Vasati – Der vedische Bruder des Feng Shui

Marcus Schmieke

Die vedischen Schriften des alten Indien enthalten zu allen Lebensbereichen wertvolles Wissen. Die Architektur und das Wohnen nach ganzheitlichen und kosmischen Gesichtspunkten ist eine bis heute im Westen noch unbekannte vedische Wissenschaft.

Vastu Parusha Mandala
Abb. 1

Wohnraum zu schaffen bedeutet, ein Universum zu schaffen. Im vedischen Weltbild ist der Mensch ein Abbild des Universums, das durch eine Vielzahl von Kräften und Energien auf ihn wirkt. Er kann sich diesen Einflüssen nicht entziehen, da er als Bestandteil der Natur von ihnen abhängig ist.
Gestaltet der Mensch seine Umgebung, indem er ein Haus oder eine Stadt baut, so handelt er damit in Beziehung zur Natur, zur Erde und zum Universum. Architektur ist daher Ausdruck seiner aktiven Beziehung zur Natur und zu seinem gesamten Lebensraum. Indem er baut, schafft der Mensch Räume, in denen er lebt, arbeitet, sich mit anderen Menschen austauscht usw. Architektur hat daher auf der einen Seite die Funktion des Schutzes und der Sicherung des individuellen Lebensbereichs, schafft auf der anderen Seite jedoch auch Raum für Kommunikation, soziales Leben und Berührung mit der Natur. Sie steht in der Polarität von Begrenzung und Berührung, die auch das Grundprinzip des Schöpfungsprozesses an sich darstellt. Der Schöpfergott Brahma wird daher in den Veden auch als der ursprüngliche Architekt des Universums bezeichnet.
Der Mensch spiegelt als Mikrokosmos die Ordnung des gesamten Kosmos wieder. Zwischen ihm und dem Kosmos stehen die Gebäude, die der Mensch aus seiner eigenen Kreativität heraus schafft. Sie sind also auf der einen Seite Ausdruck schöpferischer Gestaltungskraft und auf der anderen Seite spiegeln sie das Universum wieder. Die Energien und Kräfte des Universums werden durch das Haus auf den Menschen projiziert. Auf diese Weise werden sie fokussiert, nach Qualitäten geordnet, gefiltert oder verstärkt, je nachdem, wie die Architektur mit den kosmischen und natürlichen Gegebenheiten harmoniert. Nach vedischer Ansicht ist es die Aufgabe der Architektur, Räume unterschiedlicher Qualitäten für die verschiedenen Bereiche und Funktionen des Lebens zu schaffen. Schlafen und Kochen sind z.B. zwei verschiedene Aspekte des Lebens, und sie unterliegen unterschiedlichen Einflüssen und Energien. Daher sollten im Schlafzimmer andere Kräfte wirken als in der Küche, um deren Funktionen optimal zu unterstützen.

Vastu und die Veden Der Teil der Veden, der dieses Thema behandelt, wird als Vastu bezeichnet. Das Sanskritwort "Vastu" bedeutet Gebäude bzw. Wohnraum im weitesten Sinne. Die Wissenschaft des Vastu ist in einer Vielzahl jahrtausendealter Sanskrittexte wie der Vastushastra und dem Matsya Purana niedergeschrieben und gilt als Teil des Stapatyaveda, welcher wiederum dem Atharvaveda angehört. Praktisch gesehen wird das Wissen des Vastu seit Jahrtausenden in lebendigen Traditionen überliefert, die als Schülernachfolgen bezeichnet werden. Ursprünglich kommt dieses Wissen von Weisen wie Vishvakarma, Brighu, Atri, Maya und anderen, und ist seit Urzeiten integraler Bestandteil des vedischen Wissens und Grundlage der Zivilisation.
Vastu wird in fünf Bereiche unterteilt:

  1. Die Lehre der Orientierung,
  2. die Planung des Grundrisses auf der Grundlage des Vastu Purusha Mandalas,
  3. die Lehre von den Proportionen und Massen,
  4. die sechs Formeln der vedischen Architektur und
  5. Charakter und Ästhetik von Gebäuden.

