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Viele führende zeitgenössische Denker, Futuristen, Wissenschaftler und Visionäre machen uns mahnend darauf aufmerksam, dass die kommenden 20 bis 30 Jahre eine Periode der evolutionären Krise und einer Prüfung für die menschliche Spezies sein werden. Diese Veränderungen verunsichern viele Menschen. Sie suchen nach Gründen für die globale Krise und nach Lösungsansätzen. Der Sozialwissenschaftler Duane Elgin erklärt die momentanen Umbrüche folgendermaßen: »Wir sind auf einer abenteuerlichen Reise – einer Heldenreise – und uns steht eine Initiation bevor«.
Die Zeit in der wir leben, ist eine besondere Zeit. Ein neues Jahrtausend hat begonnen, und viele Menschen empfinden, dass wir uns gleichzeitig an der Schwelle zu einer neuen Epoche der Menschheitsgeschichte befinden.
Globale Veränderung Wir müssen uns mit dem Zusammentreffen einer ganzen Reihe starker Strömungen auseinandersetzen. Dies sind zum einen ökologische Veränderungen wie der globale Klimawandel und das Artensterben, aber auch gesellschaftliche Entwicklungen wie das enorme Bevölkerungswachstum und die Ausbreitung der Armut. Diese Faktoren beeinflussen und verstärken sich gegenseitig, so dass es bereits heute keinen Platz mehr auf der Welt gibt, an dem man den Veränderungen noch entkommen könnte. Wenn die Entwicklung wie bisher weitergeht, wird eine Krise des gesamten Systems in den nächsten 20 Jahren eine unausweichliche Realität sein. Die Menschheit wird entweder zur Lösung der anstehenden Probleme an einem Strang ziehen oder ihre ökologischen Grundlagen weiter überstrapazieren und ihr Lebensgrundlage zusammenbrechen sehen.
Roter Faden Angesichts dieser Zuspitzung der globalen Lage fragen sich viele Menschen, worin der Sinn und das Ziel dieser Entwicklung liegt. Überlegt wird auch, ob sich quasi ein roter Faden durch das Geschehen zieht, der helfen könnte, die Vergangenheit zu analysieren und Prognosen über die zukünftigen Abläufe sowie über die erfolgversprechendsten Verhaltensweisen zu machen. Zur Beantwortung dieser Fragen haben in der letzten Zeit führende Denker und Wissenschaftler unterschiedliche Konzepte entwickelt sowie Modelle erörtert. In diesem Zusammenhang ist natürlich Ken Wilber zu nennen, der gleich einem Kartographen »Landkarten« von der evolutionären Entwicklung der Menschheit zeichnet (s. zu den neuesten Projekten und Theorien von Ken Wilber den Artikel in connection Spirit 10/ 2005). Eine andere Methode der Zukunftsprognose – die des Sozialwissenschaftlers und Mitglied des Club of Budapest Duane Elgin – orientiert sich am Mythos der »Heldenreise«.
Verschiedene Kulturen – ein Mythos Der Begriff »Heldenreise« als Metapher für die menschliche Entwicklung wurde erstmals von Joseph Campbell verwendet. Joseph Campbell wurde 1904 in New York geboren und studierte an der Columbia University sowie in Paris und München. Er war anschließend Professor für Psychologie in New York. In seinem bekanntesten Werk »Der Heros in tausend Gestalten« hat Campbell Mythen aus aller Welt untersucht und festgesellt, dass sie gemeinsame Motive und Grundstrukturen aufweisen. So ist der »Heros« oder »Held« in diesen Geschichten häufig ein Individuum, das außerhalb der Gesellschaft steht und sich auf die Reise begibt, um zu suchen, woran es der Gesellschaft fehlt.
