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Depressive können lernen, ihre Seele auf ihrer Suche nach neuer Lebenskraft bewusst in die Nichtalltägliche Wirklichkeit zu leiten Für den Psychotherapeuten Carlo Zumstein ist die Depression "eine verhinderte spirituelle Erfahrung oder eine abgebrochene schamanische Reise". Mit jeder Depression sei auch eine Wandlung verbunden, meint er. "Wenn das Gewohnte nicht mehr passt und wir uns mit unseren bisherigen Aufgaben unwohl fühlen, wenn es zu eng wird und wir noch keine Orientierung haben, wohin es mit uns gehen wird, dann sind wir depressiv. Beispielsweise können Pubertätswandlungen ebenso depressiv verlaufen wie das Klimakterium oder eine Schwangerschaft. Diese unsichere Zeit, dieses Nicht-mehr-aufgehoben-Sein im Alten und Noch-nicht-Fuß-gefasst-Haben im Neuen drückt uns auf die Stimmung, macht Angst und lässt die Welt dunkel erscheinen." Gesellschaftliche Normen spielen in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle. Zumstein: "Wir haben tatsächlich in unserer Gesellschaft keine Wandlungsrituale. Für uns ist Wandel eigentlich immer Fortschritt und Zuwachs. Den Wandel im Sinne von Umwandlung kennen wir eigentlich nicht. Wir können solche Momente im Leben nur noch als Krankheit leben. Davon ist die Depression noch die mildeste Form – in dem Sinne, dass man in der Wandlung stecken bleibt, da man kein Muster oder Verständnis dafür hat, was mit einem passiert. Man fällt aus dem gewohnten Leben heraus und hat keine Vorstellung davon, ob da wieder etwas kommt."
Im Tunnel feststecken Carlo Zumstein hatte bei Michael Harner den von ihm entwickelten sogenannten "Kern-Schamanismus" (Core-Shamanism) kennen gelernt. Bei jahrelangen Studien hatte Harner Gemeinsamkeiten und Abweichungen im Schamanismus verschiedener Kulturen gefunden. Die Gemeinsamkeiten fasste er zu einem Kern-Schamanismus zusammen, den er in seinem Buch "Der Weg des Schamanen" (Ariston Verlag) beschrieben hat und in dem von ihm gegründeten Institut The Foundation for Shamanic Studies in Kalifornien lehrt. Durch den Kontakt zu Sandra Ingermann, einer amerikanischen Schülerin Harners, bekam der Schweizer auch einen Einblick in die von ihr wiederentdeckte Methode der Seelenrückholung. "Je tiefer ich in die schamanischen Heilmethoden eingedrungen bin, desto mehr entdeckte ich Parallelen zu den Berichten depressiver Menschen, die von ähnlichen Erfahrungen handelten", erinnert sich der Psychotherapeut. Einige Klienten berichteten Carlo Zumstein von einem Gefühl, als steckten sie in einem Tunnel fest. "Auf einer schamanischen Reise kann ein dunkler Tunnel unsere (reale) Wirklichkeit mit einer anderen (schamanischen) Ebene verbinden. Dieses Feststecken, von dem einige Klienten berichteten, hörte sich für mich wie eine abgebrochene schamanische Reise an." Carlo Zumstein kennt die Gefühlswelt einer Depression aus eigener schmerzlicher Erfahrung. Er nutzte die schamanische Technik des Reisens in andere Wahrnehmungsebenen zunächst für sich selbst. Er lernte, auf die Kraft seiner Helfertiere („Mein Löwe hat mich abgeschleckt“) zu vertrauen, und wurde mit der Zeit immer sicherer: Der schamanische Weg kann eine Möglichkeit sein, aus der Dunkelheit einer Depression wieder ans Licht zu treten. "Depression gleicht einem Bewusstseinserlebnis zwischen Schlafen und Tod“, schreibt Zumstein. „Die Schamanen haben bewusstseinsverändernde Techniken entwickelt, um absichtlich in diesen Zustand „hinabzusteigen“. Sie suchen absichtlich die Nähe des Todes, weil dies auch die Nähe zur Quelle der Lebenskraft ist, zur Kraft der Wandlung und Erneuerung. Wir haben dieses Wissen verloren, daher erleben wie den depressiven Bewusstseinszustand nur als Leiden und Qual, dem wir so schnell wie möglich entfliehen möchten."
