Der vollkommene Zustand der Seele - Wesen und Wahrheit der reinen Religion

Die indische Religion des Vaishnava-Dharma lehrt den Weg der Liebe zu Göttin-Gott, die ewige Spiele der Liebe mit unbegrenztem Wohlgeschmack ausführen. Jedes Lebewesen ist ebenfalls ewig und hat eine ursprüngliche liebevolle Beziehung zu dem göttlichen Paar. Diese Beziehung ist zwar zumeist in Vergessenheit geraten, kann aber auf bestimmte Weise wieder erweckt werden. Ron Engert befragt im Interview Aranya Maharaja, der den indischen Weg des Bhakti-Yoga praktiziert, des Yoga der Liebe zu Gott.

Ronald Engert: Du praktizierst den indischen Weg des bhakti-yoga, der Yoga der Liebe zu Gott, der auch Vaishnava-Dharma genannt wird und in der Linie der Gaudiya Vaishnavas steht. Du hast Sannyas angenommen, was in dieser Tradition bedeutet, dass Du Dein ganzes Leben der Wahrheit gewidmet hast, allem weltlichen Besitz entsagt hast und im Zölibat lebst. Du bist in England geboren. Wie kommt es, dass Du zu dieser indischen Religion gefunden hast? Was ist deine innere Sehnsucht, die dich dazu geführt hat?

Aranya Maharaja: Diese Frage kann aus zwei Blickwinkeln beantwortet werden – dem relativen und dem absoluten Blickwinkel. Der relative Blickwinkel ist meine eigene Erfahrung und mein relativ begrenztes Bewusstsein, das sich langsam entwickelt. In meiner Jugend hatte ich ein starkes Interesse an Fragen nach der Wahrheit und Gott. Insbesondere suchte ich nach einem religiösen System, das eine Methode der Meditation zu bieten hätte, die eine direkte Erfahrung der Seele und Gottes ermöglichen würde. Auf natürliche Weise richtete sich deshalb meine Aufmerksamkeit in den Osten und die Yoga-Systeme des alten Indien. Unter den verschiedenen Yoga-Systemen und Philosophien des alten Indien fand ich die vollständigste, umfassendste und konsistenteste Erklärung der Realität in den Veden, dem Vedanta, den Upanishaden und den Erklärungen der großen Weisen in der Vaishnava-Tradition. Unter den Weisen der Vaishnava-Tradition sind vier die wichtigsten: Sri Ramanuja Acarya, Madhva Acarya, Nimbainitya und Vishnu Swami. Obwohl es zwischen ihren Lehren gewisse Unterschiede gibt, wurden alle diese Anschauungen von Sri Caitanya Mahaprabhu in eine vollkommene und fehlerfreie Synthese gebracht.
Deshalb brachte mich meine Suche nach Wahrheit und Erleuchtung auf natürliche Weise zu Sri Caitanya Mahaprabhu. Das ist die relative Antwort auf diese Frage.
Die absolute Antwort auf diese Frage ist folgende: Jede Seele durchläuft viele, viele Leben. In jedem Leben durchläuft sie bestimmte Lehrerfahrungen. Jedes einzelne Leben kann verstanden werden wie ein Tag in der Schule. An jedem Tag in der Schule lernen wir eine wichtige Lektion, die wir dann in den nächsten Tag mitnehmen. In ähnlicher Weise wandert die Seele durch diese Welt, und in jedem Leben lernt sie eine wichtige Lektion. Dann geht sie in das nächste Leben und bringt diese Lektion mit. Obwohl sie die Details ihres früheren Lebens vergessen hat, bleibt die Essenz ihrer Entwicklung und die Disposition erhalten, so dass die Seele den Fortschritt zur nächsten Stufe machen kann. Aus der Sicht des absoluten Standpunkts gesehen weiß ich, dass ich in meinen vorangegangenen Leben gewisse Übungen und Praktiken des Vaishnavismus ausgeführt haben muss und so auf natürliche Weise schon in frühester Jugend zum Vaishnava-Dharma hingezogen war, obwohl ich mir auf der Ebene meines eigenen Bewusstseins dieser Sache nicht bewusst war. Die Geschichte eines Lebewesens im Sinne seiner Tätigkeiten aus früheren Leben und sein sukriti (die Ansammlung frommer Taten) führen es und lenken es wieder auf den Pfad, den es schon im vorangegangenen Leben praktiziert hat.
In unseren eigenen täglichen Erfahrungen gibt es viele Eindrücke, die sich tief in unser Bewusstsein eingeprägt haben und uns dazu bewegen, bestimmte Orte wieder aufzusuchen. Wir sind uns dessen auf der oberflächlichen Ebene unseres Bewusstseins nicht bewusst.

RE: Du warst kürzlich in Israel. Dort bist du auch sehr bewusst die Wege gegangen, die Jesus Christus gegangen ist. Ich nehme an, Du hast dort die spezifische Energie von Jesus gespürt. Was war dein Eindruck und was ist deine Beziehung zu Jesus?

AM: Schon in meiner Kindheit habe ich die Bibel gelesen und war sehr fasziniert von der Bergpredigt. Ich las sie immer wieder und fühlte, dass es sich hier um wirklich universale Prinzipien handelte. Die Prinzipien, die dort gesprochen wurden, waren nicht das Eigentum einer bestimmten Religion, Rasse oder Nation. Sie sind für alle Lebewesen in jeder Hinsicht von großer Bedeutung. Zufälligerweise hatte ich eine Verabredung mit einem Professor für Indologie, dessen Haus direkt am See von Genezareth lag. Ich hatte nicht geplant, dort hinzugehen, aber Gott hatte es für mich so geplant. Als ich an diesen Ort kam, war ich sehr inspiriert, über die Lehren und Taten von Jesus zu meditieren. In diesem Moment kamen wie von selbst ganz viele Gedanken aus verschiedensten Richtungen in mein Herz. Ich fühlte sehr deutlich, dass der Glaube in das, was jenseits unserer Existenz ist, in etwas, was höher ist als wir und unseren Dienst und unsere Verehrung verdient, ein sehr wichtiger Aspekt persönlicher Entwicklung darstellt. Diesen Glauben werden wir dann eines Tages in transzendentale Liebe verwandeln. Die persönlichen Merkmale des höchsten Herrn werden dann für die Augen der Seele sichtbar werden.
Es gibt so viele Dispute zwischen den Theologen und Gelehrten, ob bestimmte Begebenheiten im Leben von Jesus wahr sind oder nicht. Wenn jedoch ein Mensch einen bestimmten Ort besucht, der als Schauplatz eines Wunders gilt, und sich in die Lehren vertieft, wird sein Glaube bereichert. Ob es also wahr oder falsch oder halb wahr ist, ist nicht so bedeutend. Diese Plätze und die Lehren erzeugen im Herzen des Lebewesens eine Neigung, Gott Dienst darzubringen. Und das ist die wertvolle Sache.

