Lieben heißt einverstanden sein

Inge Hasswani

Freifließende Liebe, das Akzeptieren der Menschen und Dinge, wie sie sind, lässt ein Wohlgefühl in uns entstehen und aktiviert unser Potential zu großen Taten. Wer glücklich ist, handelt liebevoll, und wer liebevoll handelt, ist glücklich. Inge Hasswani über den von Barry Neil Kaufman entwickelten Optionsprozess, der schon vielen Menschen zu ihrem Glück verholfen hat ... Das Leitprinzip dieses Prozesses: 'Lieben heißt glücklich sein damit, wie etwas oder jemand ist.'

Unglückliche Überzeugungen auflösen – keine Urteile, keine Bedingungen, keine Erwartungen Kaum ist Günter zu Hause, wirft das Chaos, das er in Diele und Wohnzimmer vorfindet, einen düsteren Schatten auf seine freudige Feierabendstimmung: Dass Sabine einfach nicht für Ordnung in der Wohnung sorgt – nein, überhaupt sollte sie mehr im Haushalt tun. Schon machen sich unglückliche Gefühle in Günter breit: Wenn sie mich lieben würde, würde sie für ein aufgeräumtes Heim sorgen, in dem ich mich wohl fühle. Günter ist mit seiner Unzufriedenheit und seinem Ärger so beschäftigt, dass er nicht einmal zu einem freundlichen Gruß in der Lage ist, als Sabine mit den zwei Kindern vom Schuhekaufen zurückkommt.

Szenenwechsel: Es ist Dienstagabend, Dieter nimmt seine Jacke, ruft zwischen Tür und Angel seiner Frau einen fröhlichen "Tschüß" zu und geht: zum Kartenspielen bei Arno. Corinna beschleicht wie jeden Dienstag das ungute Gefühl, nicht gut genug, nicht interessant genug für ihren Ehemann zu sein. Warum würde er denn sonst mit beharrlicher Regelmäßigkeit bei seinen Freunden abtauchen? "Vielleicht stimmt etwas mit mir nicht. Ich müsste mich mehr anstrengen und es schaffen, dass er mich mehr liebt."

Beide – Günter wie Corinna – sind in einem heillosen Netz von selbstzerstörerischen Erwartungen, Glaubenssätzen und Urteilen gefangen, die sie nicht nur zutiefst unglücklich machen, sondern auch die Fundamente ihrer Liebesbeziehungen aushöhlen. Dabei wollen sie beide nur glücklich sein. JEDER MENSCH WILL NUR GLÜCKLICH SEIN. In einem Zustand des Unglücklichseins (dafür können wir auch Wut, Verzweiflung, Furcht oder Traurigkeit sagen) ist es aber nicht möglich, liebevoll mit anderen umzugehen, ihnen offen und freundlich zu begegnen und wirklich das Beste für sie zu wollen.

Umgekehrt lässt die freifließende Liebe, das Akzeptieren der Menschen und Dinge wie sie sind, ein hochgestimmtes Wohlgefühl – Glück – in uns entstehen und aktiviert unser Potential zu großen Taten. Liebe hängt eng mit Glück zusammen: Wer glücklich ist, handelt liebevoll, und wer liebevoll handelt, ist glücklich. Liebe ist, so gesehen, ein Synonym für Glück.

Die Dynamik durchschauen Unter Unglücklichsein verstehen wir jede Art von Gefühlen oder Gedanken, die unbehaglich sind. "Unglücklichsein entsteht, wenn ich mich selbst oder irgendwelche Geschehnisse für negativ und störend halte", sagt Barry Neil Kaufman, der schon Tausenden von Menschen in den USA mit dem von ihm entwickelten Optionsprozess® zu ihrem Glück verholfen hat. "Lieben heißt glücklich sein damit, wie etwas/jemand ist", so das Leitprinzip des Prozesses, oder kurz: "Lieben heißt einverstanden sein". Dafür ist es notwendig, sich selbst zu erforschen und zu fragen, warum man bestimmte Dinge "schlecht" oder "nicht okay" findet.