Herausfinden, was hinter dem Tunnel liegt "Irgendwann habe ich den Schritt einfach gewagt, den depressiven Menschen, die mich um Hilfe baten, zu sagen, dass ich eine Methode kenne, mit der ich gute Erfahrungen gemacht habe. Ich fragte, ob wir die nicht einmal probieren sollten." Bewusst vermeidet Zumstein das Wort Schamanismus. Vielmehr versucht er, sich dem Wortschatz seiner Klienten anzupassen. "Ich sage beispielsweise: Wir gehen jetzt an den Punkt zurück, an dem die Reise angefangen hat, oder zu dem Urquell der Kraft. Ich warte immer sehr lange, bis ich das Gefühl habe, dass die Menschen mir Hinweise geben, ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht zu haben. Erst dann schlage ich meine Technik vor." Die klassischen Behandlungsmethoden zielen darauf ab, den Betroffenen wieder in die Alltagswirklichkeit zurückzuholen. Die Stimmungsaufhellung, sozusagen der Weg zurück ins Licht, steht dabei im Vordergrund. Carlo Zumsteins Weg geht jedoch zunächst in die entgegengesetzte Richtung: „Da ist natürlich immer die Angst, durch die schamanische Reise noch tiefer in die Depression gestoßen zu werden. Häufig kommt dann die Frage: Finde ich wirklich den Weg wieder zurück?“ Die eigenen Erfahrungen helfen dem Schweizer, in solchen Gesprächen Mut zu machen. "Ich kann ihnen sagen, dass ich auf der anderen Seite eine große Kraft erfahren habe, die mich auf meinem Rückweg sehr unterstützt hat." Durch intensive Vorgespräche schaffen Therapeut und Klient eine Basis für die Reise hinter die Finsternis. Ziel der Methode ist es herauszufinden, was hinter diesem dunklen Tunnel liegt. In weiteren Gesprächen werden die Erlebnisse gedeutet. Viele Klienten gehen gestärkt und ruhiger an ihre täglichen Aufgaben zurück. Ein wichtiger Bestandteil dieser Technik ist die vorherige Formulierung der Reiseabsicht: am Ende des Tunnels den Lichtschein eines neuen Anfangs zu finden. "Dieser dunkle Tunnel kann auch eine graue Zone sein oder ein Zustand des Stillstehens und Sich-nirgends-Fühlens", stellt Carlo Zumstein klar.
Nicht für alle Formen der Depression geeignet Diesem ersten Schritt in eine andere Wirklichkeit müssen jedoch noch eine Reihe weiterer Reisen folgen. Wie seine Methode funktioniert und wie sie auf Betroffene wirkt, beschreibt Carlo Zumstein anhand zahlreicher Fallbeispiele ausführlich in seinem Buch "Reise hinter die Finsternis" (Ariston Verlag). Die schamanische Technik ist jedoch nicht auf alle Formen der Depression anwendbar. Das musste auch Carlo Zumstein erkennen: "Ein neurotisch depressiver Mensch reagiert häufig auf ein tief einschneidendes Erlebnis. Da kann man natürlich nicht sagen: "Gut, lass uns noch tiefer hineingehen." Es braucht schon eine längere Phase, um das depressionsverursachende Ereignis aufzuarbeiten. Solch ein Auslöser kann beispielsweise der Bruch in einer Beziehung, Arbeitslosigkeit oder die Unfähigkeit, die eigenen Möglichkeiten zu realisieren, sein. Davon unterscheiden sich die sogenannten schweren Depressionen – die man früher endogene Depressionen nannte. Diese Menschen verstehen eher die Möglichkeiten der schamanischen Reise. Denn sie haben sich nicht aufgrund eines schlimmen Ereignisses aus dem Leben zurückgezogen, sondern ihnen passiert es gleichsam ohne Grund immer wieder, dass sie in diese Dunkelheit hinabrutschen. Sie verstehen sehr viel von dieser verhinderten spirituellen Erfahrung, als die ich die Depression auch sehe. Aber ich muss ganz klar sagen: man kann diese Reisetechnik nicht anwenden, wenn ein Mensch sich gerade in einer tiefen Depression befindet." Aber für Menschen, die in einem Stimmungstief festsitzen, gibt es auch Hilfestellungen: "Ich kann ihnen Verständnis entgegenbringen, indem ich beispielsweise sage: "Deine Seele ist jetzt eben in diesem dunklen Tunnel. Deine Seele hat sich dorthin zurückgezogen, weil sie zu schwach ist, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Du brauchst deshalb mehr Seelenkraft." So kann ich ihnen eine Orientierung geben und ihnen sagen, wo sie stehen und was mit ihnen passiert. Während dieser Phasen versuche ich, sie einfach zu unterstützen und eventuell auch eine Seelenrückholung mit ihnen zu machen, wie sie von Sandra Ingermann entwickelt wurde und wie ich sie auch in meinem Buch beschreibe. Wichtig für den depressiven Menschen ist, dass noch ein Gefühl von Selbstkontrolle da ist."
