Tauschkreise – ein Musterbeispiel für Kulturell Kreative

Seit einiger Zeit entstehen im deutschsprachigen Raum zahlreiche Tauschringe, in Österreich auch Tauschkreise genannt. Während es einige sehr erfolgreiche und größere Tauschsysteme gibt, haben viele dieser Initiativen noch nicht die Größe erreicht, um längerfristig erfolgreich bestehen zu können. Doch worin liegen die Unterschiede, was macht den Erfolg von lokalen Tauschsystemen aus? Ein Interview mit Gernot Jochum-Müller, Vorsitzender des Tauschkreises Vorarlberg, geführt von Werner Heussinger.

Seit sechs bis acht Jahren entstehen im deutschsprachigen Raum zahlreiche Tauschringe oder Tauschkreise, wie sie in Österreich genannt werden. Während es einige sehr erfolgreiche und größere Tauschsysteme gibt, hat die überwiegende Zahl dieser Initiativen noch nicht die Größe erreicht, um längerfristig erfolgreich bestehen zu können. Doch worin liegen die Unterschiede, was macht den Erfolg von lokalen Tauschsystemen aus? Der Talente-Tauschkreis Vorarlberg gilt in Österreich als einer der erfolgreichen Tauschkreise.
Gernot Jochum-Müller – ursprünglich Handwerker, dann Dipl.-Sozialarbeiter – hat die letzten fünf Jahre als Organisationsberater bei einer renommierten österreichischen Unternehmensberatung gearbeitet und ist seit 2001 selbständig als Organisationsberater und Coach in der Beratung von Profit- und Non-Profit-Organisationen. Er hat sich auch einen Namen als Berater für Komplementärwährungssysteme gemacht. Er ist Mitgründer des Talente-Tauschkreises Vorarlberg und seit etwa einem Jahr Vereinsobmann und Sprecher.


Werner H. Heussinger: Wie kamen Sie auf die Idee eines Tauschkreises?

Gernot Jochum-Müller: Vor etwa sechs Jahren veranstaltete die Gruppe "Kirche sind wir alle" einen Abend zum Themengebiet Geld, Zinsen und Nachhaltigkeit. Damals ergriff der Leiter des Bildungshauses St. Arbogast die Initiative und versammelte einige Personen zwei Stunden vor dieser Veranstaltung. Es zeigte sich sehr schnell, dass alle die Idee des Tauschkreises kannten und einige sich überlegten, solch einen in ihrer Umgebung zu gründen. Es wurde an diesem Abend beschlossen, eine Gruppe zu bilden, die das Vorhaben für das ganze Bundesland umsetzte. Für mich war damals klar, dass dies eine Sache ist, für die ich mich einsetzen möchte.

WHH: Wie fing dann alles an?

GJM: Am Anfang dauerte es etwa ein halbes Jahr, bis diese Gruppe die wichtigsten Informationen zusammengetragen hatte und die Spielregeln für das Talente-Experiment Vorarlberg – so nannten wir uns am Anfang – fixiert waren. Es gab in diesem halben Jahr viele lange Abende voller Diskussion und wichtiger Auseinandersetzungen. Nach fünf Jahren Praxis können wir sagen, die damals getroffenen Entscheidungen waren die richtigen und sind noch heute unsere Basis.
Beim Start vereinbarten wir, wenn nach einem Jahr 30 Konten eröffnet sind, machen wir weiter, sonst beenden wir das Experiment. Nach der besagten Frist konnten wir stolze 90 Mitgliederkonten aufweisen, was uns ein großer Antrieb für die Weiterarbeit war.

WHH: Welche Schwierigkeiten gab es am Anfang?

GJM: Schon kurz nach dem Start wurde uns ein wichtiger Fehler schmerzhaft bewusst. Die Gründungsgruppe, wir nannten sie Kernteam, bestand aus Personen, die großteils klar deklarierten, dass sie sich nach einem erfolgreichen Start zurückziehen wollten. Gleichzeitig gab es eine Person, die bereit war, den Großteil der Arbeit auszuführen. Wir waren also eine Gruppe, in der viele mitredeten und beschlossen und in der nur wenige die tatsächliche Arbeit gemacht haben. Dies führte zu Richtungsdiskussionen und Zerwürfnissen. Schlussendlich trennte sich die Gruppe von der Person, welche bis dahin die meiste Arbeit machte aufgrund der inhaltlichen Differenzen und begann die Arbeiten auf viele Schultern zu verteilen.
Etwa zur selben Zeit begannen wir das Bundesland in Regionen aufzuteilen, damit tatsächlich das regionale Element betont und ein Wirtschaften im Nahraum gefördert wird. Kleine Leistungen oder Produkte werden ja nicht auf Distanzen von 50 km oder mehr getauscht.
Anfangs hatten wir auch immer wieder finanzielle Probleme. So finanzierte ein Mitglied aus dem Kernteam die Tauschsoftware aus seinem Einkommen und ein anderes gewährte ein größeres zinsloses Darlehen, damit wir in den ersten Jahren wirtschaften konnten. Durch eine Sponsoringaktion konnten wir die geliehenen Gelder später zurückbezahlen. Heute bekommen wir einen finanziellen Engpass, wenn wir neue Infrastruktur anschaffen müssen, z.B. einen neuen leistungsfähigen PC für die Erstellung unserer Marktzeitung, die inzwischen ein professionelles Layout hat.