»Der Kreis hat sich geschlossen – es gibt keinen Ausweg mehr« Duane Elgin Nach der Beobachtung Campbells geht der inneren oder äußeren »Reise« dieses Helden häufig ein empfundener Mangel oder ein Zusammenbruch der vertrauten Lebensbedingungen voraus. Der Heros bricht auf, um einen Weg zu finden, wie das gestörte Gleichgewicht wieder hergestellt werden kann. Oft wird die Lösung des Problems durch einen Gegenstand – etwa einen Ring oder, wie im Falle im Falle Jasons und der Argonauten, ein Widderfell – symbolisiert. Tatsächlich handelt es sich aber häufig um eine innere Entwicklung, eine Erkenntnis oder einen Reifeprozeß. So ist Campbell im Rahmen seiner umfangreichen Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, dass bestimmte psychologische Grundsituationen weltweit Gültigkeit haben, weil sie auf allgemeine menschliche Erfahrungen zurück gehen. Der von Campbell entwickelte Monomythos der »Heldenreise« scheint somit gleichsam eine Grundmatrix zu sein, dem das äußere und innere Erleben vieler Menschen entspricht. Der Mythos des Helden spiegelt sich in vielen Märchen und Sagen, aber auch in den Skripten von Drehbüchern und Romanen wieder. Ein berühmtes Beispiel für eine filmdramaturgische Umsetzung sind beispielsweise die »Star Wars« Filme von George Lucas.
Der Weg des Helden Der Ablauf der Heldenfahrt ist im Wesentlichen immer gleich. Der Protagonist der Heldenreise durchläuft typischerweise die folgenden drei Stationen: Separation, Initiation und Rückkehr. Die Phase der Separation beginnt in der Regel mit dem Helden, der seine Heimat verlässt, um nach dem tieferen Sinn des Lebens zu suchen. Dann folgt eine Zeit, in welcher der Held sich einer Initiation in Form eines besonderen Tests unterzieht und so in die Geheimnisse der Natur und des Universums eingeweiht wird. Diesen Brauch der Initiation kennen alle größeren Kulturen. Die entsprechenden Riten haben mindestens die folgenden zwei Aspekte gemeinsam: Zum einem markiert die Initiation für das Individuum einen entscheidenden Übergang von einer Phase des Lebens zur nächsten (wie z.B. von der Jugend zum Erwachsensein), zum anderen eröffnen Initiationsriten neue Wege im Umgang mit anderen Menschen.
»Der erste Schritt in die Landschaft der Prüfungen stellt nur den Anfang eines langen und gefahrvollen Weges von Eroberungen und Augenblicken der Erleuchtung dar. Wieder und wieder sind nun Drachen zu besiegen und unvermutete Schranken zu überwinden« Joseph Campbell
Die Erfahrung der Initiation knüpft Verbindungen für alle, die sie durchlebt haben. So kehrt der Held schließlich mit dem durch die überstandene Prüfung erworbenen Wissen und der Fähigkeit zur Erneuerung zurück. Joseph Campbell sagt dazu, dass das Kernziel dieses »heiligen« Wissenserwerbs in allen Kulturen im Wesentlichen darin bestehe, dass der Held am Ende über ein Gespür für die Wunder und die Teilhabe an diesem unendlichen Universum verfüge. Dieses Wissen erwerbe er aber nicht zum Selbstzweck. Vielmehr gehe an einer bestimmten Grenze der Raum des Persönlichen in den Erinnerungs- und Erfahrungsraums der gesamten Menschheit über. Es sei daher die Aufgabe des Helden, sein hart erarbeitetes Wissen und seine Fähigkeit zur Transformation einzusetzen, um die Gesellschaft zu erneuern.
Globale Initiation Aufgrund dieses gesellschaftlichen Bezugs lag es für den Sozialwissenschaftler Duane Elgin nahe, den Mythos der Heldenreise auf die Situation der globalen Gemeinschaft zu übertragen. Für sein Buch »Ein Versprechen für die Zukunft« hat er mehr als 25 Jahre lang den Zustand der Menschheit untersucht und festgestellt, dass die Weltbevölkerung im Moment in Richtung eines evolutionären Zusammenbruchs oder einer»Initiation« steuert. Nach den Erkenntnissen von Elgin hat die Menschheit in den letzten 35.000 Jahren eine Phase der Separation durchlebt, die im Ergebnis zu einer komplexen, stufenweisen Abspaltung von der Natur geführt hat. Insbesondere in den letzten 50 Jahren habe unsere Entfremdung von der Natur mit der Massenausrottung anderer Spezies und der Störung des globalen Klimas drastische Folgen gezeigt. Diese und viele andere Anhaltspunkte weisen darauf, dass die menschliche Familie nun in ihre Zeit der Initiation eintreten wird. Wir sind auf unserer Reise – ähnlich wie der Protagonist der Heldenreise – an einem Punkt angekommen, an dem es zu entscheiden gilt. Auch wenn die Menschheit im Verlauf ihrer bisherigen Entwicklung bereits mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert wurde, sahen wir uns noch nie einer Problemlage gegenüber, die unseren ganzen Planeten und uns als Spezies in ihrer Existenz bedrohte. Die gesamte menschliche Bevölkerung wird in diesen Jahren mit einem Dilemma konfrontiert, zu dessen Lösung es der Zusammenarbeit aller bedarf in einem Maß, wie das noch nie zuvor der Fall war.
