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Einführung: Hypnotherapie

Peter M. Wiblishauser

Milton Erickson (1901-1980), dessen Methode als Hypnotherapie bezeichnet wird, entwickelte im Gegensatz zur früheren 'autoritären Hypnose' einen 'permissiven' Stil. Statt dem Unbewussten des Klienten etwas zu befehlen ('Sie werden nie mehr rauchen'), erfolgt ein Dialog. Das Unbewusste ist nicht Befehlsempfänger, sondern gleichwertiger Gesprächspartner.

Geschichte Der Beginn der modernen Hypnose in Deutschland wird üblicherweise auf das Jahr 1775 datiert. In diesem Jahr verfasste Franz Anton Mesmer (1734-1815) eine Abhandlung über seine Heilerfolge mit seiner Methode des "animalischen Magnetismus". Mesmer hatte wie andere vor ihm zur Heilung von Patienten Magneten benutzt. Eines Tages suchte er seinen Magneten vergeblich und benutzte stattdessen einen Stock. Da es ihm auch auf diese Weise gelang, die Blutung einer Schnittwunde augenblicklich zum Stillstand zu bringen, wandelte er die bisher geläufige Theorie, wonach die Energie des Magneten heilende Wirkung hatte, dahingehend ab, dass die magnetische Energie des Patienten selbst dafür verantwortlich sei. Diese war jedoch mit den damals üblichen Methoden nicht messbar, so dass seine Methode schließlich in Verruf geriet.

James Braid (1775-1860), ein schottischer Arzt, deutete diesen Magnetismus später als eine Art Nervenschlaf und griff daher auf das griechische Wort für Schlaf ("hypnos") zurück. Braid war es auch, der beobachtete, dass die Fixierung der Augen nach oben eine tranceinduzierende Wirkung hat.

Lange Zeit galten hypnotische Erscheinungen als unnormale neurologische Phänomene und als Formen der Hysterie. Erst die Forscher Auguste Ambroise Liébault (1823-1904) und Hippolyte Bernheim (1840-1910) erklärten Hypnose zu einem normalen Phänomen.

Obwohl Sigmund Freud (1856-1939) selbst bei Liébault und Bernheim gelernt hatte, verlor die Hypnose unter seinem Einfluss in Deutschland an Bedeutung. Dies lag daran, dass Freud im Laufe der Zeit andere Methoden bevorzugte.

Zwar wurde dann in Deutschland von Johannes Heinrich Schultz (1884-1970) das Autogene Training (1932) entwickelt, das im Grunde eine Form der Selbsthypnose darstellt, die (Fremd-)Hypnose selbst wurde jedoch hauptsächlich in den USA weiterentwickelt.

Ganz besonders ist hierbei Milton Erickson (1901-1980) zu nennen, dessen Vorgehensweise als Hypnotherapie bezeichnet wird. Im Gegensatz zur früheren "autoritären Hypnose" entwickelte er einen "permissiven" Stil.

Begründer der Hypnotherapie Milton Erickson wurde in Nevada in einer Farmerfamilie geboren. Im Alter von 17 Jahren erkrankte er an Polio und war für lange Zeit vollkommen gelähmt. Eine seiner Stärken war seine ungewöhnlich genaue Beobachtungsgabe. Als er gelähmt war, studierte er, wie seine Muskeln arbeiten, aber auch wie andere Personen mit und ohne Worte miteinander kommunizierten. Da er gelähmt war, hatte er Zeit im Übermaß, um zu beobachten und um zuzuhören. Schließlich gelang es ihm, die Kontrolle über seinen Körper zurückzugewinnen. Erickson war farbenblind und schwerhörig, aber wie er sagte, waren es gerade diese Behinderungen, die ihm halfen, Menschen und ihr Verhalten besser zu verstehen.
Erickson war Arzt und Psychiater. Er begann schon sehr früh mit Hypnose zu arbeiten und nutzte zwischen 1920 und 1940 selbst den klassischen direktiv-autoritären Ansatz. In der Folgezeit entwickelte er seine Methode, in der er auf raffinierte Weise das, was er bei seinen Patienten wahrnahm, für seine Tranceinduktionen, aber auch für seine Geschichten nutzte, die er scheinbar beiläufig erzählte. Manchmal hatten seine Patienten seine Intervention gar nicht wahrgenommen und erlebten erst im Nachhinein, dass sich ihr Problem gelöst hatte.
Seine außergewöhnlichen, unkonventionellen und sehr erfolgreichen Therapien, auch bei hoffnungslosen Fällen, ließen ihn zum berühmtesten Psychotherapeuten werden. Als er über 50 Jahre alt war, erkrankte Erickson nochmals an Polio und war wiederum gelähmt. Diesmal gelang es ihm nur teilweise, die Kontrolle über seinen Körper zurückzugewinnen. Dennoch arbeitete und forschte er weiter, bis eine Woche vor seinem Tod. Er verfasste über 150 Artikel zur Hypnose.

