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Als »Phantasten« oder »Träumer« werden oft diejenigen verschrien, die eine neue, menschlichere Wirtschaftsordnung fordern. Die Anhänger des Neoliberalismus, der zins- und wachstumsgestützten globalen Finanzwirtschaft meinen dagegen, die Vernunft für sich gepachtet zu haben. Dabei sind die geistigen Grundlagen des herrschenden Systems zutiefst irrational und beruhen auf unhinterfragten Glaubenssätzen. Wie gläubig muss man im Grunde sein, um sich einzureden, dass fortgesetztes Wachstum ins Unendliche gesund sein kann oder dass ein auf skrupellosem Egoismus basierendes Wirtschaftssystem dem Wohle aller dient? Der Kapitalismus ist die heimliche Religion der Moderne - mit Dogmen, heiligen Schriften, Kultstätten (den Börsen), der Priesterkaste der Ökonomen und einem menschengemachten Gott - dem Mammon. Paradoxerweise formiert sich nun, am Anfang des 21. Jh., eine szenenübergreifende spirituelle (!) Bewegung, um die Sache der Vernunft zu vertreten, die falschen Götter vom Sockel zu stoßen und der Humanität zu ihrem Recht verhelfen
Seit der Aufklärung gilt die Rationalität der Marktwirtschaft als eines der wichtigsten Mittel für den zivilisatorischen Fortschritt. Mit ihr verknüpfen sich aufs Engste die Hoffnungen auf Wohlstand, Demokratie und weltweiten Frieden. Spätestens heute, da nach dem globalen Siegeszug der Marktwirtschaft mehr als zwei Drittel der Menschheit vom materiellen Wohlstand ausgeschlossen sind und sich die weltweite Kluft zwischen Arm und Reich sogar noch vergrößert hat, stellt sich zwingend die Frage: Was ist eigentlich gemeint, wenn von der Rationalität des Marktes die Rede ist? Der schottische Aufklärer Adam Smith, auf den sich bis heute die moderne Nationalökonomie beruft, schrieb in seinem 1776 erschienenen Hauptwerk zur »Natur und den Ursachen des Wohlstands der Nationen«: »Indem er (der wirtschaftende Mensch) die Erwerbstätigkeit so leitet, dass ihr Produkt den größten (Geld-)Wert erhalte, verfolgt er seinen eigenen Gewinn und wird in diesen wie in anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, einen Zweck zu fördern, den er in keiner Weise beabsichtigt hatte.« Das Zitat zeigt: Die viel beschworene marktwirtschaftliche Rationalität fußt tatsächlich auf einem zutiefst irrationalen Affekt: Es handelt sich ausgerechnet um den Egoismus des Menschen, der zuvor von (fast) allen Kulturen als »Sünde«, also als amoralischer »Raubtierinstinkt« gebrandmarkt wurde und gerade nicht die Oberhand gewinnen dürfe im Denken und Handeln des Einzelnen und der Gesellschaft. Aber damit nicht genug: Der Egoismus solle in der neuen, dynamischen Ökonomie systematisch gefordert und gefördert werden - durch das von moralischen Skrupeln befreite Streben des Einzelnen nach Geld, wie Adam Smith unterstreicht.
