Wie kann der Mensch Freiheit verwirklichen?

Michaela Himmel

Alle Menschen wünschen sich, glücklich oder zumindest zufrieden zu sein und gesunde Beziehungen zu anderen zu erleben. Warum aber gelingt uns dies oft nicht oder gestaltet sich im Alltag so schwierig? Wie ist es möglich, mit uns selbst und mit anderen in Frieden zu leben? Eine Antwort geben die Lehren Krishnamurtis.


Freiheit ist ein geistiger
Zustand - frei sein von Bil-
dern, Vorstellungen, Kon-
ditionierungen

Jiddu Krishnamurti (1895 – 1986) gehörte zu den maßgebenden spirituellen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Liebe und Freiheit, Selbsterkenntnis und Mitgefühl – das sind die existentiellen Themen des Menschseins, über die er immer wieder sprach. Die zentrale Frage, um die sein Denken kreiste, war die Frage: Wie kann der Mensch Freiheit verwirklichen, und zwar nicht die trügerische "Freiheit", zu tun, was einem beliebt, oder die partielle Freiheit von diesem oder jenem Zwang, dem einen oder anderen politischen System, sondern die vollkommene innere Freiheit, die das Leiden des Menschen an der Welt transzendiert, die Zeit und Raum, Leben und Tod transzendiert und in der allein wahre Liebe, wahres Mit-Leiden und damit wahre Freude möglich ist.

Krishnamurti hat vor allem Vorträge gehalten, in denen er versuchte, den Menschen deutlich zu machen, dass und warum sie nicht frei sind. Krishnamurti versteht unter Freiheit vollkommene Freiheit des Geistes. "Freiheit ist ein Zustand des Geistes – nicht die Freiheit von etwas, sondern das Gefühl der Freiheit, der Freiheit alles anzuzweifeln und in Frage zu stellen, und zwar so intensiv, aktiv und kraftvoll, dass sie jede Art von Abhängigkeit, Sklaverei, Anpassung und Anerkennung von sich wirft." Unser Geist ist jedoch nicht frei, weil unser Bewusstsein konditioniert ist. Wir alle sind konditioniert: ob wir als Europäer, Inder, Chinese, Moslem oder Katholik usw. aufgewachsen sind – wir werden geformt durch Nationalität, Tradition, Religion, Sprache, Erziehung, Gewohnheiten, Konventionen und Propaganda jeder Art, und wir identifizieren uns damit. Diese innere, geistige Unfreiheit ist für uns im Gegensatz zu äußerer Unfreiheit nur sehr schwer zu erkennen. Wenn wir statt in einem tatsächlichen Gefängnis im Gefängnis unserer Gedanken und Konditionierungen festsitzen, dann ist das sehr schwer zu erkennen, weil diese Art der Unfreiheit ja von der Gesellschaft in allen ihren Bereichen – Religion, Erziehung, Politik, Wissenschaft usw. – gepflegt und zementiert wird.

Innere Konditionierungen Krishnamurti weist uns auf drei fundamentale innere Konditionierungen hin, die so tief in unserem Bewusstsein verwurzelt sind, dass wir nicht einmal erkennen können, dass und wie sie uns bestimmen: das Denken, die Zeit und das Ego.
Unser Denken ist konditioniert, weil es ohne Erfahrungen und Erinnerungen nicht stattfinden kann. Das Denken wiederum konditioniert das Bewusstsein. Die vergangenen Empfindungen, die Schmerz oder Freude in mir erzeugt haben, möchte ich entweder vermeiden oder wiederholen. So projiziert das Denken z.B. ein glückliches Erlebnis auf einen zukünftigen Zeitpunkt ("nächste Woche möchte ich wieder xy erleben"). Unser Denken bewegt sich also ständig entweder in der Vergangenheit (= Erinnerung) oder in der Zukunft (= Projektion), dadurch verpassen wir den gegenwärtigen Augenblick.
Das Ego entsteht, wenn ich mich mit einer Vorstellung identifiziere bzw. wenn ich an meine Wahrnehmungen denke und versuche, sie zu vermeiden oder wieder zu erleben. Unser Ego steht für uns im Zentrum des Bewusstseins. Alle Erfahrungen, die ich als Individuum mache, kreisen um mein Ego. Es wird Träger all meiner Konditionierungen. Haben wir dieses einmal erkannt – nicht abstrakt und theoretisch, sondern unmittelbar – ist ganzheitliches Sein möglich.

