Das Ende der Verwirrung - Workshop mit der Amerikanerin Byron Katie: Arbeit mit sich und für sich

Werner von Swietochowski

Byron Katie´s The Work ist Arbeit mit sich und für sich. Man füllt Arbeitsblätter aus, erkennt seine Blockaden und leitet so das Ende der eigenen Verwirrung ein.

Wieder eine neue Heilsbringerin? Ein neuer esoterischer Schnickschnack mit Räucherstäbchen und Kristallen? Verzückte Gesichter, aus deren Zügen eine von ferne herbeiwabernde Glückseligkeit tropft? Eine Neuauflage der Hippie-Kultur? Nichts von alledem. Stattdessen Handwerk oder wie es Katie nennt The Work, Arbeit mit sich und für sich. Man füllt Arbeitsblätter aus, erkennt seine Blockaden und leitet so das Ende der eigenen Verwirrung ein.

Die Erfinderin dieser Methode war nach Bad Neuenahr gekommen. Etwa 500 Fans wollten Byron Katie sehen und hören. Sie wollten sich Probleme von der Seele schreiben oder ihre "Work" vor dem Publikum mit der "Meisterin" besprechen.

Ein große Ruhe strahlt diese Gestalt aus, die man auf der Bühne ganz in sich versunken im Sessel sitzen sieht. Sie trägt ein schlichtes blaues Kleid, hat kurze blonde Haare. Wer ist diese Frau in den Fünfzigern, die sich anschickt, ihr "Handwerk" über die ganze Welt zu verbreiten. 43-jährig nach gescheiterter Ehe und im Sumpf von Drogen, Alkohol und Gewalttätigkeit versackt, hatte sie beim Anblick einer Kakerlake die Erleuchtung, wie sie selber sagt, und begann The Work zu entwickeln.
In Bad Neuenahr beschreibt eine Frau die "Meisterin": "Sie hat was Besonderes. Ich habe sie schon mehrmals gehört. Ich lasse die zwei Tage einfach auf mich wirken. Das geht nicht über den Kopf. Du siehst immer mehr in Dich rein.
Eine Teilnehmerin bemerkt: Sieben Jahre war ich beim Psychiater wegen meiner Angst. Dann hörte ich auf und die Angst war, wenn auch etwas schwächer, wieder da. Die Arbeit (Work) hat mir innerhalb weniger Tage dazu verholfen, meine Angst loszuwerden. The Work ist "so simple" (so einfach), sagt Katie immer wieder, wenn eine oder einer ihrer Gesprächspartner erkannt hat, dass die Gedankenwirbel in die Irre führen, dass die gehütete eigene Geschichte eine große Lüge gegenüber der Wirklichkeit ist. Und immer wieder: "Simple, it is what it is" (Einfach, es ist, was es ist.).

Nach wenigen Begrüßungsworten bittet Katie die Zuhörer ihre Arbeitsblätter auszufüllen, die die vielen Helfer vorher ausgegeben haben. Zur "Arbeit" gehört es, eine Situation aus der Vergangenheit oder Gegenwart zu analysieren, die ungelöst ist, und sie ganz spontan und unverblümt in kurzen einfachen Sätzen frei von der Leber weg zu schreiben.

Es gilt zu urteilen und ohne Hemmungen seine Gefühle aufs Papier zu bringen. Meist richten sich Stress und Ärger gegen eine andere Person.
Sechs Fragenkomplexe stehen auf dem Blatt. Sie drehen sich um meinen Ärger: "Mich ärgert, dass Klaus mich nicht versteht". Was sollte der andere tun? "Ich will, dass Klaus mich bedingungslos liebt." Welchen Rat habe ich für ihn? "Klaus sollte mehr Verständnis haben." Was soll er mir geben? "Ich erwarte von Klaus, dass er begreift, dass ich ihn liebe." Was denke ich über ihn? "Klaus ist unaufmerksam und lieblos." Was will ich mit dieser Person nie wieder erleben? "Ich will nie wieder erleben, dass es mit Klaus Streit gibt."

Im zweiten Schritt schreibt der Selbst-Worker Antworten zu vier Fragen auf: Ist das wahr? Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist? Wie reagiere ich, wenn ich diese Gedanken habe? Wer wäre ich ohne diese Gedanken?
Dann kommt der Clou: die Umkehrung der erfassten Gedanken, zum Beispiel: "Ich erwarte von mir, dass ich Klaus liebe" (vorher: ..., dass Klaus mich liebt.) Jetzt geht dem Worker meist das Licht auf. Die Arbeit (work) öffnet sein Herz.
Er erkennt, dass ihn seine Gedanken weit weg von der Wirklichkeit geholt haben, dass sie sterben und er aus seiner Verstrickung herauskommt.