Was ist die Ursache unserer Verstrickung und die Ursache unserer Unwissenheit? In Sanskrit wird es bhoga-vritti genannt, die Tendenz, in einem egoistischen Geist zu genießen. Das Gegenteil dieses selbstischen Geistes ist der Geist des Opfers, der Hingabe und des Dienstes zum höchsten Wesen. Deshalb ist der Glaube an das höchste Wesen, was eine Haltung des Dienstes voraussetzt, das Allheilmittel gegen das materielle Bewusstsein und seine Unwissenheit, das uns in der endlosen Kette von Geburt und Tod festhält. Die historischen Details sind im Grunde unwichtig, wenn man sie mit den Erfahrungen vergleicht, die das Herz einer Person transformieren und sie von einem Ego-zentrierten Bewusstsein zu einem Gott-zentrierten Bewusstsein bringt. Das ist das Wichtige. Als ich nun an diesem Ort war und über diese Dinge kontemplierte, kam ein Vers der Bhagavad-gita in meinen Sinn. Hier sagt Krishna in Vers 7.21:
yo yo yam yam tanum bhaktah
sraddhayarcitum icchati
tasya tasyacalam sraddham
tam eva vidadhamy aham
"Wenn jemand den Wunsch hat, ein göttliches Wesen zu verehren, dann kräftigt Krishna, der die absolute Wahrheit ist, den Glauben dieses Lebewesens in diese Gottheit, was immer sein Konzept von einem göttlichen Wesen sein mag."
Das ist sehr bedeutsam. Wenn z.B. ein naturreligiöser Stamm im Wald die Auffassung vertritt, dass ein Berg Gott ist, und jemand anderes in einer anderen Gegend hat eine andere Konzeption von Gott und so weiter, so werden alle diese Glaubensformen bekräftigt, und zwar von wem? Von Gott, der höchsten absoluten Wahrheit selbst. Diese Stellungnahme wird in der Bhagavad-gita gemacht. Warum? Weil es in den frühen Stadien des spirituellen Erwachens nicht so sehr auf die Details ankommt. Die bedeutende Sache ist die Tendenz, das selbstzentrierte Bewusstsein aufzugeben und sich der Hingabe zu Gott zuzuwenden. Wenn also ein kleiner Funke dieser Stimmung der Hingabe im Lebewesen erscheint, facht Gott diesen Funken an, damit er wachsen und eines Tages ein alles verschlingendes Feuer werden möge.

Wir können also sehen, dass in dieser Welt verschiedene Menschen verschiedene Tendenzen haben. Ein Konzept von Gott mag vielleicht nicht für jeden passen, deswegen sehen wir eine Vielfalt von religiösen Glaubensformen, die je nach Stadium ihrer religiösen Entwicklung für unterschiedliche Menschen mehr oder weniger attraktiv sind. Auf der einen Seite kann jemand eine kritische Haltung einnehmen und sagen, es gibt so viele verschiedene religiöse Bilder und das ist ein Grund für so viele Probleme. Wenn jedoch jemand den Panoramablick der Ewigkeit hat und die vielen, vielen Inkarnationen der Lebewesen überblickt, wird er erkennen, dass es die Güte Gottes ist, in dieser Welt eine Vielfalt von religiösen Konzepten zu manifestieren, um die Seelen zu erreichen, die unterschiedliche Tendenzen haben und zu verschiedenen majestätischen Merkmalen des höchsten Wesens hingezogen sind. Wenn wir dieses Faktum verstehen, werden die scheinbaren Widersprüche der verschiedenen Konzepte sehr unbedeutend. Dann erkennen wir das Prinzip des Mitgefühls hinter dieser Vielgestaltigkeit der Glaubensformen.
Auf den niedrigsten Stufen religiösen Glauben kämpfen die Menschen gegeneinander. So schlimm wie diese Kämpfe sind, lässt sich doch feststellen, dass diese Menschen im Kampf für ihre religiösen Überzeugungen einen sehr starken Glauben haben. Wenn sie dann in diesem Kampf sterben, denken sie in der Sekunde ihres Todes an Gott. Im nächsten Leben haben sie dadurch die Chance, voranzuschreiten. In diesem Leben sind sie so verunreinigt von den niedrigen Erscheinungsweisen der Natur, wie Wut, Aggression, Neid, Gier und Unwissenheit sowie sehr heftigen karmische Reaktionen. Um sie zu reinigen, ist der Tod des materiellen Körpers hilfreich. Im nächsten Leben sind sie dann von vielen niedrigen karmischen Reaktionen gereinigt und können sich weiter entwickeln. Dies ist die Logik des Dornes, der benutzt wird, um einen anderen Dorn zu entfernen. Wenn du einen Dorn im Fuß hast, wie willst du ihn entfernen? Diese Lebewesen sind in einem sehr niedrigen Stadium der spirituellen Entwicklung. Manchmal entfernen sie sich gegenseitig und gehen dann zur nächsten Stufe.
Es ist sehr schwer, sich mit dieser Sicht anzufreunden, wenn wir eine starke Anhaftung an die physische Auffassung des Körpers haben. Dies ist nur möglich, wenn wir die Entwicklung der Seele betrachten und einen starken Glauben an die Güte Gottes sowie an die Gesetze des Karmas haben, denen zufolge niemand einen Tropfen mehr oder weniger Leid erfahren kann, als er auf seine eigene Verantwortung hin durch die Mängel seiner vorangegangenen Taten verdient hat. Wenn wir dieses Sicht haben, können wir uns mit diesen vielen dramatischen und furchtbaren Effekten der Religionen versöhnen.

RE: Siehst du hier einen Unterschied zwischen verschiedenen Formen von Anhaftung? Du sprachst von dieser starken Anhaftung an die spezifischen Varianten verschiedener religiöser Konzepte, deretwegen religiöse Konflikte auftreten. Auf der anderen Seite haben wir die Information, dass die Anhaftung an Gott sehr wünschenswert ist, um spirituellen Fortschritt zu machen. Ich vermute, dass dies verschiedene Formen von Anhaftung sind. Was ist also der Unterschied und warum kämpfen Menschen für ihre religiösen Überzeugungen?

