Der Klimawandel und seine Folgen - Eine Bestandsaufnahme

Claudia Hötzendorfer

Stürme, Überschwemmungen, Waldbrände, Hitzewellen und schmelzende Gletscher: die Katastrophenmeldungen scheinen sich in den letzten Jahren zu häufen. Anzeichen der globalen Erwärmung oder droht uns die nächste Eiszeit? Nicht nur Wissenschaftler und Journalisten äußern sich zu diesem Themenkomplex, immer öfter entdecken auch Romanautoren und Filmemacher die Chance, ihr Publikum für den Klimawandel und seine Folgen zu sensibilisieren.

Stürme, Überschwemmungen, Waldbrände, Hitzewellen und schmelzende Gletscher: die Katastrophenmeldungen scheinen sich in den letzten Jahren zu häufen. Anzeichen der globalen Erwärmung oder droht uns die nächste Eiszeit? Nicht nur Wissenschaftler und Journalisten äußern sich zu diesem Themenkomplex, immer öfter entdecken auch Romanautoren und Filmemacher die Chance, ihr Publikum für den Klimawandel und seine Folgen zu sensibilisieren.

Nach wochenlangem Dauerregen wird Manhattan von einer meterhohen Flutwelle überspült. Aus Regen wird Schnee, und der Big Apple erstarrt innerhalb kürzester Zeit zur unwirtlichen Eiswüste. Ein Schicksal, das die amerikanische Metropole mit der gesamten nördlichen Hemisphäre teilt. So malt sich Regisseur Roland Emmerich in seinem Film „The Day After Tomorrow“ die nächste Eiszeit aus. Inspiriert wurde er durch das Buch „Sturmwarnung“ der amerikanischen Journalisten Art Bell und Whitley Strieber. Darin beschreiben die beiden, wie sich ein Versiegen des wärmenden Golfstroms auf die globale Wetterlage auswirken kann.
  Der Spanier Ponce de Leon entdeckte 1513 die warme Meeresströmung, die am Golf von Mexiko entspringt und von dort die US-Ostküste hinauffließt, um darauf den Atlantik zu überqueren, wo sie sich verzweigt. Ein „Ast“ fließt als nordatlantischer Strom hinauf bis Norwegen. Das warme Wasser sorgt für ein gemäßigtes Klima. Um einen Temperaturabfall hervorzurufen, muss der Golfstrom nicht versiegen; eine Veränderung in seinem Verlauf hätte schon einen ähnlichen Effekt.

Droht uns wirklich die nächste Eiszeit?
Klimaforscher sagen ja – aber nicht in den nächsten zehn, zwanzig oder hundert Jahren. Tatsächlich ergaben 3 km tiefe Bohrungen im Permafrost der Antarktis, dass es offenbar erst in rund 15.000 Jahren soweit sein soll. Was nicht heißt, dass die globale Erderwärmung diesen Prozess nicht beschleunigen kann und wird. Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, verglich ein europäisches Forscherteam die charakteristischen Klimaveränderungen mit heutigen Daten globaler Umweltbedingungen.
  Die Wissenschaftler holen für ihre Untersuchungen so genannte Eiskerne von bis zu 3 km Länge und 10 cm Durchmesser aus dem gefrorenen Boden des Südpols. Dieses Eis besteht aus zusammengepressten Schneeflocken, die in denn letzten Jahrtausenden gefallen sind und dabei Luftpartikel aufgenommen haben. Aus den Schneeflocken wird schließlich Eis, das Luft und Schwebestoffe in kleinen Bläschen konserviert. Aus der jeweiligen Zusammensetzung im Eis lassen sich schließlich Rückschlüsse auf klimatische Bedingungen ziehen, wie beispielsweise diese: In den letzten 740.000 Jahren hat die Erde acht Eiszeiten erlebt. In den zurückliegenden 400.000 Jahren waren die wärmeren Perioden zwischen den Eiszeiten durch Temperaturen gekennzeichnet, die den heutigen sehr nahe kommen.
  In einem nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler aus den im Eis konservierten Bläschen außerdem Rückschlüsse auf die Veränderungen in der Zusammensetzung der Erdatmosphäre ziehen. So hoffen sie, Vorhersagen auf künftige Klimawandlungen machen zu können.

