Emotionale Intelligenz

Inge Hasswani

Mit dem populär gewordenen Begriff 'Emotionale Intelligenz' wird eine Kombination aus Selbstwahrnehmung, Selbstreflexion und Selbststeuerung im Umgang mit sich selbst und anderen bezeichnet. Im Kern geht es um den achtsamen Umgang mit Gefühlen. Der Artikel beschreibt, was emotionale Intelligenz ist, wie wir sie entwickeln und unsere emotionale Kompetenz steigern können.

Die Kooperation von Herz und Hirn – Gefühle erkennen und sinnvoll nutzen

Das Wort sagt es schon: Emotionen bringen uns in Bewegung (Motion) – und damit aus der Ruhe. Oft genug lassen wir uns unter dem Einfluss der Emotionen – zu deutsch: Gefühle – zu Worten und Taten hinreißen, die wir später zutiefst bereuen. Aus Angst davor, von heftigen Gefühlen erschüttert und überwältigt zu werden, fallen viele ins andere Extrem und unterdrücken, verdrängen ihre Gefühle. Doch sind sie immer noch da, denn Gefühle begleiten und färben unser Denken und Handeln wie die Wolken den Himmel. So ist es sinnvoller und bereichernder zu lernen, die eigenen wie auch fremde Gefühle rechtzeitig zu erkennen, zu verstehen und konstruktiv mit ihnen umzugehen, statt unsere familiären und beruflichen Beziehungen aus Angst vor Verletzungen oder Entgleisungen in Gefühlskälte erstarren zu lassen.
Genau diese Kooperation von Herz und Hirn versteht man unter dem populär gewordenen Begriff "Emotionale Intelligenz", abgekürzt: EI. Es handelt sich dabei um eine Kombination von Selbstwahrnehmung (meist inkorrekt Selbstbewusstheit genannt), Selbstreflexion und Selbststeuerung im Umgang mit sich selbst und anderen Menschen, die eine ganze Reihe von sozialen Kompetenzen oder Fähigkeiten hervorbringt: Einfühlungsvermögen, Aufmerksamkeit, Mitgefühl, Respekt, Takt, Höflichkeit, Rücksichtnahme, Kommunikationsfähigkeit, Frustrationstoleranz u.v.a. Unvollständig wie diese Liste ist, sie lässt doch erkennen, wie entscheidend der achtsame Umgang mit Gefühlen für den herrschenden Ton in allen Einheiten einer Gesellschaft ist. Emotionale Intelligenz ist quasi das Schmiermittel im sozialen Getriebe.

Die Intelligenz des Herzens Gefühle können uns zudem wichtige Information über uns selbst, unsere Mitmenschen, eine Situation geben, sofern wir uns ihnen ehrlich stellen und sie zu ergründen bereit sind. Wut mag uns auf Ungerechtigkeit aufmerksam machen und uns die Kraft geben, diese aus der Welt zu schaffen. Scham kann uns einen Fehler, eine Schwachstelle zeigen und Ansporn sein, uns zu bessern. Angst mahnt uns zu Umsicht und Zurückhaltung. Traurigkeit lehrt uns einiges über unsere Werte und das Geben und Nehmen. "Die wahre Intelligenz ist die des Herzens", sagt die französische Psychotherapeutin Isabelle Filliozat, die sich seit über 20 Jahren mit dem Thema Emotionen beschäftigt (Bücher: "Die Intelligenz der Gefühle entdecken" und "Sei wie du fühlst. Mit Emotionen besser leben").