AM: Zunächst möchte ich noch mal den Punkt klar machen, dass ich auf keinen Fall Gewalt befürworte. Die Vaishnavas folgen der Philosophie von Sri Caitanya Mahaprabhu: Sei demütiger als das Gras und toleranter als der Baum. Toleriere alle Schwierigkeiten, wie der Baum, der jegliche Formen des Missbrauchs toleriert und zugleich Schatten und Nahrung spendet. Respektiere jeden, und fordere keinen Respekt für dich selbst. Verankere diese Haltung fest in deinem Herzen und widme Dich der Meditation über Gott, in dem Du die Mantren, die Namen Gottes rezitiert ist (z.B. "Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare").
Auf Grund der Natur dieser Welt ist es unvermeidlich, dass religiöse Gewalt stattfindet. Es gibt drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur (guna): Tugend (sattva), Leidenschaft (rajas) und Unwissenheit (tamas). Die Erscheinungsweise der Tugend bewahrt die Balance und Friede. Die Erscheinungsweise der Leidenschaft bezieht sich auf den Antrieb der Schöpfung und die Kreativität im allgemeinen, auf die Manifestation neuer Dinge auf der materiellen Ebene, neue Zivilisationen, neue Imperien, neue Philosophien, Reichtum, Künste. Die Erscheinungsweise der Unwissenheit ist das Motiv der Zerstörung. Da die materielle Welt eine Interaktion oder Mischung aus diesen drei Erscheinungsweisen darstellt, ist es unvermeidlich, dass wir mit diesen verschiedenen Phänomenen konfrontiert werden: Stabilität und Frieden, leidenschaftliche Kreativität, Unwissenheit und Gewalt. Die Welt ist aus diesen Dingen zusammengesetzt. Der Kampf der Seelen auf der Suche nach Gott wird, obwohl die Seele rein ist, durch den Filter dieser drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur übersetzt. Deshalb können wir manchmal beobachten, dass sich Religion in der Erscheinungsweise der Unwissenheit auf zerstörerische Weise manifestiert. In anderen Fällen zeigt sie sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft in kreativer Weise, oder sie zeigt sich in der Erscheinungsweise der Tugend in einer friedvollen und stabilen Weise.
Das Vaishnava-Dharma ist transzendental zu diesen Erscheinungsweisen der materiellen Natur, das heißt es manifestiert sich nicht in Tugend, Leidenschaft oder Unwissenheit. Es wird im Sanskrit vishuddha-sattva genannt, ewig, rein und transzendental, unveränderlich und sublim. Das ist die Natur des Vaishnava-Dharma.
Religion, dharma, ist im Grunde genommen eins. Wenn wir zum Beispiel von Wasser sprechen, meinen wir reines, klares Wasser, wir meinen nicht verschmutztes oder mit anderen Substanzen vermischtes Wasser. In gleicher Weise bedeutet Religion eigentlich nur eine Sache - transzendentalen, liebevollen Dienst zur Höchsten Persönlichkeit Gottes. Dieses dharma wird sva-bhava, die Natur der Seele, genannt. Es ist nicht etwas, das die Seele lernen oder üben oder von einer anderen Quelle erlangen muss. Tatsächlich ist es die Natur der Seele. Aber wenn sich die Seele in einer der drei Erscheinungsweisen befindet, äußert sich ihren Natur auf eine verzerrte Weise (atma-guna-vikara). Die inneren Qualitäten der Seele werden dadurch verändert. Wenn diese Verzerrung auf Grund des Kontaktes mit der materiellen Energie stattfindet, wird die ursprüngliche Neigung der Seele, eine liebevolle Beziehung zu Gott zu erfahren, abgelenkt. Sie richtet sich dann auf andere Phänomene und äußert sich in karma, jnana und yoga. Karma bedeutet die selbstische Tendenz, für den eigenen Vorteil und Genuss zu arbeiten. Jnana bedeutet die Kultivierung von Wissen mit dem Ziel, Freiheit von Leid bzw. Emanzipation und Erlösung zu erreichen. Yoga bedeutet die Tendenz, den Geist und die Sinne zu kontrollieren, um mystische Kräfte zu erlangen. Wenn wir die Theologie und die Praxis aller Religionen dieser Welt genau untersuchen, kommen wir zu der Erkenntnis, dass der ursprüngliche, transzendentale Sinn der Religionen, Liebe zu Gott (bhakti), durch den Einfluss von karma, jnana und yoga verzerrt wurde - dem Wunsch nach materiellen Vorteilen, nach Freiheit oder nach mystischen Kräften. In der gegenwärtigen Zeit können wir beobachten, dass in den esoterischen Strömungen die Bemühung um heilerische Kräfte neben der Sehnsucht nach Befreiung (jnana) das hervorstechende Merkmal ist. Heilerische Kräfte sind die aktuelle Variante des Strebens nach mystischen Fähigkeiten (yoga), um die materiellen Elemente zu beherrschen und persönliche Motive zu befriedigen (karma). Alle diese Konzepte sind in ihrem jeweiligen Grade nur auf das Eigeninteresse der bedingten Seele ausgerichtet.
Wenn wir nun diese drei ablenkenden Einflüsse aus dem Konzept der Religion entfernen, bleibt die reine Religion übrig. Das ist das reine Wasser, die reine Religion. Diese Religion ist die ursprüngliche Natur der Seele (sva-bhava), die erwacht, wenn sich die Seele auf der Ebene der reinen Transzendenz unberührt von den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur befindet.

Nun lässt sich folgender scheinbarer Widerspruch beobachten: Indem Du mich gerade über Vaishnava-Dharma befragst, lernst Du darüber. Durch Lernen und Üben kommst du auf diese Ebene der Transzendenz. Vaishnava-Dharma ist also etwas, was du lernst und übst. Dies steht im Widerspruch dazu, was ich darüber sagte, dass diese Art von Religion die Natur der Seele ist und nicht gelernt, geübt oder von einer anderen Quelle erhalten wird. Wie kann ich diese beiden scheinbar widersprüchlichen Aussagen in Einklang bringen? Durch Deine Bemühungen, über Vaishnava-Dharma zu lernen, wird Deine Gemeinschaft mit den niederen drei Erscheinungsweisen Schritt für Schritt reduziert. Wenn Du nun auf die Ebene von vishudda-sattva, der reinen Existenz, gelangst, manifestiert sich dieses Vaishnava-Dharma, das durch unwiderstehliche, spontane Liebe für die persönlichen Eigenschaften der absoluten Wahrheit, Sri Krishna, charakterisiert ist. Dann ist das nicht etwas, was Du durch eine absichtliche Anwendung Deines Willens oder Deiner Intelligenz praktizieren oder herbeiführen musst, sondern Du wirst hilflos, hoffnungslos, Hals über Kopf in die Liebe zu Krishna hineingezogen, und Du kannst es nicht begreifen, selbst wenn Du es versuchst, denn es ist Deine Natur.
Diese Natur bricht aus Dir hervor, denn es ist die ursprüngliche Konstitution der Seele. Wenn Du einen Ball auf eine schiefe Ebene legst, wird er rollen, weil die Schwerkraft ihn anzieht. Ein Würfel wird nicht rollen. Aber der Ball rollt, weil es seine Konstitution ist. In gleicher Weise hat die Seele von ihrer Konstitution her eine Form und eine Persönlichkeit und ist von Natur aus mit so vielen künstlerischen Fähigkeiten wie Gesang, Tanz, Malerei und Poesie durchdrungen, die alle darauf gerichtet sind, dem Reservoir von aller Freude und Liebe im Herzen, Sri Krishna, Zufriedenheit und Vergnügen zu bereiten.