Die Orientierung des Hauses und des Grundstücks Die Lehre der Orientierung bezieht sich sowohl auf das Grundstück als auch auf die Ausrichtung der Gebäude. Hierbei spielen die Eigenschaften der Himmelsrichtungen eine ganz wesentliche Rolle, die durch unterschiedlichste Einflüsse bestimmt sind. Der erste Faktor ist der Lauf der Sonne, die unser Leben ganz maßgeblich beeinflußt. Die Sonne ist die Quelle des Lebens, indem sie es mit Energie und auch mit Ordnung (Entropie) versorgt. Sie ist der Urquell der Gesundheit, kann jedoch auch Ursache von Verbrennen und Tod sein, je nachdem, wie man sich ihr nähert. Die Sonne geht frühmorgens im Osten auf, wobei die genaue Himmelsrichtung des Sonnenaufgangs während des Jahres um ein paar Grad wandert. Während der ersten sechs Monate des Jahres bewegt sich der Sonnenaufgang Richtung Norden, während er sich die zweite Hälfte des Jahres Richtung Süden bewegt. Das Licht der Morgensonne gilt u.a. aufgrund seines idealen Anteils an ultraviolettem Licht als besonders förderlich für den Menschen und sollte optimal genutzt werden. Der Osten gilt daher als die beste aller Himmelsrichtungen und steht für Neubeginn, Stärke, Gesundheit und spirituellen Fortschritt. Der Bewegung der Sonne entsprechend, kommen daher auch dem Nordosten und dem Südosten besondere Bedeutung zu. Während der Südosten dem infraroten Anteil des Sonnenlichts zugeordnet wird, überwiegt im Nordosten der ultraviolette Anteil. Der Südosten steht daher mit dem Feuerelement in Beziehung, währen der Nordosten dem Wasserelement zugeordnet wird. Aus diesem Grunde befindet sich die Küche nach Vastu am besten im Südosten des Hauses und auch die Feuer  bzw. Kochstelle im Südosten der Küche. Wasserinstallationen und Trinkwasserbehälter sind am besten im Nordosten aufgehoben, der dem Prinzip der Reinheit und des Göttlichen entspricht. Die Morgensonne wird auch vom Ayurveda für therapeutische Zwecke empfohlen. Ihr Licht hilft den Augen, doch auch der ganze Organismus ist für dieses Licht sehr dankbar. Am Nachmittag ändert sich die Qualität des Sonnenlichtes sehr deutlich. Ab 15.00 Uhr sollte man sich nicht mehr der direkten Sonneneinstrahlung aussetzen, da sie dem Körper mehr Energie raubt, als sie ihm gibt. Zur Zeit des Sonnenuntergangs tritt die Bedeutung der Sonne in den Hintergrund und läßt den Einfluß der Sterne und Planeten stärker zur Geltung kommen. Aus dem in unseren Breitengraden so begehrten Süden erreicht uns Sonnenlicht minderer Qualität. Es wird daher empfohlen, im Süden hohe Bäume zu pflanzen, die am Nachmittag Schatten spenden. Auch sollte im Süden auf dem Grundstück ebenso wie im Westen nicht so viel Platz gelassen werden wie im Norden und Osten, um die Energien im rechten Verhältnis zu halten. Schließlich geht die Sonne im Westen wieder unter, wodurch dem Westen die Qualität der Ruhe zukommt. Er ist der ideale Ort zum Studium und zum Schlafen für Kinder.
Dem Vastu entsprechend werden Grundstück und Haus so geplant, dass die vorteilhafte Nordost  und Ostsonne maximal genutzt wird und die weniger vorteilhafte Süd  und Südwestsonne einen minimalen Effekt hat.
Neben dem Bewegungsverlauf der Sonne gibt es eine Vielzahl geologischer Einflüsse, welche die Qualität der Himmelsrichtungen bestimmen. Als erstes wäre das Magnetfeld der Erde zu nennen, dessen Feldlinien in Süd Nord Richtung verlaufen. Diese Achse sollte mit einer der Hauptachsen des Hauses und auch des Grundstücks zusammenfallen, so dass die Seiten des Hauses in die Haupthimmelsrichtungen weisen. Weisen hingegen die Ecken des Hauses in die Haupthimmelsrichtungen, sind die Prinzipien des Vastu nicht so exakt anwendbar. Dieser Fall gilt als nicht so günstig. Das Magnetfeld der Erde beeinflußt vor allem den Blutkreislauf des Menschen. Sein Kopf bildet den magnetischen Nordpol und seine Füße den Südpol. Daher sollte man mit dem Kopf niemals Richtung Norden schlafen, um keine abstoßenden magnetischen Kräfte herbeizuführen. Am besten schläft man Richtung Osten, um spirituellen Fortschritt zu begünstigen, Richtung Süden, um die Gesundheit zu fördern oder Richtung Westen, um reich und berühmt zu werden.