Methode bzw. Idee und Erklärung der Wirkung
Die hypnotherapeutische Methode lässt sich folgendermaßen beschreiben:

  1. Die Vorgehensweise ist permissiv. Statt dem Unbewussten des Klienten etwas zu befehlen ("Sie werden nie mehr rauchen"), erfolgt ein Dialog. Das Unbewusste ist nicht Befehlsempfänger, sondern ein gleichwertiger Gesprächspartner. Mit Hilfe von Geschichten, Metaphern, bildlichen Vorstellungen oder einer Sprechweise, die viele Interpretationsmöglichkeiten offen lässt, werden interne Suchprozesse ausgelöst, um dem Klienten den Zugang zu seinen Ressourcen zu ermöglichen. Oder das Unbewusste wird direkt danach befragt, ob es weiß, wie das Problem zu lösen ist. Wenn es dies weiß (was oft der Fall ist), und dazu bereit ist, wird es gebeten, das Nötige zu tun. Im letzteren Fall genügt es, dass das Unbewusste sich über die Vorgehensweise im Klaren ist. Weder der Therapeut noch der Klient brauchen zu wissen, wie das Unbewusste dabei vorgeht.
  2. Die Intervention ist auf die Muster, Gewohnheiten und Strategien des Klienten abgestimmt. Darum findet vor der Hypnose ein Gespräch mit dem Klienten statt, um seine bisherige Vorgehensweise, das Problem zu bewältigen, kennen zu lernen. Sehr hilfreich ist es oftmals, zu klären, über welche erfolgversprechenden Strategien der Klient in anderen Bereichen verfügt, um sie für die aktuelle Fragestellung zu nutzen.
  3. Schließlich gehört es zur hypnotherapeutischen Grundüberzeugung, dass jedes Individuum über die nötigen Ressourcen verfügt, um mit einem Problem fertig zu werden. Die Aufgabe des Therapeuten besteht nur darin, dabei zu helfen, den Zugang dazu (wieder) zu finden und die entsprechenden Ressourcen zu nutzen. Jeder Raucher, der mit dem Rauchen aufhören will, hat in sich das (unbewusste) Wissen, das er braucht, um nicht zu rauchen. Auch er hat in seiner Kindheit jahrelang nicht geraucht, hat Stress und Langeweile auch ohne Zigaretten gemeistert.
  4. Hypnotherapie kann die unterschiedlichsten Formen annehmen: Der Therapeut kann den Klienten in Trance führen und ihm danach Suggestionen geben. Er kann sich mit ihm aber auch unterhalten, während dieser in Trance ist. Oder er unterweist ihn in Selbsthypnose. Eine andere Variante ist z.B. die Arbeit mit Alltagstrancen, bei der der Klient in einer Art Rollenspiel mit seinen inneren Anteilen kommuniziert.
  5. Hypnotherapeuten sind oftmals auch sehr aufgeschlossen, was die Kombination mit anderen Verfahren angeht. Hypnotherapie kann z.B. sehr gut mit verhaltenstherapeutischen, familientherapeutischen oder kurzzeittherapeutischen Ansätzen verknüpft werden.
Im Erstgespräch werden oftmals folgende Fragen gestellt:
  1. Ist man während der Hypnose dem Therapeuten willenlos ausgeliefert? Nein, sondern man hat jederzeit die Möglichkeit, die Hypnose zu beenden. Suggestionen gelingen nur, wenn man ihnen zustimmt. Wer mit dem Rauchen aufhören möchte, ist für entsprechende Suggestionen offen, wird sich aber nicht zu einem Bankraub bewegen lassen (außer es würden dazu keine Vorbehalte existieren). Man wacht aus der Hypnose auf, sobald der Therapeut Suggestionen gibt, denen man nicht zustimmt.
  2. Was ist der Unterschied zur Bühnenhypnose? Bei der Bühnenhypnose werden hochsuggestible Personen ausgewählt. Diese fallen sehr schnell in eine sehr tiefe Trance. Die meisten Menschen sind jedoch weniger suggestibel. Normalerweise ist deswegen auch die Trancetiefe bei einer Hypnotherapie nicht so tief.
  3. Ist es wichtig, in einer tiefen Trance zu sein? Nein. Auch bei leichten Trancen sind gute Erfolge erzielbar. Häufig hat der Klient nur das Gefühl, zu dösen oder sich gut zu entspannen.
  4. Gelingt Hypnose immer? Ein Erfolg hängt u.a. von folgenden Faktoren ab: Therapeut und Klient müssen miteinander "können". Wenn beide einander unsympathisch sind oder den "Draht" zueinander nicht finden, wird es schwierig. Wichtig ist auch, dass man der Hypnose gegenüber offen ist, sie nicht ablehnt. Ebenso kommt es auf die Bereitschaft zur Änderung an. Wer nur deshalb mit dem Rauchen aufhören will, weil der Partner sonst mit dem Ende der Beziehung droht, ist häufig nicht ausreichend selbst motiviert. Schließlich ist auch die Bereitschaft erforderlich, für das Gelingen der Therapie selbst etwas beizutragen. Wer lediglich mit dem Auftrag kommt, sich sein "Problem" weghypnotisieren zu lassen, hat wenig Erfolgschancen.