Einen Gott ersetzen Die epochale Neubewertung des menschlichen Egoismus und des Strebens nach Geld und Reichtum bedeutete den endgültigen Bruch mit einem seit mehr als 3000 Jahren gültigen Wertekonsens. Schon bei Aristoteles stieß die Orientierung auf das Geld auf entschiedene Ablehnung: »Das Leben eines Geldmenschen hat etwas Forciertes an sich, und der Reichtum ist gewiss nicht das Gesuchte Gute«. Auch das christliche Zeitalter versuchte immer wieder das kategorische Urteil des Menschensohnes (»Ihr könnt nicht Gott dienen und zugleich dem Mammon«) zu untermauern. Wie also lässt sich eine solch radikale Kehrtwende der Werte erklären? Die zentrale Aussage bei Adam Smith gibt die Antwort: Entgegen der landläufigen Überzeugung haben gerade nicht die »Rationalität« des Marktes und mit ihr die angebliche Objektivität der ökonomischen Wissenschaft entscheidend dazu beigetragen, den christlichen Glauben aus der »unmündigen Welt« zu schaffen. An die Stelle des alten Glaubens ist vielmehr ein neuer Glaube getreten: der an die dynamische Kraft des menschlichen Egoismus, der durch die »unsichtbare Hand« des Marktes den »allgemeinen Nutzen« mehrt. Mit der weithin unhinterfragten Konstruktion der »unsichtbaren Hand«, die Adam Smith aus der antiken Religion der Stoa entlehnt hat, reiht sich die moderne Marktwirtschaft selbst wieder in die obskure Welt der Mythen ein, was freilich durch die wissenschaftliche Sprache kaschiert ist. Ihre Fundamente sind zutiefst irrational und gemessen an den selbst gestellten Ansprüchen der Aufklärer in höchstem Grade vormodern. Nur vor dem Hintergrund dieser neuen, unhinterfragten Glaubenswahrheit scheint überhaupt erklärlich, wie etwas, das bis dato als »sündhaftes, unsittliches und gemeinschaftsschädigendes Verhalten« galt, überhaupt salonfähig werden konnte - oder, um es mit dem unerhörten Wort Goethes zu sagen: »Einen Gott ersetzen kann nur ein anderer Gott.«
Glück kaufen Wie eng Wertesystem und Ökonomie tatsächlich miteinander zusammenhängen, zeigen indes die Krisensymptome, die jetzt überall sichtbar werden: Wo die Maximierung des individuellen Nutzens der Maßstab ist und gleichzeitig die »Steuermoral« sinkt, lässt sich der Sozialstaat immer weniger aufrecht erhalten. Allein in Deutschland wurden, so der Bund der Steuerzahler, im Jahr 2003 steuerpflichtige Gelder in Höhe von 400 Milliarden Euro am Fiskus vorbei auf Steueroasen lanciert. Wo Geld alles ist, was zählt, und kein Wille ist, Solidarität staatlich zu organisieren, da ist das Gesetz ein allzu stumpfes Schwert. Und was des großen Mannes Steuerhinterziehung ist, ist des kleinen Mannes »Sozialbetrug« respektive »Schwarzarbeit«. Die so genannte »Schattenwirtschaft« ist seit 1975 in Deutschland jährlich im Schnitt um rund 4% gestiegen und liegt gegenwärtig bei einem Volumen von 340 Milliarden Euro. Dahinter steht jene für die Marktwirtschaft charakteristische Motivation, die längst den Charakter eines Heilsversprechens angenommen hat: die mittlerweile tief im Unterbewusstsein verankerte Botschaft, Glück kaufen und Zukunft mit Geld sichern zu können.
Der Zins Die Amoral des »individuellen Nutzens« ist hier jedoch nur eine Facette des modernen Mythos Marktwirtschaft. Neben der kontinuierlich gesunkenen Hemmschwelle, sich auf Kosten der Allgemeinheit und an der Steuer vorbei zu bereichern, stellt das System der Geldwirtschaft selbst ein kongeniales Instrument zur Reichtumsmehrung auf Kosten anderer zur Verfügung: den Zins. In der Geschichte der Menschheit und der Religionen gibt es kaum etwas, das derart kategorisch verurteilt wurde wie der Zins oder der »Wucher«, wie er im Mittelalter genannt wurde. Im christlichen wie auch im islamischen Verständnis wurde der Zins als Diebstahl vor allem an der Arbeit anderer angesehen: »Und was immer ihr an Zins (riba) verleiht, damit es sich mit dem Gut der Menschen mehre, es vermehrt sich nicht vor Allah« (Koran: Sure 30, 39). Bei Mose im alten Testament heißt es: »Du sollst nicht Zins auferlegen deinem