WHH: Im Talente-Tauschkreis Vorarlberg gibt es ein großes Team, woher kommen die Personen, die mitarbeiten?

GJM: Wir hatten nun neben dem Kernteam ein Serviceteam gegründet. Im Serviceteam sollten sich jene treffen, die laufend mit den Mitgliedern (hauptsächlich die Regionalansprechpartnerinnen) zu tun hatten, um ihre Anliegen, Fragen und Probleme zu bearbeiten.
Wir haben alle Mitglieder zu einer Versammlung eingeladen und vorgestellt, welche Funktionen zu besetzen sind. Wir nahmen jene Personen, die sich meldeten, in unsere Runde auf und haben meist sehr positive Erfahrungen mit dieser Vorgehensweise gemacht. Einige davon arbeiten auch heute noch sehr maßgeblich in unserem Verein mit.
Es ist natürlich ein Wagnis, sich auf unbekannte Personen einzulassen. Du weißt nicht, ob die Person ins Team passt oder ob sie die Aufgaben bewältigen wird. Wir sind aber sehr gut damit gefahren.

WHH: Gibt es heute auch noch das Kern- und das Serviceteam?

GJM: Nein, inzwischen haben wir zwei wichtige Schritte in der Organisation vollzogen. Wir haben einen Verein gegründet und das Kernteam ist nicht mehr vorhanden. Heute gibt es ein starkes Serviceteam von etwa 20 Personen, die auf zwei Jahre gewählt werden. Dieses Team ist mit unterschiedlichen Funktionen besetzt und entscheidet gemeinsam nach demokratischen Regeln. Wir treffen uns etwa monatlich und ziehen uns einmal im Jahr auf eine Klausur zurück.
Heute haben wir in unserem kleinen Land sechs Regionen mit eigenen Ansprechpartnerinnen und können diese Regionen bei Bedarf – sprich steigender Mitgliedszahlen – jederzeit weiter teilen.

WHH: Wenn so viele Personen miteinander arbeiten, kommt es auch zu unterschiedlichen Meinungen. Wie gehen Sie damit um?

GJM: Wir verständigen uns immer wieder auf die gemeinsamen Grundlagen. Viele Details werden nicht ausdiskutiert, da wir das den Zuständigen überlassen. Jede Person hat für ihre Funktionen einen bestimmten Rahmen. Solange der eingehalten wird, passt es. Also z.B. bei der Zeitungserstellung: Wichtig ist, das alle ihre Beiträge machen und die Zeitung termingerecht in den Druck geht. Da gibt es zwei Personen, die die Zeitung vor dem Druck inhaltlich korrekturlesen. Dies ist der Routinevorgang. Ob die jeweils Zuständigen die Artikel selbst schreiben oder von einem Mitglied schreiben lassen, ist dabei unwichtig. Ein anderes Beispiel: Der Mitgliedsbeitrag. Ob eine Regionalansprechperson den Mitgliedsbeitrag persönlich einhebt oder einen Zahlschein aussendet, ist völlig egal. Wichtig ist, dass er bezahlt wird und dass der Kontakt zu den Mitgliedern stimmig ist.

WHH: Auf was sollte man bei der Gründung eines Tauschkreises achten?

