Jyotish - das Auge der Vedas
Die Beziehung zwischen Ayurveda und indischer Astrologie

Nicholas Lewis

Jedem fachkundigen Astrologen offenbaren sich im Horoskop eines Menschen dessen jeweilige Schwachstellen, abgebildet als planetare Konflikte oder Überbetonungen. Die Krankheit kann in einem größeren Kontext visualisiert und erklärt werden und der Mensch wird in die Lage versetzt, in einen Bezug zu seiner Krankheit zu treten, den ersten und entscheidenden Schritt auf dem Weg der Heilung zu tun, ein Schritt, ohne den ein wirklicher Heilungsprozess wohl nie möglich sein wird.

Um die wirkliche Bedeutung von Jyotish - der Hindu-Astrologie - verstehen zu können, ist es wichtig zu wissen, dass sie als einer der Schlüssel zum geheimnisumwobenen, spirituellen Erbe Indiens gilt. Wenn wir versuchen, uns den Vedas, den klassischen heiligen Schriften Indiens anzunähern, sollten wir gemäß den Aussagen der Seher, der altehrwürdigen Weisen, folgende Lehren studieren:

  • Siksa - die Lehre von der richtigen Aussprache und Artikulation der vedischen Verse
  • Chanda - die metrische Lehre der Poesie
  • Nirukta - die Etymologie außergewöhnlicher und seltener Wörter
  • Vyakrana - die Lehre der Grammatik, die auch Linguistik und Philosophie mit einschließt
  • Kalpa - das Wissen um die Einzelheiten der Rituale
  • Jyotisha - die planetaren Wissenschaften Astronomie und Astrologie, die damals wie heute von großer Bedeutung für die Feststellung des günstigsten Zeitpunktes für religiöse Zeremonien waren und sind

Die ersten beiden der hier genannten Wissensgebiete lehren uns, wie wir die vedischen Schriften aussprechen und ausdrücken sollten, die nächsten beiden führen uns zu einem Verständnis der Inhalte und die letzten beiden, Kalpa und Jyotish schließlich zeigen uns Möglichkeiten der Anwendung der vedischen Weisheit.

Jyotisha, in Europa als Jyotish oder vedische Astrologie bekannt, ist nach indischem Verständnis eines der wichtigsten Werkzeuge für den ernsthaften Schüler auf dem Weg zum Verinnerlichen der vedischen Lehren und somit zur Spiritualität. Jyotisha gilt als das Auge der Vedas und bringt Licht in die ansonsten mystisch-verklärte, schwer durchschaubare kosmische Welt der Vedas.

In irgend einer Form ist jede der vedischen Disziplinen verknüpft mit Astronomie und Astrologie. Yoga beispielsweise könnte stark vereinfacht beschrieben werden als eine Möglichkeit, die solaren Energien mit den lunaren Energien in Einklang zu bringen. Bei Ayurveda handelt es sich unter diesem Gesichtspunkt um eine Darstellung der verschiedenen planetaren Energien in Form von Doshas, die gegeneinander ausbalanciert werden wollen.
Vastu, die architektonische Lehre der Vedas, hilft dem Menschen ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie wichtig es ist, sich in die kosmische Harmonie, in die Gegebenheiten der Natur und unserer gewählten Umgebung einzufügen.

Obwohl es sich bei Jyotisha, Ayurveda, Yoga und Vastu um grundverschiedene Disziplinen handelt, verfolgen doch alle ein gemeinsames Ziel, das vor allem darin besteht, den Menschen dabei zu unterstützen, seinen jeweiligen Zustand von Körper, Geist und Seele verstehen zu lernen. Zugleich werden hier Möglichkeiten des besseren Umgangs mit sich selbst aufgezeigt, praktische Schritte, die die Harmonisierung begünstigen.
Während ein spiritueller Lehrer ein bildhaftes Gleichnis wählen könnte, um eine Brücke zu seinen Weisheiten und seinem Glauben zu bauen, benutzt ein guter ayurvedischer Arzt das Dosha-System und die Konstitutionslehre, um uns die Beziehungen und mögliche Diskrepanzen zwischen Körper und Geist aufzuzeigen. Ein Jyotishi hingegen wählt den Weg einer Grafik, die gute oder weniger gute Beziehungen zu den entsprechenden planetaren Energien verdeutlicht. Auf unterschiedlichen Wegen wird so versucht, eine Verbindung zur kosmischen Einheit zu schaffen.

