Einführung: Familienstellen (nach Bert Hellinger)

Reinhard Lier

Das Familienstellen hat seine Wurzeln unter anderem in der systemischen Denkweise, die mit Gregory Bateson in den 30er Jahren begann und dann von anderen Therapeuten aufgegriffen und in der Praxis weiterentwickelt wurde. In den therapeutischen Prozess muss demzufolge die Familie, das System eines Klienten, mit einbezogen werden, wenn man die eigentlichen Verstrickungen und Belastungen lösen will.

Geschichte Das Familienstellen hat seine Wurzeln unter anderem in der systemischen Denkweise, die mit Gregory Bateson in den 30er Jahren begann und dann von anderen Therapeuten aufgegriffen und in der Praxis weiterentwickelt wurde. In den therapeutischen Prozess muss demzufolge die Familie, das System eines Klienten, mit einbezogen werden, wenn man die eigentlichen Verstrickungen und Belastungen lösen will. Der rumänisch-amerikanische Psychiater Jakob Moreno erkannte im Psychodrama durch das Theaterspiel die Bedeutung der sozialen Bindungen seiner Patienten. Virginia Satir, amerikanische Sozialarbeiterin, entwickelte die Familienrekonstruktion und die Familienskulptur. In einem gemeinschaftlichen Prozess finden alle Familienmitglieder heraus, wie sie in den Fluss der Generationen eingebunden sind und wie sie sich von übernommenen Strukturen und Aufträgen der Familie befreien können.
Das Familienstellen ist aber auch von der Arbeit Ivan Boszomenyi-Nagys beeinflusst worden. Sein Ansatz basiert unter anderem auf dem Denken Martin Bubers, das den wichtigen Ausgleich von Geben und Nehmen in zwischenmenschlichen Beziehungen betont.

Bert Hellinger erlebte die Vorgehensweise des Familienstellens erstmalig bei den Lindauer Psychotherapiewochen. Sehr beeindruckt von den Wirkungen griff er das Instrument auf und entwickelte seine spezifische Form des Familienstellens, die als Grundlage die phänomenologische Vorgehensweise hat.


Begründer Bert Hellinger hat Philosophie, Theologie und Pädagogik studiert und arbeitete 16 Jahre lang als Mitglied eines katholischen Missionsordens bei den Zulus in Südafrika. Danach wurde er Psychoanalytiker und kam über die Gruppendynamik, die Primärtherapie, die Transaktionsanalyse und verschiedene hypnotherapeutische Verfahren zu der ihm eigenen System- und Familientherapie. Wir verdanken ihm wesentliche Einsichten in die "Ordnungen der Liebe", wie also Beziehungen in Ordnung gehen und Liebe gelingen kann.


Methode bzw. Idee und Erklärung der Wirkung Leben ist Beziehung, ist Begegnung mit einem Du. Die intensivsten Beziehungen erleben wir in Familie und Sippe. Genau hier, an den Wurzeln unseres Seins, ist der Einzelne häufig verstrickt mit anderen Schicksalen seiner Familie. Diese unbewussten Verstrickungen wirken oft über einige Generationen hinweg und führen zu Krankheit, persönlichem Scheitern oder gar Selbstmord.

Bert Hellinger entdeckte die Grunddynamiken, die zu solchen leidvollen Wirkungen führen: Die Liebe des in uns allen existierenden "inneren Kindes" ("die Kinderseele") drückt sich in einer tiefen Treue zur Familie und Sippe aus. Es ist diese blinde, unbewusste Liebe, die sich nur zu gern in andere Schicksale einmischt und schweres Leid anderer Familienmitglieder auf sich nehmen möchte. Dann folgt zum Beispiel ein Enkelsohn gern seinem toten Großvater nach, der im 2. Weltkrieg umkam. Oder eine Tochter wird magersüchtig und will insgeheim sterben, weil es ihren Vater innerlich zu seinem frühverstorbenen Onkel zieht. Hier will die Tochter für den Vater sterben und sie sagt ihm im Inneren "Lieber gehe ich als du, mein lieber Papa!".

