Die Liebe aus der materiellen Fessel befreien
Interview mit Sacinandana Swami,
geführt von Ronald Engert

Sacinandana Swami

Die indische Spiritualität ist der Ursprung sowohl des Tantra als auch der strengen Askese. Dazwischen gibt es auch in Indien mannigfaltige Abstufungen und Spielarten des spirituellen Lebens. Sacinandana Swami zum Thema 'Spiritualität und Sexualität'.

Die Transzendentale Bootsfahrt Krishnas mit den Gopis, den Kuhhirtenmädchen Ronald Engert: Wir sind hier zusammengekommen, um das Thema Tantra zu besprechen. Vor mir sitzt. Sacinandana Swami ist, ein Mönch des Krishna-BewußtseinsVaishnava-Bhaktiyoga, auch bekannt als Krishna-Bewußtsein. Ich möchte zunächst einige biografische Eckpunkte klären. Du bist ein einweihender spiritueller Meister der Internationalen Bewegung für Krishna-Bewußtsein (ISKCON) und ein Sannyasin. Seit wann bist Du in der ISKCON und seit wann bist Du Sannyasin?
Sacinandana Swami: In der Institution der Internationalen Bewegung für Krishna-Bewußtsein bin ich seit 1970, die Weihe ins Sannyas-Leben habe ich 1987 bekommen. Aber ich denke, daß mein spirituelles Leben mit Krishna im Mittelpunkt schon viel früher begonnen hat, vielleicht sogar in einem anderen Leben.
Sacinandana Swami, seit 30 Jahren Mönch des Bhakti-Yoga RE: Der Begriff des Sannyasin ist ja durch die Osho-Jünger in Europa bekannt geworden. Jetzt habt ihr aber ein ganz anderes Verständnis von einem Sannyasin als Osho. Was bedeutet denn Sannyasin im Krishna-Bewußtsein?
SS: Der traditionelle Sannyasin wird zum Beispiel in der Bhagavad-gita beschrieben. Sam heißt "alles" und nyas heißt "niederlegen". Der Sannyasin ist jemand, der alles niederlegt, was ihm bei der Selbst- und Gottesverwirklichung im Wege steht. Krishna definiert den Sannyasin jedoch auch aus den Tätigkeiten heraus, nicht nur aus dem Lebensstand des ordinierten Mönches. Nach Krishnas Definition kann jeder ein Sannyasin sein, der seine Tätigkeiten, seine Gedanken und seine Sprache in den Dienst Gottes stellt. Der ordinierte Sannyasin oder Mönch bekommt einen Danda, das sind drei Bambusstäbe, die von einem safranfarbenen Tuch umwickelt sind. Diese Bambusstäbe stehen für den Körper, den Geist und die Worte, und diese sollten im Dienst Gottes beschäftigt werden, nicht im Dienst von materiellen Wünschen. Das ist die traditionelle Definition der Vaishnava-Sannyasins, der Tradition, der ich angehöre.
RE: Sannyasin bedeutet der Lebensstand der Entsagung und auch den Verzicht auf eine Partnerschaft. Seit wann bist Du denn Single?
SS: Ich bin Single geworden, als ich in den Tempel einzog (1970). Meine Freundin, mit der ich quasi verlobt war, d. h. wir hatten diesbezüglich eine Absprache, kam zu diesem Zeitpunkt zum Tempel und fragte mich, welche Konsequenzen mein Schritt für unsere Beziehung hätte, und ich antwortete mit einem Satz von Nietzsche: "Oh ich liebe Sie, Frau Ewigkeit." Damit wollte ich sagen, daß unsere weltliche Beziehung in diesem Sinne nicht weitergeführt werden könnte, da ich mich dem Zölibat zugewandt hatte.
RE: Bist Du glücklich damit?
SS: Ja. Ich muß aber sagen, daß das Zölibat erst in dem Augenblick funktioniert, wo man eine spirituelle Verbindung mit Gott eingeht. Ohne das ist es etwas, was einem Menschen Schwierigkeiten machen kann, und sogar zu Kauzigkeit und anderen psychologischen "Spezialitäten" führen kann. Ich habe die These, jeder muß sich verbinden oder vermählen. Entweder mit Gott oder mit der Welt.
RE: Du bist also ein Devotee von Krishna. Deine Beziehung zu Gott ist die Beziehung zu Krishna. Wer ist Krishna? Was ist ein Devotee? Worum geht es im Krishna-Bewußtsein?
SS: Krishna wird von uns als die Höchste Persönlichkeit Gottes verehrt. Sein Name bedeutet "der Allanziehende". Er ist der Gott des rasas (transzendentaler Geschmack), d.h. man kann eine Beziehung mit ihm entwickeln, und in dem Austausch, der in dieser Beziehung stattfindet, einen ganz spezifischen transzendentalen Wohlgeschmack erfahren. Ein Poet hat es einmal so ausgedrückt: Im Vergleich zu dem Wohlgeschmack, der in einer Beziehung zu Krishna erfahren wird, erscheinen selbst die größten materiellen Freuden wie die Sexualität wie ein Tropfen im Vergleich zum Ozean.
Ein Devotee ist jemand, der sich Krishna hingibt und durch diese Hingabe in den Einflußbereich der antaranga-shakti, Gottes eigener innerer Kraft, kommt. Seine Tätigkeiten sind nicht mehr aus dem falschen Ego motiviert, sondern er wird zu einem Instrument in den Händen des Höchsten.
