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Die »Teufelin« im grünen Kostüm
Eine Begegnung mit Uta Ranke-Heinemann

Uta Ranke-Heinemann

Prof. Dr. Uta Ranke-Heinemann. Für die einen ist sie die Tochter des Präses der evangelischen Kirche Deutschlands, des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Für andere ist sie die Heldin, die als erste Frau den Olymp der katholischen Theologie erklommen hat – als Professorin. Die einen erinnern sich an ihre leidenschaftlichen Reden gegen die Kriege dieser Welt – von Vietnam bis zum Irak – und an hre Freundschaft mit Petra Kelly und Gerd Bastian.

Prof. Dr. Uta Ranke-Heinemann. Für die einen ist sie die Tochter des Präses der evangelischen Kirche Deutschlands, des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Für andere ist sie die Heldin, die als erste Frau den Olymp der katholischen Theologie erklommen hat – als Professorin. Die einen erinnern sich an ihre leidenschaftlichen Reden gegen die Kriege dieser Welt – von Vietnam bis zum Irak – und an hre Freundschaft mit Petra Kelly und Gerd Bastian. Die anderen kennen ihr grünes Kostüm und ihre scharfe Zunge aus einer der unzähligen Talkshows. Heike Würpel interviewte das Enfant terrible der katholischen Theologie in ihrer Privatwohnung und erzählt nebenbei die spannende Geschichte einer streitbaren Frau, der es inmitten eine Männerdomäne gelungen ist, immer sie selbst zu bleiben

Sätze, wie die folgenden haben Uta Ranke-Heinemann berühmt gemacht: »Geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben. Kein Wort von seiner Botschaft. Offenbar war Jesus zwischen seiner Geburt und seinem Tod den ganzen Tag bei Maria in der Stube gesessen und hat Kreuzworträtsel gelöst.« oder »Auch der Papst weiß, dass zwischen Braut und Mutter ein sexueller Akt steht, aber er macht die Augen tapfer zu, überspringt diese Peinlichkeit und wendet sich sofort der Mutter zu. Die Ehefrau fehlt in der Papstlitanei vom 10. Juli 1995 an die Frauen der Welt. Sie wurde zur Desinfektion der Zölibatäre mit einem päpstlichen Insektizid weggesprayt.«
Und dann sind da noch diejenigen, die ihre Bücher »Eunuchen für das Himmelreich« oder »Nein und Amen« mit Entsetzen oder Entzücken verschlungen haben und in ihr eine begnadete Wissenschaftlerin sehen, die jeden Kirchenfürsten mit Originalzitaten erschlagen kann. Fest steht, dass ihr Kopf einer einzigartigen Enzyklopädie gleicht. Ihr Haus gleicht einer Höhle aus Büchern und Kunstwerken – 380 Gemälde sind es wohl, die die gesamten Treppenwände bis hinauf ins dritte Stockwerk schmücken. Ihr Mann hat die Bilder gesammelt und ihr Mann, Edmund Ranke ist es auch, mit dem die Geschichte der ersten weiblichen Professorin für katholische Theologie überhaupt begann.

connection: Wie kam überhaupt, dass Sie Katholikin wurden? Die Welt fühlte sich für mich damals evangelisch beherrscht an – ein »übermächtiger protestantischer Globus«. Auf dem Schulhof, durften protestantische und katholische Kinder nicht miteinander spielen. Mir wurde erklärt – nicht von meinem Vater, der hätte so einen Quatsch niemals erzählt – dass die Katholiken »erst lügen, dann beichten und dann wieder lügen« und deshalb solle man sich mit denen nicht abgeben.
Aber von da an empfand ich die Katholiken als unterdrückt, verfolgt. Nun, ich bin immer für die Unterdrückten. Immer. Dazu kam dann noch dieser Edmund Ranke, der das Griechische so poetisch übersetzen konnte. Ich habe den Katholizismus von meinem hoch intelligenten, sanften und toleranten Mann vermittelt bekommen. Ich dachte, er wäre so aufgrund seiner Religion. Und deshalb glaubte ich auch, dass ich mich verbessere, wenn ich katholisch werde.

