll, dieser Kerl, oho! Da will er auf diesen paar Seiten ein paar der großen alten Fragen der Menschheit gelöst haben; macht er sich das nicht ein bisschen zu leicht? Kann schon sein – kaum denkt man mal ein paar Jahrzehnte gründlich über ein Thema nach, schon hat man Ergebnisse ... Ich bleibe dabei aber in prüfendem Zweifel und meine, dass hier eher nur ein Forschungsgebiet angerissen wurde, die Ergebnisse finde ich noch ziemlich dürftig. Aber irgendwer, irgendwann muss ja mal damit anfangen, und vielleicht am besten mit ein paar Thesen. E=mc2, ist das nicht ein bisschen zu einfach? Ich denke, mit der Energie und der Masse ist es wirklich so einfach. Und in der Ethik? Wer weiß. Aber ich ahne, dass auch hier die großen Antworten auf die alten Fragen ziemlich einfach sind, wenn sie denn mal raus sind.
Wissen, was ist – und dann das Richtige tun Hier nochmal die Kerngedanken: Ethik, Politik und Wirtschaft gehören zusammen in ein Wissens- und Forschungsgebiet. In diesem geht es um Werte und Ziele und das gute bzw. richtige Handeln. Die Kernfrage ist: Wie kann man die Glückssumme maximieren – für mich als eingebundenes Wesen, d.h. für alle. Diese Frage ist keine moralische oder religiöse. Theoretisch ist sie mit klarem Denken lösbar, und praktisch mit Intuition und Weisheit. Die andere Seite ist die kognitive, dort geht es darum, was ist (Wittgenstein: »Die Welt ist alles, was der Fall ist«). Hier stehen Wissenschaft und Mystik nebeneinander. Voraussetzung für die Wissenschaft ist ein abgetrennter Objektbereich. Wenn der nicht gegeben ist, wird es widersprüchlich, paradox, und »im Ganzen gesehen« mystisch. Und die Religion, wo hat die ihren Platz? Sie lässt sich im Kern auf Mystik reduzieren; der Rest ist soziales Handeln, das gut daran tut, sich von einer aufgeklärten Ethik leiten zu lassen.
von Wolf Schneider
Literatur Zum Thema Ethik und Mystik s.a. das Blog www.schreibkunst.com, dort die Einträge vom 17. April 05, vom 1. u. 8. Juni 05, und viele andere Betrand Russel, Philosophie des Abendlandes (ein Klassiker), Piper Verlag Wolf Schneider, Auf der Suche nach dem Wesentlichen (über Mystik), Königsfurt 2003 Niklaus Brantschen, Vom Vorteil, gut zu sein – mehr Tugend, weniger Moral, Kösel 2005
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