Im Krishna-Bewußtsein geht es um die Befreiung der Liebe. Wir stehen in einer Bhakti-Tradition. Bhakti wird übersetzt als Liebe, Devotion, Hingabe. Bhakti hat jedoch auch eine aktive Komponente, und zwar das liebevolle Dienen zu Krishna. Diese Befreiung der Liebe kann erst im Prozeß des Dienens stattfinden. Solange die Liebe von selbstischen Motiven bestimmt ist, ist sie eine gefesselte Liebe.
RE: Die Liebe zu Krishna unterliegt nicht den materiellen Gesetzmäßigkeiten, sie ist eine spirituelle Liebe. Was ist der Unterschied zwischen spiritueller Liebe und materieller Liebe?
SS: Der Unterschied zwischen spiritueller Liebe und materieller Liebe ist wie der Unterschied zwischen Gold und Eisen. Es liegt eine Ähnlichkeit vor, aber in der Wertung sind sie verschieden. Die materielle Liebe hat immer ein Spur von Eigennutzen in sich. Man könnte das unter das Motto stellen: Mein Wille geschehe. Die spirituelle Liebe ist völlig frei von Eigennutzen und könnte sich zusammenfassen lassen mit den Worten: Dein Wille geschehe.
RE: Unser Thema ist heute Tantra und die Frage, was Sexualität mit Spiritualität zu tun hat. Tantra gibt es im Hinduismus und im Buddhismus. Der hinduistische, indische Tantra, wie er im allgemeinen verstanden wird, ist näher bestimmt als shivaitischer Tantrismus oder Shaktismus und verehrt Shiva und Shakti, wobei Shiva und Shakti nicht außerhalb des Yogis existieren sondern im Herzen. Sie verehren also Gott im Innern. Im Srimad Bhagavatam, einer alten vedischen Sanskrit-Schrift, wird dieser innere Aspekt Gottes als paramatma bezeichnet. Gemäß dem Srimad Bhagavatam und anderer vedischer Schriften gibt es jedoch drei Aspekte. Könntest Du bitte kurz diese drei Aspekte darstellen und die verschiedenen Arten von Tantra diesen Aspekten zuordnen.
SS: Der erste Aspekt ist brahman, die unpersönliche göttliche Energie, die innerhalb der materiellen Welt existiert als das, was alles durchdringt. Der zweite Aspekt ist paramatma, der lokalisierte Aspekt Gottes oder die Überseele, die im Herzen eines jeden hier in der materiellen Welt existiert, aber sich auch in jedem Atom befindet und dafür sorgt, daß die Gesetze der materiellen Natur ablaufen. Der dritte Aspekt – bhagavan – ist Gott als Person, die Höchste Persönlichkeit Gottes, die in der spirituellen Welt als die Ursache aller Ursachen auch der materiellen Welt existiert.
Im Srimad Bhagavatam findet sich der Vers: vadanti tat tattva-vidas / tattvam yaj jnanam advayam / brahmeti paramatmeti / bhagavan iti sabdyate: Gelehrte Transzendentalisten, die die Absolute Wahrheit kennen, bezeichnen diese nichtdualistische Substanz als brahman, paramatma und bhagavan (Vers 1.2.11.).
Die Vedas geben einen schönen Vergleich, um diese drei Aspekte zu verbildlichen. Die Höchste Persönlichkeit Gottes ist die Ursache aller Ursachen, so wie die Sonne die Ursache des Lichts und auch des Sonnenerlebnisses des Beobachters ist. Das brahman wäre das Licht, und das Sonnenerlebnis, das Erscheinen der Sonne vor den Augen der Beobachter, wäre der paramatma, die Überseele, die in jedem Herzen wahrgenommen werden kann. Diese beiden Aspekte, brahman und paramatma, sind unterschiedliche Repräsentationen bhagavans in dieser Welt.
Der Tantra ist eine Erlebnisweg, in dem verschiedene Regeln und Regulierungen gegeben werden sowie Praktiken und Anwendungen, um einen Menschen zur Gotteserkenntnis hinzuführen. Es gibt tantrische Schriften, die uns zu einer brahman-Erkenntnis hinführen, tantrischen Schriften, die uns zu einer paramatma-Erkenntnis führen und tantrische Schriften, die uns die bhagavan-Erkenntnis ermöglichen. Ich selbst praktiziere den Vaishnava-Tantra, eine Sammlung von spirituellen Vorschriften und Anwendungen, die zur bhagavan-Erkenntnis führen sollen.
Krishna, der Alleinerziehende, höchster Gott der Vaishnavas RE: Worum geht es genau beim Vaishnava-Tantra?
SS: Der Vaishnava-Tantra geht davon aus, daß es jenseits der materiellen Welt eine spirituelle Welt gibt, die zugleich unsere Heimat ist. Obwohl wir zu dieser spirituellen Wirklichkeit keinen direkten Zugang haben, solange wir stark materiell beeinflußt sind, wirkt sie doch überall innerhalb und außerhalb von uns. Wir müssen nur unsere Amnesie heilen. Dies geschieht in erster Linie dadurch, daß wir in uns unsere spirituelle Identität und das spirituelle Leben erwecken. Der Knoten des falschen Egos wird gelöst durch das Erkennen der eigenen spirituellen Identität und der Höchsten Persönlichkeit Gottes.
Der Vaishnava-Tantra beruht darauf, die ursprüngliche Anziehung zu Krishna zu erwecken. Dies kann man tun, indem man Krishna in den verschiedenen Aspekte trifft, in denen er in dieser Welt gegenwärtig ist. Zunächst ist er in seinen heiligen Namen gegenwärtig, die nicht von ihm verschieden sind, dann in der Gemeinschaft mit sadhus, echten Devotees, die in Krishna leben. In dieser Gemeinschaft springt der spirituelle Funke über und erweckt uns zu spirituellem Leben. Außerdem gelangen wir zu dieser Anziehung durch das Lesen in den heiligen Schriften der vedischen Literatur wie dem Srimad Bhagavatam und der Bhagavad-gita, dann durch das Verehren der vielen Formen Krishnas in dieser Welt, und schließlich durch das Aufsuchen von heiligen Orten, in die Krishna unbegrenzte spirituelle Kraft hineingelegt hat, und zwar die taraka-shakti, die Befreiung vom materiellen Leben gibt, und die paraka-shakti, die uns zu ihm hinzieht.