Die acht Himmelsrichtungen und ihre beherrschenden Gottheiten
Abb. 2
Die Aufteilung des Grundstücks und des Gebäudes Einer der Hauptaspekte des Vastu ist die Aufteilung des Grundstückes und des Gebäudes auf der Grundlage des Vastu Purusha Mandalas. Das Vastu Purusha Mandala entsteht in der Verbindung eines quadratischen Gitters und dem zweidimensionalen Abbild des Vastu Purusha. (s. Abb. 2) Die Persönlichkeit, die das Wissen des Vastu verkörpert, wird als Vastu Purusha bezeichnet. Sie liegt auf dem Boden und bildet die Grundfläche eines jeden Gebäudes. Der Vastu Purusha verkörpert den kosmischen Menschen, der wiederum eine Widerspiegelung des gesamten Universums ist. Auf seinen Gliedern residieren Wesenheiten, die wichtige Aspekte des Kosmos beherrschen wie z.B. Agni, der Beherrscher des Feuers oder Vayu, der Beherrscher der Luft.
Die vedische Kosmogonie sieht den Kosmos als von machtvollen Wesenheiten beherrscht an, die als Halbgötter bezeichnet werden. Ihnen wurde von Vishnu, dem Höchsten Wesen, die Verantwortung für verschiedene Bereiche der kosmischen Administration übertragen. Auf diese Weise wird jeder der acht Himmelsrichtungen ein Halbgott zugeordnet, dessen Einfluß die Qualität der jeweiligen Richtung prägt. Den Osten beherrscht Indra, der König der Halbgötter. Er verkörpert Macht und Stärke und gewährt neben diesen Eigenschaften Wohlstand, Reichtum und Gesundheit. Dem Osten entspricht das väterliche Prinzip. Da dort die Sonne aufgeht, wird dem Osten unter den acht Himmelsrichtungen die erste Position eingeräumt.
Der Westen wird Varuna, dem Halbgott des Wassers zugeordnet. Da im Westen die Sonne untergeht, steht dieser für Ruhe und Abschluß. Auch Stolz, Ruhm und Reichtum sind Eigenschaften, die im Westen zu finden sind. Westliche Räume im Haus eignen sich hervorragend als Schlafzimmer, vor allem für Kinder und als Orte des Studiums und der Kreativität.
Die beherrschende Gottheit des Nordens ist Kuvera, der Schatzmeister der Halbgötter, der für Wohlstand und Reichtum steht. Weiterhin verkörpert der Norden das mütterliche Prinzip. Ebenso wie der Osten, der dem väterlichen Aspekt entspricht, sollte auch der Norden eines Grundstücks nicht bebaut werden, um nicht das männliche bzw. das weibliche Prinzip einzuschränken.
Die vierte Haupthimmelsrichtung, der Süden, wird von Yama, dem Herrn des Todes beherrscht. Daher gilt der Süden für glückverheißende Tätigkeiten als ungeeignet. Im allgemeinen findet man im Süden Schlafzimmer und Lager.
Vastu Parusha Mandala mit 81 Quadraten
Abb. 3