Vorbereitung Elgin ist der Ansicht, dass noch nicht entschieden sei, ob wir diese Prüfung bestehen werden. Er bezeichnet die uns bevorstehende Prüfung auch als »Zerreißprobe«. Es gebe aber durchaus gute Chancen dafür, dass die Menschheit den anstehenden »evolutionären Sprung« bewältigen werde. So laufen zur Zeit vier mächtige Trends zusammen, welche uns in die Lage versetzen könnten, die kommenden Herausforderungen zu meistern. Der erste dieser Trends ist das Hervortreten eines neuen Paradigmas der Wahrnehmung, welches uns dazu einlädt, die Lebendigkeit und die Einheitlichkeit des Universums zu erfassen. Bisher hielten die Wissenschaften das Universum in seinen Grundelementen für unbelebt, doch heute deutet vieles darauf hin, dass das Universum sich ähnlich wie ein lebendiger Organismus verhält. Elgin sagt dazu »So etwas wirkt transformiernd. Die Idee und die direkte Erfahrung des Universums stellt unsere Ansichten darüber, wer wir sind und wohin wir gehen, in einen vollkommen neuen Zusammenhang.« Der zweite Trend ist die Veränderung hin zu einfacheren Lebensstilen und zu einer die Erde weniger belastenden Lebensweise. Es sieht danach aus, als würden viele Menschen bereits jetzt ihr Leben freiwillig einfacher gestalten, um so zu einer erfüllenderen und tragfähigeren Lebensweise zu finden. Der dritte Trend ist die globale Kommunikationsrevolution, die uns die Werkzeuge zur Verfügung stellt, um ein gemeinsames – ja sogar globales Vorgehen – abzustimmen und so unseren Weg in eine positive Zukunft zu bahnen. Diese drei Trends ermöglichen schließlich den vierten Trend – die Aussöhnung. Bei seinen Recherchen hat Elgin ein gereifteres Bewusstsein dafür festgestellt, dass Versöhnung unabdingbar ist für das Überleben auf unserem Planeten. Es geht um die Aussöhnung zwischen ethnischen Gruppen, Völkern und den Geschlechtern, um Fragen der Einkommensverteilung, um die Beilegung von Generationenkonflikten sowie um eine Annäherung an andere Lebewesen von denen wir uns abgeschottet hatten. Nur diese Aussöhnung kann es uns schließlich ermöglichen, alte Wunden zu heilen, die uns Menschen von der Freisetzung unserer Potenziale abhalten.
Offenes Ende Gerade in diesem Aufeinandertreffen der schädlichen mit den chancenreichen Trends sieht Duane Elgin eine besondere Ironie, aber auch eine Chance. Im Moment sieht es so aus, als ob wir durch unser eigenes Handeln die Umstände selbst schaffen, die zu einer Prüfungssituation kumulieren, in der wir beweisen müssen, ob wir in der Lage sind, neue Höhen der Reife und Gemeinschaft zu erklimmen. Duane Elgin beschreibt die Situation in seinem Buch folgendermaßen: »Die Menschheit initiiert sich auf diese Weise selbst«. Der Ausgang dieser Heldenreise ist – wie in jeder spannenden Geschichte – zur Zeit noch offen, aber es gibt Hoffnung.
von Dr. Claudia Rinke
Bücher
- Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten, Insel Verlag
- Duane Elgin: Ein Versprechen für die Zukunft, Kamphausen Verlag
- Ken Wilber: Halbzeit der Evolution, Fischer Verlag
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