Ist Frieden eine Utopie?

Pia Gyger

Zen-Meisterin Pia Gyger, Gründerin des Lassalle-Instituts in der Schweiz, die im Laufe ihrer vielfältigen Aktivitäten für den Frieden und eine menschengerechte Zukunft sich für eine spirituell-politische Bewusstseinsbildung eingesetzt hat, äußert sich im Interview zu den Ursachen von Unfrieden und den Möglichkeiten, Frieden zu 'erlernen'.

Sehnt sich der Mensch nach irgend etwas mehr als nach Ruhe und Frieden? Äußerer Unfrieden und Konflikte erfüllen uns mit Angst, Sorge und Schmerz, und innerer, geistiger Unfrieden (zer-)stört unseren Zugang zur transzendenten, Glück bescherenden Dimension unseres Lebens. Es ist offensichtlich, dass beides – äußerer und innerer Frieden – ineinander greift und sich wechselseitig bedingt und deshalb gleichzeitig erstrebt und erarbeitet werden muss. Doch vielen, die ihr Glück in der spirituellen Vervollkommnung durch Meditation bzw. Kontemplation suchen, fällt es schwer, sich zwischendurch vom Meditationskissen zu erheben und für das eigene und fremde Wohlergehen, für den Frieden auf Erden aktiv zu werden – sei es im kleinen, sei es im globalen Maßstab. Warum? Warum überlässt der spirituell Suchende vielfach das soziale, politische und karitative Handeln lieber "den Anderen": staatlichen Institutionen, Hilfswerken und den berufenen "Größen" der Gesellschaft? Mangelt es an Inspiration, an Mut oder schlicht an Tatkraft? Es gibt ja nichts Gutes, außer man tut es – um es mit Erich Kästner zu sagen. Weshalb sollte Frieden denn nicht möglich sein?
Das Magazin VISIONEN wandte sich mit diesen Fragen an Zen-Meisterin Pia Gyger vom Lassalle-Institut (Edlibach, Schweiz), die im Laufe ihrer vielfältigen Aktivitäten für den Frieden und eine menschengerechte Zukunft sich für eine spirituell-politische Bewusstseinsbildung vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen eingesetzt hat und diese Arbeit heute mit Führungskräften aus Wirtschaft und Politik fortführt.

"Frieden ist heute Bedingung des Überlebens der Menschheit", so hieß es nicht zuerst und nicht zuletzt auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 1985. Was sind Ihrer Meinung nach die primären Ursachen für Unfrieden, Gewalt und Krieg?
Pia Gyger: Die Selbstvergessenheit der Menschen. Ich will das kurz erläutern: Die verschiedenen Weisheitstraditionen der Religionen sprechen allesamt davon, dass der Mensch ein "Werde-Wesen" ist – sich selbst gegeben und aufgegeben. Die Erklärungsmodelle, weshalb der Mensch so anfällig ist für alle Arten von Leid und Bedrohung, sind zwar in den religiösen Traditionen verschieden, die letztendliche Aussage ist aber überall dieselbe: Der Mensch lebt in der Selbst-Vergessenheit. Er weiß nicht mehr, dass er ein göttliches Wesen ist.
Was diese Selbstvergessenheit auslöste wird in verschiedenen Bildern ausgedrückt: Jesus sprach vom "verlorenen Sohn", der nicht mehr weiß, dass er aus reichem Hause stammt. Erst als er sich auf den Weg nach Hause macht (Umkehr), kann er wieder in den Besitz seines Reichtums kommen. – Der Buddhismus spricht von den drei Giften: Gier, Hass, Unwissenheit. Um der Wirkung dieser drei Gifte zu entkommen, ist es notwendig, dass der Mensch sein tiefstes Wesen erfährt (Wesensschau) und dadurch aus der Illusion der Getrenntheit erwacht.
In allen spirituellen Traditionen ist die Voraussetzung zu dieser Erfahrung die "Einkehr". Einige Beispiele aus der deutschen Mystik mögen verdeutlichen, was damit gemeint ist:

"Will der Mensch kraftvoll im Innern wirken,
so muss er alle zersplitterten Kräfte der Seele wieder heimrufen
und sie aus allen zerteilten Dingen sammeln,
zu einem inwendigen Wirken."
(Meister Eckehart)

"Warum bleibt ihr nicht in euch selbst und greift in euer eigenes Gut?
Ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch."
(Meister Eckehart)

"Der Mensch besitzt in seiner Natur großen Reichtum,
je mehr er sich nach außen wendet, umso ferner ist er ihm,
je mehr er sich nach innen wendet, umso näher ist er ihm.
Wer zu seinem inneren Reichtum gekommen ist,
der wirkt alle äußeren Dinge desto besser."
(Heinrich Seuse)

Wüssten wir um unseren inneren Reichtum, so wäre z.B. unser Handeln nicht von Gier nach immer mehr Besitz und äußerer Macht gelenkt. Wir wüssten, dass aller Besitz und alle äußere Macht den uns innewohnenden Drang nach Seinsmacht nicht zu stillen vermögen. Wir wüssten, dass nur "Mehr-Sein" und nicht "Mehr-Haben unsere tiefste menschliche Sehnsucht erfüllt.
Die primären Ursachen von Unfrieden, Krieg und Gewalt sind nach meiner Ansicht also im Zustand des Menschen selbst begründet. Ohne das "Erwachen aus der Illusion der Getrenntheit" und ohne die Einsicht, dass "Mehr-Sein" und nicht "Mehr-Haben" unsere innerste Bestimmung ist, kann Gewalt und Krieg nicht überwunden werden.

Ist der Mensch überhaupt fähig zum Frieden, oder ist, wie der Soziologe Wolfgang Sofsky behauptet, "Gewalt das Schicksal der Gattung"?
Pia Gyger: Ich bin nicht mit Sofsky einverstanden, dass Gewalt Schicksal des Menschen ist. Der Mensch als "Werde-Wesen" ist nicht festgelegt. Der Schritt von der Hominisation (Entstehung des Menschen) zur Humanisation (Mensch-Werdung) hängt von uns selber ab. Die Menschheit (und damit auch der einzelne Mensch) befindet sich im wohl größten, radikalsten und schnellsten Übergang der Menschheitsgeschichte. Dies bringt auf allen Ebenen Gleichgewichtsstörungen mit sich, die wir nur dann bewältigen können, wenn wir die Antworten auf die uns bedrängenden Probleme in unserer Tiefe suchen.
"Agere sequitur esse": unser Handeln ergibt sich aus unserem Sein. Wie ich bin, die Welt sehe und erfahre, so handle ich. Nur ein verändertes, aus den Einschränkungen des Dualismus befreites Bewusstsein wird uns helfen, einen friedlicheren Umgang miteinander zu finden.
Ein hoffnungsvolles Zeichen unserer Zeit ist, dass diese Einsicht immer mehr Menschen zu bewegen beginnt, von der Physik bis zur Soziologie, von der Neurobiologie bis zur Bewusstseinsforschung. Gerade die neurobiologischen Forschungen zeigen, dass wir noch vorwiegend mit den "niederen Teilen" unserer Gehirnstruktur leben. Noch können wir die evolutionären Errungenschaften des Neocortex (Neuhirn) wenig nutzen.
In seinem faszinierenden Buch "Der nächste Schritt der Menschheit" (Arbor Verlag) über die Entfaltung des menschlichen Potentials aus neurobiologischer Sicht ist Joseph Chilton Pearce der Meinung, dass dieses brachliegende Potential Möglichkeiten in sich trägt, wie sie von Weisen, Heiligen und Mystikern aller Zeiten entfaltet wurden. Von entscheidender Bedeutung, um den in uns ruhenden Reichtum ins Licht zu heben, ist nach Pearce die Verbindung der Intelligenz des Gehirns mit der Intelligenz des Herzens.
Damit ist in anderer Sprache ausgedrückt, was Meister Eckehart im 13. Jahrhundert sagte: "Warum greift ihr nicht in euer eigenes Gut? Ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch."
Der Mensch und die Menschheit sind in einem Übergangsstadium. Der Homo sapiens ist nicht nur fähig, Probleme zu schaffen, sondern auch, Probleme zu lösen. Er hat das Potential zum Weisen und Heiligen ebenso in sich wie zum perversen Verbrecher. Mensch-Werdung (Humanisation) ist daher eine Aufgabe, die den Einsatz all unserer Kräfte verlangt.