Die Nebenhimmelsrichtungen entstehen aus der Kombination der Haupthimmelsrichtungen, so daß sie mehr Eigenschaften verkörpern als diese. Ihnen kommt daher im Vastu besondere Bedeutung zu. Teilt man jede Seite des Grundstücks bzw. des Hauses in neun Quadrate auf, so werden jeweils zwei Quadrate am Rande in jeder Richtung der entsprechenden Nebenhimmelsrichtung zugeordnet. (s. Abb. 3)
Der Südosten wird von Agni, dem Halbgott des Feuers beherrscht. Er ist der ideale Ort für alles, was mit dem Feuerelement in Zusammenhang steht. Da diese Richtung außerdem für die Gesundheit sehr förderlich ist, sollte die Küche des Hauses unbedingt im Südosten plaziert werden. Alle anderen Orte sind weitaus weniger geeignet. Der Südosten wird vor allem vom infraroten Anteil des Sonnenlichts geprägt. Er eignet sich nicht für Wasserinstallationen, da das Wasserelement mit dem Feuer ständig in einem Spannungsverhältnis steht.
Wasser sollte am besten im Nordosten aufbewahrt werden und auch in der Küche sollten sich die Wasserinstallationen vor allem im Nordosten des Raumes befinden. Auf diese Weise können Feuer und Wasser auf ideale Art und Weise miteinander harmonieren. Der Nordosten wird von Ishan, Gott Selbst, beherrscht, wodurch diese Richtung zur reinsten Himmelsrichtung wird. Sie sollte auf dem Grundstück nicht bebaut werden und innerhalb des Hauses eignet sie sich nur für besonders reine Zwecke. Traditionell richtet man im Nordosten den Altar  oder Tempelraum ein. Er eignet sich jedoch auch sehr gut zur Meditation. Der Nordosten steht ebenfalls mit der männlichen Familiennachfolge in Zusammenhang. Ihm sollte besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Ebenso wie der Nordosten und der Südosten eine Polarität bilden, stehen auch Südwesten und Nordwesten in einem solchen polaren Verhältnis. Im Nordwesten residiert Vayu, der Halbgott des Windes und des Luftelements. Daher ist der Nordwesten sehr leicht und vor allem mit dem Prinzip der Bewegung verbunden. Im Nordwesten sollten daher vor allem bewegliche Dinge wie Fahrzeuge und Tiere situiert werden. Auch Gäste fühlen sich im Nordwesten wohl. Generell steht der Nordwesten für die Beziehung zu anderen Menschen und hat viel mit Gastfreundschaft zu tun.
Der Südwesten hingegen ist die schwerste aller Himmelsrichtungen. Über sie finden negative Einflüsse Einlass in das Grundstück bzw. das Gebäude. Daher sollte der Südwesten maximal beschwert werden, so dass der Einfluss dieser Kräfte minimiert wird. Glückverheißende Tätigkeiten sollten dort nicht ausgeführt werden. Wasserreservoirs, Bäder und Toiletten sollten sich nicht im Südwesten befinden. Am besten werden dort schwere Dinge, Gerümpel oder Baustoffe gelagert. Der Südwesten steht mit dem Verhalten und der Haltung eines Menschen in Zusammenhang und auch mit seiner Sterblichkeit.
Im Zentrum des Richtungskreuzes befindet sich die Residenz Brahmas, des Schöpfers dieses Universums. Er vereint alle polaren Eigenschaften in harmonischer Art und Weise und führt den vollkommenen Ausgleich der Energien herbei. Daher sollte das Zentrum nicht bebaut werden, sondern für die Zirkulation der Luft und die Einstrahlung des Lichts im Haus offen und frei bleiben.
Diese generelle Einteilung der acht Himmelsrichtungen und ihrer Qualitäten stellt ein sehr praktisches Werkzeug zur Aufteilung eines Grundstücks und zum Gestalten eines Grundrisses dar.