Durchführung Der Klient sucht sich in der Gruppe für die eigene Person, den Ehepartner, für Kinder, Vater, Mutter, Geschwister und Verwandte Stellvertreter aus, die dann, wenn sie sich gesammelt und ruhig dem Prozess anvertraut haben, die Gefühle und Gedanken der Menschen, für die sie stehen, wahrnehmen. Als Erklärungsmodell dienen hier die "morphogenetischen Felder" nach Sheldrake (engl. Biologe). Die Familienseele existiert offenbar als ein Energiefeld, das alle Informationen über sämtliche Schicksale dieser Familie enthält. Alles, was gedacht, gefühlt und vor allem getan wurde, ist in diesem Feld verzeichnet. Über den Vorgang des Aufstellens wird den Stellvertretern dieses Feld zugänglich gemacht, d.h. sie werden für die Zeit der Aufstellung zu einem Teil des Feldes und erfahren die emotionalen und geistigen Inhalte der jeweiligen Person, für die sie stehen.
So klärt sich sehr oft in kürzester Zeit das Familiengeschehen mit all seinen leidvollen Beziehungsgeflechten. Die unbewusste, blinde und leidbringende Liebe des inneren Kindes wird über die gefühlte Einsicht in die Verstrickung in eine "wissende Liebe" verwandelt, die das Schicksal des anderen achtet und würdigt und zu den Folgen des eigenen Handelns steht. Es wird ein heilsames Bild der Ordnung durch Umstellen der Familienmitglieder entwickelt. Der Therapeut lässt die Teilnehmer Sätze sprechen, die den magischen Bann der "blinden Liebe" lösen. So können am Ende der Aufstellung Ordnungen der Liebe tief in der Seele des Klienten wirken, damit die Kraft zu neuem Handeln fließt.
Der Prozess des Familienstellens dient gewissermaßen als ein Spiegel, in dem die krankhaften Dynamiken menschlicher Beziehungen geschaut, ja, für alle Beteiligten erlebbar werden. Hier vollzieht sich energetisch stark verdichtet menschliches Schicksal: die tiefe Sehnsucht nach Zugehörigkeit sowie das Bedürfnis nach Ausgleich und Gerechtigkeit innerhalb der Sippe. Die beeindruckende Stärke des Familienstellens liegt, so darf ich es immer wieder beobachten, im erlebbaren Vollzug von Verstrickung und Lösung – und dies von Angesicht zu Angesicht.
Ob man Beobachter ist und dabei als Stellvertreter bei Aufstellungen mitwirkt oder selber aufstellt, das Familienstellen berührt alle Teilnehmer tief und trägt zu einer heilsamen Wandlung bei.
Die Arbeit des Familienstellens läuft würdevoll in einem geschützten Rahmen ab. Die beobachtenden Kursteilnehmer begegnen den Klienten mit einem Höchstmaß an Achtung. Das Geschehen wird von den Teilnehmern nicht kommentiert oder bewertet. Es gilt für alle die Schweigepflicht.
In der Regel sind keine gesonderten Vorgespräche notwendig. Es genügt der spontane Einstieg in den Prozess des Familienstellens bei einer therapeutischen Wochenendgruppe. Der Klient sollte allerdings über seine Vorfahren die wichtigsten Informationen (schwere Schicksalsereignisse) zur Verfügung haben. Unmittelbar vor der Aufstellung findet eine Sichtung der Gesamtlage im Gespräch des Klienten mit dem Therapeuten statt.

Die Vorbereitung: Erstellen des Stammbaums Bert Hellinger hat als wesentlichstes Grundbedürfnis des Menschen das Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit zu Familie und Sippe beobachtet. Wir werden hineingeboren in unsere Familie und sind ihr absolut auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Als Kind erblicke ich die Eltern und nehme das Leben, wie es in mich hineinfließt. Kinder lieben ihre Eltern absolut und sind ihnen zutiefst treu. Wir begegnen hier dem Bereich der Herkunftsfamilie. Zu ihr gehören stammbaummäßig im Sinne der Verstrickung:

  • Geschwister, auch Totgeborene oder abgegangene Kinder ab ca. dem 4. Schwangerschaftsmonat, auch weggegebene Kinder (Adoption)
  • Halbgeschwister, also Kinder, die ein Elternteil mit einem anderen Partner hat
  • Vater und Mutter
  • frühere Partner (feste Bindungen) der Eltern
  • Onkel und Tanten (also Geschwister der Eltern)
  • Großeltern
in der Regel schwächer wirkend:
  • Geschwister der Großeltern
  • frühere Partner der Großeltern
  • Urgroßeltern
Weiterhin:
  • Menschen, durch deren Gehen oder Tod die Familie einen Vorteil hatte
Nicht dazu gehören:
  • Stiefgeschwister (also mitgebrachte Kinder früherer oder späterer Partner der Eltern)
  • Cousins und Cousinen und deren Ehepartner und Kinder
  • weiterhin die Ehepartner und Kinder von Onkel, Tante, Großonkel oder Großtante oder von den eigenen Geschwistern

Es empfiehlt sich, zur Klärung der eigenen Familiensituation einen Stammbaum zu zeichnen. Beim Betrachten der Familienmitglieder einschließlich der eigenen Person fragen wir nur nach bedeutsamen Ereignissen, die den Menschen widerfahren sind. In diesem Sinne sind folgende Ereignisse zu beachten (diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit!):

  • schwere Krankheiten, Behinderungen, Süchte
  • Errettung aus lebensbedrohlicher Situation (z. B. Ertrinken, Verschüttung bei Bombenangriff)
  • früher Tod von Vater, Mutter, Geschwistern, Halbgeschwistern, früheren Partnern der Eltern sowie die Todesart: Unfall, Krankheit, Ertrinken, Verbrennen, Mord, Selbstmord
  • ist eine Frau (Mutter) während oder nach der Geburt gestorben?
  • weggegebene Kinder (Adoption etc.)
  • Unfälle (ohne tödlichen Ausgang)
  • Adoption
  • Klostereintritt
  • Priesterschaft (katholisch)
  • jüdische Abstammung
  • Auswanderung nach Übersee
  • Inzest, sexueller Missbrauch
  • Verbrechen (besonders auch Kriegsverbrechen, auch die bloße Beobachtung von Kriegsverbrechen, insbesondere SS-Einheiten)
  • schuldhafte Verstrickungen (auch durch Unfallverursachung)
  • hat sich jemand unrechtmäßig ein Erbe angeeignet?
  • Selbstmord
  • Mord
  • Heimatverlust (Vertriebenen-Schicksal)
  • stammen die Eltern aus verschiedenen Ländern?
  • lebte jemand in einer Außenseiterposition, zum Beispiel als Homosexueller oder Spielsüchtiger oder Schwerkranker?