Vor einigen Jahrzehnten noch war Jyotish ein integraler Bestandteil jeden Heilungsprozesses; heute sind viele ayurvedische Ärzte leider nicht mehr vertraut mit diesem komplizierten astrologischen System, während jedoch ein Großteil der indischen Bevölkerung nach wie vor einen engen Bezug zur Hindu-Astrologie hat. Ihre Bedeutung für das tägliche Leben und die Art der Anwendung hat sich in den letzten Jahrhunderten kaum verändert. Während andere astrologische Systeme (die abendländische, griechische Astrologie beispielsweise) auf Wissen basieren, dessen Bedeutung und religiöse Grundlagen in den letzten Jahrhunderten mehr und mehr verloren gegangen sind, wurden die Grundannahmen der Hindu-Astrologie nie in Frage gestellt und sind innerhalb des Glaubens und der täglichen Weltanschauung der Bevölkerung bis heute lebendig geblieben.

Für diejenigen Ayurveda-Therapeuten, die die Erkenntnisse der "Wissenschaft des Lichts", wie die wörtliche Übersetzung für "Jyotish" lautet, im Rahmen ihrer Behandlungen anwenden, ist der Bonus wirklich beachtlich. Mit Hilfe des Horoskops eines Menschen kann der Behandler sehr schnell erkennen, welche der planetaren Energien für ein körperliches Ungleichgewicht verantwortlich ist, das in seiner Konsequenz unweigerlich zur Entstehung einer Krankheit führen wird, sollte sie nicht auf eine angemessene Weise beachtet und bearbeitet werden. Viele Menschen sind hierzulande sehr stark interessiert, ihre Konstitution herauszufinden, und die Naturheilkunde versucht seit Jahrzehnten, diesem Wunsch gerecht zu werden, indem sie Methoden wie beispielsweise Irisdiagnose, Urinanalyse, homöopathische Konstitutionsbehandlung immer weiter entwickelt, in dem Bestreben, den Menschen auf eine verständliche Art und Weise ihre konstitutionell bedingten Schwachstellen und Anfälligkeiten aufzuzeigen, damit sie entweder prophylaktisch aktiv werden können oder aber im Falle einer chronischen oder akuten Erkrankung gewappnet sind.
Keines der oben genannten Systeme kann jedoch die Aussagekraft einer vedisch-astrologischen Analyse erreichen.

Ein guter Jyotishi könnte einem Klienten beispielsweise aufzeigen, dass seine Hypertonie auf einem Überschuß der Pitta-Energien beruht und dass das Zusammentreffen der beiden Pitta-Planeten Mars und Sonne in seinem Geburtsbild einen erheblichen Anteil an der Entstehung der Symptomatik tragen. Ein Psychologe würde beispielsweise in diesem Fall dazu raten, den eigenen Umgang mit Aggression und Ärger (Mars) zu bearbeiten, ein Homöopath könnte Nux Vomcia verordnen, ein Phytotherapeut könnte Kava-Kava oder Rauwolfia einsetzen, der Hausarzt würde vermutlich zu einem Betablocker greifen. Keiner von allen, außer dem Astrologen, kann allerdings einen Ansatzpunkt bieten, der das Problem an der Wurzel packt, kann einen sehr subtilen Entstehungsmechanismus erkennen und beschreiben. Nur der Jyotishi ist darüber hinaus in der Lage, die Entstehung einer solchen Symptomatik bereits im Vorfeld zu erkennen und sollte sogar den für den Ausbruch der körperlichen Erscheinung kritischen Zeitpunkt vorhersagen können.
Jedem fachkundigen Astrologen offenbaren sich im Horoskop eines Menschen dessen jeweilige Schwachstellen, abgebildet als planetare Konflikte oder Überbetonungen. Die Krankheit kann in einem größeren Kontext visualisiert und erklärt werden und der Mensch wird in die Lage versetzt, in einen Bezug zu seiner Krankheit zu treten, den ersten und entscheidenden Schritt auf dem Weg der Heilung, ein Schritt, ohne den ein wirklicher Heilungsprozess wohl nie möglich sein wird.

