Frieden durch Verbundenheit
10 Schritte zur Einheit der Menschen

Soami Divyanand

Ihrem spirituellen Ursprung nach gehören alle Menschen wie eine große Familie zusammen. Im täglichen Leben kommt dies aber kaum zum Ausdruck. Was können wir selbst dazu beitragen, um diese grundlegende Einheit wiederherzustellen?

Ihrem spirituellen Ursprung nach gehören alle Menschen wie eine große Familie zusammen. Im täglichen Leben kommt dies aber kaum zum Ausdruck. Was können wir selbst dazu beitragen, um diese grundlegende Einheit wiederherzustellen?

Die spirituelle Einheit der Menschen
Was ist mit diesem Begriff gemeint? Er bedeutet, dass wir in einer Atmosphäre der Nähe und des Vertrauens miteinander leben, in Liebe, Harmonie und Frieden. Oder anders ausgedrückt: er bedeutet, dass wir unsere Beziehungen zu anderen auf das Prinzip der spirituellen Einheit aller Menschen gründen.
Von ihrem Ursprung her bilden alle Menschen eine Einheit, denn wir alle gehören dem Einen Gott an und sind Brüder und Schwestern in der Vaterschaft Gottes. Außerdem sehen wir uns alle ähnlich, haben ähnliche Lebensziele und reagieren auf ähnliche Weise auf ein und denselben Anlass. Wenn wir zum Beispiel verletzt sind, dann spüren wir alle Schmerzen, oder wenn uns etwas Schönes begegnet, dann freuen wir uns alle auf ähnliche Art. Diese Einheit liegt also dem Leben aller Menschen zugrunde.

Die tägliche Realität
In unserem Verhalten kommt diese Einheit allerdings nicht zum Ausdruck. Statt dessen herrschen immer noch Hass und Gewalt, Misstrauen und Täuschung. Ständig werden irgendwelche Kriege angezettelt und bedrohen unseren Frieden und unsere Existenz. Wir fahren fort, Dinge zu horten, während andere Menschen Hungers sterben. Unsere Hunde, Katzen und sonstigen Haustiere haben das schönste Leben, während Menschen in unserer nächsten Umgebung großen Mangel leiden und schwer ums Überleben kämpfen müssen. Unter diesen schrecklichen Umständen scheint es weder Liebe noch Verständnis und erst recht keine Einheit zu geben. Und dennoch beschwören wir weiter die grundlegende Verbundenheit der Menschen, ohne dass dies irgendeine Wirkung auf unser Verhalten hätte. 
Wie können wir zu dieser Einheit zurück finden? Manchmal denken wir, dass die führenden Persönlichkeiten der einzelnen Religionen dabei doch eine zentrale Rolle spielen könnten. Aber wenn wir uns ansehen, wie viel Blutvergießen, Krieg, Hass und Gewalt es im Namen der Religion schon gegeben hat, können wir ihnen nicht mehr glauben. Auch die Politiker haben darin versagt, die Einheit der Menschen wieder herzustellen. Aus diesem Grunde hatte mein Meister Sant Kirpal Singh die Idee, sie gleichsam von der Wurzel her wieder aufzubauen und rief dazu das Projekt Unity of Man („Einheit der Menschen“) ins Leben.