Die Weltreligionen haben einerseits eine konsolidierende, gemeinschaftsbildende Wirkung, indem sie Identität stiften und wahren. Andererseits führt gerade solche „Identifikation“ zur Abgrenzung von anderen Gruppen, die im Konfliktfall akut wird und oft genug zur Gewaltanwendung eskaliert. – Ist Religion zur Konfliktlösung und -vorbeugung relevant?
Pia Gyger: Die Grundlage ethischen Handelns, die in allen Religionen zu finden ist, heißt: "Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg‘ auch keinem andern zu". Diese Grundlage wird die "Goldene Regel" genannt. Auf dem Boden dieser gemeinsamen Grundlage hat das 1993 in Chicago versammelte Parlament der Weltreligionen Weisungen für ein sogenanntes "Weltethos" geschaffen. Es war das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass alle großen Religionen gemeinsam nach Leitlinien des Miteinander suchten.
Die Weisungen lauten:
&##61548; Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor dem Leben;
&##61548; Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung;
&##61548; Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit;
&##61548; Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau.

Mit Hans Küng (Stiftung Weltethos) bin ich der Meinung, dass Weltfrieden nur entstehen kann, wenn zuerst Friede unter den Religionen möglich wird und wenn diese sich gemeinsam einsetzen beim Suchen nach einer aus der Weisheit des Herzens geborenen und gleichzeitig realpolitischen Vision des Friedens. Es genügt nicht, gegen den Krieg zu sein – wir brauchen eine Vision des Friedens! Nach meiner Ansicht wäre es vornehmste Aufgabe aller Religionen, an einer Vision und Kultur des Friedens zu arbeiten.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine allen Religionen zugrunde liegende Einheit, die über den interreligiösen Frieden hinaus die Einheit der Menschheit sichern könnte?
Pia Gyger: Und ob! Das ist präzise die Grundlage des Weltethos.
Die Erfahrung der Einheit allen Lebens ist ein Grundzug der mystischen Erfahrung aller Weisheitstraditionen. Und heute zeigen die naturwissenschaftlichen Forschungen, von der Chaostheorie bis zu den Systemtheorien und der Komplexitätsforschung, dass Leben isoliert nicht denkbar ist. Alles hängt mit allem zusammen, und alles wirkt auf alles zurück. Hier nähern sich wissenschaftliche Forschung über das Geheimnis des Lebens und mystische Erfahrung.
Persönlich bin ich der Meinung, dass allein die rationale Einsicht über die in allem Leben wirkende Einheit nicht genügt, um unser Verhalten zu ändern. Es braucht die Erfahrung der Einheit, damit wir zu anderem Handeln fähig werden. Es braucht die Erfahrung der Einheit in der Vielfalt und Verschiedenheit, damit wir die anderen Rassen, Kulturen, Nationen nicht mehr als Bedrohung erfahren, sondern das Ergänzungspotential in der Verschiedenheit entdecken.
Um in diese Erfahrung hinein zu führen, arbeitet z.B. das Lassalle-Institut an einem Modell, bei dem Führungskräfte lernen, die Einheit in der Verschiedenheit immer mehr als Grundlage des Seins zu erkennen und entsprechend zu handeln. Dadurch verlieren sie nicht nur die Angst vor dem Unbekannten und Fremden, sie erkennen plötzlich den Reichtum, der in der Verschiedenheit zur Ergänzung und Kooperation einlädt und das eigene kreative Potential erhöht.
Aber, noch einmal: ohne die von allen Religionen und den Naturwissenschaften verkündete Einheit allen Lebens zu erfahren, wird die Vielfalt und Verschiedenheit für uns immer bedrohlich sein. Die Religionen hätten daher die vornehme Aufgabe, ihre Mitglieder immer tiefer in diese Einheitserfahrung hinein zu führen.