Schritt für Schritt untersucht Katie die gemachten Aufzeichnungen. Fast mechanisch wiederholt sie immer wieder die selben Fragen: "Ist das wahr? Kannst du wirklich wissen, dass das wahr ist? ..." Verblüfft, weinend (Papiertaschentücher wurden reichlich gebraucht) oder lachend oder einfach nachdenklich sich über den Kopf streichend; so reagierten die "Arbeiter" auf der Bühne. Nach der Work erkennt das Ehepaar, dass jeder von beiden dem anderen seine Geschichte, seine Lüge angehängt hat, dass es nicht um richtig oder falsch geht, dass sie einen hoffnungslosen Kampf gegen die Realität führten.

Der Mann mit Berührungsängsten, dessen Gesicht zuckt, macht sich mit tiefem Schnauben und stockenden Sätzen Luft. Nach der Work wirkt er ruhig und gelöst. Der alte Mann, dessen Freundin wieder mit ihrem früheren Liebhaber schläft, kommt, sanft und liebevoll geführt von Katie, zur Einsicht. Wie ihre anderen Gesprächspartner redet sie ihn mit Angel (Engel), Sweetheart (Liebling), Honey (Schatz) an. Das Ergebnis: Am Ende lacht er aus ganzem Herzen, der Saal tobt. Er ist der "Held" des Tages.

Eine junge, schwer krebskranke Frau, für die es ein Problem ist, dass die Person, die sie behandelt, zu viel Mitarbeit in der Therapie von ihr erwartet, spricht über ihre Angst vor dem Tod. "Krebs war noch nie so schrecklich wie das, was sich in unserem Kopf darüber abspielt. – Kannst du jemals wissen, was der Tod ist? Keiner hat es uns je gesagt. Keiner hat ihn als Wirklichkeit je erlebt." sagt Byron Katie zu der jungen Frau. "Was ist, ist."

Rückmeldungen kommen vom Publikum: Eine Frau, die selbst auf der Bühne Katie gegenüber saß, spricht zu der Schwerkranken, sagt, dass sie Leukämie gehabt und schwere Chemotherapien durchgestanden habe. Sie macht ihr Mut, bietet ihr und weiteren etwaigen Betroffenen im Saal ihre Hilfe an. Weitere Stimmen aus dem Saal bestätigen die "Worker", bedanken sich und reden über die Impulse, die sie erleben. Eine junge Frau steht auf und sagt ins Mikrofon, sie wolle "Amazing Grace" singen. Katie sagt, ja, sie solle das tun, aber keiner solle nachher Beifall klatschen. Die Sängerin wolle es nur für sich tun. Sie singt. Kein Husten, kein Geräusch im Raum, kein Weinen eines Kindes, nur diese volle wohlklingende klare, mal laute, mal leise Stimme.
Ohne Hemmungen lassen die Menschen ihre Gefühle heraus. Keiner stört sich daran, wenn einer weint; Schachteln mit Papiertüchern stehen in den Gängen bereit. Vor der Bühne hocken viele jüngere Zuhörer auf dem Boden, hören gebannt zu. Ein Mann mit langen grauen Haaren liegt auf einer Decke ganz vorne und hat die Augen geschlossen. Eine junge Mutter geht mit ihrem kleinen Kind an der Hand quer durch den Saal. Man umarmt sich, ist herzlich miteinander, steht bei Peter Makenas unter die Haut gehenden Song "At a Time like this" auf, fasst sich an den Händen und wiegt sich im Takt. Im Raum breitet sich Liebe aus und störende Gedanken versickern. Der Schlussapplaus begleitet von wohliger Musik brandet hoch zu dieser Frau, die Hunderte Menschen zwei Tage lang in ihren Bann gezogen hat. Sie faltet die Hände, verneigt sich lächelnd und geht langsam durch die Menge hinaus.

Nach dem offiziellen Teil dieses Workshops, zu dem keine Teilnahmegebühr, sondern nur Spenden erbeten wurden, konnte man mit einem oder einer Work-Spezialistin seinen Bogen durchsprechen. Rinaldo, ein knapp über sechzigjähriger Lehrer mit grauem Bart, bringt es auf den Punkt: "Den anderen kann ich nicht ändern, nur mich selbst. Mit einigen einfachen Fragen bin ich fähig zu sehen, wo ich Macht habe. Wenn mich etwas kratzt, ist das der Ansatz für die eigene Freiheit." Alles ganz verständlich, keine Geheimnistuerei, kein Seelenbrei, keine psychotherapeutischen Stelzereien, schlicht ein Weg zum Abwerfen des lästigen Ballastes, unserer nutzlosen Konzepte und Projektionen, die unser Leben oft so schwer machen.


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