Das Vastu Purusha Mandala Ein feineres Schema ergibt sich aus dem Vastu Purusha Mandala, dem ein Gitter von neun mal neun Quadraten zugrunde liegt. Jedes dieser 81 Quadrate wird von einem Halbgott beherrscht, der damit die Eigenschaft dieses Teils prägt. Dementsprechend hat jeder dieser Abschnitte seine spezifische Funktion und Qualität.
Die vedische Philosophie versteht den Kosmos als Manifestation eines universalen transzendenten Bewußtseins vollkommener Intelligenz, welches die Welt entfaltet und sie als belebendes Prinzip durchdringt. Dieses nichtduale Bewußtsein wird als Brahma bezeichnet und seine persönliche Form als Vishnu. Der somit heilige Kosmos manifestiert sich als ein vollkommenes Mandala, in dem alle Elemente der Schöpfung in vollkommener Dynamik und Harmonie miteinander wechselwirken.
Das Vastu Purusha Mandala verkörpert diese kosmologischen Prinzipien und leitet daraus die Blaupause eines vollkommenen Gebäudes ab. Es organisiert den Raum und wird als ein die Welt umfassendes Symbol angesehen. Seinen Rand bilden 32 Quadrate, die von 32 Gottheiten beherrscht werden. Dieses sind die Beherrscher der 28 Häuser des Mondes und die Herrscher der vier Planeten, die mit den Punkten der Tag  und Nachtgleiche in Zusammenhang stehen. Das Mandala wird somit durch die Bewegung des Mondes beherrscht, während das im Inneren des Vastu Purusha Mandalas enthaltene Erdmandala durch die Bewegung der Sonne charakterisiert wird. Es verbinden sich somit zwei Zeitzyklen, die einen unterschiedlichen Verlauf nehmen und nur von Zeit zu Zeit zur Übereinstimmung kommen. Solche Ungleichheiten und Unvollkommenheiten bilden das Wesen der materiellen Wirklichkeit. Auch die zyklische Bewegung der Erdachse steht nicht mit den Zyklen von Mond und Sonne in Einklang. Würde alles miteinander in Einklang schwingen, erstarrte das Leben in Perfektion und die manifestierte Welt verschwände im Unmanifestierten. Diese Unvollkommenheit, der die materielle Welt ihre Existenz zu verdanken hat, ist die Basis aller astrologische Vorausschau und astronomischen Berechnungen. Es gibt beim Vergleich der einzelnen Zyklen immer einen Rest. Wir kennen diesen Rest durch das Schaltjahr und die Divergenz zwischen Mond  und Sonnenkalender. Ohne Rest würde nichts fortschreiten, weil alle Zyklen einander glichen. Der Raum, den etwas in der Gegenwart einnimmt, befindet sich im Rest der Vergangenheit. Auf diese Weise leitet Vastu den Wohnraum vom Rest der Zeitzyklen ab und weist damit auf die komplexe Beziehung zwischen Raum und Phasenverhältnissen von Zeitzyklen hin.
In den Veden wird das materielle Universum als der Körper Gottes bezeichnet. Es wird somit mit einer kosmischen Person (Virat Purusha) verglichen, auf deren Körperteilen die Elemente, Planetensysteme, Halbgötter und andere Lebewesen situiert sind. Diese Vorstellung von einer kosmischen Person hat die vedische Architektur in der Form des Vastu Purusha umgesetzt.
Das Zentrum des Mandala gilt als die Residenz des Schöpfergottes Brahma, der von einer Reihe weiterer Halbgötter umgeben wird. Die acht Himmelsrichtungen werden von den acht Planeten beherrscht. Hierdurch symbolisiert das Mandala den heiligen Raum und die zyklische Bewegung der Zeit und umfaßt damit den vollkommen in Raum und Zeit geordneten Kosmos.
Für praktische Zwecke wird das Mandala mit all seinen Unterteilungen auf das Grundstück übertragen, wobei tiefe Markierungen gesetzt werden. Indem der Architekt diesen Vorgang wie ein Ritual ausführt, reift in seinem Geist die Vorstellung von der Anordnung der verschiedenen Teile des zukünftigen Gebäudes.

Maße und Proportionen Im Vastu gilt das Quadrat als die vollkommenste Form, in der alle Polaritäten ausgeglichen sind. Daher wird das Quadrat als Form für den Grundriss eines Hauses und für ein Grundstück empfohlen. Auch Rechtecke werden als gute Formen akzeptiert, hierbei kommt es jedoch auf das Verhältnis zwischen Länge und Breite an. Beträgt dieses Verhältnis 1,25, so deutetet dies auf Stärke, Reichtum und Perfektion hin. Ein Verhältnis von 1,5 erzeugt Freude, 1,75 Gesundheit und 2 einen großartigen Eindruck. Die Länge sollte jedoch die Breite des Grundstücks oder Hauses nicht um den Faktor 2 übertreffen. Ein überlängliches Grundstück sollte verkürzt bzw. unterteilt werden. Im Vastu spielen auch die Proportionen innerhalb des Gebäudes eine große Rolle. Die Maße von Höhe, Breite, Umfang, Verbindungslinien, Mauerstärken und Zwischenräumen werden miteinander in Beziehung gesetzt. In den Veden heißt es: Sind die Maße und Proportionen der Tempel vollkommen, so ist auch das Universum vollkommen. Unregelmäßig geformte Grundstücke wie Dreiecke,  Trapeze, Rauten oder unregelmäßige Rundformen sollten korrigiert werden, indem die störenden Teile mithilfe von Mauern oder Zäunen abgetrennt und anders genutzt werden.

