Über die Heilkraft der Liebe

Ruediger Dahlke

Wenn wir von Liebe und ihrer Heilkraft sprechen, denken wir an die himmlische Liebe oder doch zumindest an große Gefühle und romantische Situationen, aber es gibt auch eine viel bodenständigere Ebene dieses weltbeherrschenden Phänomens, nämlich deren körperlicher Ausdruck. Dabei denkt dann so ziemlich jeder gleich an Sexualität, aber wir können heute noch eine Ebene tiefer gehen und uns mit der Chemie, genaugenommen mit der Biochemie der Liebe beschäftigen, die immer besser erforscht wird ...

Wenn wir von Liebe und ihrer Heilkraft sprechen, denken wir an die himmlische Liebe oder doch zumindest an große Gefühle und romantische Situationen, aber es gibt auch eine viel bodenständigere Ebene dieses weltbeherrschenden Phänomens, nämlich deren körperlicher Ausdruck. Dabei denkt dann so ziemlich jeder gleich an Sexualität, aber wir können heute noch eine Ebene tiefer gehen und uns mit der Chemie, genaugenommen mit der Biochemie der Liebe beschäftigen, die immer besser erforscht wird und wirklich spannende Einsichten in dieses spannendste der Themen eröffnet.

Wissenschaftlich schon längst entschlüsselt sind die Hormone, die unsere Lust entfachen, die Östrogene und Androgene. Dass es auch hormonelle Gründe hat, wenn wir mit jemandem ins Bett gehen, mag auf den ersten Blick desillusionierend wirken. Wichtig ist dabei, sich jederzeit bewusst zu sein, dass es sich hier nur um eine Parallelebene zu jener geistig-seelischen handelt und keine die andere durch ihre Existenz unwichtig oder minderwertig macht. Beide sind untrennbar und gehören in jedem Moment zusammen.

Nun wurde auch noch das Phänomen jener zauberhaften Anziehung, das zum Phänomen euphorischer Verliebtheit führt und Schmetterlinge in den Bauch zaubert, biochemisch entschlüsselt, oder sollten wir sagen: entzaubert? Kaum schauen wir uns nämlich in die Augen, schon können die sogenannten Neurotransmitter verrückt spielen, jene Hormone oder Botenstoffe, die zwischen Nervensystem und Drüsen stehen und über das Blut verschickt werden. Vermehrt gebildetes Dopamin zieht unsere ganze Aufmerksamkeit auf den jeweiligen ins Auge gefassten Partner. Wir haben ihn noch längst nicht angefasst, aber bereits ins Auge gefasst, und schon beginnt es biochemisch in uns zu arbeiten. Immerhin bleibt aber der Akt des Anschauens noch unserer Seele überlassen, wobei wir auch dabei – wenn wir uns mit der Bedeutung der Duftstoffe befassen – auf einige wissenschaftliche Überraschungen gefasst sein sollten. Denn mehr als wir ahnen, folgen wir bei der Partnerwahl unserer Nase, dem ehedem guten Riecher, der uns allerdings heutzutage nicht selten an der Nase herumführt.

Wenn unsere Aufmerksamkeit vom Dopamin gefesselt ist, stürzt ein anderer Neurotransmitter, das Serotonin in den Keller und Norepinephrin wird ausgeschüttet. Das ist jener ebenfalls schon lange bekannte Stoff, der für die Prägung neugeborener Tiere auf ihre Mütter verantwortlich ist. Wenn er einmal kreist, wird jede der Gesten des potentiellen Partners zu einer einzigen Offenbarung von Anmut, und jedes Lächeln verwandelt sich in eine Flut von unwiderstehlichem Charme und Liebreiz.
Schließlich kommt auch noch Phenyläthylamin hinzu und bringt uns in jene ebenso verrückte wie wundervolle Gemütslage, wo wir weder Schlaf noch Nahrung brauchen, Gott und die Welt umarmen wollen, und nur noch den (biochemischen?) Traumpartner im Auge haben.

Diese Verrücktheit kann so stark werden, dass Menschen ihre Familien, ihre Arbeit, ja ihr ganzes bisheriges Leben im Stich lassen, um den neuen Impulsen nachzugehen, die die Neurotransmitter vermitteln.

