Nach innen gehen - Meditation auf dem Weg zur Einheit von Selbst und Überselbst

Swami Vishnu-devananda

Alles Glück, das durch den denkenden Geist erlangt wird, ist vergänglich und flüchtig; es ist von Natur aus begrenzt. Wie wir einen Zustand von dauerhaftem Glück und absolutem Frieden erreichen können, beschreibt Swami Vishnu-devananda, der das erste Sivananda Yoga Zentrum im Westen gründete. Er beschreibt, was in der Meditation geschieht und gibt Tipps für die Praxis der Meditation.

Yoga bedeutet Einheit. Obwohl viele Personen meinen, der Begriff "Yoga" würde sich auf die Einheit von Körper und Geist oder von Körper, Geist und Seele beziehen, ist im traditionellen Verständnis von Yoga die Einheit von Jivatman und Paramatman, also von dem vereinzelten Individual-Bewusstsein und dem universellen All-Bewusstsein, gemeint. "Yoga" bezeichnet daher sowohl einen bestimmten Bewusstseinszustand als auch die Methoden, die dem Einzelnen helfen, dieses Ziel der Einheit mit dem Göttlichen zu erreichen.
(Im folgenden entspricht der Begriff "Geist" - manchmal "denkender Geist" - dem englischen Begriff "mind" bzw. dem Sanskrit "manas". Damit ist die Instanz des Denkens, Fühlens und Wollens gemeint, die gewöhnlich verkürzend und einseitig als "Verstand", "Psyche" oder "Gemüt" bezeichnet wird. Unter "Seele" wird hingegen nicht die Psyche, sondern das Bewusstsein als lebensspendende und tragende Instanz verstanden.)

Entscheidend: Konzentration und Gedankenstille
Wenn die Oberfläche eines Sees still ist, kann man sehr klar bis auf den Grund sehen. Das ist unmöglich, wenn die Wasseroberfläche durch Wellenbewegungen gekräuselt ist. Genauso verhält es sich mit dem Geist (mind): wenn der Geist still ist, ohne jegliche Gedanken oder Wünsche, kann man das Selbst sehen. Das nennt man Yoga.
Wir können die Unruhe und Erregung des Geistes auf zwei Wegen beherrschen: indem wir ihn im Äußeren oder im Innern konzentrieren. Im Innern richten wir die gesammelte Aufmerksamkeit auf das "Selbst" oder das Bewusstsein des "Ich bin". Im Äußeren richten wir die gesammelte Aufmerksamkeit auf irgendetwas anderes als das "Selbst" oder "Ich bin".
Wenn wir Golf spielen, um uns zu erholen, und uns darauf konzentrieren, den Ball ins Loch zu schlagen, werden alle anderen Gedanken langsamer, ruhiger oder kommen sogar zum Stillstand. Wir haben das Gefühl, ein gutes Spiel gespielt zu haben, wenn wir uns vollkommen konzentriert haben. Das Glücksgefühl, das wir dabei empfinden, stellt sich ein, nicht weil wir es geschafft haben, den Ball achtzehnmal ins Loch zu schlagen, sondern weil wir achtzehnmal vollkommene Konzentration erlangt haben. Dabei verschwinden alle irdischen Sorgen und Probleme aus unserer Wahrnehmung.
Die geistige Fähigkeit der Konzentration ist in allen Menschen angelegt; sie ist nichts Außergewöhnliches oder Rätselhaftes. Meditation ist nichts, das man sich von einem Yogi beibringen lassen muss; jeder hat bereits die Fähigkeit, das Denken abzustellen.
Der einzige Unterschied zwischen dieser Fähigkeit und der Meditation (der positiven Art) besteht darin, dass wir in der Regel gelernt haben, den konzentrierten Geist auf äußere Objekte zu richten. Wenn der Geist vollständig konzentriert ist, verstreicht die Zeit unbemerkt, als würde sie nicht existieren. Wenn der Geist vollständig gesammelt und gebündelt ist, gibt es keine Zeit! Zeit ist nichts als eine Modifikation des denkenden Geistes. Zeit, Raum und Kausalität und alle äußeren Erfahrungen sind Schöpfungen des denkenden Geistes.
Alles Glück, das durch den denkenden Geist erlangt wird, ist vergänglich und flüchtig; es ist von Natur aus begrenzt. Um jenen Zustand von dauerhaftem Glück und absolutem Frieden zu erreichen, müssen wir zunächst imstande sein, das Denken zu beruhigen, uns zu konzentrieren und den denkenden Geist hinter uns zu lassen, über den Geist hinauszugelangen. Indem wir die Konzentration des Geistes nach innen auf das Selbst richten, können wir jene Erfahrung vollkommener Konzentration vertiefen. Das ist dann der Zustand der Meditation.