Freiheit ist jenseits vom Denken Wenn aber unser Denken nicht frei, sondern konditioniert ist, wie können wir dann wahre Freiheit finden? Krishnamurtis Antwort ist unmissverständlich: Wahre (innere) Freiheit können wir nur jenseits von Denken finden. Wege dahin sind z.B. ständige Wachsamkeit und Selbstbeobachtung (unserer Gedanken), Meditation. So können wir damit beginnen, wachsam zu sein bezüglich der Art und Weise, wie wir mit unserem täglichen Leben umgehen. Eine weitere Möglichkeit ist zu beobachten, wie wir die Welt um uns herum betrachten, was sich in unserem Geist (Denken) fortwährend abspielt: "Einfach beobachten was ist, ohne zu benennen, zu verurteilen oder zu rechtfertigen." Denn: "Wenn wir verurteilen oder rechtfertigen, können wir nicht klar sehen, wir können es auch nicht, wenn unser Geist unaufhörlich schwatzt. Dann sehen wir nicht, was ist. Wir haben nur die Projektionen vor Augen, die wir von uns selbst geschaffen haben. Wir alle haben ein Bild von dem, was wir zu sein glauben oder was wir unserer Meinung nach sein sollten, und dieses Leitbild, diese Vorstellung hindert uns ganz und gar daran, uns so zu sehen, wie wir tatsächlich sind." Es ist jedoch wichtig, sich selbst kennen zu lernen, "zu lernen, was wir tatsächlich sind", denn: "Wenn man sich selbst nicht kennt, ist man unreif. Sich selbst zu verstehen, ist der Anfang der Weisheit."

Die Projektionen aufgeben Auch in unseren gegenseitigen Beziehungen macht sich jeder ein Bild vom anderen. Diese Bilder treten dann zueinander in Beziehung, nicht aber die Menschen selbst. Der Ehemann hat ein Vorstellungsbild von seiner Ehefrau und umgekehrt. Wir haben ein geistiges Bild, eine Vorstellung von unseren Freunden, vom Nachbarn, von der Gesellschaft, vom Bäcker an der Ecke und von uns selbst, und ständig fügen wir diesen Bildern noch neue hinzu. Es sind diese Bilder, die in Beziehung zueinander treten. Krishnamurti sagt dazu: "Eine Beziehung, die auf diesen Bildern basiert, kann offenbar niemals die Grundlage für friedvolle Verhältnisse zwischen den Menschen sein, weil diese Leitbilder unwirklich sind. Man kann nicht in einer Abstraktion leben. Und doch leben wir alle nach Ideen, Theorien und Symbolen, nach Leitbildern, die wir uns von uns selbst und von anderen gemacht haben und die ohne jede Realität sind. Unsere sämtlichen Beziehungen, ob zum Besitz, zu Ideen oder zu Menschen, basieren im wesentlichen auf diesen Bildschemen, und daraus entstehen ständig Konflikte."

Frei sein – in Frieden leben Doch wie ist es möglich, mit sich selbst und mit anderen völlig in Frieden zu leben? Ist es uns überhaupt möglich?
"Viele von uns erleben Konflikte und Verwirrungen mit anderen, weil wir dasselbe nicht auf dieselbe Weise sehen oder sehen wollen. Und so geht viel menschliches Leben und Energie in schmerzhaften und destruktiven Reibereien verloren, sei es in persönlichen Beziehungen oder im Verhältnis der Nationen."
Wenn wir uns und unsere Beziehungen zur Gesellschaft genau beobachten, werden wir erkennen, dass es auf allen Ebenen unseres Seins Konflikte gibt, und Konflikte bedeuten Widerspruch, Spaltung, Trennung, Dualität. Längst haben wir Konflikte als "naturbedingten Teil des täglichen Lebens" hingenommen. Wir sind von den Grundelementen der Gesellschaft, von Gier, Neid, Ärger, Hass, Eifersucht, Unruhe etc. geprägt und angefüllt. Ist es möglich, sich vom inneren Gefüge der Gesellschaft, also vom Kern des Konflikts zu befreien? Ist es uns möglich, in einer vollkommenen inneren und daher auch äußeren Ruhe zu leben?
Wieder lautet die Antwort: Wir können nur frei werden, wenn wir die ganze Struktur durchschauen. Wenn wir diesen Prozess, in dem wir leben, ganz durchschauen, wird unser Geist frei. Das Ganze können wir jedoch nur sehen, wenn sich unser (konditioniertes) Denken nicht einmischt. Dann erst sehen wir wirklich, was ist, "ohne jede Neigung oder Abneigung". Wir beobachten, was ist, ohne es zu benennen, zu be- und verurteilen, und durch eine solche Betrachtung jenseits von Denken sehen wir das ganze Bild, nicht nur ein Bruchstück davon, "und wenn der Mensch das ganze Bild sieht, ist er frei". Wir können zwar unsere Konditionierung nicht ablegen, aber wir können uns diesbezüglich immer wieder prüfen im Wege von Selbstbeobachtung und Introspektion.

In öffentlichen Vorträgen, Gesprächen und Diskussionen forderte Krishnamurti seine Zuhörer immer wieder auf, die Antworten auf ihre Fragen nicht von irgendeiner scheinbaren "Autorität" zu erwarten, sondern sie in sich selbst zu finden. Er leitete dazu an, alle Antworten zu hinterfragen – auch die, die er selbst gab – so lange, bis sämtliche im Laufe unserer Sozialisation ungeprüft übernommenen Meinungen und Überzeugungen sich auflösen und der direkten Wahrnehmung dessen, "was ist", Platz machen.


"Wir wurden nicht geboren, um über einander zu urteilen, wir wurden geboren, um uns kennenzulernen." (Yogi Bhajan)


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