RE: Dies ist eine wundervolle Beschreibung der Seele. Aus Deinen Äußerungen geht hervor, dass die Seele Form, Individualität und Eigenschaften besitzt. Wie verhält es sich damit?

AM: Wenn die Veden davon sprechen, dass die Wahrheit keine Eigenschaften hat (nirguna), dann bedeutet das, dass sie nicht von materiellen Eigenschaften beeinflusst ist, das heißt von den Erscheinungsweisen der materiellen Natur (guna). Die Erscheinungsweisen der materiellen Natur berühren die Seele im befreiten Zustand nicht. Selbst Patanjali räumt am Ende seiner Yoga-sutras ein (Vers IV.34), purusartha sunnyanam, gunanam pratiprasavah, kaivalyam svarupa pratistha, va citti shaktir iti: Im Zustand der Vollkommenheit ist die Seele nicht mit purusharta verbunden (die vier materiellen Tätigkeiten des Lebewesens: dharma - Religiösität; artha - ökonomische Entwicklung; kama - die Suche nach Sinnengenuss; moksha - Befreiung). Wenn die Seele den vollkommenen Zustand erreicht hat, hat sie also auch nicht mehr das Ziel der Befreiung. Gunanam pratiprasavah: die Seele ist nicht mehr von den Erscheinungsweisen der materiellen Natur (guna) berührt. Und was passiert, wenn sie diesen Zustand erreicht hat? Kaivalyam svarupa pratistha: Sie nimmt ihre eigene Form (svarupa) an. Va citti shaktir: die spirituelle Kraft; die absolute Wahrheit besitzt Kraft (shakti), und diese Kräfte haben Funktionen. Die spirituelle Seele, die von den materiellen Erscheinungsweisen befreit ist, hat eine Form, und diese Form führt Aktivitäten aus. Diese Aktivitäten sind bhakti oder hingebungsvoller, liebender Dienst zu Gott. Kaivalya, Einssein, bezieht sich auf Einssein mit der Natur Gottes. In den Veden wird vielfach von diesem Einssein gesprochen (ekatva oder kaivalya). Auf Grund der Unwissenheit des heutigen Zeitalters wird dieser Begriff des Einsseins heute jedoch fälschlicherweise als die Abwesenheit von jeglicher Vielfalt und Gestalt interpretiert. Dies wir vastu-kaivalya, Einssein der Substanz genannt. Aber Einssein bedeutet nicht immer Einssein in der Substanz. Z.B. mag in einem Gefäß nur Öl sein, oben, unten und in der Mitte ist eine homogene Substanz, vastu. Hier kann man von Einssein sprechen. Es gibt aber noch eine andere Form des Einsseins, Einssein in der Natur (dharma-kaivalya). In dieser materiellen Welt gibt es keine Einheit der Natur, sondern die Natur tritt in den verschiedenen Erscheinungsweisen auf. Aber auf der transzendentalen Ebene gibt es dieses Einssein der Natur. Alles ist rein, unverfälscht und vollkommen, wie das reine Wasser ohne Beimischungen. Das ist auch Einssein, aber ein Einssein, das Vielfalt nicht negiert. In den Upanishaden (Isopanishad, Anrufung) wird gesagt: om purnam adah purnam idam, purnat purnam udacyate, purnasya purnam adaya, purnam evavasisyate. »Die absolute Wahrheit ist vollkommen und vollständig. Alles, was von der absoluten Wahrheit ausgeht, ist vollkommen und vollständig. Und obwohl es unzählige Emanationen der absoluten Wahrheit gibt, bleibt sie vollkommen und vollständig.« Hier wird also das Einssein in Form von vastu-kaivalya nicht bestätigt, denn es gibt Emanationen von dieser vollständigen Wahrheit. Purna bedeutet vollständig und bezieht sich auf die Wahrheit, die nicht leer ist.

Weil nun unser Verstand und unsere Intelligenz durch unsere materiellen Erfahrungen begrenzt sind, stellen wir uns etwas Formloses, Unpersönliches ohne Vielfalt vor, wenn wir an das Spirituelle denken. Aber die Veden berichten uns, dass die absolute Wahrheit nicht ohne Gestalt und ohne etwas ist. Es ist mehr von allem und vervollständigt alles. Es muss also mehr Form, mehr Vielfalt und mehr Persönlichkeit geben. Es kann nicht weniger sein als auf unserer relativen Ebene. Manche Menschen denken, dass das Konzept einer formhaften Wahrheit Götzenverehrung sei. Aber tatsächlich ist das formlose Konzept der Wahrheit die Götzenverehrung. Warum? In der materiellen Welt gibt es verschiedene Elemente, Erde, Wasser, Luft, Feuer und Äther. Von diesen Elementen haben die Erde, Wasser und Feuer eine Form. Luft und Äther (Raum) hingegen haben keine Form. Deshalb ist das Konzept, dass materielle Dinge Form haben und spirituelle Dinge keine Form haben, falsch. Es gibt materielle Dinge, die keine Form haben, nämlich Luft und Raum. Formlosigkeit ist also ebenfalls eine materielle Konzeption. Wenn wir nun über die absolute Wahrheit kontemplieren, mag sich eine unwissende Person etwas Formloses vorstellen. Der Geist oder Verstand ist ebenfalls ein materielles Element. Gemäß der vedischen Philosophie gibt es neben den fünf grobstofflichen Elementen noch drei feinstoffliche: Geist, Intelligenz und falsches Ego. Eine Person, die die Vaishnavas dafür kritisiert, dass sie eine Bildgestalt verehren, unterliegt dem selben Vorwurf, den sie den Vaishnavas macht. Denn diese Person kreiert in ihrer Vorstellung ebenfalls eine Gestalt, ein Form, und zwar nach dem Vorbild ihres Geistes. Ihre Vorstellung korrespondiert also mit ihren Erfahrungen aus der materiellen Welt von etwas Ätherischem. Dies verehrt sie dann und nennt es die Wahrheit. Sie schafft somit eine Bildgestalt aus den mentalen Elementen ihrer materiellen Wirklichkeit. Dies ist Götzenverehrung. Eine primitive Person, die eine Bildgestalt aus Stein herstellt, z.B. in der Form einer Katze, und diese verehrt, ist im Prinzip nicht weniger weit fortgeschritten als die sogenannten gelehrten Unpersönlichkeitsphilosophen, denn beide haben das Gleiche getan. Der eine tat es auf der Ebene der grobstofflichen materiellen Elemente, und der andere tat es auf der Ebene der feinstofflichen materiellen Elemente. Man kann sogar sagen, dass der primitive Verehrer weiter fortgeschritten ist, denn das Objekt der Verehrung des Unpersönlichkeitsphilosophen hat weniger Qualitäten als diese Katze, die aus Ton oder Stein gemacht wurde. Damit kommt der Verehrer der Katze der absoluten Wahrheit näher.