Was geschieht in der Meditation?
Meditation ist eine Erfahrung, die nicht beschrieben werden kann, so wie man einem Blinden die Farben nicht beschreiben kann. Alle gewöhnliche Erfahrung ist begrenzt durch Zeit, Raum und Kausalität. Unser normales Bewusstsein und Verständnis gelangen nicht über diese Begrenzungen hinaus.
Endliche, begrenzte Erfahrung, die auf der Zeitschiene von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft abläuft, kann nicht transzendent sein. Zeitbegriffe sind illusorisch, denn sie haben keinen Bestand. Die Gegenwart, unermesslich winzig und flüchtig wie sie ist, lässt sich nicht fassen. Vergangenheit und Zukunft gibt es in der Gegenwart nicht. Wir leben in Illusion.
Der meditative Zustand transzendiert alle solche Begrenzungen. Dort gibt es weder Vergangenheit noch Zukunft, sondern nur das Bewusstsein von "Ich bin" im ewigen Nun. Er ist nur dann möglich, wenn alle Regungen des denkenden Geistes zur Ruhe gebracht worden sind.
Der Zustand, der der Meditation am ehesten vergleichbar ist, ist der Tiefschlaf, in dem es weder Zeit noch Raum noch die Verkettung von Ursache und Wirkung gibt. Meditation unterscheidet sich jedoch vom Tiefschlaf darin, dass sie grundlegende Veränderungen in der Psyche bewirkt. Durch die Einschränkung und Beruhigung der Schwingungen im Geist bewirkt die Meditation geistigen Frieden.
Auf der physischen Ebene hilft die Meditation, den Aufbaustoffwechsel des Körpers für Wachstum und Reparatur länger aufrechtzuerhalten und die Abbau- oder Verfallsprozesse zu reduzieren. Gewöhnlich herrscht der Aufbauprozess bis zum Alter von etwa 18 Jahren vor. Zwischen 18 und 35 besteht ein Gleichgewicht zwischen den beiden, und nach dem 35. Lebensjahr nehmen die Abbauprozesse allmählich überhand. Durch Meditation kann der katabolische Verfall des Körpers erheblich reduziert und verlangsamt werden. Der Grund dafür liegt im Empfindungsvermögen, das den Zellen eigen ist.
Alle unsere Körperzellen werden vom instinktiven, unbewussten Geist gesteuert. Sie haben sowohl ein individuelles als auch ein kollektives Bewusstsein. Wenn die Gedanken und Wünsche an den Körper geleitet werden, werden die Körperzellen aktiviert; der Körper gehorcht stets dem kollektiven Bedürfnis. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass positive Gedanken in den Zellen positive Wirkungen auslösen. Da die Meditation einen andauernden positiven Geisteszustand bewirkt, wirkt sie verjüngend auf die Körperzellen und hält Abbauprozesse auf.
Man kann das Meditieren nicht lernen, ebenso wenig wie man das Schlafen lernen kann. Man gerät in beide Zustände. In Bezug auf die Methoden und Stufen der Meditation gibt es jedoch eine Reihe von Punkten, die zu beachten sind:

