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Neue Wege im Alltag
Ein Mensch in unserem Kulturkreis – zumal in der Großstadt lebend – hetzt von früh bis spät durch seinen oft freudlosen Alltag. Gibt es Alternativen zu unserem krankmachenden Lebensstil? Was können wir von anderen Kulturen lernen?
![]() Einsam und gehetzt ... |
Von geldlosem Glück und anderen Lebensweisen 6 Uhr 15: Der Wecker klingelt. Renate G. fährt hoch und dreht sich erschöpft noch mal auf die Seite. 6 Uhr 45: Jetzt wird es aber Zeit. Aufstehen, duschen, anziehen. Frühstücken ist heute mal wieder nicht mehr drin, es reicht gerade noch für einen Kaffee im Stehen. Renate G. rennt zu ihrem Auto und steht bald darauf wieder im allmorgendlichen Stau. |
![]() ... muss unser modernes Leben so aussehen? |
Leistungsstress und fehlende Kommunikation Was wie eine triste Horrorvision klingt oder auf den ersten Blick nach grober Schwarzweißmalerei aussieht, ist für erschreckend viele Menschen längst alltägliche Wirklichkeit geworden. Ein Durchschnittsbürger in unserer westlichen Industriegesellschaft hetzt in seinem Alltag für gewöhnlich durch die verschiedensten Stresssituationen. Die Ursachen für den Stress sind vielfältig: sie liegen in hohen Leistungsanforderungen (die wir nicht zuletzt selbst an uns stellen) und beruflicher Überforderung, in Ängsten, fehlender Ruhe und nicht ausreichenden Zeiten der Regeneration. Aber auch in der zunehmenden Isolation des einzelnen und mangelnden Kommunikation, d.h. einer immer selteneren oder ungenügenden Verständigung und Begegnung mit den anderen. Konflikte in der Familie oder mit Kollegen werden oft nicht gelöst, sondern verdrängt. Neben der wachsenden Zahl von Menschen, die immer mehr arbeiten und immer weniger Zeit für ein echtes Miteinander, für wahre Kommunikation aufbringen (oder auch ihre Fähigkeit dazu verlieren), wächst auf der anderen Seite die Zahl derer, die unterbeschäftigt sind, die aus dem Arbeitsprozess herausfallen und das Gefühl haben, überflüssig zu sein. Neben dem Arbeitsstress machen wir uns in der jüngeren Zeit auch zunehmend Freizeitstress, d.h. unserem Glück, das wir während des Arbeitsalltags vermissen, meinen wir dann nach Feierabend und am Wochenende nachjagen zu müssen. Dabei projizieren wir unsere Wünsche und Sehnsüchte auf äußere, materielle Dinge, und erkennen meist erst sehr spät, dass uns auch der 27. Pullover im Schrank oder der noch so ausgefallene Freizeitkick nicht glücklicher machen. Immer mehr Menschen fühlen sich "ausgebrannt" und überfordert, ihnen wird alles (Äußere) zuviel. Aus dem Gewohnten aussteigen Müssen unsere Lebensumstände wirklich so sein? Sind wir hilflose Opfer oder gibt es Alternativen zu unserem belastenden und krankmachenden Lebensstil? Oft bedarf es ja nicht eines totalen Umbruchs, sondern nur kleiner Änderungen oder Einsichten, die im Ergebnis viel bewirken können. Ein Beispiel für jemanden, der seine frühere Lebensweise radikal verändert hat, ist Heidemarie Schwermer. Die ehemalige Lehrerin und Psychotherapeutin gab 1996 ihre Wohnung und Praxis auf, verschenkte ihre Möbel und ihr Gespartes und kündigte ihre Krankenversicherung. Was sie zum Leben braucht, das ertauscht sie sich. So wohnt sie seither in Häusern und Wohnungen von Menschen, die gerade verreist sind, und deren Domizile sie in dieser Zeit "hütet". Als Gegenleistung darf sie umsonst wohnen und essen. Warum hat sie sich dafür entschieden, aus den gewohnten Strukturen auszusteigen und ohne Geld zu leben? Heidemarie Schwermer will sich von falschen Werten befreien: "Geld ist heute mehr als ein Tauschmittel", sagt sie, "es definiert den Wert des Menschen. Habe ich viel, bin ich auch viel wert." Ihrer Ansicht nach führt dieser Ansatz aber zu Konkurrenzdruck und Sinnentleerung. "Geld bedeutet oft auch eine Trennung zwischen Menschen. Natürlich ist es angenehm, mit Geld zu bezahlen, aber