RE: In welchen Schriften wird der Vaishnava-Tantra beschrieben?
SS: Da gibt es zunächst die Pancaratrika-Schriften, wo genau beschrieben wird, wie Krishna verehrt wird, und zwar in der arca-vigraha, einer Form aus Materie, die mit unseren materiellen Sinnen wahrgenommen werden kann. Hier fixiert sich der Verehrende auf diese Deity-Form, und im Prozeß transzendiert er die Begrenzungen der materiellen Sinne und begegnet Krishna, der mit ihm in einen Austausch tritt. Es gibt dort die wunderbarsten Beschreibungen, wie Krishna plötzlich in dem Deity anfängt zu sprechen und voll und ganz gegenwärtig ist und den Devotee aus seiner materiellen Bedingtheit auf die spirituelle Ebene führt. Es gibt dann noch den Narada-Pancaratra, ebenso wird von manchen Philosophen das Srimad Bhagavatam als der Vaishnava-Tantra bezeichnet. Das Srimad Bhagavatam besteht aus zwölf Bänden, sogenannten Cantos, mit jeweils mehreren Hundert Versen. Dort werden Themen behandelt wie die materielle Welt und der Einfluß der materiellen Welt auf die bedingte Seele (sambhanda), dann der Vorgang der Befreiung (abideya), und schließlich das höchste Ziel, die reine Liebe zu Gott (prayojana).
RE: Es geht in Deiner Lehre um Krishna. Im bereits erwähnten Tantra geht es um Shiva und Shakti. Dieser Tantra ist eine matriarchal geprägte Religionsform, in der das Weibliche und die Göttin sehr stark betont werden. Welche Bedeutung hat das Weibliche, die Göttin im Krishna-Bewußtsein?
SS: Ein sehr wichtige. Der Begriff devi, oder Göttin, wird sehr häufig gebraucht. Devi ist Srimati Radharani (Radha), der spirituelle Inbegriff des Weiblichen. Von Radharani kommen dann unendlich viele Erweiterungen, wie zum Beispiel Lakshmidevi, Gangadevi u.a., die sich immer weiter erweitern, bis in die materielle Welt hinein, wo sie als Durga und Kali auftreten.
In der ursprünglichen spirituellen Analyse sind wir Menschen alle prakriti, oder weiblich, und es gibt nur ein männliches Prinzip, und das ist Gott selbst. Um mit ihm in Verbindung zu treten, brauchen wir die devi, Radharani, die diese ursprüngliche Verbindung wieder herstellt. Deshalb sagen die Vaishnavas immer Radha-Krishna, sie nennen zuerst die sakti und dann den shaktiman, den Genießer der shakti. Der Vorgang, zu ihm zu kommen, der Vaishnava-Tantra, ist völlig kontrolliert von Bhaktidevi, der Göttin der bhakti, nämlich Radharani.
RE: Das ursprüngliche Verhältnis zwischen Mann und Frau ist im Verhältnis zwischen Krishna und Radha dargestellt. Ist das das Grundprinzip, der Archetypus, oder geht das noch weiter zurück zu einer geschlechtslosen oder androgynen Energiestruktur?
SS: An dieser Stelle ist unser Denken herausgefordert. Wir müssen mit unserem Denkapparat in zeitlichen Bezügen denken. Wenn wir fragen, ob noch etwas vor Radha und Krishna war, legen wir unsere Bedingungen des Denkens an die höchsten spirituellen Prinzipien an, und das ist problematisch. Die absolute Wahrheit manifestiert sich als Radha und Krishna, so daß der liebevolle Austausch, der immer zwei braucht, sich auf diese Weise manifestieren kann. Allerdings heißt das nicht, daß vor Radha und Krishna eine absolute Wahrheit bestand, aus der Radha und Krishna dann hervorgegangen sind. Radha und Krishna sind die absolute Wahrheit und auf ewig verbunden in der absoluten Wahrheit.
Jagadananda Pandit sagt: "Hier kommt eine wichtige Überlegung, die von empirischen Philosophen selbst nach Tausenden und Millionen von Jahren des Nachgrübelns nicht verstanden werden kann. Nur wer die Barmherzigkeit Krishnas erlangt hat, wird diese Themen begreifen. Die Spiele der Liebe zwischen Radha und Krishna sind transzendentale Manifestationen der hladini-shakti, der Freudenenergie des Herrn. Die Essenz dieses liebevollen Austausches ist Ekstase, die ihre Herzen vor Liebe verrückt macht. Sobald Krishna zu zwei getrennten Identitäten wird, beginnt dieser Austausch, und die hladini-shakti transformiert sich in verschiedene Spiele der Liebe. Diese lilas (Spiele) existieren jedoch ewig, da sie von transzendentaler Natur sind. Sie liegen jedoch in unmanifestierter Form vor, solange die eine absolute Wahrheit nicht getrennt als Radha und Krishna erscheint."