Eigentlich könnten uns solch moderne Entdeckungen helfen, uns ein wenig von der Unsitte der Schuldprojektion zu befreien. Wenn es doch Hormone sind, die derlei auslösen oder gar verursachen, so könnten wir mit den Betroffenen milder umgehen und vielleicht ganz darauf verzichten, sie zu bewerten oder sogar zu verurteilen. Vielleicht geschieht es ja sowieso nur aus Neid auf den begnadeten Zustand, der einem selbst im Moment verschlossen ist beziehungsweise den man sich verschlossen hat.
Wie stark und prägend solche Zustände sind, wissen wir alle von der persönlichen Erfahrung der Großhirnvergiftung durch Alkohol. Wer im alkoholisierten Zustand aktiv wird, bekommt ja auch mildernde Umstände, warum also nicht auch diejenigen, die sich unter dem Einfluss von Phenyläthylamin wahnsinnig verliebt haben? 
 Irgendwann – ist zu vermuten - wird dieser bezaubernde Cocktail gerade entdeckter Neurotransmitter sicher aus dem Labor der Wissenschaftler entweichen – wie noch alles andere bisher auch - und seinen Weg auf den freien Markt finden. Wer dann einen Schluck aus dem entsprechenden Liebesfläschchen nimmt, wird wohl sehr offen dafür sein, sich unsterblich zu verlieben. Ob es allerdings völlig gleichgültig sein wird, wen man dann gerade als ersten zu sehen und zu fassen bekommt, muss sich zeigen. Die Liebe über diesen Weg zu zwingen ist ja ein alter Traum der Hexenmedizin. Über diesen biochemische Zugang könnte die alte Welt der Liebes- und anderer Zaubertränke wieder sehr aktuell werden.

Oder ist es möglicherweise doch so, dass wir uns über die Augen verlieben, über diesen besonderen Blick und die Seele dabei eine Rolle spielt und dass sich parallel dazu das ganze Szenario der Hormone und Neurotransmitter aufbaut? Die Zukunft wird es wahrscheinlich in dieser Richtung offenbaren, denn Körper und Seele gehen letztlich immer parallel.

Möglicherweise ist es aber nicht einmal „Zufall“, wer uns in dieser Hinsicht auffällt und wem wir tiefer in die Augen schauen. Denn dass wir angelockt von speziellen Duftstoffen unseren Weg zum für unseren Nachwuchs besten Immunsystem finden, mussten wir schon vor langer Zeit desillusioniert zur Kenntnis nehmen. Wissenschaftler hatten belegt, wie wichtig die sogenannten Pheromone sind, jene Duftstoffe, die die Geschlechter auf subtile Art aufeinander hetzen. Sie werden heute in Ihrer Macht weitgehend zu gering eingeschätzt, zumal die Zeiten vorbei sind, wo das reizende Mädel ihr Taschentuch durch die Achselhöhle zog und dem angebeteten Herrn Leutnant zuwarf.
Diesbezüglich hab ich einige eigentümliche Erfahrungen bei der Psychotherapie machen können. Einmal fand eine Patientin während ihrer vierwöchigen Reinkarnationstherapie rückwirkend heraus, dass Sie Ihren Mann nur geheiratet hatte, weil er genau wie ihr Vater roch. Er verwendete nämlich dasselbe Rasierwasser. Vom Vater hatte sie nie genug Zuwendung bekommen, weil er zuwenig zuhause war. Als sie - ohne sich dessen bewusst zu sein, einen Mann traf, der so roch wie Papa und für sie Zeit hatte, gab sie seinem Werben rasch nach und heiratete ihn. Einige Jahre später ließ sie sich mit vielen guten Gründen wieder scheiden. Der wirklich entscheidende Grund aber stellte sich in der Psychotherapie heraus: ihr Mann hatte das Rasierwasser gewechselt und ihr Interesse ging schlagartig verloren. All das fand sie Jahre nach der Scheidung heraus.
Eines zeigt dieses Beispiel sehr klar, wir reagieren wahrscheinlich auf Duftstoffe mindestens so stark wie auf optische Reize, nur manchen wir es uns nicht bewusst. Wissenschaftlich lässt sich dieses Phänomen leicht gut erklären. Unser Riechhirn ist viel älter und größer als die Sehrinde, jener Gehirnteil, der die optischen Eindrücke verarbeitet. Außerdem ist es eng mit dem Hypothalamus assoziert und anderen Regionen, die für die Verarbeitung von Gefühlen zuständig sind.

Das Riechhirn hat also den direkteren und mächtigeren Draht zur Gefühlswelt und ist viel beherrschender als wir uns zumeist träumen lassen. 

Dem entspricht auch die Erfahrung vieler Partner, dass man sich an hübsches Aussehen rasch gewöhnen kann, aber nie an unangenehmen Geruch. Wer auf eine dauerhafte Beziehung aus ist, müsste also eher seiner Nase als seinen Augen folgen. Andererseits zeigt sich auch, wie wichtig Düfte und auch künstliche im Sinne von Parfums sind. Die Franzosen, die noch die Kunst des Duftes verstehen, sind hier gut beraten und wenden Parfums durchaus im Bereich der sekundären Geschlechtsmerkmale an, um den eigenen Körperduft zu modellieren und zu verfeinern. Insofern kann man Parfums eigentlich nicht an den Fingerrücken einer Hand testen, da sie nur im Zusammenhang mit der eignen Duftnote wirklich einzuschätzen sind.
Wie weit Duft in unserem Liebes- und Partnerschaftsleben unbewusst mitspielt, hat eine wissenschaftliche Untersuchung von den Partnerpräferenzen schwangerer und nichtschwangerer Frauen aufgezeigt. Die nichtschwangere Frau fühlt sich duftmäßig zu Männern hingezogen, die ihrer eigenen Sippe genetisch fremd sind. Das hat vom Standpunkt der Evolution unbedingte Vorteile, denn dadurch wird das Erbgut besser gemischt. Wenn sie dann aber schwanger geworden ist, ändert sich das, und sie tendiert wieder mehr zu Männern aus der eigenen Verwandtschaft. Auch das ist evolutionslogisch, denn so kann sie - treu und sicher -  das Kind in der Geborgenheit des eigenen vertrauten Umfeldes in dessen Schutz aufziehen.