Brunnen
Abb. 4

Vor Beginn des Bauens Ist das Grundstück in die richtige Form gebracht worden, sollte vor dem Baubeginn zunächst ein Brunnen gegraben werden. Ein solcher sollte nicht auf einer Diagonalen liegen, sondern daneben. Am besten wird ein Brunnen im Nordosten des Grundstücks nördlich von der Diagonalen gegraben. (s. Abb. 4)
Der nächste Schritt besteht darin, das Grundstück zu begrenzen. Nach Vastu sollte unbedingt eine Mauer gezogen werden, die im Süden und Westen höher und dicker ist als im Norden und Osten. Ein Grundstück, das nicht auf dieses Weise begrenzt wurde, unterliegt vielerlei unkalkulierbaren Einflüssen. Die Begrenzungsmauer sollte keine Defekte aufweisen. Die Hauptzugänge zum Grundstück befinden sich am besten im Norden oder Osten. Der Westen ist weniger zu empfehlen, während der Süden vermieden werden sollte. Läßt sich ein südlicher Eingang nicht umgehen, sollte zumindest ein weiterer Eingang im Norden oder Osten geschaffen werden. Es ist generell besser, zwei Zugänge zum Grundstück zu haben, damit negative Einflüsse, die durch einen Eingang hineingelangen, durch den zweiten Eingang wieder herausgelangen können.
Weiterhin ist die Aufteilung des Grundstücks von großer Bedeutung. Es wird zunächst einmal in vier Quadranten aufgeteilt. Im südwestlichen Block sollte sich das Hauptgebäude befinden, da der Südwesten maximal beschwert werden sollte. Im Nordwesten können Garagen für Fahrzeuge und andere bewegliche Dinge gebaut werden, während der Nordosten am besten frei bleibt, um Garten und Gewässern Raum zu bieten. Elektrische Installationen und Geräteschuppen befinden sich am besten im Südosten, der auch als Garten genutzt werden kann.
Die Gebäude sollten im allgemeinen zumindest einen Abstand von 60 bis 90 cm von der Grundstücksmauer haben. Lediglich im Südwesten dürfen die Gebäude direkt an die Mauer angrenzen bzw. diese in das Gebäude mit einbeziehen.
Im Südwesten sollte das Grundstück die höchste Stelle besitzen. Ein Gefälle aus dem Südwesten in Richtung Norden und Osten gilt als sehr glückverheißend. Ebenso sollten sich Berge und hohe Bäume nur im Süden und Westen des Grundstücks befinden. Der Norden und Osten sollte frei sein, damit die Sonne von dort aus ungehindert auf das Grundstück fallen kann. Daher sollte im Norden und Osten mehr Platz gelassen werden als im Süden und Westen. Im Norden und Osten sind Gewässer bzw. Flüsse sehr glückverheißend. Ein Fluß im Norden der aus dem Westen Richtung Osten fließt oder ein Fluss im Osten, der von Süden Richtung Norden fließt, fördern Gesundheit und Reichtum.
Die Form des Hauses beeinflusst maßgeblich die Lebensqualität seiner Bewohner. Sie sollte möglichst regelmäßig und harmonisch sein. Für praktische Zwecke werden zuweilen Gebäude mit L oder U-Form gewählt. Im Fall einer L-Form sollte der Nordosten offen sein, so dass der Winkel des L`s im Südwesten liegt. U-Formen finden sich vor allem bei Schulen, Behörden und Krankenhäusern. Sie können in allen vier Himmelsrichtungen liegen, wobei der Innenhof am besten quadratisch geformt ist.

Aufteilung des Grundstücks in vier Quadranten
Abb. 5
Die Einteilung des Hauses in neun Teile Gehen wir der Einfachheilt halber von einem rechteckigen Haus aus, so lässt sich dieses in neun gleich große Rechtecke einteilen. Das Zentrum ist Brahma zugeordnet und sollte frei und offen gehalten werden. Der Südosten gehört idealerweise der Küche und auch elektrische Geräte und Heizungen funktionieren dort am sichersten. Innerhalb der Küche sollte der Herd im Südosten stehen, so dass die Köche beim Kochen Richtung Osten schauen. Die Spüle und das Waschbecken plaziert man am besten im Nordosten und den Kühlschrank im Nordwesten. Schwere Dinge wie Getreide und Gewürze lagert man im Südwesten der Küche, während ein Tisch zum Essen sich im Westen der Küche befinden sollte. Nach vedischem Verständnis wird jedoch nicht in der Küche gegessen, um ihre Reinheit zu gewährleisten. Dazu sollte ein Speisezimmer eingerichtet werden, das sich am besten im Westen des Hauses befindet. Der Westen eignet sich ebenfalls sehr gut als Schlafzimmer für Kinder oder als Studierzimmer, da dort die positiven Einflüsse von Merkur, Jupiter, Venus und des Mondes kreative Prozesse und die Gehirntätigkeit unterstützen.
Schlafzimmer können sich auch im Südwesten und im Süden befinden, wobei der Südwesten nur von Erwachsenen genutzt werden sollte. Ansonsten gehören die Rumpelkammer, das Treppenhaus oder andere schwere Installationen in den Südwesten. Vastu empfiehlt, im Südwesten zusätzlich eine Säule zu plazieren, die aus dem Boden bis über das Dach des Hauses hinausreicht und somit den höchsten Punkt des Gebäudes bildet. Hierdurch werden die negativen Einflüsse, die über den Südwesten Eingang ins Haus finden, am wirkungsvollsten unterdrückt. Idealerweise plaziert man auf der Säule Garuda. Der Süden ist der ideale Ort für Schlafzimmer. Es kann sich dort jedoch auch der Salon oder ein an die Küche angrenzender Speicher befinden.
Einteilung des Gebäudeinneren in neun Rechtecke
Abb. 6