Diese "Intelligenz des Herzens", die lange Jahre für unerheblich gehalten und als typische Frauendomäne abgewertet wurde, wird heute zunehmend beachtet und anerkannt. Mit seiner Behauptung, dass die logisch-rationale Intelligenz, die mit dem IQ gemessen wird, entgegen der landläufigen Annahme nur etwa 20% zum Erfolg im Beruf und im Leben beisteuert, wurde der amerikanische Psychologe und Journalist Dan Goleman 1995 schlagartig berühmt. Mindestens ebenso wichtig wie der Intelligenz-Quotient seien so genannte "weiche" Fähigkeiten – Empathie (die Fähigkeit des Mitempfindens), Gefühlswahrnehmung, Konfliktfähigkeit, Selbstmotivation und Eigenschaften wie Optimismus, Kreativität, Ausdauer und Flexibilität. So neu war diese Erkenntnis gar nicht, erforschen US-Psychologen doch schon seit den 50er Jahren intensiv das Zusammenwirken von Emotionen und Intelligenz. Aber Golemans Verdienst besteht darin, einige markante Ergebnisse in seinem internationalen Bestseller "Emotionale Intelligenz" populärwissenschaftlich (leider auch vereinfachend) aufbereitet zu haben und damit ein großes Interesse an der Bedeutung der Emotionen für das individuelle Vorankommen und Wohlbefinden zu wecken.
Neben den bereits erwähnten Fähigkeiten schätzt Goleman das Erkennen der Gefühle anderer hoch ein: "Unter 1.011 getesteten Kindern waren diejenigen, die nonverbal Gefühle zu deuten verstanden, die beliebtesten in ihrer Klasse und die emotional stabilsten. Sie waren auch in der Schule erfolgreicher, obwohl ihr IQ im Durchschnitt nicht höher war als der von Kindern, die im Deuten nonverbaler Mitteilungen weniger gut waren ... Nach einer Faustregel der Kommunikationsforscher ist eine emotionale Mitteilung zu 90 oder mehr Prozent nonverbal." (s. S. 128) Neurologen haben festgestellt, dass es im Sehzentrum des menschlichen Gehirns Felder gibt, die darauf ausgerichtet sind, die Emotionen anderer zu deuten. Das Training dieser Hirnareale in der Kindheit könne, so Goleman, die emotionale und soziale Kompetenz eines Menschen beträchtlich steigern.

Emotionale Intelligenz in Bildung und Wirtschaft Die Vorteile einer verbesserten Wahrnehmung von Gefühlen und eines kompetenteren Umgangs damit sind weitgefächert: EI kommt zunächst der körperlichen und psychischen Gesundheit zugute, sie ist aber auch als wirksames Gegenmittel für die zunehmende Gewaltbereitschaft unter Kindern und Jugendlichen erkannt worden. Dankbar griffen US-Pädagogen und Schulpsychologen die Thesen Golemans auf und führten ab 1996 Programme zur Entwicklung von Emotionaler Intelligenz an einer Vielzahl von amerikanischen Schulen ein. Etwa das Megaskills-Trainingsprogramm der Erziehungswissenschaftlerin Dorothy Rich, das inzwischen in 48 US-Bundesstaaten an über 3.000 Schulen angewandt wird. Rich unterstreicht die Wichtigkeit von EI für die Herausbildung der elf "Megaskills" (skill = Fähigkeit), die insbesondere für die soziale Kompetenz entscheidend seien: Vertrauen, Motivation, Disziplin, Verantwortungsgefühl, Initiative, Ausdauer, Mitgefühl, Team-Geist, gesunder Menschenverstand, problemlösendes Denken und Konzentration. Diese elf Fähigkeiten gelte es in Vorbereitung auf die Informationsgesellschaft zu entwickeln.

Auch die Six Seconds EI Network von Joshua Freedman engagiert sich für das Bildungsziel Emotionale Intelligenz in Schulen und lehrt in Organisationen und Gemeinden rund um die Welt den respektvollen, erfolgreichen Umgang mit Emotionen. "Der Zweck von Bildung ist nicht die Anhäufung von Wissen, sondern die Entfaltung von Weisheit und Begeisterung", erklärt Freedman. "Gefühle zählen; sie sind ein wertvoller Teil von uns, von unseren Beziehungen und wesentlich für kreatives problemlösendes und kritisches Denken."

"Wie hoch ist dein EQ?" Stärker noch als im Bildungswesen setzten sich Golemans Thesen im Bereich der Unternehmensführung durch, denn Goleman hatte von Anfang an das Geheimnis des "Erfolges in Beruf und Leben" in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen gestellt. Heute berät seine Firma "Emotional Intelligence Services" international tätige Unternehmen, und EI-Seminare für Manager, Personalchefs und leitende Angestellte boomen – auch in Europa. Denn wer wollte nicht seine Führungsqualitäten vervollkommnen und seinen wirtschaftlichen Erfolg durch ein gutes Beziehungs- und Konfliktmanagement optimieren? Inzwischen wird die einseitig ökonomische Sichtweise von EI und ihren Einsatzmöglichkeiten, die übertriebene, vereinfachende Darstellung und irreführende Werbung für EI-Trainings immer vernehmbarer kritisiert.