Im Zusammenhang mit der Anti-Baby-Pille ergaben Untersuchungen nun folgendes Duft-Fiasko.

Die Frau, die die Pille einnimmt, reagiert wie eine Schwangere, sie fühlt sich zu Männern ihres eigenen (genetischen) Kreises hingezogen.

Wenn Sie sich dann in einen davon verliebt, die Pille absetzt und mit ihm ein Kind bekommen will, wird er ihr schon weniger gut schmecken, weil er zwar noch riecht wie vorher, sie das aber durchaus nicht mehr so wundervoll findet. Jetzt tendiert sie geruchsmäßig zu Fremden, die ihr genetisch ferner stehen. Insofern ist die Pille auf dieser Ebene durchaus bedenklich oder jedenfalls beziehungstechnisch für einige Verwirrung gut.

Inzwischen gibt es noch neuere Durchbrüche im Bereich wissenschaftlicher „Liebesforschung“.

Es hat sich gezeigt, dass es ein für die Dauer einer Beziehung viel wichtigeres Hormon als Östro- und Androgene gibt. Es kommt bei beiden Geschlechtern vor und wird wegen seiner entsprechenden Eigenschaften auch schon als Bindungshormon bezeichnet. Sein Name ist Oxytocin, und es ist eigentlich schon lange bekannt, seine Wirkung wurde aber bisher lediglich auf das Stillen des Kindes bezogen. Jetzt wissen wir, dass es obendrein auch beim Austausch von Zärtlichkeiten und vor allem bei Orgasmen ausgeschüttet wird. Indem es ein starkes Gefühl von Verbundenheit auf der seelischen Ebene vermittelt, erhöht es die Bindungsfähigkeit. Beim Stillen ist das natürlich überaus sinnvoll, und in der Praxis zeigt sich dann auch, dass Brustfüttern nicht nur für das Kind, sondern gerade auch für die Mütter ganz entscheidend ist, weil es ihr Gefühl und ihren Bezug zum Kind so deutlich verstärkt.

Wenn auch beim „Schmusen“ und erst recht auf dem Weg zum und am Höhepunkt des Liebesaktes ebenfalls Bindungsmittel freigesetzt wird, dient das offensichtlich dem Erhalt der Beziehung. Hier zeigt sich, um wie viel konservativer die Natur gegenüber unserer heutigen Gesellschaft ist, die immer mehr dem One-night-stand frönt. Die Natur wirkt mit dem Oxytocin diesem modernen Trend entgegen.

Wenn zwei sich einmal auf den Geschlechtsverkehr einlassen, will die Natur offenbar ihren Zusammenhalt fördern und erhalten.

Dahinter steht das Bestreben, die Art zu erhalten und eine familiäre Situation sicher zu stellen, die Kindern ein Nest schafft.
 Diese Art Wissenschaft auf ein sehr konkretes und für alle so wichtiges Thema anzuwenden, kann geradezu Spaß machen, es zeigt aber auch, wie komplex die Zusammenhänge letztlich sind, zumal wir wahrscheinlich erst die Spitze des Eisberges erforscht haben und noch eine Menge unter der Oberfläche auf uns wartet. 
Wer nun Angst hat, dass sein ganzes (Liebes)Leben von Neurotransmittern und Pheromonen bestimmt sei, mag entspannen. Aus Sicht der spirituellen Philosophie gibt es gar keinen Zufall, stattdessen fällt einem gesetzmäßig zu, wozu man sich reif gemacht hat und wofür man reif geworden ist. Dahinter steckt das Gesetz der Resonanz. Es gibt also durchaus ein größeres und höheres Gesetz, und wir sind keineswegs Marionetten unserer eigenen Biochemie. Solche Forschung ist wichtig und erhellend, aber sie findet auch ihre Grenzen an den großen Zusammenhängen des Lebens. Und dass die Ekstase der Liebe so ziemlich alle Wunden heilen kann, ist längst bekannt; dass sie dabei auf biochemische Botenstoffen zurückgreift, ist nur natürlich.


Neue Bücher von Ruediger Dahlke:
„Schlaf – die bessere Hälfte des Lebens“ (Integral), „Von der Weisheit des Körpers“ Knaur,
„Das Gesundheits-Programm“,
„Fasten Sie sich gesund“ (beide Hugendubel)

Infos zur Arbeit von Ruediger Dahlke:
Heil-Kunde-Institut A-8151 Hitzendorf, Oberberg 92, Tel. +43-316-719888 Fax.- 6, Mail: info@dahlke.at. ww.dahlke.at 

 

 


 


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