(Prema-vivarta, S. XIV)
RE: Gerade die Tantrikas oder die Advaita-Philosophen (Monisten) sagen doch, daß die Verschmelzung, das Einssein die höchste Wahrheit ist, und daß eine Beziehung, in der ja noch ein Zweiheit besteht, so eine Art Vorstufe dazu ist. Hier ist es nun anders definiert …
SS: In unserer Definition existiert in der absoluten Wahrheit ewiglich das lila, der Austausch und hat dafür ewiglich die Formen Radha und Krishna. Das sind ewige Dinge, die schwierig zu verstehen sind. Deswegen sagt der Autor hier: "Nicht nach Tausenden und Millionen von Jahren kann dies durch Nachgrübeln verstanden werden."
RE: Ich wollte jetzt zum Unterschied von Körper (sharira), Geist (manas) und Seele (atman) kommen. Die Unterscheidung von materiell und spirituell steht im Zusammenhang mit dem Unterschied von Körper, Geist und Seele. Könntest Du bitte eine kurze Definition dieser drei Ebenen der Existenz geben?
SS: Der Körper als sharira wird unterschieden in den grobstofflichen Körper (stula-sharira) und den feinstofflichen Körper (linga-sharira). Der grobstoffliche, physische Körper besteht aus fünf materiellen Elementen: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum. Der feinstoffliche Körper besteht aus Geist (manas), zu dem der Verstand und der emotionale Bereich zählen, Intelligenz (buddhi) und falschem Ego (ahankara). Die spirituelle Seele, der atman, hat drei Eigenschaften: sat, cit, ananda, ewig, voller Wissen, und voller Glückseligkeit. Der atman ist in dieser Welt der Träger von feinstofflichem und grobstofflichem Körper, ähnlich wie ein Mensch ein Unterhemd und einen Pullover tragen mag. Der atman existiert ursprünglich und letztendlich in seiner befreiten Form, in der er nicht mehr an die Kette von Aktion und Reaktion gebunden ist, in seiner ewigen spirituellen Glückseligkeit.
RE: Ich möchte nun zum Thema der Enthaltsamkeit und den damit verbundenen Geboten und Verboten kommen. Bestimmte Dränge des Körpers und des Gemüts wie z.B. sexuelle Handlungen sollen also vermieden werden. Dies kann natürlich auch in einer Art Unterdrückung münden, und nun weiß man ja in der Psychologie, daß solche Verdrängungen sehr viel Energie kosten und zu Neurosen, Panzerungen, Krankheiten, Depressionen und Antriebsschwäche führen können. Wie geht der Vaishnava-Pfad mit diesem Problem um, daß die Enthaltsamkeit zu einer Unterdrückung oder Verdrängung werden kann und sich dadurch eine Neurose entwickelt?
SS: Durch das Höherleiten dieser Energie. Das Wort Zölibat oder sexuelle Enthaltsamkeit taucht in den Vedas in einer völlig anderen Sinngebung auf. Hier heißt es brahmacaria. Brahmacaria ist der Lebensstand der sexuellen Enthaltsamkeit. Das Sanskrit-Wort hat jedoch nichts mit Sex oder Non-Sex zu tun. Brahma heißt die spirituelle Energie, und caria ist derjenige, der handelt. Ein brahmacaria sollte jemand sein, der in der spirituellen Energie Gottes steht und handelt. Er tut das mit spirituellen Übungen, die einen Zugang zur hladini-shakti, der freudenspendenden Energie, geben. Die Reflexion dieser hladini-shakti in der materiellen Welt ist die materielle Energie, deren höchster Inbegriff der Freude die Sexualität ist. Wenn du jedoch den Apfel essen kannst, warum solltest du dich dann an der Spiegelung des Apfels im Wasser erfreuen, die nicht den gleichen Geschmack gibt, sondern nur ein ähnliches Äußeres hat?
Wenn nun ein sexuell enthaltsamer Mensch oder ein brahmacaria nicht in der spirituellen Energie verankert ist, setzen die starken emotionalen Reaktionen ein, die bei Verdrängungen wirken. Dies kann auch bei einem spirituellen Menschen geschehen, und wenn dies der Fall ist, sollte dieser Mensch ehrlich sein und besser einen anderen Lebensstand annehmen, in dem er die Möglichkeit hat, auch mit Sexualität umzugehen. Dieser Lebensstand ist der des grihastas (Haushälter mit Familie).
Paramatma, die Überseele, weilt im Herzen eines jeden RE: Im Tantra wird gesagt, man solle diesen Dingen wie Sexualität nachgeben, allerdings ohne Anhaftung und könne dadurch erhoben werden und zur Transzendenz gelangen. Glaubst Du, daß man den diversen materiellen Bedürfnissen ohne Anhaftung nachgehen kann und sie dadurch transzendieren kann?
SS: Man kann diesen Bedürfnissen nur dann nachgehen, wenn man dies mit spirituellen Zusätzen begleitet. Damit meine ich zum Beispiel die spirituellen Schriften von Heiligen, die auf dieser Stufe der Verwirklichung gestanden haben, oder spirituelle Schriften, die Gottes Offenbarung sind. Da findet man diese spirituellen Zusätze, deren Anwendung uns auf die spirituelle Ebene hebt.
Ich denke, es ist völlig unmöglich, materielle Anhaftungen aufzugeben, indem man sie einfach bis zum Überdruß praktiziert. Es gibt ein Gesetz bei dem Nachgeben von materiellen Anhaftungen: Während man es tut, wird im Herzen der Keim eines Wunsches gelegt, die Tätigkeit aufs neue auszuführen und zwar intensiver. Die Vedas beschreiben dieses Legen von einem Keim, und ich denke, daß jeder Mensch schon die Erfahrung davon diesem Keim gemacht hat.
RE: Ich möchte nun einige Zitate von Tantrikas vorlesen und bitte dich um deinen Kommentar.