Eher Backofen als Kühlschrank
Also Entwarnung? Kein plötzlicher Kälteeinbruch á la Hollywood? Der britische Umwelt-Journalist Mark Lynas hat zu Roland Emmerichs Vision und zur Schwarzmalerei seiner amerikanischen Kollegen Bell und Strieber eines Supersturms als Auslöser für diese globale Katastrophe eine klare Meinung: „Alles Nonsens! Wir sollten uns viel mehr Gedanken um eine globale Erwärmung machen.“
  Für sein Buch „High Tide“, das ironischerweise in Deutschland den gleichen Titel („Sturmwarnung“) wie die Veröffentlichung von Bell und Strieber trägt, reiste Lynas an globale Brennpunkte, um sich mit eigenen Augen von den Auswirkungen des Treibhauseffektes zu überzeugen, und musste zu seinem Schrecken feststellen, dass sie sich bereits existenzbedrohend für die Inuit in Alaska und die Bewohner der Pazifischen Inselgruppe Tuvalu auswirken.
  „Ganze Inseln versinken im Meer“, ärgert sich Mark Lynas. „Durch das Abschmelzen der Polkappen steigt der Meeresspiegel an. Erst einmal nicht viel, aber mit der Zeit wird es für die Bewohner von Tuvalu lebensbedrohlich.“ Mit eigenen Augen konnte sich der engagierte Brite davon überzeugen, wie sich das Meerwasser durch das Grundwasser nach oben drückt und damit die Felder, auf denen die Insulaner ihr Hauptnahrungsmittel, die Palaka-Pflanze, anbauen, durch den hohen Salzgehalt unfruchtbar macht. Regelmäßig unterspült die Flut die Deiche und überflutet die Siedlungen.

Tauende Gletscher
1980 fotografierte Mark Lynas Gletscher in den Bergen Perus. 20 Jahre später machte er von den gleichen Stellen erneut Bilder und war entsetzt. Nur zu deutlich zeigte sich, wie die Gletscher allmählich verschwinden. Ein Phänomen mit globalen Ausmaßen, das mittlerweile alle Hochgebirgszüge betrifft. Für den Rückgang der Eisdecke machen Wissenschaftler ausbleibende Schneefälle im Winter ebenso wie zu heiße Sommer und ganzjährige starke Niederschläge verantwortlich.
  Wie sehr die Alpen bereits bedroht sind, zeigt eine Ausstellung der „Gesellschaft für ökologische Forschung“ im Alpinen Museum auf der Münchner Praterinsel, die ähnlich wie Mark Lynas die Veränderungen über Jahre hinweg in Bildern dokumentiert hat.

Land unter im Südseeparadies
„Tuvalu könnte sich als eins der kurzlebigsten Länder der Geschichte erweisen“, unkt Lynas. Wie Recht er damit hat, bewies ihm ein Besuch auf der Insel Tepuka Svilivili, deren Vegetation den Kampf gegen das Salzwasser verloren hat. Übrig geblieben ist eine unfruchtbare und unbewohnbare Ödnis, die nach und nach im Ozean versinkt. „Die Leute von Tuvalu denken ernsthaft über eine Umsiedlung nach“, berichtet Lynas. „Das bedeutet, sie müssen nicht nur ihre Heimat verlassen, sondern geben auch ein großes Stück ihrer Kultur auf.“
  Ein Besuch bei den Inuit in Alaska konfrontierte den Journalisten aus Oxford mit weiteren Katastrophen. Wie in vielen Bergregionen ist auch in Alaska der so genannte Permafrost dafür verantwortlich, dass der Boden und Hänge immer stabil bleiben. Taut jedoch dieser Permafrost, rutschen ganze Bergflanken ab oder – wie in Fairbanks und Umgebung – gibt der Boden nach. Die Häuser senken sich ab und werden unbewohnbar. Der tauende Boden wird außerdem wasserdurchlässig, ganze Seen laufen auf diese Weise leer und „verschwinden“ einfach. Mit den Seen gehen auch die Fischbestände zurück.
  Die Schäden durch den Klimawandel sind in Alaska überdeutlich, doch die Politiker tun sich schwer, gegen die drohende Katastrophe anzusteuern. „Die Öl-Industrie ist nicht nur enorm einflussreich, sie bringt auch viele Arbeitsplätze. Eine heikle Situation für die Politiker, die nur zu genau wissen, wie abhängig die Wirtschaft in dieser Region von der Erdölförderung ist“, gibt Mark Lynas zu bedenken.