Während die populären Definitionen von Emotionaler Intelligenz lediglich – wie oben – Auflistungen von wünschenswerten Charaktereigenschaften und Fähigkeiten sind, konzentrieren sich die wissenschaftlichen Definitionen der Psychologen und Neurowissenschaftler auf spezifische, überprüfbare mentale Fähigkeiten und geben Einblick, wie Gefühle am Erkenntnisvorgang beteiligt sind. Ein schwieriges Gebiet, und obwohl der so genannte EQ oder Emotions-Quotient heute viel beschworen wird – ein dem unanfechtbaren IQ-Testverfahren vergleichbares Messverfahren zur Feststellung der Emotionalen Intelligenz gibt es bis heute nicht. EQ ade!
Die bisher umfassendste Methode zur Erfassung der individuellen EI ist die "EQ-Map" von Esther Orioli, eine "Landkarte" der emotionalen und sozialen Interaktionsfähigkeit, die auf fünf Parametern beruht, darunter "Werte und Überzeugungen" und der gegenwärtige Standort im Leben. Im übrigen geht der geläufige Ausdruck "EQ" nicht etwa auf Daniel Goleman zurück, sondern auf die Journalisten des TIME-Magazins: Auf dem Cover der Ausgabe vom 2. Oktober 1995, zeitgleich mit dem Erscheinen seines ersten EI-Buches, stand als Aufmacher in riesigen Lettern: "What is your EQ?" – Wie hoch ist dein EQ?
Selbst der Ausdruck "emotionale Intelligenz" wurde nicht von Goleman geprägt, sondern vor ihm von den renommierten Gefühlsforschern Peter Salovey und John Mayer, und die Bezeichnung "emotional literacy" (dt. emotionale Kompetenz) für die Fähigkeit, Gefühle zu "lesen", d.h. zu verstehen und adäquat auszudrücken, stammt von Claude Steiner.

Emotionale Kompetenz lernen Den Problemen mit der Unwissenschaftlichkeit zum Trotz haben sich eine Reihe von Ansätzen und Methoden zur systematischen Förderung von emotionaler Intelligenz bewährt. Vor allem ist Claude Steiner, ein Schüler von Eric Berne, dem Begründer der Transaktionsanalyse, und sein Buch "Emotionale Kompetenz" (1996), ein praktisches Trainingsprogramm in 12 Schritten, hervorzuheben.
Emotionale Kompetenz, wie oben definiert, ist nach Steiner nicht identisch mit emotionaler Intelligenz, sondern nur ein Element davon. Seinem herzenszentrierten Ansatz zufolge hängt die Entwicklung vom emotionaler Kompetenz (EK) mit der Entwicklung von so genannten Herzensqualitäten zusammen; darunter sind vornehmlich Mitmenschlichkeit, Herzlichkeit, Wärme sowie das großzügige Geben und Annehmen von Zuwendung und positiver Anerkennung ("Streicheleinheiten") zu verstehen. Steiner fasst den Erwerb von EK in fünf Hauptfähigkeiten zusammen:

1. Gefühle erkennen
Schauen Sie ehrlich hin und erkennen Sie ihre wahren Gefühle, auch die unangenehmen (Scham, Furcht, Zweifel etc.). Benennen Sie das Gefühl so zutreffend wie möglich; erweitern Sie Ihren Gefühls-Wortschatz und differenzieren Sie Nuancen, z.B. zwischen "ärgerlich" und "zornig". Untersuchen Sie den Auslöser (Grund) für das Gefühl. Lernen Sie die Abstufungen in der Intensität Ihrer Gefühle unterscheiden: überwältigend, stark, schwach oder unterschwellig.

2. Empathie entwickeln
Empathie, auch Einfühlung genannt, ist das Vermögen, sich in die Lage anderer zu versetzen und ihre Gefühle in Resonanz nach- bzw. mitzuempfinden. Erspüren Sie die Gefühle ihrer Mitmenschen, als wären es die eigenen. Und verstehen Sie, warum sie sich so fühlen.

3. Mit Gefühlen umgehen
Haben Sie die Kontrolle über Ihre Gefühle? Können Sie mit ihnen umgehen? Beim Gefühlsmanagement geht es um adäquaten Ausdruck: Wir müssen wissen, wie der Ausdruck von Gefühlen auf andere Leute wirkt und wann und in welcher Form er angebracht ist. Es gilt ferner, a) positive Gefühle wie Freude und Liebe zu behaupten; b) negative Gefühle (wie Zorn, Schuld und Furcht) auf nicht verletzende und konstruktive Weise auszudrücken, und c) den richtigen Zeitpunkt für den Ausdruck von Emotionen zu erkennen.

4. Verantwortung übernehmen
Eigene emotional bedingte Fehler, durch die man andere verletzt hat, einzugestehen und wieder gutzumachen ist die schwierigste Komponente von EK. Statt einen Fehltritt unter den Teppich zu kehren, gilt es, die Verantwortung dafür zu übernehmen, um Verzeihung oder Vergebung zu bitten und aktiv den Schaden zu reparieren.