Der Nordwesten eignet sich für Gästezimmer, um dort Bäder und Toiletten zu installieren, oder Getreide zu lagern. Arbeitszimmer und Büro finden dort ebenfalls einen guten Ort. Der Nordwesten unterstützt Beziehungen zu anderen Menschen und steht für die Gastfreundschaft, die in der vedischen Kultur als sehr wichtig angesehen wird. Der Norden wird von Kuvera beherrscht, der den Reichtum beschützt. Außer als Platz für das Wohnzimmer eignet er sich daher vor allem für die Aufstellung des Safes und die Lagerung anderer Wertgegenstände.
Der Nordosten ist die reinste aller Himmelsrichtungen, da dort der Ursprung aller Halbgötter residiert. Er sollte immer rein und ordentlich gehalten werden und es sollten sich dort keine Toiletten und Bäder befinden. Er ist der ideale Ort für reines Wasser und sollte zur Verehrung Gottes genutzt werden. In vedischen Häusern befindet sich dort der Altar oder der Raum zur Verehrung der Bildgestalten Gottes.
Der Osten wird häufig noch von der Küche mit in Anspruch genommen und eignet sich ideal für das Bad. Auf diese Weise kommt man beim allmorgendlichen Bad in den Genuss der Morgensonne. Die Veranda oder der Balkon sollten sich daher auch im Osten befinden.
Diese grobe Einteilung des Hauses in neun Abschnitte gibt einen einfachen und klaren Überblick über die wichtigsten Anforderungen des Vastu. Die Prinzipien des Vastu gelten sowohl im Großen als auch im Kleinen. Was für das gesamte Grundstück oder die Planung einer ganzen Stadt gilt, lässt sich auch auf das Haus und sogar auf die Einrichtung einzelner Räume anwenden. Eine detailliertere Behandlung dieses Themas kann in diesem Artikel nicht erfolgen. Es sei hierzu auf das Buch des Autors verwiesen.

Zwei Grundrisse nach Vastu für verschiedene Orientierungen des Hauses bezüglich der Himmelsrichtungen
Abb. 7

Zwei ideale Grundrisse Die Abbildungen beziehen sich auf zwei Möglichkeiten, wie ein Haus bezüglich der Himmelsrichtungen liegen kann. Der erste Fall, bei dem die Achsen des Hauses parallel zu den Himmelsrichtungen liegen, ist besser als der zweite, bei dem die Himmelsrichtungen mit den Ecken des Hauses zusammenfallen. Sie geben schematisch eine ideale Aufteilung des Gebäudeinneren für den Fall eines Einfamilienhauses wieder. Der zweite Fall stellt bereits einen Kompromiss zwischen den Vastu-Prinzipien und den Gegebenheiten des Grundstücks, der Straßenlage oder den jeweiligen Bauvorschriften dar. Wenn es möglich ist, sollte eine solche Diagonallage des Hauses bezüglich der magnetischen Feldlinien vermieden werden. Ist dieses nicht möglich, so bietet die zweite Abbildung einen möglichen Grundriss an.