Sogar unheilbare Erkrankungen, bei denen nur eine geringe Aussicht auf eine Besserung besteht, werden unter vedisch-astrologischen Gesichtspunkten diskutiert. Hier zielt die Absicht des ayurvedischen Therapeuten darauf ab, den Menschen in Einklang mit seinen körperlichen Geschehnissen zu bringen, ihm zu einer anderen Einstellung sich selbst gegenüber zu verhelfen, damit er bei seiner nächsten Inkarnation eine Aussicht auf eine bessere körperliche Verfassung hat.
Ebenso wie im Falle einer akuten Erkrankung ein Kampf in uns stattfindet, in dem das Immunsystem versucht, die Oberhand über die Erreger zu erstreiten, kann ein vedischer Astrologe unterschwellige planetare Kriege identifizieren, die nur darauf warten, durch eine zeitliche Auslösung, wie beispielsweise einen Transit oder eine Dasaphase aktiviert zu werden und ihre Explosivität freizusetzen. Mit der Hilfe eines Jyotishis kann ein Mensch auf diese Punkte aufmerksam gemacht werden, er erhält die Möglichkeit, mit den jeweiligen Energien besser umgehen zu können, indem er beispielsweise durch Meditation und Mantras mit ihnen in Kontakt tritt, sie auf diese Weise würdigt und anerkennt und so die von Ihnen verursachten Störungen reduziert und seine Lebensqualität deutlich verbessert. Gesundheitliche Schwachstellen können beispielsweise an Planeten, die sich im Zeichen ihres Falls befinden, erkannt werden. Steht die Sonne etwa in der Waage, dem Zeichen ihres Falls, ihrer schwächsten Position also, und wird außerdem von anderen Faktoren beeinträchtigt, so kann daran eine insgesamt eher schwache körperliche Konstitution erkannt werden. Befindet sich Venus in der Jungfrau, ihrem schwächsten Zeichen, können potentielle Probleme im Bereich der Nieren und der Geschlechtsorgane frühzeitig beachtet vorbeugend behandelt werden.

Die Grundlage der diagnostischen Anwendung Jyotishs beruht vor allem auf der Erkennung energetischer Grundmuster, der Einschätzung der Schwachstellen, der Abwägung der zum Ausgleich zur Verfügung stehenden positiven Faktoren und der darauf basierenden Einschätzung der körperlichen Konsequenzen. Die Entstehung von Krankheit wird auf Unausgeglichenheiten im energetischen Bereich zurückgeführt und die letztendlich sichtbare körperliche Erscheinung gilt nur als eine von mehreren möglichen Ausdrucksformen der ursprünglich vorhandenen Dyskrassie. Die körperlichen Mechanismen treten ebenso wie bei der Verordnung einer homöopathischen Arznei hierbei etwas in den Hintergrund.

Am Beispiel des englischen Komikers Peter Sellers, besser bekannt als Inspektor Clouseau (Der rosarote Panther), möchte ich zum Schluss die beschriebene vedisch-astrologische Auswertung veranschaulichen. Ohne auf komplizierte astrologische Einzelheiten einzugehen, zeigt sein Horoskop auf eine eindrucksvolle Weise einige der zuvor erwähnten Faktoren. Dieses Horoskop wurde übrigens auf der Basis des siderischen Tierkreises erstellt, den die indischen Astrologen als Berechnungsgrundlage verwenden. Hier orientieren sich die Planetenstände am Fixstern Spica und es werden somit die tatsächlichen Stellungen der Himmelskörper wiedergegeben, im Gegensatz zu dem bei uns normalerweise verwendeten tropischen Tierkreis, in dem die einzelnen Planeten in Beziehung zum Stand der Sonne gesetzt werden. So ergibt sich eine Differenz von ca. 23 Grad (je nach Geburtsjahr), um die die Planeten des tropischen Horoskops jeweils zurückversetzt werden müssen, um ihre Position im siderischen Tierkreis zu erreichen.