RE: Ich glaube, die Unpersönlichkeitsphilosophen haben das Konzept, dass die materielle Existenz unvollkommen ist, dass es da Egoismus usw. gibt, und daraus ziehen sie die Schlussfolgerung, dass die spirituelle Wahrheit etwas anderes sein muss, was davon verschieden ist. Deshalb haben sie dieses neti neti, was so viel bedeutet wie "nicht dies, nicht das". Das, was wir in der materiellen Existenz erfahren, kann es also nicht sein. Wie kommt es aber dann, dass sie nicht die positive Wahrheit hinter dem neti-neti finden?

AM: Neti-neti bedeutet die schrittweise Negation der materiellen Erfahrungen, um den Menschen auf die spirituelle Ebene zu bringen. Dies ist aber quasi unmöglich. Dies ist wie mit dem armen Mann, der in einem verfallenen Haus wohnt. Seine Kleider sind alt und zerschlissen. Seine Möbel sind zerbrochen. Mit der Logik des neti-neti käme man dann zu folgenden Schlussfolgerungen: Ein reicher Mann hat kein verfallenes Haus, also entledige dich dieses Hauses. Ein reicher Mann hat keine zerschlissenen Kleider, also entledige die dieser Kleider. Ein reicher Mann hat keine zerbrochenen Möbeln, also entledige dich dieser Möbel. Wird der arme Mann dadurch ein reicher Mann? Er hat seine materielle Erfahrung der Armut negiert. Aber jetzt hat er nichts mehr. Auf jeden Fall ist er kein reicher Mann geworden. Nur die materielle Erfahrung zu negieren, bringt noch nicht den Reichtum der spirituellen Erfahrung.
Wir mögen es zu denken, dass wir nach der Wahrheit suchen. Wir führen dieses Leben, um herauszufinden, was wahr ist. Wir sind bewusste Wesen, die die Existenz wahrnehmen. Wir versuchen, sie in vollkommener Weise zu sehen. Aber wir sollten verstehen, dass dieses Konzept das egoistische Konzept ist. Das Konzept von "Ich", dass ich existiere, ist nicht illusionär, es ist eine wahre Erfahrung. Die Illusion ist nur die zu denken, dass ich im Zentrum der Existenz bin, dass ich der Seher und der Handelnde bin. Das ist die Illusion, nicht die Individualität. Wenn ich also verstehe, dass ich nicht der Seher bin, sondern der, der gesehen wird, ist das wahre Erkenntnis. Die Welt ist nicht unter meinem Mikroskop, sondern ich bin die Mikrobe, die von dem Auge im Himmel beobachtet wird. Wenn wir realisieren, dass die Welt nicht das Objekt unserer Untersuchung ist, sondern wir das Objekt der Untersuchung von Gott sind, wird sich unsere Bewegung zur Erleuchtung dramatisch verändern. Dies bedeutet, dass wir nach innen schauen sollten um herauszufinden, was unsere Motivation für diese Suche nach der Wahrheit ist. Diejenigen, die auf dem Pfad von neti-neti sind, haben die Motivation: "Ich will frei werden vom Leid". Unter dem Vorwand, von Ego frei zu werden, ist die darunter liegende Motivation egoistisch.
Deshalb kommt die bhakti-Schule zu folgender Schlussfolgerung: Werde frei vom falschen Ego, aber akzeptiere das richtige Ego. Wenn deine Suche nach Erleuchtung auf der Plattform der Selbstlosigkeit fundiert ist und Du die Einstellung finden kannst, dass Du nach der Wahrheit suchst, um dieser Wahrheit Freude zu bereiten, dann ist dieses Suchen nach Erleuchtung die wirkliche Aufgabe des Ego. Dein Ich sucht nach der Wahrheit, aber nicht zum eigenen Wohl, sondern zum Wohle der Wahrheit. Ich bin nicht das Zentrum der Realität, sondern ein unbedeutender Teil des ganzen Systems mit der Pflicht, in vollständiger Harmonie mit der Quelle meiner Existenz zum Wohle von allen zu leben. Das ist das richtige Ego.

RE: Ich glaube, das ist ein sehr wichtiges Konzept, denn der monistische Standpunkt kommt zu der Schlussfolgerung: "Ich bin Gott." Dies kommt daher, dass sie Verschiedenheit weder sehen wollen noch können. Ihre Logik lässt auch den Gedanken nicht zu, dass es mehr als eine individuelle Seele geben mag.

AM: Lasse mich bitte erklären, wie es dazu kommt. Wir wissen, dass die spirituelle Welt aus spirituellen Kräften zusammengesetzt ist. Eine davon ist die svarupa-shakti, die in Sri Radha verkörpert ist, die ewige Geliebte von Krishna. Auf ihre Aktivität ist die Manifestation des spirituellen Bereichs zurückzuführen. Diese Kraft hat drei Tendenzen (vritti): Eine davon ist die ewige Existenz (sandhini), von der alle spirituelle Formen ausgehen. Die nächste ist die bewusste Erfahrung (samvit), Wissen, Wahrnehmung. Die dritte ist die Freudenkraft (hladini), sie manifestiert Freude und Glückseligkeit (ananda). Sandini, samvit und hladini werden in den Veden auch sat-cit-ananda genannt, das ist der spirituellen Nektar. Wenn die spirituelle Natur aus dem transzendentalen System hervorkommt, transformiert sich diese svarupa-shakti und wird zur tatastha-shakti, der Energie der Lebewesen. Alle die Lebewesen in der materiellen Welt sind, wir auch, die fragmentarischen Manifestationen der tatastha-shakti. Da nun diese Energie der Lebewesen aus der spirituellen Energie hervorgegangen ist, sind diese drei Tendenzen in der Energie der Lebewesen in einer transformierten Weise gegenwärtig. Die sandhini-vritti, die Existenzkraft, ist im Lebewesen in der Form der ewigen Existenz der Seele gegenwärtig, was auch seine transzendentale Form beinhaltet. Die samvit-vritti, die Wissenskraft, ist dem Lebewesen als transzendentales Wissen gegenwärtig, das allerdings jeglicher spirituellen Vielfalt entbehrt (brahma-jnana). Die hladini-vritti, die Freudenkraft, manifestiert sich im Lebewesen als die Glückseligkeit der Befreiung oder das Gefühl des Einssein mit brahman (brahma-ananda). Deshalb hat die spirituelle Seele in dieser Welt ihre individuellen Existenz, die von sandhini kommt. Aber ihr Wissen und ihre Freude manifestiert sich nur bis zu dem Punkt von brahma-jnana und brahma-ananda, also dem formlosen und unpersönlichen Zustand der Einheit. Jedes Lebewesen in dieser Welt gelangt auf seiner Suche nach Wahrheit unweigerlich zu diesem Punkt, denn das ist seine Konstitution.