GJM: Das Wichtigste ist vorneweg eine Zieldefinition. Will eine Person oder eine Gruppe ein alternatives Wirtschaftssystem entwickeln oder einen Tauschring für Maschinen, damit diese öfter genutzt werden?
Ein Tauschkreis ist ein Organismus, der einige wenige Kriterien erfüllt. Es gibt eine eigene Währung, eine Administration dazu und Zinsfreiheit. In den meisten Fällen, soweit ich die Tauschkreise im deutschsprachigen Raum kenne, geht es um die Erhöhung der Lebensqualität oder um alternatives Wirtschaften ohne Zinsen. Meistens um beides. Da werden oft ökologische Aspekte – wie Nahversorgung, kurze Wege oder ökologische Landwirtschaft, aber auch soziale Aspekte wie zum Beispiel mehr Beziehungen, Gleichgesinnte treffen sich, man fühlt sich gegenseitig verpflichtet – miteinander verknüpft. Etwas zynisch formuliert ist für jeden etwas dabei. Genau dieser Aspekt ist die Chance und das Risiko zugleich.
Ein Risiko deshalb, weil es viele Personen zu Beginn anspricht und nicht bei allen die Erwartungen erfüllt werden können. Die Chance, weil es viele unterschiedliche Personen anspricht und sich doch viele so gegenseitig ergänzen können. Manchmal habe ich den Eindruck, es handelt sich um ein öko-soziales Puzzlespiel.
Wenn die Ziele klar sind, geht es darum, die derzeit passende Struktur zu definieren und eine Gruppe zu finden, die sich miteinander auf den Weg macht, um das Vorhaben umzusetzen. Eine Gruppe ist deshalb so wichtig, weil die Organisation ja meist irgendwie nebenher gehen muss. Da gibt es noch den Beruf, die Familie, den Freundeskreis und andere Interessen. Da kann den Organisatoren schon einmal die Luft ausgehen, oder es wird notwenig, eine Zeit lang zu pausieren. Wenn in solchen Situationen alles an ein oder zwei Personen hängt, ist der Erfolg des Tauschkreises oft gefährdet.
Als dritter Faktor gehört eine große Portion Gruppenfähigkeit dazu. Entweder ich kann den anderen einfach so sein lassen, wie er ist, oder ich muss mich dem stellen, was persönlich in mir passiert. Viele Gruppen zerbrechen an den persönlichen Spannungen – und hier ist Reflexions-, Konfliktfähigkeit und guter Wille gefragt.
Und viertens sind klar verteilte Aufgaben, die auch klar beschrieben sind, notwendig. Im Idealfall macht jede Person genau das, was sie am besten kann und sehr gerne tut. Wie es im Tauschkreis ja auch der Fall sein soll. Kurz gesagt, die Prinzipien des Tauschkreises auch in die Organisation aufnehmen und diese dort leben. Das geht nicht immer, ist aber absolut erstrebenswert.

WHH: Wie sehen Sie die vielen Diskussionen um Basisdemokratie oder Hierarchie beim Thema Organisation?

GJM: Hier nehme ich eine deutlich andere Position ein, als die meisten Tauschkreisorganisatoren. Die meisten Personen, die Tauschkreise organisieren, sind auch in diesem Punkt, ohne hier zu nahe treten zu wollen, sehr idealistisch motiviert. Das ist wichtig, aber oft nicht hilfreich. Die Suche nach anderen Organisationsmodellen als den klassisch hierarchischen führt auf dem kurzen Weg zur Basisdemokratie. Jetzt passiert es oft, dass diese Organisationsform dazu führt, dass alles auf der Ebene des Konsens beschlossen werden muss. Das ist für ein Tauschsystem gefährlich, will es z.B. mehrere hundert Personen "beheimaten". Eine zuverlässige Administration kann dann teilweise nicht mehr gewährleistet werden.
Allzu oft stehen hier Organisationsform und Zielsetzung im Widerspruch. Es wird versucht, alles mögliche an idealistischen Zielen mit einem Aufwasch unterzubringen. Der Tauschkreis wird dann zum idealistischen Wollmilchschwein. Ein Beispiel: Ein Tauschkreis entscheidet sich dafür, ökologisch wirtschaftende Betriebe mit ebensolchen interessierten Menschen zusammenzubringen. Es soll in einer ländlichen Region ein zinsfreies Tauschnetzwerk entstehen. Nach ein paar Monaten streiten sich die Betreiber dieses sehr erfolgreich angelaufenen Projektes über die Organisationsform, da es ja nicht einige Organisatoren geben soll, sondern die Mitglieder alle mitbestimmen sollen. Soweit so gut. Doch wo wird hier der Rahmen gezogen? Ich denke, einige Mitglieder werden auf Veranstaltungen gerne mitgestalten wollen, andere eben nicht. Die Gefahr liegt darin, die Mitglieder zu überfordern. Ich glaube, es ist Anspruch genug, dass die Menschen sich auf ein veränderndes System einlassen, hier neue Erfahrungen machen, sich in ihrem Verhalten reflektieren und vielleicht noch Konsequenzen für ihr Leben daraus ziehen. Viele Menschen sind einfach damit überfordert, ständig bei Organisationsfragen, Abläufen oder immer neuen Inhalten mitzudenken oder mitzugestalten. Der Anspruch der Tauschkreisbetreiber an die Systemnutzer neben den Inhalten auch noch eine neue bessere Organisationsform zu finden, resultiert teilweise auch daher, dass zu wenig bewusst ist, welche Dynamik von unserem herkömmlichen Geldsystem ausgeht und wie wenig wir uns damit befassen.
Ein deutliches Plädoyer also für eine an die Menschen angepasste Organisationsform und nicht umgekehrt. Eine Struktur ist immer nur ein Mittel und kein Zweck!