Was können wir tun?
„Jeder kann etwas tun“, appelliert Lynas. „Wir können schon in den eigenen vier Wänden Energie sparen, und wir können uns für alternative Energiequellen entscheiden. Außerdem kann jeder in seiner Gemeinde und den Politikern Druck machen. Je mehr Leute den Mund auf machen, desto mehr lässt sich erreichen!“

                                        
Alternative Energien – eine unterschätzte Perspektive

Wave Dragon – Meereswellen produzieren Strom
1987 hatte der dänische Ingenieur Erik Friis-Madsen eine geniale Idee: Warum nicht die Wellenkraft nutzen, um Turbinen anzutreiben und so Strom zu erzeugen? Mitte der 90er Jahre hat sich eine internationale Forschergruppe (darunter Fachleute aus Skandinavien, Deutschland, Großbritannien, Irland und Österreich) zusammengefunden. 2003 wird ein erster Prototyp im dänischen Fjord Nissum Bredning verankert. Drei Jahre lang soll die kleine Version erprobt werden. 2006 könnte dann die erste große Anlage installiert werden, die um sieben Megawatt produzieren und damit rund das Vierfache einer Windkraftanlage liefern kann.

Solaranlagen – die Wärme kommt vom Dach
Nach einem so sonnenreichen Sommer wie 2003 kann sich jeder, der eine Solaranlage auf seinem Ein- oder Mehrfamilienhaus installiert hat, über genug Wärme und Energie freuen, die um ein Vielfaches den eigenen Verbrauch übersteigt. Die Installations- und Wartungskosten lohnen sich, denn sie sind bei weitem nicht so hoch, wie die jährliche Öl-, Gas- oder Stromrechnung der großen Energieversorgungsunternehmen. (Siehe hierzu auch Interview mit Franz Alt in Visionen 6/03)

Windkraft – umstrittene Energiegewinnung
Naturfreunden sind die Windkraftanlagen ein Dorn im Auge, denn sie sind nicht nur unattraktiv (allein in Schleswig Holstein verunstalten 7.500 Anlagen die Landschaft), sondern auch nicht gerade leise und sollen so manchen Vogel schwer irritieren. Letzteres sorgt für reichlich Diskussionsstoff zwischen Tierschützern und den Betreibergesellschaften, die behaupten, Vögel kämen ganz gut mit den neuen Bedingungen zurecht. Im Gegensatz zu Wellen- oder Solaranlagen sind Windräder extrem von der Witterung abhängig. Kein Wind, kein Strom. Auch so genannte Offshore-Anlagen, die vor den Küsten ins Meer gebaut werden, können nur rentabel arbeiten, wenn ihre Flügel kräftig angetrieben werden. Wenn es klappt, kann eine Offshore-Anlage bis zu 1200 Kilowatt Strom produzieren.

Natürliche Erdwärme nutzen
Schon in fünf Kilometern Tiefe können Temperaturen um die 250 Grad herrschen. Ein Forscherteam will am Rheingraben bis 2006 eine Anlage errichten, die bis zu sechs Megawatt Stromleistung erzeugen kann. Dazu wird in die natürlichen Brüche im heißen Gestein mit Hochdruck Wasser gespritzt, das sich auf diese Art erwärmt. Über zwei Förderkanäle wird es zu einem Wärmetauscher transportiert, der es in Dampf umwandelt, der wiederum eine Turbine zur Stromerzeugung antreibt.

