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Hast du Lust auf Liebe? Möchtest du abheben, schweben und zum Herzzerspringen glücklich sein? Treibt dich die Sehnsucht nach inniger Verschmelzung mit einem Partner? Kaum jemand würde solche Fragen mit »nein« beantworten. Wenn es aber unser größter Wunsch ist, ein Leben in funkensprühender Ekstase zu verbringen, warum geben sich dann so viele Menschen mit dem emotionalen Mittelmaß zufrieden? Dort, jenseits der Grenzen unseres Alltagsbewusstseins, ist der Ort größter Verlockung und größter Gefahr. Wir scheuen uns, die gesicherte Umfriedung der Wohlanständigkeit zu verlassen – aus Angst davor, dass wir jenseits der Grenze aufhören könnten, wir selbst zu sein. Dabei ist es umgekehrt: Unser wahres Selbst finden wir erst in der Unio mystica, der Verschmelzung mit unserem göttlichen Urgrund. Der Schriftsteller und Maler Helmut Jansen verfolgt die Spur eines ekstatischen Lebensgefühls in untergegangene, lustfreundlicheren Epochen – und in der tantrischen Kultur der Gegenwart.
Alles ist machbar im digitalen Zeitalter. Warum jubelt nur keiner? Steigert ein Schneller, ein Mehr, ein Jederzeit nicht die Lebensfreude? Oder wird alles einfach schneller langweilig? Es gab Epochen, da konnte alles geschehen. Unkalkulierbar. Unkontrolliert. Wildheit und Abenteuer dominierten statt Manipulation und Ordern im Cybermarkt des Internets. Das Abenteuerliche und Wilde sind Qualitäten, die man heute noch schätzt, um das sexuelle Erleben zu intensivieren. Etliche träumen von phantastischen, erotischen Erlebnissen, jenseits des gleichförmigen Alltags und der Konventionen: tausendundeine Nacht mit der Liebe des Lebens – allen Gefahren zum Trotz. Wenige nur leben dies in der Realität. Für viele ist das Sexuelle lediglich eine von vielen Nuancen im Fun-Spektrum. Oder es erscheint so ambivalent und so bedrohlich, dass es ausgeblendet wird – nicht der Rede wert und lieber dem Unbewussten zur Traumbelebung überlassen.
Kultur ohne Sinnlichkeit Bewusstsein und Aufmerksamkeit gelten in der Sexualität überwiegend den »technischen« Aspekten. Und gibt es überhaupt andere, jenseits von Kondomkultur und Pornografie? Gab es sie je? Oder sind sie nur Illusionen eines romantischen Gemüts? Es gab ohne Zweifel Zeiten, in denen so etwas wie eine Sexualkultur existierte: eine Sinnlichkeit, die eingebettet war in das Mysterium des Lebendigseins. Sie schenkte den Menschen etwas Essentielles: Sinnhaftigkeit und gemeinschaftliche Lebensfreude. Heutzutage lassen sich kaum Gemeinsamkeiten zwischen Sexualität und Kultur erkennen. Damit scheint unsere Gesellschaft zugleich ihr Kraftzentrum verloren zu haben. Oder es wurde vergessen bzw. verneint als Konsequenz all der lebens- und lustfeindlichen Doktrinen unserer religiösen Traditionen. Seit Freud wissen wir doch, dass die neurotische Persönlichkeit, die ihre Triebe sublimiert (also veredelt, kulturell fruchtbar macht), der Garant unserer Kultur ist. Der neurotische Persönlichkeitstyp hat nun die traurige Fähigkeit entwickelt, Mystik und Erotik sauber zu trennen – in Kirche und Freudenhaus.