Der Optionsprozess von Kaufman ist ein verblüffend einfaches und direktes System von Fragen, um die den unglücklichen Gefühlen zugrundeliegenden Überzeugungen und Urteile unter die Lupe zu nehmen, zu hinterfragen und zu ändern (oder auch gegebenenfalls beizubehalten). "Was ich fühle und wie ich handle, hängt von meinen Überzeugungen ab, die ich entweder frei gewählt habe oder die mir beigebracht worden sind", schreibt Kaufman in seinem ersten Buch zum Optionsprozess "Lieben heißt einverstanden sein" (J. Kamphausen Verlag). Die Überzeugungen, die entscheiden, ob ich glücklich bin, enthalten ein Urteil über gut oder schlecht: Ist eine Sache gut für mich? Ist sie das, was ich mir wünsche? Oder ist sie schlecht für mich? Die sich als Antwort auf diese Fragen ergebenden Urteile formen meine Wünsche und Gefühle und bestimmen mein Verhalten.

Den Käfig von Überzeugungen zerbrechen Was sind das für Glaubenssysteme? "Ich mache andere unglücklich – Irgendwas an mir muss falsch sein – Ich kann mich nicht ändern, so bin ich nun mal – Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden." Oder eine andere Verkettung von Unglücks-Überzeugungen: "Das Leben ist kein Zuckerschlecken – Man soll das Leben nicht durch eine rosarote Brille betrachten – Wenn ich andauernd glücklich wäre, dann wäre ich ein Idiot (oder: dann wäre alles langweilig)." Oder: "Traurigkeit ist ein Zeichen von Sensibilität und Intelligenz – Wenn ich nicht weinen würde, dann würde das bedeuten, dass es mir nichts ausmacht – Wenn ich nicht wütend würde, dann wäre ich das Opfer."

Glauben Sie, dass es langweilig wäre, total glücklich zu sein? Jede Überzeugung beruht auf einem in sich logischen Glaubenssystem, das aber seinerseits auf einem einzigen völlig unhaltbaren Glaubenssatz, wie z.B. "Geld ist schlecht", basieren kann. Das Ausmaß, in dem unglückliche Überzeugungen unsere Gefühle und Aktionen vorgeben und für Verwirrung und widersprüchliches, kontraproduktives Verhalten sorgen, ist den meisten von uns unbewusst. Ebenso unbewusst ist, dass wir die Freiheit haben, unseren Glaubenssystemen entgegenzutreten und sie aufzulösen.

Durch ein systematisches Angehen unserer Urteile und der daraus entstehenden Erwartungen an unsere Umwelt wird uns klar, dass wir die Freiheit und die Wahl haben, uns für oder gegen unsere Überzeugungen (sowie die anderer Menschen) zu entscheiden, sie weiterhin anzunehmen oder sie abzulegen. Diese Wahl stellt den Kern von Kaufmans Optionsprozess dar: Veränderung wird möglich, indem ich meinen Glaubensmustern offen begegne.

Drei elementare Fragen Jeder von uns hat seine eigenen Gründe, unglücklich zu sein. Deshalb gibt es keine Patentrezepte für das Glück, ebenso wenig wie für die Liebe. Da jeder von uns anders ist, muss jeder für sich selbst die Gründe für seine Gefühle und Reaktionen entdecken, selbst seine Ansichten und Grundüberzeugungen erkunden. "Jeder ist sein eigener Experte", sagt Barry Kaufman. Damit wird die Autorität oder der Lehrer, der einem sagt, was man zu tun oder zu denken hat, überflüssig. So kann der Optionsprozess, der mit der natürlichen, in jedem Menschen vorhandenen Kompetenz und Weisheit arbeitet, sowohl mit Hilfe eines ausgebildeten Options-Lehrers, als auch allein durchgeführt werden.

Der Optionsdialog setzt sich aus drei Grundfragen und einer Alternativfrage zusammen. Diese Fragen können zwar je nach der individuellen Gefühlslage, und wenn sich das Gespräch im Kreise dreht, wiederholt und unterschiedlich formuliert werden, sie zielen aber immer auf eine wertungsfreie Klärung von Beweggründen und Überzeugungen – ohne Verurteilung oder Beschuldigung:

  1. Worüber sind Sie unglücklich? Was meinen Sie damit? Was daran macht Sie unglücklich?
  2. Warum Sind Sie darüber unglücklich? Was meinen Sie damit?
  3. Warum glauben Sie das? Oder: Glauben Sie das?