"Wenn du etwas wirklich berührt hast, brauchst du nicht mehr loszulassen, es geschieht ganz von selbst." (Odier: Tantra, Bergisch Gladbach 1997, S. 70)
SS: Wenn du etwas wirklich berührt hast, entsteht in deinem Herzen der Wunsch, es noch einmal zu berühren, und zwar intensiver, damit die nächste Berührung die vorige übertrifft und nicht langweilig wird. Dieser Ausspruch würde dann funktionieren, wenn die Materie nicht eine eigene Energie hätte, wenn sie neutral wäre. Es ist jedoch leider die Erfahrung, daß hier eine eigene Energie wirkt. Ich möchte hier einen anderen Tantriker zitieren, der einmal sagte: "Rauchen ist nicht gut, und Rauchen ist nicht schlecht. Deine Einstellung macht es gut oder schlecht." Oder wie sagt doch die Werbung: "Ich rauche gern." Diese Leute bekommen trotzdem ihren Lungenkrebs. Natürlich kann es sein, daß ein depressiver Mensch schneller den Lungenkrebs bekommt, aber auch die positiv Denkenden müssen sich der Kraft der Materie beugen.
Der materielle Körper besteht aus Erde, Wasser, Feuer und Luft RE: Nächstes Zitat: "Der Tantrismus verwirft nichts, alle körperlichen und geistigen Vorgänge sind das Holz, daß wir in das große Feuer legen, das das Ich verzehrt und uns unmittelbar ins Absolute führt." (Odier, S. 84)
SS: Das ist eine sehr gute Hoffnung, die leider nur ganz selten eintrifft – dann nämlich, wenn das Tantra mit den spirituellen Zusätzen der Tradition verknüpft ist. Im Westen jedoch wird Tantra meistens von den überaus komplizierten Regeln und Regulierungen der Schriften getrennt.  Ich habe natürlich viele westliche Tantriker getroffen und hatte den Eindruck, daß es ihnen in erster Linie um ein schuldfreies Genießen des materiellen Daseins geht und sie dann in diesen Genuß sehr fromme Hoffnungen auf eine irgendwann einmal stattfindende Erlösung hinein projizieren. Ich möchte diese Tantriker inspirieren zu prüfen, ob diese Loslösung bei ihnen schon stattgefunden hat, oder ob die Anhaftungen, denen sie nachgingen, zu weiteren Anhaftungen geführt haben.
RE: "Es geht darum, eine Befreiung des in Gut und Schlecht geteilten Menschen zu erreichen." (Andro: Tantra, Tattva Viveka 13, S. 14-19)
SS: Sicher ist es das Anliegen eines spirituellen Pfades, die materielle Welt, die sich in einem Dualismus von Gut und Schlecht, von Tag und Nacht, angenehm und unangenehm usw. darstellt, zu überwinden. Doch wenn es funktionieren soll, ins Zentrum des Zyklons zu gehen und dadurch aus dem Zyklon herauszukommen, ist es ganz wichtig, diese spirituellen Zusätze zu haben und nicht mit hemmungsloser Sinnlichkeit das zu praktizieren, was jeder deutsche Fußballfan nach dem Sportstudio zu Hause macht.
Indien, das Land der Mystik und der Gotteserkenntnis Tantra ist ein alter und ehrwürdiger Prozeß, der in sich Gegebenheiten und Regeln hat, wie ungefähr das Bogenschießen beim Zen-Buddhismus. Es gab einmal einen amerikanischen Studenten, der gerne das Satori (Erleuchtung) durch das Bogenschießen erreichen wollte. Er hatte gehört, daß bei einem Erleuchteten die Bogensehne auf eine ganz bestimmte Art und Weise klingt. Nachdem er verschiedene Tonbandaufnahmen gemacht hatte, konnte er auf seinem Bogen diesen Klang erzeugen. Meinte er zumindest. Er hatte sich nicht um die spirituellen Techniken gekümmert, wie das Ego abzulegen, die Konzentration des Geistes, die Atemtechnik, die Vipassana-Meditation usw. Er ging zu einer Demonstration zu einem Roshi (Meister). Dieser war so dermaßen von ihm enttäuscht, daß er mit einer lächelnden Miene vor ihm ausspuckte und davon ging.
Es geht mir mit dieser Geschichte darum zu zeigen, daß wir nicht einfach die äußeren Aspekte einer Übung imitieren sollten, ohne die eigentliche Philosophie zu nehmen. Heute sagen die Menschen, wir müssen Tantra von dem religiösen Ballast befreien, doch die inneren Aspekte des Tantra sind nicht einfach nur religiöser Ballast, auch wenn die Regeln manchmal unangenehm für den hemmungslos sinnlich orientierten Menschen erscheinen.
RE: Die Tantriker sagen durchaus, daß es nicht darum geht, dem Sinnesgenuß zu fröhnen. Es geht nicht um Sex, es geht um eine Art von Erleuchtung, um eine Präsenz in der Wirklichkeit, eine Art Loslösung von den Drängen des Körpers.
SS: Ich bin mir darüber bewußt, aber ich sehe hier eine große Gefahr, vor der auch die alte Tantra-Lehre warnt. Es gibt zum Beispiel auf dem Pfad des mystischen Yoga acht mystische Vollkommenheiten, die der Yogi erlangen kann. Dazu gehört etwa die Möglichkeit, sich alles zu beschaffen, was man möchte und unter Umständen Gegenstände zu materialisieren. Sie können außerdem jede Form annehmen, und von manchen Yogis wird berichtet, daß sie Sexualität in tierischen Lebensformen erfahren möchten, um nicht als Mensch den verschiedenen Auswirkungen davon ausgesetzt zu sein. Sie nehmen dann die Form eines Tieres an, in der sie die Sexualität in großer Intensität praktizieren können. Eine dritte Fähigkeit ist z. B. das Fliegen. Aber am Ende dieser Unterweisungen wird gesagt, "Yogi nimm dich in Acht, daß du nicht von diesen Dingen angezogen wirst. Wenn das der Fall ist, ist es nicht möglich, die Befreiung zu erlangen."