Bruder«. Der Geldverleiher, der das überschüssige Geld nicht notwendig braucht, macht aus der Armut dessen, der dringend auf das Geld angewiesen ist, seinen Geldreichtum. Genau das ist der Punkt, an dem der Koran, das Judentum und die biblische Religion ihre flammende Kritik entzünden. Jesus von Nazareth spitzte das Zinsverbot noch zu, indem er in der Bergpredigt forderte: »Tut Gutes und leiht, wo Ihr nichts dafür zu bekommen hofft« (Lukas 6, 35). Im christlichen Zeitalter herrschte das immer wieder auf Konzilen der katholischen Kirche bestätigte Zinsverbot - wer mit Zinsen Geschäfte machte, musste damit rechnen, von der christlichen Gemeinschaft isoliert zu werden: »Wer Zins nimmt, wird mit dem Königsbann belegt«, so Kaiser Lothar im Jahre 825, »wer wiederholt Zins nimmt, wird aus der Kirche ausgestoßen und soll vom Grafen gefangengesetzt werden.«
Die Verschuldung Warum gibt es in der modernen Ökonomie überhaupt Zinsen? Was haben sie mit der nach wie vor wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich zu tun? Warum ist der Zins die Ursache für die immer größer werdende Verschuldung der öffentlichen und privaten Haushalte? Zinsen sind nach Meinung der herrschenden Ökonomen für die Marktwirtschaft unabdingbar, weil sie allein den Anreiz bieten, dass die Geldbesitzer ihr Geld nicht zurückhalten, sondern dem Wirtschaftskreislauf zur Verfügung stellen. Was uns heute wie selbstverständlich erscheint, ist bei Lichte betrachtet allein deshalb problematisch, da der Zins als Mittel der Umlaufsicherung die Risiken einseitig auf den Geldnehmer abwälzt. Jeder Kreditnehmer muss über den Zins mehr zurückzahlen, als er bekommen hat (in der Regel bei z.B. 25 Jahren Gesamtlaufzeit mindestens das Doppelte!). Der Gewinn ist also von vornherein auf der Seite des Geldgebers kalkuliert, während der auf das Geld angewiesene Kreditnehmer mit allem, was er an zuvor erworbenen Sicherheiten hat, für die Begleichung des Kredits und der Zinsen haftet. Die Konsequenzen haben mittlerweile dramatische Züge angenommen und stellen das Erfolgsmodell der »Sozialen Marktwirtschaft« nachhaltig in Frage: Die Schuldenlast der Unternehmen ist seit den fünfziger Jahren um mehr als das zehnfache auf 3.575 Milliarden Euro (2001) gestiegen. Der Schuldendienst des Bundes macht bereits den zweitgrößten Etatposten des Bundeshaushalts aus, und er wird in Zukunft durch den exponentiell wirkenden Zinseszinseffekt noch weiter ansteigen. Im Bereich des Sozialen, der Bildung, der Kultur, der Infrastruktur usw. muss infolgedessen immer rigoroser gespart werden. Gleichzeitig steigen die Steuern und Abgaben auf die Erwerbsarbeit. Die Zahl der Insolvenzen kleiner und mittelständischer Unternehmer, die an zwei Fronten gegen wachsende Zins- und Abgabenlast sowie sinkende Konsumfähigkeit der Bürger kämpfen müssen, erreichen Jahr für Jahr neue Rekorde.
Was ist Wachstum? Wer einen Kredit aufnimmt und mehr zurückzahlen muss, als er bekommen hat, muss ökonomisch wachsen. Dieses Wachstum kann auf zweierlei Weise erzielt werden: Zum einen ist es das Ergebnis eines Verdrängungsprozesses durch Konkurrenz: Der Vorteil des einen ist der Nachteil des anderen. Andererseits basiert ökonomisches Wachstum auf der permanenten Vernutzung und Verwertung natürlicher Ressourcen. Die ökologische Kehrseite: In den letzten 20 Jahren hat sich etwa der weltweite PKW-Verkehr verdoppelt. Die Industrieländer - mit Ausnahme der USA - hatten sich nach dem internationalen Klimaprotokoll von Kyoto verpflichtet, bis zum Jahre 2012 ihre Treibhausgase im Vergleich zu 1990 um 5,2% zu reduzieren. Einer aktuellen Studie der Vereinten Nationen zufolge ist aber derzeit eher mit einem weiteren Anstieg der Treibhausgase um 17% bis zum Jahr 2010 zu rechnen. Wenn die Naturschäden im gleichen Ausmaß zunehmen wie in den letzten 30 Jahren, wird nach aktuellen Berechnungen der Münchener Rückversicherung im Jahre 2060 das gesamte Sozialprodukt der Welt nicht mehr ausreichen, um die weltweiten Naturschäden zu bezahlen.