WHH: Was entsteht beim Tauschen als Neben- oder Haupteffekt?

GJM: Der primäre Effekt ist, dass Waren oder Dienstleistungen getauscht werden. Dies würde ich längerfristig auch als den zentralen Erfolgsindikator sehen. Wichtige Effekte ergeben sich aus der weiteren Zielsetzung des Tauschkreises. Uns sind Werte wie Nachbarschaftshilfe, ökologisches Handeln, Wege verkürzen und soziales Handeln wichtig. Diese Werte lassen sich nur schwer messen. Dennoch sind sie zentral. Wenn ich z.B. dringend jemand brauche, der mich zur Autowerkstatt fährt, und es nicht gelingt, dies im Tauschkreis zu organisieren, stimmt etwas noch nicht.
Die Nebeneffekte sind zahlreich, es entstehen neue Beziehungen und Treffpunkte, Potentiale von einzelnen werden entdeckt, obwohl die Person diese gar nicht angeboten hat. Bei Veranstaltungen entstehen immer mehr Fahrgemeinschaften, zahlreiche Diskussionen über Werte und Haltungen finden auf unseren Veranstaltungen statt, viele finden einen Platz, ihre Kreativität einzubringen usw. usw.

WHH: Inwieweit hilft ein Tauschkreis, das Regionale zu stärken?

GJM: Hierzu gibt es eine interessante neue Untersuchung von Robert Musil aus Wien. Robert Musil hat sich in seiner Diplomarbeit mit der Frage beschäftigt, inwieweit bzw. ob Tauschkreise ein Instrument für die endogene Regionalentwicklung sind. Die Untersuchung beruht einerseits auf einer Befragung der Tauschkreisinitiatoren in Österreich und andererseits auf einer Mitgliederbefragung der Tauschkreismitglieder von Vorarlberg und den drei Wiener Tauschkreisen. Der Autor kommt dabei zum Schluss, dass Tauschkreise eine angemessene und wirkungsvolle Variante der endogenen Regionalentwicklung sind.

WHH: Gibt es Widerstand oder Unterstützung aus Politik und Wirtschaft?

GJM: Derzeit habe ich den Eindruck, dass die Tauschsysteme eher wohlwollend beobachtet und nicht beeinträchtigt werden. Dies war vor allem in Deutschland nicht immer so. Auf EU Ebene wurden ja auch vier Projekte wie z.B. Amselnet oder Sokks in der letzten Förderperiode unterstützt. In Vorarlberg haben wir seit einigen Monaten eine gute und konstruktive Zusammenarbeit mit dem Büro für Zukunftsfragen des Landes. Diese Einrichtung ist dem Landeshauptmann direkt unterstellt und beschäftigt sich nun auch mit den Komplementärwährungen.
In der Wirtschaft habe ich den Eindruck, dass es unterschiedliche Ansätze gibt, die Tauschkreisidee zunehmend zu kommerzialisieren. Die Barterorganisationen sind nur ein Aspekt dabei, aber die ganzen Bonussysteme und Rabattmarken zielen immer öfter auf den Stellenwert eigener Währungen ab.
Ein aktuelles Projekt bei uns in Vorarlberg beschäftigt sich mit dem Zusammenwirken von Tauschkreisen und Tourismusbetrieben. Vielleicht können Sie schon bald um Talente in Vorarlberg nächtigen und essen.

WHH: Was bedeutet der Begriff "Kulturell Kreative" für einen Tauschkreis?