Von der Theorie zur Praxis
Aber was können wir persönlich tun, um dieser Einheit in unserem eigenen Verhalten wieder Ausdruck zu geben? Wir wissen zwar, dass wir alle Geschwister sind und dass Gott unser Vater ist, aber es reicht nicht aus, uns dies jeden Tag vorzubeten, und zwar schlicht und einfach deshalb, weil Schlussfolgerungen dem Irrtum unterliegen. Nur sehen ist glauben. Solange wir noch von den fünf menschlichen Leidenschaften – Bindung, Lust, Ärger, Gier und Ichsucht – beherrscht sind, werden wir dieses Wissen immer wieder vergessen und uns genau entgegengesetzt verhalten.
  Um dies zu veranschaulichen, möchte ich eine Geschichte erzählen. Ein Mann erhielt eines Tages ein Telegramm mit der Nachricht: „Vater verstorben“, und brach sogleich in Tränen aus. Als seine Frau ihn fragte: „Was ist denn los, warum weinst du?“, antwortete er: „Vater ist tot.“ Sie versuchte, ihn zu trösten und erklärte ihm: „Schau, er war doch schon so alt, krank und leidend, da ist der Tod doch geradezu eine Erlösung. Außerdem heißt Sterben nicht mehr, als seine alten Kleider abzulegen und neue anzuziehen. Genau so bekommt die Seele nach dem Tode einen neuen Körper. Was soll daran so schlimm sein? Die Seele kann doch gar nicht sterben, sie streift lediglich den morsch gewordenen Körper ab.“
  Nach diesen Erklärungen fühlte sich der Mann schon sehr viel besser und dankte seiner Frau: „Deine Worte waren mir wirklich ein großer Trost. Aber sag mal, woher weißt du denn das alles? Wo hast du bloß diese tiefschürfenden philosophischen Weisheiten her?“ – Seine Frau erwiderte: „Ich habe den Tempel besucht und einen Vortrag über die Gita gehört, daher weiß ich das.“ – Der Mann bedankte sich nochmals für ihre trostreichen Worte und fügte dann hinzu: „Ach, jetzt habe ich doch ganz vergessen, dir zu sagen, dass nicht mein Vater gestorben ist, sondern deiner.“
  Nun brach die Frau in Tränen aus, und der Mann versuchte sie mit denselben Worten zu trösten, die sie vorher zu ihm gesprochen hatte. Da wurde sie so wütend, dass sie ihn anfuhr: „Ach, halt doch den Mund! Ich kann deine Predigt nicht hören!“ Der Mann gab verwundert zurück: „Aber diese Weisheiten stammen doch nicht von mir. Genau dieselben schönen Worte hast du doch eben zu mir gesagt; ich wiederhole sie doch nur.“ Doch seine Frau wollte davon nichts hören: „Mag sein, dass sie dich getröstet haben, mir helfen sie jedenfalls nichts.“
  So kann es gehen, wenn man sich nur auf intellektuelle Kenntnisse aus zweiter Hand verlässt, statt auf das direkte Erfahrungswissen der Seele.



10 Schritte zur Einheit der Menschen

1. Meditieren
Genauso wiederholen wir ständig, dass Gott unser Vater ist, dass wir Brüder und Schwestern sind, aber da wir keine Offenbarungen von Gott haben, wissen wir auch nicht, dass wir ein Teil Gottes sind – wie können wir dann davon überzeugt sein? Die Einheit der Menschen beginnt ganz unten, beim einzelnen Menschen. Erst wenn jeder diese innere Erfahrung macht, ist er davon überzeugt. Der erste notwendige Schritt zur Einheit der Menschheit ist darum die Meditation.

2. Sein Schicksal akzeptieren
Der zweite Schritt besteht darin, dass wir das Gesetz des Karma akzeptieren und unser Schicksal auf uns nehmen. Neid und negative Gefühle für andere kommen meistens deshalb auf, weil wir meinen, dass es ihnen gut geht und uns nicht. Das reicht sogar so weit, dass wir anfangen zu glauben, Gott wäre grausam und ungerecht. Wir sollten daher unser Schicksal ein für allemal akzeptieren und begreifen, dass alles, was uns widerfährt, unser eigenes Karma ist und nichts mit anderen zu tun hat.
  Wenn uns jemand verletzt, so ist das nicht seine, sondern unsere eigene Schuld, weil wir ihn zuerst verletzt haben und er uns dies jetzt nur zurück gibt. Jedes Leid oder Unglück, das uns zustößt, geht also auf unser eigenes Karma zurück und nicht auf das Konto einer anderen Person.

3. Keine Vergeltung üben
Der dritte Schritt zur Einheit der Menschen besteht darin, dass wir „dem Übel nicht widerstehen“. Wenn jemand uns weh tut oder sich uns gegenüber schlecht benimmt, sollten wir es ihm nicht mit gleicher Münze heimzahlen. Denn der Grund für sein Verhalten liegt ja womöglich in unserem eigenen Karma – dann ist es aber geradezu seine Pflicht, so zu handeln, und kein Fehler. Was immer er tut, ist demnach gut, denn er gleicht damit auch sein eigenes früheres Karma aus. Wenn wir versuchen, uns an ihm zu rächen, kann es außerdem sein, dass wir über das karmisch notwendige Maß hinaus gehen und damit neues Karma schaffen.
  Wir können ohnehin nicht beurteilen, ob das, was ein anderer tut, richtig oder falsch ist. Und wenn wir dennoch über andere Menschen richten, werden wir selbst gerichtet. Dabei stellt sich vielleicht heraus, dass wir uns geirrt haben, und diesen Fehler müssen wir dann büßen. Wenn wir aber davon absehen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, vermeiden wir nicht nur, andere zu richten, sondern auch das Risiko, neues Karma auf uns zu laden.