Jenseits der Ratio Hat Erotik denn überhaupt irgendetwas mit Mystik zu tun? Bestimmt äußert sich das Transzendente nicht in dem Ruf »Oh Gott, oh Gott!«, der uns entschlüpft, wenn uns die Erregung überflutet. Was verstehen wir eigentlich unter Mystik? Mystik beschäftigt sich mit den Sphären, die über Leben und Tod hinausgehen, Merkwürdigkeiten wie Jenseits, Gott und Seele. Mystik ist die Wissenschaft, die ungern spricht und lieber erfährt. Sie beschäftigt sich mit einer Weisheit, die unseren Verstand übersteigt. Auch das Sexuelle blüht nur jenseits der Logik, gern weit entfernt von der ordnenden und bewertenden Kraft der Ratio. Das Geheimnis des Lebens quillt hier aus dunklen Tiefen und lädt immer wieder dazu ein, sich fallen zu lassen und hineinzutauchen. Ein Sog, der uns vielleicht zurückführt in die uranfängliche Einheit mit allem. Für mich ist die erotische Metaphysik, die Heiligkeit des Sexuellen offensichtlich: Was tue ich als Mann in einer sexuellen Begegnung denn anderes, als mit meiner lustvollen, bewussten Empfindsamkeit tief hineinzufühlen in das Geheimnis des Lebens. Hier, tief im Inneren der Frau, haben wir alle schon gewohnt in jenen paradiesischen Tagen.
Tempel für die Lust Die tantrischen Tempel von Kajuharo sind ein augenfälliges Zeichen für diese ganz andere Einbindung des Geschlechtlichen. Im Ja zu allen Spielarten der Sinnlichkeit ist das Potenzial zu einem Heil- und Ganzwerden verborgen, einer Metamorphose in die Verwirklichung hinein. Außen verziert durch zahllose Darstellungen menschlicher Sexualität, sind diese Tantratempel im Inneren leer. Nach der Feier der natürlichen, animalischen Dimension unserer Existenz sind wir offen und leer für eine Erfahrung des Göttlichen. Das Zulassen beider Aspekte ist eine der großen Herausforderungen, ihre Synthese Ausdruck wahrer Menschwerdung. Eine Version der Vollendung lebt Krishna. Der blaue Gott der hinduistischen Mythologie bandelt als »Playboy« im eigentlichen Sinn dieses Wortes mit jeder Frau seines Herzens an. Von sechzehntausend Hirtinnen zu einer einzigen Gelegenheit ist die Rede. Er spielt die Flöte, singt und tanzt, vergnügt sich und andere nach Herzenslust. Göttlich! Auch weil es aus dem Herzen kommt. Bereits Jahrtausende vor der Entdeckung der psychischen Doppelgeschlechtlichkeit des Menschen trägt Shiva, eine andere führende Gottheit des Hindupantheons, seine Geliebte Parvati ständig mit sich in seiner Brust. Shiva gilt auch als Autor des Vigyan Bhairav Tantra, der einhundertundzwölf Methoden erotisch-mystischer Alchemie.