Alternativfrage: Was befürchten Sie, würde geschehen, wenn Sie nicht unglücklich darüber wären?

Neben diesen drei Grundfragen gibt es eine weitere, sehr nützliche Frage, die gelegentlich als Klärungshilfe in den Optionsdialog integriert werden kann: Was will ich? Meistens stehen unser Elend und Unglücklichsein so sehr im Mittelpunkt unseres Erlebens, dass wir darüber unsere wahren Wünsche und Ziele vergessen. Die Frage nach den eigenen Zielen kann uns in Zeiten der Verwirrung und des Schmerzes wieder zu uns selbst zurückführen, Klarsicht verleihen und die Motivation erneuern.

Wenn andere uns nach den Gründen für unsere Handlungen und Gefühle fragen, schwingt oft ein Unterton der Kritik, der Ablehnung oder des Vorwurfs mit: So fragt Sabine an diesem Abend den miesepetrigen Günter: "Warum machst du denn so ein langes Gesicht?" Damit will sie sagen: "Du machst mich unglücklich mit deiner schlechten Laune  – du solltest dich zusammenreißen und dich nicht so gehen lassen." (Auch Sabine sieht ihre Erwartungen enttäuscht, nämlich dass Günter sie glücklich machen sollte, und schiebt ihm vorwurfsvoll die Verantwortung für ihre Gefühle in die Schuhe!) Die Grundhaltung des Optionsprozesses nach Kaufman hingegen ist frei von Verurteilung oder Beschuldigung sich selbst wie auch anderen gegenüber. Sie setzt eine liebevolle Selbsterkenntnis und Selbstannahme in Gang. Lieben heißt einverstanden sein: Keine Bedingungen, keine Erwartungen und keine Urteile – das ist die Maxime für den Stil, wie wir uns selbst und andere behandeln.

Hinter jedem unglücklichen Gefühl gibt es einen weisen Experten Worüber ist nun Günter so unglücklich?
"Ich kann es nicht leiden, dass Sabine die Wohnung so verkommen lässt. Ihr scheint überhaupt nichts daran zu liegen, ein schönes Zuhause für uns zu schaffen."
Wie meinen Sie das?
Na ja, sie hat immer etwas Wichtigeres zu tun. Ständig unternimmt sie mit den Kleinen oder mal mit ihrer Freundin was und denkt gar nicht daran, wie ich mich in der Unordnung daheim fühle. Ich traue mich schon gar nicht mehr, Kollegen mit nach Hause zu bringen – wer weiß, was die dann von uns denken...
Warum sind Sie darüber unglücklich?
Es macht mich einfach traurig, dass ich und mein Wohlbefinden ihr nicht so wichtig sind. Ich liebe sie doch, und sie macht mich mit ihrer Nachlässigkeit unglücklich. Sie merkt nicht einmal, wie viel es mir ausmacht.
Glauben Sie das wirklich?
Wenn sie wirklich verstehen würde, wie viel es mir ausmacht, dann würde sie sich ein bisschen mehr für mich ins Zeug legen. Aber wahrscheinlich liebt sie mich nicht so sehr, wie ich mir dachte – oder hoffte...
Glauben Sie das wirklich?
(Pause) Nein. Eigentlich liebt sie mich immer noch sehr – das merke ich an ihrer Art, an den Mitbringseln und ... ihrer Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit. Wenn ich so darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass das eine wahrscheinlich nichts mit dem anderen zu tun hat. Sie gibt vielleicht ihr Bestes im Haushalt, so wie es ihr eben richtig oder wichtig erscheint, und das sagt nichts über ihre Liebe zu mir aus. Trotzdem ärgere ich mich über ihre Unordentlichkeit.
Was meinen Sie, würde passieren, wenn Sie sich nicht darüber ärgern würden?
Sie würde glauben, dass es mir so gerade recht ist. Sie würde die Wohnung noch mehr verkommen lassen und sich überhaupt keine Mühe mehr geben.
Glauben Sie das wirklich?
Was? Hmm, nein, eigentlich ist das Blödsinn (lacht).
Was würde passieren, wenn es Sie nicht mehr stören würde?
Sie meinen, wenn es mir gleich wäre? Das bedeutet: Dann würde ich Sabine erlauben, die Dinge so zu machen, wie es für sie okay ist. Ja, dann würde ich mich gut fühlen. Ich fühle mich jetzt schon gut, wenn ich nur daran denke.