connection: Wie reagierte ihr Vater darauf?
Es war für ihn ein schwerer Schlag, diese Ehe mit einem Katholiken. Er hat sieben Jahre versucht, es zu verhindern, konnte aber nichts ausrichten. Ich denke, er ist nie darüber hinweggekommen. Er hat auch allem Anschein nach sofort gesehen, dass ich Probleme bekommen würde. Er fragte mich damals »Warum willst du deinen Verstand abgeben, an einen Italiener, warum willst du überhaupt deinen Verstand an irgend jemanden abgeben?«

connection: Wann kamen die ersten Zweifel?
Es gab mehrere Auslöser. Zuerst einmal die Erstkommunion meiner beiden Söhne, 1967. Damals sollten sie beichten. Aber obwohl ich damals noch so schön harmlos fromm war, wollte ich das nicht. Ich dachte, meine armen Honigbienen begreifen womöglich gar nicht, was sie gefragt werden, wovon überhaupt die Rede ist. Welches Kind kann schon die Frage: »Hast Du etwas Unkeusches getan, allein oder mit anderen?« richtig einordnen. Außerdem fand ich: darüber sollen fremde Männer nicht meine kleinen Würmchen befragen.

connection: Aber es gab noch andere Punkte?
Ja, aber die kamen später, 1968. Zuerst der Aufruhr mit der Pillenenzyklika. Ich habe mein ganzes Leben lang nie die Pille genommen. Bei mir wirken nämlich immer nur die Nebenwirkungen. Ich weiß deshalb auch nicht, ob die Pille dick und schwermütig macht oder ob die Augen davon trocken werden, so dass Kontaktlinsen ständig rausfallen, aber ich behaupte, das weiß der Papst auch nicht.
Dazu kam die Haltung der Kirche zum Vietnamkrieg. Kardinal Spellman bezeichnete die amerikanischen Truppen doch wahrhaftig als »Soldaten Christi«. Damit stand er nicht allein da, es entsprach der Haltung der Kirche. Das war ein ganz schwerer Knacks für mich. Jesu Evangelium ist die Gewaltlosigkeit und Verzicht auf Vergeltung. Ich weiß, dass Bomben, die auf Menschen fallen, nie zu billigen sind.

Bei der VNN-Feier 1977 in der Frankfurter Pauluskirche wirft Uta Ranke-Heinemann der Kirche vor, in der Nazizeit die Gläubigen im Stich gelassen zu haben. Zwar gab es Proteste gegen die Euthanasie, die Morde an Juden wurden jedoch totgeschwiegen. Ihre Rede ist gespickt mit konkreten Namen und Zitaten – von Kardinal Faulhaber in München über Kardinal Galen in Münster bis zu Bischof Rackl von Eichstätt. Das jedoch waren Töne, die die Amtskirche von Ihrer Professorin nicht gern hören wollte.

connection: War Ihre Kritik damals noch kein Problem, auch wenn sie noch so sachlich begründet war?
Das meiste ist ja den Theologen bekannt und solange im geschlossenen Kreis darüber diskutiert wird, gibt es kein Problem. Erst wenn bestimmte Fakten an die breite Öffentlichkeit kommen, wird es brenzlig. Im Allgemeinen verlegt sich die Kirche lieber darauf totzuschweigen. Totschweigen ist die moderne Form der Ketzerverbrennung.