Ein erlaubter und nötiger Rückzug Die Anwendung der schamanischen Reisetechnik macht jedoch nur im Zusammenhang mit einer Psychotherapie Sinn. "Es braucht einfach diese psychotherapeutische Betreuung", stellt Zumstein klar. "Die Reise ist eine Technik, die ein Klient erlernen kann, um nicht ganz plötzlich wieder in eine Depression abzurutschen. Denn sie tun gleichsam das, was ihnen in der Depression passiert – aber sie tun es willentlich, kontrolliert und bewusst. Eine schwere depressive Phase vom schamanischen Gesichtspunkt her zu betrachten bringt schon eine große Entlastung und Verständnis. Ich sage immer zu ihnen: "Du darfst in diesem Loch sein. Ich muss dich nicht mit Medikamenten abfüllen. Ich muss dich nicht mit Sätzen wie etwa: "Gib dir Mühe! Nimm's leicht! oder: Denk positiv! drängen, ans Licht zu kommen." Für mich ist es wichtig, die Gewissheit zu vermitteln, dass sie aus diesem Loch auch wieder herauskommen. Dieser Schutz, dass sie sich dorthin zurückziehen dürfen, hat vielen sehr geholfen." Carlo Zumstein möchte "Anregungen geben, die Depression als einen erlaubten und auch nötigen Rückzug aus dem Leben zu verstehen. So wie wir auch immer wieder schlafen gehen müssen. Wir können nicht immer nur aktiv sein. Wir sind rhythmische, zyklische Wesen. Der Rückzug, der sich früher durch den Winter fast schon automatisch einstellte, ist nicht mehr gegeben, denn wir haben unser Leben aufgehellt und durch den Lärm aktiver gemacht. Ich denke, die Psychiatrie könnte in diesem Punkt etwas sensibler werden und dem auch Raum geben, anstatt den Patienten immer nur wieder ans Licht zerren zu wollen und zu erwarten, dass er wieder seinen Mann bzw. seine Frau steht." Trotz eines wachsenden Interesses von Kollegen an den Techniken von Philip Martin (Zen-Meditation) und Carlo Zumstein scheint leider noch immer für viele Fachärzte die Medikation der einzig richtige Weg zu sein. Carlo Zumstein: "Mir hat gerade deshalb der Schamanismus sehr geholfen, das Vertrauen zu haben, um mit den Menschen in die Seelenfinsternis hinabsteigen zu können und mit ihnen dort zu sein, ohne viel zu fordern. Es ist schwierig als Begleiter, da wir einen solchen Rückzug immer gleich mit dem Tod oder dem Suizid verbinden. Ich kann die Fachkollegen schon verstehen, wenn sie immer wieder versuchen, den Patienten ans Licht zu holen, und es nicht wirklich klappen will. Man hat schließlich alles, was die Behandlungsnorm verlangt, unternommen. Das Vertrauen in die Tatsache, dass es spirituelle Kräfte gibt, in die wir im Universum auch aufgehoben sind, hat mir bei der Begleitung meiner Klienten geholfen."