GJM: Auf den Begriff bin ich erst vor etwa anderthalb Jahren in den Büchern von Bernard Lietaer gestoßen. Seither begegnet mir dieser Begriff immer wieder. Grundsätzlich glaube ich inzwischen, dass die Tauschkreise eine Ansammlung Kulturell Kreativer sind. Hier treffen sich genau jene Personen wieder, auf welche die Beschreibungen der Kulturell Kreativen zutreffen.
Umgekehrt scheint es mir auch möglich zu sein, die Kulturell Kreativen über die Einrichtung von Komplementärwährungssystemen, wie Tauschkreise ja eines sind, zu vernetzen. Es könnten sich zwischen dem "Instrument Tauschkreis" und der Bewegung der Kulturell Kreativen folglich große Synergien ergeben. Beiden geht es ja schlussendlich um eine Transformation. Um mehr Lebensqualität, Schutz der Umwelt, Gleichberechtigung ...

WHH: Wer macht bei einem Tauschkreis mit, wer sind die treibenden Kräfte?

GJM: NutzerInnen der Tauschkreise sind alles andere als eine homogene Gruppe. Eine persönliche – aber noch nicht überprüfte – Hypothese ist, dass drei Gruppen unterschieden werden können. Jene, die aus ideologischen Gründen mitmachen – "... die Idee ist so gut, aber ich habe keine Zeit". Jene, die es verstehen, sich sehr aktiv einzubringen, und die einen wenn auch kleinen Teil des Haushaltsbudgets im Tauschkreis erwirtschaften, und jene, die dabei sind, weil, nun ja, das wissen sie meist selbst nicht so genau. Bei der dritten Gruppe sammeln sich jene, die bestimmte Erwartungen hatten, z.B. ein bestimmtes Produkt mit anderen zu tauschen. In der Zwischenzeit hat sich herausgestellt, dass dieses Produkt keine Abnehmer findet. Ergeben sich für diese Personen keine anderen Anknüpfungspunkte, treten sie deshalb noch nicht aus, bleiben aber inaktiv. Oder diese Personen werden Mitglied im Tauschkreis, weil eine andere Person das toll findet. Diese Untergruppe ist meist auch nicht sehr aktiv, und ich unterstelle ihnen, sie haben keine Eigenmotivation für ein Engagement im Tauschkreis, da ihnen das Ziel fehlt, weshalb sie dabei sind.
Gründe, sich an einem Tauschkreis zu beteiligen, sind meist ideologische, wirtschaftliche und soziale Gründe – auch die Möglichkeit, Beziehungen zu knüpfen. Soziale Aspekte werden von den Mitgliedern häufiger als wirtschaftlichen Gründe genannt.

WHH: Gibt es so etwas wie eine kritische Größe?

GJM: Ja, die kritische Größe gibt es. Ich erlebe es so, dass in einem eher kleinen Umfeld von ein paar Tausend Einwohnern etwa 50 bis 80 Personen miteinander tauschen sollten. Ideal ist es sicher innerhalb einer Gemeinde oder eines Stadtteils. Wenn die Gruppe viel kleiner ist, bleibt der Nutzen für die einzelnen zu klein. Eine unsere Ansprechpersonen formulierte das so: Nach einem Jahr ist der eine Schrank voll mit Senf vom Johann und der andere Schrank voll mit Marmelade von Inge. Was soll ich also noch kaufen.
Andererseits soll die Gruppe auch nicht zu groß sein. Eine Koordinationsperson sollte im Idealfall noch alle Mitglieder persönlich kennen können, und das ist bis ca. 150 Personen möglich.
Eine andere kritische Größe ist die Verteilung der drei oben genannten Gruppen. Bildet die Gruppe, die nicht so genau weiß, weshalb sie beim Tauschkreis ist, mit den Ideologen die Mehrheit der Mitglieder, ist ein kritischer Wert erreicht. Die Anzahl jener, die Tauschgeschäfte abwickeln, sollte in einem Tauschkreis stets größer sein als jene, die aus ideologischen Gründen dabei sind.

WHH: Wann ist denn ein Tauschkreis groß?

GJM: Die Größe spielt natürlich auch in den Vergleichen zwischen Tauschsystemen immer wieder eine Rolle. Unser Tauschkreis wird als einer der größeren betrachtet. Dies hat einerseits damit zu tun, dass wir versuchen, im ganzen Bundesland aktiv zu sein und nicht, wie es oft üblich ist, in einer einzelnen Gemeinde oder Stadt. Andererseits sind wir vom Mitgliederstand und den Umsätzen her ein aktiver Tauschkreis. Dennoch bewegen wir uns bei einem jährlichen durchschnittlichen Stundenumsatz von etwa 35 bis 36 Stunden je Mitgliedskonto. Das ist volkswirtschaftlich eigentlich zu vernachlässigen.
Der größte Tauschkreis im deutschsprachigen Raum dürfte jener in München sein. Dort sind etwa 1.500 Mitglieder registriert. Wie aktiv dieser Tauschkreis ist, kann ich nicht einschätzen. Ich habe gehört, dass es dort derzeit zu massiven Spannungen und Konflikten bei den Organisatoren kommt.