Zusammenfassung
Dieser Artikel konnte nur die Oberfläche des weiten Meeres der Wissenschaft des Vastu berühren. Dieses Meer beinhaltet jahrtausendealtes Wissen, das auf ebenso alten Schriften beruht und über die Jahrtausende seiner Anwendung immer weiter differenziert und erweitert wurde. Um Vastu verstehen und anwenden zu können, müssen wir uns als Angehörige einer anderen Kultur zunächst einmal mit den grundlegenden philosophischen Gedanken der vedischen Tradition vertraut machen, von der Vastu ein integraler Bestandteil ist. Die Veden sehen den Menschen in eine kosmische und göttliche Ordnung eingebunden, die es durch das Studium der Schriften, durch Meditation und Handeln zu erkennen gilt. Der Mensch steht unter dem Einfluss der Naturgewalten höherer Wesenheiten, die er nur dann verstehen und erkennen kann, wenn er sein eigenes Bewusstsein aus dem Bannkreis seines persönlichen, familiären oder nationalen Egoismus befreit und in größeren und spirituellen Zusammenhängen denkt. Wir Europäer glauben, unsere Abhängigkeit von höheren Wesen oder Göttern überwunden zu haben und uns ein rationales Verständnis der Natur und unserer Existenz angeeignet zu haben. Es zeigt sich jedoch immer wieder, dass uns auf diese Weise ein wesentlicher Aspekt der Wirklichkeit entgangen ist. Vastu lehrt, wie der Mensch in die Natur, das Lebensfeld der Erde, das Sonnensystem, den Kosmos und die göttlichen Ordnung eingebunden ist und zeigt ihm, wie er im Einklang mit all diesen Kräften leben und seine Umgebung kreativ gestalten kann.
Die alte indische Kultur ist für ihre gewaltigen und kunstvollen Tempelbauten berühmt, die tiefer Ausdruck dieses Verständnisses sind. Die vedischen Tempel stellen schon allein von ihrer Architektur her eine Brücke zu anderen Seinsbereichen und Dimensionen dar. Der Mensch strebt nach Freiheit, doch kann er diese nicht erreichen, indem er sich aus dem Zusammenhang der Naturgesetze herauszulösen versucht. Dadurch entzieht er sich letztlich seine eigenen Lebensgrundlage und wird zum Feind des Lebens und der Natur. Freiheit gibt es nur in Verantwortung und in Zusammenarbeit mit dem Rest der Welt, dem wir für seine Toleranz und Duldsamkeit uns gegenüber dankbar sein können. Wenn der Mensch bei seinen Eingriffen in die Natur mit mehr Respekt und Wissen vorgeht und sich darüber bewusst ist, dass er als Teil der Natur von ihr abhängig ist, wird sich auch die ökologische Situation wandeln.
Architektur schafft ein Abbild des Universums, in dem der Mensch lebt. Verzerrt sie die verschiedenen Aspekte des Kosmos und stört seine Harmonie, wird der Wohnraum voller Spannungen sein und die Probleme seiner Bewohner verstärken. Er wird seine Bewohner nicht vor negativen Einflüssen beschützen können, ebenso wie ein undichtes Dach keinen ausreichenden Schutz vor Regen und Sturm bietet. Wenn die Architektur jedoch die Kräfte und Aspekte des Kosmos in harmonischer Weise auf die Erde projiziert, entsteht damit ein Wohnraum, der die Probleme seiner Bewohner ausgleicht und ihm die positiven materiellen und geistigen Energien des Universums zufließen lässt. Das Ziel des Vastu besteht darin, dem Menschen die idealen Voraussetzungen dafür zu geben, glücklich und harmonisch in dieser Welt zu leben. Erst in einer solchen Situation kann sich der Mensch ungestört mit den wahren Zielen des Lebens beschäftigen, nach Selbst- und Gotteserkenntnis streben und seine eigene spirituelle Natur und Beziehung zu Gott erkennen.


Literaturverzeichnis

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  • Puri, B. B.: Vedic Architecture and Art of Living, A Book on Vastu Shastra, Vastu Gyan Publication, Delhi 1995
  • Rao, Derebail Muralidhar: Hidden Treasure of Vastu Shilpa Shastra and India Traditions, SBS Publishers, Bangalore 1995
  • Shukla, D.N.: Vastu Shastra, Vol.1, Hindu Science of Architecture, Vastu Vanmaya Prakasana Sala, Lucknow 1960
  • Gouru Tirupati Reddy: The Secret World of Vasthu, Prajahita Publishers, Hyderabad 1996
  • Boner, A.: Vastu Sutra Upanishad, Sadasiva Rath Sarma, Bettina Bäumer, Moltilal Banarsidass, Delhi
  • Sastri, K.V.: Viswakarma Vastushastram, N.B. Gadre, Tanjore Sarasvati Mahal Series No. 85, Tanjore 1958, Matsya Purana, Übersetzung aus dem Sanskrit
  • Jain, Gyan C.: The little Book on Vastu, BPB Publications, Delhi 1996


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