connection: Wie ging es bei Ihnen weiter?
Ich sollte schon 1976 meinen Lehrstuhl verlieren. Damals reagierte ich auf Paul VI. »Erklärung zu einigen Fragen der Sexualethik«, in der »die Onanie als schwere Sünde« und der Onanist als »der Liebe Gottes verlustig gehend« bezeichnet wird, obwohl in der Hl. Schrift nichts davon steht. Ich erklärte in einer Panorama-Sendung die Wurzeln dieses Aberglaubens. Die liegen bei Hippokrates und vor allem dem Lausanner Arzt Simon-André Tissot mit dem Buch »Onania«. Dort schrieb er u.a.: »Onanie trocknet das Gehirn derart aus, dass man es in der Hirnschale rasseln hört.«

connection: Prompt folgte ...
... eine Einladung nach Köln zur Anhörung mit Weihbischof Luthe, dem späteren Bischof von Essen. Ich nahm dazu mein goldiges Mütterchen mit. Sie wurde immer noch von der Gloriole der First Lady umweht. Als die Kirchenmänner meine Mutter sahen, trauten sie sich einfach nicht mehr, sich mit mir über Onanie herumzuzanken. Das war für mich schon die halbe Miete.
Schließlich beschlossen die beiden Herren, wir sollten doch eine gemeinsame Erklärung unterschreiben und ich sollte den Text aufsetzen. Sie wollten mit mir zusammen unterschreiben. Sie redeten auf meine Mutter ein: »Wir sind doch alle Christen, nicht wahr Frau Heinemann«, und mein goldiges Mütterchen fand die Idee schließlich gut. Aber ich weigerte mich strikt. Niemand hätte geglaubt, dass die Herren bei mir unterschrieben hätten, jeder hätte geglaubt, ich habe bei ihnen unterschrieben. Noch auf dem Bahnsteig nach Essen sagte meine Mutter: »Musstest Du so unnachgiebig sein?« Die Bildzeitung schrieb am nächsten Tag: »Auch vor dem Bischof blieb Uta Ranke-Heinemann standhaft«. Aus Köln hörte ich danach in dieser Sache nichts mehr.

Bis 1987 währte die äußere Ruhe. In dieser Zeit rückte Uta Ranke-Heinemann Stück für Stück von den Grundlagen des Glaubens ab. Sie engagiert sich weiter in der Friedensbewegung und wird zur Leitfigur der deutschen Homosexuellen. Ihr Statement zu der Frage, »was denn ein Homosexueller tun solle, der im stetigen Dauerkonflikt zwischen Kirche und Gewissen stehe«, schreibt Geschichte. »Wer viel fragt, kriegt viele Antworten. Sie sollen sich nicht von der Kirche einen Freiraum erwarten, sie sollen ihn sich selbstverantwortlich nehmen. Wenn man bei allen Lebensfragen Rat bei alten zölibatären Herren sucht – dabei kommt doch nichts rum, das kann man sich sparen.«
Zusätzlich wird auch die Frauenfeindlichkeit der Kirche immer klarer. Aus einem ihrer Vorträge im Auditorium Maximum der Universität Madrid (auf spanisch): »Was es in der Welt an Männlichkeitswahn und männlicher Dummheit gibt, gibt es vermehrt in der Kirche und wird hier noch religiös überhöht als angeblich gottgewollte Ordnung.«

connection: Was geschah 1987?
Im Frühling wollte der Papst zum zweiten Mal nach Deutschland kommen und u.a. den Marien-Wallfahrtsort Kevelaer besuchen. Ein paar Tage vor seinem Besuch bekam ich eine Einladung vom Fernsehen. Ein Überraschungsgast sollte ich sein – im Gespräch mit einem Bischof. Die Sendung sollte live übertragen werden, und da sah ich meine Chance. Bis dahin wurde mir bei den Sendungen immer alles weg geschnitten. Und ich überlegte mir, wie ich meinen Satz so bringen kann, dass ich ihn wegen unabänderlicher historischer Fakten auf gar keinen Fall wieder zurücknehmen kann.
Daraus wurde dann: »Auch viele Juden wurden umgebracht, weil sie nicht an die Jungfrauengeburt glauben konnten – und ich kann das auch nicht.« Und dann kriegte ich zehntausende Briefe. Die gingen von: »Sie gehören auf die Müllverbrennung« bis zu den Zeilen einer Äbtissin, die schrieb: »Wie können Sie dem einfachen Fernsehvolk, das von diesen Dingen überhaupt nichts versteht, so etwas im Fernsehen sagen? So etwas ist nur eine Diskussion unter Theologen.«