es isoliert. Die Menschen gehen los, holen sich alles für Geld und haben den ganzen Tag keine Gespräche. Bei mir fängt es schon an, wenn ich nur mal mit der Straßenbahn fahren will. Ich habe die Nummern von fünf Leuten, die übertragbare Tickets haben. Die rufe ich an, frage, ob ich es leihen kann. Ich hole es ab: Kontakt. Ich bringe es zurück: Kontakt." Ein reicheres Leben ohne Geld Ursprünglich war ihr Entschluss, auf Geld zu verzichten, als Experiment für ein Jahr geplant, doch dann merkte Heidemarie Schwermer, dass ihr Leben durch die vielen und intensiven Kontakte zu anderen Menschen viel reicher geworden war, und diesen Reichtum wollte sie nicht mehr missen. Mit der Gründung der "Gib-und-Nimm-Zentrale" im Jahr 1994, einem Tauschring in Dortmund, veränderte sich ihr Leben zunächst schrittweise. "Ich brauchte durch das Tauschen und Teilen immer weniger Geld zum Leben und lernte viele interessante Menschen kennen. Mein Leben wurde bunter und abenteuerlicher. Die hierarchische Struktur der unterschiedlichen Berufszweige löste sich für mich auf, weil jede Tätigkeit gleichwertig nebeneinander steht." Mehr Lebensqualität durch geldlosen Tausch Für Heidemarie Schwermer umfasst das "Sterntalerexperiment", wie sie ihr Leben ohne Geld bezeichnet, vier verschiedene Aspekte. Sie ist überzeugt, dass jeder Mensch eine bessere Lebensqualität erlangen kann, wenn er diese vier Aspekte in sein Leben einbezieht: Begegnungen als Spiegel Zweitens den psychologischen Aspekt: Dadurch, dass in den Tauschringen sehr unterschiedliche Menschen aufeinander treffen, ergeben sich Konflikte. Diese sind nach Heidemarie Schwermers Erfahrung zu lösen, "wenn das Individuum bereit ist, an sich zu arbeiten". Sie erläutert: "Die Begegnung mit einem anderen Menschen, bei der ich einen Konflikt (Ärger, Neid, Eifersucht, Ablehnung) in mir wahrnehme, dient mir als Spiegel. Ich fühle mich gestört, weil der andere mir Dinge zeigt, die ich an mir selber nicht akzeptieren kann. Durch das Verhalten des anderen werden diese Anteile für mich sichtbar, und ich kann sie in mir beseitigen. Auch wenn der andere nun sein Verhalten mir gegenüber nicht ändert, muss ich mich dadurch nicht mehr gestört fühlen." Rivalität mündet somit in einen evolutionären Prozess. Jeder kann das Leben führen, das er möchte Drittens sieht Heidemarie Schwermer einen philosophischen Aspekt: Die Teilnahme am Tauschring fördert das Erforschen der Hintergründe unserer gesellschaftlichen Gegebenheiten. Der einzelne übernimmt nicht unreflektiert Althergebrachtes, sondern überprüft Vorgegebenes auf seinen Sinn und Unsinn. Daraus folgt die Erkenntnis: "Jeder Mensch kann das Leben führen, das er möchte, und zwar ohne andere zu schädigen. Er muss nur klare Ziele haben, die er Schritt für Schritt verwirklicht." Eingefahrene Strukturen verändern Leicht war ihr Weg nicht immer. Besonders der Anfang war schwierig, sie stieß häufig auf Unverständnis oder war mit negativen Reaktionen konfrontiert. Inzwischen haben sich ihre für die meisten Menschen wohl revolutionären Lebensstrukturen aber eingespielt. |
![]() Leben im Einklang mit der Natur: Ein Dorf in Baro/ Guinea mit den typischen Lehmziegel-Rundhütten |
Von anderen Kulturen lernen Zum Erstaunen vieler gibt es noch Menschen auf dieser Erde, die mit der Zivilisation keinen oder noch kaum Kontakt haben. Zwar werden jedes Jahr 10 bis 20 Naturvölker ausgelöscht. Großkonzerne beuten z.B. weltweit die Ressourcen des Regenwaldes aus. Der natürliche Lebensraum ganzer Naturvölker wird dadurch vernichtet. Die überlebenden Stammesmitglieder müssen sich von ihrer bisherigen Lebensweise verabschieden. Sprachen werden vergessen, Traditionen, Sitten und Gebräuche sowie wertvolles altes Wissen gehen verloren, Menschen und Kulturen sterben aus. Die heute noch verbliebenen Naturvölker leben in unwirtlichen, abgelegenen und damit für die Zivilisation