Wenn wir nun zum Beispiel Holz anschauen, dann ist in diesem Holz das Potenzial des Feuers enthalten. Warum? Weil der Baum wuchs, in dem er die Hitze der Sonne absorbiert hat. Deshalb ist die Hitze der Sonne nun als eine Kraft in dem Holz gespeichert. Dieses Holz stand nie unter Feuer, aber durch die Berührung mit Feuer bricht diese latent im Holz liegende Kraft hervor. Die Flammen, die aus dem Holz hervorgehen, liegen als Potenzial in diesem Holz verborgen, auch wenn ihr Ausbrechen erst durch den Kontakt mit Feuer hervorgerufen wird. In ähnlicher Weise wird der Kontakt der spirituellen Seele mit dem spirituellen Ursprung das Potenzial frei legen, dass in einer positiven spirituellen Erfahrung besteht. Die Lebensenergie (tatastha-shakti) ist eine Transformation der ursprünglichen spirituellen Energien (svarupa-shakti), nämlich der freudvollen, liebenden und vielfältigen Energien der spirituellen Welt. Obwohl die Seelen niemals die spirituelle Vielfalt erfahren haben und durch ihre eigenen Bemühungen auf der Suche nach Wahrheit auch nicht erlangen können, ist es ihnen durch den Kontakt mit dem Feuer, das bedeutet den aktiven Prinzipien der transzendentalen Ebene, möglich, ihr Potenzial zu entfachen. Sie gelangen zum Wissen über ihre Beziehung mit Gott (Krishna), der Freude der spirituellen Liebe (prema-ananda). In anderen Worten, bis die Seele, die in der materiellen Welt durch die Zyklen der Geburten und Tode wandert, in Kontakt kommt mit einer erleuchteten Seele, die in ihrem Herzen die aktiven Prinzipien der spirituellen Liebe und Vielfalt verwirklicht hat, ist sie dazu verurteilt, den Weg des trockenen Impersonalismus zu gehen.
Deshalb geben die Veden die Schlussfolgerung, dass das Lebewesen, das Geburt für Geburt durch diese Welt wandert, dann sein Glück findet, wenn es einer heiligen Person (sadhu) begegnet, einem Vaishnava, der völlig erleuchtet ist über die vielfältig ausgestaltete spirituelle Realität. Wenn wir diesen Heiligen begegnen, ist das wie die Berührung mit dem Feuer. Es bringt das verborgene Potenzial dazu, sich zu manifestieren. Dann versteht die Seele, dass das persönliche Wesen Gottes die absolute Wahrheit ist. Obwohl Gott eine Form hat, die voller Vielfalt ist, ist er dennoch nicht-dual. Gott ist eins und ich bin sein ewiger Diener. Auf der Stufe der Vollkommenheit werde ich eine sehr intime Beziehung zu ihm haben, eins zu eins, die mit Gesang, Tanz und Kunst gefüllt ist, und die die unbegrenzten dynamischen Stimmungen (rasa) einer Liebesbeziehung enthält. Es ist ein Erstaunen, dass immer frisch ist und sich unausgesetzt bewegt wie die Wellen im Ozean.
Die jedoch, die keine Gemeinschaft mit den reinen Vaishnava-Heiligen haben, können diese Stimmungen nicht erfahren.
Die Veden haben diese Schlussfolgerung gegeben: bhakti stu bhagavat bhakta sangena parijayate: Die Tendenz des Lebewesens, Liebe und Hingabe zur persönlichen Gestalt Gottes zu empfinden, kann nur durch die Gemeinschaft mit diesen spirituell fortgeschrittenen Personen erweckt werden (sat-sanga). Sat-sanga labite pumbe sukrita purvasam jitay: Diese Gemeinschaft kann nur durch die Ansammlung von frommen Handlungen erreicht werden, graduelle Handlungen der Hingabe, die bewusst oder unbewusst in Beziehung zu Gott, zu heiligen Orten oder Gottgeweihten ausgeführt werden. Die Ansammlung dieser heiligen Handlungen der Hingabe führt dazu, dass wir mit diesen großen Seelen zusammentreffen. Die großen Seelen können unser Herz reinigen, schmelzen und verändern und diese Erleuchtung in uns erwecken, die weit über den unpersönlichen Aspekt hinausgeht.

RE: Dies bedeutet dann aber, dass es nicht gut ist, gegenüber unpersönlichen Transzendentalisten Vorurteile zu haben oder gegen sie zu argumentieren, denn sie sind auf einer natürlichen Ebene der Entwicklung, die eine unvermeidliche Stufe auf dem Weg zur Verwirklichung der persönlichen Form Gottes ist?

AM: Diejenigen, die erleuchtete Seelen sind, sehen überall Harmonie. Sie können alle scheinbaren Widersprüche auflösen. Sie sehen die Einheit in der Verschiedenheit und die Verschiedenheit in der Einheit: acintya-bheda-abheda-tattva - die unverstehbare gleichzeitige Einheit und Verschiedenheit aller Dinge, wie sie von Caitanya Mahaprabhu gelehrt wurde. Caitanya hat die Synthese aus der gesamten Geschichte der vedischen Philosophie begründet. Deshalb möchte ich deine Aussage, wir sollten keine Argumente gegen die unpersönliche Konzeption der Wahrheit anbringen, nicht unterstützen. Aber wir sollten nicht der Feind von irgend jemand sein, und deshalb sollten wir auch nicht der Feind der Anhänger der unpersönlichen Wahrheit sein. Wir sollten sehen, dass dies eine Stufe in der natürlichen Entwicklung ist und mit Sympathie und Zuneigung für sie versuchen, ihnen die Eigenschaften ihrer Konzeption zu erklären, die sicherlich auch ihre Verdienste hat, um dann die Defizite dieser Konzeption aufzuzeigen und sie in dieser Weise dazu anzuziehen, die perfekte, holistische und konsistente Konzeption des persönlichen Gottes anzuerkennen, die in der vijay-dara, dem Fluss der Vaishnava-Erkenntnisse zum Ausdruck kommt. Die Vaishnava-Idee ist nicht das Ergebnis eines Zusammenfügen von vielen evidenten logischen Argumenten, sondern die Erfahrung, die sich automatisch im Herzen einstellt, wenn es vishuddha ist - vollständig gereinigt von allen materiellen Erfahrungen, die das Lebenwesen gemacht hat, bevor es von dem Raum berührt wurde, der jenseits von brahman ist.