4. Anderen selbstlos dienen
Der vierte Schritt zur Einheit der Menschen besagt, dass wir uns mit allem, was wir für andere tun, „Schätze im Himmel sammeln“ sollten, wie es im Evangelium heißt. Wenn wir uns für unsere guten Taten irgendeinen Lohn erhoffen und dieser Lohn ausbleibt, sind wir sonst enttäuscht und fühlen uns nicht mehr in Liebe mit anderen verbunden. Menschen in Not zu helfen, lässt in uns dagegen Liebe zu unseren Mitmenschen und zu Gott entstehen.
  Mein Meister Sant Kirpal Singh war in diesem Punkt sehr strikt und sagte immer: „Nutzt jede Gelegenheit, um anderen selbstlos zu dienen.“ Er selbst nahm es damit sehr genau und legte von seinen Einkünften zuerst den zehnten Teil als Spende beiseite, um dann mit dem Rest seine eigenen Bedürfnisse zu bestreiten. Sein Meister Baba Sawan Singh war in dieser Hinsicht sogar noch konsequenter – er brachte seinem Meister immer seinen ganzen Lohn und bat ihn dann: „Gib mir so viel davon, wie es dir angemessen scheint und behalte den Rest als selbstlosen finanziellen Dienst.“
  Macht es euch also zur Gewohnheit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit selbstlosen Dienst zu leisten, weil jeder Schritt, den ihr in diese Richtung tut, ein Schritt zur Einheit der Menschheit ist.

5. Menschliche Laster ablegen
Als fünftes sollten wir uns von den fünf menschlichen Lastern – Bindung, Lust, Ärger, Gier und Ichsucht – befreien.  (Mehr zu diesem Thema in VISIONEN 4/04.) Denn jedes einzelne davon kann uns vom Weg zur Einheit der Menschen abbringen.

6. Nicht schlecht von anderen denken
Der sechste Schritt zur Einheit der Menschen lautet, dass wir nicht schlecht über andere denken sollten, denn auch wenn wir unsere Gedanken für uns behalten können, spiegeln sie sich doch in unseren Handlungen wider und lösen bei anderen die entsprechenden Gegenreaktionen aus.
  Mein Meister erzählte dazu einmal folgende Geschichte: Eine alte Frau hatte eine schwere Last zu tragen, aber sie schaffte es kaum und musste sich immer wieder am Straßenrand ausruhen. Da kam ein Reiter des Weges, und sie bat ihn um Hilfe. Der Mann achtete aber gar nicht auf sie und ritt weiter. Nach einigen Minuten kam ihm jedoch in den Sinn, dass die Frau möglicherweise Geld oder Wertsachen in ihrem Gepäck haben könnte und es darum nicht schlecht wäre, ihr zu helfen und währenddessen danach zu suchen. Er hielt also sein Pferd an, kehrte zu der Frau zurück und sprach sie an: „O Mütterchen, du bist so schwer beladen; ich will dir helfen und deine Last für dich tragen.“ Doch die alte Frau wehrte ab: „Nein, nein, ich will deine Hilfe nicht.“ Der Mann entgegnete: „Aber du hast doch selbst nach Hilfe gerufen.“ „Das stimmt“, erwiderte die Frau, „aber als ich dich vorhin um Hilfe gebeten habe, hast du mich nicht einmal angehört. Dann aber hat dich der Teufel geritten und dir eingeflüstert, mir zu helfen. Doch zur selben Zeit, als er dir diesen Gedanken eingegeben hat, hatte auch ich eine Eingebung: nämlich deine Hilfe nicht anzunehmen, weil du nur Teufelswerk im Schilde führst.“ Wenn ihr also schlecht über andere denkt, müsst ihr damit rechnen, dass diese Gedanken auf euch selbst zurück fallen.