unbedeutenden Gebieten: in der Arktis, den tropischen Regenwäldern, in Wüsten und Savannen. Materiellen Besitz kennen sie nicht. Zu ihnen zählen die Tuareg in den Sahara-Staaten, Bergvölker in Bangladesh und Burma, Ainu in Japan, sibirische Völker in Russland, Maori in Neuseeland, Aborigines in Australien und Inuit in Alaska, Kanada, Grönland und der GUS. Daneben gibt es noch etwa 200 indigene Naturvölker, die weltweit in den Regenwäldern leben. Sie unterscheiden sich in ihrer Kultur, ihrem Sozialverhalten und der Landnutzung oft erheblich voneinander. Was die verschiedenen Naturvölker jedoch alle miteinander verbindet, ist ihr hierarchiefreies Leben in Stammesverbänden und ihre Fähigkeit, mit ihrer natürlichen Umgebung im Einklang zu leben. Schonender Umgang mit der Natur So lassen sich die meisten Regenwaldvölker nicht an einem festen Ort nieder, wo sie sesshaft werden, sondern ziehen regelmäßig (alle ein bis zwei Jahre) weiter. Um die Eingriffe in die Natur möglichst gering zu halten, roden sie nur kleinste Flächen zur landwirtschaftlichen Nutzung. Dieser sog. Wanderfeldbau macht es dem Regenwald möglich, sich wieder zu regenerieren. Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft Auch in Brasilien leben in den Gebieten des Regenwaldes rund um den Rio Negro und den Amazonas noch viele Naturvölker. Zu den größten der verschiedenen Indiostämme zählen die Stammesgemeinschaften der Mataruca-, Tukano-, Yanomami- und Yagua-Indianer. Die Lebensgemeinschaften dieser Indiostämme sind sehr eng und familiär geknüpft. Jagen, Fischen, das Sammeln von Pflanzen und der Früchteanbau – praktisch alles wird gemeinsam bewältigt. Das stärkt den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl. Jeder ist nützlich und erfüllt seine Rolle innerhalb der Gemeinschaft. Ein soziales Abseits ist nicht möglich. Die Medizinmänner der Indios verfügen über großes spirituelles Wissen. Sie kennen durch die Überlieferung der Vorfahren alle Heilpflanzen im Regenwald und nutzen dessen natürliche "Medizin". Weisheit und Spiritualität Für die Indios und andere Naturvölker kommt alle Weisheit von der Erde und aus der Natur. Der Erhalt ihrer natürlichen Umwelt ist für sie etwas "Heiliges". Naturvölker empfinden sich als Teil der Biodiversität ihres Ökosystems, das es unbedingt zu bewahren gilt, da sie ja selbst ein Teil davon sind. Auch zeichnen sie sich durch eine Spiritualität aus, die sie im Kern wie folgt ausdrücken: "Die Welt, in der wir leben, ist nur eine Illusion. Die Realität liegt jenseits menschlichen Begreifens." Nicht mehr im Einklang mit der Natur Wir Menschen der zivilisierten Welt leben nicht mehr im Einklang mit der Natur. Zu sehr haben wir in unseren natürlichen Lebensraum eingegriffen und ihn zu unser aller Nachteil verändert oder zerstört. Wo einst Wälder und Wiesen waren, breiten sich riesige, immer weiter wachsende Städte und Ballungszentren aus. Soziale und vor allem verwandtschaftliche Bindungen spielen bei uns im Gegensatz zu den Naturvölkern keine große Rolle mehr. Individuelles Denken und Handeln wird überbetont. Ursprüngliche Strukturen von Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft zerfallen immer mehr. Auch unsere Nahrung ist nicht mehr natürlich. Sie wird industriell gefertigt oder stammt weitgehend aus Gebieten, die nicht zur unmittelbaren Umgebung gehören und die auch nicht mehr natürlich sind. Dennoch lebt in uns noch viel von unserer Vergangenheit, unseren Wurzeln. Viele Menschen fühlen sich in den Großstädten nicht wirklich zuhause. Vielleicht können wir von denen, die wir mit unserer Zivilisation (und Profitgier) vertreiben und ausrotten, ja noch lernen. Vielleicht gelingt es uns ja, uns wieder stärker auf Gemeinschaft und ein anderes Miteinander zu besinnen und auf unsere ursprüngliche Verbundenheit mit der Natur – ohne diese weiter nachhaltig zu schädigen und zu zerstören ... |