Die Gegenwartsfamilie Ist ein Klient verheiratet oder lebt er (sie) in einer festen Bindung, sprechen wir vom Gegenwartssystem, welches in seiner kleinsten Form Mann und Frau als Paar oder gleichgeschlechtliche Partner umfasst. Häufig wirken Verstrickungen aus der Herkunftsfamilie in die Gegenwartsfamilie hinein. Allein die Aufstellung zeigt oft sofort, welche Problematik die Paarbeziehung belastet. Sind Kinder vorhanden, tragen auch sie häufig schon wieder einen Teil der Belastungen. Hier werden dann meist Personen aus der Herkunftsfamilie mit aufgestellt, um die eigentlichen Verstrickungen ans Licht zu bringen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kinder oder beide Partner in der Aufstellung gegenwärtig sind. Ein Elternteil vermag manchmal schon Entscheidendes in Bewegung zu bringen, wenn uns die Familienseele den Weg zur Lösung weist. So führt die Therapie der Kinder in der Regel über die Eltern. Wenn sich die Großen der Ordnung und der guten Kraft der Seele anvertrauen, sind die Kleinen entlastet.

Anwendungsbereiche

  • Paarbeziehung
  • Eltern-Kind-Beziehung
  • Scheidung
  • Adoption
  • Inzest
  • früher Tod
  • Selbstmord
  • schuldhafte Verstrickungen
  • Mord (Kriegsverbrechen)
  • Heimatverlust
  • Erkrankungen (Krebs, Süchte, Magersucht, Bulimie)
  • Behinderungen
  • Abtreibung
  • Unfälle, allg. "Schicksalsschläge"
  • ethnische Konflikte
  • Erbschaftskonflikte
  • Firmenübergabekonflikte

Risiken/Kritik Das Familienstellen ist kein Allheilmittel, mit dem alles kuriert werden kann. Besondere Vorsicht ist zum Beispiel bei Borderline-Patienten, Psychosekranken und Suchtkranken geboten. Im allgemeinen werden Familienaufstellungen nicht im geschlossenen Rahmen einer Klinik, sondern als Tages- oder Wochenendseminare angeboten. Daher fehlt in besonders schweren Fällen die dauernd notwendige Weiterbetreuung. Der Therapeut muss abschätzen können, ob er für den jeweiligen Klienten etwas tun kann und darf (Sorgfaltspflicht). Streng genommen ist das Familienstellen eine Form der Psychotherapie, die gesetzlich gesehen nur von denen ausgeübt werden darf, die über eine Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde verfügen.
Der graue Markt der "Selbsterfahrungskurse" aber hat zu einer enormen Ausbreitung des Familienstellens mit all seinen Licht- und besonders auch Schattenseiten beigetragen. Es bieten leider doch viele therapeutisch Unerfahrene Familienaufstellungen an. Dies geschieht oft auch in der Annahme, dass man sich nur das technische Wissen anzueignen habe, um auf diesem Gebiet erfolgreich zu sein. Das technische Wissen aber ist gerade beim Familienstellen bzw. der Phänomenologischen Psychotherapie (Hellinger) das kleinere Problem. Über Erfolg oder Misserfolg entscheidet vor allem die Haltung des Therapeuten, welche nicht zuletzt eine Frage der persönlichen Reife ist.

Empfehlung/Eignung Wenn man nun nach den Qualitäten eines Therapeuten fragt, so lassen sich hier folgende Kriterien kurz darlegen:
Der erfahrene Therapeut befindet sich in einer Haltung der Sammlung, der achtsamen Aufmerksamkeit, der Achtung gegenüber dem Klienten. Er (sie) begegnet furchtlos und vorurteilsfrei allem, was der Klient in den therapeutischen Prozess einbringt. Er sichert einen würdevollen, geschützten Gruppen-Rahmen, setzt den Klienten also nie irgendwelchen Angriffen oder Kommentaren seitens der anderen Teilnehmer aus.

Therapeuten, die selber noch an einem Helfer- oder Rettersyndrom leiden, sollte man meiden. Sie sind an einem zwanghaften Helfenmüssen zu erkennen, sie meinen es "schrecklich gut" und neigen dazu, Probleme zu verharmlosen oder Schlimmes schön zu reden.

In der Regel werden fähige Therapeuten von ihren Klienten gern weiterempfohlen. Auch besteht meist die Möglichkeit, als teilnehmender Beobachter ohne Aufstellung das Gruppengeschehen kennen zu lernen.


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