Ethik und Ökonomie Was folgt aus all dem? Zunächst einmal gilt die Erkenntnis, dass das unbegrenzte, exponentielle Zinswachstum als Motor unseres Wirtschaftssystems die Begrenztheit alles Irdischen ignoriert. Damit wird es notwendigerweise die ökologische und - angesichts der gewaltigen Zinsströme von den Habenichtsen zu den Vermögenden - auch die soziale Katastrophe heraufbeschwören. Darüberhinaus folgt, dass Ökonomie und Ethik nicht zu trennen sind. Etwas, das ethisch verwerflich ist, darf nicht länger in der ökonomischen Praxis als völlig legitim gelten. Der Zins, der seit mehr als dreitausend Jahren von allen Weltreligionen aufs schärfste verurteilt wurde, weil er einige wenige auf Kosten der vielen und der Schöpfung immer reicher macht, darf nicht länger Grundlage unseres Wirtschaftssystem sein. Vor mehr als 80 Jahren haben Silvio Gesell und nach ihm John Maynard Keynes erkannt, dass unser Geldsystem auf einer Fehlkonstruktion beruht. Daraufhin wurden Geld- und Währungssysteme entworfen, die entweder das Zinsprinzip umkehren (also einen Wertverlust des Geldes durch eine »Liegegebühr« fordern) oder gar ganz ohne Zinsen auskommen. Weltweit existieren bereits über 4000 funktionierende regionale Geldsysteme, die als Komplementärwährungen die offizielle Währung ergänzen. In den 80er Jahren waren es nicht einmal 100: So sind Time Dollars in den USA, grüne Dollars in Kanada, Neuseeland und Australien, Wir in der Schweiz, Chiemgauer und Roland in Deutschland, um nur einige zu nennen, sehr wirkungsvoll dabei, »nachhaltigen Wohlstand« zu schaffen. Es entsteht dabei ein Klima, das nicht mehr von Konkurrenz, sondern durch wirtschaftliche Dynamik, hohen sozialen Zusammenhalt und Schonung der Umweltressourcen geprägt ist.
Ganzheitlichkeit Ökonomie soll für den Menschen da sein und nicht umgekehrt. Die Wirtschaft soll lediglich Mittel und nicht Zweck für das »gute Leben« sein. Heute ist Geld allerdings viel mehr als ein Tauschmittel, es ist längst zum Selbstzweck geworden. Geld ist zur »alles bestimmenden Wirklichkeit«, zum menschengemachten Gott aufgestiegen, der freilich gerade durch das kaum diskutierte Dogmengebäude der herrschenden Wirtschaftslehre verhüllt wird. Dort wird immer noch behauptet, Geld sei in der modernen sogenannten Marktwirtschaft nicht mehr als ein »neutrales Tauschmittel«. Martin Luther wusste es besser: »Woran du nun (sage ich) dein Herz hängst und dich darauf verlässt, das ist eigentlich dein Gott. (...) Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat; er verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er niemand etwas gibt. Siehe: dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, was auch der allergewöhnlichste Abgott auf Erden ist.« Ökonomie und Ethik, Wissen und Glaube gehören zusammen - ebenso wie man Vernunft und Gefühle nicht voneinander trennen kann. Eine Wirtschaftsform, die nicht in irgendeiner Form ethisch fundiert ist, gibt es nicht! Diese Erkenntnis birgt auch enorme Chancen, wirtschaftliches Handeln so zu gestalten, dass es wirklich wieder dem Leben dient. Religionen wie der Islam und das Christentum, denen immer schon der Vorrang des Lebens vor den scheinbaren Sachzwängen des Ökonomischen am Herzen gelegen hat, können entscheidend zur Schaffung eines entsprechenden Bewusstseins beitragen. Nach Immanuel Kant ist Aufklärung der »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit«. Die historische Mission der Aufklärung kann erst vollendet werden, wenn es uns gelingt, eine Wirtschaftsform zu schaffen, mit der wir uns aus »selbstverschuldeter Unmündigkeit« befreien und die Verantwortung für unser Handeln wieder in die eigenen Hände nehmen.
Dieser Artikel ist erschienen in der connection-Ausgabe 5/2004: www.connection.de
Heiko Kastner, Jg. 1966, verheiratet, 3 Kinder. Studium d. Politikwissenschaft, Germanistik und VWL. Seit 2001 in Meppen geschäftsführend im Einzelhandelsbetrieb Uhren, Schmuck, Augenoptik. Langjähriges Engagement in der Lokalen Agenda 21 im Themenbereich „Zukunft der Arbeit“. Z.Zt. aktiv beim Aufbau der regionalen Komplementärwährung „Emstaler“. Kontakt: heiko.kastner@gmx.de oder www.mythos-marktwirtschaft.de
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