WHH: Wie steht es mit der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Tauschkreisen?

GJM: Wenn ein Tauschkreis wie wir in Regionen aufgeteilt ist, sollten zuerst einmal diese gut zusammenarbeiten. Wenn dies gewährleistet ist, bietet sich eine Zusammenarbeit mit anderen Tauschkreisen an. Wir unterstützen auf Anfrage gerne andere Tauschkreise in der Umgebung beim Aufbau und der Entwicklung. Den direkten Tausch suchen wir vor allem mit den Tauschkreisen um Vorarlberg herum, den Tirolern und noch öfter mit dem Tauschkreis Lindau-Wangen. Die Vernetzung auf der Bundesebene finde ich auch sehr wichtig. Leider ist es so wie auch in Deutschland und der Schweiz auf der Bundesebene nicht ganz einfach. Hier gibt es meistens sehr viele Felder, die bestellt werden sollten, aber die Personen, die sich dafür einsetzen, sind ja schon in der Organisation von regionalen Tauschsystemen eingebunden und oft dort schon sehr belastet. Dennoch glaube ich, dass die Bundesvernetzung für die Weiterentwicklung der Tauschkreise eine ganz wichtige Sache ist. Oft arbeiten z.B. drei, vier Personen an den selben Rechtsfragen, hier können Informationen einfach ausgetauscht und für andere zugänglich gemacht werden.
Einen entscheidenden Schub für das Zusammenwirken der verschiedenen Tauschsysteme wird das Projekt Complementary (or community) currency clearing house (CCCH) bringen. Mit dem CCCH entsteht eine internetbasierte Verrechungsstelle für die verschiedensten komplementären Währungen. Es wird mit diesem System möglich, die meisten regionalen Währungen miteinander zu verrechnen. Das bedeutet, dass Wolfgang aus Münster seine "Verrechnungseinheiten" ganz bequem und sicher in Wien oder auch in Washington ausgeben kann. In diesem System wird den nationalen Vernetzungsorganisationen eine wichtige Rolle zukommen. Derzeit laufen die Programmierungen und das Sponsoring für dieses Projekt auf Hochtouren. Einige Vertreter unterschiedlicher Systeme haben ihre Mitarbeit am Steuerungsgremium für das CCCH zugesagt. Die Regeln für die Handhabung dieses Systems werden in diesem international besetzten Gremium gemeinsam vereinbart.

WHH: Welche Leistungen werden am meisten angeboten und nachgefragt?

GJM: Handfestes! Bei uns werden am meisten Lebensmittel roh oder verarbeitet, Handwerksleistungen oder Geräte getauscht. Viel inseriert wird der gesamte Esoterik- und Psychobereich, aber hier finden sehr wenig Tauschtransaktionen statt.

WHH: Modeerscheinung oder Beginn einer Revolution "von unten" – wie sieht die Zukunft von Tauschkreisen aus?