Klimaschutz fängt im Kleinen an:
Zu einer „Aktion Klimaschutz“ haben sich 2002 die Deutsche Energie Agentur, das Bundesumweltministerium und die Deutsche Bahn zusammengeschlossen. Das Ziel: umfassende Informationen rund um das Thema Energiesparen. Auf der Homepage www.aktion-klimaschutz.de steht umfassendes Infomaterial zur Verfügung, wie jeder schon im eigenen Haushalt Energie sparen kann (z. B. durch Kochen nur mit Deckel auf dem Topf, Energiesparlampen, Thermostate für die Heizkörper oder Wasserstopp für die Dusche), sich aber auch an Projekten zum Klimaschutz beteiligen kann. Ein Broschürenpaket (auch für den Einsatz in Schulen und Kindergärten) kann kostenlos bei den Experten der Deutschen Energie Agentur angefordert werden: Hotline 08 00/073 67 34, Chausseestr. 128 a, 10115 Berlin.

Die Natur schlägt zurück – im Roman
Langsam etabliert sich in der Unterhaltungsliteratur ein neues Genre: der Ökothriller. 2002 landete der französische Philosophie-Professor Denis Marquet mit einer apokalyptischen Vision einer sich mit allen Mitteln wehrenden Erde einen Überraschungserfolg. „Der Zorn“ beschreibt unseren Lebensraum als einen Organismus, der nur als Ganzes funktionieren kann. Doch der Mensch hat schon zu sehr in das große Ganze eingegriffen, da bleibt der Erde nur noch die Chance, diese unliebsamen Bewohner abzuschütteln, „wie ein Hund seine Flöhe.“ Erdbeben, Sturmfluten, eine vergiftete Vegetation, Haustiere, die sich gegen ihre Besitzer wenden – plötzlich sieht sich der Mensch mit der Tatsache konfrontiert, dass all sein akademisches Wissen, seine Waffen und Strategien nutzlos sind. Ein Schamane zeigt der Ethnologin Marie während einer Trancereise, was passieren wird, wenn die Menschen nicht endlich umdenken und sich nicht als Herrscher über, sondern als Teil der Erde verstehen.
  Der Kölner Autor Frank Schätzing hat sich für seinen Roman „Der Schwarm“ das Meer als Schauplatz ausgesucht. Denn die Tiefsee ist uns fremder als die Rückseite des Mondes. Ausgerechnet die niedrigste Lebensform der Mikroorganismen schließt sich zu einem global agierenden Organismus zusammen und setzt sich gegen den Feind vom Land zur Wehr. Sonst friedliche Wale greifen plötzlich Fischer und Whalewatcher an. Muscheln zerstören die stärksten Schiffsschrauben, giftige Quallen tauchen an Badestränden auf, über Krabben übertragene Viren verbreiten sich in Windeseile und machen Metropolen wie New York zum Sperrgebiet. Würmer setzen unter Wasser Methangas frei und sorgen dafür, dass mit dem Abrutschen des nördlichen Schelfs eine riesige Flutwelle Nordeuropa heimsucht. Eine Hand voll Wissenschaftler versucht der Ursache für all diese Erscheinungen auf den Grund zu gehen und muss bald erkennen, wie machtlos sie diesen Mitbewohnern des blauen Planeten ausgeliefert sind. – Jahrelang hat Schätzing für diesen rund 1000 Seiten starken Ökothriller recherchiert und mit jedem neuen Kapitel wird deutlicher, wie realistisch seine Beschreibungen und wie nah wir ähnlich katastrophalen Auswirkungen sind, wenn wir nicht schnellstens erkennen, dass es allerhöchste Zeit ist, um das Ruder noch einmal herumzureißen.           


BUCH-TIPPS
Sachbücher:
Mark Lynas, Sturmwarnung – Berichte von den Brennpunkten der globalen Klimakatastrophe (Riemann)
John McNeill, Blue Planet – die Geschichte der Umwelt im 20. Jahrhundert (Campus)

Belletristik:
Art Bell/Whitley Strieber, Sturmwarnung
(Heyne)
Frank Schätzing, Der Schwarm (Kiepenheuer & Witsch)
Denis Marquet, Der Zorn (Lübbe)

 


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