5. Den Kontakt unfallfrei gestalten
Alle Aspekte zusammenbringen: Um in emotional reibungsfreiem Austausch mit anderen zu stehen, spüren Sie die Gefühle anderer, erkennen und verstehen deren Zustand und können effektiv und ohne Gefühlsverletzung und –manipulation den Kontakt mit anderen pflegen.
Allen Methoden des Gefühlsmanagements liegt eine Haltung zugrunde: der/die Einzelne übernimmt die Verantwortung für die Folgen seines Fühlens, Denkens und Handelns. Gefühle kann niemand steuern, wohl aber das Verhalten, das darauf folgt. Wie Viktor E. Frankl, der Begründer der Logotherapie, unterstrich: Wir können nicht bestimmen, was auf uns zukommt, aber wir können wählen, wie wir darauf reagieren.

Die Gefühle in der Meditation Goleman zufolge ist die Fähigkeit zur Impulskontrolle ein besonders wichtiger Indikator für den Erfolg im Leben. Das bedeutet: rechtzeitig innehalten, tief durchatmen, Zeit gewinnen, sich selbst spüren, überlegen und dann erst sprechen oder handeln. Dabei wird die Aufmerksamkeit verlagert vom äußeren Geschehen auf die Vorgänge im eigenen Bewusstsein. Indem man den Schalter von außen nach innen umlegt, unterbricht man den Impuls zur Reaktion. Wer meditiert, dem ist dieser "Kameraschwenk" vertraut, denn in der Meditationspraxis übt man zuallererst, die Aufmerksamkeit von der Sinneswahrnehmung abzuziehen und willentlich zu lenken. Mit der Übung gelingt dies immer besser und schneller.

Meditation – sofern sie wirklich Meditation ist und nicht gedankliche Reflexion oder imaginierende Visualisierung – ist keine Flucht vor sich selbst und den Problemen des Lebens, sondern die radikalste Form der Selbstbegegnung überhaupt. In allen ernstzunehmenden Meditationspraktiken, wie z.B. Zen, Vipassana, Yoga oder christliche Kontemplation, ist es das Ziel, in der Stille des Bewusstseins seiner selbst gewahr zu werden – und zu bleiben. Zunächst steigen während der Meditation alle möglichen Bewusstseinsinhalte – Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Phantasien, Hoffnungen etc. – auf, doch lernt man sie ohne Identifikation, ohne Abwehr und ohne Beurteilung anzuschauen und "stehen zu lassen". Das ist alles andere als Verdrängung.

Allerdings können die Gefühle und Gedanken mitunter so erschreckend, so beschämend, so abstoßend sein, dass man am liebsten fliehen und die Praxis abbrechen möchte. Doch erfahrene Meditationslehrer raten dazu, sie mit einer Haltung von offener Akzeptanz auszuhalten, bei der Übung zu "bleiben" und Standhaftigkeit zu entwickeln. Denn durch das Wahrnehmen und "Stehenlassen" lösen sich die Gefühle und Gedanken auf, mit dem Ergebnis, dass sie immer langsamer fließen und zwischendurch der Träger dieser Bewusstseinsinhalte deutlich erfahren wird: das Bewusstsein, das wir selbst (und alle anderen Lebewesen) sind, kehrt zu sich selbst zurück. Erst dann durchschaut man die Gefühle: Sie sind nicht ein Teil von unserem wahren Selbst, denn sie vergehen, wir aber nicht.

Pema Chödrön, Lehrerin in der Nachfolge von Chögyam Trungpa, schreibt in ihrem neuesten Buch "Geh an die Orte, die du fürchtest" (Arbor 2002) über den Umgang mit Gefühlen in der Meditation: "Wir üben Meditation, um mit Maitri (Mitgefühl) und bedingungsloser Offenheit in Kontakt zu kommen. Indem wir nichts absichtlich abblocken, indem wir unsere Gedanken in dem Bewusstsein, dass sie nicht der Rede wert sind, direkt berühren und sie dann gehen lassen, können wir entdecken, dass unsere grundlegende Energie zart, gesund und frisch ist."
Je häufiger diese beglückende Selbst-Erfahrung in der Meditation gemacht wird, desto fester wird unser Stand in unserer Mitte und desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass wir wie vom Tsunami nach einem Seebeben bei Unannehmlichkeiten von unseren Gefühlen überwältigt werden. Wer auf die beschriebene Weise meditiert, dessen Gemüt wird klar und friedlich, seine E-Motionen bringen ihn nicht mehr aus der Ruhe, und er wird – ohne seinen Kopf erst einzuschalten – der einfühlsamen, uneigennützigen Zuwendung zum Nächsten fähig.


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