In Gewaltprävention und friedensschaffende Maßnahmen wird nach wie vor viel Geld und Energie investiert, auch und gerade im Rahmen der UNO-Organisationen. Trotzdem ist seit Gründung der UNO 1945 die Zahl der jährlich laufenden Kriege fast kontinuierlich gestiegen. Warum greifen die friedenserhaltenden Maßnahmen, die weltweit eingesetzt werden, nicht dauerhaft?
Pia Gyger: Die friedenserhaltenden Maßnahmen lindern Not und Unterdrückung. Ohne die Tausenden, die sich weltweit für Frieden einsetzen, wäre es noch dunkler auf unserem Planeten.
Direkte Systemveränderungen bewirken sie nur bedingt. Darum aber geht es!
In der heute bestehenden Welt- und Wirtschaftsordnung ist Frieden eine Illusion. Als Beispiel: Im Ersten Weltkrieg gab es pro Jahr 2,5 Millionen Tote. Der Zweite Weltkrieg forderte 9 Millionen Tote pro Jahr. Heute sterben pro Jahr 36 Millionen Menschen an Hunger. Die ungerechte Verteilung der Güter ist eine der Hauptursachen von Kriegen und Terrorismus. Frieden ist nur möglich auf der Grundlage einer gerechteren Weltordnung.
Wir brauchen nicht eine härtere Politik. Wir brauchen eine aus der spirituellen Intelligenz geborene Politik. Wir brauchen eine Weltfriedensordnung, die auf Weltebene schafft, was seit der Antike als unerlässliche Voraussetzung für eine friedliche Gesellschaft gilt:
&##61548; Gesetze, um festzulegen, was getan und nicht getan werden muss;
&##61548; Gerichte, um Streitigkeiten zu lösen und zu entscheiden, ob die Bestimmungen der Gesetze verletzt wurden;
&##61548; ein System wirksamer Rechtsdurchsetzung.

Mit anderen Worten, wir brauchen eine "Global Governance", damit wir nicht jenen Nationalstaaten ausgeliefert sind, die über die größte Militärmacht verfügen.
Ich bin darüber hinaus der Meinung, dass Frieden mit genau dem gleichen Einsatz gelernt und geübt werden muss wie Krieg. Bevor wir nicht den gleichen Einsatz an finanziellen Mitteln zur Friedensforschung und Friedenserziehung einsetzen, ist Frieden eine Illusion. Sobald wir aber unsere psychisch-geistigen und materiellen Kräfte auf das Erlernen von Frieden (auf individueller und kollektiver Ebene) einsetzen, kann sich das Kriegsrad der Geschichte in die gegenteilige Richtung drehen.

Welche Rolle kommt Frauen im Friedensprozess zu?
Pia Gyger: Für den not-wendenden Veränderungsprozess ist die Kraft der Frauen unerlässlich. Von uns Frauen verlangt dies die Bereitschaft, unsere weibliche Kraft zum Blühen zu bringen, ohne die Männer zu kopieren.
Ebenso wichtig erscheint mir, dass wir unsere Energien nicht vergeuden mit Schuldzuweisungen bezüglich des Patriarchates. Die heutige Zeit braucht meines Erachtens dringend die Ergänzung von Mann und Frau. Ich glaube, dass Frauen besonders befähigt sind, dies aufzuzeigen und neue Räume der Begegnung und des Miteinanders zu schaffen.

Vielen Dank, Frau Gyger!


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