Die Westler müssen sich schon sagen lassen, meistens sehr äußerlich orientiert zu sein, und in der Beteuerung der modernen westlichen Tantriker, es gehe ihnen um spirituelle Dinge, habe ich in meinen Erfahrungen mit diesen Menschen sehr oft einen gut gemeinten Selbstbetrug gesehen. Dies ist ähnlich, wie ich es in den Kampfkunstschulen im Westen gesehen habe. Da sagt der Meister auch, es ist keine Verprügeltechnik, aber wenn man sich die Leute anschaut, die dort hingehen und das lernen, dann werden sehr bald die Motive klar.
Es geht mir nicht darum, einen anderen Pfad grundlos zu kritisieren. Es geht mir darum zu sagen, daß jeder Pfad exakt ausgeübt werden muß, um zu dem gewünschten Ergebnis zu führen.
Devotees, Gottgeweihte Krishnas

RE: Ich möchte noch zwei Zitate vorlesen:
"Niemand kommt auf diesem Weg voran, der seinen Leidenschaften unterworfen ist, oder das Opfer seiner egoistischen, manipulierenden, machtbesessenen oder unterdrückten Sexualität ist." (Odier, S. 134)
Weder eine machtbesessene oder Überhand nehmende Sexualität noch eine unterdrückte Sexualität sind hier von Vorteil. Er sagt auch, daß alles Nicht-Erfüllte dem Göttlichen entgegen steht (S. 158).
SS: Ich kenne nun nicht alles, was der Autor sagt, aber wenn er tatsächlich den traditionellen Pfad verstanden hat und lehrt, dann wird er seine Wirkung sicher nicht verfehlen. Jdann muß jeder, der den einen solchen Pfad beschreitet, sollte selbst sehen, wie weit er kommt. Eins steht fest, es gibt den Tantra auf diesen unterschiedlichen Ebenen, und es ist ein traditioneller Pfad, der zur Erhebung führt.
RE: Auch Andro: "Das Tantra geht nicht zusammen mit einem unbewußten, hedonistischen, nur an Bequemlichkeit orientierten Leben." (TV 13, S. 14-19)
SS: Zum echten Tantra nehme ich eine wohlwollende Haltung ein, ich möchte aber auch die Schwachstellen und leider oft beobachteten Gefahren ins Blickfeld rücken.
Gemäß dem alten Wissen der Vedas gibt es drei Arten von Tantras für verschiedene Arten von Menschen, die unterschiedliche Bedürfnisse haben. Ich sehe die besondere Stärke der Vedas darin, daß sie für die jeweiligen Menschentypen bestimmte Vorschriften und Inspirationen geben, wie sie Gottesbewußtsein oder Selbsterkenntnis erlangen können. Nicht jeder ist auf der gleichen Ebene, deshalb mag nicht für jeden das Gleiche richtig sein.
Die vedischen Schriften teilen die Menschen in drei Grundtypen (gunas) ein:

  1. tamas,
  2. rajas,
  3. sattva.

Der tamas-Typ ist ein Mensch, der sich von seiner Konstitution her von Sexualität, Berauschung, Fleischgenuß angezogen fühlt, und der mehr erdgebunden und körperorientiert ist. Der rajas-Typ neigt zu ausgesprochener Aktivität, zum Erwerben von Gütern, und fühlt sich zu sexuellen und intensiven romantischen Erlebnissen hingezogen. Der sattva-Typ ist ein Mensch, dem es mehr um Erkenntnis geht, der Zurückhaltung von den materiellen Trieben und Zwängen übt, und zu einer Verwirklichung Gottes in einem seiner drei Aspekte kommen möchte.
Da diese Menschen psychologisch und auch körperlich anders veranlagt sind, werden ihnen auch unterschiedliche Tantras, d.h. Vorgänge angeboten, mit denen sie letztlich zum gleichen Ziel kommen sollen, wenn sie diese Vorgänge auch richtig ausüben.
Der Tantra, der im Westen aufgekommen ist, also der mehr körperlich orientierte Weg, wird in den Veden hauptsächlich dem tamas-Typ empfohlen. Der sattva-Typ würde sich dazu nicht hingezogen fühlen. Deshalb sind für diesen auch andere Schriften und andere Tantras vorgesehen, insbesondere der Vaishnava-Tantra.

Radha-Krishna, das transzendentale Liebespaar RE: Der heute im Westen vorherrschende Tantra ist also der shivaitische oder tamas-orientierte Tantra. In diesem Tantra ist das erklärte Ziel die Befreiung. Befreiung von Angst, von mentalen Vorstellungen, von Abhängigkeiten. Im Krishna-Bewußtsein nun ist es so, daß sich der Gottgeweihte wünscht, seine Anhaftung an die Befreiung zu verlieren, weil er die Hingabe zu Krishna erleben möchte.
Dies korrespondiert auch mit dem tantrischen Motiv der Leere. Leere bedeutet die völlige Abwesenheit von Begriffen, Urteilen usw. und führt zu Befreiung. Krishna-Bewußtsein geht hier weiter und es gibt zahlreiche Beispiele von mystischen Yogis, die dem unpersönlichen brahman bzw. der paramatma-Erkenntnis anhingen und sofort Geschmack an der Liebe zu Krishna gefunden haben, als sie mit ihm in Kontakt kamen. Wie geht es also weiter nach der brahman-Verwirklichung und wie geht es weiter nach der Befreiung?