Freunde und Familie: Verständnis aufbringen! Für Familie und Freunde ist das Zusammenleben mit einem depressiven Menschen häufig eine Geduldsprobe, denn immer wieder müssen sie viel Verständnis aufbringen. Auch wenn ihre Aufmunterungen gut gemeint sind, haben sie in der Regel die entgegengesetzte Wirkung. "Der häufigste Fehler ist das Aktivieren-Wollen, das Gut-Zureden und Ratschläge-Erteilen", meint Carlo Zumstein. "Das stößt den depressiven Menschen noch mehr in seine Unfähigkeit, diese Vorschläge aufzunehmen und umzusetzen. Die Schuldgefühle verstärken sich dann noch, weil man den Anforderungen nicht mehr gewachsen ist. Es ist keine Energie mehr dafür da. Wenn der Tank leer ist, kann ich noch so sehr aufs Gas treten – ich komme nicht vom Fleck." "Verständnis aufbringen" ist Carlo Zumsteins wichtigster Rat für Angehörige und Freunde. "Dem anderen das Gefühl geben: "Du brauchst nun mal diesen Rückzug jetzt wie eine Art Winterschlaf. Ein Rückzug, in dem ein innerer Wandel passiert. Ich lasse dich da. Ich bin aber immer neben dir, wenn du mich brauchst." Bei Angehörigen ist ja immer das Bedürfnis da zu helfen. Das Nichtstun fällt ihnen häufig sehr schwer. Aber genau das kann Unterstützung sein. Ansprechbar zu sein, wenn der andere dich braucht. Das wichtigste ist, einfach da zu sein, nichts zu fordern, keine Vorschläge zur Abhilfe zu machen und vor allem nicht in Hyperaktivität zu verfallen." Carlo Zumstein hofft, mit seiner Arbeit "eine Brücke zu schlagen und den Zugang zu schamanischen Techniken zu erleichtern." Er arbeitet derzeit an einem weiteren Buch zu diesem Thema.
Glossar
Schamanismus: Die älteste Praxis, Bewusstseinsveränderung für Heilung und für Gewinnung von universellem Wissen einzusetzen. Eine Ansammlung von Zeit überdauernden Heilpraktiken, weder Weltanschauung noch Religion.
Core-Shamanismus: Michael Harner, Professor für amerikanische Anthropologie und Schamanismusforscher, hat die universellen Techniken vieler schamanischer Traditionen auf ihr Wesen verdichtet und für westliche Menschen praktizierbar gemacht.
Schamanische Reise: Absichtlich unternommene Bewusstseinsreise in andere Wahrnehmungsebenen; ein Kernelement vieler schamanischer Traditionen. In der schamanischen Trance, induziert durch monotones Trommeln, Singen oder Tanzen, reisen die Schamanen durch eine Schwellenzone, z.B. einen dunklen Tunnel, in die Nichtalltägliche Wirklichkeit zu ihren jenseitskundigen "Verbündeten". Die Krafttiere bzw. spirituellen Lehrer führen die Schamanen zu Kraft und Weisheit, die sie in die Alltagwirklichkeit zurückbringen.
Schamanenkraft: Die im und durch den Schamanen wirkende Kraft des Universums, die er auf seiner Reise in die Nichtalltägliche Wirklichkeit bei seinen "Verbündeten" findet.
Adressen
The Foundation of Shamanic Studies (FSS) Dr. Carlo Zumstein Kasernenstraße 3 CH – 8180 Bülbach Tel.: 0041-1-886 22 60 Fax: 0041-1-886 22 64
Philip Martin 3945 Pleasant Avenue South Minneapolis, MN 55409, USA E-mail: martin2@bitstream.net
Selbsthilfezentrum München Bayerstraße 77 a 80335 München Tel.: 089 - 53 29 56 11 Fax: 089 - 53 29 56 60
Beratung und Information zu Selbsthilfeinitiativen bei: Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) Albrecht-Achilles-Straße 65 10709 Berlin Tel.: 030 - 891 40 19 Fax: 030 - 893 40 14 |