GJM: Das hängt von zahlreichen Faktoren ab. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Entwicklungen einzelner Tauschsysteme sehr unterschiedlich verlaufen. Finanzielle Projektförderungen sind ebensowenig ein Indikator für den Erfolg wie hohes Engagement einzelner Personen. Die Frage ist also nicht so leicht zu beantworten. In Ländern Mittel- und Südamerikas hat die Tauschidee eine sehr hohe Breitenwirkung. Dies ist sicher auf eine massive Ausweitung von Armut zurückzuführen, die ihre Ursache zu einem nicht unwesentlichen Teil in der Dollarisierung dieser Länder hat – wie zum Beispiel in Ecuador oder Argentinien.
Durch eine Beteiligung von Gemeinden an Tauschsystemen wäre sicher auch bei uns eine Breitenwirkung zu erzielen. Schlussendlich wird vieles davon abhängen, welche Personen und Institutionen sich an den Tauschsystemen beteiligen bzw. selber welche installieren. Hier zeigen sich aus meiner Sicht zwei Haupt-Trampelpfade, Wege sind es noch nicht.
Einerseits gibt es ein kommerzielles Interesse an der Idee. Größere Unternehmen beschäftigen sich schon längere Zeit mit dem Thema der Komplementärwährungen. Der andere Trampelpfad sind staatliche Initiativen wie z.B. die in Japan installierten Testprojekte oder die japanischen Pflegewährungen, die Aufschluss über Wirkungsweise und Chancen geben sollen. Es bleibt neben der Initiative an den Graswurzeln ein Abwarten, wer die gestaltenden Akteure der nächsten 10 Jahre sein werden.
Ein wichtiger Faktor ist der Umgang staatlicher Stellen mit den bestehenden Initiativen. Es gibt noch immer unterschiedliche Interpretationen, wie welche Beträge zu versteuern sind und ob die Einkommen in Tauscheinheiten auf Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe anzurechnen sind. In Deutschland gibt es dazu im Teilbereich der Sozialhilfe eine Stellungnahme des Leiters des Sozialamtes der Stadt München. In dieser Stellungnahme ist zu lesen, das es zwar immer vom Einzelfall abhängt, ob die "Einnahmen aus den Tauschringaktivitäten"(1) als Einkommen gerechnet werden. "In der Praxis des Sozialamtes der Stadt München werden diese Leistungen in der Regel nicht als Einkommen betrachtet. ... Der Arbeitskreis "Sozialhilferecht" des Deutschen Vereins hat sich in seiner Sitzung ... der Auffassung der Stadt München angeschlossen."(2)
Doch zurück zur Frage der Revolution. Derzeit werden die Tauschkreise meistens ehrenamtlich und in der spärlichen Freizeit oder vor allem von Frauen neben dem Haushalt und der Kindererziehung organisiert. Es muss also meistens nebenher gehen. Zahlreiche Abend- und Nachtstunden werden aufgewendet. Solange dies so ist, wird sicher keine Revolution stattfinden. Ganz abgesehen davon ist aus meiner Sicht eine Evolution auch viel erstrebenswerter. Auch wenn ich mir oft mehr zeitliche und personelle Kapazitäten wünschen würde.

WHH: Welche Rolle spielen die neuen Technologien wie zum Beispiel das Internet für einen Tauschkreis?

GJM: Die neuen Informationstechnologien sind ein wahrer Segen für die Tauschkreise. Wir haben z.B. alle Mitglieder des Serviceteams mit Modems ausgestattet. Einen PC hatten fast alle. Wir brauchen so viel weniger Zeit für Austausch und sind im Umgang mit Informationen viel exakter geworden.
Andererseits wissen wir, dass max. ein Drittel der Mitglieder von Tauschkreisen einen PC zuhause hat, und von denen haben nicht alle einen Internetzugang. Die persönlichen Treffpunkte und analogen Wege wie Zeitungen nehmen also nach wie vor eine hohe Priorität ein.
Für die nationale und internationale Vernetzung stellen die neuen Medien eine riesige Chance dar. Ein kleines Beispiel: Wir unterstützen den Aufbau von Tauschsystemen in Ecuador. Die Kommunikationsschiene zwischen Vorarlberg und Quito ist das E-Mail. In Karlsruhe wohnt jene Frau, die einige der Texte vom Englischen ins Deutsche übersetzt. In Salzburg sitzt der Herr, der die Texte dann Online stellt. Alles geht nur über Mail. Ohne dieses Medium könnten solche Aktionen von mir nicht mehr koordiniert werden.
Auch die erwähnte Clearingstelle ist ein Beispiel für die wichtige Rolle, die den neuen Kommunikationsmedien und Technologien zukommt.

WHH: Welche Rolle nehmen die Kirchen in der Entwicklung der Tauschsysteme ein?