7. Ehrlich sein Geld verdienen
Der siebte Schritt zur Einheit der Menschen ist, seinen Lebensunterhalt mit seiner eigenen Hände Arbeit zu verdienen und nach nichts zu verlangen, was uns nicht gehört. Natürlich sind wir alle nur Menschen, und es kann trotzdem sein, dass wir im Herzen gewisse Begehrlichkeiten hegen. Wenn solche Gedanken in euch aufkommen, solltet ihr sie Gott zu Füßen legen und nicht auf eure Mitmenschen projizieren.

8. Sich vor dem Ego hüten
Der achte Schritt ist der, dass wir uns vor unserem Ego in Acht nehmen sollten. Denn es macht alle guten Gedankenregungen in uns zunichte und bringt uns nichts als Unglück.
 
9. Gott in allen Menschen sehen
Als neunten Punkt sollten wir Gott in allen Menschen sehen. Wenn ihr erst einmal erkennt, dass Gott in jedem Menschen wohnt, seid ihr nicht mehr im Stande, irgend jemanden schlecht zu behandeln.
  Dazu wieder eine Geschichte: Einmal hielt sich Baba Sawan Singh, der Meister meines Meisters, in den Bergen auf, um sich in Ruhe zu erholen und etwas Urlaub zu machen. Eines Abends ging er aus, um einen Spaziergang zu machen. Unterdessen kam ein alter, an Tuberkulose erkrankter Mann und fragte den Mitarbeiter des Meisters, dessen Aufgabe es war, die Tür zu öffnen und Besucher zu empfangen, ob er nicht für einige Tage im Hause unterkommen könne. Als der „Türhüter“ hörte, dass der Mann an Tuberkulose litt, schickte er ihn mit den Worten weg, es gebe hier keinen Platz für ihn. Just in dem Moment, als der kranke Mann das Haus wieder verließ, kehrte Baba Sawan Singh von seinem Spaziergang zurück und fragte ihn: „Was ist los mit dir? Warum bist du so niedergeschlagen?“ Da erzählte ihm der Mann: „Ich leide an Tuberkulose und der Arzt hat mir zu einem Aufenthalt in den Bergen geraten, aber als ich eben um Quartier gebeten habe, wurde ich abgewiesen.“ Als Baba Sawan Singh den Türhüter fragte: „Stimmt es, dass du diesem Mann deine Hilfe verweigert hast?“, rechtfertigte sich dieser mit den Worten: „Aber Meister, der Mann leidet an Tuberkulose. Da wäre es doch nicht gut, ihn hier bei uns aufzunehmen.“ Da fragte ihn der Meister: „Weißt Du denn nicht, dass Gott auch in ihm wohnt?“, und der Türhüter räumte ein: „Doch, natürlich.“ – „Und warum,“ fuhr der Meister fort, „hast du dann diese Gelegenheit, Gott zu dienen, nicht genutzt?“ Genauso wird die Erkenntnis, dass Gott in allen Menschen wohnt, unser eigenes Verhalten verändern.

10. Gottes Willen tun
Als zehnte und letzte Richtschnur möchte ich euch ans Herz legen, Gottes Willen zu erfüllen. Denn als Oberhaupt der Menschheitsfamilie wünscht er, dass wir in Frieden und Harmonie zusammen leben. Der beste Beitrag, den wir selbst zu dieser Aufgabe leisten können, besteht darin, dass wir nicht zögern, uns für die Einheit der Menschen einzusetzen. Dazu müssen wir zunächst einmal meditieren, um die ursprüngliche Einheit der Menschen selbst in uns zu erfahren, und dann auch die übrigen Schritte befolgen, die ich gerade vorgestellt habe. Alles andere ist leeres Gerede und trägt keine Frucht.

Soami Divyanand, geboren 1932, lehrt seit fast drei Jahrzehnten den Yoga der Seele, den Weg des inneren Lichts und Klangs. Er hat zahlreiche Bücher verfasst und eine vollständige Vedenübersetzung erstellt. Darüber hinaus setzt er sich für die interreligiöse Verständigung ein.

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