Die 14 Punkte der Meditation
1. Regelmäßigkeit in Bezug auf Zeit, Ort und Übung ist wichtig. Regelmäßigkeit gewöhnt den denkenden Geist daran, seine Aktivitäten zügig zu verlangsamen.
2. Die günstigsten Tageszeiten für die Meditation sind der frühe Morgen vor Tagesanbruch und der Abend, denn zu diesen Zeiten ist die Atmosphäre mit besonderer spiritueller Kraft geladen. Wenn es nicht machbar ist, zu diesen Zeiten zur Meditation zu sitzen, wählen Sie eine Zeit, zu der sie nicht von den täglichen Pflichten beansprucht sind und in der der denkende Geist ohnehin zur Ruhe neigt.
3. Versuchen Sie, einen gesonderten Raum oder einen besonderen Platz für die Meditation zu reservieren. Mit wiederholter Meditation wird sich die starke Ausstrahlung im Raum etablieren, und eine Atmosphäre von Frieden und Reinheit wird spürbar.
4. Beim Sitzen richten Sie sich nach Norden oder Osten aus, um den größten Nutzen aus den günstigen erdmagnetischen Schwingungen zu ziehen. Sitzen Sie im stabilen, bequemen Schneidersitz mit aufrechter, aber nicht angespannter Wirbelsäule und Halswirbelsäule.
5. Bevor Sie mit der eigentlichen Meditation beginnen, weisen Sie den denkenden Geist an, für eine bestimmte Zeitspanne ruhig zu sein. Vergessen Sie die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.
6. Regulieren Sie den Atem mit Absicht. Fangen Sie mit 5 Minuten tiefer Bauchatmung an, um das Gehirn mit reichlich Sauerstoff zu versorgen. Verlangsamen Sie die Atmung auf ein Tempo, bei dem sie nicht mehr auffällt.
7. Lassen Sie den Atem rhythmisch geschehen: Atmen Sie drei Sekunden lang ein, und atmen Sie dann drei Sekunden lang aus. Die Regulierung des Atems reguliert auch den Fluss von Prana, der Lebensenergie.
8. Gestatten Sie dem Geist zunächst herumzuwandern. Er wird hierhin und dorthin springen, sich aber, so wie das Prana konzentriert, ebenfalls sammeln und konzentrieren.
9. Zwingen Sie den Geist nicht zur Ruhe, da solche Willensanstrengung und Zwang zusätzliche Gehirnwellen auslöst, die den Ruhezustand der Meditation verhindern.
10. Wählen Sie einen Konzentrationspunkt aus, an dem sich der Geist verankern kann. Bei Menschen, die intellektuell veranlagt sind, könnte dies das Ajna-Chakra sein, der Punkt zwischen den Augenbrauen. Bei eher gefühlsbetonten Menschen könnte dies das Anahata- oder Herz-Chakra sein. Wechseln Sie nie Ihren Konzentrationspunkt.
11. Konzentrieren Sie sich auf einen neutralen oder erhebenden Objekt und halten Sie das Objekt im Konzentrationspunkt. Wenn Sie dazu ein Mantra verwenden, wiederholen Sie es im Geist und koordinieren Sie die Wiederholung mit dem Atemgeschehen. Wenn Sie kein persönliches Mantra haben, können Sie "OM" verwenden. Die Wiederholung im Geist ist zwar wirkungsvoller, aber falls Sie schläfrig werden, darf das Mantra laut wiederholt werden. Verändern Sie niemals Ihr Mantra.
12. Wiederholung führt zum reinen Denken, in dem Klangschwingungen mit Denkschwingungen verschmelzen ohne Wahrnehmung einer Bedeutung. Die Wiederholung mit der Stimme geht über in die Wiederholung im Geist und dann weiter in die telepathische Sprache, und von dort gelangt das Bewusstsein zum reinen, inhaltslosen Denken.
13. Bei regelmäßiger Übung verschwindet Dualität, und Samadhi oder der überbewusste Zustand stellt sich ein. Werden Sie nicht ungeduldig, denn dazu braucht man viel Zeit.
14. In Samadhi ruht man in einem Zustand der Glückseligkeit, in dem der Erkennende, das Erkennen und das Erkannte eins sind. Dies ist der überbewusste Zustand, der von Mystikern aller Religionen und Weltanschauungen erreicht wurde.

Wenn Sie täglich eine halbe Stunde meditieren, werden Sie dem Leben mit Frieden und spiritueller Kraft begegnen können. Meditation ist das allerstärkste Tonikum für den Geist und die Nerven. Göttliche Energie fließt dem Übenden während der Meditation in großen Mengen zu und hat einen heilsamen Einfluss auf Geist, Nerven, Sinnesorgane und den Körper insgesamt. Sie öffnet die Tür zu intuitivem Wissen und den Reichen ewiger Glückseligkeit. Der Geist wird ruhig und beständig.


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