connection: Diesmal griff die Kirche ein?
Ja, es dauerte allerdings einen halben Monat, bis ich den berühmten Brief erhielt, in dem ich aufgefordert wurde, meinen Satz zurückzunehmen. Ich erhielt eine Einladung zu einem »freundlichen Gespräch«. Das ging übrigens allen Ketzern so, auch Giordano Bruno. Am Anfang stand immer ein freundliches Gespräch.
Diesmal sollte ich das Glaubensbekenntnis unterschreiben. Da steht: »geboren von der Jungfrau Maria«. Kurz vor dem Termin hatte mir Hans Küng noch den freundschaftlichen Rat gegeben in diesem Fall doch einfach »geboren von der jungen Frau Maria zu nuscheln«. So würden es alle machen. Er meinte es lieb, aber ich antwortete ihm: »Herr Küng, es hat sich ausgejungfert.«
Kurze Zeit später kam Ruhrbischof Franz Hengsbach zurück und schaffte Tatsachen. Ich kam ahnungslos abends von der Uni nach Hause und erfuhr aus dem Fernsehen, dass Bischof Hengsbach mir die Lehrbefugnis entzogen hat. Aber das hätten sie mal lieber gelassen, denn dadurch haben sie mir einen viel größeren Aufschwung gegeben. Denn alles, was verboten ist, wird dadurch interessant.

Heute sind »Eunuchen für das Himmelreich« und »Nein und Amen« Weltbestseller. Ständig werden von Uta Ranke-Heinemann die Auflagen erweitert und den neuesten Entwicklungen angepasst. In den Büchern werden Homosexualität, Pädophilie, Empfängnisverhütung, Zölibat, Ehe ohne Trauschein, Onanie, Abtreibung, die gesamte Stellung der Frau in der Kirchengeschichte, das Verhältnis der Kirche zu Sexualität und die Märchenwelt der Bibel gnadenlos offen gelegt.

connection: Frau Ranke-Heinemann – wie fühlen Sie sich heute, immer noch allein gelassen?
Heute bin ich in einer ganz anderen Situation. Ich lebe vollkommen allein mit meinen 10.000 Büchern im Haus. Ich lebe völlig zurückgezogen. Allem Neid und allen Angriffen entzogen. Ich mache nur noch einige Aufträge und Vorträge und bearbeite die Neuauflagen meiner Bücher. Ich habe seit dem Tod meines Mannes am 11. September 2001 keine Lebensperspektive oder Lebenslust mehr. Es ist alles weg.
Ich möchte meinen Mann wieder sehen. Aber werde ich das? Ist das nur Einbildung, ist das Wunschdenken, gibt es da nicht irgendwelche Hinweise? Ich will mir nichts einbilden. Ich bekomme ständig Anrufe von Menschen, die mir Trost spenden wollen und dann von Seelenwanderung reden. Ich kann das nicht mehr hören. Es ist alles lieb gemeint, aber ich fahre aus der Haut dabei.
Für mich besteht der Mensch aus Verstand und Herz und Erinnerung, das macht seine Individualität aus. Deshalb ist der Buddhismus für mich ein Greuel, denn er propagiert die Auflösung der Individualität, das Sich Lösen von allem Geliebten. Ich aber möchte meinen Mann und meine Mutter wieder sehen, mit allen Erinnerungen. Sonst macht das doch keinen Sinn. Aber immer wieder erfasst mich eine schwarze Verzweiflung, wegen der totalen Antwortlosigkeit des Universums. Und dann hilft mir wieder Kant und »die unerforschliche Weisheit, durch die wir existieren.«

von Heike Würfel, freie Journalistin

 

 


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