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 |8. Fische          |9. Widder          |10. Stier          |11. Zwillinge     |
 |                   |                   | Mond          Ee- |                  |
 |                   |                   |                   |                  |
 |                   |                   |                   |                  |
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 |7. Wassermann      |                                       |12. Krebs         |
 |                   |                                       | Rahu Rx          |
 |                   |                                       |(Nördl. Mondknoten)
 |                   |          Geburtshoroskop              |                  |
 |-------------------|              von                   |------------------|
 |6. Steinbock       |         Peter Sellers              | 1. Löwe          |
 | Ketu Rx        ++ |                                       | Merkur         K |
 |(Südl. Mondknoten) |                                       | Sonne          M |
 |                   |                                       | Mars          Tc |
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 |5. Schütze         |4. Skorpion        |3. Waage           |2. Jungfrau       |
 | Jupiter Rx    SMT |                   | Saturn        E++ | Venus       Vf++ |
 |                   |                   |                   |                  |
 |                   |                   |                   |                  |
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Sellers Aszendent befindet sich im Zeichen Löwe, einem Feuerzeichen. Ebenfalls im Löwen steht die starke Sonne, zusammen mit Merkur und Mars. Mars gilt ebenso wie die Sonne und das Löwezeichen als ein Pitta-Faktor, der anpassungsfähige Planet Merkur nimmt durch seine Position in einem Pittazeichen ebenso Pittaenergien auf. Auch Jupiter steht in einem Pittazeichen, dem Schützen. Die deutlich zutage tretende Pittabetonung kann durch vorhandene Kaphaenergien zwar abgemildert, jedoch nicht ausgeglichen werden. Mars, einer der Planeten im ersten Haus, das auch eine wichtige Aussagefähigkeit hinsichtlich der körperlichen Verfassung eines Menschen besitzt, ist der stärkste Planet in Sellers Horoskop und herrscht über das 4. Haus, das gemäß den Festlegungen Jyotishs über das Herz regiert. Nebenbei bemerkt haben diese feurigen Planeten im ersten Haus, die allesamt einen Aspekt zum 7. Haus, dem Haus der Ehe und Beziehungen bilden, zu insgesamt vier Ehen geführt.

Ebensowenig wie eine Beziehung zu viel Feuer verträgt, scheint auch Sellers Herz die ihm zugemuteten Strapazen nicht unbeschadet überstanden zu haben. Im Alter von 52 wurde ihm nach mehreren schweren Herzattacken schließlich ein Schrittmacher implantiert, 1980 erlag er im Alter von nur 55 Jahren einer weiteren Herzattacke.

Um eine aussagefähige astrologisch-medizinische Auswertung vornehmen zu können, müssten selbstverständlich viele weitere Faktoren in die Deutung einbezogen werden, was den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Eine kombinierte Anwendung von vedisch-astrologischen und medizinischen Kenntnissen könnte jedoch sowohl dem Behandler als auch dem Patienten in vielen Fällen zu mehr Klarheit und gezielteren Behandlungsmaßnahmen verhelfen, im Dienste der Gesundheit des Menschen. Die isolierte astrologische Betrachtung kann wichtige Hinweise geben, verschiedene naturheilkundliche oder medizinische Verfahren klären Krankheitsentstehungsmechanismen und Ursachen auf, in der Kombination von vedischer Astrologie und Medizin jedoch liegt ein völlig unterschätztes Potential, das teilweise im Westen leider immer noch verkannt und belächelt wird.

 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Magazin "CO´MED".


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