SS: Es geht weiter, indem man zum Ursprung der brahman-Energie vorstößt. Der bhakti-Mystiker Sanatana Goswami beschreibt in seinem Werk Bbrihad Bbhagavatamritam, wie eine Seele die materielle Welt verläßt. Als sie aus der materiellen Welt heraustritt, kommt sie in ein unglaublich helles Licht, was sich aber nicht mit einem Licht in der materiellen Erfahrung vergleichen läßt. Er kommt hinein und merkt, wie er plötzlich aufhört, jegliche Art von Identität zu besitzen. Da er ein bhakta ist, der sich den Austausch mit Gott wünscht und erfahren hat, daß zu diesem Austausch eben zwei nötig sind, betet er in diesem Augenblick, vor der spirituellen Auslöschung seiner individuellen Persönlichkeit bewahrt zu bleiben, und erlebt dann, wie er hinter diesem Licht das wundervolle Antlitz Krishnas wahrnimmt. Es gibt in diesem Zusammenhang ein Gebet in der Isopanishad: hiranmayena patrena satyasyapihitam mukham tat tvam pusann apavrnu satya-dharmanya drstaye: "O mein Herr, Erhalter allen Lebens, Dein wirkliches Gesicht ist durch Deine leuchtende Ausstrahlung verhüllt. Entferne gütigerweise diese Verhüllung und offenbare Dich demjenigen, der Dir bedingungslos sein Leben geweiht hat."
Der Devotee versteht das unpersönliche brahman als die Energie Gottes, und ihm ist der Energieursprung wichtiger als die Auswirkung.
RE: Könnte man sagen, daß ein Devotee deshalb keine Interesse an Befreiung hat, weil er durch seinen Anschluß an die hladini-shakti und den liebevollen Austausch mit Gott ohnehin befreit ist?
SS: Ab einer gewissen Stufe trifft das zu. Er ist in dem Einflußbereich Gottes von der materiellen Energie befreit und deshalb nicht mehr an unpersönlicher Befreiung interessiert. Er hat das schon mit integriert. Es heißt, daß mukti, die Befreiung, dem bhakta dient wie eine Dienerin, die an der Tür steht. Aber er ruft nicht nach ihr, da er ihre Dienste nicht mehr benötigt.
RE: Die Befreiung korrespondiert auch mit dem Konzept von neti-neti (nicht dies, nicht das). Es soll keine Begriffe, keinen Glauben, keine Vorstellungen etc. mehr geben, so die Aussage der Tantrikas. Wie definieren die Vaishnavas das Konzept von neti-neti und warum ist dieses Konzept unzureichend, um die Wahrheit zu erklären?
SS: Neti-neti ist der Versuch, sich durch den Prozeß der Negierung und des Ausschließens zum Kern der Wahrheit vorzuarbeiten. Ähnlich vielleicht wie jemand durch das Abschälen einer Zwiebel zum Zwiebelkern vordringen möchte. Nicht dies ist Wahrheit, nicht das ist Wahrheit.
Das Problem ist, daß dieser Prozeß der Negierung immer noch im materiellen Denken stattfindet. Wenn man nun als Hilfsmittel nur den noch materiell gefüllten Geist hat, kann man nicht zu spirituellen Erkenntnissen kommen. Man muß in ein anderes Geviert überwechseln, um aus dem materiellen Kreis heraus in die spirituelle Erkenntnis zu kommen. Mit neti-neti verläßt man diesen Kreis nicht, weil das Hilfsmittel der Negierung, der Geist, immer noch materiell ist.
RE: Das scheint mir überhaupt eine interessante Frage zu sein, inwieweit Tantra überhaupt die materielle Sphäre verläßt, oder ob sich der Tantrika nicht vielleicht innerhalb der materiellen Sphäre bewegt und versucht, da möglichst gut durchzukommen.
SS: Ja, nach meiner Sicht wird Tantra, auch der Vaishnava-Tantra, den ich ausübe, erst dadurch spirituell, daß sich der Mensch zu den spirituellen Unterweisungen hingezogen fühlt. Im Tantra haben wir jetzt zum Beispiel eine spirituelle Unterweisung gehört, nämlich daß man langsam und allmählich die Anhaftung an die egoistischen und manipulativen Tendenzen aufgeben sollte. Das ist, worauf es angekommt, und das geschieht nur durch rein spirituelle Übungen. Bei uns im Vaishnava-Tantra ist das auch so. Es gibt viele Regeln und Regulierungen, und versteckt tritt dann auf, daß es das Wichtigste ist, sich immer an Krishna zu erinnern, ihn nie zu vergessen und Liebe zu ihm zu entwickeln. Diese Liebe zu Krishna ist die spirituelle Komponente, die alles erfolgreich macht.
Shiva, der Gott der Tantrikas

Wir sehen also, daß innerhalb der Regelwerke die eigentliche Medizin versteckt ist. So ist das mit allen Tantras. Sie sind wie Zuckerwürfel, die in sich den Tropfen Medizin tragen. Viele Menschen wollen jedoch nur den Zucker ohne die Medizin.
Die Vedas sind enorm vielfältig. Sie beinhalten zum Beispiel auch den karma-kanda-Teil. Dies sind Unterweisungen, die helfen, in der Welt materiellen Erfolg zu haben. Es gibt desweiteren den jnana-kanda-Teil, der uns zu Wissen über die materielle Welt führt. Über neunzig Prozent der Vedas behandeln nur diese Themen. Nur zehn Prozent behandeln die Hingabe zu Krishna.