Im Srimad Bhagavatam wird gesagt: Jene, die den Pfad des Impersonalismus beschreiten, können sich von dem Kontakt mit den materiellen Erscheinungsweisen der Natur reinigen, in dem sie sehr harte Entsagungen auf sich nehmen. Sie erreichen dadurch eine transzendentale Position. Sie müssen dazu ihre Sinne von den Sinnesobjekten zurückziehen. Sie glauben dann, befreit zu sein. Sie sind zwar befreit, aber nicht im höchsten Sinne. Sie sind aus dem Kontakt mit der materiellen Energie herausgekommen und befinden sich nun an einem neutralen Punkt zwischen der materiellen und der spirituellen Energie. Ihr Bewusstsein ist gereinigt von egoistischen Konzepten, aber es fehlen noch die positiven Inhalte, die spirituelle Vielfalt (visuddha-sattva). Deshalb ist das Bewusstsein noch nicht im höchsten Sinne befreit. Es besteht die Tendenz, von dieser Stufe wieder herunter zu fallen, denn sie haben es unterlassen, den Lotusfüßen Gottes die Ehre zu erweisen. Weil sie nicht der Diener der persönlichen Erscheinung Gottes wurden, fallen sie wieder herunter und wenden sich wieder materiellen Tätigkeiten zu. Die Anhänger des Impersonalismus streben nach Befreiung (mukti), aber sie erreichen nicht die höchste - weil vollständig verwirklichte - Befreiung (vimukti). Sie kommen auf die transzendentale Ebene der reinen Existenz (suddha-sattva), aber nicht in ihre positive spirituelle Identität (visuddha-sattva).
In der materiellen Welt befinden wir uns auf einer Ebene, die aus einer Mischung der materiellen Erscheinungsweisen besteht. Wir können dies übersteigen, und auf die Ebene der reinen Existenz gelangen. Das ist die Qualität der Lebewesen. Um aber von der Ebene der reinen Existenz in die spirituelle Welt einzutreten, braucht das Lebewesen die Gemeinschaft mit einer großen Seele, die sich bereits in diesem spirituellen Sein befindet. Diese große Seele kann mit ihrer Barmherzigkeit die konstitutionelle Existenz des bedingten Lebewesens transformieren. Mukti hinvanyeta rupam svarupena vyavastiti: Wahre Befreiung bedeutet, die zeitweiligen Formen (rupa) der Existenz aufzugeben und die ewige Form der Seele (svarupa) anzunehmen. Dies ist die tiefste Schlussfolgerung des vedischen Wissen.
Der Vorgang der Erleuchtung ist bhakti, Hingabe. Diese Hingabe kann nicht gelernt werden, sondern wird erlangt durch die Läuterung und Verfeinerung der Tendenzen der Seele, die sich aus der Gemeinschaft mit den Heiligen ergibt. Deshalb beginnt das spirituelle Leben mit gurupada ashraya, der Zufluchtnahme beim spirituellen Meister. Hier beginnt der Vorgang der Hingabe.

RE: Was hier nun auch zum Ausdruck kommt, ist die eminente Bedeutung von Beziehungen. Dies ist meines Erachtens der Hauptpunkt in der bhakti-Konzeption, die Verbindung zwischen zwei Seelen, z.B. zwischen Schüler und Lehrer oder zwischen der Seele und Krishna. Ich habe schon oft gedacht, man kann auch die Bewegungen in der materiellen Welt zwischen den Lebewesen von diesem Gesichtspunkt aus sehen. Das, was alle bewegt, sind die Beziehungen. Das ist eine Wahrheit. Siehst du das auch so?

AM: Wir sollten verstehen, dass die spirituelle Natur und die materielle Natur ziemlich verschieden sind. Der Impersonalismus denkt, weil die bedingte Realität aus Vielfalt und Verschiedenheit besteht, müsse die spirituelle Realität, die das Gegenteil davon ist, ohne Vielfalt und ohne Verschiedenheit, ohne Farbe, Geschmack und Beziehungen sein. Aber wir können auch in dieser bedingten Realität ein Leben führen, dass jeglicher Beziehungen entbehrt, ohne Liebe zu jemanden. Deshalb ist das Fehlen von Gefühl und Anhaftung kein Zeichen für Spiritualität. Es ist vielmehr ein Zeichen von Egoismus und emotionalen Störungen.
Was ist also das Gegenteil der materiellen Vielfalt und Beziehungen? Das Gegenteil ist Folgendes: die materiellen Beziehungen und die materielle Vielfalt sind zeitweilig, wohingegen die spirituellen Beziehungen und Mannigfaltigkeiten ewig sind. Die bedingten, materiellen Beziehungen sind voller Unwissenheit. Man mag zum Beispiel denken, ich bin der Vater dieses Kindes, ich bin dieses Kind oder ich bin diese Mutter, aber diese Beziehungen sind nicht wahr. Die Seele hat einen Körper angenommen, und dieser Körper hat einen anderen Körper als Nebenprodukt hervorgebracht. Dies bedeutet nicht, dass die Seele in dem zweiten Körper eine Beziehung als Bruder, Kind oder Vater zu der ersten Seele hat. Die körperliche Verbindung sagt nichts über die seelischen Beziehungen aus. Die körperliche Verbindung wird zum Zeitpunkt des Todes unterbrochen, sie ist somit zeitweilig. Sie existierte nicht vor der Geburt, und wird nicht weiter existieren nach dem Tod. In den drei Phasen der Zeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, kann diese Beziehung nicht als dauerhaft bezeichnet werden. Deshalb wird sie nicht als Bestandteil der absoluten Wahrheit angesehen. Jemand, der diese körperlichen Beziehungen als Realität annimmt, ist in Unwissenheit. In unserer bedingten Welt werden deshalb Beziehungen und Vielfalt im Zustand der Unwissenheit wahrgenommen. In der spirituellen Welt jedoch sind die Beziehungen ewig, allglückselig und voller Wissen. Die Beziehungen in der materiellen Welt sind mit Leid und Fehlern behaftet. Die Beziehungen in der spirituellen Welt sind vollkommen und voller unbegrenzt wachsender Freude. Das Gegenteil der materiellen Erfahrung ist deshalb nicht das Nichts. Der Unterschied besteht darin, dass die Beziehungen hier voller Unwissenheit und dort voller Wissen sind, hier voller Leid und dort voller Glück, hier zeitweilig und dort beständig. Das ist das echte Gegenteil. In unserer bedingten Welt sind alle Beziehungen durch Egoismus und selbstische Motive gekennzeichnet. Doch eine echte Beziehung ist ausschließlich auf selbstloser Liebe gegründet.

RE: Gibt es in der spirituellen Welt auch Beziehungen zwischen den einzelnen spirituellen Seelen, oder hat die Seele dort ausschließlich eine Beziehung zu Krishna in der einen oder anderen Weise?