Anwendungsbereiche Zu den wichtigsten Anwendungsbereichen gehören:

  1. Psychotherapie: Angststörungen, Phobien, Depressionen, Traumen
  2. Verhaltensmodifikation: Raucherentwöhnung, Gewichtsreduktion bzw. Gewichtszunahme, Nägelbeißen, Leistungssteigerung im Sport, Selbstkontrolle und Selbstdisziplin, Stressbewältigung, "innere Blockaden", Schüchternheit
  3. Psychosomatik (psychosomatischen Beschwerden sind entweder Ausdruck eines "dahinter" stehenden Problems oder zumindest durch psychologische Faktoren mitbedingt): Dies kann bei folgenden Symptomen der Fall sein: Verstopfung, übermäßiges Schwitzen, Verspannungen, Kopfschmerzen, starke Menstruationsbeschwerden, Sexualstörungen. Auch bei Autoimmunkrankheiten wie multipler Sklerose, Colitis ulcerosa und Sklerodermie. Ebenso bei Krebserkrankungen und Hautkrankheiten.
  4. Medizin: Schmerzkontrolle (bei organisch bedingten Schmerzen), Phantomschmerzen, im Zusammenhang mit zahnärztlichen Behandlungen, bei Tinnitus und Hörsturz.
  5. Kinder und Jugendliche: z.B. Prüfungsängste, Schlafstörungen, Depressionen, Einnässen, Schüchternheit.

Durchführung Kommt ein Klient zum ersten Mal zu einem Hypnotherapeuten, so könnte die Sitzung folgendermaßen verlaufen:

  1. Der Klient beschreibt sein Anliegen: Was möchte der Klient genau ändern, wann trat das Problem zum ersten Mal auf, wie ist er bisher damit umgegangen, welche Strategien hat er bisher eingesetzt, könnte das Problem auch einen positiven Effekt haben, sieht sich der Klient als Opfer oder als verantwortlich für das Problem etc. Diese Beschreibung gibt dem Hypnotherapeuten Einblick in die Ressourcen und Denkmuster des Klienten. So kann er eine geeignete Intervention entwickeln.
  2. Informationen zur Hypnotherapie. Der Klient wird über die hypnotherapeutische Methode informiert. Seine Erwartungen und Befürchtungen werden besprochen.
  3. Trance, Hypnose: Wenn der Klient dazu bereit ist, wird er in einen Trancezustand geführt. Dies kann dadurch geschehen, dass der Klient gebeten wird, seine Augen auf einen Punkt zu konzentrieren und sich mehr und mehr zu entspannen. Dann wird die Trance vertieft. In der ersten Sitzung werden eher nur leichte bis mittlere Trancetiefen erreicht, was aber vollkommen ausreicht.
  4. Suggestionen: Ist der Trancezustand erreicht, wechselt der Therapeut zum eigentlichen Thema. Wie schon beschrieben, wird er z.B. eine therapeutische Geschichte erzählen, oder das Unbewusste befragen, was es braucht, um das Problem zu lösen. Am Ende könnte der Therapeut den Klienten bitten, ein Bild in sich auftauchen zu lassen, in dem dieser sich in der Zukunft sieht, wobei das Problem erfolgreich gelöst ist. Er könnte ihn bitten, diese Situation in möglichst vielen Einzelheiten zu beschreiben. Wann wird dies der Fall sein, an welchem Ort, welche Personen sind anwesend?
  5. Rücknahme, Gespräch: Danach führt der Therapeut den Klienten wieder aus der Hypnose zurück. Die Erlebnisse während der Trance werden (kurz) besprochen.
  6. Kombination mit Selbsthypnose: In manchen Fällen ist es hilfreich, die Fremdhypnose (wie sie eben beschrieben wurde) mit Selbsthypnose zu kombinieren. Dazu wird der Klient (in einer gesonderten Sitzung) unterwiesen, wie er sich selbst in einen hypnotischen Zustand versetzen kann, um dann z.B. mit Hilfe von Suggestionen und/oder Visualisierungen an der Erreichung der gewünschten Ziele zu arbeiten.

Risiken/Kritik Wer die hypnotherapeutische Methode einsetzen will, um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren, sollte dies in Kooperation mit einem für Hypnose/Hypnotherapie aufgeschlossenen Arzt tun. Bei der Auswahl eines Hypnotherapeuten ist darauf zu achten, dass dieser ausreichend qualifiziert ist. Neben der hypnotherapeutischen Ausbildung sollte er über eine psychotherapeutische Ausbildung verfügen.

Empfehlung/Eignung Die hypnotherapeutische Methode ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene geeignet. Gerade durch ihre individuelle Vorgehensweise und ihren hohen Flexibilitätsgrad ist sie für viele geeignet.


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