Erwartungen und Nicht-genug-bekommen Der Optionsprozess macht deutlich, dass es nicht die anderen sind, die mich unglücklich machen, sondern ich selbst, indem ich meinen Überzeugungen und Wertungen folge. "Wir können andere nicht unglücklich machen – das können sie nur für sich selber tun. Jeder von uns ist für seine eigenen unglücklichen Gefühle selbst verantwortlich", gibt Barry Kaufman zu bedenken. "Um glücklich zu sein, brauche ich nichts zu tun, außer meine unglücklichen Überzeugungen abzulegen."

Im Bereich der Partnerschaft tragen Erwartungen und die jeweils persönliche Grundvorstellung über die Liebe "wenn du mich lieben würdest, dann würdest du ..." am meisten zu unglücklichen Gefühlen bei. Wenn ich Erwartungen hege, müssen meine Lieben sich so verhalten, wie ich es von ihnen erwarte, damit ich mich glücklich fühle. Wenn ich das, was ich erwarte, nicht oder nicht genug bekomme, dann werde ich unglücklich. Ich mache damit mein Glück von ihrem Verhalten abhängig. Und genau diese Abhängigkeit führt zu Reibung und Spannung in den Beziehungen. Denn aufgrund meiner festen Vorstellungen, denen meine Partner oder Freunde gerecht werden sollen, und meiner Abhängigkeit bin ich nicht in der Lage, ihnen großzügig zuzugestehen, sich ihren eigenen Wünschen und Überzeugungen gemäß zu verhalten.

Die Prinzipien des Optionsprozesses sind jedoch nicht nur auf Probleme in der Partnerschaft anzuwenden, sondern lassen sich in jedem Feld des menschlichen Lebens einsetzen, wo fest erstarrte Glaubenssätze und Erwartungen den Fluss der Lebensfreude blockieren: beim Umgang mit Kindern oder mit Geld, bei Gesundheitsproblemen, Schuldgefühlen und mangelndem Selbstvertrauen usw. Ein glücklicher Mensch, so Kaufman, nimmt die Dinge einfach auf – ohne Ängste und Erwartungen – und verarbeitet sie; er weiß dass alles, was er wahrnimmt und versteht, ihn mit besseren Fähigkeiten versieht und leistungsfähiger macht.

Unterwegs zur bedingungslosen Liebe Wir alle befinden uns in der Schule des Lebens mit dem Lernziel "bedingungslose Liebe". Diese Liebe kennt keine Bindung und keine Gegensätze, ist nichtdual, ein unbefleckbarer Zustand. Das ist ein hohes, aber durchaus erreichbares Ziel. Der einzige Weg dahin ist die regelmäßige Hinwendung zur göttlichen Quelle der Liebe im Zustand der geistigen Stille, damit das Göttliche sich, in die Seele einströmend, uns mitteilt und uns sich selbst anverwandelt. Dieser Weg des kontemplativen Gottgedenkens bringt schon lange vor Erreichen des Ziels reiche Früchte, darunter auch die Klärung und Läuterung der uns prägenden Überzeugungen und Beweggründe. Doch noch bevor die transformative Kraft des kontemplativen Zusammenseins mit dem Göttlichen im notwendigen Maß wirksam wird, können die Fesseln zerstörerischer Überzeugungen auf der mentalen Ebene durch Fragen, Analysieren und eventuelles Ablegen spürbar gelockert und zum Teil sogar gänzlich abgestreift werden. Dies zeigt der Erfolg des Optionsprozesses, wenn auch dieser nicht genügt ...

 


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