Der Grund, weswegen das so gestaltet ist, ist die Einsicht, daß die meisten Menschen Materialisten sind. Sonst wären wir nicht hier in der materiellen Welt. Um diese Menschen zu erreichen, werden erst einmal diese materiellen Interessen abgedeckt, in der Hoffnung, das irgendwann der Mensch über die spirituellen Informationen stolpert und sie aufgreift. Im karma-kanda-Teil der Veden gibt es zum Beispiel Empfehlungen, heilige Orte aufzusuchen und dort wohltätige Handlungen auszuführen. Denn, so die Logik, gute Taten, die an heiligen Orten ausgeführt werden, bringen das Zehnfache an Ergebnissen zurück. Die spirituelle Logik dahinter jedoch ist, die Menschen erst einmal zu den heiligen Orten zu führen, damit sie dort von der unglaublichen spirituellen Kraft dieser Orte erreicht werden. Vielleicht treffen sie dort die großen Weisen und bekommen von ihnen den Keim der Anziehung zu Krishna.
Der shivaitische Tantra und karma-kanda sind sozusagen dieer erste Kontaktaufnahme Gottes zu den Menschen der materiellen Welt mit der Absicht, sie letztendlich zu spirituellen Dingen hinzuführen.
RE: Ein Mensch, der nur an Sexualität als höchster materieller Freude interessiert ist und keine heiligen Dinge in seinem Leben kennt, ist also möglicherweise zum ersten Kontakt mit der spirituellen Sphäre zu bringen, indem er seine Sexualität heiligt.
RE: Im Krishna-Bewußtsein wird das menschliche Leben bisweilen als eine Art Strafe verstanden. Dies ist die in religiösen Lehren weit verbreitete Körper- und Lebensfeindlichkeit. Warum gilt das Leben als Strafe und warum steht man dem Körper ablehnend gegenüber?
SS: Mit diesen negativen Beschreibungen ist eine ganz bestimmte Art des menschlichen Lebens gemeint, nämlich das dahin vegetierende und nur auf die sinnlichen Impulse reagierende Leben.
Das menschliche Leben ist das größte Geschenk Gottes an die Seele. Im elften Canto des Srimad Bhagavatam heißt es, daß Krishna, nachdem alles geschaffen war, noch nicht zufrieden war, weil die Lebensformen, die er geschaffen hatte, nur den Instinkten der Sinne folgen konnten. Da besann er sich und schuf den Menschen, der die Möglichkeit hat, über das, was kurzfristig von Wohl erscheint, das zu setzen, was dem eigentlichen spirituellen Wohl folgt. Diese menschliche Lebensform wird beschrieben als ein wertvolles Boot, um den Ozean der Unwissenheit zu überqueren. Die Negativbeschreibungen beziehen sich auf ein nicht genutztes Boot, was auf den Boden des Ozeans sinkt.
RE: Inwiefern arbeitet das Krishna-Bewußtsein oder andere sexuell enthaltsame Glaubensrichtungen mit einer Verteufelung der Sexualität, was dann zu Schuld führt und zu Angst, den spirituellen Fortschritt zu verlieren?
SS: Wenn das geschieht, dann ist die Lehre sicherlich nicht richtig erklärt worden. Es gibt eine interessante Praxis, die den zölibatären Mönchen und Nonnen empfohlen wird. Zuerst sollten sie das andere Geschlecht wie eine Kobra fürchten, damit ist gemeint, sie sollten Abstand halten wie vor einer Kobra. Doch man weiß genau, daß jemand, der etwas negiert, sich immer noch damit beschäftigt. Deshalb ist die zweite Stufe, daß man Respekt vor allen Wesen hat, z.B. wird dem Mönch empfohlen, alle Frauen wie seine Mutter zu respektieren, also nicht mehr zu verabscheuen. Aber die letzte Stufe, die es im brahmacaria-Leben anzustreben gilt, ist, das man alle Lebewesen als spirituelle Seelen und als Teile Gottes ansieht. Erst dann kann man richtig brahmacaria praktizieren. Sonst hält man sich in den belastenden Negativ-Bezeichnungen auf und ist genau so arm dran wie der Materialist.
In diesem Zusammenhang möchte ich eine kleine Geschichte erzählen, die unser spiritueller Meister, Srila Prabhupada, uns berichtete.
Es gab einmal zwei brahmanische Mönche, die auf einer Reise zu einem Fluß kamen. Am Fluß – es war schon Sonnenuntergang – stand eine wunderschöne Frau, die über den Fluß überquersetzen wollte, aber sich nicht traute, ihr langes Kleid hochzuziehen und durch das Wasser zu waten, weil so viele ihr unbekannte Männer in der Gegend waren. So bat sie dann die Mönche, von denen sie ein kultiviertes Bewußtsein erwartete, sie über den Fluß zu tragen.
Der alte Mönch tat so, als würde er sie überhaupt nicht sehen. Für ihn war es klar, Frauen sind die Versuchung schlechthin. Der junge Mönch jedoch nahm sie huckepack und trug sie über den Fluß. Am anderen Ufer setzte er die Frau ab und ging dann schweigend neben dem alten Mönch weiter. Für fünf Stunden schwiegen sie, was bei brahmanischen Mönchen nicht weiter verwunderlich ist, bis es schließlich aus dem Alten hervorbrach: "Du Schandfleck unseres mönchischen Ordens, du hast eine Frau Haut zu Haut gehabt. Du hast sie getragen!" "Ja", sagte der junge Mönch, "für fünf Minuten. Aber du trägst sie nun schon fünf Stunden."

Die ungekürzte Version des Artikel steht auf unserer Homepage im Internet bereit: www.syntropia.de


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