Vertreibung des Heiligen Auch der Okzident und der vordere Orient haben glücklicherweise eine sündig-kreative Vergangenheit. Die Aufspaltung unseres Wesens in Heilige und Huren, in Gott und Teufel war im Altertum noch nicht vollzogen. Der Kult der ägyptischen Katzengöttin Bastet oder dionysische Ausschweifungen im griechischen Kulturkreis knüpften sinnenfroh an die archaischen Fruchtbarkeitsriten matriarchaler Kulturen an. Die Göttinen der Liebe und der Lust waren zahl- und einflussreich: Venus, Aphrodite, Hathor, Astarte, Ischtar... Die »Männerquote« unter den Liebesgottheiten ist vergleichsweise bescheiden. Geblieben scheint uns von all dem nur der Karneval, ein paar Tage Hemmungslosigkeit, die jeder mystischen Dimension entkleidet wurde. Anders als unseren Vorfahren ist es uns kaum vorstellbar, das Göttliche auch mit erotischen Attributen zu versehen. Das fällt in den westlichen Kulturen auch doppelt schwer, da ja die Chefetage der christlichen Religionen durchweg mit Männern besetzt ist. Und Maria in ihrer konsequenten Keuschheit, die im Rätsel der Jungfrauengeburt gipfelt, ist noch weniger geeignet, die Fantasie anzuregen. Die erotischen Göttinnen der Moderne verkörpern indes kein Bild des Heiligen, des heilen Menschen. Die Filmstars und -sternchen verführen lediglich noch zum Konsum des Oberflächlichen und Illusionären. Mystik und Erotik, die Königskinder, können auf diese Weise nicht zueinander finden. Oder ist Gott doch tot, wie Friedrich Nietzsche behauptet? Zumindest scheint das Göttliche in den Weltraum ausgebürgert, wo es sich in einem beruhigenden Sicherheitsabstand von uns Menschen befindet. Und auch die Lebensfreude scheint sich auf der Erde nicht mehr so recht zu Hause zu fühlen. Vielleicht wird sie ja ein Forschungssatellit dereinst auf einem fernen Planeten aufspüren.
Wunder jenseits aller Worte Woher kommt also unsere Neigung, das Essentielle in uns in zwei Hälften aufzuspalten: das »niedere« Sexuelle und das »hohe« Göttlich-Transzendente? Womöglich kann Lucifer – wie sein Name so schön sagt – Licht in diese Angelegenheit bringen. Er könnte uns anregen, Erfahrung an der Wurzel des Lebens zu suchen und die Hingabe an das Vitale zumindest in Erwägung zu ziehen. Ein Verschmelzen mit der Quelle, dem Selbst, dem Großen Ganzen durch die Pforten der Sinnlichkeit – nichts Geringeres steht als Verlockung am Ende des Weges. Hier, in den Tiefen des sexuellen Erlebens, beginnt wirklich das Jenseitige. Das Sein jenseits der Worte, jenseits aller Dualität. Hier ist eine Erfahrung des Göttlichen möglich, dessen Teil wir ja immer waren und sind. Ein Eintauchen in die »eingefaltete Ordnung«, wie es der Atomphysiker David Bohm benennt – ein Nobelpreisträger mit ausgeprägtem Gespür für Mystik. Ein Zurückfinden in den Ozean des Unmanifestierten, aus dem alles entsteht und in das alles wieder einfließt. Hieros Gamos, die heilige Hochzeit – so hieß in weiseren Zeiten die Einbindung des Göttlichen durch das Sexuelle. Zur Befruchtung des Lebens auf dieser Erde. Wenn die Sexualität nicht mehr Sklave eines konditionierten Ego ist, sondern Ausdrucksmöglichkeit des Natürlichen und Schöpferischen, ist auch eine neue Fülle von Erfahrungen möglich: Hingabe, Ekstase, Verschmelzen mit dem Anderen, Sich-Auflösen im Ganzen, Lebensbejahung und -freude, Wunder jenseits aller Beschreibungen. Liebe kann nicht nur etwas sein, das wir erleben; wir selbst können Liebe werden.
Lust ist kreativ Leben in seiner intensivsten Form ist für mich auch kreative Lust. Hier verbirgt sich das Potential, neues Leben zu zeugen: Neue Wesen natürlich, aber auch neue Erfahrungen, neue Berührungen, neue Formen von Bewusstheit. Ein salto vitale ist möglich. Freude wird Jubel, Tanz und Gesang; Frieden und Dankbarkeit. Das nenne ich dann Kultur. Alles Essentielle lässt sich weder kaufen, noch in Lehrbüchern finden. So sind auch Erotik und Mystik immer wieder ganz individuelle Erfahrungen. Und alles Reden und Schreiben hierüber kann nur eine Anregung bieten, sich zu öffnen für Kostbares und Köstliches jenseits aller begrenzenden Vorstellungen von Glück.
Autor: Helmut Jansen
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