AW: Entsprechend der Philosophie der rasas, der transzendentalen Stimmungen, ist die Grundlage aller spirituellen Emotionen stayi-bhava, permanente Gefühlsregung. Diese permanente Gefühlsregung kann von fünf Arten sein: 1. santa-rasa, 2. dasya-rasa, 3. sakya-rasa, 4. vatsalya-rasa und 5. madhurya-rasa, Anhaftung in der Art einer 1. passiven Bewunderung, 2. Dienerschaft, 3. Freundschaft, 4. elterliche Liebe oder 5. die Stimmung der Verliebten. Dies sind die fünf Variationen. Diese fünf Arten der Anhaftung sind alle auf Krishna gerichtet, es sind die fünf Arten der Beziehung zu Gott. Innerhalb der spirituellen Welt gibt es nun aber eine unbegrenzte Anzahl spiritueller Lebewesen. Alle ihre Gefühlsregungen sind auf Krishna gerichtet. Auf der Basis der permanenten Gefühlsregungen, stayi-bhava, kommen dann andere Regungen hinzu, die diese stayi-bhava stimulieren. Eine davon wird vibhava genannt: das, was die Stimmung von jemandem intensiviert. Die anderen Lebewesen in der spirituellen Welt handeln deshalb in der Kraft von vibhava. Wenn wir sehen, in welch intensiver Liebe zu Krishna diese Lebewesen handeln, intensiviert das unsere Liebe zu Krishna. Deshalb empfinden wir auch für sie Anhaftung. Dennoch ist die darunter liegende Anhaftung die zu Krishna.

RE: Was ist denn nun die Rolle von Radha, der Geliebten von Krishna? Mir ist es nicht ganz klar. Ist sie eine Emanationen von Krishna oder ist sie eine eigene, völlig unabhängige, aus sich selbst existierende Person? Sind sie ewig zwei? Gott und Göttin?

AW: Wenn in unserer diesseitigen Welt etwas eine Form hat, identifizieren wir es als eine Individualität oder als individuelles Objekt. Wenn wir zwei Formen sehen, kalkulieren wir mit unserem mechanistischen Verstand, dass es sich um zwei Objekte handelt. Aber Radha und Krishna sind ein Objekt, das wir als zwei Formen erfahren. Der mechanistische Verstand kann also die Realität, die Radha und Krishna darstellen, nicht verstehen. Wenn du versucht, dies durch deine intellektuellen Fähigkeiten zu verstehen, wird dein Gehirn schmelzen und aus den Ohren heraus laufen. Deine Sicherungen werden durchbrennen. Deshalb ist die einzige Möglichkeit, dies zu verwirklichen, die Rezitation der Mantras. Wenn das Bewusstsein sich über die bedingte Ebene in die Trance erhoben hat, kann man verstehen, wie ein Objekt zwei Formen haben kann, Radha und Krishna. Die zwei Formen Radha und Krishna handeln in verschiedenen Modalitäten. Krishna ist der Held und Radha ist die Heldin. Krishna ist der Genießer der Liebe von allen Lebewesen, und Radha ist seine größte Liebe. Von ihr geht ursprünglich alle Zuneigung aus, die in allen Lebewesen existiert. Hier stoßen wir natürlich auf ein kleines Manko in der Sprache, denn wenn wir von Ursprung sprechen, impliziert das einen Anfang. Wie wir aber bereits ausgeführt haben, befindet sich die spirituelle Realität jenseits der Zeit. Es gibt hier also keinen Anfang. Die Konzeption von Ursprung impliziert in der spirituellen Welt lediglich die Frage der Abhängigkeiten, inwiefern die Existenz von einer Sache von der Existenz einer anderen Sache abhängt. In dieser Weise wird unsere Zuneigung als eine Manifestation der ursprünglichen Zuneigung Radhas betrachtet.

Wenn wir also versuchen zu verstehen, wie die spirituelle Realität aussieht, werden immer die einen oder anderen Defizite in die Beschreibung gelangen. Und nur diejenigen, die der Beschreibung lauschen, die durch ihre eigene Meditation auch eine eigene Erfahrung davon im Hintergrund haben, können die Essenz und wahre Bedeutung der Beschreibung verstehen und deren Unzulänglichkeiten ausfiltern, die durch die Bedingtheit der Worte entsteht.
Radharani und Krishna sind eins. Aber wir sehen sie in zwei Formen. Radharani ist purna-shakti, Krishnas vollständige Energie. Alle anderen Energien hängen von ihr ab. Und obwohl alle Energien Krishna dienen, kann nur die vollständige Energie ihn vollständig zufrieden stellen. Alle Vaishnavas, die Gott in seiner persönlichen Form als Vishnu/Krishna als ihren Meister (dasya-rasa), ihren Freund (sakya-rasa), als seine Eltern (vatsalya-rasa) oder als ihren Geliebten (madurya-rasa) verehren, sind in gewisser Weise nicht fähig, ihn vollständig zufrieden zu stellen. Warum? Nur die vollständige Energie, purna-shakti, kann den shaktiman, die mit allen Energien versehene Person, zufriedenstellen. Niemand außer Radharani ist kompetent dazu. Deshalb hat Sri Caitanya Mahaprabhu gelehrt, dass die höchste Hingabe und die höchste Philosophie des Vaishnava-Dharma darin besteht, die Dienerin von Radharani zu werden. Das wird manjari-bhava genannt. Warum ist dies die höchste Hingabe? Wenn Du individuell versuchst Krishna zu dienen, ist deine Kapazität nicht ausreichend, um ihn in höchster Weise zufrieden zu stellen, wie das Radharani, seine vollständige Energie, vermag. Wenn du aber seiner vollständigen Energie dienst, indem du eine Dienerin von Radharani wirst, leistest Du den höchsten Beitrag zur Freude des höchsten Wesens, der möglich ist. Du bist dann mit der purna-shakti verbunden. Da die Freude, die man dem höchsten Wesen gibt, in gleicher Weise wieder zu dem Lebewesen zurückfließt, findet sich die höchste Freude in dem Dienst zu Radharani.

Wir Gottgeweihten fühlen einen großen Stolz, die Nachfolger von Sri Caitanya Mahaprabhu zu sein. Wir sind nicht stolz auf uns selbst sondern auf Sri Caitanya Mahaprabhu. Er gab uns in seiner unbegrenzten Barmherzigkeit diese höchsten Lehre. Wenn man sich über die bedingte Ebene erhebt in die Transzendenz, dann von der unpersönlichen zur persönlichen Wahrheit fortschreitet, von dort zu der Bedeutung der Beziehungen, und innerhalb der Beziehungen zu den verschiedenen Gefühlsstimmungen der Liebe gelangt, so wird man unweigerlich zu dem gelangen, was uns Sri Caitanya Mahaprabhu gezeigt hat. Und niemand hätte diese geheime Lehre geben können außer Krishna und Radha selbst. Um uns den Beweis zu liefern, dass sie, obwohl zwei Formen, doch eine Person sind, erschienen sie in der Form von Caitanya Mahaprabhu.
Du fragtest, ob Radha und Krishna eins oder zwei sind. Wenn die Liebe von Radha und Krishna zu ihre höchsten Stufe gelangt, passiert etwas, was in unserer Tradition prema-vilasa-vivartha genannt wird, ein Zustand, in dem beide so verwirrt sind, dass Krishna denkt, er sei Radharani, und Radharani denkt, sie sei Krishna. Das ist die höchste Stufe der Liebe und die direkte Manifestation von acintya-bheda-abheda-tattva, gleichzeitigem eins und verschieden sein.


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