GJM: Das ist eine gute Frage. Im Grunde glaube ich, dass die Christlichen Kirchen quasi einen Auftrag vom Evangelium her hätten, sich mehr mit der Geldthematik zu beschäftigen. Die Aussagen der Kirche zum Thema Zins z.B. haben sich im Laufe der Jahrhunderte ja deutlich gewandelt. Heute treten einige Kirchenorganisationen für die Entschuldung von Ländern auf der südlichen Halbkugel unserer Erde ein. Aussagen über unser Geld und Zinssystem sind über das hinaus eher spärlich.
Die entscheidende Frage ist vielleicht noch, wer mit Kirche gemeint ist. Das Kirchenvolk, zu dem alle zugehörig sind, die sich nicht ausgenommen haben, oder die Amtskirche?
Ich selbst würde mir Kirche als Ganzes näher an den Fragen der Zeit wünschen. Doch das hängt wie so oft von den gestaltenden Personen ab. Manche betonen mehr das Pastorale, andere wollen darüber hinaus tätig werden und sich mehr den Fragen und Problemen der Menschen annehmen.
Teilweise gibt es dauerhafte Unterstützungen für nachbarschaftlich orientierte Tauschsysteme von den Kirchen. Wir erhalten z.B. einen Druckkostenzuschuss und können unsere Zeitung in der Diözesandruckerei drucken lassen, was uns einen finanziellen Spielraum gibt.
Bei unseren Mitgliedern verhält es sich oft so, dass diese nichts mit der Amtskirche zu tun haben, viele auch nichts mit ihr zu tun haben wollen. Wenn es hier, wie in unserem Fall, zu einer aktiven Mitgliedschaft und Unterstützung eines Kath. Bildungshauses kommt, stößt das viele Diskussionen an. Weshalb sind wir hier in diesem Haus, was will die Kirche von uns ...?
Ich erlebe im Miteinander von Bildungshaus und Tauschkreis sehr unterschiedliche Reaktionen. Ich weiß, dass sich Mitglieder wegen diesem Miteinander von uns verabschiedet haben. Andererseits gibt es auch Annäherungen, die ein Mitglied so formulierte: "Ich bin ausgetreten aus der Kirche und will nichts mit ihr zu tun haben, aber ich finde es dennoch toll, das der Tauschkreis hier ein schönes Ambiente zur Verfügung hat, das ich auch sehr gerne nutze." Und natürlich gibt es Personen, die zum Tauschkreis kommen, weil sie über das Bildungshaus von uns erfahren haben. In diesem Bildungshaus – St. Arbogast in Götzis – ist es möglich, die meisten Kurse in Talenten zu bezahlen. Einige Tauschkreismitglieder bringen sich im Gegenzug mit ihren Fähigkeiten im Bildungshaus ein. Dieselbe Möglichkeit haben natürlich auch alle Betriebe in Vorarlberg, nur wird diese Möglichkeit selten genutzt.

WHH: Welchen Stellenwert haben die Betriebe?

GJM: Im Unterschied zu anderen Tauschsystemen vertreten wir die Auffassung, dass Betriebe Mitglied im Tauschkreis sein sollten. Es gibt in anderen Bundesländern den Ansatz, dass sich im Tauschkreis die Privatpersonen organisieren und in einem eigenen System die Betriebe. Ist dann beides organisiert, werden dort die Tauschsysteme miteinander verbunden.
Ganz deutlich wird die Bedeutung der Betriebe, wenn z.B. ein Tauschsystem mit Zweck der Unterstützung der Nahversorgung in einer bestimmten Region gegründet wird. Speziell dort ist es sehr wichtig, die Betriebe wie den Bäcker, die Schlosserei, den Metzger etc. einzubinden. Sie können im System für viele TeilnehmerInnen einen hohen Nutzen stiften, da der Erwerb von Waren in Komplementärwährung dann so einfach ist wie sonst im Alltag. Es wird dann möglich, zum Bäcker zu gehen und die Brötchen in Talenten oder was auch immer zu bezahlen.
Gelingt es in diesem Fall nicht, den Bäcker oder das Gasthaus vom Ort in das Tauschsystem einzubinden, kann das Ziel, die Unterstützung der Nahversorgung, nicht erreicht werden. Der Aufwand, sich das Brot oder andere Alltagsgebrauchsgüter privat zu organisieren, wird zumindest längerfristig zu aufwendig. Was de facto ein Scheitern des Vorhabens bedeutet.
Zielt ein Tauschsystem ausschließlich auf Nachbarschaftshilfe ab, ist zu überlegen, wie der Anreiz für die Mitglieder zustande kommt sich dort zu engagieren. Nachbarschaftshilfe gegen Nachbarschaftshilfe ist eine Möglichkeit. Oft ist es aber so, dass Personen in der Nachbarschaftshilfe aktiv werden, um sich Dinge leisten zu können, die für sie sonst nicht erschwinglich sind. Z.B. sich regelmäßig massieren zu lassen, ein Seminar zu besuchen etc. Hier stellt es einen Anreiz dar, wenn der Masseur im Ort beim Tauschsystem ist und ich zumindest die Hälfte der Kosten in komplementärer Währung bezahlen kann. Oder wenn es die Möglichkeit gibt, mit der ganzen Familie am Sonntag essen zu gehen und im Gasthaus 40% der Summe in Komplementärwährung bezahlt werden kann. So macht ein Tauschkreis Sinn.


Fußnoten:
(1)  Tauschsystem Nachrichten, Lets Netz, Nummer 14/2001, Seite 6; Die Gegenleistung bei Tauschringen, ein Einkommen im Sinne des BSHG? Reiner Knäusl, Leiter des Sozialamtes der Stadt München
(2)  a.a.O.


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